DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

AN DIE FREUNDE

Sapiens: ubi enim istum invenies,
quem tot saeculis quaerimus?
Der Weise: wo findest du ihn,
den wir schon so viele Jahrhunderte suchen?
Seneca

Würde ein Händler auf dem Markt ausrufen, daß seine Ware nichts tauge, so gälte er wohl für einfältig, aber eine gewisse Selbstlosigkeit könnte ihm keiner absprechen. Wenn ein Politiker verkündete, daß die meiste Politik umsonst sei, so würde man ihn für einen ehrlichen Menschen ansehen – aber nicht mehr wählen. Wenn ich jetzt darangehe, zu bezweifeln, ob die Ratschläge der Philosophen, mit denen sie uns die Bürde des Lebens erleichtern, zum besseren Genusse des Schönen und Guten und womöglich zur Erlangung der Seligkeit anleiten wollen, das Versprochene denn auch leisten, so grabe ich mir zumindest selbst das Wasser ab: Denn liebstes Steckenpferd des Philosophen ist nun mal, die Menschen zuerst zu tadeln wegen ihrer Unwissenheit, Ungerechtigkeit, Kleinmütigkeit und Maßlosigkeit, um ihnen sodann guten Rat für ein besseres und glücklicheres Leben zu erteilen. Aber eben diese vorzügliche Beschäftigung will ich nun für ein nutzloses Unterfangen erklären – oder, wenn nicht geradezu nutzlos, so doch nicht dasjenige haltend, was gewöhnlich versprochen wird. Damit begebe ich mich zuerst einmal fernab vom großen Strome und laufe Gefahr, mein Rinnsal unterwegs in trockener Erde versickern zu sehen. Auf diesem Wege ist wenig Ruhm zu ernten, weil auch die meisten Menschen sowohl den Rat, als vor allem das Versprechen des Erfolges gerne hören und die Ernüchterung stets eine unliebsame Sache ist.

Auch wird meine Darstellung zuweilen anmaßend scheinen, als wolle ich Allgemeingültigkeit beanspruchen, wo ich allenfalls aus der begrenzten Sicht der eigenen Erfahrung schöpfen kann. Der Titel sollte vielleicht eher lauten: „Was half mir die Weisheit?“ ja und: „was half sie mir bis jetzt?“ – denn wie kann ich wissen, ob andere in ihrem Streben vorangekommen sind, ob ich noch vorankommen werde, auf welchen anderen, von mir noch nicht versuchten Wegen; welche Schulen, welche Lehrer bessere Hilfe bieten und wieviel Lebenskraft in wievielen Lebensjahren vielleicht erst entwichen sein muß, bis Affekte und Leidenschaften und eitle Hoffnungen sich endlich beruhigen. Ohne in die Menschen hineinzusehen, kann ich ihren Handlungen, ihren Reden nicht entnehmen, ob sie durch Einsicht und Bemühung glücklicher geworden sind – weiß ich doch nicht einmal von mir selbst, ob ich, aufs Ganze gesehen, glücklicher oder unglücklicher werde.

Andererseits ist das hier Aufgezeichnete vielfach, bei dieser und jener Gelegenheit, unter den Freunden ausgebreitet worden und könnte zu großen Teilen als ein bloßes Protokoll unserer Gespräche gelten. Jeder von Euch müßte darin etwas finden, das er selbst gesagt, oder dem er schon einmal widersprochen hat, und wenn doch manches noch einseitig gefärbt ist, so, weil zum einen mein schwächliches Gedächtnis die fremden Gedankengänge nicht ebenso leicht zurückruft wie die eigenen, zum andern, weil ich Eigensinn und Selbstüberhebung noch nicht genugsam überwunden habe. Seid mir ein mildes Publikum.