DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VERMISCHTES

19. Juni 2013

Man sagt, die Alten seien stumpf geworden, würden am Hergekommenen festhalten, könnten sich nicht mehr für neue Ideen und Träume begeistern. Vielleicht ist es aber so, dass den Alten das Neue nur eben langweilig geworden ist. Sie haben in ihrem Leben so oft das Neue erlebt und dabei festgestellt, dass es meist nur ein Altes in neuem Gewande ist. Das Neue verliert allmählich seinen Status der Originalität, weil man es schon kennt, bevor es noch umgesetzt und verwirklicht ist. Nicht die Empfänglichkeit nimmt also ab sondern die Erkenntnis zu.

30. April 2013

Es bereitet dem Menschen ein herrliches Vergnügen, in irgendeiner Sache fortzuschreiten, in seinem Berufe, beim Bau seines Hauses, bei der Bearbeitung seiner Flöte, beim Vermehren seines Geldes, bei der Eroberung von Frauen oder sogar beim Loswerden seiner Pfunde, bei Einhaltung seiner Diät. Alle solche Disziplinen und Künste haben gemein, dass die Fortschritte beim Anfänger zwar bedeutend sind, mit zunehmender Vervollkommnung aber kleiner werden. Wer zwei Griffe auf der Laute kann, verdoppelt seine Kenntnis leicht, wenn er zwei dazulernt. Der Fortgeschrittene wird aber Jahre brauchen, um seine Kenntniss zu verdoppeln, und dem Meister schließlich ist es ganz unmöglich.

Das mag denn auch der Grund sein für viele, dass sie alle halbe Jahre eine neue Kunst beginnen und die vorige in die Ecke stellen. Sie genießen die großen Fortschritte der Anfangsphase – mit dem Nachteil allerdings, dass sie in keiner Sache jemals auch nur eine bescheidene Meisterschaft erlangen.

28. April 2013

Naturgesetze sind reine Kunstprodukte des Menschen. Das beginnt schon mit den ersten Grundlagen der Wissenschaft, denn in der Natur ist nichts abgemessen, sie kennt keine Zahlen, sie kennt keine Zeitrechnung und Längenmessung. Zwar gibt es in der Natur etwa einen unaufhörlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht und es gibt auch Entfernungen von einem Ding zum andern. Die Idee aber, sich hierfür eine Messmethode zu schaffen, an der sich alle Menschen orientieren können, also etwa eine Maschine, die vierundzwanzig mal schlägt von einem Sonnenhöchststand zum anderen, oder eine Latte, mit der man Entfernungen misst, indem man abzählt, wie oft sie von einem Ort zum andern umgeschlagen werden kann, das ist das Kunstprodukt des Menschen, denn in der Natur besteht für solche Messungen keinerlei Notwendigkeit.

Hätte sich der Mensch etwa andere Prioritäten gesucht als dieses zahlenmäßige Vergleichssystem zu erschaffen, hätte er etwa die Priorität in der individuellen Empfindung gesucht, also wie lange einem Einzelnen die Zeit von einem Tag zum andern erscheint, wie lange sie ihm heute erscheint im Gegensatz zu morgen, wie lange im Vergleich zu seinem Freund oder Bruder, wie lange ihm der Weg von A nach B erscheint im Verhältnis zu gestern oder vor drei Wochen, wäre also seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Empfindungen gerichtet, so hätte er zwar keinen zahlenmäßigen Maßstab, um sich mit anderen auszutauschen und abzusprechen, aber er hätte vielleicht eine feinsinnige Sprache und Ausdrucksweise entwickelt, mit denen er seine Befindlichkeit und Wahrnehmung hätte kommunizieren können, wäre damit zu ganz andersartigen aber vielleicht nicht weniger wertvollen und nützlichen Errungenschaften gelangt. Vielleicht wären ihm technische Maschinen und Hilfsgeräte versagt geblieben, aber wenn er mit gleicher Intelligenz und gleich vieler Energie sich in die Erforschung dieser gefühlten Zusammenhänge begeben hätte, hätte er vermutlich auch gleich viel Sinnvolles und Erquickliches hervorgebracht. In einem gewissen, die bloße Erkenntnis betreffenden Sinne wäre er dadurch der Natur vielleicht sogar näher gekommen, weil diese Gefühle über Zeit- und Raumabstände unmittelbarer aus der Natur zu uns sprechen, als die zahlenmäßige Abmessung durch Apparaturen und Messstäbe.

Dies darf nicht missverstanden werden als Stellungnahme gegen die Technik und heutige Naturwissenschaft und für eine romantische Aufwertung unserer Gefühlswelt. Es soll nur zeigen, dass die Naturgesetze, wie wir sie nennen, keinesfalls in der Natur liegen oder aus ihr kommen, sondern ausschließlich Kunstprodukte des Menschen sind, die so oder auch ganz anders hätten ausgedacht werden könnnen und die nur insofern natürlich sind, als auch der Mensch, samt allem was er tut und schafft, ein Produkt dieser Natur ist.

24. Februar 2013

Gerd Bosbach rückt in seinem Buch „Lügen mit Zahlen“ verschiedene Statistiken zurecht, indem er sie in ihren Relationen darstellt. Etwa die allgemein verbreitete Furcht vor einer Explosion der Kosten des Gesundheitswesens. Aus seiner Darstellung erhellt: Wenn wir die Entwicklung dieser Kosten ins Verhältnis stellen zur Entwicklung des Bruttosozialproduktes, ergibt sich, dass die Kosten gar nicht oder nur unmerklich gestiegen sind. Absolut gesehen schon, aber, so sagt er, es sei ja nur angemessen, dass, wenn man wohlhabender würde, man auch im gleichen Verhältnis mehr für seine Gesundheit ausgebe.

Auf dieselbe Weise ließe sich noch vieles relativieren und auf den Boden zurückholen, was von sensationslustigen Unheilverkündern in die Welt gestreut wird. Ich wehre mich zwar auch gegen die Illusion, dass die Welt durch den Fortschritt besser geworden und die Leute heute glücklicher lebten, aber ebenso zweifle ich an den Gespenstern, wonach wir etwa durch das viele Starren auf Bildschirme viereckige Köpfe bekämen – da müßten ja die Büchernarren seit je viereckige Köpfe haben.

Man sagt, dass die Kriege noch nie so grausam geführt und die Opfer noch nie so zahllos gewesen als im 20. Jahrhundert. Das mag in absoluten Zahlen stimmen, denn es gab wohl über 100 Millionen, die im Zuge dieser Kriege umkamen. Andererseits muss man aber bedenken, dass diese 100 Millionen nur ein Prozent ausmachen derjenigen, die überhaupt während dieses Jahrhunderts gestorben sind. Also nur einer von 100 starb im Krieg oder in den Folgen, und wenn wir  durch einen Friedhof wandelten, würden wir unter 100 Grabsteinen nur einen finden mit der Inschrift „gefallen“ oder „Opfer des Krieges“. Diese Darstellung soll die Sache nicht verharmlosen aber insofern ins rechte Licht rücken: Können wir uns wirklich vorstellen, dass in früheren Jahrhunderten weniger als ein Prozent durch Kriege umkamen? In den Folgen der Reformation, in Zeiten des Ritterwesens, des römischen Reiches mit seinen Expansions- und Bürgerkriegen, als die griechischen Kleinstaaten und Städte sich in endlosen Kämpfen aufrieben, die Perser nach Europa, die Europäer nach Persien zogen, in all diesen Epochen soll weniger als einer auf 100 durch Kriege umgekommen sein? Das lässt sich, wenn auch in keiner Weise nachprüfen, so doch nur schwer vorstellen.

Die Kriege im vergangenen Jahrhundert waren furchtbar und überstiegen – in absoluten Zahlen – alles je Dagewesene. Aber sie waren, auf die gesamte Weltbevölkerung gerechnet, wohl kaum verheerender, als was der Menschheit schon immer von Seiten dieses Übels begegnet ist – und also irgendwie in ihrer Natur zu liegen scheint. Dass bei tausendmal höherer Bevölkerung auch tausendmal mehr im Kriege sterben, macht zwar die Sache nicht schöner, nimmt aber doch sensationslustigen Pessimisten und Katastrophenfreunden etwas den Wind.

13. Januar 2013

Hat man die Grundprinzipien erst einmal angenommen, dann ist die Seele des Menschen ein offenes Buch. Zwar nicht in dem Sinne, dass wir sein Verhalten im voraus berechnen könnten – nichts in der Natur läßt sich mit Sicherheit vorhersagen – aber doch genug, um im nachhinein seine Motive zu erkennen und seine Handlungen zu erklären, so gut und vielleicht noch besser, als es uns bei den Tieren möglich ist.

10. Januar 2013

Von Reliquien geheime Kräfte erwarten und an Orte ihrer Aufbewahrung pilgern gilt heute als naiver Aberglaube, als Relikt aus Zeiten vor der glorreichen Aufklärung, seit welcher man sich von derlei Klamauk angeblich nicht mehr narren läßt. Doch schauen wir, was heute an die Stelle getreten ist: Wir glauben daran, es sei ein Gewinn oder eine besondere Auszeichnung, in fremde Städte und Länder zu reisen, als Tourist unzählige Seltsamkeiten zu bewundern, kreuz und quer über den Globus zu hetzen, um unser Geld zu verteilen.

Wie früher die Reliquie einer Kirche oder einer Stadt besonderes Ansehen und viele Besucher und also wirtschaftliche Vorteile einbrachte und deswegen das angebliche Grabtuch Christi in tausendfacher Ausführung und Zerstückelung als Werbeschild genutzt wurde, so kramen heute alle Orte irgendwelche Sehenswürdigkeiten heraus, um diese Touristen anzulocken, die Geld bringen und dem Ansehen aufhelfen. Diese Dinge sind sämtlich so wenig handgreifliche oder nachprüfbare Werte wie die Reliquien, und trotzdem laufen ihnen alle nach, und jeder glaubt, dass er etwas dabei gewönne — wie zuvor die frommen Christen an einem angeblichen Blutstropfen oder Stückchen Stoff oder Knochenteilchen vom Erlöser.

Oder: Wenn der Wert eines manchen Kunstwerkes ohnehin schon bezweifelt werden kann, was soll vollends der Vorteil sein, ein Original zu besitzen, anstatt eines guten Druckes oder einer kaum zu unterscheidenden Kopie? Aber wir nennen sie Fälschung und verachten jeden, der sich damit schmücken will. Welche übernatürlichen Kräfte aber sollten eigentlich von einem Original ausgehen, für das die Menschen unglaubliche Summen bezahlen? Welchen Gewinn soll mir fünfzig Jahre alter Wein bringen, welchen Vorteil die Blaue Mauritius, warum würde ich es allen erzählen, wenn mich eine weltberühmte Persönlichkeit zum Essen einlüde, was liegt daran, wenn ein Haus schon viele hundert Jahre alt ist und historische Männer darin geweilt haben? War das Essen deswegen nahrhafter, ist das Dach deswegen dichter?

Ein Großteil unseres Lebens und der Dinge, auf die wir große Stücke halten, besteht aus solchen Wahngebilden, von denen wir uns Vorteile erwarten, mit denen wir prahlen, an denen wir den Wert unseres Daseins messen – denen wir also irgendwelche geheimen, segensreichen Kräfte zumessen – wie die naiven Gläubigen ihrer Reliquie.

6. August 2012

Oft zweifeln wir, ob wir für unsere Gedanken, Meinungen und Empfindungen die treffenden Worte gefunden haben. Dieser Zweifel wird aber vollkommen aufgehoben, sobald wir auf den Gesichtern der Zuhörer Bewunderung spüren oder, bei Geschriebenem, uns diese Bewunderung vorstellen. Dann scheint uns das Gesagte trefflich, mitunter genial, obwohl sich an den Worten selbst nichts geändert hat. Dies bezeugt, dass es auf gedankliche Wahrheit oder ästhetische Vollkommenheit gar nicht ankommt, bzw. dass diese ihren Wert nicht aus sich selbst, sondern aus der Zustimmung anderer beziehen.

5. August 2012

Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie entweder gut funktionieren oder etwas Außerordentliches zu Stande bringen. Das eine enthebt sie ihrer Sorgen, mit dem anderen lässt sich gut vor Freunden prahlen.

4. August 2012

Schönheit und jeglicher ästhetische Wert dient einzig dazu, andere zu beeindrucken, schöne Körper, schöne Kleider, schöne Gebäude, Bilder, Reden usw. Man kann alle möglichen Theorien aufstellen über den Ursprung des Begriffes des Schönen, über Götter und Ideale, Geist und Intuition, aber letztlich rührt alles aus dem Geltungsdrang, und also trifft sich die Ästhetik mit der Morallehre, und sie haben beide denselben Ursprung. Schön ist, was gefällt, was irgendwem gefällt – jedenfalls einem, auf dessen Urteil es uns ankommt, auf den wir Eindruck machen wollen, bei dem wir gelten wollen. Beim Künstler ist dies doppelt einsehbar, weil er nur von einem solchen auch Geld bekommt.

Große Kunst hat nicht an sich einen höheren Wert als die einfache Unterhaltung, sondern nur ein anderes Publikum. Die Werke Leonardos oder Raffaels sind nicht objektiv besser oder schöner, als die eines Cartoonisten oder Photographen, sie gefallen nur anderen Leuten.

Hauptsächlich aber sollen sie Prestige verleihen, denn wem ein Rafael gefällt, der hat Geschmack und Kultur und in entsprechenden Kreisen ein gutes Ansehen – ganz zu schweigen von dem, der ein solches Werk besitzen kann. Dasselbe gilt aber für den Freund des Cartoons – in seiner gesellschaftlichen Umgebung.

19. Juli 2012

Eher unter Persönliches könnte man die folgende Skizze meiner Beziehung zum Weltall, zur Kosmologie und Astronomie einordnen. Sie soll hier stehen aus aktuellem Anlaß, weil in diesen Tagen viele Schlagzeilen gefüllt waren mit der Verkündung, man habe am Forschungszentrum CERN ein neues Elementarteilchen, das Higgs-Boson, entdeckt – der letzte unbekannte Baustein des Universums – man werde damit die Erforschung des Urknalls entscheidend voranbringen und wertvolle Aufklärung über die Entstehung des Universums erhalten. Natürlich ist bei solchen Meldungen immer journalistisches Treibmittel am Werke, und auch die Wissenschaftler und Politiker genießen das Rampenlicht und nutzen die populären Erfolgsmeldungen zur Rechtfertigung ihrer Tätigkeit und der ungeheuren Mittel, welche dabei verschlungen werden. Mancher ernsthafte Wissenschaftler wird sich vielleicht bescheidener äußern und nur beschreiben, was tatsächlich geleistet wurde, ohne sich in Visionen und Ruhmseligkeiten zu verlieren. Trotzdem kann sich der Skeptiker in mir kaum verkneifen, hier noch einmal seine Position gegen solche Träumereien anzuführen. Die folgenden Zeilen sind im wesentlichen eine Kurzfassung der Auseinandersetzungen, die dem befreundeten Leser aus meinen Schriften zur Naturwissenschaft bekannt sind. (Manches dergleichen, von mir und anderen Autoren, findet sich auch im kürzlich erschienenen Buch von Gerhard Josten).

MEINE KOSMOLOGIE

Der Anblick des klaren und übervollen Sternenhimmels hat mich immer begeistert, und mit Kenntnis der Sternbilder hat sich eine Art Vertrautheit mit diesen unermesslichen Gegenden entwickelt. Soweit die romantische Seite.

Mir gefallen die erstaunlichen Fotografien der Planeten und ihrer Monde, der Sternhaufen, Galaxien, planetarischen Nebel, Supernoven und Quasare, und ich freue mich an der Vorstellung, dass es im Weltall ebenso bunt und vielgestaltig zugehe wie auf unserer Erde. Dies die ästhetische Seite.

An der Eroberung des Weltraums begrüße ich die technischen Errungenschaften, welche uns unmittelbare Dienste leisten, Datenübertragung, Navigationssysteme, Wettervorhersagen und dergleichen. Also die praktische Seite.

Damit endet jedoch meine Anteilnahme. Für alles Spekulative und Hypothetische – und darin besteht, nach meiner Auffassung, der überwiegende Teil aller heutigen Kosmologie und Astronomie – habe ich keinen Sinn, ja bin ich zutiefst ungläubig und man könnte sagen, ich glaubte diesbezüglich so sehr an die Skepsis wie andere an den Urknall und die Evolution.

Mit kurzen Worten würde ich es so beschreiben: Manches, was auf unserer im Verhältnis kleinen Erde in einem Zeitraum von wenigen Jahrhunderten gemessen wurde, weist gewisse Regelmäßigkeiten auf, die wir deswegen Naturgesetze nennen. Wenn wir daraus aber schließen, diese Naturgesetze müssten seit Milliarden von Jahren und in Entfernungen von Millionen von Lichtjahren unverändert gelten – bei gänzlicher Unmöglichkeit dafür jemals empirische Bestätigung zu erhalten – und es ließe sich mit bloßer Mathematik ausrechnen, was vor zwanzig Milliarden Jahren in einer „zehn hoch minus dreiundvierzigsten Sekunde“, der sogenannten „Planck-Zeit“, stattgefunden habe, nämlich der Urknall, aus dem das Universum samt uns allen hervorgekommen sei – so komme ich nicht gegen die Versuchung an, eine derartige „Wissenschaft“ in eine Reihe zu stellen mit Geisterglaube, Alchemie und Hexenkult. Es ist ja nicht anders, als würde der Kaspar Hauser, dem man erzählte, dass ein alter Mann mit jedem Jahr ein wenig kleiner werde, daraus schließen, dass derselbe Mann vor einer Million Jahren wenigstens zehn Kilometer gemessen habe.

Alles, was wir im Nachhinein erklären oder im Voraus berechnen können, stützt sich, wenn es Hand und Fuß haben soll, auf vielfache empirische Kontrolle. Zumal in der Technik – der einzigen Wissenschaft, in der jeder Schwindel sofort auffliegt – ist ohne Prüfung an der Wirklichkeit gar nichts auszurichten. Aber die Kosmologen und Astronomen treiben ihre Wissenschaft ins Blaue hinein, einzig auf Mathematik gestützt, ohne jede überprüfbare Rückmeldung aus der Natur – denn ihre Interpretation der empfangenen Signale aus dem Universum beruht ausschließlich auf spekulativen Annahmen und mathematischen Kunststücken. Wo ein Lichtstrahl herkommt, seit wann er unterwegs ist und warum er diese Farbe hat, ist, in der Sache begründet, unmöglich zu überprüfen und also mit empirischer Wissenschaft niemals herauszufinden. Ist da nicht schon gewagt genug, einen Stern wie unsere Sonne als seinen Ursprung anzugeben? Sollte man nicht an dieser Stelle wenigstens haltmachen, sich mit Beobachten und Beschreiben zufrieden geben, sich aber der sinnlosen Interpretationen und Hypothesen enthalten?

Aber genug davon. Wenn ich zwar nicht viel Nützliches in diesen Forschungen finde, so glaube ich andererseits doch nicht, dass sie großen Schaden anrichten. Denn selbst wenn man die Gehälter vieler Wissenschaftler, die mit nutzlosem Forschen ihr Leben hinbringen, als einen volkswirtschaftlichen Schaden betrachten wollte, so müsste man ja auch bedenken, dass die Menschen schon immer den größeren Teil ihrer Kräfte und Aktivitäten auf nutzlose Dinge verwendet haben, und dass die Wissenschaftler, die sich heute mit Urknall und schwarzen Löchern beschäftigen, in früheren Jahrhunderten vertreten waren von Geheimbündlern, die mit dunkler Magie und astrologischen Deutungen oder mit pedantischer Auslegung von Bibelstellen sich die Zeit vertrieben – und damit ebensolche Aufmerksamkeit genossen, denn das Publikum ist zu jeder Zeit mit von der Partie.

Häufig wird zur Rechtfertigung solcher Forschungen angeführt, es fielen dabei ja viele Erkenntnisse und Produkte ab, die auch in unserem täglichen Leben eine sinnvolle Verwendung fänden, und tatsächlich mag unbestritten sein, dass von den unzähligen Erfindungen, welche zur Beobachtung des Weltalls und zum Erfolg der Raumfahrt nötig sind, einige auch unser tägliches Leben bereichern – aber eben nur als zufällige Nebenprodukte, nicht in dem, worauf eigentlich die Energie und Arbeit gerichtet war. So fällt ja auch von der Rüstungsindustrie in dieser Hinsicht manches ab, und auch durch die Mühen des Lateinpaukens, sagt man, werde das Erlernen der neuen „nützlichen“ Sprachen erleichtert. Das stimmt freilich schon deshalb, weil jede Mühe, jeder Geistesblitz und alle Energie, die man auf eine bestimmte Sache richtet – wie der Strahl des Scheinwerfers im nächtlichen Dunst – ihren Abglanz auch auf andere, zunächst gar nicht beabsichtigte Dinge wirft. Deshalb wird, im Rückblick, auch kaum ein Ereignis unseres Lebens als völlig sinn- oder bedeutungs- oder nutzlos empfunden. Allerdings würde man wohl kaum mit Vorsatz nutzlose Dinge betreiben, allein in der Zuversicht, dass dann, unter den zufälligen Abfallprodukten, sicherlich auch hin und wieder etwas Nützliches herausgefischt werden könne. Vielmehr wird man die Lampe dorthin richten, wo man das Nützliche zu finden hofft. Ich werde deswegen nicht gelten lassen, wenn man die Erforschung von Urknall und schwarzen Löchern – ja nicht einmal die Raumfahrt zu Mond oder Mars – damit zu rechtfertigen sucht, dass dabei zuweilen auch etwas Nützliches für unser Erdenleben zustande käme. Dies hätte man nämlich, mit weniger Aufwand, durch direktes und zielgerichtetes Forschen schneller gefunden. So vermute ich auch, dass einer, dem die alten Sprachen keine Freude machen, beträchtlich weiter käme, wenn er die Mühe gleich aufs Erlernen der neuen verwendete.

Allerdings ist mit dem „Nützlichen“ bis hierher nur das Nützliche im rein materiellen, technischen Sinne gemeint, also wie etwa die Erfindung von Hammer und Nagel nützlich ist, um Häuser zu bauen oder die Erfindung des Penicillins dazu dient, viele Krankheiten zu heilen. Nützlich in einem höheren, seelischen und ideellen Sinne – welches ich als die weitaus wichtigere Grundlage unseres Wohlbefindens ansehe – können natürlich ganz andere Dinge sein. Etwa kann es den Stolz einer ganzen Nation und womöglich der Menschheit heben, wenn es gelingt, einen Fuß auf Mond oder Mars zu setzen, und die Vorstellung, es könne ein Urknall oder die Gravitation eines schwarzen Loches berechnet werden, erhöht das Selbstgefühl des Wissenschaftlers und eines jeden, der an solche Dinge glaubt. Außerdem üben Stürme und Gewitter, Feuersbrünste und Explosionen von jeher eine Faszination auf das Gemüt, und so hat der Urknall – als die Explosion der Explosionen – natürlich seinen Reiz.

Jedes Vergnügen, das einer in solchen Forschungen und Hypothesen findet, ist ein Nutzen in diesem ideellen Sinne – und weil die Natur vieler Menschen nunmal so beschaffen ist, daß sie daran Vergnügen finden, gewöhne ich mich daran, diesen Wesenszug als „Natur“ gelten zu lassen.

27. März 2012

Neidisch sein heißt in den seltensten Fällen, gerade dasjenige haben wollen, worauf man neidisch ist. Vor allem Charakterzüge, Eigenschaften und Aussehen würde man nicht gerne einfach übernehmen, jeder will schließlich sich selbst bleiben und nicht ein anderer werden. Ich beneide daher eher die gute Wirkung, die einer tut, aber nicht konkret die spezielle Eigenschaft, mit der er sie tut. Das einzige Gut, worauf man uneingeschränkt neidisch sein kann, ist das Geld, denn, ginge es auf einen über, könnte man ganz der Selbe bleiben und es doch nach eigenem Gutdünken in alle käuflichen und wünschenswerten Dinge verwandeln. Deswegen ist der Neid auf Geld am weitesten verbreitet und werden die, die mehr haben, am meisten gehasst oder wenigstens nicht sonderlich gemocht.

19. Februar 2012

Man wird nicht weiser und besonnener im Alter sondern nur gleichgültiger. Was einen früher in Rage und zur Verzweiflung brachte, kennt man inzwischen, es ist nichts Neues und nicht der Aufregung wert. Wie die schönen Ereignisse weniger erheben, so ziehen die üblen weniger herab. Zu oft haben wir erfahren, wie das Vielversprechende wenig gehalten, das Bedrohliche harmloser als befürchtet war. Wir kennen jetzt beides und die Aufregung lässt nach.

4. September 2011

Nach Umfragewerten sollen etwa 60% der Deutschen mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden sein, und dieser Wert soll nicht bloß einmal ermittelt sondern über Jahrzehnte hinweg in mehreren Umfragen sich bestätigt haben. Das finde ich sehr erstaunlich. Wenn man nämlich von den verbleibenden vierzig Prozent der weniger oder gar nicht Zufriedenen die große Zahl der notorischen Nörgler, der ewig zu kurz Gekommenen, ständig Gekränkten, aus Prinzip Kritischen abziehen würde, so könnte ja nur noch ein winzig kleiner Teil übrig bleiben an solchen, die in wirklichem Unglück steckten und also unseres Mitleids bedürften.

 

4. März 2011

Agrippa von Nettesheim: Als die Augustinermönche mit den Canonicis Regularibus vor dem römischen Papste über des heiligen Augustini Kleidung heftig stritten, nämlich, ob er einen schwarzen Rock überm weissen Leibrock, oder einen weissen über den schwarzen hätte angezogen, und man aus den Schriften diese Sache zu schlichten nichts finden konnte, so ist es für gut befunden worden, diese Sache den Malern und Bildschnitzern zu übergeben, und was diese den alten Gemälden und Statuen nachsagen würden, dabei sollte es bleiben.
So hat man sich immerhin vernünftig geeinigt, die Dinge, die nunmal nicht zu erkunden sind, den Künstlern und ihrer Phantasie anheimzustellen. Stattdessen aber streiten sie heute um den Ablauf des Urknalls oder wie die ersten Menschen ausgesehen haben sollen, oder ob das Menschengeschlecht in Afrika oder in Asien entstanden sei – und dünken sich dabei um vieles klüger als diese abergläubischen Mönche, weil sie ja jetzt „Naturwissenschaft“ betreiben, wo es um echte und wichtige Wahrheiten zu tun ist.

16. Februar 2011

Heute vom trefflichen Oscar Wilde: »Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze beeinflussen zu wollen. Ihr Ursprung ist pure Eitelkeit. Ihr Resultat: null. Sie geben uns hie und da so eine Art unfruchtbare wollüstige Aufregung, die auf die Geschwächten einen gewissen Reiz ausübt. Das ist alles, was zu ihren Gunsten gesagt werden kann. Sie sind einfach Schecks, die die Menschen auf eine Bank ausstellen, bei der sie kein Konto haben.«

6. Dezember 2010

Manche Kulturpessimisten klagen über die Bilderflut, welche über die Jahrhunderte – und jetzt vor allem durch Film und Photographie – über uns gekommen, und daß deshalb eine wirkliche und innige Anteilnahme an der Kunst überhaupt nicht mehr möglich sei; ja manche meinen gar, daß unsere Psyche dadurch ganz heftig durcheinander käme und unser Nervensystem schließlich zerrüttet werden müsse.

Das ist aber doch allzu lächerlich! Der Mensch, ob mit oder ohne Kunst, mit oder ohne Film und Photographie, erfährt, wenn er nicht blind ist, sein ganzes Leben lang und jeden Tag, jede Stunde eine unermeßliche Zahl von Bildern, nämlich alle, die von der Welt durch die Iris auf seine Netzhaut fallen, und müßte, wäre sein Gemüt nicht dafür gerüstet, schon vor Jahrtausenden daran zerbrochen sein.

Diejenigen Bilder, welche ihm durch die Medien der Technik präsentiert werden, sind davon nur ein unermeßlich kleiner Teil. Warum ausgerechnet sie Schaden anrichten oder den Sinn fürs Schöne unterminieren sollten, ist abwegig und in keiner Weise zu fürchten.

Eine andere Sache ist freilich, daß unser Geschmack sich höher und feiner ausbildet beim Anblick schöner Natur und wohlgestalteter Kunst. Doch der Weg dahin ist nicht, weniger Bilder einzulassen, sondern die richtigen auswählen, in ihrer Betrachtung verharren, in ihrer Schätzung Vergnügen finden – während die übrigen nur zum Kontrastmittel dienen, um das Gute noch deutlicher hervortreten zu lassen.

17. September 2010

Mein strenges Urteil aus früheren Tagen: Die griechischen Bildhauer haben in der klassischen Zeit den Höhepunkt der Kunst erreicht, indem sie die abstraktere Reinheit und Klarheit der Archaischen Epoche mit Natürlichkeit und Lebendigkeit in subtiler Eleganz verbanden. Später wurden die Formen oftmals zu natürlich, die Muskeln traten zu sehr im Detail hervor, und das Gesicht verlor den idealen Schein. Dies steigerte sich besonders in der römischen Epoche und mußte so sein, weil die Römer ein Volk von Kriegern, nicht von Künstlern waren.
Das war eine Sicht im Sinne Winkelmanns. Heute würde ich lässiger urteilen – denn ich muß zugeben, daß es im Grunde mein Urteilsvermögen übersteigt, die einen für besser, die andern für schlechter zu halten. Ich frage jetzt nicht mehr nach Stilrichtungen und Epochen, Künstlern oder Techniken, sondern bloß nach dem Genuß, den mir das Werk, das ich gerade vor mir habe, gewährt. Es geht mir dabei wie mit dem Wein: Ich merke wohl ob er mir schmeckt, aber nicht ob er auch den feinen Ansprüchen genügen kann.

15. September 2010

Wäre nun jeder gleichermaßen schöpferisch, und wollte man jeden zu seinem schöpferischen Recht kommen lassen, es wäre die Welt ein Chaos und nichts käme zustande. Man muß das Schöpferische zuweilen unterdrücken, anstatt es zu loben und zu fördern, denn man braucht auch Ausführende, Nachahmende, Treue und Gehorsame – wer sollte sonst die Ideen der Schöpferischen in die Tat umsetzen? Je mehr schöpferische Geister an einem Werk beteiligt, desto mehr wird geredet und desto weniger getan.

10. September 2010

Oftmals fassen wir es nicht, durch welche Kleinigkeiten sich einer aus der Ruhe bringen, ja vollkommen aufreiben läßt und womöglich daran zugrunde geht:

Des einen Verdienst wurde in einer Rede übergangen – die aber sowieso keiner hörte, weil die Gedanken aller Anwesenden sich längst am Buffet zu schaffen machten. Er jedoch hatte sein Glück an diese paar Schallwellen gehängt, ja an die bloße Vorstellung, in der Vorstellung dieser Lüsternen eine kurze Audienz zu finden.

Des andern Frau verschenkte, was sie selbst nichts kostete und ihn von einer lästigen Pflicht befreite: keiner hätte dabei verloren, doch er verlor darüber den Verstand.

So wollen wir oft nicht glauben, daß solcherlei Nichtigkeiten, bloße Luft- und Phantasiegebilde, eine für stark befundene Seele zu Boden werfen. – Kann aber nicht der stärkste Körper von einem Virus vernichtet werden, einem winzigen unsichtbaren Stäubchen?

24. August 2010

Es kommt in der Welt nicht auf Wahrheit an, sondern darauf, was sich aus irgend einem Grunde, auf irgend eine Weise Gehör verschaffen kann. Es ist deswegen unsinnig und vergeblich, wenn sich ein Philosoph beklagt, daß dieser oder jener Kollege mit falschen Theorien berühmt geworden sei. Berühmt wird man nicht, indem man Wahrheiten, sondern indem man Anhänger findet. Und sogar die Wahrheiten selbst sind im Grunde nichts als der Beifall – zuweilen auch bloß der gedachte Beifall – des Publikums. Was sollte eine Wahrheit an sich überhaupt für ein Gebilde sein, oder eine Wahrheit, die nur ein Einzelner für sich ausheckt, für sich behält und nicht einmal davon träumt, daß andere ihm Bestätigung und Bewunderung dafür zollen könnten?

19. August 2010

Solange man nicht fürchten muß, in ihren Bannkreis zu geraten, sind cholerische Charaktere sympathischer als die Bedächtigen und Vernünftigen. Zumal auf Bühne und Leinwand geben sie Bewegung und Spannung, ohne die das Publikum bereits im ersten Akte schliefe. Auch ist es unterhaltsam, andere beschimpft und angegriffen zu sehen, während man selbst, als Zuschauer, die behaglichste Sicherheit genießt.

14. August 2010

Über das heutige Kunstwesen zu schelten läßt sich gar mancher hinreißen, wenn er bedenkt wieviel Geld hier gemacht und Aufsehen erregt wird, bei wenigem Können.

Der Künstler will durch Besonderheit glänzen, statt durch Arbeit und Talent, der Betrachter tiefe Geistigkeit bekunden, wenn er sich voll Ehrfurcht in ein kotähnliches Häufchen auf verschmierter Leinwand versenkt. Je abstruser das Gebilde, desto tiefschürfender muß ja der Geist sein, der darin Wichtiges aufzuspüren vermag. Also arbeiten sich Künstler und Kunstfreund trefflich in die Hände, und jeder gewinnt dabei, was er begehrt.

Sich darüber zu ereifern, lohnt jedoch nicht. Denn abgesehen davon, daß man es nicht ändern wird, handelt es sich bei dieser Kunstszene auch nur um einen Sammelhort menschlicher Eitelkeit, um ein Großtun, nicht mit Edelsteinen und teuren Wagen, sondern mit geheimen Ahnungen, vermuteten Mysterien, heiligen Genialitäten und oft nur mit dem Gespür fürs Aufsehenerregende. Das Großtun sowie die Angst, aus dem Kreise der Eingeweihten verstoßen zu werden, gehört zu den menschlichen Schwächen, die aber, in diesem Falle wenigstens, keinen großen Schaden anrichten.

Außerdem bleibt jedem unbenommen, seine Kunst anderswo zu suchen – und an vielen Orten wird man fündig.

Warum sollte man schließlich nicht alles als Kunst durchgehen lassen, was einen Liebhaber und Bewunderer findet, vom einfachsten Schlager, einer gefälligen Photographie, einem witzigen Film, bis hin zu den größten Werken unserer Kultur. Wenn einer braune Flecken auf zerknittertes Papier wirft, und wenn sich welche finden, denen es Vergnügen bereitet oder Andacht einflößt, so mag es denn Kunst sein – und nicht weniger das volkstümliche Alpenpanorama mit weißen Bergketten unter tiefblauem Himmel, hinter saftigen Wiesen, mit gesunden Kühen bestückt.

Am Ende tut jeder was er will und kann – und womit er die meiste Anerkennung, den meisten Einfluß zu gewinnen glaubt. Darin nämlich ist das ganze Kunstwesen allem übrigen menschlichen Treiben vollkommen gleich.

13. August 2010

Viele, welche das Alte nicht hören wollen und von den alten Schriften nichts lernen, verwechseln dieses historische Alter mit dem der Greise, denen die Jahre das Leben ausgetrocknet, Herz und Verstand allmählich gelähmt hat. Eine alte Schrift hingegen ist gegen eine neuere aber besser jung zu nennen, da zu einer früheren Zeit entstanden und kann überdies von einem Manne gleich welchen Lebensalters stammen und von gleich welcher geistigen Frische durchdrungen sein.

11. August 2010

Seneca will uns beweisen, daß Zorn verderblich sei. Alle Einwendungen, es könne der Zorn doch zuweilen auch Nutzen bringen, ja selbst Gerechtigkeit, wenn es nur ein gerechter Zorn wäre, bestreitet er damit, daß eine solche Regung dann eben nicht Zorn zu nennen sei, denn dieser schade grundsätzlich.

Solche als Beweise verkleidete Definitionen sind sicherlich nicht die glücklichsten Kunstgriffe, werden aber deswegen doch nicht seltener angewendet. Andererseits ist es vielleicht von keiner großen Bedeutung.

Seneca sagt, was er gut und was er schlecht, was er wohltuend und was verderblich findet und versucht es von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Ob er zu diesem Zweck nun mehrere Arten von Zorn zulassen soll, verderbliche und edle, oder ob er den verderblichen alleine den Namen Zorn zuweisen darf, den andern aber andere, darüber zu streiten ist müßig. Wenn er mit seinem Vorgehen die Nüancen des Sprachgebrauches auch übergeht, so gibt er immerhin seiner Sache einen prägenden Namen und hilft dem Leser vielleicht, sich den Begriff davon zu bilden. Ein Wort „Zorn“ steht obenan, es gilt das Schädliche zu finden, welches darunter zu versammeln ist.

Im andern Falle gäbe es viele Stufen und Schattierungen des Zornes, deren jeder man das jeweilige Maß an Gutem und Schlechtem zuordnen müßte und sie entsprechend besser oder schlechter nennen. Selbst wenn eine solche Versammlung von vagen Begriffen unsere vielfältigen Empfindungen beim Gebrauche des Wortes „Zorn“ besser widerspiegeln würde, so kommen wir auf Senecas Weg doch leichter zu einem Begriff des Schädlichen, welches die gewöhnliche Folge dieser unbeherrschten Leidenschaften zu sein pflegt – und darauf kommt es ihm alleine an.

Immerhin bilden solche bloß scheinbaren Beweise eine Art Modelliermasse, um einem Gedanken Gestalt zu leihen, und daß, im eigentlichen Sinne, nichts bewiesen sondern nur behauptet wird, relativiert sich, wenn wir bedenken, wie unsicher im Grunde all unsere Beweise dastehen, wie schnell sie bei anderen Perspektiven, anderen Absichten und Neigungen zu Fall kommen und man in der Regel besser daran tut zu prüfen, ob man das, was bewiesen wird, auch haben will.

10. August 2010

Heute was Gereimtes

Schön ist’s, der Laute zarten Ton bestimmen,
Schön, die Natur der Leinwand anvertraun;
Mit Worten ihre Schönheit zu besingen,
Mit Gedanken ihren Grund zu schaun.

9. August 2010

Nicht lerne ich von den Eltern sprechen, weil ich dasselbe sagen wollte, was sie sagen, sondern was mir gut scheint. Von den Alten sollten wir nicht lernen, sie zu wiederholen, sondern die Kunst, eigene prächtige Werke hervorzubringen.

8. August 2010

Konnten sich die Vogelschauer, einst dem Römischen Senat zur Seite stehend, öfter täuschen als die Berater, welche unseren Regierenden wissenschaftlich gegründete Prognosen und Ratschläge erteilen?

6. August 2010

Im Zitieren liegt viel Eitelkeit und Prahlerei. Der eine zeigt seine Belesenheit, der andere seine Sprachkenntnisse, ein dritter die illustre Gesellschaft, welche seine Meinungen teilt. Berühmte Namen werden herbeigerufen, um den eigenen schwächelnden Gründen aufzuhelfen, und gar in den Wissenschaften, wo einer nur den andern nachäfft und man von ferne schon hört, aus welchem Potte geschöpft wird, braucht man Zitate, um das Gestohlene mit Geborgtem zu schmücken.

Ich habe einen gekannt, der konnte keinen Satz zu Ende bringen, ohne seinen Lieblingsschriftsteller hineinzuflechten, den er allmählich auswendig wußte und sich viel darauf zugute hielt. Sicher hat mich die Eitelkeit und Prahlerei dabei gestört, aber mehr noch, daß ich stets nur mit einem Weiterträger und Vermittler sprach.

Andererseits, würde ein Autor sich immer nur mit seinem Leser unterhalten – obschon Gespräche unter zweien in der Regel die fruchtbarsten sind – könnte es doch auf die Länge öde werden, wo dann weitere Teilnehmer oftmals die Lebhaftigkeit des Geistes, den Witz und überhaupt das Vergnügen heben.

Wenn ich andere anführe, so will ich damit am allerwenigsten vorgeben, mir seien ihre Schätze allgegenwärtig – ich würde mich vor jedem bloßstellen, der mein Gedächtnis kennt – nur die Augenblicke und der Zusammenhang, da mir dies eine und andere beifiel, sollen festgehalten sein, um die Dürre ein wenig zu besprengen, die herrschen müßte, brächte ich nur, was ich als festen Besitz ständig mit mir trage.

Auch beim Zwiegespräch mit einem Freunde mischen wir ja häufig die Reden und Meinungen anderer Freunde hinein, nicht zum Beweisen oder unser Gedächtnis zu rühmen, sondern zum Beleben.

Überhaupt, es tragen auch die großen Geister vor allem das weiter, was sie von ihren Vorgängern aufgenommen, und mit dem Grade, wie sie es auf unterhaltsame, unseren Geist belebende Weise präsentieren, wird es wieder frisch, dem neuen Obste vergleichbar, das ja seit Jahrhunderten jedes Jahr in gleicher Weise reift, aus dem gleichen Samen oder Stamm, und doch immer köstlich mundet

5. August 2010

Gott um eine Gunst oder um Abwendung eines Übels bitten, heißt eigentlich, an seiner Güte und Allweisheit zweifeln.

Wären wir in anderen Verhältnissen besser beraten als in den bestehenden, so wäre Gott entweder dumm oder böse oder machtlos – und wir, sofern wir das Andere vorzögen, dünkten uns klüger als er.

Wir sollten unsere Unzufriedenheit aber viel eher auf eine unzureichende Einsicht in unseren jetzigen Zustand zurückführen – indem wir etwa das Belehrende von Schmerz und Not nicht durchschauen – oder wir sollten selbst tätig werden, den Zustand zu ändern und, nach unserem Dafürhalten, zu bessern. Solcherlei Aktivität ist ja sehr wohl in Gottes Plan, der uns den Ehrgeiz mitgegeben – als eine der antreibenden Energien, die das Weltgebäude in Bewegung halten.

3. August 2010

Es wäre einmal zu summieren, wie viele heute weltweit am zuvielen Rauchen und Trinken, Drogen- und Medikamentenmissbrauch, an Hunger und Durst, Verkehrsunfällen, Kriegen und Revolutionen und den übrigen Todesursachen, bei denen man denkt, der Mensch könnte sie eigentlich mit Vernunft und Redlichkeit vermeiden, sterben. Es käme sicher ein stattlicher Anteil zusammen.

Dabei dünken wir uns erhaben über tödliche Kuren, Duelle, Teufelsaustreibungen, über Religionskriege, Inquisition, Euthanasie und Völkermord und verurteilen Dummheit und Bosheit unserer Ahnen, nicht bloß derer, die daran teilgenommen, sondern selbst derer, die geschehen ließen, dass andere es tun.

Diese Zahlen aufsummiert würden aber belegen, daß uns die Unversehrtheit des Lebens heute nicht mehr bedeutet als damals unseren Ahnen, und daß, selbst in den schrecklichsten Zeiten, die Gesamtzahl der von Menschen verantworteten Todesfälle wohl kaum höher war als jetzt.

Natürlich helfen keine Zahlen gegen die Tragödie des einzelnen Schicksals, doch helfen sie vielleicht, unser Urteilen und Verurteilen auf ein rechtes Maß zurückzubringen.

2. August 2010

Es gibt keinen neutralen Standpunkt, von dem aus zu entschieden wäre, ob eine Heils- oder Weisheitslehre besser ist als eine andere. Nichteinmal feststellen läßt sich, ob einer glücklicher ist als ein anderer, und bei genauerem Hinsehen wagen wir kaum noch anzugeben, ob es uns im letzten Monat besser oder schlechter ging als vor einem Jahr oder an einem andern Ort. Wenn sich aber das Glück nicht wägen läßt, wie müssen dann erst recht alle Lehren, deren einziges Ziel doch ist, das Glück herbeizuführen, letztlich von gleichem Wert oder Unwert sein.

Mancher Jüngling ist um so ratloser, je mehr er sich der Vielfalt und Richtungslosigkeit dieser Welt bewußt wird, denn er findet keinen Unterschied mehr zwischen Plato und Buddha, zwischen Jesus und einem vorübergehenden Heilskünder. Und nicht nur, weil sie alle gleich gut wären, sondern weil sie sich in vielen wesentlichen Dingen widersprechen und also sämtlich angezweifelt werden können.

Aber das Leben steht vor ihm, und die Sehnsucht, sich einem Gültigen hinzugeben, selbst etwas Gültiges zu vollbringen, öffnet ihn wieder für die Werte einer Denk- oder Glaubensrichtung. Vielleicht, je weiter er entfernt war, desto feuriger vertraut er sich dann einer Lehre und gibt sie für die beste und einzig wahre, während er die übrigen gebieterisch verwirft.

Mit den Jahren vermischt sich dann die gewählte Lehre mit dem Leben, den eigenen Stärken und Schwächen, den äußeren und inneren Widrigkeiten, und er erfährt, was die Lehre ihm und gerade ihm sein kann, was er mit ihr sein kann. Hat er bis dahin einen Mythos verehrt, sich Begriffen, Gesetzen, logischen Gedankengebäuden oder einem Ritus unterworfen, so verlieren diese allmählich ihre absolute Gültigkeit. Dennoch muß er sie nicht verwerfen, sondern kann sie pflegen wie ein schönes Kleid, das einen nicht ebenso vollkommenen Körper umhüllt und ihm ein wohlgefälligeres Ansehen leiht.

Nur wer die Stoffe, Schnitte, Bügelfalten und Parfüme für das einzig Wahre und Wichtige nimmt, muß darunter, mit seinem umförmigen Körper von zweifelhaftem Duft, wie ein lächerlicher Geck erscheinen. Wem sie nichts weiter als kunstvolle Hilfen sind, der kann sich dauerhaft daran erfreuen – und mit Vorteil präsentieren.

Nun kann er auch andere und selbst gegensätzliche Lehren gelten lassen. Denn wie wir oft andere in ihren Kleidern ob ihrer Schönheit bewundern, uns deswegen aber nicht ebensolche anziehen, so können wir sie auch in ihrer Religion, politischen Partei oder philosophischen Lehrmeinung ihren Weg gehen lassen, ohne auf dem eigenen irre zu werden.

1. August 2010

Ein französischer Schriftsteller wurde wegen der vielen dunklen Stellen seines Buches um Aufklärung gebeten und erklärte sich: ‘hiermit habe ich folgendes gemeint; hiermit habe ich sagen wollen’ usw. „Vous avez voulu dire de belles choses“, erwiderte endlich sein Gegenüber, „Pourquoi ne les dites vous pas?“

Dasselbe wäre trefflich auf manche unserer heutigen Künstler und Dichter anzuwenden, welche, da ihnen nicht einfällt durch Kunstfertigkeit und Schönheit zu gefallen, allerlei hintergründige Gedanken in ihren Gebilden verstecken – die aber keiner ohne Kommentar zu entschlüsseln vermag.

30. Juli 2010

Autorität des Autors

Wenn uns ein Autor für sich eingenommen hat, wenn wir seine Naturkraft und Souveränität anerkennen, so verzeihen wir ihm leicht manche Unvollkommenheit, und Stellen, die wir nicht verstehen, lassen wir offen oder geben dem Autor Kredit, daß er bei den dunklen Worten sicher etwas gedacht oder empfunden oder sie zumindest als ein Spiel genommen. Ein Autor hingegen, der sich diese Autorität nicht verschaffen konnte, ist hier sehr im Nachteil. Was man beim einen entschuldigt, zieht diesen herab und was man dort offen läßt, gar heilige Mysterien vermutend, wird diesem als leichtsinniges Umherschweifen in verschwommenen Phantasiebildern ausgelegt.

Diese Frage der Autorität und Souveränität hatte für mich lange eine allzu große Bedeutung und ging so weit, daß ich sämtliche Schreiber in zwei Lager teilte, wobei die Unteren wenig Aussicht hatten, jemals zu den Wahren und Eigentlichen aufzusteigen, die Oberen kaum fürchten mußten, ihr Privilig zu verlieren. Eine rechte Zweiklassengesellschaft also, mit deren unterer, zu welcher vornehmlich auch die Zeitungsschreiber und Akademiker zählten, ich mich niemals wirklich abgegeben habe, sie allenfalls als Dienstboten nahm, die irgendwelche Nachrichten oder wissenschaftliche Daten zutrugen.

Auch im Kreise der Erlauchten gab es freilich eine Rangordnung: Der eine schien brillianter, der andere langweiliger, der eine zu schwärmerisch, der andere zu trocken, doch immer blieb ein unzerstörbarer Kern des Verehrungswürdigen. Jünger hatte die „Stahlgewitter“ geschrieben, da konnte mich sein „Arbeiter“ langweilen wie er wollte, niemals war dadurch die Klassenzugehörigkeit in Frage gestellt. Schopenhauer hatte mich mit seinem Scharfsinn und anfangs gar mit seiner dreisten Überheblichkeit gewonnen, daran konnte sein Starrsinn und oft in die Irre führende Verbohrtheit nichts mehr ändern. Meist mit wenigen Umschweifen verlieh oder versagte ich die Aureole der Genialität und fand kaum einmal Anlass, mein kategorisches Urteil zu widerrufen.

Dies stand in einigem Widerspruch dazu, daß ich bereits in jungen Jahren allen Glauben an objektive Maßstäbe in Kunst, Moral, Politik und selbst in der Wissenschaft abgelegt hatte. Allein auf diesem Gebiete, das man vielleicht das Genialische nennen könnte, ob nämlich aus einem Menschen etwas Ursprüngliches, Schöpferisches spräche oder nur ein schwächlicher Schatten, ein kleingeistiger Parasit, darin war ich voll der Anmaßung, und glaubte, ein untrügliches Gespür fürs Wahre, Echte, Bedeutsame zu besitzen: Entweder es war vorhanden oder niemals zu erlangen.

Inzwischen muß ich wohl eingestehen, daß dabei nicht nur eigene Urteilskraft waltete, denn wer schon lange berühmt und von anderen Großen empfohlen war, fand leichter meine Gunst und zog mit Glanz und Ehren oben ein, wer dagegen bereits von einem Anerkannten abfällig behandelt oder verspottet worden, tat sich schwer und mußte oft nach kurzer Vorstellung hinab. Einen Freibrief gab es immerhin nicht, denn gar manchem, wie etwa Cicero, Herder und Wieland, blieb es trotz ihrer Fürsprecher und Jahrhunderte verwehrt, obschon ich nicht leugnen konnte, daß sie hervorragende Arbeiter waren und mir in dieser Hinsicht alles voraus hatten.

In der Jugendzeit bilden wir Cliquen, und jederzeit scheint dort ausgemacht, wer aufgenommen und wer niemals Zugang finden wird. Ein nicht Benennbares aber unsäglich Wichtiges, das sich mit keiner Bemühung und keinem Dienst erwerben läßt, gibt hier den Ausschlag. Unser Urteil scheint dabei ganz klar und ohne Subjektivität, gewissermaßen durch höhere Eingebung ausgesprochen.

Jedem Außenstehenden scheinen solche Einteilungen nur übermütiger Hochmut und auch uns selbst, im Rückblick, weit überzogen, zumal sich ja unter den „Auserwählten“ so mancher als Niete erwies. Wenn wir dann auf ebensolches Treiben der gegenwärtigen Jugend schauen, können wir uns ein mildes Lächeln nicht versagen über soviel Aufhebens und so hohes Gerichtswesen bei so geringen Unterschieden – die sich obendrein im Laufe der Zeit noch aufheben oder ins Gegenteil verkehren werden. Etwa ist ein Abstand von drei Jahren dort von unermeßlicher Bedeutung, im Alter von gar keiner, viele Freunde haben und viel bei ihnen gelten das Wichtigste von der Welt, später genügen wenige, und die Rangfolge interessiert keinen mehr.

Inzwischen scheinen mir auch meine Generalurteile über die Schriftsteller zu bröckeln und vielleicht werden sie einmal so belanglos, daß ich, im Blick zurück, auch für sie nicht mehr als das milde Lächeln finde. Zwar werde ich immer den einen dem andern vorziehen, wie mich auch nach wie vor nicht jede Gesellschaft gleich gut unterhält, doch wird das Einteilen und Bewerten schließlich ganz dem Genusse weichen, d.h. der Frage, wie wohl ich mich finde, wie ich meinen Geist beflügelt und erquickt sehe – stets eingedenk, daß dessen jeweilige Verfassung die Hauptsache daran macht. Denn selbst die besten meiner Auserwählten haben mich, bei anhaltender Lektüre, zu langweilen begonnen oder sich in Widersprüche verstrickt – wenn an einem Tag mein Geist mürrisch und kritisch gestimmt war.

29. Juli 2010

Andere berichten uns zuweilen, daß andere übel von uns reden und bewirken damit nicht wenig. Die bloße Vorstellung solcher Nachrede wühlt uns schon gehörig auf und erregt unseren Zorn, gleichviel ob da Wahres oder nur Erfundenes herumgereicht wird, und mit aller Selbstbeschwichtigung, es sei ja allenfalls Gerede und der Einsichtige brauche sich um die Meinung anderer nicht zu kümmern, schaffen wir doch kaum, den inneren Groll niederzuringen.

Zum Glück geschieht das nur selten, denn, obwohl über jeden sicher nicht wenig Übles geredet wird, sagt es uns doch kaum einer ins Gesicht, und diejenigen, die es erfahren, verschonen uns in edler Rücksichtnahme – oder weil sie fürchten, selbst zwischen die Mühlräder zu geraten. Zumal, je weniger Interesse an unserem Ruf wir nach außenhin bekunden, desto unangefochtener werden wir leben.

Allerdings sollte keiner prahlen, ihn scherten die Nachreden und Meinungen der anderen nicht. Selbst in heiteren Stunden stehen wir beständig unter ihrem Einfluß, und erst recht sind wir nicht gefeit, in geschwächter Lebenslage davon gänzlich aufgerieben zu werden.

19. Juli 2010

Allenthalben hört man heute in Urteilen über Kulturdinge die Frage nach der Neuheit. Hat der Künstler Neues in die Welt gesetzt, so ist’s gut, hat er sich bloß einer Tradition angeschlossen, wird’s zum Kunsthandwerk geschoben, Geist und Phantasie aber abgesprochen. Wieviel Qualität und Gehalt darin steckt, will man kaum wissen.

Selbst wenn einer darangeht, über frühere Werke und Meister zu urteilen, sucht er nicht was gut, sondern was einmal neu oder gar revolutionär gewesen sein könnte. C. W. Glucks Orpheo war nicht in erster Hinsicht gut, sondern neu, weil er angeblich die französische und die Italienische Oper revolutioniert habe.

Vielleicht muß der Mensch das Alte jetzt auf dieser Ebene beurteilen, da es die einzige bleibt, auf welcher so viele miserable Produkte seiner eigenen Zeit bestehen können: denn zu oft sind sie in der Tat nur neu und haben darüber hinaus nichts zu bieten.

13. Juli 2010

Man könnte meinen, es gäbe unter den Produkten menschlicher Betriebsamkeit edlere und weniger edle, entsprechend dem Grade wie sie für sich selbst genossen werden oder eben nur Zwischenprodukte und Mittel sind zu denjenigen, auf die es am Ende ankommen soll. So will man beim Kosten des Weins nichts wissen von den Erntemaschinen, beim Ansehen schöner Möbel nichts von Sägen, Hobeln und Bohrern.

Alles Mechanische, Technische, alle Maschinen und Werkzeuge wären demnach nur nützlich, als Vorstufen zu den eigentlichen Endprodukten menschlichen Schaffens, nämlich unseren köstlichen Speisen, schönen Kleidern, stilvollen Wohnungen, unserer Musik, Malerei und Literatur. Und diese wären dann am vollkommensten, wenn sie, frei von jeglichem Hinweis auf die Mühen und Absichten und Gerätschaften, welche zu ihrer Herstellung erforderlich, sich zur reinen Freude und Erbauung darböten.

Kommt es aber wirklich darauf an, das Edlere vom weniger Edlen zu unterscheiden oder geschieht dies nur aus Dünkel und Snobismus? Warum soll nicht alles in dem Maße edel und wertvoll sein, als einer seine Freude daran hat? Soll nicht jeder sein eigenes „Endprodukt“ haben, in das er sich verlieben darf? Dem einen sind es Landschaften, Pflanzen, Menschen, Tiere, Steine, ein anderer liebt schöne Abbilder dieser Dinge, Gemälde, Skulpturen, Photographien – aber mancher Photograph vernarrt sich eben auch in seine Kamera, die Linsen, Objektive, Filter, Blitze und Laborgeräte, ein Fabrikant schwärmt von Drehbänken, Fräsmaschinen und Bohrwerken, mit denen allerlei und vielleicht des Photographen Kamera hergestellt wird, und schließlich liebt der Bauer seinen Boden, der Minenbesitzer seinen Berg.

Und jeder will seinen Schatz vorführen und auf andere damit Eindruck machen, mit seinem Besitz, seinem Sachverstand, seinem Guten Geschmack, seinem Kunstverstand – denn das Eindruck–Machen ist letztlich der Punkt und der eigentliche Quell seiner Freude.

11. Juli 2010

Viele Worte verschwendete einst Polybios auf die Begründung der These, daß eines Tages das Schwarze Meer vom Schlamm der Donau ganz und gar gefüllt sei. In noch großartigeren Prophezeihungen ergehen sich Geologen und Klimaforscher unserer Tage – womit’s aber enden wird wie mit denen des Polybios: Nach zweitausend Jahren sind Donau und das Schwarze Meer noch dieselben und werdens wohl immer noch sein, wenn seine Schriften bereits vergessen sind.