5. Mai 2012
Echte Freundschaft suche man um ihrer selbst willen, nicht wegen eines Zweckes oder Nutzens. Ich nun behaupte, man sucht sie sehr wohl um eines Nutzens willen, zwar nicht eines materiellen aber eines ideellen Nutzens, welcher ist, von einer geschätzten Person geschätzt zu werden. Für das eigene Glück und Wohlbefinden gibt es nämlich kein nützlicheres Ding als dieses.
Die Frage: Leidet die Qualität der Freundschaft, wenn auch der Freund mich nur wegen dieses Nutzens zum Freunde will, nur weil er von mir beachtet und geschätzt sein will? Nein, denn wenn der Freund unter vielen mich auserwählt und gerade auf meine Anerkennung und Zuneigung besonderen Wert legt, so ist dies doch wiederum die höchste Auszeichnung meiner eigenen Person und bereitet mir unschätzbares Vergnügen.
25. April 2012
Ich hatte gesagt, allenfalls die Welt als Ganze sei um ihrer selbst willen da, alles in ihr jedoch habe einen Zweck, für den es gut sei, ein Ziel wohin es strebe.
Nun behaupten aber die Stoiker und viele andere, daß Tugend und Sittlichkeit ihren Wert gänzlich aus sich selbst schöpften und auch einzig um ihrer selbst willen da seien und sie, außer ihrer eigenen Vollkommenheit, kein weiteres Ziel erstrebten. Sie meinen damit, daß die gute Tat nicht davon abhinge, wie sie von anderen bewertet werde, sondern bloß von der guten Absicht des Handelnden, und daß dieser sie nicht beginge, um gelobt und geliebt zu werden oder sonst eines Vorteils wegen, sondern einzig um eben der Tugend willen.
Dies kommt allerdings heraus, als sei die Tugend eine Art Luftgebilde ohne Wurzeln, ein Gewächs, das keine Früchte trägt, eine Monade, die sich selbst genügt und aller Verbindungen zum gewöhnlichen Tun und Lassen ledig bleibt.
Tatsächlich aber ist Tugend und Sittlichkeit weder unabhängig vom Urteil der anderen, noch wird sie um ihrer selbst willen verfolgt. Sittliches Handeln ist nur gut in den Augen derer, die sich davon in irgendeiner Weise bevorteilt oder in ihrer Art bestätigt finden, keineswegs aber in den Augen derer, die dadurch verlieren. Töten im eigenen Kreise ist die schwerste Sünde, gilt aber als herrliche Tat, wenn ein böser Feind getötet wird. Und eben diese Tat wird wiederum in den Kreisen der Feinde als böse gelten, denn die halten sich ja, in ihrer Art, ebenfalls für die Guten. So pflegen Gangster andere Sitten als brave Bürger, Demokraten andere als Monarchisten, Liberale andere als Faschisten und Kommunisten, und wieder andere werden von Islamisten, Anarchisten und Terroristen hochgehalten. Alle aber sind sich darin gleich, daß sie sich und ihre Werte für die besten halten.
Also stehen Tugend und Sittlichkeit nicht für sich selbst, sondern hängen davon ab, wem sie nützlich sind. Dort werden sie gelobt, und dieses Lob fördert das Ansehen des Tugendhaften. Aus seinem Ansehen wächst dem Menschen aber das höchste Glück, und dieses Glück ist demnach der Zweck und das Ziel aller tugendhaften Handlung – und also wird die Tugend nicht um ihrer selbst willen geübt.
Man könnte nun allenfalls das Glück als einen Selbstzweck ansehen, denn das Glück wird freilich nicht um eines anderen Zweckes willen erstrebt sondern ist gewissermaßen ein Endpunkt und ein letztes Ziel allen Strebens. Mit der Welt als Ganze steht es deswegen aber noch nicht auf einer Stufe, denn diese hat weder eine erkennbare Ursache, noch einen weiteren außer ihr liegenden Zweck, ist sich also in jeder Richtung selbst genug, während das Glück durch und durch abhängt vom Ansehen, das wir genießen und von der Macht, die uns daraus erwächst. Dieses wiederum sind sehr wackelige Zustände, nicht zuletzt, weil sie hauptsächlich von unserer Einbildung abhängen – und diese wiederum von unserer ewig schwankenden Laune.
7. April 2012
Moralisch Gutsein ist nur ein Wirkensfeld unter vielen, auf welchen sich der Mensch hervortun kann in seinem Streben nach Lob und Anerkennung und letztlich nach Geltung. Ob bei der Arbeit oder im Sport, in der Wirtschaft, im Kriege, in der Kunst oder eben auch in der Moral, auf allen Gebieten ist Gutsein möglich, und überall läuft es darauf hinaus, anderen nützlich zu sein: materiell oder ideell, direkt oder indirekt – denn ohne dies werden sie mit Lob und Anerkennung niemals herausrücken und kann es mit der Geltung nichts werden.
6. April 2012
Krieg, Streit und Querulantentum gelten zwar als größte Gegensätze zur Eintracht, Höflichkeit, Toleranz und Liebe – aber sie nähren sich letztendlich aus derselben Quelle. Es sind Gegensätze nur in der Vorgehensweise, nicht im eigentlichen Motiv. Bei beiden wirkt derselbe natürliche Wille sich zu behaupten, das Streben nach Aufstieg, nach Prestigegewinn, sowie die Furcht vor Verbannung und Ausschluss.
5. April 2012
Die Tugend ist ein relatives Ding und keineswegs ein unverrückbarer Wert in sich.
Manche Tugenden und moralische Werte mögen beständiger sein als Reichtum und Posten, aber absolut und unantastbar sind sie keineswegs – denn sie hängen letztlich ab von den jeweiligen Interessen des Kreises, in dem man sich bewegt.
Dennoch stimme ich zu, dass für unser Glück vielversprechender ist, auf die Tugend zu bauen, anstatt etwa auf Reichtum. Aber nicht weil die Tugend beständigeres, sondern weil sie höheres Glück einbringt, denn sie bringt uns Liebe und Achtung und also Geltung – und Geltung ist von allem unser höchstes Glück.
27. März 2012
Neidisch sein heißt in den seltensten Fällen, gerade dasjenige haben wollen, worauf man neidisch ist. Vor allem Charakterzüge, Eigenschaften und Aussehen würde man nicht gerne einfach übernehmen, jeder will schließlich sich selbst bleiben und nicht ein anderer werden. Ich beneide daher eher die gute Wirkung, die einer tut, aber nicht konkret die spezielle Eigenschaft, mit der er sie tut. Das einzige Gut, worauf man uneingeschränkt neidisch sein kann, ist das Geld, denn, ginge es auf einen über, könnte man ganz der Selbe bleiben und es doch nach eigenem Gutdünken in alle käuflichen und wünschenswerten Dinge verwandeln. Deswegen ist der Neid auf Geld am weitesten verbreitet und werden die, die mehr haben, am meisten gehasst oder wenigstens nicht sonderlich gemocht.
19. März 2012
Neidisch sind wir alle, denn es findet sich immer einer, der auf einem Gebiet, wo wir selbst gerne glänzen würden, mehr hat oder besser ist. Den Neid überwinden können wir nicht, denn er ist ein Gefühl und über Gefühle hat aller Verstand und alle Vernünftigkeit keine Macht. Weil er uns jedoch schadet, indem er unsere Schwäche offenbart, müssen wir wenigstens versuchen, ihn zu verbergen. Das gelingt am schlechtesten, wenn wir nur sagen, wir seien nicht neidisch, die Sache interessiere uns nicht, oder wir hielten sie gar für verwerflich. Man wird es uns nicht glauben und eher Verdacht schöpfen, es seien die Trauben nur sauer, weil sie zu hoch hingen. Wirkungsvoller ist schon, den Beneideten für sein Talent oder seinen Fleiß zu loben, Schönheit zu bewundern, den Komfort des Wagens zu bestaunen und dem Geschmack für die häusliche Einrichtung allen Respekt zu zollen. Zwar hat auch dies noch den Geruch des Neides, der nie ganz von uns weichen wird, solange der andere mehr hat oder besser ist, aber wenn man naiv genug bewundert, schlüpft man doch leichter durch die Witterung – zumal auch der Bewunderte selbst von unseren Komplimenten so benebelt wird, dass er darüber den Argwohn vergisst und uns für herzlich liebenswürdig hält.
20. Februar 2012
Alles in der Welt drängt nach Geltung, Selbstbehauptung, Glanz und Macht. Warum können wir uns beim Anblick der Natur damit abfinden, ja genießen es sogar wie alles hervordrängt und sich, um der eigenen Herrlichkeit willen, gegenseitig niederringt – während wir, sobald wir das selbe bei Menschen beobachten, von Argwohn und moralischem Abscheu erfüllt sind? Nun es rührt einzig daher, dass wir in den Menschen unsere Konkurrenten sehen – und also in ihrem Emporstreben eine Gefahr für uns selbst. Den Konkurrenzkampf der Natur betrachten wir gelassen und mit Freude, weil wir nichts zu fürchten haben – aber vielleicht sehen das die Blumen, Sträucher, Bäume und die Tiere ja anders.
19. Februar 2012
Man wird nicht weiser und besonnener im Alter sondern nur gleichgültiger. Was einen früher in Rage und zur Verzweiflung brachte, kennt man inzwischen, es ist nichts Neues und nicht der Aufregung wert. Wie die schönen Ereignisse weniger erheben, so ziehen die üblen weniger herab. Zu oft haben wir erfahren, wie das Vielversprechende wenig gehalten, das Bedrohliche harmloser als befürchtet war. Wir kennen jetzt beides und die Aufregung lässt nach.
18. Februar 2012
Aus Reinhard Hallers DAS GANZ NORMALE BÖSE:
Mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen. Der Amokläufer kann dann gar nicht mehr zurück, es tritt für ihn auch gefühlsmäßig ein neuer, nie gekannter Zustand ein. Er erfährt das Gefühl der Wichtigkeit und kostet zum ersten Mal jenes der Mächtigkeit, der grandiosen Überlegenheit, der Einzigartigkeit. In einer Mischung aus narzisstischem Höhenrausch und Untergang erlebt er sich als gnadenlose Rächer, als unbesiegbare Kampfmaschine, als Herr über Leben und Tod.
Der Amokläufer hat sämtliche kontrollierende Instanzen seines ich‘s ausgeschaltet, er folgt einem aus dem destruktiven Potenzial zahlreicher Kränkungen resultierenden, auf dem Boden von Demütigungen gewachsenen, dem Bedürfnis nach Rache geschriebenen Plan. Er befindet sich in einer unvergleichlichen Endzeitstimmung, in einem nicht bekannten Vernichtungsrausch – das Böse nimmt seinen Lauf.
Die modernen Amokläufe zeigen eine enge Verflechtung mit den Präsentationschancen über das Internet, das dem Täter die Möglichkeit eröffnet, seine so belastende Botschaft der Welt mitzuteilen und einmal für einige Stunden wichtig zu sein. Jugendliche Amokläufer bezeichnet man deswegen auch als Herostraten, als Verbrecher aus Ruhm-und Geltungssucht. Diese werden benannt nach Herostratos, welcher im Jahr 356 v. Chr. eines der sieben Weltwunder der Antike, den Artemistempel in Ephesos, in Brand steckte. Sein Name sollte dadurch, so gestand er unter Folter, für alle Zeiten bekannt bleiben.
Kommentar: Man sieht hier, an einem eklatanten Beispiel, wie Geltungsdrang und Machtstreben eine alle anderen Motive überstrahlende Wirkung üben – weil Geltung und Macht des Menschen höchstes Glück bedeuten. Wenn unsereiner bei seinem Streben nach Glück nicht ebenso um sich schießt, so nur deswegen, weil er die Situation realistischer einschätzt und deswegen fürchtet, mit derartigem Tun alle Geltung und Macht zu verlieren, denn er würde alsbald gehasst, verfolgt, als geisteskrank verachtet, eingesperrt und seiner Freiheitsrechte beraubt. Wären diese Dinge nicht zu fürchten, so hielte ich für sehr wahrscheinlich, dass Amoklaufen die normalste und alltäglichste Sache wäre.
8. Februar 2012
Wie man früher glaubte was der Priester sagt und seine Berichte von den Geboten und Strafandrohungen Gottes für Bares nahm, so glauben wir heute den Fachleuten, den Wissenschaftlern, den Journalisten – obwohl wir ihre Behauptungen ebenso wenig überprüfen können wie einst der Gläubige die Dogmen seiner Kirche. Wer kann denn nachprüfen, ob sich das Klima wirklich ändert – und wenn dem so wäre, ob in der Summe daraus mehr Nutzen oder Schaden entstünde – ob die Lichtgeschwindigkeit tatsächlich konstant ist, ob eine Evolution im Darwinschen Sinne stattfindet oder ein Urknall der Beginn unseres Universums war? Nicht einmal, ob Äpfel gesund sind, ob Weingenuß schadet, ja nicht einmal, ob die Erde rund ist, können wir mit eigenen Mitteln überprüfen. Wenn wir es genau bedenken, merken wir, dass bis in die kleinsten Details unser Wissen auf blindem Vertrauen ruht und wir nicht weniger naiv und gutgläubig dastehen, als unsere einfältigen Vorfahren.
Zum Glück geht es aber letztendlich gar nicht um die Wahrheit sondern darum, sich irgend einer Gruppe von Gleichgläubigen anzuschließen, sich unter ihnen sicher und geborgen zu fühlen – und nicht zuletzt auch darum, mit gemeinsamen Argumenten und Behauptungen andere niederzukämpfen und über ihre Dummheit zu triumphieren.
Um Wahrheit im eigentlichen Sinne konnte es in diesem Gerangel auch niemals gehen, denn sonst hätte man schon vom Beginn der Zeiten einsehen müssen, dass nichts dergleichen Feststehendes existiert, sich alles im Flusse und in ständiger Umkehrung befindet und sich also niemals lohnen würde, einem solchen Phantome nachzujagen.
16. Februar 2012
Das Böse einer Tat liegt nicht darin, daß der Täter sie begeht, sondern darin, dass das Opfer sie nicht mag.
17. Februar 2012
Ich bin der Beste! Zwar muss ich, zu meinem großen Bedauern, eingestehen, dass es in jeder Disziplin tausend Bessere gibt, doch in der Summe, im Wesentlichen, im Eigentlichen, in dem, worauf es in Wahrheit ankommt, darin bin ich der Beste. Auch wenn ich diese Einsicht aus diplomatischen Gründen gewöhnlich für mich behalte, so ist sie doch ein notwendiger Teil meines Selbstverständnisses, ohne den ich das Dasein nicht ertragen könnte.
Selbst wenn alles gegen diese Selbstverherrlichung spricht, so bleibt mir doch mein allgemeines Urteilsvermögen, in dem ich auf jeden Fall der Beste bin. Und das rührt daher: Sobald ich nämlich einsehe, dass ein Anderer in einer bestimmten Sache ein besseres Urteil hat, gebe ich sofort mein Urteil auf und nehme das seine an und habe dann ebenfalls das bessere. So mache ich es in allen Fragen und bin also überall auf dem neuesten, auf dem besten Stand – während alle anderen hinterherhinken, da sie ja allenfalls in einzelnen Fragen, niemals jedoch in allen, gleich gut sind. Also bin ich schon mal im Urteilsvermögen – der wichtigsten Disziplin, weil sie bestimmt wer Recht hat – der Beste.
… auch das Moralische, ja besonders das Moralische, nur getan wird, um sich gut darzustellen, um sich wichtig zu machen, um letztlich Macht zu erringen, dann mag das zunächst nicht sehr erfreulich klingen …
… Demokraten und Humanisten, sie sind von eben demselben Parteigeist getrieben wie Kommunisten, Faschisten, Islamisten, und, über Jahrtausende hinweg, die Fechter des jüdischen und christlichen Gottes. Alle wollen Sie …
… daran besteht kein Zweifel. Wie er diese Gemeinschaft allerdings lebt, hat viele Wege: in Familie, Freundeskreis, Verein, Arbeitswelt, öffentlicher Tätigkeit. Jeder lebt in Gemeinschaft, und sein Geist ist fast ausschließlich mit Beziehungen und Verhältnissen zu Anderen beschäftigt. Dem kann sich keiner entziehen, auch wenn er dieser Unfreiheit …