DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

WUNDER UND WEISSAGUNG

1

Mancherlei Bräuche sind unter den Menschen und vielerlei Mittel. Während Artemon den Epileptikern des Nachts Quellwasser aus dem Hirnschädel eines Ermordeten zu trinken gab, sollten diese, nach andern, aus gleichsam lebenden Bechern, das Blut der sterbenden Gladiatoren schlürfen, wohingegen Antaios aus dem Schädel eines Erhängten Pillen gegen den Biß tollwütiger Hunde bereitete, Apollonius schmerzendes Zahnfleisch mit dem Zahn eines Erdolchten ritzte und Meleton angab, mit der Galle des Menschen den Grauen Star heilen zu können.

Wir, als einer späteren Zeit entsprossen, wähnen uns von solchem Aberglauben frei und glauben dafür an die Albernheiten unserer Wissenschaft. Denn ich will hier gar nicht reden von Räucherstäbchen in den Ohren, welche alle physischen und selischen Verunreinigungen aus dem Körper ziehen sollen, von Geistheilern, welche durchs Telefon über Entfernungen von vielen hundert Kilometern ihre Patienten gesundbeten, von denen, die zu jeder Gelegenheit ihr Pendel befragen, oder denen Wahrsagerinnen aus Kugeln und Karten die Zukunft lesen. Was wir allein unseren approbierten Ärzten glauben, wird schon reichen, uns bei späteren Generationen als ein finsteres Zeitalter gelten zu lassen.

Wir glauben ihnen und sind ihnen wie Zauberern ergeben, obschon ihre Mittel oft weiter von der Natur entfernt sind, als das getrocknete, in Essig gelöste und getrunkene Hirn eines Kamels, die Asche des Rückgrats einer Hyäne mit der Zunge und dem rechten Fuß eines Seehundes unter Zusatz von Stiergalle, gekocht und auf das Hyänenfell gestrichen, um der Fußgicht beizukommen. Doch ist gegen unseren Glauben, wo er nicht schadet, sowenig einzuwenden wie gegen den unserer Ahnen, und ohne diesen Glauben hätten die alten wie die neuen Magier wenig auszurichten. Überall ist die Natur durchdrungen von Verwandtschaften und Wirksamkeiten, ein jedes Ding hat Einfluß auf ein anderes, und dort, wo starke Energien menschlicher, geistiger Beschwörung hinzutreten, muß sich die Wirkung bis ins Wunderbare steigern. Diese Energien können durch Konzentration, wie bei den Wunderheilern, oder durch Masse bei den Heeren der Chemiker und Pharmazeuten hervorgebracht werden, die Wirkungen sind jedesmal erstaunlich.

2

Obwohl jeder heute vorgibt, von allem Aberglauben frei zu sein, war die Belustigung des Volks an Roman- und Filmgeschichten über Gespenster, Hexen, Ungeheuer, alchemistisch hervorgebrachte Menschenteufel und was dieser Art mehr ist, niemals größer. Unsere Nachwelt wird uns deswegen mit unserer Vorwelt in einen Topf werfen, zumal auch die Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit vor realen Ungeheuern nicht abgenommen hat: Wasser, Luft und Erde, samt allen unseren Speisen glauben wir vergiftet von den Machenschaften der Chemiker, und wir zittern wie Tyrannen und Despoten, die überall Verrat und Mord wittern. Dionysios, der König von Syrakus, verkroch sich des Nachts in eine Dachkammer, zog die Leiter hoch und versperrte die Luke mit fünffachen Riegeln.

Wir fürchten uns vor dem Kohlendioxyd, einem unsichtbaren, geruchlosen Gas, einem natürlichen Bestandteil unserer Atemluft, der Grundlage allen Lebens, dem Nährstoff der Pflanzen und also auch der Tiere und Menschen. Wir konstruieren Szenarien, in denen eine Vermehrung des Kohlendioxyds die Welt in ein Treibhaus verwandle und wir von den Wassern der schmelzenden Eisberge als einer neuen Sintflut ersäuft würden.

Im Orakel von Amon beobachteten die Priester, daß die immer brennende Lampe von Jahr zu Jahr weniger Öl brauchte und schlossen daraus, daß die Jahre kürzer würden. Heute brauchen unsere Lampen und Maschinen immer mehr Öl, und die Inquisitoren schließen, es müsse die Erde zunehmend sich erwärmen und bald im Dampfkessel des bösen Geistes gekocht werden. »Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt« sagt Goethe dazu.

3

Auch die echten Wundertaten sind heute nicht seltener als zu biblischen Zeiten, und mancher Gottbegnadete verdient, dereinst in die Reihe der Heiligen gestellt zu werden. So entdeckt nach eigener schwerer Krankheit eine russische Frau die Gabe, in die Körper der Menschen blicken zu können. Sie scheut von da an keine Mühe, sämtliches Wissen der Medizin sich anzueignen, welches in Verbindung mit dieser seltenen Gabe den Menschen Heil bringen kann, und weiht ihr Leben ganz ausschließlich diesem Berufe. Besser als irgend ein medizinischer Apparat sieht sie den inneren Körper des Leidenden und erkennt, weil alles in natülichem Zustande, besser als der Chirurg was fehlt und wie zu helfen ist. Auch vermag sie aus dem Bild einer ihr unbekannten, weit entfernten, vielleicht schon gestorbenen Person die genauesten Daten über dieselbe zu lesen, vor allem was Krankheit und Tod betrifft. Doch sei dies nur am Rande erwähnt. Viele Geistheiler üben ihre Kunst allein mittels Gedankenkraft, wobei die gewöhnliche Einwendung, ein solches miraculum hätte nur Erfolg, sofern der Patient selbst daran glaube – was eigentlich heißen soll, der Heilkünstler sei ein Scharlatan und der Kranke ein Hypochonder – von einer erfolgreichen und weitum berühmten Gesundbeterin aus meiner Gegend einmal trefflich erwidert wurde: Nein, glauben muß der Kranke nicht daran, denn das Vieh, mit welchem die Bauern täglich zu mir kommen, glaubt auch nicht daran, und ich mache es doch gesund.

Obwohl solche Talente nicht selten vorkommen, weiß doch kaum einer, wie er sie ansehen soll, wenn nicht mit einer Mischung aus Unglaube und Sensationslust. Einige wohl nehmen ein Zeichen Gottes darin wahr, mit dem uns angedeutet werden soll, daß unsere gewöhnliche, irdische, dem Verstand und den Sinnen unterworfene Erkenntnis nur einen kleinen Teil seines unendlichen Machtbereiches erfaßt; einige spüren darin eine Anregung zur philosophischen Betrachtung, daß alle Dinge an geheimen, uns unsichtbaren Fäden aneinanderhängen, welche durch keine Mauer zerschnitten, durch keine noch so große Entfernung gelöst werden. Deshalb meint Kant: Es scheint fast nichts befremdlicher zu sein, als daß die Geistergemeinschaft nicht eine ganz allgemeine und gewöhnliche Sache ist, und das Außerordentliche betrifft fast mehr die Seltenheit der Erscheinungen, als die Möglichkeit derselben. Unsere Skepsis gegen alle Wunder beruht aber in der Regel auf Kleingläubigkeit, weil wir andern kein Licht zugestehen, wo bei uns selbst Finsternis herrscht; nur in seltenen Fällen zweifeln wir aus Angst, von einem Scharlatan betrogen zu werden.

4

Ich selbst schwanke zwischen unumschränkter Leichtgläubigkeit in der Theorie und einem kleinlichen Vergnügen, im konkreten Falle sämtliche Unstimmigkeiten aufzuspüren und den Zauber eines Wundermittels, einer Wundertat zu zerschlagen. Einerseits glaube ich fest, daß Wunderkräfte mit derselben Sicherheit wirken können wie die gewohnten Naturkräfte, daß ein losgelassener Stein so gut zum Himmel streben kann, wie er sonst zur Erde fällt, und um die Wundertaten Jesu Christi und andere biblische Geschehnisse für wahr zu halten, brauche ich keinen der in Mode gekommenen archäologischen Indizienbeweise. Selbst wenn man seine Worte für bedeutender hält als seine Taten, sehe ich doch keinen Vorteil, an der Wirklichkeit dieser Taten zu zweifeln.

Andererseits braucht man mir nur von einem Wundermittel oder Wundertäter oder einer neuen Methode zum Glücklichwerden vorzuschwärmen (vor allem die Frauen lassen sich mit Leidenschaft darauf ein), so überkommt mich gleich jener unwillkürliche Drang, nach tausend Gründen zu stöbern, wie die angeführten Erfolge ebensogut auf bloßer Einbildung beruhen könnten und die Phänomene auch auf ganz andere Weise zu erklären, wenn nichts mehr hilft, als Zufälle zu nehmen wären und ob das Ganze nicht vielleicht das Werk eines Scharlatans sei. Wenn in diesen Dingen bei den einen zuviel Leichtgläubigkeit und Schwärmerei ist, so bei mir zu viele Skepsis und Kleingläubigkeit. Zuweilen habe ich den Verdacht, es könne Mißgunst mitspielen auf diejenigen, welche Fähigkeiten und Empfänglichkeiten besitzen, die mir selbst abgehen.

Zu wünschen wäre eine vollkommene Leichtgläubigkeit, die so weit geht, daß sie uns vor jeglicher Scharlatanerei beschützt, indem wir eine Sache ausschließlich nach dem Guten beurteilen, welches sie bewirkt und, soweit möglich, nach der Güte des Willens, von welchem sie ausgegangen. D.h. wir sollten geradeweg alles glauben, was man uns vorführt, wenn es nur irgendwo gut oder sinnvoll zu sein scheint. Ob die Sinne oder der Verstand bei der Aktion getäuscht werden, ist nicht wichtig, denn sie sind ohnehin zu unbeständig, als daß wir sie zu höchsten Richtern bestellen sollten.

Es ist heute gar nicht zu fürchten, daß zuviel an Übersinnliches geglaubt wird. Zu gründlich haben die Herren Aufklärer und Wissenschaftler inzwischen das Volk umerzogen und ihm alles abspenstig gemacht, was nicht mit den Sinnen zu tasten, mit Apparaten zu messen oder mit Formeln zu berechnen ist. Allerdings brauchen sie zuweilen unerbittliche Dogmatik und beißenden Spott zur Einschüchterung, daß wenigstens öffentlich keiner mehr wagt, an Geister und Wunder aller Art zu glauben, und in der Tat macht sich heute jeder verdächtig, ein Schwächling des Verstandes zu sein – mithin die größte Schmach unserer jetzigen Zeit – wenn er Dinge für möglich hält, die sein Physiklehrer nicht erklären kann.

Ebenso störrisch wie in Ciceros Schrift über die Wahrsagung treten die Parteien für oder wider eine Möglichkeit höherer Wahrnehmung auf. Die Leugner glauben an ihren Verstand und an das Zeugnis der Sinne, obwohl sie täglich erfahren können, daß der Verstand nur ein Werkzeug der Neigung ist und eben nur dort eingesetzt wird, wo diese ihn haben will, daß die Sinne nur einen kleinen Ausschnitt der Welt vermitteln und auch diesen noch in stets wechselndem Lichte, so daß ein und derselbe Gegenstand sich aus jeder neuen Perspektive als ein anderer zeigt. Obschon sie allen Glauben von sich weisen und auf Verstand und Wissen pochen, bilden sie, eben deswegen, in unserer Zeit die hauptsächliche Masse der Leichtgläubigen.

Auf der anderen Seite stehen die Wundergläubigen und werden verspottet als schwächliche Phantasten und Träumer, abergläubische Weiber und Einfaltspinsel. In der Tat sind sie oft sehr empfänglich für neue Heilsverkünder (deren es heute nicht weniger gibt als zu biblischen Zeiten, auch wenn sie jetzt als „Psychologen“ und „Esoteriker“ auftreten), für Wunderdoktoren mit neuen und alten, jedenfalls exotischen Mittelchen, und leicht gehen sie schlauen Vertretern auf den Leim, die ihnen versprechen, ihre Wohnung zu entmagnetisieren.
In ihrer Gesamtheit sind sie heute allerdings eher von untergeordneter Bedeutung, verglichen mit denen, die urteilslos an die Vorteile schnellerer Autos und Computer, modischer Kleidung und an die Theorien der Wissenschaftler glauben. Mit diesen wird nämlich die Wirtschaft umgetrieben und unvergleichlich mehr Umsatz erzielt als mit esoterischen Büchern oder Zaubersteinen zur „Belebung“ des Trinkwassers.

Für diejenigen, die eine Geisterwelt und göttliche Sphäre nicht leugnen, scheint mir keine angenehmere Vermittlung zwischen der irdischen Welt und der himmlischen denkbar, als allerlei wunderbare Geschehnisse, Weissagungen, Träume, Deutungen des Vogelflugs und der Eingeweide von Opfertieren, Wunderheilungen, Auferstehungen vom Tode, Gedankenvermittlungen über Kontinente hinweg, Verwandlung von Wasser in Wein und Orakel für die Mächtigen, sich bei ihrem Tun in Acht zu nehmen. Ist es dabei von Bedeutung, wieviele solcher Begebenheiten erfunden sind? Was gewinnen wir, wenn wir versuchen, alles auf physikalische Ursachen zurückzuführen – so oft erfolglos – anstatt manches auf göttliche?

Es wird oft angeführt, daß der Geisterglaube die Menschen ängstige und sie sich, dank Aufklärung und Wissenschaft, heute bei einer Sonnenfinsternis nicht mehr zu fürchten bräuchten. Dafür haben ihnen die Wissenschaftler jetzt eingeredet, sie müßten sich vor dem Kohlendioxyd, vor dem Ozonloch und vor den ultravioletten Strahlen der Sonne fürchten. Der standhafte, sichere Charakter wird seine Festigkeit im Glauben an Geister und Wunder nicht verlieren, hingegen der schwache und unsichere muß auch als Physiker ein ängstliches Dasein führen.

5

Wir haben auch eifrige Wissenschaftler, die sich mit Ernst an die Erforschung der Wunder und Seltsamkeiten machen. An der Universität Freiburg, am eigens dafür eingerichteten Lehrstuhl für Parapsychologie, läßt Professor Bender etwa eine begabte Träumerin dreitausend ihrer Träume aufschreiben, und zusammen überwachen sie, wie einmal dieses, einmal jenes Detail eines Traumes sich später in der Lebenswirklichkeit wiederfindet. Ein amerikanischer Gelehrter verbringt sein wissenschaftliches Leben damit, hellsehende Personen Spielkarten erraten zu lassen, um aus den Resultaten Statistiken zu erstellen, mit welchen die Möglichkeit des Hellsehens zu beweisen wäre.

Schopenhauer war für solche Bemühungen dankbar, denn sie schienen ihm geeignet, metaphysische Zusammenhänge durch empirische Belege zu stützen. Daran mag immerhin etwas Wahres sein, doch ist mir bislang keiner begegnet, der aufgrund solcher Wundernachweise zu einer vernünftigen Einsicht über das Höhere gelangt wäre, vielmehr sehe ich nur, wie allein diejenigen, die über das Höhere vernünftig denken, auch derartige Wunderlichkeiten des Lebens in einem harmonischen Ganzen mit der Welt zu sehen im Stande sind.

Von Geistheilern und Gesundbetern abgesehen würde ich deswegen der Meinung Kants beitreten, es seien all diese Verbindungen zur Welt der Geister zwar real aber im Grunde nutzlos und gar der Gesundheit des Verstandes schädlich. So denke ich, daß etwa Prophezeihungen keinen realen Nutzen bringen, außer daß sie uns, nachdem sie eingetroffen, unsere Verbindung zum Göttlichen offenbaren. Von einem prophetischen Traum, oder einer solchen Eingebung im Wachen, können wir nicht das mindeste auf die Zukunft schließen, denn ob darin etwas vorhergesagt und was aus den vielen vorübergegangenen Bildern dies sei, wissen wir erst, nachdem es sich tatsächlich ereignet haben wird. Bis dahin bleibt die Ungewißheit, die Unsicherheit und zuweilen die Angst, den Verstand in Gegenden zu beschäftigen, für die er nicht genügend ausgerüstet ist – und die Gefahr, ihn dabei zu verlieren.

Doch selbst angenommen, ein guter Wahrsager träfe in der Regel das Künftige. Was kann es ihm oder seinem Klienten nützen? Kann er sich vorbereiten, das Unheil abzuwenden oder das Glück zu beschleunigen? Wenn das Wahrgesagte gilt, so wird es sich ereignen, unwiderruflich, unbarmherzig. Wie hätte sich Cäsar vor den Iden in Acht nehmen sollen, wie auf den Traum seines Weibes und ihr Flehen, an diesem Tage zuhause zu bleiben, wie auf den Seher, der ihm Unheil verkündete, wie auf die vielen Zeichen, welche seinen Tod vorkündeten hätte er reagieren sollen? Waren die Prophezeiungen wahr, so konnte er ihrer Vollstreckung nicht entrinnen, waren sie falsch, so hatte er nichts zu fürchten; eine Beschäftigung damit war in jedem Falle sinnlos. Nicht zu Unrecht antwortete er, noch am Tage vor dem Attentat, auf die Frage nach dem besten Tod, es sei der unerwartete.

Dem Agamemnon brachte nichts Gutes als er seinem Traume folgte, denn es war ein trügerischer Traum – obwohl direkt von Zeus gesandt. Hektor achtete nicht die Warnung des Vogelschauers und mußte trotzig die Erfüllung hinnehmen. Nikias hatte Pech, indem er die Orakel achtete, Crassus, indem er sie verachtete, Marius wurde durch den Glauben an die Wahrsagerei gerettet, Oktavius ins Verderben geführt. So wird man leicht die ganze Wahrsagerei und was damit zusammenhängt für ein Unwesen oder doch für etwas völlig Nutzloses erachten – womit mein Verstand denn auch völlig übereinstimmt – allein mein Herz sich wehren will. Zwar bin ich überzeugt, daß noch kein Orakel dem Menschen unmittelbaren Nutzen brachte, noch keine Tat dadurch zum besseren gelenkt wurde – doch scheint mir andererseits nicht unbedeutend, ob Gott sich in gerader Verbindung, durch Wunder und Prophezeihungen an uns wendet, oder ob er uns die Natur als Rätselbild vorlegt, aus dem wir seinen Willen und seine Größe selbst erforschen sollen.

Die Geschichte schiene mir jedenfalls ärmer, wäre nicht aus dem Leben eines jeden bedeutenden Mannes wenigstens eine Gegebenheit überliefert, die uns zeigt, wie sich das Göttliche auf unmittelbarem Wege, über Eingebungen und Zeichen in den Gang der Dinge gemischt und seinen Willen kundgetan. Wären wir allein über die Natur mit dem Höchsten verbunden und müßten aus allen gegebenen Verhältnissen erst mühsam Begriffe abstrahieren, filtrieren und kombinieren, um daraus wieder zu interpretieren, was uns die Gottheit sagen will, es bliebe eine gedankenkühle, geheimnislose Welt, als fehlte das Herzklopfen des Verliebten, der von seiner Angebeteten unerwartet angesprochen wird.

6

Werden wir aber nicht selbst ausgewählt, die göttlichen Worte mit Ohren zu hören, so könnte uns auch schon die Vorstellung, daß es anderen geschieht, daß es überhaupt tatsächlich geschieht, erbaulich sein und uns genugtun. Denn wo immer es geschieht, ist es ein Zeichen, daß der Mensch in unmittelbarer Verbindung mit dem Allesumfassenden steht. Letztlich geht es darauf hinaus, daß wir das Metaphysische als einen Geist wie den unseren erfahren, einen Willen wie den unseren und eine Sprache gebrauchend wie die unsere. Das schafft eine Vertrautheit, wie sie abstrakte Metaphysik kaum bieten kann.

Plato bezweifelt allerdings, ob Menschen mit gesundem Verstand überhaupt fähig sind, Weissagungen zu empfangen. Kein Mensch, der voll bei Sinnen ist, sei eines gottbegeisterten und wahren Seherspruchs fähig, sondern nur dann öffne sich die höhere Wahrnehmung, wenn entweder seine Geisteskraft im Banne des Schlafes gebrochen, oder wenn er durch Krankheit oder irgendeine Art von Verzückung geistesschwach geworden sei. Hingegen die von einem Seher oder Verzückten getanen Aussprüche mit scharfem Verstande aufzufassen, das sei Aufgabe eines Mannes, der im Besitze seiner vollen Geisteskraft ist, und dieser könne dann die hellseherischen Äußerungen mit der Schärfe seines Verstandes prüfen und entscheiden, inwieweit und für wen sie Anzeichen eines künftigen oder vergangenen oder gegenwärtigen Glückes oder Unglückes seien. Dagegen stünde es dem vom Wahnsinn Befallenen und noch darin Befindlichen nicht zu, seine eigenen Traumgesichte und Äußerungen zu beurteilen.
Diese Arbeitsteilung, wie sie Plato will, scheint nötig, doch bleibt als Schwierigkeit, die Grenzlinie auszumachen, wer ein Kranker oder Verzückter und wer ein Gesunder ist – und geraten diese Zustände nicht oft genug in der selben Person durcheinander?

Zu wünschen wäre eine vollkommene Leichtgläubigkeit in allem Guten und Nützlichen, und, wenigstens in der Theorie, darf ich sie mir zugute halten. Jedoch in anderen Dingen, die sonst leicht geglaubt werden, läßt mich die Treuherzigkeit im Stich. Worin ich weder Nutzen, noch Schönheit, noch Größe finde, will sich mein Gemüt nicht bereden lassen, wo Mode und die große Menge lauthals Wahrheiten verkünden, ungeachtet jeder Brauchbarkeit, läßt sich meine Euphorie nicht wecken, und manche Dogmen unserer Zeit reizen mich zum Widerspruch.