DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

MORAL UND GEWISSEN

4. Juli 2013

Pyrrhon ging davon aus, daß es keine Erkenntnis der Dinge gibt und man sich daher allen Urteilens enthalten soll. Vor allem im Ethischen sei nichts an sich gut oder böse, ehrenwert oder gemein, gerecht oder ungerecht, sondern überall käme es auf Herkommen und Sitte an, also darauf, zu welcher Gruppe man gehöre, wessen Werte und Interessen man teile. Daher solle der Philosoph alles Urteilen bleiben lassen, sich ganz aufs Beobachten beschränken und allenfalls seine eigenen Angelegenheiten verfolgen.

26. Juni 2013

Ich zeige das menschliche Wesen auf eine Art, die in ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit sonst nirgendwo zu finden ist. Zur Bekräftigung meiner Erkenntnisse suche ich dabei keinerlei Belege aus wissenschaftlichen Untersuchungen oder statistischen Erhebungen, sondern berufe mich ausschließlich auf Selbstbeobachtung und Erkundung meiner inneren Regungen, auf die Motive, die meinem eigenen Verhalten zu Grunde liegen. In andere Menschen kann ich auf keine Weise hineinblicken und müßte mich daher jeglichen Urteils über ihre Motive enthalten. Trotzdem wage ich, wenn ich bei ihnen ein ähnliches Verhalten beobachte, den Schluß, daß auch ähnliche Motive gewirkt haben. Wenn ich also bei mir selbst erkenne, daß ich aus Geltungsdrang so und so gehandelt habe und nun einen sehe, der sich ebenso benimmt, so schließe ich daraus, daß hier ebenfalls der Geltungsdrang am Werke sei. Darin liegt sicherlich etwas Anmaßendes, zumal  nicht wenige von ihnen behaupten, sie würden von ganz anderen, vor allem selbstlosen Motiven bewegt. Ich kann in solchem Falle freilich nicht das Gegenteil beweisen, aber ebensowenig kann ich meine eigenen Erkenntnisse einfach beiseite schieben – weil ich sonst ihre Worte höher ansetzen müsste als meine Beobachtung, die Beobachtung meiner selbst, die mir das Allernächste und Wahrhaftigste ist.

Also bleibe ich bei meiner Anmaßung und werde darin auch bestärkt durch den Umstand, daß ich in früheren Tagen, vor meiner jetzigen Analytik und mikroskopischen Selbstschau, ähnlich gesprochen habe wie sie und mir die feineren Hintergründe und Motive meines Verhaltens nicht in diesem Maße bewusst waren.

Jedenfalls kann ich, wegen ihrer Einwände, nicht meine eigene Erkenntnis sausen lassen. Es geht mir dabei wie einem Maler, der eine Gruppe von Menschen auf seiner Leinwand abbildet, dabei das in seinen Augen Charakteristische einer jeden Person darstellt, und dem nun einer aus der Gruppe klagte, er sei schlecht getroffen und sähe in der eigenen Wahrnehmung ganz anders aus. Was sollte ihm da der Maler antworten? Er wird vielleicht zugestehen, sein Bild sei nicht in dem Sinne objektiv, daß alle darauf Abgebildeten sich sogleich wiederfänden, aber keinesfalls wird er es deswegen übermalen oder dem Geschmack des Modells anpassen. Man wird von einem ehrbaren Künstler kaum erwarten, dass er die Welt anders abbilde, als er sie sieht, und ebenso ungereimt käme es mir vor, an meiner Darstellung etwas zu ändern, solange meine Wahrheit in so klaren Lettern und schlüssigen Zusammenhängen vor mir steht.

17. Juni 2013

Wenn ich mein Handeln überdenke, was ich falsch gemacht, was hätte anders tun sollen, wo ich schuldig geworden, wem Unrecht getan, wen verletzt, wie ich vor mir selber bestehen, mich im Spiegel betrachten kann, so ist dies die Ebene, auf die mich mein Bewusstsein unmittelbar hinführt, es sind die Fragestellungen, auf die mich die Mitmenschen und Zeitgenossen seit frühester Kindheit konditioniert haben, ja die, seit Menschen darüber schreiben, das Moralische und das Gewissen definieren.

Wenn ich dann aber tiefer in mich blicke und analysiere, was hinter diesen Fragen und Gefühlen steckt, alle konventionellen Denk- und Redeweisen einmal durchbreche, so gelange ich immer und jedes Mal an dieselben und letzten Fragen: Habe ich mit meinem Verhalten jemanden gegen mich erzürnt, wird er mich jetzt weniger lieben, mich verachten, bei andern gegen mich hetzen, werden sie über mich tuscheln oder sich gar verschwören? – und würde man die Summe dieser Fragen als den Zähler eines Bruches ansehen, so wäre der Nenner: Wird meine Position dadurch geschwächt? Darin liegt die eigentliche Bedrohung, die mir die Laune verdirbt, mich ängstigt und niederschlägt – die man aber irrtümlich bzw. vordergründig Schuldgefühl, schlechtes Gewissen oder Zweifel am Selbstwert nennt. In Wahrheit nämlich habe ich gar kein Schuldgefühl und nicht im mindesten Sorge, etwas falsch gemacht zu haben, es stehen meinem Verstande immer genügend Argumente zur Verfügung, mein Verhalten zu rechtfertigen und die Schuld stattdessen anderen zuzuschieben. Was mich in Wahrheit plagt und womöglich zur Reue stimmt, ist nichts als die Sorge, wie ich jetzt bei andern dastehe, geachtet, geliebt oder eben gehasst und gemieden werde – d.h. ob meine Position gestiegen oder gefallen ist.

13. Juni 2013

Alle wirklichen Leiden kommen dem Menschen durch Zurücksetzung. Von akuten körperlichen Schmerzen abgesehen, die aber in der Regel nur kurz andauern oder nur schwere Krankheit und das Alter betreffen, ist es immer das Gefühl, weniger zu gelten,  unattraktiv, ungeliebt zu sein, verloren zu haben, unterlegen, betrogen, ausgenutzt zu sein, sich blamiert zu haben, als Schwächling, als Versager dazustehen, was den Menschen unglücklich macht. In der Liebe, im Beruf, im Spiel, in der Kunst, unter Freunden – immer ist es der Mangel an Geltung, Einfluß und Macht, immer ist es der unbefriedigte Egoismus, der die seelischen Schmerzen hervorruft.

Die meisten Weisheitslehren empfehlen daher den Rückzug aus diesem endlosen Ringen um die besseren Plätze und sehen das Heil stattdessen in Überwindung von Ehrgeiz, Eitelkeit, Streben nach Macht und Reichtum. Sie predigen Meditation, Rückzug auf sich selbst, auf Frömmigkeit, Genügsamkeit und hoffen, auf diese Weise der Gefahr zu entgehen und die größten Schmerzen zu vermeiden – wer nicht mitspielt, kann schließlich nicht verlieren. Allerdings schaffen sie mit den neuen Zielen auch gleich wieder neue Disziplinen für den allgegenwärtigen und tief in der Natur verwurzelten Wettkampfsgeist: Es geht jetzt nämlich darum, wer den wenigsten Ehrgeiz, die wenigste Eitelkeit zeigt, wer am glaubwürdigsten auf Macht und Reichtum verzichtet, wer der Genügsamste, Bescheidenste, Frömmste – Weiseste ist? Und schon gibt es wieder Auf- und Abstieg, Ruhm und Zurücksetzung, Bewunderung und Demütigung – und also Glück und Schmerz.

Am Ende bleiben jedenfalls Zweifel, ob den seelischen Schmerzen überhaupt zu entkommen ist, oder ob sie nicht das notwendige Pendant zu den Glücksgefühlen sind: Wenn wir steigen sind wir glücklich, wenn wir fallen tut es weh, aber wir können nicht immer steigen, und schon gar nicht können alle steigen, denn steigen heißt hier, im Verhältnis zu anderen steigen, weil nur dieses glücklich macht. Würden alle gleichermaßen steigen, so bliebe ja alles beim alten, und selbst wenn jeder König wäre, wäre keiner König – aber alle wären unglücklich, weil niemand sich auszeichnen könnte.

Für jeden, der steigt, muß also wenigstens ein anderer fallen, und, wie die Erfahrung zeigt, scheint auch der Gewinner an seinen Siegen nicht dauerhafte Freude zu haben, denn die Verlierer finden gewöhnlich Mittel, ihn wieder von seinem Podest herabzuziehen, ihn zu demütigen, bloßzustellen, auszuschließen, und er wird in der Summe vielleicht genauso vieles leiden als wie die zunächst ihm Unterlegenen. Nicht ohne Grund brauchen die Großen und Berühmten am meisten Hilfe von Psychologen und Therapeuten, sind regelmäßig Gast in Kuren und Selbsterfahrungskursen, oder sie verfallen Medikamenten und Drogen und bringen sich am Ende noch gar ums Leben.

Wie der Aufstieg so kennt auch die Zurücksetzung keinen absoluten Grad, sie ist immer relativ und kann daher den Höchsten genauso und vielleicht noch empfindlicher treffen als den Geringen. Wer gerade auf der Woge der Souveränität dahinsegelt, kann sich seinen eigenen Fall nicht vorstellen und sieht mit Verachtung auf die Schwächlichkeit und Kränklichkeit der andern. Aber zuverlässig wird ihn die nächste schlechte Laune daran erinnern, dass auch er noch teilnimmt an diesem ewigen Wechselspiel von Geltung und Zurücksetzung – denn seine schlechte Laune ist nichts als die Wirkung einer tatsächlichen oder eingebildeten Zurücksetzung.

11. Juni 2013

Der Grundsatz aller Philosophen und vernünftig Denkenden, dass nichts ohne eine Ursache geschehen könne, jede Veränderung einen Grund, jede Handlung ein Motiv haben müsse, ist im Grunde ebenso nur eine Meinung unter anderen und keineswegs zwingend. Warum sollte etwas nicht einfach nur so geschehen können, als ursprünglicher Schöpfungsakt, als ein Hervorgehen aus dem Nichts, als eine unbewegte Bewegung, als ein Ursprung aus sich selbst, als ein Substanz gewordener Gedanke, der selbst wiederum aus dem Nichts aufblitzt? Wenn Schöpfungskraft, Genialität und Wunderwirkung in den Dingen selbst läge, ohne dass dahinter wiederum ein Grund und ganz am Ende ein Gott als letzte Ursache stünde, ja wenn sogar überhaupt alle Geschehnisse, die wir als Wirkung einer Ursache verstehen, im Grunde diese Verbindung gar nicht hätten, sondern vollkommen aus sich selbst entstünden, ohne Zusammenhang mit etwas ihnen Vorhergehendem und all diese Verknüpfungen nur in unserem Gehirn stattfänden, nur Ergebnis unserer eingeschränkten und einschränkenden Sichtweise wären? – wie uns dies im übrigen ja Kant auf seine eigentümliche Weise dargetan! Oder wenn dieses Verknüpfen nur eine unserer Angewohnheiten wäre, uns so selbstverständlich geworden, daß wir sie für Natur und unumstößliche Wahrheit hielten – wie man auch die Existenz von Göttern und Wundern für unbezweifelbar hält, sofern man von frühester Kindheit an nichts anderes gehört hat?

Es könnte also alles so oder so sein. Nur sehe ich in dieser Tatsache keinen Grund, deswegen mit dem Denken, logischen Schließen, nach Ursachen und Zusammenhängen Forschen aufzuhören. Es bereitet nämlich allen, die darin ein gewisses Talent verspüren, einen ewig sprudelnden Quell des Vergnügens – und dieses Vergnügen kommt aus dem Wettkampf der mit dieser Tätigkeit verbunden, ja der ihr eigentlich zugrunde liegt. Das Verknüpfen und  Ergründen, das Setzen und Erkennen der Zusammenhänge, das Argumentieren, um Wissen und Erkenntnis Streiten, ist nichts als eine Form, eine Disziplin, in welcher mit geistigen Mitteln der ewige und allgegenwärtige Wettkampf aller natürlichen Wesen untereinander austragen wird. Und dieses Wettkämpfen, vor allem natürlich das Gewinnen und Triumphieren, ist das schönste was die Welt zu bieten hat!

Was einer allerdings genießen könnte, wenn er das Denken und logische Schließen zurückstellte, welche Unterhaltungen und Erfüllungen er in anderen Wahrnehmungen und Schaffenskräften, in anderen Disziplinen fände, das bleibe einmal dahingestellt. Wir dürfen aber voraussetzen, daß es überall Gelegenheit zum Wettkampf und zum Triumphieren gibt. Zumindest scheinen ja die Wundergläubigen, Naiven, ganz ihren Emotionen Hingegebenen in keiner Weise unglücklicher zu sein als die Vernünftigen und logisch Denkenden.

5. Mai 2013

Die absolute Wahrheit in philosophischem oder theologischem Sinne existiert nicht, und selbst wenn es sie irgendwo gäbe, so spielte dies für uns Wahrheit-Suchende gar keine Rolle. Die Suche nach Wahrheit ist wie ein Wettkampf im Sport: wir versuchen die Kontrahenten zu übertreffen und auszustechen, den Beifall des Publikums und den Ruhm der Nachwelt zu erlangen, aber nicht eine absolute oder endgültige Marke zu setzen. So wenig es beim Hundertmeterlauf darauf ankommt, eine bestimmte Zeit zu laufen oder beim Fußball, eine bestimmte Anzahl Tore zu schießen, sondern bei jenem nur darauf, schneller als die andern zu sein, hier, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Ebenso ist das Ziel unserer Wahrheitssuche nur, die andern im Disput zu übertreffen und etwas Neues, Unerhörtes in die Welt zu setzen, mit Redekunst und Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum die Konkurrenten niederzuringen.

Eine absolute Wahrheit kann demnach weder gefunden noch auch nur angenähert werden – und am Ende nicht einmal erwünscht sein. Sie ist ein leerer und letztlich sinnloser Begriff. Und selbst wenn es sie gäbe und einer sie erkennen könnte, so wäre doch der ganze Witz dahin sobald es einem andern ebenso gelänge, weil alsbald der Triumph des Ersteren verdorben und sein Sieg zu nichts zerronnen wäre. Könnte ein Hundertmeterläufer selbst in null Sekunden die Distanz bewältigen, so würde es ihm doch nichts helfen, sobald anderen dasselbe gelänge.

1. Mai 2013

Wir können davon ausgehen, dass jedes Mal, wenn einer ein Urteil über menschliches Handeln abgibt, ihn ein persönliches Motiv antreibt. Es geht immer um einen Vorteil oder um die Furcht eines Nachteils, manchmal materieller Art, meistens jedoch, weil er um sein Ansehen besorgt ist oder um dasjenige einer Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, und deren Ansehen wiederum sein eigenes hebt oder schmälert. Oft ist Fantasie und ein Blick in die Tiefen der menschlichen Seele erfordert, um die verschlungenen Umwege und die subtilen Verknüpfungen zu erkunden, aber man wird am Ende immer fündig.

Ginge es in keiner Weise um unseren Vorteil, so würden uns die Taten der andern auch nichts angehen, und wir hätten keinen Grund, uns darüber lobend oder scheltend auszulassen. Wir würden sie viel mehr betrachten wie wir eine schöne Landschaft betrachten, interessant finden wie das Balzverhalten der Tiere oder ihren Kampf um Lebensraum und Nahrung.

Diese Erkenntnis hat mich nun keineswegs dahin gebracht, die Menschen für schlechter zu halten oder ihren Egoismus anzuklagen – der mir vielmehr als das Natürlichste und Selbstverständlichste von der Welt erscheint – sie leitet mich nur zu einer gewissen Vorsicht: Wenn andere ihre Wertungen vorbringen, erwarten sie, dass man in der Angelegenheit ebenso Stellung beziehe und vor allem, dass man ihnen beipflichte. Wenn ich aber sogleich erkenne, dass es hier nur um ihren Vorteil und um ihr Ansehen zu schaffen ist, werde ich mich weniger in der Pflicht sehen, ihnen beizustimmen und mich vor ihren Karren spannen zu lassen. Ich werde gelassen zuhören wie der Amsel beim Singen, dem Specht beim Knattern und der Krähe beim Krähen.

27. April 2013

Der Mensch sucht überall den Wettbewerb und schafft sich dazu alle denkbaren Disziplinen, für die in der Natur zunächst keinerlei Anlass oder Notwendigkeit bestünde. Er will sich messen im Sport, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Kriege, in der Moral oder sich wenigstens Protagonisten wählen, die für ihn um den besten Platz ringen, mit denen, wenn sie gewinnen, er sich als Sieger fühlen kann, an deren Ruhm er sich beteiligt fühlt.

In den Religionen geht es darum wer am frömmsten ist, wer den Göttern am nächsten steht, in der Wissenschaft wer die besten Argumente liefert, im zivilen Leben wer der beste Demokrat, der beste Humanist, Menschenrechtler ist, wer sich am besten für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt, wer gegen Atomkraft oder für eine höhere Wirtschaftsleistung streitet, als Vegetarier den Verzehr von Tieren ächtet, für die Freiheit der Meinungsäußerung kämpft, für die Gleichberechtigung von Randgruppen – oder jeweils deren Gegenteil.

Dies alles sind nur verschiedene Disziplinen für den einen Drang, nämlich hervorzuragen und andere zu besiegen. Insofern stimme ich dem Philosophen David Precht zu, dass Fußball heute zum Ersatz für Religion geworden sei. Allerdings nennt diese Aussage den Kern der Sache noch nicht beim Namen, denn was hinter beiden steckt, was den Menschen eigentlich sowohl zur religiösen als auch zur sportlichen Begeisterung antreibt, es ist der Wettbewerb.

Wenn nun die eine Disziplin aus der Mode kommt, wie heute vielenteils die Religion, so sucht sich der Mensch eine andere Disziplin, und dies mag etwa der Fußball sein. Was früher den Menschen für seinen Orden begeistern konnte, für besonders Fromme und Heilige, welche ihm vorgestanden, das kann ihm heute seine Fußballmannschaft sein, an deren Ruhm er sich ergötzt als habe er die Leistung selbst vollbracht. Aber all diese Disziplinen sind Kunstprodukte des Menschen, einem steten Wandel und den Moden unterworfen, denn wofür man heute Lorbeeren erntet, das war früher geradezu verpönt und wird in wenigen hundert Jahren wiederum verpönt sein – wenn neue Disziplinen in Mode stehen.

26. April 2013

Gerechtigkeit ist kein himmlisches Gebilde aus Idealen, sondern ein Konglomerat aus vielerlei Werten und Regeln mit dem einzigen Zweck, den sozialen und zwischenmenschlichen Frieden zu fördern. Was Gerechtigkeit in einem höheren, absoluten, allgemeingültigen Sinne wäre, kann auf keine Weise definiert werden. Ob es gerecht wäre, wenn alle gleich viel hätten, unabhängig ihrer Herkunft, unabhängig ihrer Leistung, oder ob alles von der Herkunft oder der persönlichen Leistung abhängen soll und jeder, nach seiner Stärke oder seinem Talent, sich nehmen solle was ihm beliebt, nach einem freien Spiel der Kräfte – was von derlei Vorstellungen letztlich gerecht sei, ist nirgendwo in der Natur oder im Himmel festgeschrieben. Vielmehr so, wie sich die unterschiedlichen Kräfte auf die Menschen verschieden verteilen, so wird auch, was gerecht sei, verschieden gesehen und letztlich in irgendeiner Mischung im Wertesystem und Gesetzeswesen einer Gesellschaft festgeschrieben.

Beispiel: Dass die Stärkeren und Kräftigeren von ihrem Überschuss etwas an die Bedürftigeren abgeben sollen und etwa einem höheren Steuersatz unterliegen, hat mitnichten etwas mit Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun, denn bei Gleichbehandlung müsste ja jeder nur so viele Steuern bezahlen, als er Leistungen des Staates für sich in Anspruch nimmt. Nein, es soll allein zur Wahrung des sozialen Friedens dienen, auf dass die Elenden und Bedürftigen sich nicht zusammenrotten und, weil sie ja in der Mehrheit sind, mit guten Chancen die Reichen überwältigen und überhaupt den Staat ins Chaos stürzen könnten. Beispiel: Viele Streitigkeiten in einer zivilen Gesellschaft drehen sich um Erbschaft: sollen alle Erbberechtigten gleich viel haben, oder die mehr, welche den Erblasser im Alter gepflegt oder ihm sonst wie zu Gefallen waren oder Vorleistungen erhielten oder erbracht haben usw. Alle beteiligten Parteien argumentieren stets mit der Gerechtigkeit, obwohl in keiner Weise auszumachen ist, was diese eigentlich sei. Nicht einmal eine Erbberechtigung an sich lässt sich aus einem Naturrecht herleiten: Warum soll jemand überhaupt etwas erben, warum nicht, wie schon erwähnt, jeder von vorne beginnen und allein durch seine Leistungen zu Erfolg und Vermögen kommen? Warum soll, andererseits, der Erblasser nicht völlig frei sein, über den Verbleib seiner Güter zu entscheiden, also entweder seine Nachkommen mit dem Privileg großen Reichtums versehen oder sie, wenn es ihm beliebt, völlig enterben? Welches Recht maßt sich schließlich ein Erbe auf seinen Anspruch an?

Das Werte- und Gesetzeswesen, welches Gerechtigkeit vorschreiben und durchsetzen soll, hat, wie gesagt, den sozialen Frieden und die Ruhe im Staate zum Ziel. Dazu müssen Regeln aufgestellt und von Gerichten durchgesetzt werden, und dadurch wird eine scheinbare Neutralität geschaffen usw. usw. Nur sollte diese Friedensarbeit eine gewisse Grenze vielleicht nicht überschreiten. Wenn nämlich – zur Beruhigung der Bedürftigen – alles umverteilt würde, so wäre zwar von unten keine Unruhe mehr zu fürchten aber auch von keiner Gruppe der Gesellschaft mehr irgendwelche Aktivität und Leistung zu erwarten.

Warum überhaupt die Gerechtigkeit so hochgehalten wird wie ein himmlisches Gut und der Gerechte wie ein Heiliger allseits Lob erfährt, kommt letztlich daher, dass er die Interessen der Gesellschaft so sehr befördert und jeder sich von solchem Tun einen direkten oder indirekten Vorteil verspricht – ist also Ausdruck des Egoismus aller Beteiligten.

22. April 2013

An einen Freund

Ich danke Dir für Deine Teilnahme. In der Tat war und ist die Frage, wie wir nach dem Tode dastehen werden, sei’s vor einem höheren Richter, einer Schicksalsmacht oder im Gedächtnis der Nachwelt, ein fester Bestandteil unseres Ehrgeizes, unserer Sorgen und Hoffnungen. Sie bildet die Konstante und sozusagen das Thema, demgegenüber Jüngstes Gericht, Zyklen der Wiedergeburt, irdischer Nachruhm usw. nur die Variationen zu sein scheinen.

21. April 2013

Um es in einem Wort zusammenzufassen: Macht ist das Ziel aller Wesen. Zur Macht gehört für uns aber auch das Bewusstsein von Selbstbestimmung und Freiheit. Denn wären wir bloß das Werkzeug eines anderen, so wäre er der Mächtige, nicht wir. Wir streben also gleichermaßen nach Macht und nach Freiheit, denn das eine kann ohne das andere nicht sein – ja sie sind gewissermaßen ein und dasselbe. Ohne Freiheit können wir nicht tun und lassen was wir wollen, haben also keine Macht, und ohne Macht können wir es ebenso wenig und sind demnach unfrei.

Allerdings wirkt hier oft ein Gefühl der Macht aus Zugehörigkeit: Wenn ich diesem mächtigen Herrn diene, wenn ich dieser siegreichen Armee angehöre, Bürger dieses blühenden Staates bin, Mitstreiter dieser einflußreichen Bewegung oder Fan dieser aufsteigenden Fußballmannschaft, dann tragen mich die Wogen ihrer Macht empor, auch wenn ich diese Macht nicht in dem Sinne frei ausübe, daß ich dort viel zu bestimmen hätte. Immerhin aber habe ich mich ja im Bewußtsein voller Selbstbestimmung und Freiheit zu der jeweiligen Gruppierung bekannt und kann deswegen den Abglanz ihrer Macht auch ungetrübt genießen. Das „gemeinsam sind wir stark“ ist für viele sogar noch erhebender – zumal sie vor den Risiken, die mit persönlicher Machtfülle immer verbunden sind, doch eher zurückschrecken.

11. April 2013

Alles Schöne, alles Hässliche, alles Erfreuliche und alles Verdrießliche im Umgang mit anderen Menschen hat seinen Grund nirgendwo anders als in unserer Eitelkeit und Eigenliebe. Schön und erfreulich ist, wenn wir geachtet und geliebt, bewundert und liebkost werden, aber nichts schlägt mehr aufs Gemüt als wenn man uns nicht gelten lässt, kritisiert, beschimpft, beleidigt, kränkt, wenn wir mit unseren Argumenten unterliegen, andere uns den Rang ablaufen und bevorzugt werden.

Diese Eitelkeit ist der Grund, warum wir Gesellschaft suchen, uns auf Liebschaften einlassen, uns nützlich machen und nach Verdiensten streben – aber sie ist ebenso der Grund, wenn wir Gesellschaft und Streitgespräche meiden, uns auf uns selbst zurückziehen, dem Wettbewerb um Schönheit und Reichtum entsagen. Sie weckt einerseits unseren Ehrgeiz, ohne den nichts Schönes und Großes zu Stande käme, sie macht uns wehrhaft gegen Angriffe unserer Konkurrenten und läßt unsere Talente blühen – aber sie leitet auch an, unseren Frieden in Rückzug und in der Einsamkeit zu suchen, um den Niederlagen und Demütigungen zu entgehen.

Es gibt nur wenige Freuden und Leiden, die nicht von der Eitelkeit dominiert werden: Kälte und Hunger oder schwere Krankheit, die Freuden einer guten Tafel oder das Finale im Liebesakt. Doch würde ich meinen, dass selbst noch in diesen Freuden und Leiden unser Geltungsdrang und unsere Eitelkeit eine maßgebliche Rolle spielen, und selbst die Freuden der Kunstgenüsse hängen davon ab, wie wir uns in den Werken wiederfinden, d.h. uns selbst und unseren Geschmack bei anderen bestätigt sehen.

10. April 2013

Wenn wir nicht Angst hätten, uns lächerlich oder bei den Neidern verhasst zu machen, wäre uns kein Lob jemals zu groß und keine Schmeichelei zu dick aufgetragen. Wir würden wachsen bei dem Lob unserer Größe, aufblühen bei dem Preis unserer Schönheit und, dem Genie gleich, alles überstrahlen bei der Bewunderung unserer Klugheit. Im Grunde gefällt uns jedes Lob und jede Schmeichelei, solange wir nur irgend eine Spur von günstiger Gesinnung beim Lobenden vermuten oder eine günstige Wirkung auf das Publikum erhoffen. Nur wenn wir argwöhnen, man wolle uns hochnehmen, obsiegt in uns die Vorsicht und wir wehren ab und mimen den Bescheidenen. Zu vieles Lob müssen wir auch deswegen von uns weisen, weil wir den Hass derer auf uns zögen, die nicht dulden, dass andere oder wir selbst uns für besser halten. Der bescheidene Lobverächter ist also nicht weniger eitel sondern nur weniger einfältig, denn er erkennt rechtzeitig, wohin die offen gezeigte Selbstgefälligkeit uns bringt.

Zuletzt kann die Schmeichelei auch eine unangenehme Komponente haben, wenn sie nämlich von einer niedrigen und wenig geachteten Person vorgebracht wird: wir fürchten dann als einer dazustehen, der auf solch schnöde Nahrung angewiesen ist. Dennoch hat selbst diese Schmeichelei noch ihren wohltuenden Part.

7. April 2013

Lukian in seinem Bericht über das Lebensende des Peregrinus: Und so hat denn der heillose Mensch Peregrinus oder (wie er sich selbst lieber nannte) Proteus die Ähnlichkeit mit seinem Homerischen Namensverwandten, vollständig gemacht, und der ehrsüchtige Tor, nachdem er sich nach und nach in tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, ist zu guter Letzt – so heftig brannte die Liebe zum Ruhm in ihm – noch gar zu Feuer geworden! Man könnte ihn, was diesen Punkt betrifft, einen zweiten Empedokles nennen; wiewohl mit dem Unterschied, daß jener, als er sich in den Krater des Ätna stürzte, von niemand gesehen sein wollte: dieser edle Held hingegen die volkreichste aller griechischen Nationalversammlungen zur Szene seiner großen Tat erwählte und einen ungeheuern Holzstoß auftürmen ließ, um in Gegenwart einer unendlichen Menge von Zuschauern hineinzuspringen, nachdem er sie sogar, wenige Tage vor Bestehung dieses Abenteuers, durch eine öffentliche Rede davon benachrichtiget hatte.

Ein extremes Beispiel unseres Geltungsdranges – und obendrein halte ich für wahrscheinlich, dass in beiden Fällen die Eitelkeit dahinterstand, beim Empedokles, weil er fürchtete gesehen zu werden, beim Peregrinus, weil er es hoffte.

23. Februar 2013

Moralisch handeln heißt andern gefallen und nichts weiter. Wenn wir dabei überhaupt Freiheit genießen, so allenfalls darin, dass wir den Kreis wählen können, dem wir gefallen wollen: ob der Familie oder den Freunden, einer Partei oder der Kirchengemeinde, der Presse oder womöglich erst einigen Auserwählten der Nachwelt.

Das Gute liegt aber nicht in der Tat selbst oder in der guten Absicht des Täters, sondern bei der Zielgruppe, die von der Tat profitiert, denn sie spricht das Urteil. Ist sie materiell begünstigt oder in ihrer Ehre gehoben, wird sie ihn loben, wenn nicht, an den Pranger stellen und mit Verbannung drohen. Der Egoismus des Täters ist nur insoweit beteiligt als er den Egoismus der anderen provoziert – aber sie erst bringen, für ihre Zwecke, die Moral ins Spiel.

18. Februar 2013

Wie glücklich die Menschen im einzelnen sind, bleibt uns verborgen. Man sieht nur, dass die einen mehr klagen, die anderen weniger, aber ein zwingender Zusammenhang zwischen den äußeren Verhältnissen und ihrer inneren Befindlichkeit läßt sich daraus keinesfalls ableiten. Ein Besteiger des Mount Everest kann in furchtbare Nöte geraten, unter schrecklichen Schmerzen, gar den Tod vor Augen und doch behaupten, er sei glücklich, während ein anderer, dem nichts Sichtbares fehlt, immerzu über seine seelischen Qualen lamentiert. Warum die einen sich eher als Zufriedene oder Glückliche geben, könnte zuweilen auch daran liegen, dass sie bloß mehr Stolz besitzen und sich schämen würden zu klagen, aus Furcht, wie Verlierer dazustehen – sie wären also glücklich aus Eitelkeit. Die Leidenden hingegen wollen sich Gehör verschaffen, indem sie auf das Mitleid pochen und erhoffen sich, wenn nicht Ansehen und Zuneigung, so doch Aufmerksamkeit und Fürsorge – sie wären also unglücklich aus einem ebenso egoistischen Motiv wie die anderen glücklich.
Jedenfalls lässt sich weder aus den Äußerungen noch aus den Umständen über tatsächliches Glück oder Unglück urteilen.

29. Januar 2013

Weissagungen, Orakelsprüche – diejenigen unserer Wissenschaften nicht ausgenommen – Fernheilungen, Handauflegen, Wirkstoffe in homöopathischer Dosierung, Gesundbeten, Mittel und Kuren der Ärzte: Dass dergleichen häufig Wirkung tut, scheint mir weniger ein Beleg für die davon ausgehenden Kräfte, als vielmehr für die enorme Sensibilität vieler Menschen, die so weit geht, dass sie sogar auf ein offensichtliches Nichts – wie die mannigfachen Placeboeffekte bestätigen – mit erstaunlichsten Symptomen reagieren.

Einst nahm ich an einer Veranstaltung teil, wo ein berühmter japanischer Chi–Lehrer vorführte, wie er mit reiner Geisteskraft diese geheimnisvolle Energie, welche die Fernöstlichen Chi oder Ki nennen, im Hara, der Bauchgegend, sammeln und von dort gebündelt auf sein Gegenüber strömen läßt, welches dadurch die wunderlichsten Wirkungen erfährt. Tatsächlich wurden viele der Teilnehmer, vor allem der Teilnehmerinnen, allein durch den kraftvollen Ausstoß seines Atems, begleitet von einer imperativen Geste, mehrere Meter durch den Raum an eine gepolsterte Wand geworfen, wo sie taumelnd niedersanken, beglückt von solchem übernatürlichen Kraftimpuls. Daß es dabei jedoch sehr auf die Empfänglichkeit ankam, war deutlich, denn einige reagierten überhaupt nicht und empfanden auch keinerlei Wirkung, wie ich es von mir selbst bestätigen kann.

Natürlich ist es letztendlich egal, wo der Effekt seine Ursache hat, ob in der ausströmenden Kraft des Magiers oder der hohen, bis zur Erfindung neigenden Empfindsamkeit des Empfangenden – die Wirkung ist ja beidemale dieselbe. Dennoch neige ich, von Natur und aus Erfahrung, zu der Ansicht, dass sich die Hauptsache beim Empfangenden abspielt und vom Sendenden nur erfordert ist, dass er die Saiten an der rechten Stelle anschlägt und die Resonanzfrequenzen trifft.

Dies scheint mir auch eine Parallele zu der Auffassung, dass die Moral beim Empfangenden entsteht, welcher demnach dafür verantwortlich ist, ob eine Tat als gut oder böse gilt. Losgelöst von den Interessen des Empfängers müssen alle Taten neutral sein – und werden ja auch von verschiedenen Betrachtern ganz unterschiedlich beurteilt und erst recht neutral, wenn wir etwa das Treiben der Tiere und Pflanzen betrachten. Der Täter ist nur insofern moralisch verwickelt wie er entweder hofft, beim Empfänger auf Lob, Anerkennung und Zuneigung zu stoßen, oder fürchtet, sich ihn zum Feinde zu machen – welche Furcht mit dem schlechten Gewissen gleichzusetzen ist.

17. Januar 2013

Es ist meine Darstellung freilich nur eine begrenzte, einseitige und unvollständige Betrachtung der Wirklichkeit, gewissermaßen ein Blick in die Küche, unter die Karosserie, hinter die Kulissen… Die schöneren, nützlicheren und für die meisten interessanteren Aspekte kommen dabei nicht zu ihrem gebührenden Rechte. Allerdings werden diese ja tagein tagaus und seit erdenklichen Zeiten von unzähligen dazu Befähigteren behandelt, von Dichtern und Denkern und überhaupt allen, die sich mit derartigen Gegenständen befassen – sodaß man mir meine Beschränkung vielleicht wohlwollend durchgehen läßt.

Aufgrund allgemeiner Denk- und Redegewohnheiten wird es manchem scheinen, als hätte ich kein anderes Ziel, als das ohnehin schon wenige Gute im Menschen noch vollends auf ein Böses, Egoistisches zu reduzieren. Dem ist aber mitnichten so, denn vielmehr führe ich alles, was als das Gute, das Böse, das Altruistische und das Egoistische bezeichnet wird, auf seinen gemeinsamen natürlichen Ursprung zurück. Wenn es dabei, an beiden Polen, von seiner Wichtigkeit verliert, so hat dies, zumindest vorübergehend, für die Zeit dieser theoretischen Betrachtung, einen ausgleichenden, das Gemüt beruhigenden und insgesamt Frieden stiftenden Effekt – wobei keiner zu fürchten hat, dass ihn die Polarisierung nicht bald wieder zurückholen werde, sobald er nämlich erneut in die Geschäfte und Händel seines Alltags eintaucht.

12. Januar 2013

Unsere hauptsächliche Antriebskraft ist die Eitelkeit. Wir verbergen sie so gut es geht – aus Eitelkeit.

18. Dezember 2012

In ihrem Streben nach Glück versuchen die östlichen Weisen und viele ihrer esoterischen Nachahmer das Ich zu überwinden, das Selbst zu entgrenzen, mit der Welt Eins zu werden. Ich gehe den entgegengesetzten Weg, bekenne mich zum Ich, zum natürlichen Streben nach Anerkennung und Macht, welche mir die hauptsächlichen Quellen und Grundlagen des Glücks zu sein scheinen.

Erstaunlicherweise nehme ich auf meinem Wege ganz ähnliche Erfolge wahr wie die Esoteriker von dem ihren berichten: eine zunehmende Gelassenheit sowie eine Art Versöhnung mit den Gegensätzen und Streitigkeiten, die uns überall begegnen – und gewöhnlich ärgern. Indem ich die Gegensätze als Natur ansehe, die Streitigkeiten als Grundprinzip allen Lebens und Wachsens und sogar alle moralischen Werte von jeder höheren Herkunft entblöße, sie stattdessen als bloße Werkzeuge in dem ewig währenden Ringen um Selbstbehauptung und Machtgewinn interpretiere, wird mir alles zur Natur und vergleichbar mit den Gräsern auf der Wiese, die ebenfalls sämtlich nach oben streben und nach Möglichkeit ihre Nachbarn überschatten und überwuchern.

Wenn nun die Esoteriker und östlichen Weisen auf ihrem Wege glücklich werden, ich aber auf dem meinen, ganz und gar entgegengesetzten, so kann es ja nicht am Wege liegen, sondern muss von anderen Dingen herrühren.

Man könnte das Alter anführen, welches gelassener macht gegen Zustände und Ereignisse, die uns schon zum x-sten Male begegnen, die ihre Gewalt und Anstößigkeit, mit der sie uns anfangs überrollten, so ziemlich an uns abgerieben haben. Man könnte den Charakter des Einzelnen anführen, wo der eine zur Genügsamkeit, der andere zum Leiden und Wehklagen neigt. Vielleicht gibt es, wie sich neulich ein kühner Denker ausgedrückt, auch schlichtweg nur Glückliche und weniger Glückliche, fürs Glück Begabte und Unbegabte, und alles, was man unternimmt, um daran etwas zu verbessern, prallte letztlich an diesen Naturgegebenheiten ab.

Die Östlichen schwören auf Entgrenzung, denn nur durch Überwindung des begrenzten, ewig streitenden Ichs könne das Glück erreicht werden. Sie halten daran fest, nur durch Überwindung der Natur (als was eine Entgrenzung letztlich bedeutet) könne man zum Erfolg kommen und also selig werden. Diese Festlegung auf einen einzigen möglichen Weg erinnert an den Anspruch der Religiösen, dass nur durch Glaube an ihren Gott und an das Jenseits, an das Fortleben nach dem Tode im Paradiese, die Misslichkeiten des Lebens und vor allem der Schrecken des Todes zu ertragen seien, und dass diejenigen, die sich ihr Lebtag gegen den Glauben gesträubt, spätestens in ihrer letzten Stunde voll des Schreckens und der Furcht den Übergang in die andere Welt anträten. Zur Bekräftigung führen sie Beispiele an, wie einer auf dem Sterbebette dann doch noch um den Glauben und die Aufnahme in die Kirche gefleht habe. Nun hat sich aber in neuerer Zeit gezeigt, dass, im ganzen, die Ungläubigen nicht ängstlicher in den Tod gehen als die Gläubigen — die sich ja womöglich noch vor der Hölle fürchten müssen — woraus wiederum zu schließen wäre, dass es viel eher an der Lebenslage oder am Charakter liegt, wie einer diesen Schritt bewältigt — die einen jammern und zittern, die anderen schreiten ruhig und stoisch — dass unser Glück und Unglück vom Wege, den wir beschreiten, von der Religion, die wir wählen, von der Weisheit, die wir verfolgen, von den Lehren und Lehrern, denen wir anhängen, so ziemlich unabhängig ist und wir unser Schicksal erfahren, selbst wenn wir uns gar keiner Lehre anschließen, keinerlei Glücksrezepte sammeln, sondern einfach drauflos marschieren, wie es ja so viele tun, von denen sich keinesfalls sagen ließe, dass sie im Durchschnitt unglücklicher wären.

Übrigens, wenn für einen Glauben oder eine Weisheitslehre geworben wird, hört man allenthalben von Erleuchteten, selig Gewordenen, ihre ursprünglichen Leiden überwunden Habenden, und wie deren Erfolg hinreichend Beweis für die Kraft und Wahrhaftigkeit dieser Lehre sei. Die Tausende oder Hunderttausende jedoch, welche dieselbe Lehre aufgegriffen, sich dieselbe Mühe gegeben aber erfolglos zeitlebens in ihrem Unglücke steckengeblieben, die werden freilich nicht aufgezählt.

Aus meinen eigenen Beobachtungen würde ich schließen, daß diejenigen, die von Natur mit einem schwachen Willen, wenig Ehrgeiz, wenig Stolz ausgestattet sind und stattdessen lieber auf das Mitleid der andern bauen, dass diese, auch wenn sie lange und mühevoll in Weisheitslehren, Therapien, Meditationen und Selbsterfahrungstechniken ihr Glück versuchen, am Ende doch um kein Stück glücklicher werden, sondern wie einst und je im Sumpfe ihrer Seele herumwühlen. Und dass diejenigen, die erfolgreich waren, es aufgrund ihres Wesens auf jeden Fall geworden wären, hätten sie sich, anstatt mit Glückstheorien auch bloß mit Handel, Politik oder Kriegskunst beschäftigt, ja hätten sie bloß in einer Werkstatt Autos repariert oder Ihren Garten umgegraben. Wer unternehmungsfreudig vorwärts strebt, kann diesen Bewegungsdrang und die Freude am Erfolg in jedem praktischen Berufe ausleben — und natürlich auch beim experimentieren mit psychologischen Therapien, durch stetige Vertiefung in Weisheitslehren oder religiöse Frömmigkeit. Die persönliche Grundstimmung macht den Ton in der Musik der Seligkeit, auf den Musiker kommt es an, nicht auf das gewählte Instrument.

22. November 2012

Sobald wir werten werden wir parteiisch und also beschränkt. Wir mögen noch so allgemeine Argumente vorbringen oder die Globalisierung verteidigen, die allgemeinen Menschenrechte, den Gott aller Menschen, es wird doch immer parteiisch sein – sobald wir nämlich die eigenen Gedanken, Erkenntnisse, Systeme und Werte über die der anderen stellen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, denn das Streiten, das Sich-behaupten-wollen, das Besser-sein-wollen ist der selbstverständlichste Vorgang in der Natur, es ist die reinste Natur. Nur mit strenger Logik ist es unvereinbar, denn von zwei Stäben kann nicht jeder länger sein als der andere.

Andererseits ist die Logik gar kein Wert an sich sondern wiederum bloß ein Werkzeug – ein Werkzeug unter vielen – dessen sich der Mensch bedient, um seinen Argumenten Gewicht zu geben, um sich Gewicht zu geben, um den Gegner zu schwächen, der, wenn es seinen Argumenten an Logik gebricht, als ein geistig Minderbemittelter dasteht. Ob eine Entscheidung, die auf logische Schlüsse gebaut ist, mehr Gutes bringt als eine, die auf bloßen Gefühlen ruht, läßt sich aber niemals feststellen – ja, nicht einmal was das Gute überhaupt sei, denn auch dieses ist ein sehr wandelbares Ding.

8. November 2012

Man fragt natürlich, ob diese hier entwickelte Betrachtungsweise auch irgend einen Nutzen bringe oder wenigstens mein eigenes Leben positiv beeinflusst habe — und diese Frage ist mehr als berechtigt, denn ohne einen solchen praktischen Nutzen bliebe ja nur noch der Vorteil der Erkenntnis, mit der man zwar glänzen aber die meisten Probleme doch nicht lösen kann.

Nun handelt es sich bei meinen Betrachtungen zunächst zwar nur um Beobachtung und Beschreibung des Lebens und gar nicht um eine Anleitung, besser oder glücklicher zu leben und auch nicht darum, was moralisch richtig oder falsch, gut oder böse ist, sondern vielmehr was die Moral selbst ist und wo sie vermutlich herkommt – doch kann ich nicht leugnen, daß ich von meinen Erkundungen auch profitieren will und daß ich sicher längst aufgegeben hätte, würde mir nicht scheinen, ich zöge in der Tat einigen Gewinn daraus.

Als den Hauptgewinn würde ich nennen: Gelassenheit. Eine zunehmende Gelassenheit in Bezug auf mein persönliches Umfeld und auch hinsichtlich des öffentlichen politischen und kulturellen Geschehens. Gelassenheit in den Fragen, was menschlich, was gerecht, was gut oder böse, schön oder hässlich, wahr oder unwahr ist. Indem mir zunehmend bewusst wird, dass es hier nicht um höhere Prinzipien geht, sondern um das tägliche natürliche Ringen eines jeden Einzelnen um seine Geltung und Anerkennung, gelingt es mir, sowohl die Positionen der anderen als auch meine eigene mit weniger tierischem Ernst zu betrachten.

Gerade auch die eigenen Fehler, für die man sich schämt, wegen derer man sich haßt, kann ich insofern gelassener sehen, als ich sie nicht mehr als absolute Verfehlungen betrachte, sondern als an sich wertfreie Handlungen und Eigenschaften, die nur leider nicht taugten, sich Zuneigung und Anerkennung zu verschaffen, ja durch die man sich womöglich Hass und Feindschaft zuzog. Aber die Anderen hassen mich nicht wegen meiner Fehler sondern wegen ihrer Nachteile, also aus purem Egoismus – und das ist gewissermaßen tröstlich.

Solange man den Gegner zu ernst nimmt in seinem Anspruch, hinter seinen Vorwürfen und Forderungen stehe Gott selbst oder der edle Humanismus oder die vollkommene Gerechtigkeit, Schönheit oder Wahrheit, wird man schärfer getroffen und läßt sich leichter in die Enge treiben, und solange man überzeugt ist, ebenfalls für derartige unverhandelbare Werte zu streiten, verbeißt man sich in seine Stellung und lässt sich von Wut und Hass aufreiben.

Ohne diesen Ernst wird man gelöster zu den Seinen, den Freunden und allen anderen, kann sie vorbehaltloser und herzlicher lieben, ist von ihrer Eitelkeit, ihrem Geltungsdrang, ihrer Lobsucht weniger angewidert, über ihren Eigennutz weniger entrüstet – weil man ohnehin davon ausgeht, dass sie von nichts Anderem angetrieben werden, und dass dies die natürlichste Sache von der Welt ist, und dass man selbst, samt allen anderen Geschöpfen der Natur, zu dieser Welt gehört.

Ich könnte mir vorstellen, dass der größte Gewinn, den die Menschen in Religionen und Weisheitslehren finden, darin besteht, dass sie sich aus den Turbulenzen und Verstrickungen der täglichen menschlichen Händel ein gutes Stück befreien, indem sie ihren Maßstab nicht mehr bei den Menschen suchen, sondern bei einem darüber stehenden absoluten Wesen, oder indem sie, wie im Zenbuddhismus, ihr eigenes Ich überwinden, d.h. aus der Verstrickung in diese nimmer endenden Geltungskämpfe heraushalten. Obwohl ich nun einen gegenläufigen Weg beschreite und das Ich mit samt seinem Geltungsdrang und Machtstreben als eine natürliche und fruchtbare Kraft gelten lasse, komme ich, was die wohltuende Wirkung auf das Gemüt betrifft, vielleicht zu einem ähnlichen Ergebnis. Indem ich den Wertungen, sowohl den Vorwürfen und Anklagen als auch den Lobeshymnen und Verherrlichungen, ihre Spitze, ja ihre Grundlage nehme und sie stattdessen auf natürliche Interessen zurückführe, nehme ich ihnen, zumindest in Gedanken, auch alle Schärfe und schaffe dem Gemüt Gelegenheit, ihnen in vollkommener Ruhe gegenüberzutreten. Sowohl die Furcht vor Abwertung als auch der Neid auf unerreichte Vorzüge wird gemildert mit der Einsicht, dass wir nicht wegen eines objektiven Mangels abgewertet werden, sondern nur weil andere, indem sie uns abwerten, sich selbst aufwerten wollen, und dass man nicht wegen objektiver Vorzüge höher steht, sondern nur gelobt und bewundert wird von welchen, die sich von ihren Komplimenten und Schmeicheleien wiederum eigene Vorteile versprechen.

In dieser Beruhigung und Befreiung des Gemüts sehe ich also den hauptsächlichen Nutzen, der aus meiner Betrachtungsweise zu ziehen ist. Der Rest ist Lust an Erkenntnis und Freude an einer neuen Darstellung, welche in vieler Hinsicht die gewöhnliche Oberfläche durchbricht und unerschrockener in Tiefen dringt, die mit solcher Konsequenz noch nicht ausgeleuchtet wurden.

8. Oktober 2012

Dostojevski berichtet von einem Verbrecher im Mittelalter, der 60 Mönche und 6 kleine Kinder verspeist haben soll. Schließlich aber habe er es nicht mehr ausgehalten und seine Schandtaten gebeichtet.

Was mag ihn zur Beichte getrieben haben, und wie konnte er sich freiwillig den schlimmsten Strafen aussetzen? Hätte er nicht friedlich in seiner Sünde weiterleben können? War da ein Gewissen, das ihn zwang, die bösen Taten offenzulegen, Reue und Hass gegen sich selbst, eine Sehnsucht nach Buße in der Hoffnung, die Befleckung wieder auszuwaschen?

Ich glaube an diese Dinge nicht oder halte sie nur für eine den Leuten gefällige Ausdrucksweise, hinter welcher aber ein ganz anderer Antrieb steckt. Wenn es nämlich stimmt, daß dem Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wichtiger ist als jeder materielle Vorteil und selbst als die körperliche Unversehrtheit, dann könnten etwa folgende Gedanken in einem solchen Delinquenten arbeiten: „So wie ich jetzt stehe, darf keiner, wirklich keiner, erfahren wer und was ich bin, sonst bin ich raus. Ich kann mich keinem anvertrauen, muß mich überall verstellen, als einen anderen geben als ich bin. Kann ich so überhaupt noch ich sein, oder bin ich schon gar nicht mehr? Bin ich nur noch ein Außerirdischer, der hinter einer Maske ein Schattendasein führt? Zwar bereue ich meine Taten keineswegs und halte mich auch für keinen schlechten Menschen, ich könnte ganz zufrieden sein mit mir und meinem Leben – wenn da bloß nicht die Furcht vor den andern wäre, vor ihren Anklagen, ihrer Verachtung, ihrem Hass und davor, daß sie mich aus aller menschlichen Gemeinschaft verstoßen.

Er erhofft sich nun von der Mitteilung seiner Verbrechen irgend eine Art von Vergebung oder jedenfalls die Aussicht, wieder mitzuspielen – wenn auch die Anwendung der Strafen fürchterlich treffen wird. Besser sterbend dazugehören als lebend draußenstehen. Wenn er seine Taten bekennt und die Buße auf sich nimmt, sich also dem Urteil der andern unterwirft und ihre Richtervollmacht anerkennt, so wird er, indem er sich erniedrigt und sie erhöht, ihren Haß besänftigen und ein gewisses Maß Vergebung erhalten.

Auch uns treibt es immer wieder, andere über unsere Schwächen und Verfehlungen aufzuklären, auch wenn dazu keinerlei Notwendigkeit bestünde – wir wollen lieber als Schwache und Sündige dazugehören, denn als Makellose ausgeschlossen sein. Allerdings spielt hier oft Koketterie und taktische Bescheidenheit eine wichtige Rolle – denn mit Herabsetzung der eigenen Position geben wir den andern das Gefühl, im Verhältnis gestiegen zu sein, und dafür danken und lieben sie uns. Wenn wir uns recht tief unter sie stellen, beschämen wir sie sogar, und sie ziehen uns wieder herauf, indem sie unsere Fehler verharmlosen und entschuldigen, und so erhalten wir für kleines Geld die bequemste Absolution. Mit unseren Bekenntnissen machen wir uns auch stark, denn wer freimütig zu seinen Fehlern steht, hat offensichtlich keine Furcht vor dem Urteil der andern, steht über dem Problem und hat es eigentlich schon überwunden.

Zwar etwas günstiger als besagter Menschenfresser – aber doch gar nicht so unähnlich – steht einer da, der durch Lotteriegewinn zu großem Reichtum kommt, aber keinem davon erzählen will, aus berechtigter Furcht, sich Neider und Feinde zu schaffen und alle echten Freunde zu verlieren. Auch er muß eine Maske aufsetzen und schließt sich innerlich von der Gemeinschaft aus.

20. September 2012

Gelogen wird gemeinhin nur aus Angst, aus Angst, es könne etwas Abträgliches ans Licht kommen, man könne Feindseligkeit, Hass oder Verachtung auf sich ziehen. In seltenen Fällen wird auch mit Absicht und strategisch gelogen, wenn sich einer durch die Unwahrheit einen materiellen Vorteil erhofft. Dies nennt sich Betrug. Noch seltener ist die Lüge aus reiner Bosheit, d.h. mit keinem anderen Ziel, als den anderen zu schädigen, also aus rein sadistischen Beweggründen. Dies ist aber so selten wie der Sadismus überhaupt, denn es geht fast immer um einen eigenen Vorteil, nicht um den Schaden des anderen. Andererseits steckt im Schaden des andern fast immer auch ein eigener Vorteil, denn wird er geschwächt so steigt im Verhältnis die eigene Position und dieser Machtgewinn ist ein Genuß.

Vorsätzlich lügen sollte aber nur, wer sich dieses zutraut, denn es ist ein gar kompliziertes Gewerbe mit sehr ungewissem Ausgang. Schon die Wahrheit hat nicht eine sondern viele und ständig wechselnde Seiten, weswegen es einen Geist bereits ganz in Anspruch nimmt, auch nur bei einer von ihnen zu verharren. Hier noch künstlich Variationen und Abweichungen hinzufügen, heißt wahrlich sich Probleme suchen und sollte nur von genialen Spielernaturen unternommen werden.

19. September 2012

Mit der Moral als Waffe kann sich auch ein Schwacher gegen einen viel Stärkeren durchsetzen, denn hinter seinen Argumenten, seinen Forderungen und Anklagen steht im Grunde immer dieselbe Drohung: Die andern werden alle mir Recht geben und auf meiner Seite stehen! Sie werden Dich schuldig sprechen und verurteilen, sie werden Dich schmähen, hassen und aus ihrem Kreise verbannen! Diese Drohung tut eine starke Wirkung, und die Furcht, sie könne wahr werden, ist nichts Anderes als das Schlechte Gewissen, welches den Kontrahenten, und wäre er ansonsten noch so stark, nicht selten zum Einlenken bewegt.

Ein Beweis für die ungeheure Wirksamkeit der moralischen Kriegsführung ist die Tatsache, dass in den meisten Ehen, über kurz oder lang, die Frau das Ruder übernimmt und zwar unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Geldmittel, ihrer Reize oder ihrer allgemeinen geistigen Fähigkeiten. Denn sie schafft es, durch eine besondere, angeborene und instinktive Klugheit, diese moralischen Waffen so zu schärfen und gekonnt einzusetzen, dass alle anderen Machtmittel, Körperkraft, Intelligenz, Geld und selbst die Bemühungen um stoische Gelassenheit dagegen versagen.

Mit dieser Klugheit wurde sie von der Natur bedacht, um sich gegen den sonst stärkeren Mann zu behaupten – wobei sie den maximalen Effekt erzielt, wenn sie ihn in dem Glauben läßt, er hielte weiterhin das Zepter in der Hand, denn so wird ihn einerseits die Eitelkeit blind machen für die tatsächlichen Verhältnisse und anderseits der Stolz ihm verbieten, um Rechte zu streiten, die ihm keiner streitig macht.

14. September 2012

Wir wollen, dass jeder unsere Werte annimmt und sich nach ihnen richtet. Falls er dagegen verstößt, soll er sich fürchten vor unserer Rache, vor unseren Strafen oder wenigstens unserer Missgunst. Reue zeigen ist ja nichts anderes als diese Furcht und die daraus folgende Unterwerfung. Wenn nun einer sich über uns und unsere moralischen Druckmittel hinwegsetzt, wenn er frech sagt, es ist mir egal, was ihr mit mir tut und was ihr von mir haltet, ich bin auf eure Wertschätzung nicht angewiesen, fürchte euch nicht, mache was ich will, ja ich stehle und lüge und betrüge, um diese meine Freiheit noch recht zu demonstrieren, dann gilt uns ein solcher als die wahre Verkörperung des Bösen. Das Böse beginnt, wenn er uns Schaden zufügt, aber es erreicht seine höchste Form, wenn er alle Furcht vor uns ablegt und selbst unseren moralischen Druckmitteln Hohn lacht – wenn er sich unserem Einfluß entzieht. Dann haben wir alle Macht über ihn verloren, wir können ihn noch wegsperren oder töten, aber nicht mehr als Menschen gelten lassen – er ist jetzt die Verkörperung des Bösen.

13. September 2012

Wer bestreitet, dass unsere Selbstachtung ganz davon abhängt, wie die anderen uns achten, der soll sich einmal vorstellen, keiner würde ihn lieben, alle missachten, und zwar wirklich alle, nicht bloß die Anwesenden, selbst die Gestorbenen und die noch nicht Geborenen und alle, die er sich nur auszudenken imstande ist – und dann überlege er sich, ob er in dieser Lage fähig wäre, sich selbst zu achten, sich selbst zu lieben.

11. September 2012

Überall und ausschließlich gilt das Recht des Stärkeren. Darüber steht kein Gesetz, weder ein irdisches noch ein göttliches – jedenfalls soweit wir von einem solchen etwas wissen können.

Wer allerdings, im einzelnen Falle, der Stärkere ist, das lässt sich oftmals nicht erkennen, denn die Macht hat eine Vielzahl von Gesichtern und verbirgt sich hinter raffinierten, oft unscheinbaren Masken. Der Stärkere kann derjenige mit der stärksten Faust oder den besten Waffen sein, oder der Reiche, der sich vielen Einfluss erkauft, oder viele Arme, die den Reichen zum Teufel jagen, oder ein Diktator mit schlagkräftiger Gefolgschaft, ein Revolutionär, der die Massen aufwiegelt, die dann stärker sind als der bis dahin mächtigste Tyrann.

In ruhigen, bürgerlichen Zeiten wird um die Vormacht hauptsächlich mit den Waffen der Moral gekämpft: Der Streitende postuliert, daß Gottes Wille oder die alten Werte oder der Fortschritt oder die Gerechtigkeit oder die Menschlichkeit auf seiner Seite stünden und er, weil diese sich letztlich durchsetzen würden, gewinnen müsse. Wer sich ihm nicht anschlösse, hätte zudem mit Ächtung d.h. dem Ausschluß aus der Gesellschaft der Guten und Vernünftigen zu rechnen. Auf diese sehr schlagkräftige Waffe kann kein Streitender verzichten, weswegen sie auch von allen Parteien gleichermaßen eingesetzt wird – wodurch dann allerdings ihre Wirkung zum Teil wieder aufgehoben wird.

Religiöse Prediger und Glaubensführer suchen ferner damit zu beeindrucken, daß sie vorgeben, den Allerstärksten, nämlich Gott, auf ihrer Seite zu haben, was die Anhänger ermutigen und die Feinde verunsichern soll.

Die Moral ist auch bei privaten und persönlichen Streitereien die Waffe der ersten Wahl: Dem andern Ungerechtigkeit, Unzuverlässigkeit, Gemeinheit, böse Absicht, Hinterhältigkeit, Falschheit, Untreue vorzuwerfen ist das probateste Mittel, ihn zu schwächen und so die Oberhand zu gewinnen – worauf ja am Ende alles angelegt ist.

Auch in Fragen der Ästhetik und des Geschmacks gilt immer das Recht des Stärkeren. Nicht eine objektiv begründbare Kunst- oder Stilrichtung setzt sich durch (ein solches Ding existiert überhaupt nicht), sondern diejenigen, denen es gelingt, sich an die Spitze zu setzen, einen Trend zu begründen (der Mobilmachung zu einem Feldzug nicht unähnlich) die meisten Anhänger um sich zu scharen, die Bisherigen von ihrem Thron zu stürzen.

Dasselbe gilt im Bereich der Wissenschaft und Wahrheit, wo diejenigen obenauf stehen, die den Modegeist der Zeit erfassen, denen gelingt, die Sensationslust der Journalisten und ihrer Leser für ihre Zwecke zu nutzen. Sie legen fest wie die Welt entstanden, was den Menschen hervorgebracht, wie groß das Weltall sei, wie klein die Atome und ob das Licht die höchste mögliche Geschwindigkeit annehme.

Keineswegs aber gewinnt man Stärke und Macht allein durch offenen Streit. Auch wer sich großzügig und gefällig zeigt, überall hilft und sich einsetzt für das Wohl der andern, sie lobt und ihnen schmeichelt, Anteilnahme an ihrem Leid und ihrem Glück bekundet, ihnen Ehre erweist und stets mit Höflichkeit und Achtung entgegentritt, dabei noch Bescheidenheit übt, so daß sie sich gehoben fühlen – der wird seinerseits mit Beliebtheit, Ansehen und Ehre entlohnt – und also wird er Geltung und also Macht gewinnen.

24. August 2012

Sowohl gut gemeinte Ratschläge als auch Ermahnungen oder Gebote wirken nicht so sehr durch ihren vernünftigen Inhalt als vielmehr durch den zwischenmenschlichen sozialen Druck, der durch die begleitenden Minen und Handlungen ausgeübt wird. Die Drohung, dass der Adressat, sofern er sein Verhalten nicht ändert, mit dem Entzug von Zuneigung und Achtung, ja mit Ächtung zu rechnen hat, diese Drohung erst bewirkt, daß er sich die Sache zu Herzen nimmt. Worte allein und selbst die gedanklichen Inhalte und Argumente richten für sich alleine gar nichts aus, denn sie können jederzeit durch andere Argumente widerlegt werden. Allein der psychisch soziale Druck ist das adäquate Mittel, welches den Gegner zum einlenken bringt – oder ihn mobilisiert zum Gegenschlag.

23. August 2012

Dass die Menschen fast alles nur tun in der Hoffnung auf Zuneigung, Aufmerksamkeit, Anerkennung und letztlich Zuwachs an Macht, mag zuerst einmal abschrecken und, weil aller Egoismus natürlicherweise negativ besetzt ist, die Welt als schlecht und eitel erscheinen lassen. Will man sich von dieser unerfreulichen Sicht befreien – ohne dabei die genannten Wahrheiten wieder aufzuweichen – so fährt man am besten, wenn man die Natur betrachtet und sieht, dass Tiere und Pflanzen ja ebenso ihre Schönheiten nur aus Geltungsdrang präsentieren, die Vögel ihr buntes Gefieder, der Löwe seine mächtige Mähne und die Blumen ihre herrlichen Farben, und dass, wenn man wegen dieser Selbstsucht verzagen wollte, man eben auch keinen Gefallen mehr an der Natur finden könnte. Der Mensch mit seinem Geltungsdrang fügt sich lückenlos in das allgemeine Naturgeschehen ein, weswegen es eine sehr beschränkte Sichtweise ist, ihn deswegen gering zu schätzen oder zu tadeln.

Dabei hilft auch die Einsicht, dass Egoismus ja nur aus Egoismus verurteilt wird – denn nur der Egoismus der andern ist unerwünscht, der eigene wird allenfalls verborgen, weil er unbeliebt macht und also Nachteile bringt.

22. August 2012

Wir stehen auf der Seite des Guten, unsere Feinde notwendigerweise auf der Seite des Bösen. Unsere Sache kann niemals verloren sein, gleich welche Rückschläge wir erleiden, denn der Mächtigste steht auf unserer Seite. Es wäre daher dumm und aussichtslos, für eine andere Seite zu kämpfen, wir sind die Besten, uns gehört am Ende alle Macht – und sei es erst in der anderen Welt.“ Dies ist die Quintessenz aller religiösen Bekenntnisse, ja aller ethischen und weltanschaulichen Bekenntnisse überhaupt. Sie steckt in jeder Predigt, in jeder moralischen Argumentation, in jedem Schlachtruf, und ihre vortreffliche Wirksamkeit beweist sie dadurch, dass sie in allen Zeitaltern vermochte, die gesamte Menschheit mobil und die Heere der jeweiligen Lager – uns bekannt vor allem Judentum, Christentum und Islam – glauben zu machen, der Endsieg gehöre ihnen. Auch die neuen weltlichen Religionen, die für Demokratie, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenwürde kämpfen, haben mit ihrer Hilfe schon bedeutende Schlachten geschlagen und viele Millionen Gegner niedergemetzelt.

Das entscheidende war und ist und wird sein das Streben nach Macht, wozu jeweils nötig ist, eine Gruppe, eine Partei, eine Sekte zu gründen und den Anhängern glaubhaft zu vermitteln, dass man auf der richtigen Seite stehe, auf der Seite des Gerechten, Guten, Frommen, Wahren, was alles nichts anderes heißt als: auf der Seite, welcher der Endsieg gewiss sein wird. Damit nur lassen sich Heere mobilisieren und Schlachten schlagen.

20. August 2012

Es scheint vermessen, dass ich in jeder Hinsicht von mir auf andere schließe, dass, weil ich in mir selbst viel Eitelkeit finde, überall Rücksicht auf die Meinung anderer nehme, überall besser sein will, auf meinen Vorteil schaue – wenn nicht materiell, so doch in Hinsicht auf mein Ansehen – dass ich unwillkürlich Freude an anderer Schaden finde – wenn nicht an ihrem Schaden selbst, so doch am relativen Vorteil, der mir aus ihrem Fallen erwachsen könnte – dass ich, nur weil diese Motive und Absichten und Empfindungen in mir selbst vorwalten, schließe, es müsse bei anderen ebenso sein. Dabei kann ich in keiner Weise in sie hineinsehen, sehe nichts als ihr Verhalten, ihr äußeres Benehmen, ihre Reaktionen, ihre Mienen. Daraus allein und aus der Erinnerung, wie ich, als ich mich ähnlich benommen, gefühlt habe, welche Absichten, welche Motive mich bewogen, schließe ich, dass es bei ihnen ebenso sein müsse.

Es ist dies einerseits zwar nichts als Spekulation, doch andererseits, muß man bedenken, hätten wir, ohne diese Spekulation, keinerlei Möglichkeit mit anderen in eine seelische Verbindung zu treten. Wir könnten nicht mitfühlen, nicht mitdenken, nichts verstehen von dem, was andere tun und was sie antreibt, denn wie sollten wir erahnen, was in ihnen vorgeht, da wir doch in keiner Weise in sie hineinsehen können? Wir könnten nur auf ihre äußeren Taten reagieren, wie ein Stein auf den Stoß eines anderen Steines, wir wären Monaden mit keinerlei geistiger oder seelischer Verbindung.

19. August 2012

Dass Menschen Gruppen bilden, sich gemeinsam über gemeinsame Dinge freuen, ist eine schöne, die Seele erhebende Sache – nicht zuletzt, weil man sich in einer Gruppe als die Besseren, als die auf dem richtigen Wege sich Befindenden wähnt. Schön ist es, mit dem Papst und 100.000 Gläubigen gemeinsam den Schöpfer dieser Welt zu preisen, schön ist es, in Massen die Beatles zu verehren, schön ist es, sich anzufeuern im Kampf um Sozialismus und Gerechtigkeit. Gemeinsam das Schöne verehren, das Rechte tun, ist eines der erbaulichsten Vergnügungen des Menschen.

Allerdings blicken die, welche außerhalb des Kreises stehen, mit Argwohn und Feindseligkeit auf solches Glück. – Sie bilden sich dann eine eigene Gruppe und freuen sich an der Zelebrierung ihrer eigenen Werte und Idole und wähnen sich dabei wiederum als die Besseren.

18. August 2012

Ich gehe in sofern über alle Moralisten und Moralbegründer hinaus, als ich den Menschen samt seiner Moral als ein zoologisches Phänomen betrachte.

17. August 2012

Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu halten, Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll. Das Gewissen ist um 180° drehbar. Erich Kästner

16. August 2012

Man tut jedesmal empört, wenn Kirchendiener und Gottesgläubige auf ihren eigenen Vorteil schauen, als sei schließlich zu erwarten, daß sie jeglichen Egoismus an der Pforte ihres Kultes abgelegt hätten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: sie treten ja dem Kult gerade um ihres Vorteils willen bei, um nämlich den Stärksten zum Schutzherrn zu haben, um sich vor andern zu brüsten, um einzuschüchtern: Ich bin ein Liebling des Allmächtigen, ich kann über Euch richten, denn ich kenne seine Weisungen, er wird mir in jedem Falle beistehen und Euch der Verdammnis übergeben. Mir gehört alle Würde und alle Ehrfurcht!

Daß einige dann tatsächlich auf materielle Güter verzichten und ein einfaches Leben führen, ist, gemessen an dem, was sie dafür einfordern – oder mindestens erhoffen – ein kleines Opfer, weil nämlich alles Materielle, gemessen an Ansehen, Einfluß und Macht, wenig zählt und meist bloß zum Mittel und Beförderer derselben dient. Und selbst das größte Opfer, das Opfer des eigenen Lebens, wiegt oftmals wenig, wenn dafür Ruhm und Ansehen erworben wird – denn die bloße Vorstellung davon, in der Vorwegnahme des postmortalen Glanzes, sticht alle anderen Genüsse aus.

13. August 2012

Fast unser ganzes Tun und Trachten ist unnötig, das heißt unnötig für unser biologisches Überleben, es dient ausschließlich unserem Ansehen und Prestige. Von großen Reichtümern, Karrieren, Villen und Luxuslimousinen brauchen wir dabei gar nicht reden, bereits wenn ich in die Stadt gehe, Freunde zu sehen, hat das keinerlei biologische Notwendigkeit, es geschieht einzig um des Eindrucks willen, den ich auf andere machen will. Zuerst einmal kleide ich mich, um nicht wie ein Halunke auszusehen, dann sage ich freundliche, schmeichelhafte Dinge, um mich sympathisch zu machen, versuche dumme Äußerungen zu vermeiden, versuche witzig zu sein oder von interessanten Begebenheiten zu berichten, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, um Wohlwollen zu ernten, um zu zeigen, daß ich noch mitspiele, noch nicht vertrocknet und abgestumpft bin. Schließlich gehe ich nach hause in der Genugtuung, wieder wer gewesen zu sein, mich im Spiegel ihrer Mienen gefällig betrachtet zu haben.

Mit diesem ganzen Aufwande habe ich nichts Nützliches oder Sinnvolles für mein biologisches Überleben getan, habe keine Nahrung, keine Kleidung, kein Holz für Feuer besorgt und kein Loch im Dach meines Hauses geflickt. Eine derartige Verschwendung wird nur verständlich, wenn man einsieht, daß Geltung unser hauptsächliches und natürliches Lebensziel ist – demgegenüber selbst die biologische Lebenserhaltung zurückstehen muß. Das biologisch Nützliche ist nur der allerkleinste Teil dessen, was in unserem Leben zählt, und deswegen verwenden wir auf das bloß Nützliche auch nur einen geringen Teil unserer Kräfte – es sei denn, ein erheblicher Anteil an Prestigegewinn wäre damit verbunden, dann wird oft das Nützliche und Notwendige einer Sache vorgeschoben, um den dahinter steckenden Prestigegewinn zu verstecken. Denn dieser erweckt stets Argwohn, Neid und Mißgunst, was wiederum Feindschaft und also Gefahr bedeutet.

11. August 2012

Meine Darstellung, dass alles menschliche Handeln, sobald nur der leiseste Bezug auf andere aufgespürt werden kann, immer um des Ansehens, der Ehre, allgemein des Ranges wegen geschieht, also auch die sogenannten höheren Tätigkeiten der Wahrheitssuche, des moralisch Guten, der angeblichen Selbstlosigkeit, des Künstlerischen, Ästhetischen, diese Darstellung soll nicht zur Entwertung dieser Tätigkeiten verleiten, sondern, im Gegenteil, bewusst machen, dass diese die wichtigsten Austragungsplätze der überall in der Natur und also auch in uns zu findenden und vorherrschenden Lust am Wettbewerbe sind.

Diese Darstellung soll am allerwenigsten dazu verleiten, künftig nicht mehr nach Wahrheit zu suchen, sich nicht mehr zu bilden, zu kultivieren, keine guten und „selbstlosen“ Taten mehr zu vollbringen, unsere Wohnung nicht mehr zu schmücken, den Garten nicht mehr zu gestalten und keine Kunstwerke mehr zu schaffen – mit der Begründung, daß alle diese Dinge ja nur der eigenen Ehre und dem Prestige dienten – sondern, umgekehrt, gerade deswegen sollen wir all dies tun: um unsere Ehre zu erhöhen, um unser Prestige zu fördern, um unser Glück zu machen.

Denn zwar kommt alles auf Rang und Ansehen an, aber es gibt kein besseres Mittel, unser Glück zu befördern, als eben die genannten Tätigkeiten und Tugenden – auch wenn sie, dem Scheine nach, auf ganz andere Dinge abzielen. Auch des Fußballspieles Ziel ist, den Gegner zu umspielen, gute Pässe und letztlich Tore zu schießen, aber dies sind nur die unmittelbaren Tätigkeiten und allernächsten Ziele. Eigentlich geht es darum, zu gewinnen, d.h. mehr Tore zu schießen als der Gegner. Denn die geschossenen Tore, wären sie auch noch so schön und kunstvoll, haben, für sich genommen, nur einen momentanen und peripheren Wert und werden vollends bedeutungslos, sobald dem Gegner mehr gelingen. Das eigentliche Ziel ist zu gewinnen, den Vorrang zu erringen, besser zu sein – um beim Publikum Ehre und Ansehen zu genießen. Und dazu ist das Umspielen des Gegners und selbst das Schießen der Tore nur ein Mittel, für sich genommen aber bedeutungslos. Ebenso geht es mit guten Taten, die nur einen Sinn haben, wenn sie Ehre einbringen – und damit unser Glück befördern. Ebenso mit Kunstwerken, ebenso mit wissenschaftlichen oder philosophischen Erkenntnissen, ebenso mit Gottgefälligkeit und Frömmigkeit.

7. August 2012

Zu unserer Darstellung paßt eine Bemerkung Nietzsches:

Inhalt des Gewissens. – Der Inhalt unseres Gewissens ist alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmäßig gefordert wurde, durch Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt (»dieses muß ich tun, dieses lassen«), welches nicht fragt: warum muß ich? – In allen Fällen, wo eine Sache mit »weil« und »warum« getan wird, handelt der Mensch ohne Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. – Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.

2. August 2012

Für manchen an Selbstgefühl und Durchsetzungskraft Benachteiligten ist es eine große Hilfe, sich unter den Schutz eines allmächtigen Gottes zu stellen – so wie die Schwachen immer gerne einen Anführer suchen, um sich Respekt zu verschaffen: „Gott ist mein Freund, Gott gibt mir Kraft, er ist der Stärkste, er bestimmt alles, hat Macht über alle, und wenn du mir übel willst, so ist er dein Feind, und du wirst das Nachsehen haben.“ Solcher Rückhalt tut dem Schwachen gut, und er lässt keine Gelegenheit aus, sein vertrautes Verhältnis zum Allmächtigen hervorzukehren. Er glaubt dadurch Eindruck zu machen und Geltung zu erlangen, die ihm sonst, aus Mangel an eigenen Kräften, versagt bliebe.

1. August 2012

Nichts macht verhasster als Selbstgefälligkeit, und auch die Eitelkeit ist zum großen Teile nur deswegen widerlich, weil man ihr die Selbstgefälligkeit zugrunde legt. Warum aber hassen wir die Selbstgefälligkeit? Was geht es uns an, wenn einer sich selbst gut und makellos findet? Wir könnten doch sagen: schön für ihn, wenn er erreicht hat, wonach auch wir im Grunde streben, ja wonach ein jeder streben sollte! Aber wir dulden es nicht, und zwar weil sich der andere nicht von unserem Urteil und unserer Gnade freimachen soll! Wir wollen ihn in unserer Abhängigkeit, er soll uns stets verpflichtet sein, auf unser Lob hoffen, vor unserem Tadel zittern – denn sonst würde er nicht bloß aufhören uns zu dienen, sondern könnte uns auch nach Belieben schaden, mit allem was das Gesetz nicht verbietet, könnte uns verhöhnen, unseren Ruf beschädigen und sich gänzlich über uns hinweg setzen. Unser Einfluss auf ihn wäre dahin, unsere Macht und unsere Geltung hinüber.

Durch das enge Maschenwerk, das uns alle miteinander verknüpft – weil jeder von der Wertschätzung und Sympathie der andern abhängt – wird verhindert, dass ein Einzelner tun und lassen kann, was ihm beliebt. Dies gibt jedem in der Gemeinschaft Sicherheit, und die Gemeinschaft wacht darüber mit peinlicher Sorgfalt. Wenn einer sich selbst gefällt, löst er sich aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit und erhebt sich über die andern, was nicht geduldet werden kann. Deswegen strafen wir den Selbstgefälligen mit Verachtung, schneiden ihn und lassen auf jede Weise durchscheinen, dass er uns unsympathisch ist. Auch versuchen wir, die anderen gegen ihn aufzubringen, auf dass er, unter dem Druck der Gemeinschaft, wieder zurechtgestutzt werde.

31. Juli 2012

Manche bestätigen zwar, daß der Mensch hauptsächlich nach Geltung und letztendlich nach Macht strebe – und zwar auch in seinen subtilsten und „edel“ genannten Tätigkeiten wie „Gutes tun“, „um Wahrheit und Erkenntnis ringen“ oder „Kunstwerke erschaffen“ – sie sehen darin aber nicht einen Endzweck sondern wiederum nur das Mittel zu einem eigentlichen Zweck, und dieser sei, so glauben sie, Erfolg beim anderen Geschlecht und letztlich Befriedigung des Sexualtriebes, und ganz zuletzt sei es die Fortpflanzung, zu deren Sicherung die Natur alle Register zöge, um im Dienste der Evolution (die nach dem uniformen Glaubensbekenntnis unserer jetzigen Denker hinter allem steckt) das Emporstrebende und Starke zu fördern, das Schwächliche jedoch zu vernichten. Dort liege zugleich Ursache wie auch Ziel des Geltungsdranges und Machtstrebens.

Das mag nun so oder so von der Natur eingerichtet sein und ich will es hier gar nicht weitläufig behandeln, nur gebe ich zu bedenken, daß derartige Zusammenhänge sehr weit entfernt sind von dem Bewußtsein, mit dem wir die täglichen Handlungen der Menschen beobachten und analysieren.

Bei den meisten Handlungen sind wir uns ja nicht einmal bewusst, dass wir sie in Wahrheit um unseres Ansehens willen begehen, wie zum Beispiel bei den „Guten Taten“, wo wir uns gerne vormachen, wir handelten gar nicht für uns selbst sondern opferten unsere Interessen für andere. Oder, umgekehrt, wenn wir nach „Selbstverwirklichung“ streben, im Glauben, die Abhängigkeit von anderer Leute Urteil und Meinung abzuschütteln und endlich nach unserem eigenen Maßstabe zu leben – auch hier merken wir nicht, daß letztlich die Begier nach Anerkennung und Geltung dahinter steckt.

Wenn also unser Bewußtsein meist schon überfordert ist, diese doch naheliegenden Hintergründe und Motive zu erkennen, wieviel schwieriger ist dann nachzuvollziehen, daß alles möglicherweise wegen der Schürfrechte beim andern Geschlecht oder wegen eines Erfolges bei der Fortpflanzung oder gar für die Erfordernisse der Evolution geschehe? Da ist doch sehr viele Abstraktionsarbeit zu leisten, und es scheint mir sehr weit hergeholt. Wie gesagt, ich mag diese Zusammenhänge nicht bestreiten, aber sie haben mit unserer bewussten Realität kaum noch etwas zu schaffen.

Oft ist der Zusammenhang freilich offenbar: Er macht sich schön, trainiert seine Muskeln, hält große Reden und kauft ein schnelles Auto – weil er sich Erfolg bei den Frauen verspricht. Dies ist zweifellos eine starke Quelle unserer Motive aber eben nicht die einzige und also auch nicht die allgemeinste. Damit lassen sich viele unserer Handlungen erklären, aber doch nicht alle. Wenn etwa ein Priester das Gelübde des Zölibats eingeht, wird er es kaum wegen des Erfolges bei der Fortpflanzung tun, sondern eher um seine Würde und Heiligkeit und also seine Geltung zu befördern – und allenfalls diese wird er fortpflanzen wollen, sowohl bei den den Zeitgenossen, als auch über seinen Tod hinaus.

Wenn wir demnach das Streben nach Selbstbehauptung, Geltung und Macht als die grundlegendsten und allgemeinsten Motive annehmen, so können wir jede Handlung mit einem vertretbaren Maß an Phantasie erklären und haben obendrein noch ein allgemeinstes Naturprinzip, welchem alles in der Natur gehorcht, bis hin zum Stein, der sich mit seiner Härte behaupten und durchsetzen will.

13. Juni 2012

Wer die grundsätzlichsten Antriebe des Menschen, Eitelkeit, Ehrsucht, Geltungsdrang, Missgunst und Neid, als welche alle unter dem natürlichen Streben nach Macht und Selbsterhaltung summiert werden können, wer diese nicht gelten lässt, ja ihnen nicht gar noch etwas Vorteilhaftes, Großes und Gutes abzuringen vermag, dem muss die menschliche Gesellschaft ein erbärmlicher und hoffnungsloser Haufen sein. Ein von sich aus Edleres oder Höheres, welches bei genauerer Betrachtung nicht wiederum von diesen Antrieben bestimmt wäre, wird er nämlich nicht finden – und also auch keine Freude an diesem seinem Geschlechte und auch nicht an der übrigen Natur, denn die ist ja ebenso gestrickt.

Das bedeutet aber nicht, daß er deswegen keine Freude hätte, denn mit Anklagen, Kritisieren, Besserwissen und sich für besser Halten, mit der Verachtung von Eitelkeit, Ehrsucht und Geltungsdrang wird er sein eigenes Glück erfahren – und dieses Glück wird nicht geschmälert, wenn er nicht merkt, daß seine edle Verachtung gerade in diesen verachteten Trieben ihren Ursprung hat.

28. Mai 2012

Ich drehe den Spieß um: ich frage nicht, was ist lobenswert, was ist bewunderungswürdig? Ich frage, was wird gelobt, was bewundert – und von wem? Danach richtet sich aller moralischer Maßstab.

27. Mai 2012

Wenn ich den andern Gutes tue, ernte ich erstens den höchsten möglichen Genuss, den Genuss nämlich von Liebe, Lob und Anerkennung, und zum andern erfülle ich meine natürliche Bestimmung und diene dem obersten Ziele der Natur: Denn alles in der Natur ist dazu angelegt, das größtmögliche Maß an Stärke, Schönheit und Glanz zu erreichen. Dazu aber ist dem Menschen hauptsächlich das Feld des Moralischen gegeben, denn sich in der menschlichen Gesellschaft moralisch auszuzeichnen, verleiht ihm den höchsten Glanz, und also erfüllt er seine natürliche Bestimmung.

24. Mai 2012

Man kann im Leben moralisch nichts falsch machen, man kann sich nur Verachtung, Neid, Missgunst, Hass und damit Rache zuziehen von denen, die sich durch unser Tun benachteiligt oder zurückgesetzt finden. Da unser Glück allerdings ganz von unserer Geltung bei anderen abhängt, ihre Rache uns gar zu Grunde richten kann, so ist, was unser reales Wohlsein betrifft, sehr wohl und sehr leicht etwas falsch zu machen. Dies müssen wir bedenken und abwägen, nicht so sehr, ob wir gegen moralische Grundsätze und Gebote verstoßen. Außerdem sollten wir uns klar sein, dass wir, ganz gleich was wir tun, immer den Ärger und Missmut irgendwelcher Personen auf uns ziehen: wenn wir den einen gefallen, so den anderen umso weniger, und also müssen wir mehr bedenken, wem wir gefallen wollen, nicht so sehr, ob überhaupt. Allen zu gefallen ist unmöglich, wir müssen uns für die entscheiden, deren Umgang und Urteil uns am meisten bedeutet.

5. Mai 2012

Echte Freundschaft suche man um ihrer selbst willen, nicht wegen eines Zweckes oder Nutzens. Ich nun behaupte, man sucht sie sehr wohl um eines Nutzens willen, zwar nicht eines materiellen aber eines ideellen Nutzens, welcher ist, von einer geschätzten Person geschätzt zu werden. Für das eigene Glück und Wohlbefinden gibt es nämlich kein nützlicheres Ding als dieses.

Die Frage: Leidet die Qualität der Freundschaft, wenn auch der Freund mich nur wegen dieses Nutzens zum Freunde will, nur weil er von mir beachtet und geschätzt sein will? Nein, denn wenn der Freund unter vielen mich auserwählt und gerade auf meine Anerkennung und Zuneigung besonderen Wert legt, so ist dies doch wiederum die höchste Auszeichnung meiner eigenen Person und bereitet mir unschätzbares Vergnügen.

25. April 2012

Ich hatte gesagt, allenfalls die Welt als Ganze sei um ihrer selbst willen da, alles in ihr jedoch habe einen Zweck, für den es gut sei, ein Ziel wohin es strebe.

Nun behaupten aber die Stoiker und viele andere, daß Tugend und Sittlichkeit ihren Wert gänzlich aus sich selbst schöpften und auch einzig um ihrer selbst willen da seien und sie, außer ihrer eigenen Vollkommenheit, kein weiteres Ziel erstrebten. Sie meinen damit, daß die gute Tat nicht davon abhinge, wie sie von anderen bewertet werde, sondern bloß von der guten Absicht des Handelnden, und daß dieser sie nicht beginge, um gelobt und geliebt zu werden oder sonst eines Vorteils wegen, sondern einzig um eben der Tugend willen.

Dies kommt allerdings heraus, als sei die Tugend eine Art Luftgebilde ohne Wurzeln, ein Gewächs, das keine Früchte trägt, eine Monade, die sich selbst genügt und aller Verbindungen zum gewöhnlichen Tun und Lassen ledig bleibt.

Tatsächlich aber ist Tugend und Sittlichkeit weder unabhängig vom Urteil der anderen, noch wird sie um ihrer selbst willen verfolgt. Sittliches Handeln ist nur gut in den Augen derer, die sich davon in irgendeiner Weise bevorteilt oder in ihrer Art bestätigt finden, keineswegs aber in den Augen derer, die dadurch verlieren. Töten im eigenen Kreise ist die schwerste Sünde, gilt aber als herrliche Tat, wenn ein böser Feind getötet wird. Und eben diese Tat wird wiederum in den Kreisen der Feinde als böse gelten, denn die halten sich ja, in ihrer Art, ebenfalls für die Guten. So pflegen Gangster andere Sitten als brave Bürger, Demokraten andere als Monarchisten, Liberale andere als Faschisten und Kommunisten, und wieder andere werden von Islamisten, Anarchisten und Terroristen hochgehalten. Alle aber sind sich darin gleich, daß sie sich und ihre Werte für die besten halten.

Also stehen Tugend und Sittlichkeit nicht für sich selbst, sondern hängen davon ab, wem sie nützlich sind. Dort werden sie gelobt, und dieses Lob fördert das Ansehen des Tugendhaften. Aus seinem Ansehen wächst dem Menschen aber das höchste Glück, und dieses Glück ist demnach der Zweck und das Ziel aller tugendhaften Handlung – und also wird die Tugend nicht um ihrer selbst willen geübt.

Man könnte nun allenfalls das Glück als einen Selbstzweck ansehen, denn das Glück wird freilich nicht um eines anderen Zweckes willen erstrebt sondern ist gewissermaßen ein Endpunkt und ein letztes Ziel allen Strebens. Mit der Welt als Ganze steht es deswegen aber noch nicht auf einer Stufe, denn diese hat weder eine erkennbare Ursache, noch einen weiteren außer ihr liegenden Zweck, ist sich also in jeder Richtung selbst genug, während das Glück durch und durch abhängt vom Ansehen, das wir genießen und von der Macht, die uns daraus erwächst. Dieses wiederum sind sehr wackelige Zustände, nicht zuletzt, weil sie hauptsächlich von unserer Einbildung abhängen – und diese wiederum von unserer ewig schwankenden Laune.

7. April 2012

Moralisch Gutsein ist nur ein Wirkensfeld unter vielen, auf welchen sich der Mensch hervortun kann in seinem Streben nach Lob und Anerkennung und letztlich nach Geltung. Ob bei der Arbeit oder im Sport, in der Wirtschaft, im Kriege, in der Kunst oder eben auch in der Moral, auf allen Gebieten ist Gutsein möglich, und überall läuft es darauf hinaus, anderen nützlich zu sein: materiell oder ideell, direkt oder indirekt – denn ohne dies werden sie mit Lob und Anerkennung niemals herausrücken und kann es mit der Geltung nichts werden.

6. April 2012

Krieg, Streit und Querulantentum gelten zwar als größte Gegensätze zur Eintracht, Höflichkeit, Toleranz und Liebe – aber sie nähren sich letztendlich aus derselben Quelle. Es sind Gegensätze nur in der Vorgehensweise, nicht im eigentlichen Motiv. Bei beiden wirkt derselbe natürliche Wille sich zu behaupten, das Streben nach Aufstieg, nach Prestigegewinn, sowie die Furcht vor Verbannung und Ausschluss.

5. April 2012

Die Tugend ist ein relatives Ding und keineswegs ein unverrückbarer Wert in sich.

Manche Tugenden und moralische Werte mögen beständiger sein als Reichtum und Posten, aber absolut und unantastbar sind sie keineswegs – denn sie hängen letztlich ab von den jeweiligen Interessen des Kreises, in dem man sich bewegt.

Dennoch stimme ich zu, dass für unser Glück vielversprechender ist, auf die Tugend zu bauen, anstatt etwa auf Reichtum. Aber nicht weil die Tugend beständigeres, sondern weil sie höheres Glück einbringt, denn sie bringt uns Liebe und Achtung und also Geltung – und Geltung ist von allem unser höchstes Glück.

27. März 2012

Neidisch sein heißt in den seltensten Fällen, gerade dasjenige haben wollen, worauf man neidisch ist. Vor allem Charakterzüge, Eigenschaften und Aussehen würde man nicht gerne einfach übernehmen, jeder will schließlich sich selbst bleiben und nicht ein anderer werden. Ich beneide daher eher die gute Wirkung, die einer tut, aber nicht konkret die spezielle Eigenschaft, mit der er sie tut. Das einzige Gut, worauf man uneingeschränkt neidisch sein kann, ist das Geld, denn, ginge es auf einen über, könnte man ganz der Selbe bleiben und es doch nach eigenem Gutdünken in alle käuflichen und wünschenswerten Dinge verwandeln. Deswegen ist der Neid auf Geld am weitesten verbreitet und werden die, die mehr haben, am meisten gehasst oder wenigstens nicht sonderlich gemocht.

19. März 2012

Neidisch sind wir alle, denn es findet sich immer einer, der auf einem Gebiet, wo wir selbst gerne glänzen würden, mehr hat oder besser ist. Den Neid überwinden können wir nicht, denn er ist ein Gefühl und über Gefühle hat aller Verstand und alle Vernünftigkeit keine Macht. Weil er uns jedoch schadet, indem er unsere Schwäche offenbart, müssen wir wenigstens versuchen, ihn zu verbergen. Das gelingt am schlechtesten, wenn wir nur sagen, wir seien nicht neidisch, die Sache interessiere uns nicht, oder wir hielten sie gar für verwerflich. Man wird es uns nicht glauben und eher Verdacht schöpfen, es seien die Trauben nur sauer, weil sie zu hoch hingen. Wirkungsvoller ist schon, den Beneideten für sein Talent oder seinen Fleiß zu loben, Schönheit zu bewundern, den Komfort des Wagens zu bestaunen und dem Geschmack für die häusliche Einrichtung allen Respekt zu zollen. Zwar hat auch dies noch den Geruch des Neides, der nie ganz von uns weichen wird, solange der andere mehr hat oder besser ist, aber wenn man naiv genug bewundert, schlüpft man doch leichter durch die Witterung – zumal auch der Bewunderte selbst von unseren Komplimenten so benebelt wird, dass er darüber den Argwohn vergisst und uns für herzlich liebenswürdig hält.

20. Februar 2012

Alles in der Welt drängt nach Geltung, Selbstbehauptung, Glanz und Macht. Warum können wir uns beim Anblick der Natur damit abfinden, ja genießen es sogar wie alles hervordrängt und sich, um der eigenen Herrlichkeit willen, gegenseitig niederringt – während wir, sobald wir das selbe bei Menschen beobachten, von Argwohn und moralischem Abscheu erfüllt sind? Nun es rührt einzig daher, dass wir in den Menschen unsere Konkurrenten sehen – und also in ihrem Emporstreben eine Gefahr für uns selbst. Den Konkurrenzkampf der Natur betrachten wir gelassen und mit Freude, weil wir nichts zu fürchten haben – aber vielleicht sehen das die Blumen, Sträucher, Bäume und die Tiere ja anders.

18. Februar 2012

Aus Reinhard Hallers DAS GANZ NORMALE BÖSE:

Mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen. Der Amokläufer kann dann gar nicht mehr zurück, es tritt für ihn auch gefühlsmäßig ein neuer, nie gekannter Zustand ein. Er erfährt das Gefühl der Wichtigkeit und kostet zum ersten Mal jenes der Mächtigkeit, der grandiosen Überlegenheit, der Einzigartigkeit. In einer Mischung aus narzisstischem Höhenrausch und Untergang erlebt er sich als gnadenlose Rächer, als unbesiegbare Kampfmaschine, als Herr über Leben und Tod.

Der Amokläufer hat sämtliche kontrollierende Instanzen seines ich‘s ausgeschaltet, er folgt einem aus dem destruktiven Potenzial zahlreicher Kränkungen resultierenden, auf dem Boden von Demütigungen gewachsenen, dem Bedürfnis nach Rache geschriebenen Plan. Er befindet sich in einer unvergleichlichen Endzeitstimmung, in einem nicht bekannten Vernichtungsrausch – das Böse nimmt seinen Lauf.

Die modernen Amokläufe zeigen eine enge Verflechtung mit den Präsentationschancen über das Internet, das dem Täter die Möglichkeit eröffnet, seine so belastende Botschaft der Welt mitzuteilen und einmal für einige Stunden wichtig zu sein. Jugendliche Amokläufer bezeichnet man deswegen auch als Herostraten, als Verbrecher aus Ruhm-und Geltungssucht. Diese werden benannt nach Herostratos, welcher im Jahr 356 v. Chr. eines der sieben Weltwunder der Antike, den Artemistempel in  Ephesos, in Brand steckte. Sein Name sollte dadurch, so gestand er unter Folter, für alle Zeiten bekannt bleiben.

Kommentar: Man sieht hier, an einem eklatanten Beispiel, wie Geltungsdrang und Machtstreben eine alle anderen Motive überstrahlende Wirkung üben – weil Geltung und Macht des Menschen höchstes Glück bedeuten. Wenn unsereiner bei seinem Streben nach Glück nicht ebenso um sich schießt, so nur deswegen, weil er die Situation realistischer einschätzt und deswegen fürchtet, mit derartigem Tun alle Geltung und Macht zu verlieren, denn er würde alsbald gehasst, verfolgt, als geisteskrank verachtet, eingesperrt und seiner Freiheitsrechte beraubt. Wären diese Dinge nicht zu fürchten, so hielte ich für sehr wahrscheinlich, dass Amoklaufen die normalste und alltäglichste Sache wäre.

17. Februar 2012

Ich bin der Beste! Zwar muss ich, zu meinem großen Bedauern, eingestehen, dass es in jeder Disziplin tausend Bessere gibt, doch in der Summe, im Wesentlichen, im Eigentlichen, in dem, worauf es in Wahrheit ankommt, darin bin ich der Beste. Auch wenn ich diese Einsicht aus diplomatischen Gründen gewöhnlich für mich behalte, so ist sie doch ein notwendiger Teil meines Selbstverständnisses, ohne den ich das Dasein nicht ertragen könnte.

Selbst wenn alles gegen diese Selbstverherrlichung spricht, so bleibt mir doch mein allgemeines Urteilsvermögen, in dem ich auf jeden Fall der Beste bin. Und das rührt daher: Sobald ich nämlich einsehe, dass ein Anderer in einer bestimmten Sache ein besseres Urteil hat, gebe ich sofort mein Urteil auf und nehme das seine an und habe dann ebenfalls das bessere. So mache ich es in allen Fragen und bin also überall auf dem neuesten, auf dem besten Stand – während alle anderen hinterherhinken, da sie ja allenfalls in einzelnen Fragen, niemals jedoch in allen, gleich gut sind. Also bin ich schon mal im Urteilsvermögen – der wichtigsten Disziplin, weil sie bestimmt wer Recht hat – der Beste.

16. Februar 2012

Das Böse einer Tat liegt nicht darin, daß der Täter sie begeht, sondern darin, dass das Opfer sie nicht mag. Läge das Böse beim Täter, so wäre nicht zu erkären, warum derselbe Mann von den einen als Held und Retter verehrt, von den andern als Ausgeburt des Teufels verflucht wird, warum dieselbe Tat hier als Verbrechen gilt, bei anderen Völkern oder auch nur bei anderen Gelegenheiten als edel und weise. Das beginnt bereits im kleinen, wenn etwa der Ehebrecher von seiner Geliebten vergöttert, von der Verlassenen aber gehaßt wird – für ein und dieselbe Tat.

15. Februar 2012

Wenn ich behaupte, daß alles, auch das Moralische, ja besonders das Moralische, nur getan wird, um sich gut darzustellen, um sich wichtig zu machen, um letztlich Macht zu erringen, dann mag das zunächst nicht sehr erfreulich klingen und manchem geradezu von einem misanthropischen Weltbilde zeugen. Darum geht es bei dieser Betrachtung aber nicht. Nicht ob die Menschen gut oder böse sind, sondern was sie überhaupt sind, unabhängig von unseren jeweiligen Interessen und Vorlieben.

Wenn wir dieselben Bezeichnungen auf Naturdinge anwenden, haben wir keinerlei Bedenken, von der blühenden Rose und dem ausschlagenden Baume zu sagen, daß sie es nur tun, um sich zu behaupten, sich hervorzutun, sich durchzusetzen – um, in ihrer Art, Macht zu erringen. Und wie die Pflanzen und Tiere dazu ihre Mittel und Strategien haben, so auch der Mensch – dem aber zusätzlich noch die moralische Agitation zur Verfügung steht.

Sowenig wir in der Natur also etwas Schlechtes an diesem Ehrgeiz finden, so wenig sollten wir – zumindest auf einem solchen neutralen Standpunkt – beim Menschen Anstoß daran nehmen. Tatsächlich nehmen wir auch keinerlei Anstoß, solange nicht unsere eigenen Interessen irgendwie berührt werden.

9. Februar 2012

Die Kosmopoliten, die Toleranten, die Liberalen, Demokraten und Humanisten, sie sind von eben demselben Parteigeist getrieben wie Kommunisten, Faschisten, Islamisten und, über Jahrtausende hinweg, die Fechter des jüdischen und christlichen Gottes. Alle wollen Sie ihrer Gruppierung – und damit ihrem eigenen Interesse, ihrem Ansehen, ihrer Macht – zum Durchbruch verhelfen und sie möglichst über die Welt verbreiten. Keine dieser Ideologien kennt dabei eine Grenze, alle erstreben den maximalen Einfluss, die absolute Macht, den totalen Sieg. Und alle stützen sich dabei, sobald es ernst wird, auf uneingeschränkte, grausamste Gewalt. Auch die liberalen, demokratischen, toleranten Kosmopoliten würden, sobald ihre Werte und also ihre Macht in Gefahr geriete, nicht vor dem Einsatz der wirksamsten Waffen und millionenfacher Vernichtung zurückschrecken.

Ein solches Verhalten gilt uns als fanatische Verblendung – aber eben nur bei unseren Feinden oder bei vergangenen, überwundenen Kulturen. Sobald es um unsere eigene Haut geht, um unsere Werte, unsere Rechte, unsere Freiheit, ist uns jedes Mittel recht.

Deschner polemisiert in zehn dicken Bänden seiner Kriminalgeschichte des Christentums gegen die ungezählten Grausamkeiten, mit denen diese Religion ihre Macht errungen und verteidigt hat. Aber er merkt nicht, dass seine eigene aufklärerische Gesinnung mit ebenso vielen Kriegen und Millionen Toten erkämpft und verteidigt wird und im Rückblick späterer Jahrhunderte um kein Jota vernünftiger oder harmloser oder sanftmütiger dastehen kann. Natürlich finden jetzt nicht sämtliche Attentate, Aufstände, Freiheitskämpfe, Revolutionen und Kriege auf einmal statt sondern verteilen sich auf Kontinente und Jahrzehnte, und so mag uns die Gegenwart vernünftiger und friedlicher vorkommen, doch wird im Rückblick unsere Zeit, die für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und „Frieden“ kämpft, nicht friedlicher dastehen als für uns die christlichen, islamischen, jüdischen Epochen, die von Schlachten und Schlächtereien überquollen – im Namen ihrer Heiligtümer.

Unsere eigene Brutalität wird uns nur deswegen nicht bewußt, weil wir uns selbst stets auf der Seite des Guten, Vernünftigen, Gerechten, Edlen, Humanen sehen – und die Anderen als böse Schädlinge, die man leider Gottes totschlagen muß. Allerdings sehen sich unsere jeweiligen Gegner natürlich ebenfalls auf der Seite des Guten und Gerechten, und so war es bei den Früheren und wird es bei den Kommenden sein – denn das Ringen um die Oberhand wird nie ein Ende nehmen, nicht bei den Menschen und nicht bei den Gräsern auf der Wiese.

8. Februar 2012

Wie man früher glaubte was der Priester sagt und seine Berichte von den Geboten und Strafandrohungen Gottes für Bares nahm, so glauben wir heute den Fachleuten, den Wissenschaftlern, den Journalisten – obwohl wir ihre Behauptungen ebenso wenig überprüfen können wie einst der Gläubige die Dogmen seiner Kirche. Wer kann denn nachprüfen, ob sich das Klima wirklich ändert – und wenn dem so wäre, ob in der Summe daraus mehr Nutzen oder Schaden entstünde – ob die Lichtgeschwindigkeit tatsächlich konstant ist, ob eine Evolution im Darwinschen Sinne stattfindet oder ein Urknall der Beginn unseres Universums war? Nicht einmal, ob Äpfel gesund sind, ob Weingenuß schadet, ja nicht einmal, ob die Erde rund ist, können wir mit eigenen Mitteln überprüfen. Wenn wir es genau bedenken, merken wir, dass bis in die kleinsten Details unser Wissen auf blindem Vertrauen ruht und wir nicht weniger naiv und gutgläubig dastehen, als unsere einfältigen Vorfahren.

Zum Glück geht es aber letztendlich gar nicht um die Wahrheit sondern darum, sich irgend einer Gruppe von Gleichgläubigen anzuschließen, sich unter ihnen sicher und geborgen zu fühlen – und nicht zuletzt auch darum, mit gemeinsamen Argumenten und Behauptungen andere niederzukämpfen und über ihre Dummheit zu triumphieren.

Um Wahrheit im eigentlichen Sinne konnte es in diesem Gerangel auch niemals gehen, denn sonst hätte man schon vom Beginn der Zeiten einsehen müssen, dass nichts dergleichen Feststehendes existiert, sich alles im Flusse und in ständiger Umkehrung befindet und sich also niemals lohnen würde, einem solchen Phantome nachzujagen.

4. Februar 2012

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, daran besteht kein Zweifel. Wie er diese Gemeinschaft allerdings lebt, hat viele Wege: in Familie, Freundeskreis, Verein, Arbeitswelt, öffentlicher Tätigkeit. Jeder lebt in Gemeinschaft, und sein Geist ist fast ausschließlich mit Beziehungen und Verhältnissen zu Anderen beschäftigt. Dem kann sich keiner entziehen, auch wenn er dieser Unfreiheit immer wieder entkommen will und dazu alle möglichen Versuche unternimmt: Freundschaften kündigt, Ehen bricht, aus Vereinen austritt, die Arbeitsstelle wechselt, sich aufs Land zurückzieht oder alles hinschmeißt und eine Reise unternimmt. Manche lästigen Verpflichtungen und Zwänge mag er vorerst loswerden – aber niemals die Bande zur Gesellschaft zerreißen. Denn wo auch immer er hinkommt, er sucht sich sogleich neuen Umgang, und selbst der einsame Wanderer wird seine Fantasiegesellschaft im Rucksack mit sich führen, die ihn nicht weniger festhält als den Gesellschaftslöwen sein realer täglicher Kirmes.

3. Februar 2012

Eitelkeit und Geltungsdrang sind unsere allgemeinsten und natürlichsten Antriebe. Sie geringschätzen heißt, die Menschheit und im Grunde die ganze Natur geringschätzen. Dazu heute was Geliehenes:

Die Eitelkeit vieler Menschen wirkt vor allem deshalb so unerträglich, weil sie die Eitelkeit der anderen stört.
Jacques Duval

Es gäbe einen Weg, sämtliche Wirtschaftsprobleme zu lösen: man müßte die Selbstgefälligkeit steuerpflichtig machen.
Jacques Tati

Man hätte wenig Freude, wenn man sich niemals schmeichelte.
François de La Rochefoucauld

Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen uns nichts liegt, etwas gelegen ist.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

Was ist der Mensch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat!
Johann Wolfgang von Goethe

31. Januar 2012

Dass es auch in der Liebe weniger um das Lieben als vielmehr um das Geliebtwerden und Geachtetwerden geht, zeigt schon der erste Vorgang des sich Verliebens: was macht uns denn verliebt? Doch nicht, dass der andere schön und begehrenswert ist, denn da müssten wir uns ja in viele verlieben, die täglich um uns her spazieren. Das Verliebtsein wird aber nur dadurch ausgelöst, das ein solches begehrenswertes Geschöpf ein Zeichen seiner Aufmerksamkeit sendet, dass wir uns einbilden können, wir hätten Interesse geweckt, wir kämen gut an und erschienen selbst als begehrenswert. Dann erst fängt die Maschinerie zu laufen an, und je mehr wir uns bestätigt glauben, desto begehrenswerter ist uns ein solcher vorteilhafter Spiegel. Deswegen werden wir auch sofort eifersüchtig und finden es ekelhaft, wenn andere in unserer Gesellschaft flirten und voreinander kokettieren – denn wir bleiben dabei ja außen vor, werden nicht bewundert, nicht begehrt, und das ist, zumal in solchem Kontrast, schmerzlich.

30. Januar 2012

Meine Erkundungen sollen nicht die Bosheit der Menschen aufdecken, sondern die Wahrheit, die wahren Motive, die menschlichem Benehmen und Handeln zu Grunde liegen. Daß egoistische Handlungen meist als verwerflich und böse gelten, liegt nur daran, dass sie andere in ihren egoistischen Interessen beeinträchtigen. Dies hindert jedoch nicht, dass es sich um natürliche Vorgänge handelt, welche aus einem neutralen Blickwinkel völlig wertfrei sind – weil eben die Frage nach Gut oder Böse nichts ist als eine Frage der Parteizugehörigkeit, der jeweiligen Interessenlage.

26. Januar 2012

Während der Genuß aller unserer gewöhnlichen Güter unzuverlässig sei und ständig bedroht von Hunger, Schmerz, Krankheit und der Furcht vor dem Tode, gelte dies doch nicht von den wahren Gütern, den Tugenden, aus welchen der Weise allein sein dauerhaftes Glück bezöge. Genannt werden Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Nächstenliebe, Tapferkeit, Frömmigkeit, Mitleid, Demut und Bescheidenheit. Sie hätten Teil an unvergänglichen höheren Werten und könnten also vom Schicksal nicht geschmälert werden. So die Philosophen und Weisheitslehrer vom Altertum bis in die Gegenwart.

Das Sittliche und Tugendhafte ist in Wahrheit aber nicht beständig, denn was in den einen Kreisen sittlich ist, also lobenswert, das kann in anderen Kreisen und zu anderen Zeiten gerade unsittlich und tadelnswert sein. Und da wollen wir den tugendhaften glücklichen Weisen sehen, wenn er durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, aus seinem angestammten Kreise, wo er Bewunderung und Verehrung genießt, zu weichen in einen anderen, wo seine bisherigen Tugenden nichts gelten, ja verachtet und bestraft werden. Wenn etwa ein tüchtiger Krieger, der, durch seine mutigen Taten zum Helden geworden, in eine Gesellschaft von Pazifisten gerät, wo er als blutrünstiger Gewaltmensch, ja als Mörder dasteht, verschrien und ausgegrenzt; oder umgekehrt, ein Pazifist, der gezwungen würde, sein Leben unter begeisterten Kriegern zuzubringen, in Feldlagern, in Kasernen, überall gescholten als Feigling, als Drückeberger, als nutzloser Tagedieb, der das Gemeinwesen beschädigt.

Was bleibt vom Glück des Weisen, wenn seine Tugend zum Schandmal wird, seine Sittlichkeit zur Sittenlosigkeit? Kann er sich trösten, dass seine bisherigen Werte irgendwo in der Ferne noch gelten, bei Menschen, die er nie mehr wieder sieht, von denen er nie wieder geachtet und gelobt wird? Oder hat nicht der Kreis, in dem er jetzt lebt, einen viel mächtigeren Einfluss, weil es der einzige Ort ist, wo er sich von neuem bewähren kann – und weil die eine Sittlichkeit, von einem neutralen Standpunkt betrachtet, keineswegs mehr wert ist als die andere und am Ende alles daran hängt, Gesinnungsgenossen zu finden, bei denen man mit seiner Tugend etwas gilt?

21. Januar 2012

Man sagt, die Tugend – also Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Hilfs- und Opferbereitschaft – sei das höchste Gut und würde deswegen allseits gelobt. Ich sage hingegen, die Tugend wird gelobt wegen ihrer Nützlichkeit, und wird von denen gelobt, denen sie direkt oder indirekt nützlich ist. Dem Tugendhaften ist sie tatsächlich das höchste Gut, und zwar weil er dafür gelobt wird, weil er Anerkennung genießt, weil er viel gilt – weil nämlich Geltung das höchste Glück einbringt.

20. Januar 2012

Cicero legt großen Wert auf die Unterscheidung zwischen den Lüsten des Körpers und den seelischen Freunden, welche sich dadurch auszeichnen sollen, dass sie um ihrer selbst willen erstrebenswert seien. Er nennt dazu die Würde, die Ehrenhaftigkeit, ureigene Schönheit der Tugenden und die Güter der Kultur und des Geistes, Gedichte lesen oder schreiben, Weltgeschichte oder Länderkunde treiben, eine Statue, ein Gemälde, eine schöne Gegend betrachten, Sport oder die Jagd pflegen. Diese alle, meint er, treibe man um ihrer selbst willen und hätten einen eigenen Wert und bezögen sich nicht bloß auf den Körper.

Kommentar: diese Unterscheidung ist aber falsch, denn so wie die körperlichen Genüsse den Zweck haben, den Körper zu erfreuen, so haben die seelischen den Zweck die Seele zu erfreuen. Man könnte sogar sagen, daß warme Bäder, süße Speißen, liebliche Weine und köstliche Liebesspiele den Körper immerhin unmittelbar erfreuen, während die von Cicero genannten edlen Tätigkeiten zunächst einmal auf unsere Vorstellung zielen, wir würden durch sie unseren Wert in der Gemeinschaft steigern, uns Anerkennung und Zuneigung erwerben, und erst diese Vorstellung von unserem höheren Ansehen bewirkt dann die seelische Freude. Also haben diese edlen Tätigkeiten erst recht einen ganz außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck und ruhen keineswegs in sich selbst oder sind um ihrer selbst willen da – was auch völlig unsinnig wäre, denn wozu sollte etwas um seiner selbst willen da sein? Dann wäre es ja zu nichts gut, das heißt es wäre gar nicht gut.

15. Dezember 2011

Wir handeln alle auf eigene Rechnung. Wer nicht auf Geld und materielle Vorteile aus ist, der strebt nach Anerkennung, Geltung, Wirkung, Macht – und ist dafür umso egoistischer, denn diese gewähren noch höheren Genuss als jene. Selbstlose Werte verfolgt keiner – aber nicht aus Bosheit, sondern weil es sie gar nicht gibt. Nicht weil der Mensch „schlecht“ wäre, sondern weil dies seine Natur ist und er darin jedem anderen Ding und Lebewesen gleicht: Er kann gar nicht anders, als im eigenen Interesse, bzw. dem seiner eigenen Interessengruppe zu handeln.

8. November 2011

Die Welt als ganze ist vielleicht um ihrer selbst willen da, aber alles in der Welt bedingt sich gegenseitig und ist also stets für etwas anderes da. Es dient als Ursache für eine Wirkung, als Motiv für eine Handlung, als Auslöser oder Gegengewicht und hat also immer irgendeinen Zweck, ist Mittel für ein Anderes. Einen Selbstzweck gibt es nicht und zwar auch nicht in der Tugend und auch nicht in der Kunst – obwohl diese Redeweise häufig verwendet wird, um einer Sache höhere Weihen und mystisches Ansehen zu verleihen. Meist wird aber damit nur gemeint, eine Sache habe keinen bloß materiellen Zweck oder könne nicht mit materiellen Gütern aufgewogen werden. Wenn einer das Seinige opfert, um der Güte oder Gerechtigkeit willen, so hat er freilich für sich keinen materiellen Vorteil verfolgt – sehr wohl aber einen ideellen, denn er genießt fortan große Achtung, und dies ist in der Gemeinschaft ein wichtigeres Gut als bares Geld.

Auch die Kunst ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um unsere Lebensräume auszuschmücken, und wie viel im ganzen Kunstbetrieb dem Drang nach Geltung geschuldet ist, davon macht man sich schwerlich einen hinreichenden Begriff. Es fängt schon an, wenn ich mein Zimmer schmücke mit Möbeln, Tapeten und Bildern – da glaube keiner, dass nicht von Anfang an der unbewusste Trieb in mir walte, andere mit meinem Geschmack, meinem Kunstsinn und meinen Möglichkeiten zu beeindrucken, und wenn ich ins Museum gehe, überhaupt wenn ich mich bilde – statt zu huren und zu schlemmen – treibt mich die heimliche Begier nach Ansehen – wo mich sonst die Furcht vor Mißgunst und Verachtung quälen würde.

Man könnte allerdings weiter fragen: wozu wird dieses Ansehen begehrt? – nun, es dient dem Machtgewinn. Wozu wird die Macht begehrt? – nun, um sich in der Welt höchstmöglich Gewicht und Dauer zu verschaffen. Aber hier beginnt sich die Sache bereits im Kreise zu drehen, denn man sagt in der Antwort nicht viel mehr als schon in der Frage gelegen hat. Das kommt daher, dass wir uns Abstraktionen nähern, die bereits das Wesen der Welt als ganze umfassen. Die Natur, die Welt, sie wollen da sein und so auch alle ihre Teile und Einzelwesen, und dieses Dasein ist der letzte Zweck und also nicht mehr Mittel zu einem anderen Zweck.

29. Oktober 2011

Man sagt, das höchste Glück bestehe in gerechtem Handeln, in Gemeinsinn, Hilfs- und Opferbereitschaft, kurz in Ausübung der moralischen Tugenden.

Man sagt, solches Handeln belohne sich selbst und unmittelbar, der Lohn liege in der Handlung selbst und sei unabhängig von äußeren Umständen, unabhängig von der Laune der Andern oder den Zufälligkeiten des Schicksals.

Worin allerdings dieser Lohn bestehen soll, den sich der Tugendhafte selbst erschafft, das bleibt gewöhnlich im Dunkeln, und der angebliche Vorgang erinnert an den Trick der Mythologie, wonach Gott die Welt aus sich selbst hervorgebracht habe.

Ich denke aber, man kann die Sache auch nüchterner angehen und diesen Lohn als etwas durchaus Greifbares, zumindest psychologisch Nachvollziehbares benennen. Der Lohn besteht in Lob und Anerkennung und Zuneigung, welche dem Tugendhaften zuteil werden, denn die Andern, denen die gute Tat Nutzen bringt, werden es, in der Regel, auf diesem Wege vergelten.

Auch dass die Tugend sich selbst belohne, trifft in gewissem Sinne zu: denn auch wenn Lob und Anerkennung ausbleiben, verschafft bereits die bloße Vorstellung, es würde jeder, der von der Tat erführe und sie mit rechtem Sinne auffasste, voll des Lobes sein, dem Tugendhaften größte Befriedigung und höchstes Glück. Diese Vorstellung ist aber der stete Begleiter jeder guten Tat und in der Regel sogar das entscheidende Motiv – Zusammenhänge, die man zwar gerne leugnet, und die tatsächlich oft nur dumpf empfunden werden, die aber derjenige, der die feinen Regungen seines Innersten aufmerksam belauscht, sicherlich bestätigen kann.

Also ist richtig: Die Tugend verschafft das höchste Glück – denn sie verschafft Geltung; und sie trägt ihren Lohn in sich – denn auch wo reale Anerkennung ausbleibt, schafft sie sich der Tugendhafte in der Vorstellung.

18. Oktober 2011

Meine Darstellung des Menschlichen und Moralischen dient immerhin als Orientierung und Erkenntnishilfe: Wie oft wissen wir nicht, warum die Menschen sich so seltsam aufführen, für eine Sache mit Feuer eintreten, eine andere mit Hass und Bitterkeit bekämpfen, warum sie uns böse sind und wann wir sie für uns gewinnen? Man denke nur, welche Rätsel uns allein die Frauen auferlegen! Meine Lehre wird die Sache zwar nicht berechenbarer machen aber doch wenigstens verständlicher.

7. Oktober 2011

Die ewige Frage der Moral, ob der gute Charakter angeboren sei oder ein Produkt unserer Erziehung, würde ich so beantworten: Angeboren ist uns der Drang gut zu sein, wir wollen uns bewähren, hervorragen, glänzen oder wenigstens bestehen und haben Angst, aus dem Kreis der Unsrigen verstoßen zu werden. Worin aber dieses Gutsein jeweils besteht, das leitet sich aus Erziehung und Erfahrung her – denn es entspringt der jeweiligen Situation und Interessenlage: Moralisch gut handeln heißt, dasjenige tun, was der eigenen Familie, den Freunden, dem politischen Lager oder der Religionsgemeinschaft nützlich ist, was ihnen materiellen Vorteil bringt oder ihr Ansehen hebt, letztlich was ihre Geltung und ihre Macht befördert. Für diese Handlung gibt es Lob und Ruhm und Himmelreich.

Weil aber dieses Nützliche, welches die moralische Qualität jeder Handlung bestimmt, immer verschieden ist, eben nach Situation und Interessenlage, nach Jahrhundert und Kulturkreis, und weil der Kreis, dem einer zugehören und gefallen will, ebenfalls wechseln kann, so kann das Wie und Was der guten Tat unmöglich dem Charakter angeboren sein, sondern muß sich aus den Umständen ergeben – schließlich gilt auch Rauben und Morden einmal als Heldentat, das andere Mal als böses Verbrechen, je nach dem ob der Nutznießer oder der Geschädigte spricht.

Daß einer überhaupt gut sein, d.h. gefallen und gelten will, das ist angeboren – und zwar jedem und in gleichem Maße. Was er aber tun muß, um dem eigenen Kreise nützlich und angenehm zu sein, um gelobt zu werden und als ein Guter dazustehen, das muß er zuerst lernen, teils durch aufmerksame Beobachtung seiner Umgebung, teils mit intuitivem Gespür für die Belange seiner Mitmenschen, und er muß sich ständig auf Veränderungen einstellen bis ans Ende seiner Tage, denn die Mitmenschen bleiben mit ihren Wünschen und Launen ebenfalls nicht stehen.

Dieser moralische Entwicklungsprozess scheint mir recht gut veranschaulicht durch das (in diesen Tagen viel besprochene) Experiment von Fehr, welches ich in Prechts Zusammenfassung wiedergebe: Bei einem ihrer Versuche verteilten die Forscher Süßigkeiten an 229 Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahren. Sie forderten die Kinder auf, ihre Portionen mit jeweils einem anderen Kind zu teilen. Dieses andere Kind war dabei nicht im Raum, sondern nur auf einem Foto zu sehen. Wie würden die Kinder teilen? Würden sie alles oder das meiste für sich behalten? Oder würden sie »gerecht« teilen und dem abwesenden Kind die Hälfte abgeben? Nun, das Ergebnis war auffallend verschieden. Die drei- bis vierjährigen Kinder behielten ihre Süßigkeiten fast ausnahmslos »selbstsüchtig« für sich. In der Gruppe der Fünf- bis Sechsjährigen teilte etwa jeder Fünfte seine Schätze mit dem Kind auf dem Foto. Mit sieben bis acht Jahren dagegen teilte fast die Hälfte der Kinder gerecht und machte mit dem abwesenden Kind »halbe-halbe« – ein Ergebnis, das auch mit dem bei Erwachsenen übereinstimmt.

Daß Teilen gut ankommt und Nichtteilen unangenehme Folgen haben kann oder gar zum Ausschluß aus der Gruppe führt, das lernen die Kinder im Laufe der Jahre. Daß sie jedoch überhaupt gut ankommen wollen und sich vor dem Ausschluß aus der Gruppe fürchten, das bringen sie, als soziale Wesen, mit auf die Welt.

28. September 2011

Warum sind Schlemmer und Wollustlinge unsympathisch? Es könnte uns doch gleichgültig sein, wir leiden schließlich keinen greifbaren Schaden an ihren Ausschweifungen. Ein Grund wäre, dass sie sich zu sehr mit ihrer eigenen Lust beschäftigen – und demnach zu wenig mit uns. Mit solchen wollen wir gar nicht verkehren – außer wenn wir ihr Laster teilen, dann kann man sich wechselseitig beflügeln und bestärken.

26. September 2011

Warum die eine Tat als böse gilt, die andere als gut, liegt im Grunde nicht am Täter, denn der will beidemale dasselbe, nämlich seinen eigenen Vorteil. Entweder will er sich materiell bereichern mit Geld und Gütern oder ideell mit Anerkennung, Ehre, Geltung, Zuneigung. In jedem Falle aber will er sein Ansehen, seinen Rang und letztlich seine Macht erhöhen, denn dies ist die eigentliche Quelle allen Glücks.

Wenn er eine gute, d.h. anderen nützliche Tat vollbringt, dann nicht, weil er an ihrem Vorteil interessiert wäre, sondern weil sie ihm dann gut gesonnen sind, ihn achten, ehren, lieben – wodurch er in seinem Range steigt und also sein Glück befördert. Wenn er eine böse, d.h. anderen schädliche Tat vollbringt, mit Gewalt, Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit vorgeht, dann auch hier nur, um seinen Rang zu erhöhen, sich bestmöglichst zu positionieren, seinen Wert und schließlich seine Macht zu steigern. Der Gute wie der Böse handelt aus demselben Motiv und verfolgt dasselbe Ziel.

Das absolut Böse, das Böse an sich existiert nicht, Gut und Böse hängen vielmehr ab von den jeweiligen Interessen. Das dem einen Schädliche und also Böse ist gleichzeitig einem anderen das Nützliche und also das Gute, des einen Leid, des andern Freud. Alles was in der einen Situation, in der einen Gegend, in der einen Zeit, in der einen Interessengruppe für böse gilt, gilt in einer anderen für gut und lobenswert. Man kann daher Gut und Böse unmöglich der Tat zuordnen und hat deswegen versucht, es am Willen, an der Absicht des Täters – also letztlich am Täter – festzumachen. Aber das führt nicht weiter, denn der Täter hat immer dieselbe Absicht, nämlich sich und seiner Interessengruppe zu nützen – sei es durch materielle Bereicherung oder durch Gewinn an Ansehen. Beides führt zur Erhöhung des Ranges, unserem bei weitem wichtigsten Anliegen überhaupt. Selbst wenn der Täter dem Empfänger nützlich sein will, so doch nur, weil er um den eigenen Ruf besorgt ist, weil ihn der Ehrgeiz treibt, als guter Mensch zu gelten und also geachtet und geliebt zu werden. Eine wirkliche Freude am Gewinn des Andern spielt nur in den seltensten Fällen eine Rolle.

Erst beim Empfänger, d.h. beim Opfer oder Nutznießer, entscheidet sich also die Frage nach Gut und Böse. Gewinnt er durch die Tat, so wird er sie gut heißen, verliert er aber, dann böse. Er hat dabei dieselben Interessen wie der Täter, nämlich materielle Güter und – in noch viel stärkerem Maße – Zuneigung, Anerkennung, Macht.

Weil man also weder der Tat einen absoluten moralischen Wert beilegen kann – gut oder böse hängt immer davon ab, auf welcher Seite man steht – noch auch dem Täter – dessen Wille ist sozusagen durch Naturanlage stets auf den eigenen Vorteil gerichtet und besitzt gar keine moralische Komponente – so bleibt nur übrig, alles Moralische beim Empfänger, d.h. beim Opfer oder Nutznießer zu suchen. Nur der Empfänger kann klar und eindeutig zwischen Gut und Böse unterscheiden – je nach dem nämlich, ob ihm Nutzen oder Schaden daraus erwächst.

Nicht auf die gute oder schlechte Absicht des Täters kommt moralisch alles an, sondern auf den Nutzen oder Schaden des Empfängers. Die Absicht des Täters ist nur deswegen von Bedeutung, weil sie den Grad der Erniedrigung des Empfängers widerspiegelt: Wer mir mit Absicht geschadet hat, der hat mich viel mehr gedemütigt und also herabgesetzt als der, dem es ohne Absicht nur passiert ist. Er hat gezeigt, dass es in seiner Macht und in seinem Gutdünken liegt, mir zu schaden, mich zu unterwerfen, über mich zu triumphieren – und dass er über die Mittel verfügt, es je nach seiner Laune wieder zu tun. Das ist für mich die größte Erniedrigung, ich werde ihn dafür hassen und, zur Wiederherstellung meines Ranges, auf jede erdenkliche Rache sinnen. Er ist für mich der wahrhaft Böse.

Für den Täter stellen sich gut und böse seiner Tat nur insofern dar, als er für die gute, das heißt den Seinigen nützliche Tat, deren Lob erhofft, für die böse, das heißt einer gegnerischen Partei schädliche Tat, deren Rache fürchtet – welche Furcht nichts anderes ist, als das schlechte Gewissen.

6. September 2011

Werte, moralische, kulturelle oder religiöse, beziehen ihre Gültigkeit und Wahrheit nicht von einem Absoluten, Unveränderlichen, sondern wandeln sich fortwährend und unterscheiden sich auch zu jedem Zeitpunkt von denen der anderen, gerade existierenden Kulturen.

Ihre Funktion besteht zum einen darin, einer Gesellschaft eine Ordnungsstruktur zu geben, ähnlich derjenigen des Gesetzeswesens — und tatsächlich sind sich beide, die Werte und die Gesetze, in vieler Hinsicht ähnlich, und die Gesetze werden oft gesehen als die konkreten Vorschriften zur Umsetzung der allgemeineren Werte.

Zum anderen aber sind die Werte auch eine Art Standarte, unter der sich eine gesellschaftliche Gruppe, gleich welchen Umfanges, versammelt, um sich gegen andere abzugrenzen oder gegen sie zu Felde zu ziehen. Die Menschen wollen irgendwo dazugehören, gemeinsam stark sein, sich als die Besseren vorkommen, und dazu brauchen sie ein System von Werten, an denen sie andere Gruppen messen und schließlich abwerten können.

Die einen versammeln sich unter der Flagge einer Religion, die anderen wählen die Freiheit, Gleichheit, die Demokratie, den Sozialismus, den Faschismus oder manche gar die Anarchie, und selbst diese werden in ihrer gepriesenen Unordnung noch einen Katalog von Werten zusammentragen, der sie von anderen unterscheidet und sie über diesen minderwertigen Rest erhebt.

Nur in Gemeinschaften oder Kampfverbänden fühlt sich der Mensch wirklich wohl, er braucht sie, um seiner Streitlust zu frönen, um sich abzugrenzen, sich besser und stärker zu fühlen – und selbst Einzelgänger und Individualisten zimmern sich im Geiste ihre Wertgebäude und versammeln darin virtuelle Gleichgesinnte, um mit ihnen ihr Bessersein zu feiern.

5. September 2011

Es gibt keine moralischen oder weniger moralischen Zeitalter, und man muss sich keine Sorgen machen, dass Moral und Sitte verderben würde, dass die heutigen Zeiten schlechter seien oder die junge Generation keinen Anstand mehr habe. Moralisch gut sein heißt anderen gefallen wollen, heißt ihnen nützlich und dienstbar sein, um ihre Zuneigung und Anerkennung zu gewinnen, um sich ein Mitgliedsrecht in der Gesellschaft zu erwerben. Der Drang dazu ist aber nicht anerzogen, sondern ein Urinstinkt zur Lebenserhaltung.

Anerzogen sind nur die einzelnen Formen und Regeln, in denen sich dieser Instinkt dann entfalten kann. D.h. wie einer gefallen will und wem er gefallen will, das mag sich sehr wohl ändern – und wenn ich nicht länger der Begünstigte bin, so mag mich das ärgern und ich werde den Sittenverfall beklagen. In Wahrheit ist aber nicht die Sitte verfallen, sondern hat sich allenfalls zu meinen eigenen Ungunsten verschoben – und zwar zu Gunsten anderer. Insgesamt sind die Menschen deswegen nicht weniger anständig und gut. Sie sind ja darauf angewiesen gut, d.h. anderen angenehm und nützlich zu sein, um nicht aus der Gesellschaft oder den von ihnen bevorzugten Kreisen verstoßen zu werden.

Einzelne Sitten mögen zerfallen und also die Zustände sich ändern, aber sie sind auch jetzt schon anders in anderen Ländern und anderen Kulturen und waren es zu andern Zeiten. Die Sittlichkeit insgesamt bleibt dennoch immer dieselbe, weil sie als ein Mechanismus von der Natur in uns gepflanzt ist, der das Zusammenleben stärkt, ja vielleicht erst ermöglicht. Und weil wir als gesellschaftlich angelegte Wesen der Gesellschaft bedürfen, um zu überleben, kann sich auch keiner von dieser Abhängigkeit lösen. Physisch kann ein Eremit oder Robinson Crusoe sich vielleicht noch recht und schlecht als Einzelwesen durchschlagen, seelisch aber nicht. Er wird immer die anderen bei sich haben und sein Verhalten an ihrem vorgestellten Urteile messen.

Mit dem Verlust von Sitte, Anstand und Moral beklagen wir nur unseren eigenen Verlust, dass unsere eigenen Werte und also wir selbst nicht mehr genügend geachtet würden. In Wahrheit aber haben sich die Werte und Wertschätzungen nur verlagert, und andere sind jetzt die Begünstigten. Es ist dies wie mit dem Verlust eines Vermögens: das Geld ist in Wahrheit nicht verloren, es hat nur ein anderer. Auch wenn die Aktien an der Börse stürzen, ist der Verlust des einen immer auch eines anderen Gewinn, und selbst in einer allgemeinen wirtschaftlichen Krise gehen mit dem Verlust des Geldes ja nicht zugleich auch die materiellen Güter zu Grunde sondern nur deren auf Papier geschriebener Symbolwert – oder gar nur deren virtuelle Ziffern in einer Datenbank. Nur deswegen erholt sich die Welt ja aus den schlimmsten Krisen immer wieder in unbegreiflich kurzer Zeit – weil eben der größte Teil der Güter noch vorhanden und nur neu geordnet werden muß.

Aber wie es freilich wenig trösten kann, dass ein verlorenes Vermögen nicht verloren ist, sondern bloß einen andern beglückt – und man deswegen alles daransetzt, es zu erhalten und zu mehren – so ist es auch nur natürlich und menschlich, an den eigenen Werten festzuhalten und für sie einzustehen, denn mit ihrem Verlust geht schließlich auch alle Macht und Ehre dahin, und also die Lebensgrundlage der Seele.

 

26. August 2011

Das Gebot: Liebe deinen Nächsten, ist sinnvoll, sofern wir darunter verstehen: sei ihm nützlich und angenehm, denn nur so wirst du die Gunst und Achtung erhalten, davon dein eigenes Glück letztendlich abhängt.

Was sonst noch unter Liebe und Zärtlichkeit gehandelt wird, sind unwillkürliche, meist spontane Empfindungen, die aus heiterem Himmel oder unerforschlicher Quelle über uns kommen, auf die wir aber keinerlei willentlichen Einfluß haben — und die also auch nicht Inhalt irgendeines Gebotes sein können.

Diese Hingezogenheit und widerstandslose Lust am Andern, die Freude an seinen Vorzügen, an Berührung und Austausch von Liebenswürdigkeiten, ist ein Seelenzustand, der uns überkommt wie ein Rausch oder eine Gnade und meist nur gegen unsere Kinder oder engste Vertraute. Zwar mag in diesem Zustand unser Glück noch einmal höher ausfallen, weil ja jeglicher innerer Widerstand und jede Mühe verschwindet und nur das Angenehme bleibt, aber er läßt sich nun einmal mit keinem Vorsatz herbeiführen und hält gewöhnlich auch nicht lange vor.

21. August 2011

Selbstbestätigung und Rechtfertigung vor sich selbst heißen nur deswegen so, weil sie in unserem Inneren, in uns selbst ablaufen anstatt in direktem Austausch mit anderen. Es sind aber deswegen nicht weniger die Anderen, vor denen wir uns dabei rechtfertigen, deren Bestätigung wir heischen, nur findet das Ganze in unserem Kopfe und nicht in der physischen Realität statt.

Sich vor sich selbst rechtfertigen, wäre ja auch ein Unding und völlig widersinnig: wieso sollte ich mich selbst anklagen und mich dann vor mir selbst rechtfertigen? Das wäre, wie wenn ich mich mit der einen Hand schlüge und mit der anderen Hand die Schläge abzuwehren suchte.

Nein es sind immer die Anderen, die mich anklagen, und deren ich mich erwehren will, um nicht zu verlieren, um in meinem Rang in der Gesellschaft nicht abzufallen: Wer ist der Bessere, wer hat Recht, wer die bessere Moral — d.h. die stärkere Meute hinter sich.

Dass diese Scharmützel fortwährend und fiktiv in unserem Geiste ablaufen, könnte man als ein von der Natur eingerichtetes Training zur Selbstverteidigung bezeichnen, Schattenkämpfe und Scheingefechte zur Ertüchtigung der Seele, zur Vorbereitung auf den realen und täglichen Wettbewerb.

Allerdings können wir uns auch so darin verwickeln, dass es wahnhaft wird und unsere Seele daran zerbricht. Aber dies ist nicht anders, als wenn wir unseren Körper über das gesunde Maß hinaus trainieren. Auch dort hat sich schon mancher die Knochen gebrochen oder Gelenke ruiniert und dabei alle Wehrtüchtigkeit verloren.

17. August 2011

Die Moralisten glauben noch immer, dass es ein absolutes Gutes und Böses gäbe, und das ist ihre Befangenheit und letztlich, als Philosophen, ihr Verhängnis. Denn sie müssen sich notwendig in Widersprüche verwickeln und in Seichtigkeiten verlieren. Sie klammern sich an einen moralischen Instinkt, einen Kategorischen Imperativ, ein göttliches Gebot, an ein auf mysteriöse Weise in uns gepflanztes unbestechliches Gewissen, aber zwangsläufig führt dies zu Ungereimtheiten, denn in verschiedenen Gruppen, verschiedenen Kulturen, verschiedenen Epochen herrschen auch immer verschiedene Werte und zwar so gegensätzliche, daß sie sich unmöglich miteinander vertragen.

Das zeigt sich am deutlichsten zwischen Kriegs- und Friedenszeiten: Während in jenen das Töten als Heldentat gilt, wird es in diesen zum Verbrechen, und jeder sieht mit Furcht und Abscheu darauf. Auch dass ein vollkommen guter Gott das Böse in der Welt zulassen kann, oder wir tagtäglich, im besten Wissen und Gewissen, dieselben Taten bei anderen verurteilen, bei uns selbst aber, ein wenig umbenannt und umverpackt, rechtfertigen, alle dergleichen Widersinnigkeiten beruhen letztlich auf dem Irrtum, es gäbe ein objektives Gutes und Böses.

Sobald wir jedoch akzeptieren, dass das Gute immer das gerade Nützliche, das Böse immer das gerade Schädliche ist und was dem einen nützt, immer einem anderen schaden kann, dem einen also gut, dem andern aber böse vorkommt, dass das schlechte Gewissen nichts ist als die Furcht vor Repressalien und also eine Sorge um den eigenen Vorteil, sobald wir diese Naturgegebenheiten akzeptieren, lösen sich alle Widersprüche auf, und alles bekommt mit einem Male einen logischen Zusammenhang: Gut ist, was uns oder unserer Interessengemeinschaft nützlich ist, also gelobt wird, schlecht, was darin Schaden anrichtet und also getadelt wird.

Wenn wir dennoch zuweilen unsicher sind, ob gerade unsere Interessen- und Wertegemeinschaft denn auch die rechte Moral habe, ob wir wirklich auf der richtigen Seite stehen, dann nur, weil wir fürchten, dass eine andere Gruppe, die wir etwa schädigen oder beleidigen, dereinst Vergeltung üben könnte. Nur insofern hat auch der Soldat zuweilen ein schlechtes Gewissen: Er verdient sich mit seiner Grausamkeit zwar Lorbeeren im eigenen Lager, aber er fürchtet doch den Haß im gegnerischen – und nicht allein, weil der Feind am Ende siegen und sich rächen könnte, sondern weil schon geahnter Haß uns grundsätzlich ängstigt und bedrückt.

5. August 2011

Wenn es doch ums Gut-Dastehen, ums Viel-Gelten geht, warum geben wir dann oft und gerne unsere Schwächen zu? — Nun, weil es unsere Größe zeigt, wenn wir das, was andere aus Angst vor Blöße verstecken, mutig präsentieren. Sie fürchten dadurch zu sinken, wir sind so überlegen, daß wir noch Späße machen.

Ferner nehmen wir, wenn wir unsere Schwächen im voraus bekennen, dem Hohn, der uns bei einer unfreiwilligen Entdeckung gewiss wäre, schon einigen Wind aus den Segeln.

Und schließlich bringt es Sympathie, von der Höhe herabzusteigen, uns mit Andern gemein zu machen, ja uns freiwillig unter sie zu stellen. Das tut immer gute Wirkung, selbst als offensichtliche Koketterie, denn sie sehen sich gehoben und geschmeichelt und können, wie beim Kompliment, nicht umhin, uns dafür nett zu finden.

22. Juli 2011

Aufgabe, Sinn und Ziel des Lebens ist es, möglichst glücklich zu sein. Weil aber das Glück dem Menschen hauptsächlich, ja fast ausschließlich, durch Anerkennung und Zuneigung der Anderen zuteil wird, muss er sich stets bemühen, etwas ihnen Nützliches und Angenehmes zu tun. Eine solche Handlungsweise wird Tugend genannt, steht in allerhöchstem Ansehen und bringt also dem Handelnden das höchste Glück. Deswegen stand das rechte Handeln im Dienste des Nächsten und der Gemeinschaft seit je an oberster Stelle, bei den Philosophen wie auch in den Religionen.

Weil wir uns jedoch oftmals schwer tun, unseren Nächsten zu dienen — da sie ja auch fehlbare Geschöpfe und vor allem unsere Konkurrenten sind — hat man zu abstrakteren Wesen als Stellvertreter Zuflucht genommen und also die Götter oder das Gute oder die Gerechtigkeit oder den Humanismus als neutrale Instanzen eingesetzt. Ihnen zu dienen bedeutet aber deswegen nichts Anderes als genau diesen Dienst am Nächsten, ihnen zu gefallen nichts Anderes als den Menschen zu gefallen.

Nur dass es eben leichter fällt — d.h. weniger unsern Stolz verletzt — einem Gott oder dem Guten oder dem Humanismus oder der Kunst oder dem Naturschutz zu dienen, als geradezu einzugestehen, man mache alles bloß, um den Andern zu gefallen und könne ohne ihren Beifall, ihre Achtung und Zuneigung nicht auskommen.

18. Juni 2011

Das Ringen um Sympathie und Anerkennung ist dem Menschen ebenso natürlich und lebensnotwendig wie die Suche nach Nahrung. Würde er diese vernachlässigen, müsste er Hungers sterben, käme er jenem nicht nach, würde sein Wert in der Gemeinschaft fallen, er würde bald verstoßen und ebenfalls zu Grunde gehen. Der Mensch kann nur in Gemeinschaft überleben, er ist ein Rudel- und Herdentier, er muss sich ständig um Anerkennung und Zuneigung bemühen, um seinen Rang und seine Geltung kämpfen.

Daran ist aber so wenig Schlechtes oder Unnatürliches, wie am Essen und Trinken, es ist der Drang alles Natürlichen zu überleben, sich zu behaupten, sich hervorzutun, zu glänzen. Ohne diesen Drang wäre die Welt ein armseliger Ort und müsste vermutlich an sich selbst zu Grunde gehn.

Nur, wie man sich auch beim Essen Schaden zufügt durch falsche Kost und Maßlosigkeit, so kann man ebenso im Streben nach Rang und Ansehen leicht die falschen Mittel ergreifen:

Etwa die Eitelkeit: sie ist sicherlich die ergiebigste Kraftquelle im täglichen Kampf um Rang und Ansehen, doch wenn sie zu dick aufträgt, macht sie entweder den Eitlen lächerlich, indem seine künstlichen Täuschungsmanöver nur desto deutlicher die Schwächen offenlegen, welche er gerade verdecken wollte, oder sie macht ihn verhasst und ekelhaft: zunächst und überhaupt, weil er sich einen Vorteil verschaffen will, sodann, weil er dazu auch noch trügerische Mittel oder nichts als heisse Luft einsetzt, aber in der Welt, die sich nunmal leicht betrügen läßt, womöglich Erfolg haben könnte.

Offensichtliche Eitelkeit schadet also mehr als sie nützt, und wir sollten sie deswegen so gut es geht verbergen, sollten vielmehr die Anderen glauben machen, es ginge uns allein um ihren Vorteil, um ihr Ansehen, um ihren Rang. Zu diesem Zweck sind Komplimente das geeignetste Mittel, sie werden stets gerne aufgenommen und blenden den Geschmeichelten, so dass wir freier manövrieren können.

Auch das Streben nach Reichtum ist nicht unbedenklich. Zwar genießt der Reiche ein gewisses Ansehen, aber er ist auch Objekt der Missgunst und des Neides und verliert so leicht alle Zuneigung und Liebe – was auch gemeint ist mit dem Bilde, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in den Himmel komme (denn die Achtung und Liebe der Anderen ist letztlich unser Himmelreich). Der Reiche hilft sich am besten durch einen nicht zu üppigen Lebensstil, durch ein vernünftiges Maß Freigebigkeit und überhaupt durch Spenden und Wohltätigkeit (weil ja der Ablasshandel, welcher im Grunde dieselbe Sache, nur ungeschminkter, betrieb, heute ganz aus der Mode gekommen ist). Mit diesen Mitteln macht sich der Reiche kleiner und gibt dem weniger Bemittelten das Gefühl, selbst, im Verhältnis, gehoben zu sein. Der Hass wird gemildert und kann, in manchen Fällen, sogar der Sympathie und Liebe weichen.

Viele der reichsten Männer unserer Zeit beweisen hierin großes Geschick, wie etwa Steve Jobs, der sich in Kleidung und Auftreten ganz wie einer aus dem Volke gibt, oder Bill Gates und Warren Buffet, die den größten Teil ihres unermesslichen Vermögens in eine wohltätige Stiftung geben. Sie verlieren dadurch nichts, weil ihnen immer noch mehr bleibt, als sie jemals für eigene Bedürfnisse verbrauchen könnten, aber sie gewinnen was für unser Glück ungleich wertvoller ist als alles Geld, nämlich Rum und Ansehen.

Solcher und ähnlicher Mittel müssen sich auch die politisch Mächtigen bedienen, um dem kleinen Manne das Bittere seiner Unterlegenheit zu nehmen und ihn glauben zu machen, daß der Große sein Leben und all seine Kraft für ihn opfere — was er ja letztlich auch tut, nämlich in der Hoffnung auf Ruhm und Ansehen.

Überhaupt werden wir für unsere Vorzüge zwar oft die erwünschte Anerkennung ernten, gleichermaßen aber auch Neid, Mißgunst, aufgestachelten Ehrgeiz der Konkurrenten, Eifersucht usw. Das bewährteste Mittel dagegen ist demonstrative Bescheidenheit, die sich zuweilen mit Vorteil bis zur Unterwürfigkeit steigern läßt. Zu diesem Zwecke müssen wir uns künstlich klein machen, auf dass der Andere seine Furcht vor Unterlegenheit verliere, welche die Quelle aller Mißgunst, Eifersucht und Feindseligkeit bleibt. Er fühlt sich durch unsere scheinbare Unterwerfung geschmeichelt und zugleich angeregt, wiederum unsere Qualitäten zu loben — weil er ja doch nicht wagt, unsere Unterwerfung geradezu und förmlich anzunehmen. Wir geben ihm so auch das Gefühl, er würde, wenn er uns achtet und lobt, selbst gut dastehen.

Sogar Schopenhauer, der erklärte Feind aller Bescheidenheit, übt sie, wenn auch indirekt, an vielen Stellen und zwar immer, wenn er von unseren Schwächen spricht. Mit dieser Gemeinmachung gewinnt er die Sympathie des Lesers, der immer genießt, wenn sich ein hoher Geist zu ihm herabbegibt, wodurch er nämlich seine eigenen Fehler gemildert, sein Potential aber emporgehoben sieht.

Allerdings auch mit dem entgegengesetzten Vorgehen gelingt es Schopenhauer, seine Anhängerschaft zu akquirieren, durch Arroganz und Großsprecherei, wenn er nicht müde wird, vom seltenen Genie — also von sich selbst — zu schwärmen und den die Welt überwuchernden geistigen Pöbel zu verhöhnen. Denn selbstredend zählt sich der verständige Leser sogleich zum erlauchten Kreise und blickt seinerseits mit Verachtung auf den ganzen blöden Rest.

27. Mai 2011

Warum steht die Eitelkeit in so schlechten Rufe?

Für unsere eigene Eitelkeit schämen wir uns, denn sie zeigt, daß wir nicht autark sind, daß wir von der Gunst und guten Meinung anderer abhängen, für die wir schön oder stark oder reich oder gut sein wollen. Wenn diese Abhängigkeit zu offensichtlich wird, sinkt unser Rang. Deswegen verbergen wir unsere Eitelkeit so gut es geht oder leugnen sie schlichtweg ab.

Die Eitelkeit der Andern stört uns, denn wir fürchten, sie könnten tatsächlich Eindruck machen mit ihrer Vortäuschung von Qualitäten — was wiederum unserem eigenen Range schaden könnte. So ist es eigentlich der Neid und die Mißgunst, die uns den Eitlen unsympathisch macht. Einen Eitlen, der nirgendwo ein Publikum fände, würden wir kaum hassen, allenfalls verachten.

Ganz widerlich ist schließlich, wenn ein Eitler uns zum Lobe nötigt, wenn ihm gelingt, sich so zu produzieren, daß wir als kleinlich, neidisch oder mißgünstig dastünden, falls wir ihn nicht lobten: Hab ich das nicht gut gemacht? So übel schau ich für mein Alter doch gar nicht aus? Ich bin eben eine ehrliche Haut, ich kann nicht anders, als für andere dazusein! Ja, was soll man darauf antworten? Er zwingt uns, ihn zu erhöhen — was wir aber, erzwungen, am widerwilligsten tun, denn wir werden dadurch, im Verhältnis, selbst verkleinert. Freiwillig loben wir nur, um unseren eigenen Geschmack oder unsere Kenntnisse herauszustreichen oder unseren Großmut, unseren Überfluß an Größe, der uns ermöglicht noch davon abzugeben, ohne selbst je Mangel zu spüren.

18. Mai 2011

Fast alle seelischen Nöte rühren daher, daß wir uns in irgendeiner Hinsicht minderwertig fühlen und es uns vorkommt, als genössen die Anderen mehr Anerkennung, mehr Zuneigung und stünden also höher und wären also glücklicher.

Wenn wir es aber recht bedächten, könnten wir uns leicht darüber beruhigen, denn in Wahrheit sitzen hier alle im selben Boot, und keiner genießt einen realen Vorzug, denn: Die Seele bedarf der Anerkennung und Zuneigung als ihrer Nahrung — wie der Körper der seinen — und sie ist, wie er, niemals anhaltend satt zu kriegen. Selbst wenn sich einer jetzt geachtet und bewundert glaubt, so lässt diese Hochstimmung doch zuverlässig wieder nach, und sein Hunger auf neue Anerkennung plagt ihn wie zuvor. Jeder ist hier unersättlich, selbst der gefeierte Künstler, der geachtete Staatsmann, der von Frauen Verwöhnte, der Liebling des Volkes, der bewunderte Weise und der verehrte Heilige. Sie mögen jetzt die Höhe ihres Ruhms genießen, doch schon bald spüren sie wieder den Mangel und müssen neue Mühen auf sich nehmen, neue Dienste leisten, neue Werke schaffen, neue Wohltaten erweisen, neue Opfer erbringen — auf ihrer Jagd nach neuer Nahrung.

Deswegen sollten wir in unseren seelischen Nöten die Glücklichen so wenig beneiden, als wir die Satten beneiden, wenn wir hungrig sind: Sie werden wieder hungrig und wir wieder satt werden, ein alltäglicher Vorgang, von der Natur so eingerichtet, uns in Bewegung und die Welt in Gang zu halten.

13. Mai 2011

Diejenigen, die ihre Eitelkeit leugnen, behaupten gerne, es käme ihnen beim Blick in den Spiegel nur darauf an, sich selbst zu gefallen, mit ihrem eigenen Bilde zufrieden zu sein, ganz gleich was andere davon halten könnten. Sie wollen nicht wahrhaben, dass diese Anderen stets irgendwo in unserem Kopfe herumschwirren und sie es sind, die in Wahrheit das Urteil über unser Äußeres sprechen. Unsere Selbstbetrachtung ist im Grunde doch nichts als ein Spiel von Gedankenfetzen in der Art: Was würde dieser oder jener von mir halten, wenn er mich so sähe, wäre er beeindruckt oder gelangweilt, wirkte ich begehrenswert oder abstoßend, Ehrfurcht gebietend oder lächerlich? Wie käme es an, wenn ich die Haarsträhne etwas zur Seite legte?

Solche inneren Befragungen mag man sich allerdings nicht immer eingestehen, denn es ist schließlich erniedrigend und peinlich, in diesem Maße vom Geschmack und der Meinung anderer abzuhängen. Lieber wären wir Herr im eigenen Hause, aber wir sind es nur insofern, als wir ihnen die Antwort immerhin selbst in den Mund legen. Lassen wir sie applaudieren, dann steigt unser Glück und Selbstgefühl in den Himmel, lassen wir sie den Daumen senken, dann ist uns der Tag verdorben. Ob wir dabei frei sind oder von unserer Laune bestimmt — oder zuweilen gar tatsächlich von unserem aktuellen Aussehen — das lasse ich einmal dahingestellt, aber in jedem Falle gehen wir den Umweg durch ihren Kopf und sind nicht in der Lage, selbständig über uns selbst zu urteilen.

Um dies zu verdeutlichen, sollten wir uns vielleicht einmal vorstellen, es gäbe die anderen überhaupt nicht, es gäbe außer uns keinen einzigen Menschen auf der Welt, und wir stünden jetzt vor dem Spiegel und wollten urteilen wie schön wir seien. Wäre ein solches Urteil dann nicht sinnlos, ja sinnlos überhaupt in den Spiegel zu schauen, überhaupt einen zu besitzen? Er könnte doch allenfalls noch zu praktischen Zwecken dienen, um sich schmerzhafte Pickel auszudrücken. Ohne die Anderen als unser Publikum hätte ein Spiegel doch weiter keine Verwendung, und überhaupt die Frage nach dem Wert unseres Äußern bliebe ohne alle Substanz.

Die Andern sind in Wahrheit unser Spiegel, die spiegelnde Glasscheibe ist bloß ein technisches Hilfsgerät, um unserer Vorstellung, wie wir in ihren Augen dastehen könnten, auf die Sprünge zu helfen. Unser Wert und Unwert kommt uns aus dem Vergleich mit ihnen bzw. aus der Vorstellung, welches Urteil sie über uns fällen könnten. Wenn es keine Anderen gäbe, wofür sollte man sich schön machen, wofür schön sein? Die Kategorie schön und hässlich könnte es bezüglich unseres Aussehens gar nicht geben. Und eben dies ist der deutlichste Beweis, dass immer wenn wir uns im Spiegel betrachten, die Andern es sind, die über uns urteilen, die Andern, die uns undeutlich und oftmals unbewusst im Geiste herumspuken, und jedes Mal fragen wir: Wie könnten wir jetzt auf sie wirken?

7. Mai 2011

Einerseits loben wir gerne, denn das Gute, das wir dabei den anderen tun — indem wir sie erhöhen — macht uns sympathisch und erhöht uns also selbst.

Dann aber scheuen wir uns auch, andere zu loben, denn wir fürchten, sie zu sehr zu heben und also unseren eigenen relativen Wert herabzusetzen.

Vor allem könnten sie Verdacht schöpfen, daß wir als Bedürftige kommen, um Sympathie und Ansehen zu erdienern, was denn augenblicklich ihren Hochmut weckte und uns nichts als Verachtung brächte.

Der Reiche ist hier, wie so oft, im Vorteil: er kann von seinem Überflusse spenden, erntet Dank und braucht doch keinen Verlust zu fürchten. Was aber heißt hier Reichtum? Doch das Gefühl der sichern Überlegenheit, der Autorität, der Macht. Es ist nicht verwunderlich, daß keiner so viel und offenherzig lobt wie Goethe. Aber auch wir, in dem Maße uns Liebe und Achtung entgegenströmt und wir also gut gelaunt sind, werden großzügig mit unserem Lob — und ernten dafür noch immer weitere Zuneigung, denn dem der hat, dem wird gegeben.

26. April 2011

Wir wollen vor allem Lob und Anerkennung, die Grundnahrungsmittel unserer Seele, und nahezu alles was wir tun und leisten, geschieht zu diesem Zweck.

Allerdings ist nicht jedes Lob geeignet, unser Glück zu machen. Zum einen wollen wir nur für dasjenige geschätzt sein, was wir auch selbst für unsere eigentliche Qualität ansehen, wir wollen nicht missverstanden sein, für etwas gelobt werden, das wir ganz anders gemeint haben oder für ein Werk, mit dem wir selbst noch nicht zufrieden sind. Solches Lob ist eher ärgerlich, denn wir sehen darin mehr Missachtung als Achtung, es ist, als lobe man uns nur aus Leichtsinn und Oberflächlichkeit, als habe man sich nicht ernsthaft mit unserer Sache beschäftigt.

Sodann wollen wir nur gelobt werden von Menschen, die uns wert und wichtig scheinen, die selbst etwas gelten und Autorität genießen, denn vor allem das Gewicht des Lobes wird uns im Range steigen lassen. Der Musiker verzichtet auf das Lob des Tauben, der Philosoph auf die Bewunderung des Blöden, und auf unterwürfige Schmeicheleien einer Niete werden wir nicht viel setzen. — Allerdings macht die Eitelkeit uns oftmals blind bis zu dem Punkte, daß uns jegliches Lob noch irgendwie die Seele kitzelt und erbaut.

Bei alledem soll aber keiner merken, daß wir überhaupt auf Lob und Anerkennung aus sind — denn das bringt weder Anerkennung noch macht es beliebt.

15. April 2011

Sinn und Zweck des Lebens besteht letztendlich darin, dazusein und sich im Dasein zu behaupten — wie dies auch jedes Tier, jeder Baum und sogar der Klumpen Erde tut.

Des Menschen wichtigstes Feld zu solcher Betätigung ist, sich unter Seinesgleichen geachtet und beliebt zu machen, denn darin liegt sein höchstes Gut, daraus gewinnt er sein höchstes Glück.

Wer Moralisches, Geistiges, Übersinnliches und Jenseitiges darüber stellen will, verkehrt das Mittel zum Zweck, denn aller Fleiß, alle Gerechtigkeit, Humanität, künstlerische Genialität, Weisheit und Heiligkeit, dient am Ende nur dazu, sich Geltung und Ansehen zu verschaffen, sich kraftvoll hervorzubringen, die maximale Wirkung im Dasein zu entfalten.

Dieser Sinn und Zweck des Lebens braucht gar nicht anempfohlen oder gepredigt zu werden, man muss uns weder auffordern noch verlocken, denn wir streben danach ganz von Natur und aus Instinkt. Wir wollen geachtet oder geliebt, am besten geachtet und geliebt sein und geben dafür unsere Lebenskraft.

Selbst unsere Feinde im Kriege, und selbst die Bösen und Kriminellen — unsere Feinde im bürgerlichen Leben — machen im Grunde dasselbe: Sie wollen sich behaupten, wollen in ihrem Kreise, ihrer Nation, ihrem Clan, ihrer Sekte als nützliche und angesehene Glieder hervortreten, und zwar gerade indem sie uns Schaden zufügen. Wir werden sie zurecht als Feinde ansehen und bekämpfen, aber von einem neutralen Standpunkte betrachtet müssen wir sehen, daß sie nur auf der andern Seite einer zufälligen oder willkürlich gezogenen Linie stehen.

29. März 2011

Wir sollten uns gar nicht wundern, wenn einer, der bislang für selbstlos galt, sich plötzlich korrumpiert, in seinen Säckel wirtschaftet, für sein eigenes Wohl und das der Seinigen andere schädigt und verdirbt. Denn selbstlos war er bereits zuvor so wenig als irgendeiner, nur hat er sich bis dahin nicht materieller Güter bereichert sondern übermaterieller, ideeller, als das sind: Ansehen, Ehre, Ruhm. In dem Maße aber diese Güter den Menschen ohnehin wichtiger sind als die materiellen, wog seine bisherige Bereicherung sogar schwerer — und die dann noch hinzugekommene materielle wäre im Grunde harmlos — wenn nicht darin ebenfalls Ansehen und Kränkung und dergl. mitspielten.

Und ebenso wie die materielle Bereicherung in der Regel auf Kosten anderer stattfindet, geschieht dies auch mit der ideellen: Wem gelingt, Ehre auf sich zu ziehen, bewirkt daß andere gleichzeitig weniger abbekommen, denn geehrt werden heißt ausgezeichnet werden, und ausgezeichnet werden heißt erhoben werden, erhoben vor anderen. Diese müssen dabei im Verhältnis sinken — und nur auf das Verhältnis kommt es bei der Ehre an. Wie bei den materiellen Gütern, so liegt auch hier der Hauptgewinn und das eigentlich Erstrebte nicht in einer absoluten und zählbaren Menge, sondern einzig in der Relation zu anderen, d.h. um wie viel diese weniger haben.

24. März 2011

Wenn einer sagt: Es ist mir gleich, was die anderen von mir denken und wie ich bei ihnen dastehe; so meint er aber nur zum Beispiel seinen Nachbarn oder die Leute im Dorf oder die Boulevardpresse, aber er meint damit keinesfalls seine Frau und seine Kinder, seine Freunde, seine Parteigenossen oder seinen Vorgesetzten. Und wer selbst auf deren Meinung noch pfeift, der will dann umso mehr bei seinem geistigen Führer oder vor der Nachwelt glänzen.

Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür?

21. März 2011

Dass alle Menschen moralisch gut würden, ist eine ebenso unsinnige Hoffnung, als dass alle Athleten bei einem sportlichen Wettkampf die Goldmedaille erhielten. Tugend ist wie jede Leistung, die uns die Anerkennung anderer einbringt, ein Wettkampf: man muss hervorragen, andere überragen, gewinnen und triumphieren — aber dazu ist unumgänglich, dass diese den Kürzeren ziehen. Weder im Sport noch im Kriege noch in der Moral ist die absolute Leistung von irgendeiner Bedeutung, es geht immer um das Besser- oder Schlechtersein.

18. März 2011

Ist Schadenfreude wirklich Freude am Schaden des Andern? Ich kann das nicht glauben, denn welchen Sinn würde es machen, sich über einen Schaden zu freuen? Solange man jedenfalls Schaden als etwas Negatives, Freude als etwas Positives ansieht, paßt das nicht zusammen.

Ich glaube daher, es ist viel eher die Freude am eigenen relativen Gewinn, und dieser Gewinn ist — wohl nur relativ — aber dennoch sehr real: Wir steigen im Verhältnis zu dem, der fällt, wir werden schöner wenn er häßlich wird, stärker wenn er dahinsiecht, klüger wenn er verblödet, reicher wenn er sich ruiniert — und moralisch besser wenn er sündigt. All diese Qualitäten besitzen kein absolutes Maß, sondern gelten immer im Vergleich — und im Vergleich gut dazustehen, darin besteht unser Glück, und also profitieren wir vom Fall des Andern und werden froh an seinem Pech.

Man könnte einwenden: Warum ist dann die Schadenfreude besonders innig, wenn es einen Verhaßten trifft? Nun genau aus dem Grunde, aus dem er uns verhaßt ist: Er hat sich über uns gestellt, sich einen Vorteil angemaßt, uns auf irgendeine Weise herabgesetzt; deswegen hassen wir ihn, und deswegen freut uns umso mehr, daß wir jetzt, durch sein Unglück, im Verhältnis wieder steigen.

15. März 2011

Cicero: Die Begründung dafür, dass etwas als sittlich gut anerkannt wird, liegt nicht darin, dass es von vielen gerühmt wird, sondern weil es von der Art ist, dass, selbst wenn die Menschen nichts davon wüssten, ja wenn sie stumm wären, es dennoch um seiner eigenen Schönheit und seines Glanzes willen rühmlich wäre.

Ja aber, wenn niemand davon wüsste, nicht einmal davon wissen könnte, woher soll dann diese eigene Schönheit, dieser eigene Glanz herrühren, um dessentwillen es rühmlich wäre? Und was heißt rühmlich? Es heißt doch, dass es gerühmt werden kann, wenigstens in unserer Vorstellung; aber wer, außer den anderen, könnte es rühmen? Da blieben ja nur noch wir selbst — und das wäre dann doch wieder unrühmlich, wenn wir uns selbst rühmten.

Cicero weiter: Gesetzt den Fall, dass irgendwo versteckt eine Natter läge, und es würde sich jemand, dessen Tod dir Nutzen bringen könnte, ahnungslos darauf setzen, dann handelst du ruchlos, wenn du ihn nicht warnst, sich darauf zu setzen. Bestrafen könnte dich aber niemand. Denn wer sollte dir beweisen, dass du es wusstest?

Auch dies kein Zeichen dafür, daß die Tat an sich selbst schön oder häßlich wäre, denn wenn ich ihn warne, dann komme ich groß heraus, bei ihm und bei anderen, und solches ist uns allgemein von höherem Wert als irgend ein unmittelbarer oder materieller Vorteil. Hingegen, wenn ich ihn nicht warne, dann wird so mancher Verdacht schöpfen, ich hätte ihn mit Absicht und zu meinem Vorteile verderben lassen, und das kann meinem Rufe sehr verderblich sein.

Nicht daß solche Gedanken und Abwägungen in dem kurzen Augenblicke unseren Geist beschäftigten — obschon auch in einen kurzen Augenblick viele Gedanken hineinpassen. Aber gestehen wir einmal zu, wir handelten nicht berechnend sondern intuitiv, dann ist diese Intuition doch immerhin bestimmt durch unsere Erziehung und Lebenserfahrung: Wie oft haben wir gehört oder erfahren, daß ein Retter gelobt wird und einer, der selbst seinem Gegner hilft, als großer Mensch gepriesen — und wer es nicht getan, den sahen wir verachtet und beschimpft. Das hat sich in uns geprägt und wurde zu einem Gefühl, einer Art Instinkt, und so bedarf es im entscheidenden Moment keiner bewußten gedanklichen Abwägung mehr. Zwar schießen noch allerlei Gedanken durch den Kopf, aber die Entscheidung fällt in einem Augenblick, wie der eingeübte Reflex des Autofahrers, der bei Gefahr die Bremse drückt.

12. März 2011

Der Eitle gilt nicht bloß als charakterlich schwach sondern ist uns auch widerlich. Er will sich erhöhen — was schon grundsätzlich ärgert — und will uns auch noch nötigen, seine erschlichenen Vorzüge zu loben. Zu diesem Zwecke drängt er uns in Situationen, wo wir, falls wir nicht loben, unhöflich, kleinmütig und neidisch erscheinen.

Vollends verhaßt wird er uns, wenn er mit seinem Trugbild auch noch Beifall erntet und erst recht, wenn er sich unverblümt am Genusse dieses Beifalls weidet. Seine Erhöhung macht ihn jetzt zum Feinde und wir werden alles herbeisuchen, um seine Schwächen aufzudecken und ihn lächerlich zu machen.

Aber es ist nicht immer so, denn Eitelkeit kann auch erfreuen: Wenn die Frauen sich schminken und wir uns vorstellen, dass sie es unseretwegen tun, weil sie unsere Aufmerksamkeit, ja uns selbst begehren, so ist das Schmeichelhafte daran so stark, dass wir uns über ihre Eitelkeit freuen. Ebenso darf ein Großer und Berühmter eitel sein — falls wir ihn zu unserem Liebling erkoren haben. Er vertritt dann unsere Sache, ja eigentlich uns selbst, und wir genießen alles, was ihn erhöht und ins Rampenlicht setzt, weil wir uns mit ihm erhöht fühlen.

Letztlich ist es wie überall: Wir mögen, was uns Vorteil und Ehre einbringt, wir hassen und verurteilen was Konkurrenz und Gefahr für unser Ansehen heißt.

5. März 2011

Katastrophen, Seuchen, Weltuntergänge: Womöglich ist Angst bei diesem ganzen Handel das Wenigste. Die einen wollen sich hervortun mit Prophezeiungen, Anklagen und Drohungen — als da sind Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, religiöse Eiferer — die andern lieben Sensation und schließen sich gern einer Partei oder Strömung an, aus Spaß unter wehenden Fahnen mit den „Besseren“ zu marschieren, sich den Übrigen überlegen zu fühlen. Und wenn doch die Angst mit im Spiele ist, so weniger vor der drohenden Katastrophe als vor der Gefahr, durch die mächtige Katastrophen-Liga wegen Ungläubigkeit ausgegrenzt zu werden.

24. Februar 2011

Honestum igitur id intelligimus, quod tale est, ut detracta omni untilitate, sine ullis praemiis fructibusve per se ipsum possit iure laudari. Unter dem moralisch Guten verstehen die Stoiker dasjenige, was an sich selbst lobenswert und zu erstreben sei, auch wenn es im übrigen keinerlei Nutzen, Lohn oder Gewinn einbrächte. Das haben auch die meisten anderen so gesehen, nicht zuletzt die, welche den wahren Lohn erst fürs Himmelreich in Aussicht stellen.

Ich würde hier zustimmen, solange jedenfalls unter Nutzen, Lohn und Gewinn nur die materiellen Vorteile verstanden werden. Würde man nämlich auch die ideellen Vorteile – als welche ich Anerkennung, Ruhm, Beliebtheit bezeichne – wegnehmen, so würde das moralisch Gute niemals geschehen und somit auch gar nicht existieren. Die Aussicht auf die ideellen Vorteile sind das Motiv, moralisch gut zu handeln. Ohne Motiv, per se ipsum, um seiner selbst willen, wird kein Ding in der Natur in Bewegung gesetzt, und also könnte eine solche Handlung auch gar nicht zustande kommen.

Übrigens: Etwas, das bloß um seiner selbst willen gut wäre, wäre ja das selbstsüchtigste Ding auf der Welt, es wäre für nichts gut als für sich selbst.

22. Februar 2011

Die Stoiker wollen das Sittliche, d.h. der Gemeinschaft Nützliche, als alleiniges höchstes Gut und alles andere, also Lust und auch Schmerzlosigkeit davon ausschließen. Sie sind darin wohl zu kategorisch, denn dem Menschen ist alles ein Gut, was ihm in irgendeiner Weise wohl tut.

Aber dass sie das Sittliche ganz oben anstellen, darin tun sie recht, denn das Sittliche ist das, womit wir am meisten den Beifall der andern ernten — und dieser Beifall ist unser höchstes Glück und das Grundnahrungsmittel unserer Seele, ohne welches sie verdorren und in Gram zu Grunde gehen müsste. Auf Süßigkeiten und Schlemmereien können wir zur Not verzichten, auf die Anerkennung anderer keinesfalls.

Zwar ist diese Anerkennung oft mehr gefühlt als deutlich wahrgenommen und meist ein bloßes Produkt unserer Phantasie – wir können ja nicht wissen, was die andern wirklich von uns denken — aber sie bedeutet uns doch mehr als alles Gold und zuweilen mehr als das Leben selbst: Wieviele gebrauchen ihr Gold, nur um sich Anerkennung zu verschaffen, und wieviele lassen ihr Leben bei der Arbeit, zur Rettung anderer oder in heldenhaftem Dienst zum Schutz und Ruhme der Gemeinschaft!

21. Februar 2011

Streben nach Geltung und Macht und aller Ehrgeiz geht in die eine Richtung, Faulheit in die entgegengesetzte. Freiheitsstreben kann sich mit beiden vereinigen: einmal wenn man die Abhängigkeit von andern abstreifen möchte, um noch mächtiger zu werden; zum anderen mit der Faulheit, wenn man nichts will als sich von lästigen Verpflichtungen und Bindungen zu befreien.

10. Februar 2011

Meine Darstellung, dass alles im menschlichen Handeln darauf hinauslaufe, sich zu behaupten, zu glänzen und jedenfalls nicht aus der Gemeinschaft verstoßen zu werden, dass auch alles Moralische und alle Tugend unter diesem Zeichen stehe, dies ist keine Reduktion menschlicher Vielfalt, Größe und Güte, sondern nur die Ordnung des Vorhandenen unter ein Gesetz. Man reduziert auch die Natur nicht, wenn man sagt, alle Körper unterlägen der Gravitation, hätten ihre Ausdehnung im Raum und ihre Veränderung in der Zeit.

3. Februar 2011

Stets sind wir in Sorge, ob wir für alle den rechten Ton getroffen, keinen beleidigt, gekränkt, oder auch nur verstimmt haben könnten — in Wahrheit aber haben wir nur Sorge, ob wir einen gegen uns verstimmt haben könnten und also seinen Unwillen oder gar seine Feindschaft auf uns gezogen. Es ist in keiner Weise die Sorge um sein Wohlbefinden oder seine Unverletztheit. Der Beweis dafür ist, dass es uns kaum beunruhigt, wenn er in derselben Weise von einem andern verletzt worden, im Gegenteil, dies bereitet uns heimliche Freude, nämlich Schadenfreude gegen den, der verletzt ist und gegen den Verletzer, der nun des ersteren Hass auf sich gezogen. Die beiden bekriegen sich, schwächen sich also, und dies gereicht uns zum Vorteile. Diese unsere Freude setzt nur dann nicht ein, wenn wir uns indirekt selbst mit angegriffen fühlen, wenn unsere Familie, unsere Partei, unser Staat, unsere Nation beleidigt wurde, in welchem Falle wir uns dann selbst gegen den äußeren Feind empören. Unser Feingefühl aber und die Sorge, ein anderer möge nicht gekränkt oder verletzt werden, ist ausschließlich Sorge um uns selbst und die Unsrigen.

26. Januar 2011

Wir brauchen nicht höflich und anständig zu sein gegen Andere wegen ihnen, damit es ihnen besser gehe, weil sie es verdient hätten. Nein, es genügt, wenn wir es ausschließlich für uns selbst tun. Wir sind aber gut beraten es zu tun, denn wenn wir ihnen keine Achtung entgegenbringen, keine Höflichkeit und keine Fairness, werden wir sie sehr gegen uns verstimmen und schnell zu neuen Feinden haben. Dabei ist nichts für unser Glück und Wohlbefinden bedeutender als eben unser Ansehen — bei ihnen — und also äußerst ratsam, uns gegen sie anständig und wohlwollend, ja ehrerbietig zu verhalten, denn nur so werden wir sie freundlich stimmen.

Hätten wir genügend andere Machtmittel zur Hand, wäre dies vielleicht nicht nötig, aber in der gesellschaftlichen Abhängigkeit, in der wir nun mal stehen, werden wir allein mit Macht und Gewalt, mit Trotz und Drohung auf die Dauer keine geachtete Stellung halten können — und selbst ein Tyrann hätte wohl lieber, daß andere ihn ehrten anstatt ihn nur zu fürchten.

Wir leben in der ständigen Angst, Andere zu verärgern, in ihre Ungnade zu fallen, aus ihrem Kreise verstoßen zu werden. Diese Furcht ist die halbe Rechnung aller Höflichkeit und Ehrerbietung, aller Anständigkeit und Rücksichtnahme. Und auch das ungute Gefühl, das Schlechte Gewissen, ob wir nicht doch vielleicht diesen gekränkt oder jenen zu wenig geehrt haben könnten, ist nichts als die dumpfe Furcht vor derlei Folgen.

Angriffslustig sind wir nur, wenn es gemeinsam gegen Außenstehende geht, wenn wir uns bei den Unsrigen damit hervortun können. Die Grenzen sind dabei elastisch, und oft sind es nur die gerade Abwesenden, über die man respektlos lästert — um den gerade Anwesenden zu schmeicheln, um sich mit ihnen gemeinsam zu erhöhen.

Die Vorstellung, dass andere sich über uns ärgern, ist immer unangenehm, denn sie birgt in sich die Furcht, dass sie uns feindlich sind und also schaden wollen. Deshalb sollten wir, wo immer es ohne großen Nachteil möglich ist, Freundlichkeit, Höflichkeit, Anstand wahren, gute Umgangsformen, Gerechtigkeitssinn walten lassen, weil sonst, mehr als jetzt schon, jeder sich vor jedem fürchten müsste, das gesellschaftliche Leben ein Schlachtfeld aller gegen alle wäre.

Wenigstens kann man Gruppen bilden, innerhalb derer man sich halbwegs sicher fühlt, einer den anderen gelten lässt und also auch seine eigene Geltung findet. Natürlich muss man auch kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen, aber dabei doch Bedenken, dass jeder Streit, jeder neu geschaffene Feind, einige Stunden seelischen Unbehagens mit sich bringt, mit dem äußeren auch den inneren Frieden stört. Nicht zuletzt deswegen wird im Christentum das „Liebe deinen Nächsten“ so sehr hochgehalten.

Wenn dies denn möglich wäre, sollten wir vor jedem Angriff — und ein nachlässiger Gruß ist bereits ein Angriff — bedenken: bringt er uns so viel Genugtuung, Autorität, Machtgewinn, Respekt, als er uns an innerem Seelenfrieden nimmt? Wenn dieses abzuwägen möglich wäre, dann könnten wir uns leicht zu unserem eigenen Vorteile entscheiden. So aber, da wir das alles nicht abwägen und im Voraus wissen können, wird es ratsam sein, wo immer möglich, Höflichkeit, Anstand und Fairness zu wahren, als ein gewissermaßen automatisiertes, in Fleisch und Blut gegangenes Benehmen, und nur in Ausnahmefällen davon abzuweichen und das Glück im offenen Kampfe wagen.

15. Januar 2011

Das schönste an der Liebe ist, dass wir den andern glücklich machen. Der Glanz in seinen Augen sagt uns: Wir sind so gut, so gut, dass er darüber aus dem Häuschen kommt. Das füllt uns mit Stolz und unsäglicher Freude — denn es gibt für uns kein größeres Glück, als viel bei Andern zu gelten.

Nimmt man dieses hinweg, so bleibt vom Liebesgenuß nichts als ein bescheidener sinnlicher Reiz — wie etwa der von Käse oder Wein — die sich ja auch nicht über uns freuen und uns loben, wenn wir sie verzehren. Der höchste Genuß liegt immer in der Selbstbespiegelung, in der Machtvollkommenheit über das Glück des Andern, erfahren durch das Zeichen seiner Überwältigung — weswegen so sehr betört, wenn das Weib beim Akt ganz außer sich gerät, in ekstatischen Schreien Zeugnis ablegt von der Lust — die wir die Macht und das Vermögen haben hervorzubringen.

13. Januar 2011

Sich für jemanden schämen heißt, Angst um sein eigenes Ansehen haben. Seine Frau, sein Kind, sein Freund haben sich lächerlich gemacht, haben sich danebenbenommen, und nun fürchtet er, selbst angefeindet oder lächerlich zu werden. Man sagt deswegen auch: er hat mir Schande gemacht, sie hat mich mit ihrer Szene zum Gespött gemacht. Ich hasse den andern nicht weil er sich, sondern weil er mir geschadet, mich in ein schiefes Licht gebracht hat.

9. Januar 2011

Den Menschen treibt vor allem sein Eigeninteresse. Aber nur ein Teil dieses Antriebes wird gewöhnlich als Egoismus bezeichnet, und zwar der materielle Teil. Als solchen bezeichne ich, wenn einer am Tisch den besten Happen für sich haben will, sich überall vordrängelt wo etwas zu ergattern ist, dafür bei der Arbeit sich hinten anstellt, nach Macht und Einfluss strebt, um sich Reichtümer zu beschaffen und dergl. mehr. Dies ist aber nur die eine Hälfte seines Eigeninteresses, und ich würde sogar sagen die schwächere. Die andere Hälfte strebt nach Ansehen um des Ansehens willen, nach Macht um der Macht willen, will geliebt und begehrt werden, hofiert und geschmeichelt — denn was nur immer vor Andern aufwertet, beglückt am meisten und wirkt wie eine Droge. Um diese ideellen — mit Händen nicht greifbaren — Güter zu erlangen, ist einer zuweilen bereit, sämtliche materiellen Güter hinzugeben, für Ruhm und Größe, Liebe und Anerkennung seine Körperkraft zu verschwenden, seinen Reichtum, Frau und Kinder zu opfern und manchmal gar sein Leben zu lassen.

So wie einer auf dem Markte sein Geld geben muß, um die begehrten Lebensmittel zu bekommen, so muß er auch für die ideellen Güter bezahlen: mit Diensten der Aufopferung, Mildtätigkeit, Hilfsbereitschaft, Pflichterfüllung und Einsatz seiner Arbeitskraft. Hinzu kommen geistige Dienstleistungen, denn auch mit Witz, Erfindungskraft, Originalität, künstlerischen und geistigen Werken lassen sich die Andern unterhalten und bezahlen dafür gerne mit Beifall und Zuneigung. Und schließlich eignen sich jegliche Art von Ehrerbietung, Höflichkeit, Freundlichkeit, Lob und Liebesschwur — also selbst wieder ideelle Güter — und sind hervorragende Tauschobjekte und bringen oft sogar den sichersten Erfolg.

Immer findet ein Handel statt, oft auf Umwegen und unbewußt, oft mit Enttäuschung unserer heimlichen Erwartung, aber doch, der unausgesprochenen Voraussetzung nach, ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Und daran ist nichts Schlimmes — im Gegenteil, es wäre unlogisch und im Grunde gegen alle Natur, wenn es einseitig sein sollte: Mehr Geben als Nehmen, Arbeit ohne Lob und Anerkennung, Opfer ohne Ruhm, Heldentat ohne Ehre, wozu sollten solche Einbahnstraßen taugen, Fässer in die man schüttet ohne zu zapfen, Häuser die man baut ohne zu wohnen? Tritt nicht auch der Herr in diesem Sinne als Händler auf und bietet für Gehorsam und Gottesdienst einen Platz im Paradiese?

2. Januar 2011

Dass wir aus uns selbst tätig werden, uns für eine Sache um ihrer selbst willen begeistern und nicht ablassen können von unserer Arbeit, unabhängig davon, wie sie Andern gefällt, welches Lob und welchen Tadel wir uns erwarten, das nennt man in der heutigen Psychologie „Intrinsische Motivation“. Ich nun behaupte, daß es so ein Ding überhaupt nicht gibt, daß wir immer nur vom Urteil der Andern getrieben sind, von unserer Hoffnung auf Lob und Anerkennung, von unserer Furcht vor Tadel und Verstoßung — außer bei einigen wenigen, von mir anderswo genannten Handlungen, nämlich denjenigen, für die wir uns vor Andern schämen. Alle übrigen Handlungen sind extrinsisch, das heißt von außen motiviert.

Allerdings, weil wir in unserm Geiste nicht die von außen kommenden Motive gegenwärtig haben und uns gleichzeitig noch auf unsere Tätigkeit konzentrieren können, so wechselt das Bewusstsein notgedrungen zwischen der Aufgabe selbst und den außer ihr liegenden Anreizen, welche von dem Wunsch nach Anerkennung herrühren, hin und her. Es gibt also extrinsische Motive einerseits und reine Konzentration auf die Bewältigung der Aufgabe andererseits, das eine liefert den Anreiz und die Energie, das andere ist Werkzeug und Mittel zur Ausführung.

Aber der Wechsel zwischen diesen beiden Bewusstseinszuständen geht so unmerklich und in Augenblicken vonstatten, dass das Ganze eher einem dichten Gewebe ähnelt als einer aufgereihten Perlenschnur. Deswegen glaubt der in seine Arbeit Vernarrte auch gerne, er würde ganz aus eigener Autorität handeln — und übersieht dabei die fortwährend seinen Geist durchwehenden Bilder eines lobenden Publikums, aus denen er aber letztlich alle Initiative und alle Kraft bezieht.

20. Dezember 2010

Natürlich muß der Künstler ein Talent mitbringen! Aber die Kraft, es auszubilden und zu nutzen, die strömt ihm allein aus seiner Ruhmbegierde zu.

16. Dezember 2010

Höhenschwindel hat der eine mehr, der andere weniger, und er läßt sich durch Übung und Gewohnheit sehr vermindern, oft sogar vorübergehend völlig überwinden. Wie steht es aber mit dem Schrecken des Todes? Wenn ich nur eine Fliege zerquetsche, so fährt mir bereits — im Augenblick, da der weiße Lebenssaft mit Knacken aus dem Körper spritzt — ein Schauder durch den Leib und für eine Sekunde macht mir Bangigkeit die Eingeweide starr. Kurz hebt der Tod den Schleier und läßt mich seinen Abgrund schauen.

Die Empfindung ist dabei so verschieden nicht von der, die mir an einer Klippe beim Blick in die schreckliche Tiefe kommt, und also ist die Frage: Wird nicht auch jener Todesschauder, wie hier der Höhenschwindel, durch Gewohnheit überwunden? Wird nicht ein Schlächter, der täglich hunderte von Schweinen tötet, weniger dabei empfinden, als ich beim Zerquetschen einer Fliege? Und ein Krieger, der jahrelang im Blute seiner Kameraden watet, unzählige Feinde tötet — und dafür gefeiert wird — wird nicht auch ihn kaum mehr ein Frösteln überlaufen in dem Augenblick, da er die Seelen aus den Körpern weichen sieht? Wenn dem nicht so wäre, wie könnten da Kriege überhaupt geführt, Hinrichtungen vollzogen oder auch nur das Vieh für unsere tägliche Nahrung geschlachtet werden?

Die Gewohnheit ist eine starke Macht, und würden wir sie nicht in Rechnung ziehen, müssten wir rat- und fassungslos vor mancher Handlung, vor manchem Brauch und mancher Sitte stehen.

14. Dezember 2010

Rührung überkommt uns vor allem, wenn wir sehen wie Andere Andere loben, ihnen Achtung, Liebe und Vertrauen bekunden. In Romanen, Filmen und auf der Bühne lassen diese Szenen unsere Tränen fließen, und selbst auf einem Begräbnis weinen wir vor allem durch den Anblick anteilnehmender Trauergäste. Ich hatte da zuweilen den Eindruck, daß es gar nicht die Trauer um den Toten ist oder der Schmerz des Verlustes, was uns weinen macht, als vielmehr diese Erhöhung und Veredelung, welche sich in der Anteilnahme der Andern ausdrückt.

Nun steht natürlich die Frage, warum uns so sehr rührt, wenn Andere Andere erheben — denn zunächst sollte man ja meinen, es müsse uns viel eher Anlaß für Neid und Mißgunst sein. Ich habe auch bislang keine Erklärung gewagt und will hier nur anführen, was mir ein Freund als seine Ansicht dazu mitgeteilt. Er sagt, die Rührung käme daher, daß wir uns selbst an die Stelle des Gelobten versetzten und dann aufgewühlt würden von der Vorstellung, ebenso geachtet und geliebt zu werden, und diese Vorstellung sei so überwältigend, daß uns sofort die Tränen flössen.

Obwohl diese Erklärung sich zwar anstandslos in meine übrigen Beobachtungen fügte, scheint sie mir doch zu kühn, als daß ich mich nicht erst an sie gewöhnen müßte. Sie ist vielleicht weniger evident und natürlich als das sonst von mir Versuchte, erfordert einen höheren Grad von Abstraktion, da auch die Zusammenhänge noch tiefer im Unbewußten liegen. Absurd scheint sie mir andererseits auch nicht und soll daher einstweilen als eine Möglichkeit hier stehen bleiben.

30. November 2010

Nachdem wir die Eitelkeit als allgegenwärtig erkannt, muß im nächsten Schritt die Einsicht folgen, daß sie keine Schwäche oder Schande ist sondern ein Segen. Nehmen wir die Putzsucht, welche bei den Frauen am augenscheinlichsten hervortritt — wo wären wir, würden sie sie sich verkneifen? Die Welt wäre um ihre herrlichsten Blüten betrogen. Würden dann auch noch die Männer ihre Eitelkeit abstreifen, so könnten wir vollends alle menschlichen Leistungen vergessen und uns gleich in Steine verwandeln — denn auch die Männer machen, was sie hervorbringen und leisten, nur aus Eitelkeit, um hervorzutreten, um herauszuragen, um nicht als Versager und Taugenichtse dazustehen, um als Gute geehrt und nicht als Bösewichte gehaßt zu werden.

29. November 2010

Ein Teil der Ergriffenheit und heftigen inneren Bewegung, welche der Anblick eines großen Kunstwerkes, der Vortrag eines begnadeten Schauspielers oder Musikers in uns auslöst, rührt daher, daß wir halb bewußt empfinden, wie es wäre, wenn wir zu einer ebensolchen Leistung fähig wären — und wie wir dann von der Welt bewundert würden.

26. November 2010

Jede Religion, jede philosophische oder bürgerliche Ethik, jedes Gesetzbuch ist nichts als ein Codex, ein Sammelwerk von Spielregeln für das große Spiel der Gesellschaft. Dieses Spiel wiederum ist eine Veranstaltung zu keinem anderen Zwecke, als daß sich Einzelne hervortun, Andere untergehen, Mannschaften gewinnen oder verlieren und jeder unaufhörlich ringt um den bestmöglichen Platz in der ewigen Pyramide der Geltung. Moralisch argumentieren, für die Gute Sache eintreten, das Übel bekämpfen, ist nichts Anderes als Fußball spielen, ist wie Hundertmeterlauf oder Boxkampf: Man steigt auf und brilliert oder unterliegt und wird, im schlimmsten Falle, ausgeschieden.

Die Aufklärer meinten, sie hätten mit der Vernunft über die Leichtgläubigkeit, mit Wissen über bloßen Glauben gesiegt. Tatsächlich haben sie sich bloß ein neues Spiel mit neuen Regeln ausgedacht — und dann genauso weitergespielt: um Ruhm und Anerkennung. Nicht anders die Christen, als sie einst mit wahrem Glauben den Aberglauben der Alten bezwangen, nicht anders die Freiheitskämpfer, die einen Tyrannen stürzten.

Die Furcht jedoch, daß mit dem Verfall einer bis dahin geltenden Ethik nun alle Moral und Kultur zugrunde ginge, ist vollkommen unbegründet, denn der Mensch wird immer spielen, wird sich immer messen wollen, und bevor er noch die eine Disziplin abgeschafft, begeistert er sich schon für eine neue, ja, durch die neue glänzen zu wollen beflügelt ihn ja erst, die frühere vom Sockel zu stoßen. Dies liegt in seiner Natur, weil das Sich-Messen-Wollen in seiner Natur liegt, und es ist niemals aus der Welt zu schaffen.

19. November 2010

Meine Betrachtungen handeln nicht davon wie die Welt sein soll, sondern wie sie ist — und zwar deswegen, weil ich sie im Grunde nicht anders haben will, weil ich mit ihrem Zustande voll und ganz zufrieden bin. Natürlich kommen einem wo man hinschaut — zumal in eigenen Angelegenheiten — sofort Verbesserungsvorschläge. Aber diese zu haben und womöglich an ihrer Umsetzung zu arbeiten, ist nur Teil eines Spiels, mit dessen Verlauf ich im Ganzen einverstanden bin.

10. November 2010

Wir tun alles für andere, um bei ihnen gut dazustehen — außer Naschen, Faulenzen, Onanieren und in der Nase bohren — eben das, wofür wir uns vor ihnen schämen, was unserm Ansehen schadet.

7. November 2010

Die Frauen nennen es Liebe und machen daraus ein mysteriöses Heiligtum — in Wahrheit aber möchten sie geehrt und begehrt sein, etwas gelten, genau wie alle andern, wie Männer und Kinder und selbst die Tiere auch.

Ich könnte meinen Hund nicht lieben, wenn ich nicht spürte, daß ich ihm ein König bin — und ich wäre ihm kein König, wenn er nicht merkte, daß er bei mir gilt.

5. November 2010

Sobald wir das Verhalten anderer werten, und das tun wir fast immer und bei jeder Gelegenheit, ist irgendwo unser eigenes Interesse mit im Spiel. Wir fühlen uns in irgendeiner und vielleicht noch so indirekten Weise betroffen, im Guten wie im Bösen, honoriert oder gekränkt, beschützt oder bedroht.

Wenn wir sehen, wie einer bemüht ist, seine Freunde unter gesellschaftlich Etablierten, Titel- und Würdenträgern, Reichen und Schönen zu finden, so ist uns das, zumal wenn wir nicht selbst zu diesen Kreisen gehören, äußerst unsympathisch und wir tadeln es, obwohl es uns völlig gleichgültig sein könnte. Wir sind eifersüchtig, weil er an denen mehr Interesse findet als an uns.

Aber selbst wenn er dann auch unseren Umgang suchte, so würde er damit noch keineswegs sympathisch, denn wir sahen wie er die Vorigen offenbar nur als Mittel seines gesellschaftlichen Aufstiegs brauchte und fürchten, selbst nun ebenfalls bloß irgendeinem seiner Zwecke zu dienen — anstatt für unseren eigentlichen Wert geschätzt zu werden, auf den wir uns so viel zugute halten.

29. Oktober 2010

Des Menschen höchstes Ziel und Glück ist, gut dazustehen bei Seinesgleichen, d.h. einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Dieses kann nun vielerlei Gesichter haben wie: beliebt sein, berühmt sein, geachtet, gefürchtet, mächtig sein, Vertrauen genießen, begehrt werden, beneidet, bewundert, ja angebetet. All dies hebt seine Stellung und ist sein höchstes Glück.

Oftmals wird dieser Ehrgeiz jedoch als etwas Schlechtes verurteilt oder als Eitelkeit verpönt — und natürlich gerade von denen, die dabei zu verlieren fürchten. Sie sind sehr ehrgeizig darin, den Ehrgeiz der andern zu tadeln, weil sie wiederum ihr Bessersein herausstreichen wollen.

Es gibt gegen diesen Ehrgeiz keinerlei Mittel, jeder folgt ihm und keiner wird ihn überwinden. Aber es ist auch nicht nötig, ihn zu überwinden, ja es wäre verderblich, denn alle Aktivität würde erlahmen, wäre diese Antriebsfeder nicht mehr in Kraft. Es wäre, als würde der wichtigste Instinkt, ein Überlebensinstinkt wie derjenige von Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung, ausgelöscht, wir wären nicht mehr uns selbst und zum Leben nicht mehr tauglich. Dieselben Instinkte nach Dominanz und Geltung regieren das Tierreich, ja, in abstrakterer Form, die gesamte Schöpfung. Man stelle sich vor, sie würden weggenommen oder „überwunden“, was bliebe da noch übrig von der Welt?

27. Oktober 2010

Der Stein, über den die Moralisten bislang gestolpert, ist die Grundannahme, daß Gefallsucht und Egoismus schlecht seien und ihr Gegenteil gut. Es ist in Wahrheit aber immer nur der Egoismus der Anderen schlecht, nämlich sofern sie mir schädlich werden, und mein eigener nur, sofern ich ihre Rache und Verachtung fürchten muss. Insgesamt, auf die gesamte Menschheit betrachtet, ist der Egoismus weder gut noch schlecht, sondern bloß die natürliche Antriebskraft zu Erhaltung und Fortkommen der Individuen.

Das höchst entwickelte Werkzeug, dessen sich Egoismus und Gefallsucht zu diesem Zwecke bedient, ist die Moral. Sie ist das feinst ziselierteste Schwert, das Schild, zehntausendmal kunstvoller als jenes selbst, das dem Achilleus aus der Schmiede des Hephaistos kam. Sie wird angewandt, um den Gegner an den Pranger zu stellen, einzuschüchtern unter Androhung von Rache und Verstoßung aus der Gemeinschaft, ihm Schlechtes Gewissen zu machen — sich selbst aber und die eigene Anhängerschaft zu schützen, zu heben und mit dem Schlachtrufe „Wir sind die Besseren“ in Kampfeslaune zu bringen. Die Moral ist die Fortsetzung des Krieges mit feineren, mit geistigen Mitteln.

Der Mensch bedient sich der Moral, um in der Gemeinschaft nicht unterzugehen, ja nach Möglichkeit herauszuragen und zu glänzen — wie das andererseits der Löwe mit seiner Mähne und seinen Klauen, die Schlange mit Klappern und giftigen Zähnen tut. Ein Naturschauspiel, welches man, von außen betrachtet, wie das Tierreich schön aber weder gut noch böse finden wird.

Die Moralisten suchen bis heute Prinzipien für das Gute und Böse, und wenn sie sich in ihren Zuordnungen zuweilen sehr unterscheiden, wenn das Gute des Cicero ganz anders ausfällt, als das des Epikur, das Böse des Augustinus weit entfernt vom Niederen des Nietzsche, so sind sie sich doch alle darin gleich, daß jeder seine jeweiligen Werte allgemeingültig sehen will, also nicht vom Augenblick, von der Situation, vom persönlichen- oder Parteiinteresse abhängig. Aber die moralischen Werte sind genau dieses und haben keinen anderen Zweck, als das persönliche- oder Parteiinteresse zu befördern.

24. Oktober 2010

Manche Weisheitslehrer haben das Ziel gesteckt, die Eitelkeit, also das Verlangen nach Achtung und Anerkennung, zu überwinden. Dass einer von ihnen dieses Ziel erreicht hätte, kann ich allerdings nicht erkennen — denn wozu sollte er sich dann noch als Weisheitslehrer produzieren? Ich glaube, dieses Verlangen ist ebenso unmöglich zu überwinden wie der Hunger, denn das Bedürfnis nach Anerkennung ist für die Seele nichts Anderes als der Hunger für den Leib, und beiderlei Bedürfnis ist für das Leben notwendig und beiderlei Stillung genussvoll.

Der Weise, der für die Überwindung der Eitelkeit plädiert, schuldet mir also zuerst den Nachweis, warum die Eitelkeit eher zu überwinden sei als der Hunger — und dann, was das Gute einer solchen Überwindung überhaupt wäre — und schließlich, dass sich seine Überwindungskünste nicht wiederum aus Eitelkeit herleiten, weil er nämlich dastehen will als ein Besserer, als einer, der die Fesseln der Gesellschaft abgeschüttelt, der das menschliche Maß unter sich gelassen.

21. Oktober 2010

Zwei Hauptströmungen treiben den Menschen: Zum einen will er anderen gefallen und viel bei ihnen gelten. Dann aber, weil er nicht von ihrer Laune und Neigung abhängen will, weil das Dasein des Lobdieners, Kriechers und Pantoffelhelden schändlich und demütigend ist, strebt er nach Freiheit. Er will eigene Wege gehen, sich um die Meinung der Leute nicht scheren, nicht dem Volke nach dem Munde reden, nicht der Mode nachlaufen und was dergleichen mehr ist.

Aber er will diese Freiheit nur, um wiederum zu gefallen, und macht sich also wiederum abhängig, wenn nicht von den gleichen, so doch von anderen. Von jenen befreit er sich, um vor diesen nicht als Schwächling dazustehen, er verzichtet auf das Wohlwollen der einen, in Hoffnung auf Ruhm bei den andern.

Viele kündigen aus diesem Grunde ihrem Brotgeber oder dem Ehegatten, werden Freiheitskämpfer gegen die Obrigkeit, suchen das Neue in der Kunst, eignen sich ausgefallene Ansichten oder absonderliche Verhaltensweisen an oder wollen überhaupt dem Regel- und Sittenwerk der Zivilisation entfliehen und ziehen sich in einsame Gegenden zurück, um dort ein naturgemäßes Leben zu führen.

Sie alle befreien sich aber nicht von der Lobdienerei, denn sie betreiben ihr neues Geschäft nicht weniger um des Lobes Willen, sie wechseln nicht den Stand des Abhängigen, sondern nur ihren Dienstherrn.

16. Oktober 2010

Bei Diderot wird verhandelt, ob die Entfernung vom Ort einer Untat das Gewissen beruhigen könne, oder ob dieses uns überallhin mit seinen Stichen folge.

Was uns jedoch in Wahrheit peinigt und verfolgt, ist nicht das Gewissen als eine abstrakte Institution, es sind die Anderen mit ihren Vorwürfen — die wir im Innern überallhin mit uns nehmen, bis in den letzten Winkel der Welt, bis in jede verlassene Einsiedelei.

Diese Gestalten und Stimmen werden wir solange nicht los, bis wir sie durch neue ersetzen, denn erst wenn wir neue Gesellschaft finden, wo dasselbe, was dort als Verbrechen galt, ganz harmlos angesehen oder gar gelobt wird, erst dann verhallen die lästigen Stimmen, erst dann beruhigt sich unser Gewissen.

Deswegen wird einer, der in seiner sozialen Umgebung in Misskredit geraten, entweder die Sache durch Buße und Wiedergutmachung, das heißt durch eigene Erniedrigung und damit Erhöhung der Anderen, wieder ins Lot bringen, oder er wird sich neue Gesellschaft suchen müssen, wo sein dortiges Vergehen günstiger beurteilt wird oder von keinem weiteren Interesse ist. Das Gewissen hängt nur davon ab, in welcher Gesellschaft man sich befindet.

Wer seine Frau kurz hält, wird des Geizes bezichtigt und verachtet als Krämerseele. Die Geliebte aber wird dieses Verhalten loben, denn so bleibt mehr für sie. Wer seine Frau betrügt, wird von ihr und den ihrigen verwunschen und hat demnach, vor dieser Instanz, ein schlechtes Gewissen — aber er wird, für dieselbe Tat, von der Nebenbuhlerin umso mehr geliebt, und wenn er sich schließlich scheiden lässt und die neue heiratet, werden in der neuen Umgebung die Maßstäbe der alten verworfen, und er ist für seinen Mut und Entschluss geehrt.

Wer unter dem einen Regime ein Verräter war, wird unterm nächsten ein Held sein. Die Geschwister Scholl waren im Dritten Reich Staatsfeinde, Stauffenberg ein Hochverräter, und beide sind jetzt gefeierte Helden.

Die Terroristen der Baader-Meinhof Gruppe waren unter den Sympathisanten Helden, und je mehr Anschläge sie begangen und je dreister sie vorgegangen, desto mehr. Zur gleichen Zeit waren sie für die übrige Gesellschaft die schlimmsten Verbrecher. Die Selbstmordattentäter im Krieg der Islamisten sind heilige Märtyrer — in ihren Kreisen — bei uns aber weniger beliebt, denn hier sind es Feinde, die uns schaden wollen. Spione sind Verräter im einen, Helden im anderen Land — zumal wenn es sich um wichtige militärische und wirtschaftliche Interessen handelt.

Ein japanisches Sprichwort: Besser zu sterben als in Schande zu leben! — Schande ist aber nichts Anderes als bei Anderen in üblem Ansehen stehen.

12. Oktober 2010

Einen weiteren Beweis, dass uns die Achtung anderer das wichtigste Gut ist, ja sogar wichtiger als das Leben selbst, finden wir darin, dass die meisten Selbstmorde ausschließlich dieses Gutes wegen begangen werden: Der am Leben Verzweifelnde kann irgend eine Schande nicht ertragen, einen Misserfolg oder Ruin, oder erhält nicht die Liebe, nach der er sich sehnt.

Durch seinen Fortgang hofft er, mit dem Leben auch all diesen Schmerz auszutilgen — und er beruhigt sich in der Vorstellung, die Nachlebenden würden sein Versagen dann milder beurteilen, die Verantwortung von ihm nehmen — womöglich selbst ein schlechtes Gewissen bekommen — vielleicht mitleidende Zuneigung entwickeln oder ihm gar die Aureole des Märtyrers verleihen.

Wegen dieser Sorgen um die Achtung und Zuneigung anderer bringt er sich dann um.

8. Oktober 2010

Was immer irgendwo geschrieben wurde, und seien es die edelsten, weisesten, heiligsten Schriften — seien wir uns klar, dass sie aus Eitelkeit und nichts als Eitelkeit geschrieben wurden. Nichts wurde jemals öffentlich gemacht, außer um zu gefallen und in der Welt zu glänzen. Und eben dies macht die guten Werke gut und die schlechten schlecht. Denn der gute Schriftsteller steigert seine Kunst mit dem Ehrgeiz, anspruchsvollen Geistern zu genügen; des Schlechten Geschreibe wird herab gezogen durch hohle Anmaßung und seichte Augenwischerei.

6. Oktober 2010

Die Frage: „Wie ist das Böse in die Welt gekommen?“ muss man zurückführen auf die Frage: „Wie ist der Selbsterhaltungstrieb, wie ist das Verlangen nach Liebe, Ansehen, Achtung in die Welt gekommen?“ Denn nicht nur, dass aus diesen Antrieben böse, das heißt anderen schädliche, Handlungen begangen würden, es werden aus diesen Antrieben auch andere erst verklagt, um dann selbst zu glänzen und gut dazustehen. Gut und Böse sind einzig aus dem Streit um Vorteile entstanden — materielle wie ideelle.

4. Oktober 2010

Mein Hund döst ausgestreckt in seiner Ecke und scheint von mir und der Welt nichts zu wollen als seine ungestörte Ruh. Sobald ich aber einen Laut von mir gebe, in der Art, in der ich ihn sonst lobe und liebkose, hebt sich sein buschiger Schwanz und wedelt ein zwei Male auf und ab. Ein Wunder, daß er mich überhaupt hört, daß er merkt, er sei gemeint, daß er sich, wegen dieses unscheinbaren Lautes, die Mühe macht mit seinem Schwanz zu wedeln.

Aber auch wir haben einen solchen Schwanz, nicht außen sichtbar aber in unserer Seele, wir reagieren auf die unmerklichsten Zeichen und Äußerungen der uns Umgebenden, freundliche lobende, feindselige, ablehnende, und sofort kommt in uns eine Maschinerie von Ängsten, Aggressionen, Wohlgefühlen, Zuneigungen, von Kränkung und erhebendem Stolz in Gange. Wenn man da an der richtigen Stelle einen Muskel einpflanzen und einen Wedel daran befestigen könnte, was gäbe das für ein Gewedel!

Dabei wollen wir alle frei und selbstbestimmt sein, nicht nach anderer Pfeife tanzen, keine Marionette sein, nicht vor ihrer Meinung über uns erbeben — und doch sind unsere zartesten inneren Regungen, unsere Launen und im Grunde unser ganzes Glück mit geheimen Banden an unsere Nächsten angeschlossen, und in allem Fürchten und Freuen sind wir ganz und gar von ihnen gelenkt und gesteuert.

Andererseits, gelänge es einem, sich von diesen Marionettenfäden zu befreien, so könnte er uns kaum weiter für einen Menschen gelten. Denn wie sollten wir unseresgleichen in ihm erkennen, weswegen mit ihm verkehren, wenn es doch keine wirkliche Verbindung mit ihm gäbe? Was bliebe, wenn er auf unsere Drohung, Mißachtung, Lob und Zärtlichkeit nicht mehr reagierte — wenn er frei wäre?

2. Oktober 2010

Meine Darstellung des Moralischen mag hilfreich sein, weil sie klarmacht, dass die maßgeblichen Maßstabsetzer ja auch bloß Menschen sind mit ihren wechselnden Wertungen und Launen. Unsere „Vergehen“ sind demnach keine Vergehen gegen ein Absolutes, von Gott oder der Natur oder der Humanität Gegebenes, sondern bloß Angriffe auf die Interessen einer parteiischen Gemeinschaft — welche dies natürlicherweise mit Wut und Haß beantwortet und uns, aus Rachbegier, zu strafen sucht.

Die Vorstellung, daß in anderen Zeiten, Gegenden, Verhältnissen sich jemand finden ließe, der ein milderes Urteil spräche, kann durchaus trösten — nicht viel anders, als das Vertrauen auf eine göttliche Gnade — und daß sich womöglich welche fänden, die uns für die von allen geschmähte Tat noch lobten, erhebt uns bereits zum Märtyrer: Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wird’s hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben. Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein. Und zum Verbrecher: Wahrlich, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!

24. September 2010

Wir sind durch und durch in Moralität verhaftet, weil wir immer bewerten und bewertet werden. Aber dieses Gut- oder Schlechtsein betrifft nicht nur das eigentlich Moralische sondern alle unsere Handlungen und geht hinab bis zum einfachsten Handgriff. Wir bewerten einander — und uns selbst — in der Geradheit des Ganges, in der Geschicklichkeit beim Ballspiel, in der Tüchtigkeit beim Handwerk, in der Gewissenhaftigkeit der Berufsausübung, im Fleiße, in der Bescheidenheit, in der Freundlichkeit, im Guten Geschmack, in der Mäßigung des Lebenswandels, in der Gerechtigkeit, in der Menschenliebe, in der Frömmigkeit.

Über unsere Vorzüge und Mängel in all diesen Disziplinen wird ohne Unterlaß gerichtet, zum Teil im offenen Gespräch, zum weitaus größeren Teil von eingebildeten inneren Stimmen: Was würde der über mich denken, was würde jener sagen, wenn er mich jetzt sähe? Wir stellen uns vor, was diejenigen, welche uns gewöhnlich Freundlichkeiten und Lobsprüche sagen, wohl in Wahrheit von uns halten und hinter unserem Rücken einander zustecken könnten. Und wenn einer wagt uns anzuklagen, dann schlagen wir zurück, als wenn‘s an unser Leben ginge. Dabei sind‘s doch nur Gespenster und Phantasiegebilde, innere von uns selbst einberufene Gerichtstage — denn das tatsächlich Ausgesprochene ist nur ein Bruchteil davon und besteht selbst dann aus nichts als bloßen Schallwellen, die uns niemals physisch schaden oder nützen können.

Das Physische, die materiellen Vor- und Nachteile, machen nur einen kleinen Teil unserer Befindlichkeit, die Hauptsache ist das Seelische, welchem daher zu allen Zeiten die höchste Bedeutung zugemessen und welches, in diesem Sinne, vielleicht nicht ganz zu unrecht vom Körperlichen getrennt wurde.

Selbst das Wohlgefühl, welches von einer guten körperlichen Verfassung herrührt, wenn wir uns kräftig fühlen, beschwingten Schrittes einhergehen, an unserem Spiegelbilde Freude finden, ist in Wahrheit hauptsächlich seelischen Ursprungs: Wir fühlen dann, daß unser Äußeres heute auf Andere guten Eindruck machen muß.

Die seelische Befindlichkeit rührt von nichts anderem, als wie wir bei Anderen ankommen, geachtet und geliebt werden — oder vielmehr, in den meisten Fällen, von unserer Vorstellung davon. Auch warum das Seelische ewig, das Körperliche aber vergänglich und minderwertig angesehen wurde, ist verständlich, denn das Seelische ist überall die Hauptsache: Es kümmert uns noch weit über den Tod hinaus, was die Andern dann von uns denken mögen, ob sie unser Wesen liebenswert, unsere Taten lobenswert, unser Testament gerecht finden werden, das sind unsere Sorgen für die Zeit nach dem Tode. Keiner wird sich grämen, daß er dort keinen Käse mehr bekommt, seinen 95er Bordeaux vermissen wird oder den Freuden des Bettes entsagen muß — aber wie seine Kinder über ihn reden werden, das kümmert ihn wohl.

2. September 2010

Gutseinwollen, Hervorragen, in gleich welcher Disziplin, ist die oberste und allgemeinste Triebfeder alles Natürlichen. Die Eiche will durch Größe und Dauer überragen, die Rose mit Duft und Farbe — und mit Dornen wehrt sie ihre Feinde ab. Der Mensch setzt seine Körperkraft ein im Wettkampf, will mit Schönheit Eindruck machen, mit Geistesreichtum glänzen, den Gegner mit Intrigen verwirren, mit moralischen Anklagen in die Enge treiben, mit Tugend andere für sich einnehmen und auf seine Seite ziehen.

Moral ist dabei nur ein verfeinerter höherer Mechanismus in diesem allgemeinen Wirkensprinzip der Natur, sie steht zu den tierischen Trieben und Instinkten wie die Feinmechanik zur groben Schmiedekunst, nicht grundsätzlich verschieden aber immerhin von ungleich höherer Subtilität.

Alles strebt in diesem Sinne zur Selbstbehauptung, zum Aufstieg, zum Gutsein — und also schließt sich der Kreis zur Lehre des Plato, denn auch dort ist das Gute das höchste Gut. Plato leitet es von der Idee, vom Geistigen herab zum Körperlichen, wir leiten es vom Körperlichen herauf und erkennen darin das oberste Naturprinzip, das Ziel und den Gipfel aller Natur — und wir würden uns nicht wehren, wenn einer sagte, dem läge ein geistiger vollkommener Plan zum Grunde — denn also schließt sich der Kreis.

29. August 2010

Wenn ich bedenke wie herzlich uns die Dichter rühren, sobald sie ihren Gestalten den Glanz der Liebe, der Güte, des Mutes leihen, veredeln durch Mitleiden, Milde, Aufopferung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, ja wie diese wunderbaren Triebfedern uns bis ins täglichste Leben bewegen, unser Urteil über uns selbst und andere hauptsächlich bestimmen — so kommt mir meine nüchterne Hinterleuchtung der Moralität im Vergleich sehr hölzern und und knöchern daher: Kann tatsächlich alles nur ein Handel sein, bei dem jeder auf seine Kosten kommen will? Welche Daseinsberechtigung soll eine solche Darstellung haben, wo sich doch alle Welt lieber am Schönen und Großen erbaut?

Jedoch, ein jedes Ding läßt sich in Wahrheit von verschiedenen Seiten besehn: Von außen betört uns der Rose Duft, die leuchtende Farbe und üppige Form, im Innern aber reizt es, die Zellen und Fasern und den Stoffwechsel zu analysieren. Hinter jeder Erscheinung steht etwas, das sie hervorbringt — und dies ist wieder Erscheinung, hinter der wieder eine andere steht, und dies findet kein Ende, solange nicht Neugierde und Forscherdrang erlahmt.

Wir denken gerne, Liebe, Güte, Mitleid, Mut, Gerechtigkeit seien bereits das Innerste, seien elementarste moralische Energien, aus welchen dann die guten Handlungen hervorgingen — aber dem ist keineswegs so, auch sie sind Erscheinungen, hinter denen, als ihren Ursachen, wieder andere Erscheinungen stehen. In diese Hintergründe und Tiefen zu blicken, wird vielleicht nicht jeden und nicht jederzeit begeistern — auch ich denke nicht an Zellen und Fasern, wenn mir das Herz in meinem Rosengarten schwillt — aber sie sind deswegen doch nichts weniger als belanglos und durchaus geeignet, einen forschenden Geist in erfreulicher Bewegung zu halten. Natürlich ist meine Art hinter die moralischen Heiligkeiten zu blicken nüchtern, oftmals ernüchternd, aber doch auch erstaunlich — und insofern mag sie zuweilen gar unterhaltsam sein, weil sie in ihrer Radikalität und Rücksichtslosigkeit schon wieder das Schalkhafte berührt.

27. August 2010

Recht hat der Sieger. Mit der Macht hat er auch die Moral und die Wahrheit auf seiner Seite. Dies gilt nicht nur in der Politik sondern für jede Auseinandersetzung, in der Wissenschaft ebenso wie in persönlichen Konflikten. Allerdings sind eindeutige Siege selten, weswegen auch die Frage nach Recht und Unrecht, Wahr und Falsch selten eindeutig geklärt wird. Solange der Verlierer nicht bedingungslos kapituliert, hält er noch einen Teil der Macht bei sich.

26. August 2010

Gut und Böse, Schönheit und Häßlichkeit, Wahrheit und Trug — sie sind uns samt und sonders keine absoluten Werte, sondern leiten sich her aus unserer Vorstellung, wie wir damit bei Andern ankommen und dastehen. Ebenso beruhen unsere Befindlichkeiten, Glück und Unglück, Wohlsein und Niedergeschlagenheit, Heiterkeit und Depression ausschließlich darauf, wie wir glauben von Andern angenommen, geachtet, geliebt zu werden.

Alles wird gesteuert vom allgemeinen Drang ins Dasein und dem Sich-darin-behaupten-Wollen, welche zunächst allen in der Natur vorkommenden Dingen gemein sind und welche, bei den in Gemeinschaft lebenden Wesen, sich fast gänzlich im sozialen Geltungstriebe niederschlagen: Behauptung im Rudel, Wille zum Aufstieg, zur Macht, Furcht vor Degradierung und Verstoßung.

23. August 2010

Liebe ist ein so unbändiger Drang, bei dem Geliebten etwas zu gelten, dass der Liebende, um sich wichtig und interessant zu machen, kein noch so heiliges Geheimnis für sich bewahren kann. Daher vertraue ein solches nie einem Liebenden an, und sei stets gewahr: was du jemals einem anvertraut, verlässt spätestens dann die Schleuse, wenn es helfen kann, im Bette die andere Schleuse zu öffnen.

22. August 2010

Ich schreibe vielleicht nicht für alle — aber dafür über alle, denn ich bin ganz überzeugt, daß die von mir gefundenen Prinzipien in jeder Seele obwalten, ja daß sie der Natur selbst zugrunde liegen.

21. August 2010

Alles was wir für die andern tun — und das ist das Meiste von allem, was wir tun — tun wir, um bei ihnen gut dazustehen, für unser Ansehen, unseren Ruhm. Der Handel ist also ausgeglichen: Wir leisten den Dienst und man bezahlt uns mit Ansehen, Zuneigung, Respekt, etc.

Nun wehrt sich aber mancher gegen dieses Dienen, will etwas für sich tun, sich selbst verwirklichen, von Anderer Gunst und Gnade frei sein. Auf den Lohn allerdings will er deswegen nicht gleich verzichten, will die ideellen Güter: Ansehen, Zuneigung, Lob und Komplimente weiterhin einstreichen — will da Kreuzer ond da Wecka.

31. Juli 2010

Die Bösen sind ein Segen für die Guten; denn wo ließe sich schöner Ruhm erwerben als im Kampfe gegen einen Schurken. Es kann der Ruhm sonst nur in Wettkämpfen und Spielen gesucht werden — und wird dort nie denselben Glanz erreichen.

26. Juli 2010

Hier auf Erden hat das moralische Treiben wohl einen Sinn, denn durch die ständige Sorge geachtet zu werden, nicht in Ungnade zu fallen, moralischen Druck auszuüben und zu erfahren, wird der Mensch und die Welt in Gang gehalten.

Aber, wenn es denn eine Geisterwelt geben soll, in die wir nach dem Tode eingehen, so denke ich sie frei von derartigen Umtrieben, denn es muß dort, wo alles einen leichten, feierlichen, heiteren Gang geht, auch alle Konkurrenz und damit auch die Frage von Gut und Böse aufgelöst sein. Deswegen werden die Verstorbenen, wenn sie am Irdischen je noch Anteil nehmen, sich kaum mit Urteilen und Verurteilen beschäftigen sondern allenfalls ihre milden Blicke schweifen lassen über unser Tun.

Zumindest wäre dies eine angenehme Vorstellung, denn selbst wenn man die hiesigen Kämpfe als ein herrliches Naturschauspiel ansieht und auch alle großen Taten und menschlichen Leistungen ohne diesen Antrieb nimmermehr zustande kämen, so bringt es eben auch viele Mühe, Verdruß und manches Leiden mit sich, und man wünschte sich — für ein ewiges Leben — doch lieber davon erlöst.

25. Juli 2010

Bisher glaubte man, es gäbe wahre große Handlungen, die ihren Lohn in sich selbst trügen, während Ruhm und Lob nur eine gefällige Beigabe sei, deren sich der wahrhaft Tugendhafte aber leicht entschlagen könne. Jetzt scheint es aber, als sei der Ruhm das Eigentliche, mithin Antrieb und Ziel des Tugendhaften, während die Gute Tat einmal dies, einmal jenes sein kann, ganz und gar auswechselbar, sich oft widerstreitend — wenn man einmal diese, einmal die ihr verfeindete Partei betrachtet — während das immer sich Gleichbleibende allein die Begierde nach Ruhm und letztendlich nach einem möglichst hohen Range im Rudel ist. Die Werte und Tugenden sind austauschbar, unterscheiden und widersprechen sich gar sehr; die Begierde nach Anerkennung, Lob und Ruhm hingegen bleibt sich immer gleich und erfüllt einen jeden bis ins innerste Mark.

Ich würde sogar für problematisch halten, das Ausmaß und die Intensität dieser Begierde bei verschiedenen Menschen für unterschiedlich stark angelegt zu sehen. Vielleicht ist sie nämlich bei allen gleich stark und nur das Wirkensfeld verschieden, beim einen größer, beim andern kleiner. Der eine setzt seine gesamte Energie darein, am Arbeitsplatz, bei den Freunden oder beim Ehegatten zu gelten, Aufmerksamkeit zu gewinnen, Einfluß zu üben, Macht zu haben, der andere erwählt sich für dieses Turnier einen ganzen Staat, und wieder ein anderer denkt, er könne mit seinen Schriften durch Jahrhunderte, Jahrtausende glänzen und in der Republik der Geister einen exzellenten Platz einnehmen.

Vielleicht sind sie aber alle, ob ins Kleine oder Große strebend, mit den gleichen Begierden, den gleichen Sorgen am Werke, von derselben Intensität, nur eben auf verschieden großem Schlachtfelde.

21. Juli 2010

Daß um Ehre und Ansehen die Alten sich mehr sorgten als die Jungen, ist ganz falsch. Es scheint dies nur so, weil sie es deutlicher aussprechen und einfordern — vielleicht weil es ihnen mit den Jahren bewußter geworden, daß darauf alles ankommt. Die Jungen sind aber deswegen nicht weniger hungrig auf Lob, streben überall nach Auszeichnung, im Sport, in der Musik, in der Schule, in den Künsten, wollen glänzen mit Körperkraft, Bräune und geschniegelten Haaren oder auch nur mit lockeren Sprüchen. Sie leben noch mehr in der Illusion, es käme auf diese Dinge selbst an und sehen nicht, wie immer nur das Streben nach Ansehen dahintersteht. Ihre Leistungen sind sozusagen nur der Preis, den sie bezahlen für das eigentliche Gut, das Ansehen und den Ruhm.

Bei den Alten wird es dann freilich mehr und mehr grotesk, weil sie nichts mehr bieten können, um für das Ansehen zu bezahlen, sich statt dessen darauf berufen, sie hätten bereits bezahlt, mit den Leistungen ihrer früheren Jahre — aber solche Forderungen will man natürlich nicht unbegrenzt erfüllen.

16. Juli 2010

Tout notre mal vient de ne pouvoir être seuls. Labruyère

Aber nicht bloß alles Übel, sondern auch alles Glück kommt uns aus dieser Abhängigkeit voneinander.

24. Juni 2010

Man sagt, das Mitgefühl mit anderer Leute Unglück nehme mit der Entfernung ab — etwa als wäre es eine physikalische Größe wie die Intensität der Lichtstrahlung, die mit Entfernung von der Lichtquelle schwächer wird. Rousseau sagt: Il semble que le sentiment de l’humanité s’évapore et s’affaiblisse en s’étendant sur toute la terre, et que nous ne saurions être touchés des calamités de la Tartarie ou du japon, comme de celles d’un peuple européen.

Die eigentliche Größe für die Intensität des Mitgefühls ist aber nicht die Entfernung sondern der Grad der sozialen und emotionalen Verwicklung: Wie sehr muß ich den Vorwurf des Leidenden fürchten, wie sehr den Vorwurf anderer, die mich beobachten, welchen Ruhm darf ich erhoffen, wenn ich mein Mitgefühl zeige, dem Leidenden womöglich beistehe, womöglich von dem Meinigen etwas opfere, um ihm aufzuhelfen?

Ein Parameter mag hier sicher die Entfernung sein, weil ich vom anderen Ende der Welt in dieser Hinsicht weder viel zu fürchten, noch viel zu hoffen habe. Aber genauso gut kann mich das Elend meines nächsten Nachbarn ungerührt lassen — solange ich mir nämlich nicht vorstelle, daß er mir für die Ungleichheit unserer Verhältnisse Gram sei oder andere mich wegen meiner Gleichgültigkeit schief ansehen könnten.

Dafür zeugt auch die Teilnahmslosigkeit, mit welcher Menschen in großen Städten und riesigen Wohnblöcken Wand an Wand leben, ohne den geringsten Anteil aneinander zu nehmen, ja ohne irgendetwas voneinander zu wissen. Ihre Teilnahmslosigkeit hat hier weder etwas zu befürchten, noch hätte ihre Anteilnahme Großes zu hoffen — und doch ist die räumliche Entfernung hier wahrlich sehr gering.

Sofern also keine soziale Verbindung zum Leidenden besteht, weder unmittelbar noch auf Umwegen über die Urteile anderer, sofern also in keiner Weise weder Lob noch Tadel durchdringt, bleibt das Mitgefühl kalt, ganz gleich wie nah oder fern der Herd des Unglücks brennt. Auch das Licht muß vor allem ungehindert unser Auge erreichen, daß wir den Gegenstand, von dem es ausgeht, sehen, und nur in zweiter Hinsicht kommt es noch auf die Entfernung an.

Das echte Mitgefühl aber, welches uns unmittelbar überkommt, also auch ohne Furcht vor Tadel oder Hoffnung auf Ruhm, empfinden wir fast nur gegenüber unseren Kindern, in geringerem Maße vielleicht noch gegen die allernächsten Angehörigen und Freunde. Bereits das Unglück eines fremden oder entfernten Kindes rührt uns nur noch durch die Assoziation: Ach, wenn dasselbe nun meinem eigenen Kinde widerführe!

19. Juni 2010

Menschen, die uns beachten, sind uns von vornherein sympathisch — außer wenn sie eine Absicht dabei verfolgen, denn wir wollen uns ungern benutzen lassen; und außer wenn wir meinen, sie würden zu wenig gelten in den Kreisen, auf deren Urteil wir Wert legen, dann nämlich ist uns ihre Achtung peinlich.

17. Juni 2010

Diese Darstellung der Moral, dass sie sich nämlich ganz und gar aus dem Verlangen nach Ansehen herleitet, gleichbedeutend mit dem Ringen um die höhere Position im Rudel, diese Darstellung löst sämtliche Konflikte der bisherigen Moraltheorien, welche man oftmals mit so vieler Künstlichkeit versuchen musste hinzubiegen. Bei dieser Darstellung wird alles in sich logisch und schlüssig — einzig das Edle, Hohe, Heilige lässt zunächst ein paar Federn, weil solche hergebrachten Inhalte und göttlichen Abstammungen erst einmal verpuffen. Dann aber, wenn man sich an die neue Sichtweise gewöhnt und verstanden hat, dass alles Moralische zum Naturschauspiel gehört, wie der Balzgesang des Vogels und der Kampf um Dominanz in jedem Rudel, einem Naturschauspiel, welches uns in der Tierwelt ergötzt, dann können wir uns allmählich auch mit dem Gedanken aussöhnen, dass im Moralischen nichts Anderes stattfindet, und dass die Existenz und die Leistungen des Menschen deswegen nicht hässlicher, im Gegenteil, noch subtiler und reizvoller werden. Wenn uns beim Pfau schon sein gefächertes Federkleid begeistert, wie müssen wir dann von den moralischen Subtilitäten der Menschen in ihrem täglichen Umgange fasziniert sein.

Andere Moraltheorien müssen sich mit den Problemen herumschlagen, ob es höhere, absolute moralische Gesetze geben könne, ob die Vorschriften von Gott, der Vernunft, dem Mitleid oder einem höheren Sinn für Menschlichkeit herzuleiten seien, wie es möglich sei, dass unser Gewissen, bei gleichen Umständen, einmal kalt bleibt und einmal zur Marter wird, unser Mitleid ebenso uns einmal übermannt und dann wieder, gegenüber gleichem Elend, selig schläft, ja die Frage, wie überhaupt Gott das Böse in der Welt hat zulassen können.

Alle diese Fragen werden gelöst, und die letzte zuerst, denn für Gott ist der Mensch so wenig böse wie für mich mein Hund, wenn er eine Katze jagt — obwohl er der Katze sehr wohl böse erscheint — und also hat Gott auch nicht das Böse zugelassen, denn es gibt für ihn kein Böses. Das Böse ist nichts weiter als ein Interessenskonflikt unter Menschen, ja vielleicht auch unter Katzen und Hunden und überhaupt allen Geschöpfen — aber nur der Mensch kann darüber disputieren und alle erdenklichen subtilstenen Hebelchen des Moralisierens zum Einsatz bringen.

Alle diese Fragen sind beantwortet mit der Erkenntnis, dass wir gefallen wollen und vor Missfallen uns fürchten, weil wir im Rudel möglichst hoch stehen, auf keinen Fall verstoßen werden wollen, weil daran unsere Existenz ebenso hängt wie an Speise und Trank — und daraus her leitet sich alle Moral.

Die Frage dann, warum wir jetzt gerade diesen Gefallen wollen während das Mißfallen anderer uns gleichgültig lässt, ja wir sogar aus ihrem Mißfallen Vorteil ziehen, weil wir dann denen, deren Gegner sie ja ebenfalls sind, umso mehr gefallen, dies und dergleichen mehr ist Teil des subtilen Netzwerkes zwischenmenschlicher Politik, welches sich natürlich in seiner unendlichen Vielgestalt und Wechselwirkung niemals als Ganzes aufklären lässt. Dennoch können wir jeden einzelnen Vorfall unter die Regel des Ganzen ordnen und werden, mit etwas psychologischem Scharfsinn und einiger Lebenserfahrung, selten vor einer ungelösten Frage stehen bleiben.

14. Juni 2010

Wie wir vielleicht manches Gute tun, auch ohne unmittelbares Lob einzustreichen, allein in der Hoffnung, dass, wenn es jemand erführe, wir gut dastehen würden, so unterlassen wir auch manches Böse, selbst wenn eine Entdeckung fast unmöglich scheint, allein aus der vagen Furcht, dass, falls es doch jemals einer erführe, wir dann eine schlechte Figur machten und uns Feindschaft zuzögen.

31. Mai 2010

Es ist heikel, sich über Geschmack zu äußern. Wenn des anderen Geschmack vom eigenen abweicht, wittert er sofort eine Kränkung, einen Angriff auf seinen Geschmack, auf sein Urteilsvermögen, ja auf seine Person. Es handelt sich hier oft nur um leise Stiche, die aber schnell zur regelrechten Beleidigung werden, sobald man nicht bloß über ein Detail urteilt, über Form eines Stuhles, Farbe eines Kleides oder die Maltechnik eines einzelnen Künstlers, sondern eine ganze Stilrichtung oder Epoche mit seinem Urteil herabsetzt, und es ist deswegen immer bedenklich, etwa die moderne Kunst zu schmähen und verspotten — solange man nicht sicher sein kann, dass das Gegenüber diese Auffassung teilt.

Es geht hier um Macht, nicht um Wahrheit oder guten Geschmack, und wir sollten, falls wir das Duell eröffnen wollen, zumindest darüber im Klaren sein.

29. Mai 2010

Wie die Natur dem Körper das Hungergefühl mitgab, damit es ihn erinnere, sich die nötige Nahrung zu beschaffen, so gab sie ihm auch den Seelenschmerz, welcher nichts anderes ist als ein Hunger nach Achtung und Geltung, damit er sich bemühe um seinen Rang, um seine Stellung in der Gemeinschaft, dass er geachtet, respektiert werde, am besten geliebt, denn nur wenn er sich in diesen wichtigsten Dingen behauptet, kann er überhaupt bestehen, statt aus dem Rudel verdrängt zu werden und unterzugehen.

Und so wie der Körper Verletzungen erleiden und dadurch Schmerzen haben kann, so wird auch die Seele durch Herabsetzung oder Missachtung verwundet und leidet entsprechenden Schmerz.

Auch die zuverlässige periodische Wiederkehr des Hungers ist mit dem ganz ähnlich wiederkehrenden Seelenschmerz vergleichbar, dass nämlich der Mensch nie aufhöre, sich um seine Anerkennung, um seine Position in der Gemeinschaft zu kümmern. Hätte er keinen Hunger, würde er bisweilen die Nahrungsaufnahme vergessen, hätte er keinen periodisch wiederkehrenden Seelenschmerz, würde er vergessen, sich im Rudel zu behaupten.

Ebenso die Verwundungen: Würde die körperliche Wunde nicht schmerzen, würde er sich weniger in Acht nehmen, dass er nicht verletzt werde. Würde die seelische Wunde nicht schmerzen, so hätte er weniger Sorge um seinen Rang und seine Geltung, würde vielleicht aus der Gemeinschaft verdrängt, bevor er sich noch klar machte, dass es ihm an etwas mangelte.

27. Mai 2010

Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Goethe, Dichtung und Wahrheit.

Ähnliches berichten andere Künstler und Schriftsteller, dass nämlich das „Objektiv-machen“ einer subjektiven Empfindung sie von mancher Last und Qual befreite. Man kann dies noch ausweiten, dass überhaupt alle Menschen sich durch ihre Arbeit von Verstimmung und schlechter Laune befreien. Anstatt hier aber von „Objektivierung des Subjektiven“ zu sprechen, würde ich ganz schlicht sagen: Die inneren Verstimmungen und üblen Launen des Menschen beruhen hauptsächlich und in den meisten Fällen darauf, dass er in irgendeiner Weise sein Ansehen geschmälert sieht, dass er vor anderen versagt oder sich blamiert hat, diesem Schaden zugefügt oder jenen verärgert oder einfach mit der Wirkung seiner äußeren Erscheinung unzufrieden ist.

Wenn er nun eine Arbeit leistet oder ein Werk vollbringt, welches zu anderer Nutzen ausschlägt und er also wieder auf ihre Zustimmung und womöglich Bewunderung hoffen darf, so wird dies seine Stimmung augenblicklich heben. Diese Aussicht, bei anderen wieder zu gelten, ist der eigentliche Grund des Stimmungsaufschwunges — während die sonst gebräuchlichen Benennungen, es fände hier ein „Verarbeiten“, „Objektivieren“, „Sublimieren“ der subjektiven Beklemmung statt, vielleicht etwas Ähnliches meinen, aber nur verschleierte dunstige, dafür hochtrabende, Worte liefern.

11. Mai 2010

Die Erkenntnis, dass wir fast vollständig von der Meinung anderer abhängen und Ansehen unser höchstes Gut ist, ist zunächst einmal empörend. Wir wollen vielmehr frei sein, selbstbestimmt, in uns selbst ruhend, aus uns selbst schaffend — und nicht hinnehmen, daß sie unser einziger Anreiz sind, ihnen zu gefallen unsere hauptsächliche Motivation. Auch wollen wir mächtig sein, uns hervortun, über andere bestimmen, einen hohen Rang einnehmen, anstatt zu kuschen und zu schleimen — aber gerade dazu ist ja Ansehen das einzige Mittel, und also sind wir wiederum von ihnen abhängig. Unser Stolz wehrt sich und sträubt sich, aber es hilft ihm nicht.

Andererseits sollten wir bedenken, was denn die Welt und jede menschliche Gemeinschaft wäre, wenn diese gegenseitige Abhängigkeit, dieses Netzwerk von Wertungen, Ehrungen und Schmähungen nicht bestünde. Jeder würde in sich ruhen, für sich dastehen als eine unabhängige Monade, und außer vielleicht um Brot und Bequemlichkeiten herzuschaffen, wären keine Verbindungen zwischen uns nötig. Wir wären unabhängig von anderer Sympathie und Achtung, erhaben über Abweisung und Haß — aber wir hätten auch nichts Bedeutendes miteinander zu schaffen, es wäre geradezu gleichgültig, ob auf der Welt nur ein Mensch existierte oder eine Sippe oder eine Gesellschaft.

So aber treibt das Verlangen nach Gunst und Ansehen unsere Seelen- und Geisteskräfte an — wie der Hunger diejenigen des Körpers — und alles was wir leisten, an Kunst und Witz und Menschlichkeit, verdanken wir diesem einzigartigen Naturtrieb.

3. Mai 2010

Aus dem bisher Gesagten wäre folgerichtig, wenn man seine guten Taten künftig nur noch aus Berechnung täte, d.h. in der Abwägung: „Wieviel muß ich andern nützlich sein, um sie für mich einzunehmen, und auf wieviel Liebe und Anerkennung darf ich dafür hoffen?“

Die erste Schwierigkeit dabei ist, daß diese beiden Währungen keinen festen Wechselkurs haben und also sich das eine Gut kaum gegen das andere aufwägen läßt. Wenn ich meinem Nachbarn fünf Stunden beim Hausbau helfe und dafür in seiner Achtung und Anhänglichkeit steige und eine gewisse Macht über ihn gewinne, weil er jetzt in meiner Schuld steht, wie soll ich berechnen, ob es den Schweiß und die aufgewendete Zeit gelohnt hat? Mein Verdienst und Vorteil besteht aus Dingen, die, an sich schon kaum zu wägen, zudem fast nur in meiner Vorstellung existieren.

Die zweite Schwierigkeit ist, daß wir soviel Zeit, bzw. Geistesgegenwart niemals haben, um ständig in unserem Handeln derartige Abwägungen zu treffen. Wir handeln gegen andere fast immer spontan, nach Gefühl und Laune, und also ist jedesmal entscheidend, ob wir zu einer guten Tat aufgelegt sind und weniger, ob wir uns vorab einen Gewinn ausrechnen können.

Zum Dritten: Selbst wenn wir alles berechnen könnten, so wären wir doch kaum so gute Schauspieler, daß wir diese Berechnungen vor andern verbergen könnten. Sobald sie aber nur die leiseste Ahnung davon bekommen — und sie haben eine feine Nase in diesem Gefilde — nehmen sie die Tat nicht mehr als moralisch gut, sondern eben als berechnend, und sie werden uns dafür mit wenig Liebe und Anerkennung belohnen, und also hätten wir unsern Zweck gänzlich verfehlt.

Demnach bleibt das bisher Gesagte nur eine Betrachtung aber keine Anweisung oder Empfehlung. Wir werden weiterhin handeln wie uns die elementaren Kräfte, Hoffnung auf Ruhm und Angst vor Verstoßung, treiben, und eben weil es die elementarsten Seelenkräfte sind, können Erkenntnisse und Berechnungen nichts gegen sie ausrichten.

2. Mai 2010

Warum pflanzen Menschen Hecken, die ihre Gärten uneinsehbar machen, warum ziehen sie abends die Vorhänge zu und schließen die Läden? Doch nur, weil sie Angst haben — aber nicht vor Einbrechern, sondern vor der Meinung ihres Nachbarn. Der soll nicht sehen, wie sie in der Sonne liegen, auf dem Sofa lümmeln, wie sie essen und wieviel. Auch von schlampiger Hauskleidung soll er nichts erfahren, nicht wie sie in der Nase bohren, an den Fingern schnüffeln, après des reconnaissences douteuses, nicht wie lange und intensiv sie sich mit ihrem Spiegelbilde befassen, wie sie vom Weibe zurechtgewiesen und gescholten werden und schon gar nicht, welcher Versöhnungskünste sie sich im Schlafgemach bedienen. All dies könnte den Nachbarn zu Ekel, Spott und Lästerei anregen, gar zur Gehässigkeit und übler Nachrede — und also ihrem Ruf und Range schaden. Davor fürchten sie sich so sehr, daß sie sich einschließen in ihre Trutzburg, verkriechen in ihre Höhle und, kurios, wie befreit aufatmen.

1. Mai 2010

Wie ich nun aus mannigfaltigen Blickwinkeln dargetan habe, benötigt die Moralität, um so zu erscheinen wie sie erscheint, keines höheren Grundes. Göttliche Gebote, eine Idee des Guten, ein Ideal der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sie mögen sein oder nicht, aber ohne sie, das heißt wenn der Mensch nur vom Menschen abhinge, würde sich eben dasselbe Bild und dieselben Zusammenhänge ergeben.

Ich selbst halte dafür, dass diese Begründung der Moralität die richtige sei und sämtliche Ideale nur, bewusst oder unbewusst, den eigentlichen Motiven und Interessen aufgepfropft werden — um ihnen mehr Nachdruck und den höheren Segen zu erteilen.

Allerdings könnte man entgegenhalten, dass, selbst wenn diese Ansicht die richtige wäre, sie sich doch, für unseren Alltag, als ziemlich bedeutungslos erwiese, da nun mal des Menschen Gewohnheit sei, sich in allem Moralischen auf höhere Prinzipien zu berufen, bei einem Zwist sofort nach der Gerechtigkeit zu fragen oder Gottes Wille zu zitieren — anstatt sich mit hintergründigen Erwägungen herumzuschlagen, wer hier aus welchem Interesse handele, wem gefallen wolle, vor wessen Ungnade Angst habe und wie weit moralische Forderungen und Verurteilungen überhaupt nur unseren Machtgelüsten zuzuschreiben seien und dergleichen mehr. Dies alles sei für die gewöhnlichen Fragen der Moral zu kompliziert und damit wertlos.

Dem will ich gar nicht widersprechen. Für den täglichen Gebrauch dürften die meisten meiner Beobachtungen tatsächlich wertlos sein, zumal sich mit ihnen nicht einmal moralisch streiten lässt, denn es würde ja die beabsichtigte Wirkung völlig verfehlen, wenn einer offen sagte: „Ich will das Gute und die Gerechtigkeit, zuweilen gar das materielle Wohl der andern — weil ich damit gut dastehen und also meinen Rang erhöhen kann, welcher mein höchstes Glück bedeutet!“

Für den täglichen Gebrauch also wertlos. Aber für den täglichen Gebrauch ist auch die Erkenntnis, daß die Sonne feststehe und die Erde rotierend um sie kreise, unbrauchbar und überflüssig. Die Erde steht uns immer still, Sonne, Mond und Sterne gehen auf und unter, dies ist unsere Wirklichkeit. Nichteinmal der Kosmopolit und Weltreisende braucht etwas von der Heliozentrik zu wissen, welche allein für Wissenschaftler, Astronomen und jeden, der die Welt gerne aus einer abgelösten, neutraleren Perspektive betrachtet, von Bedeutung ist — aber diese werden den Wert einer solchen Erkenntnis nicht eben gering schätzen.

15. April 2010

Auch plagt man sich oft mit der Frage, was für ein Mensch man sein soll. Soll man temperamentvoll, leidenschaftlich, kämpferisch, stolz sein oder gleichmütig, stoisch, besonnen? Soll man sich um sein Äußeres sorgen, Garderobe, Körperbildung und Frisur pflegen oder, sich um all dies nicht bekümmernd, karg nach Grundsätzen und Ideen leben?

So irrt man hin und her, was das Erstrebenswerte, was das Echte sei und kommt doch nicht auf den Gedanken, dass alles auf die Frage hinausläuft: Wem will ich gefallen, von wem bewundert werden, auf wen Eindruck machen? Würde man sich zu jeder Zeit vergegenwärtigen, dass dies der Kern des Problems ist, könnte man vielleicht, wenn nicht mit weniger Eifer, so doch gelassener seiner Wege gehen.

13. April 2010

Was uns im Leben hauptsächlich antreibt, ist einerseits das Verlangen nach Achtung und andererseits das Bedürfnis nach Freiheit. Aber so unvereinbar beide sein mögen, so leicht geraten sie doch ineinander, und oft streben wir nur nach Freiheit, weil wir im jetzigen Zustand uns zu wenig geachtet fühlen.

12. April 2010

Man will so oft anders sein als man ist, Fertigkeiten besitzen, die man nicht hat, Dinge leisten, zu denen die Kräfte nicht hinreichen. Mit zunehmendem Lebensalter erkennt man aber die Unmöglichkeit, ein anderer zu sein und ist schon froh, wenn man mit dem zurechtkommt, was man ist.

Wie sich im Laufe des Lebens der Hausrat ständig ausdehnt und immer schwieriger wird, Ordnung zu halten und Überblick zu wahren, so wird auch das Leben insgesamt, mit allen offenen, unerledigten Pflichten und Vorhaben immer unübersichtlicher, und man würde, ohne Bescheidung und Beschränkung, sich ganz und gar darin verlieren. Wir sind dann irgendwann froh, wenn wenigstens die hauptsächlichsten Zimmer und der Inhalt einiger Schränke in leidlicher Ordnung dastehen und lassen den Rest dem Chaos entgegengehen. So auch mit den Dingen, die wir gerne leisten würden aber nicht können.

In frühen Jahren war es mir ein Gräuel, mich in meinen Schriften zu wiederholen, und ich sorgte mich um durchgehenden Stil und eine, wenn nicht allgemein gültige, so doch in sich beständige Schreibweise. Diese Dinge fallen mehr und mehr der Unübersichtlichkeit meines Hausrates zum Opfer. Selbst Gedanken, Prinzipien und Ideen kann ich nicht mehr unter einen Hut bringen, sie haben sich im Laufe der Jahre gewandelt, und es wäre zu viel Akrobatik, alles in denselben Takt und die gleiche Tonart zu setzen. Also lass ich es gehen wie es geht, man mag darin den Wandel der Lebensalter sehen — und bis zur Auflösung schräger Klänge auch dem Glück einen Anteil überlassen.

8. April 2010

Ob es Fluch oder Segen war, dass die Moral, dass das scientes bonum et malum in uns gekommen ist, lässt sich nur schwer entscheiden. Ebenso wenig können wir sagen, ob es den Tieren zuträglich war, dass der Instinkt der Balzkämpfe, des Ringens um den Rang im Rudel in sie gekommen ist. Die Moralität ist ein zusätzlicher Instinkt, der den Kampf um die Rangordnung im Rudel vom Körperlichen ins Geistige transformiert und verfeinert.

Ob dieser Kampf selbst etwas Gutes oder Schlechtes ist, können wir gar nicht wissen; es werden dabei Kräfte entwickelt und gestärkt, die vielleicht zur Ertüchtigung der Individuen einer Gattung beitragen — überhaupt aber wird dadurch das Schauspiel der Natur angeregt und am Leben gehalten.

Wer in diesem Ringen und Streben keinen Sinn und gar nichts Schönes findet, kann sich auch fragen: „Wozu braucht es überhaupt all dies, das Leben, Kämpfen und Sterben, da es doch viel einfacher wäre, wenn nichts wäre?“

Wer hingegen am Hahnenkampf und am Balzritual des Pfaus Gefallen findet, als Ausdruck von Farbenpracht und Lebendigkeit der Natur, der kann auch gleich noch die Moralität des Menschen, das Gerechte und Ungerechte, das Gute und Böse dazupacken und alles nehmen als ein Naturschauspiel, als das Kräftemessen einer Spezies, als prächtiges Zeichen einer überquellenden Energie.

2. April 2010

In den Tugendlehren der Philosophen heißt es überall, die materiellen Güter machten erstens nie satt und setzten zweitens ihre Besitzer in ständige Furcht, sie zu verlieren; hingegen würde die Tugend vollständige Befriedigung verschaffen und sei nicht von Glücksumständen gefährdet, weil sie ja im Tugendhaften selbst ruhe und ihre ganze Kraft aus ihm alleine bezöge.

Wenn nun aber, nach meiner Analyse, der Lohn der Tugend allein darin besteht, von anderen geachtet, geliebt und gerühmt zu werden, so ergibt sich, dass ihr Gut um nichts beständiger ist als die materiellen und sinnlichen Güter, weil es ja ganz von den Launen derjenigen abhängt, die von diesen Tugenden begünstigt wurden. Der Lohn der Tugend ruht eben nicht im Tugendhaften selbst, sondern entsteht aus einer Wechselwirkung, einem Handel zwischen ihm und den von ihm Begünstigten, denen er nützlich war.

Auch sättigt die Tugendübung, beziehungsweise die Güter die wir dafür erhalten, die Achtung, der Ruhm usw. keineswegs mehr als es materielle und sinnliche Güter vermögen. Denn die einen wollen immer mehr Achtung als sie bekommen und werden niemals satt, die übrigen, nachdem sie gesättigt, werden bald wieder hungrig und gierig nach neuem Lob, neuer Beachtung, neuer Liebe. So scheint der Tugendhafte nicht sicherer als der, der sich um materielles Wohl und leibliche Genüsse sorgt.

Der andere Vorteil, den die Tugend einbringen soll, sei die Freiheit. Denn nicht nur drohe dem Bösen der Verlust seiner Freiheit durch Kerker und Ketten, sondern auch der Feinschmecker, der Lüstling, der Geldgierige, der Machthungrige, der Wehleidige und der Eigennützige seien letztlich Gefangene ihrer Triebe und Leidenschaften, würden sich ihren Folterknechten ausliefern wie ein Süchtiger dem Opium und mit der Freiheit gleich noch ihre Ehre opfern. Dem aber stelle sich der Tugendhafte entgegen und befreie sich mit Gerechtigkeit, Gleichmut und Selbstbeherrschung von solchen dunklen Zwängen.

Wenn aber in Wahrheit Tugendübung nichts ist, als anderen gefallen wollen, dienen, Opfer bringen, sich vor ihrer Mißgunst fürchten und alles tun, um ihre Laune zu besänftigen, wenn wir den Köstlichkeiten und dem Liebestrieb nur darum entsagen, nur darum Armut wählen, klein und bescheiden bleiben, Schmerzen verbeißen und immer nach ihren Wünschen fragen, um bei ihnen günstig dazustehen, bewundert und gelobt zu werden — wo ist dann hier Freiheit?

Ich denke also, in der Tugendübung ist nicht mehr Freiheit zu finden als in jeder anderen Tätigkeit. Das einzige, was hier noch als ein Element der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gelten könnte ist, dass der Tugendübende nicht bloß von direkter Vergeltung durch Lob und Achtung abhängt, sondern oftmals auch bereit ist, seinen Lohn zu stunden, indem er sich in seiner Fantasie damit befriedigt, dass derselbe schon irgendwann nachgereicht werde. Bei manchen geht diese Selbstbefriedigung soweit, dass es ihnen genügen würde, wenn sie sogar erst nach ihrem Tode mit Achtung und Ruhm belohnt würden; oder gar nur von der vorgestellten Situation, dass wenn einer von ihrer guten Tat erführe, er dann voller Achtung und voll des Lobes sein würde, auch wenn es in der Realität einen solchen nicht gibt und vielleicht niemals geben wird; ebenso diejenigen, die von einem gedachten Wesen, einem Gott, belohnt und anerkannt zu werden sich vorstellen und damit zufrieden sind.

In diesen Fällen ruht, bis zu einem gewissen Grade, die Befriedigung in dem Tugendhaften selbst, d.h. er verschafft sich das Lob der andern durch seine Vorstellung. Aber lassen wir ihn verhöhnt, seine Tugend in den Schmutz gezogen, seine Handlungen als unnötig oder gar schädlich, als böse verunglimpft werden, so wird sein Selbstgefühl und seine Eigenständigkeit sehr schnell zusammenbrechen, denn das physisch Reale, welches bereits in dergleichen ausgesprochenen oder geschriebenen Worten liegt, übt auf unser Gemüt eine unvergleichlich stärkere Wirkung als es unsere Vorstellungen, Einbildungen und eigenbrötlerischen Konstruktionen vermögen. Darüber hinaus ist auch sein Gemüt, welches sich die Dinge zurecht legen kann, ein sehr gebrechliches und launenhaftes Ding, und wenn er sich heute vorstellt, wie er von der Nachwelt gerühmt, von Gott belohnt werde, so kann er morgen schon an allem zweifeln und über seinem eigenen Wert zusammenbrechen.

Die Lehren, welche zur Enthaltsamkeit mahnen, vor jedem Übermaß unserer Gefühle, Affekte, Einbildungen, Meinungen und dergleichen warnen, haben daher vor allem unsere Freiheit im Auge, denn dergleichen Leidenschaften sind verderbliche Krankheiten der Seele, die uns in vieler Hinsicht unfrei machen.

Dieselben Lehren ermahnen uns aber auch zur Gerechtigkeit, Tapferkeit, Güte und Freigebigkeit, welche alle nur das Ziel haben, anderen zu gefallen und uns ihre Achtung zu verschaffen. Ein solches Streben ist aber das Gegenteil eines jeglichen Freiheitsstrebens, weil der Grund des Glücks hier gänzlich bei andern ruht. Die Weisheitslehrer vermischen also beständig zwei Bereiche, die Freiheit und die Tugend und merken nicht, dass beide nicht zu vereinigen sind. Denn entweder streben wir nach Freiheit, entfernen uns aber dabei vom Umgang und den Interessen der anderen, oder wir folgen der Tugend, das heißt wir handeln lobenswert, das heißt für andere, zu ihrem Nutzen und um ihres Lobes willen.

Mit guten, das heißt anderen nützlichen Taten befriedigen wir unsere Eitelkeit, denn sie bewirken, dass wir gut bei ihnen dastehen. Mit egoistischen Handlungen befriedigen wir unseren Freiheitsdrang, denn sie nehmen keine Rücksicht auf die Wünsche und Urteile der anderen.

Diese beiden, das Verlangen nach Geltung und das Verlangen nach Freiheit, sind die hauptsächlichen Triebe, von denen unser moralisches Handeln bestimmt wird. Sie lassen sich aber, wegen ihrer Gegensätzlichkeit, prinzipiell nicht vereinigen, außer in dem einen Falle, wo sie sich, wie durch Zufall, miteinander aussöhnen, dann nämlich, wenn es uns ebensolches Vergnügen bereitet, anderen zu dienen wie ihnen zu gefallen, wenn wir nicht den geringsten Widerstand in uns spüren, nicht die geringste Spur von Unfreiheit, Einschränkung, Angst vor ihrem ungünstigen Urteil oder Sucht nach ihrem Lobe. Dann sind beide Triebe voll befriedigt — wir dienen, einzig weil uns danach ist und freuen uns an ihrem Dank wie an der Blume am Wegesrand.

Diesen besonderen Fall können wir deswegen Zufall nennen, weil wir selbst keinerlei Einfluss haben, ihn hervorzurufen und keinerlei Erkenntnis, seinen Ursprung zu ergründen. Wir können nicht beeinflussen, ob uns etwas gefällt, ob wir etwas gerne tun, und wenn es geschieht, so wissen wir nicht warum. Es kommt über uns, wenn nicht durch Zufall, so doch wie von einer höheren Macht oder dem Schicksal gesandt, und also kann hier nicht mehr von einem Sollen oder Müssen, wie sonst in der Moral, die Rede sein: „Du sollst Deinem Nächsten helfen und mit Freundlichkeit begegnen,“ ist eine pragmatische und vernünftige Anweisung. Aber die Forderung: „… und Du sollst es gerne tun,“ ist so unsinnig wie: „Du sollst in der Lotterie gewinnen.“ Man kann nicht auf Befehl froh sein, sich verlieben oder etwas gerne tun, es geschieht uns, oder eben nicht.

Dass wir Freude an unseren guten Taten haben, und also freiwillig und gerne für dieses begehrteste Gut und höchste Vergnügen, für das Geliebt- und Gerühmtwerden, tätig sind und also gratis erhalten, was wir sonst mit mühsamen Opfern und dem Verlust unserer Freiheit erkaufen müssen, dies ist der wünschenswerteste, aber wie gesagt, nicht von uns beeinflußbare Fall. „Du sollst Deinen Nächsten lieben und ihm gerne helfen“ ist als Forderung zwar unsinnig, als Wunsch aber durchaus verständlich, denn es ist das Beste sowohl für den, der hilft, als auch für den, dem geholfen wird.

21. März 2010

Unser größtes Glück ist die Anerkennung der anderen, weswegen die Tugend, als welche uns zu dieser Anerkennung verhelfen soll, seit jeher von den Philosophen als höchstes Gut gepriesen wurde. Diese Anerkennung, und damit unser Glück, scheint ein äußerliches Ding zu sein, weil es ja immer von den anderen ausgehen soll, also nicht in uns selbst begründet ist, allenfalls durch unsere Tugendübung bei den anderen angeregt werden kann.

Tatsächlich aber findet diese Anerkennung oder Nichtanerkennung der anderen fast nur in uns selbst statt und hängt nur daran, was wir glauben, was wir uns vorstellen, wie wir empfinden: Hält er viel von mir, werde ich von ihm geachtet, schätzen sie meine Klugheit, hält man mich für einen zuverlässigen, redlichen Menschen, finden mich die Frauen ansehnlich, begehrenswert, werde ich von dieser einen geliebt? Auf diese Fragen können wir nur selbst antworten, aufgrund unserer subjektiven Einschätzung, mit welcher wir ihre Mienen und Worte interpretieren. Was die anderen wirklich denken und von uns halten, werden wir ja niemals erfahren, und also zählt für uns nur, was wir glauben, daß sie denken. An diesem Glauben hängt aber unser ganzes Glück.

Insofern könnte man meinen, wir seien ja doch unseres Glückes Schmied und könnten, wenn wir nur das Positive, uns Günstige in unserer Einschätzung zuließen, ganz formidabel leben. Nur leider hängt diese Einschätzung ganz und gar von unserer Laune und Gemütsverfassung ab. Dieselben Minen, dieselben Worte nehmen wir an einem Tag als Kränkung, an einem anderen als Kompliment, derselbe Scherz bringt uns an einem Tag zum Lachen, am andern zur Verzweiflung wegen einer darin geargwöhnten Beleidigung, und einer, den Millionen bewundern, kann an dem Zweifel scheitern, ob ihm die Gunst einer Einzigen sicher sei. Alles hängt an unserer Tageslaune, an einer Sympathie oder Antipathie, und diese Stimmungen gehen in unserem Leben auf und ab, und der Wechsel folgt einer mehr oder weniger konstanten Periode, auf die wir keinen nachweisbaren Einfluß haben.

Unser höchstes Glück, die Anerkennung der andern, samt unserer Tugend, welche sie bewirken soll, es ist alles ein Zusammenhang, und alles hängt an unserer Laune — und diese wiederum an unserem Schicksal, welches wir in keiner Weise lenken können.

15. März 2010

Deswegen versucht der Mensch seine Eitelkeit zu verbergen, weil er sich schämt, bis zu solchem Grade von der Meinung und dem Geschmacke anderer abzuhängen. Diese Abhängigkeit ist an sich schon erniedrigend, aber umso mehr, wenn ans Licht kommt, mit welchem Diensteifer, mit welcher Unterwürfigkeit er um ihre Anerkennung buhlt. Und tatsächlich sinkt dabei sein Ansehen und sein Rang, er wird lächerlich.

13. März 2010

Das größte Problem des Menschen ist vielleicht, dass er seinen beiden hauptsächlichen Bestrebungen, nämlich bei anderen etwas zu gelten einerseits, frei zu sein andererseits, zugleich nachgehen will, sie sich aber, in der Regel, gegenseitig widerstreiten. Er will gefallen aber gleichzeitig nicht von der Meinung und dem Wohlwollen anderer abhängen. Er will sein wie Gott, alle sollen ihn ehren, ihm gehorchen, von ihm abhängig sein — er aber von keinem. Dies ist sein Dilemma, mit dem er sich sein Lebtag herumschlägt.

10. März 2010

Die verschiedenen Sitten- und Tugendlehren sind nichts als Spielregeln für diverse Spiele und Wettkämpfe in der Arena des Moralischen: Dort spielt man einmal das Christenspiel, das Spiel römischer Bürgerehre, das jüdische Spiel, das buddhistische Spiel, das Spiel der Ritterehre, das Spiel des Humanismus, das Spiel des Gentlemen Agreement, das Nationalspiel, das Sozialspiel und, seit neuestem, das Globalspiel.

Manche Regeln sind all diesen Regelwerken gemein oder doch ähnlich, manche ganz spezifisch und scheinen den übrigen barbarisch, viehisch oder teuflisch. Lügen und Stehlen ist bei Räubern Ehrensache, auch in Sparta und bei den Ägyptern war es hoch angesehen, bei den übrigen wird es, wenigstens offiziell, verworfen und verfolgt. Die Griechen durften die eigene Schwester heiraten, unseren Priestern und Mönchen ist die Ehe verboten.

Weil es aber bei diesen Spielen um Gewinnen oder Verlieren geht, werden sie oft mit tierischem Ernste gespielt, und man versteht wenig Spaß dabei. Der Einsatz nämlich ist Rang und Ehre, Anerkennung und Verdienst, die wichtigsten Dinge des Lebens, und also sitzt man mit Verbissenheit am Tisch.

Dennoch sind es nur Spiele, denn sie hören einmal auf, wenn eine neue Epoche kommt oder man den Landstrich wechselt und dann, in neuer Gesellschaft, eine neue Runde beginnt.

8. März 2010

Unser höchstes erstrebtes Gut ist Ansehen und Macht. Um sie zu erhalten müssen wir den anderen dienstbar sein, nützlich und erfreulich. Auch mit Geld kann Ansehen und Macht erlangt werden; allerdings ist dieses Mittel nur äußerlich und bei Verlust des Geldes geht das Ansehen mit.

Wenn das Geld nicht durch eigene Leistung erworben, nur ererbt oder in der Lotterie gewonnen wurde, ist auch seine Wirkung geringer, es fehlt der Ausdruck von Kraft, Klugheit und Beharrlichkeit, Eigenschaften, die gewöhnlich zum Erwerbe nötig sind.

Außerdem erweckt materieller Reichtum immer Neid und bringt also, neben Ansehen und Macht, auch viele Feindschaft, sei nur es hinter unserem Rücken, vielleicht nur in unserer Einbildung, sei es real, wenn sie zur gesellschaftlichen Ächtung, Raub, Klassenkampf, politischem Umsturz führt. Die Furcht vor solcher Feindschaft erzieht manchen Vermögenden zur Bescheidenheit, zuweilen auch zur Knauserei.

4. März 2010

Wenn Gefühle der Freundschaft oder der Liebe aufhören, wenn der einst so hoch geschätzte Freund unser Interesse verliert, wenn die zuvor so heiß Geliebte jetzt langweilt, gar auf die Nerven geht, so steckt in den meisten Fällen dahinter, dass wir auf irgendeine, oft ganz unmerkliche Art gekränkt oder zu wenig beachtet wurden. Nicht haben wir bei ihnen einen tatsächlichen Mangel entdeckt, der uns bis dahin verborgen, sondern unsere Eitelkeit hat einen Schlag erlitten. Wenn wir die anderen dann geistlos und langweilig finden, so weil wir dort kein Forum mehr sehen, auf dem wir uns hervortun, wo wir glänzen können. Aber nicht in ihren Qualitäten haben sie nachgelassen, sondern nur in ihrer Ehrerbietung gegen uns, weswegen wir uns gleich verlassen und verraten fühlen und ihre Gegenwart nicht mehr ertragen können. Wir gestehen uns diesen Vorgang aber nicht ein sondern schieben alle möglichen Begründungen vor — denn wir wollen ja, auch vor uns selbst, nicht als Vernachlässigte, Gekränkte sondern als Überwinder dastehen.

Diese inneren Vorgänge beschränken sich auch nicht auf die großen Veränderungen, sondern finden tagtäglich statt und bestimmen hauptsächlich über unsere Stimmung und Laune. Einer üblen Laune ging fast immer eine Kränkung voran, einer heiteren fast immer Lob und Anerkennung — wenn auch oftmals nur in unseren inneren Zwiegesprächen, Erinnerungen und Fantasien. Und welch feinfühlige Seismographen sind wir in dieser Kunst! Die leiseste Andeutung, von der kein Beobachter Böses fürchten würde, löst vielleicht eine Lawine aus, unsere heitere Stimmung ist dahin, wir werden böse, zornig, der eine schimpft und schlägt, der andere bockt, der dritte vergräbt‘s in seiner Seele, wo es Tage, manchmal Jahre zur Zersetzung braucht. Wir meinen, manche seien schnell gekränkt und schieben es auf Schwäche und wenig Selbstbewusstsein; andere, die sich nach außen immer gleich verhalten, gelten für stark und in sich ruhend. Tatsächlich aber sind wir in diesem Punkte alle ziemlich gleich: sensibel für das kleinste Lüftchen, von dem sich unser Befinden — und mit diesem unsere Sympathie — in jede Richtung blasen lässt.

Wir verhandeln um Rechte und Pflichten, im eigenen Hauswesen, bei der Arbeit, in der Politik, wir streiten um Besitz und klagen an, man hätte unser Vertrauen missbraucht — in Wahrheit aber geht es überall um nichts als um die Ehre: Wurden wir geachtet oder übergangen, hat man sich, aus Geringschätzung, an dem Unsrigen bereichert, will man uns Pflichten aufdrücken, um uns zu schwächen?

In unseren täglichen sachlichen Disputen karren wir Wagen voller Argumente an, warum dieses Ding besser sei als jenes, die eine Handlung gerechter als die andere, dieses Kunstwerk schöner, der Schauspieler K. witziger, der Wein B. edler, warum hier die Wahrheit auf dem Spiel stehe, dort das Wohl der Gesellschaft, das Ansehen der Wissenschaft, die Menschlichkeit, die Ehre Gottes. Wir könnten uns kürzer fassen und einfach sagen: Ich will mit meiner Ansicht vor euch glänzen und mich in keiner Weise herabsetzen lassen.

3. März 2010

Der Ring des Gyges: Unsichtbarkeit würde uns nichts nützen, denn wir tragen die andern mit uns herum, fühlen uns ständig von ihnen beobachtet und beurteilt, selbst wenn sie entfernt oder bereits gestorben, ja noch nicht einmal geboren sind (Gewissen, Allgegenwart Gottes wird es gewöhnlich genannt).

Es ginge in der Moral zwar ohne Gottheit, aber nicht ohne Menschen. Allerdings, weil es nicht unbedingt Menschen unserer Umgebung, ja, nicht einmal notwendig unserer Zeit sein müssen, kann die Sache einen solchen Grad von Abstraktheit annehmen, dass zur Gottheit oder absoluten Werten die Unterschiede verschwimmen.

Warum bliebe das uns Nützliche, andern aber Schädliche, auch dann moralisch schlecht, wenn wir gewiß sein könnten, dass keiner jemals davon erführe? Weil wir dann nirgends, nicht einmal in unserer Phantasie, einen finden könnten, der uns dafür lobt.

2. März 2010

Das gute wird gelobt und was gelobt wird, ist das Gute — wobei es freilich darauf ankommt, dass diejenigen loben, deren Urteil uns wichtig ist.

28. Februar 2010

Das große moralische Problem der Menschheit, vor dem jeder in seinem Leben unzählige Male steht, ist: wie soll ich handeln, was ist das Gute, wovor muss ich mich hüten, was macht die Sünde aus? Nach dem bisher von mir Vorgetragenen müßten diese Fragen allerdings direkter und konkreter gestellt werden. Nicht: Was ist gerecht? sondern: Wem will ich gefallen, auf wessen Lob und Achtung kommt es mir an, vor wessen Verachtung und Rache, vor wessen Feindschaft fürchte ich mich? Nicht: Was ist gut? sondern: Wer soll mich lieben? Der Politiker also: Ist mir die Zuneigung des Volkes wichtiger oder die der Wohlhabenden oder des Militärs? Der Privatmann: Ist mir die gute Gesinnung der Vorgesetzten wichtiger oder die der Kollegen, vor wessen Missgunst fürchte ich mich mehr? Ist mir der häusliche Friede wichtiger oder das heiße Verlangen der Geliebten? Glaube ich, mit dem teuren Sportwagen und der Luxusjacht mehr zu gewinnen als ich verliere, weil ich mir die Neider zu Feinden mache?

Ich weiß nicht ob unsere moralischen Konflikte durch solche direkteren Fragen einfacher würden, aber zumindest würden wir wahrhaftiger und ehrlicher auf die Sache zugehen, statt uns in konfusen Abstrakta wie Gerechtigkeit, Menschenwürde und der Idee des Guten zu verlieren.

Grundsätzliche Schwierigkeiten bleiben in jedem Falle, etwa weil wir es selten bloß einem recht machen, sondern es mit möglichst wenigen verscherzen wollen. Da sie jedoch unterschiedliche Interessen haben, stehen wir in der Bredouille und können nicht alle befriedigen.

Außerdem lassen sich solch individuelle Erwägungen kaum zur moralischen Begründung und Rechtfertigung unseres Handelns heranziehen. Es macht sich schlecht zu sagen: Ich wollte eben diesem hauptsächlich gefallen, weil mir seine Gunst wichtiger war als die des andern. Da leistet immer ein moralisches Gesetz und die Berufung auf Sitte und Anstand, Gerechtigkeit und Menschlichkeit einen besseren Dienst — weil so das persönliche Anliegen hinter der Maske des Allgemeinen verborgen bleibt.

26. Februar 2010

Philosophen gelten als Freunde der Wahrheit, tatsächlich aber sind sie hauptsächlich Freunde des Ansehens und des Ruhmes — so gut wie alle anderen Menschen auch. Zwar will ich nicht sagen, daß die Trefflichen unter ihnen ihre Wahrheiten nur gerade so hinbögen, um Aufsehen zu erregen und gut herauszukommen; warum sie aber überhaupt auf die Wahrheitssuche gehen und darüber auch noch Werke verfassen, das ist in erster Linie ihrem Durst auf Anerkennung zuzuschreiben. Wenn es nur um die Wahrheit selbst ginge, könnten sie diese ja für sich behalten und in ihrem Genusse selig werden — anstatt sie vervielfältigt hinausposaunen und mit Gott und der Welt darüber streiten. Sie suchen die besten Worte, Beweise, schöne Beispiele und Zitate, ohne daß all dies ihre gefundenen Wahrheiten besser machte, einzig um Eindruck zu machen, zu gefallen — und also Ruhm zu ernten.

Sie sind aber deswegen nicht zu tadeln, denn sie tun was alle tun, die sich, in Hoffnung auf Lob und Anerkennung, bemühen, schöne nützliche Dinge hervorzubringen, wie Bäcker ihr Brot, Köche ihren Braten, Tischler ihren Tisch, Konstrukteure ihre Maschine, Maler ihr Bild, Regisseure ihren Film, Soldaten ihren Kampf, Staatsmänner ihre Regierung. Ebenso rüsten die Philosophen ihre Wahrheit aus mit allem Schmuck der Argumente, beleuchtenden Vergleichungen, Gliederung der Gedankengänge, logischen Figuren, beizitierten Autoritäten, wiederlegten Widersachern, ausgesonnenen Metaphysiken, anempfundenen Mystiken, um sie dem Hörer schmackhafter zu präsentieren, um selbst besser bewundert und gerühmt zu werden — auf daß alle am Ende ihre Rechnung finden.

22. Februar 2010

Hume meint, daß die Tugend der Gerechtigkeit nur hinsichtlich unserer materiellen Güter gebraucht würde, daß in einem Schlaraffenland, wo die Natur jedem von allem genügend böte, sie vollkommen überflüssig wäre.

Dies ist aber keineswegs der Fall. Gerechtigkeit regelt nicht nur die Verhältnisse der Menschen hinsichtlich ihrer materiellen Güter, sondern, und sogar hauptsächlich, die Verhältnisse ihres Ranges. Meist sind sogar die materiellen Güter nur Stellvertreter für das eigentliche Problem, nämlich Wahrung oder Erhöhung der Ehre und des Ranges. Zwar wird in den meisten Gerichtsverhandlungen um Geld und Rechte an Gegenständen gestritten, doch in Wahrheit geht es um die Ehre. Der Kläger fühlt sich übervorteilt und will also sein Recht — d.h. Genugtuung, um seine Ehre, seinen Rang wiederherzustellen; der Beklagte aber will nichts davon verlieren. Das angebliche Streitobjekt dient fast nur als Vorwand, ist das Mittel, um die Sache handreiflich zu machen, weil über Rang und Ehre ja ungleich schwieriger zu entscheiden ist.

Wären uns auch alle äußerlichen Güter in Überfülle gegeben, so würden die Menschen doch kleinere und größere Gemeinschaften bilden, innerhalb derer sie höchst besorgt wären um ihre Autorität, Anerkennung und den gehörigen Respekt. Schon Kinder würden Gruppen bilden und streiten, wie viel wer zu sagen hat, es gerecht oder ungerecht finden, daß einer angibt, welches Spiel man heute spielen soll. Paare würden Familien gründen und täglich darum ringen, wie die Kinder erzogen, wie die Wohnung gebaut und eingerichtet und wer welche Arbeit zu verrichten habe, und stets würde dabei um die Gerechtigkeit gerungen. Denn irgendwelche Arbeiten muss der Mensch immer verrichten, und selbst wenn die Natur die materiellen Güter in Überfülle böte, würde der Mensch doch noch ständig etwas organisieren, herstellen, pflegen, gestalten wollen. Wäre er tatsächlich wunschlos glücklich, dann freilich bräuchte man sich über Tugend gar nicht mehr zu unterhalten, denn keiner könnte dem anderen ferner nützlich sein, noch in irgendeiner Weise gefallen, da ja alle bereits ihr höchstes Glück genössen.

Aber bis dahin jedenfalls sind die materiellen Güter nicht der einzige Anwendungsbereich der Gerechtigkeit, weil diese, im Gegenteil, hauptsächlich den Rang unter den Menschen regeln soll; im Dienste dieses Ranges auch den Besitz materieller Dinge — aber nur zum kleineren Teil den Besitz der materiellen Dinge um ihrer selbst willen.

21. Februar 2010

Die Moral ist eine fürchterliche und grausame Waffe. Man wendet sie an, um seinen Gegner gesellschaftlich zu isolieren, Freunde und Verwandte von ihm abzuwenden, er soll um das Wertvollste gebracht werden, um Anerkennung, Liebe, Vertrauen und Geborgenheit. Wird er moralisch diskreditiert, muß er fürchten, daß die wichtigsten Bande seines Lebens zerreißen, er bald alleine dastehen werde und ohne Halt. Im privaten und persönlichen Bereich bedienen sich vor allem die Frauen dieser schrecklichen zerstörerischen Waffe, im Geschäftsleben und der Politik tun es die Männer gleichermaßen.

Man denkt, Moral und was damit zusammenhängt sei etwas Gutes, Friedensstiftendes, Liebevolles, aber ihr hauptsächlicher Einsatz findet im Kriege statt, im persönlichen Kriege zwischen Ehegatten, zwischen Kindern und Vettern, zwischen Erben und Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen. Sie alle führen ihre Kriege hauptsächlich mit den Waffen der Moral, und welche schweren Verwundungen, Zerrüttungen, Depressionen, Psychosen und allen denkbaren Schaden richten sie an! Nicht mit Messern und Pistolen, allein mit moralischen Vorwürfen, heimlichen und offenen Hetzkampagnen.

Allerdings findet ein großer, vielleicht der weitaus größere Teil, allein in der Fantasie der Gehetzten statt. Sie malen sich aus, was der andere alles ins Werk gesetzt oder noch setzen könnte und wie sie bald um ihr Allerliebstes, ihre Anerkennung und Zuwendung gebracht wären, alleine dastünden, von allen gehaßt und verstoßen.

20. Februar 2010

Hume meint, Tiere und Pflanzen könnten sich in mancher Hinsicht gar nicht unähnlich dem Menschen verhalten, nützen oder schaden, berauben oder ums Leben bringen, und doch würden sie deswegen niemals Objekte der Liebe, des Hasses, als verdienstvoll oder verwerflich angesehen, und niemals würde man sie moralisch beurteilen. Ein junger Baum, der über den Mutterstamm emporwächst und ihn zum Absterben bringt, verhält sich genauso wie Nero, als er die Agrippina ermordete — wird aber schwerlich dafür als Verbrecher bezichtigt und gehaßt.

Ich würde aber das moralische Urteil nicht soweit entfernt vom sachlichen sehen. Wenn wir etwa anhaltend von Stechmücken geplagt werden oder von Mäusen und Ratten, so entwickeln wir eine Abneigung gegen diese Störenfriede, die sich nicht sehr davon unterscheidet, was wir gegen unmoralische Menschen empfinden. Sie werden zu regelrechten Feinden wie Diebe die uns überfallen, Erpresser die uns drohen, Sittenstrolche die unsere Kinder ängstigen. Selbst Pflanzen, wenn sie als Unkraut unseren Park oder die Ernte bedrohen, werden zu bösen und verhaßten Widersachern. Wenn Unwetter oder Naturkatastrophen unser Lebenswerk vernichten, so müssen wir uns geradezu zwingen, es dem unabänderlichen Schicksal oder der höheren Weisheit Gottes zuzuschreiben, um nicht im Haß auf die böse Naturkraft unsere Seele zu zermürben.

Ich glaube, der Grund weswegen wir die schädlichen Naturakte nicht geradezu moralisch verurteilen, liegt nur darin, daß die Vernunft uns zurückhält und sagt: Wir können bei diesen Feinden mit moralischem Druck nichts ausrichten, sie verstehen unser Fluchen nicht, es beeindruckt sie nicht, wenn wir ihnen moralische Schlechtigkeit vorwerfen, also mit Verstoßung aus der Gesellschaft drohen — auf deren Mitgliedschaft sie gar keinen Wert legen. Obwohl mancher sie dennoch verflucht, sehen die Vernünftigen ein, daß es keinen Zweck hat und man sich nur lächerlich macht.

18. Februar 2010

Egoismus nennen wir das uns in irgendeiner Weise Schädliche, Bedrohliche, Feindliche; d.h. weil wir selbst Egoisten sind und auf unseren Vorteil achten, verurteilen wir den Egoismus der andern, da er unsern eigenen Vorteil beschneidet.

Daß wir den Egoismus aber von vornherein als etwas Schlechtes ansehen, noch ohne in irgendeiner Weise von einer solchen Handlungsweise betroffen zu sein, daß „Egoismus“ ein Schlagwort, ja ein Schimpfwort ist, daran mag wohl die Erziehung und die tradierte Kultur einen wesentlichen Anteil haben. Der Beigeschmack, den solche Worte wie Egoismus, Eitelkeit, Selbstherrlichkeit, Grausamkeit, Geiz, Falschheit usw. an sich tragen — und zwar als Begriffe, ja schon als bloße Worte, die vielleicht nur die Person eines Romans betreffen oder wir sie nur im Vorbeigehen ohne jeden Zusammenhang vernehmen — dieser Beigeschmack hat nicht immer mit unserem konkreten Nachteil zu tun, sondern mag weitgehend auf Assoziation durch Gewohnheit beruhen — wie im übrigen andere Assoziationen auch, welche durch alle möglichen Worte erzeugt werden wie hell, dunkel, sauer, süß, schön und häßlich.

17. Februar 2010

Hume meint, daß viele Charaktereigenschaften grundsätzlich gefielen und gelobt würden, egal wem sie zugehörten oder zu wessen Vorteile sie gereichten: Außer Besonnenheit, Vorsicht, Tatendrang, Fleiß, Beharrlichkeit, Genügsamkeit, Sparsamkeit, Takt, Klugheit, Unterscheidungsgabe, außer diesen Gaben sage ich, deren bloße Erwähnung schon zur Anerkennung ihrer Schätzbarkeit nötigt, gibt es noch viele andere, denen auch der entschlossenste Skeptizismus nicht einen Augenblick lang den Tribut des Lobes und der Billigung vorenthalten kann. Von Mäßigkeit, Nüchternheit, Geduld, Standhaftigkeit, Ausdauer, Bedachtsamkeit, Überlegung, Verschwiegenheit, Ordnung, Liebenswürdigkeit, Beweglichkeit, Geistesgegenwart, rascher Auffassungsgabe, Gewandtheit im Ausdruck und noch tausend ähnlichen Dingen wird nie jemand bestreiten, daß sie hohe Gaben und Vorzüge seien.

Aber alle diese Eigenschaften, so sehr wir sie loben und bewundern, wenn wir sie an Freunden, uns angenehmen oder nützlichen Personen bemerken, so wenig schätzen wir sie an unsympathischen, wo sie nur unseren Neid erregen, und verfluchen sie gar, wenn ein ausgemachter Bösewicht mit ihnen ausgestattet ist. Denn seine Bosheit und Niedertracht wird dadurch verfeinert und raffiniert und also nur umso abscheulicher. Gar manche, die als schlimmste Tyrannen und Menschenschänder unserer Geschichte gelten, waren ganz vorzüglich mit solchen Gaben bedacht. Sie wurden zwar von ihren Anhängern deswegen bewundert und geliebt; die vielen jedoch, die unter ihrer Grausamkeit gelitten, und auch die heutigen Betrachter, die den Schaden, den sie angerichtet, überblicken, finden sie gerade wegen ihrer Talente nur desto ekelhafter und perfider.

Wir sehen daraus, daß diese Charaktereigenschaften, so schön sie an unseren Freunden glänzen, an unseren Feinden jedoch einen üblen Geschmack annehmen und deswegen, in moralischer Hinsicht, zunächst neutral sind, mithin, als bloße Werkzeuge, zum Guten wie auch zum Bösen eingesetzt werden können. Keineswegs aber sind sie lobenswert an sich. Am Ende zählt nur: Stehen wir auf der gleichen Seite, dann werden wir loben; wenn aber auf der anderen, dann schelten.

14. Februar 2010

Wenn wir einander wohltätige Dienste tun, nicht umsonst sondern um geachtet und geliebt zu werden, was soll an einem solchen Handel auszusetzen sein? Warum soll etwas selbstlos, d.h. ganz ohne Gegenleistung geschehen? Warum soll nicht, und sei es bloß in der Phantasie, für konkrete Leistungen eine ideelle Belohnung bereitstehen? Die totale und unbedingt selbstlose Tat wäre ja eine Einseitigkeit, Unausgewogenheit, ein gestörtes Gleichgewicht; warum und wozu sollte so etwas gut sein?

Bleiben wir doch besser dabei, daß wer konkrete handgreifliche Dinge leistet und dabei auf konkrete Gegenleistungen verzichtet, seinen Lohn dafür in Form tatsächlichen oder vorgestellten oder im Himmel nachgereichten Ruhmes erhält.

13. Februar 2010

Plato sagt, Musik wolle nicht besser machen sondern bloß gefallen, während die Tugendlehre moralisch besser machen wolle.

Wenn nun aber Tugendübung nichts Anderes ist als Gefallenwollen, so finden wir uns ja wieder auf derselben Ebene: Musik will gefallen, Tugend will gefallen, Musik indem sie den Sinnen schmeichelt, Tugend indem sie Vorteile bringt, beide indem sie das Gemüt bewegen.

Wenn der Tugendlehrer tugendhaft macht, seinen Schüler also anleitet, durch gute Taten zu gefallen, so macht der Musiklehrer seinen Schüler musikalisch, lehrt ihn, durch gute Töne zu gefallen. Aber auch der Kosmetiker und der Friseur und der Schneider und selbst noch der Autohändler helfen uns mit ihrer Kunst, andern zu gefallen. Und alle werden dafür bezahlt, entweder mit Geld oder mit Liebe, Achtung, Ruhm.

11. Februar 2010

Der Unterschied zwischen den sinnlichen Genüssen und denen, welche die Tugend bereitet, ist, daß wir bei ersteren eine Sättigung erfahren und bei Unersättlichkeit uns Übelkeit und Krankheit zuziehen, hingegen von den Genüssen der Tugend, welche nicht anders als Lob, Ansehen und Ruhm heißen, weder jemals satt werden noch uns übersättigen. Allenfalls, wenn wir uns zu offensichtlich darin suhlen, durch offen getragene Eitelkeit und Ruhmsucht, verscherzen wir uns diese Begünstigungen und ernten stattdessen Verachtung und Hohn.

Wohl dem aber, der sein Sach nicht auf die Gegenwart gebaut, sondern sich mit der Vorstellung eines postumen Ruhmes zufriedengibt.

10. Februar 2010

Diese Stärkeren des Kallikles, die ein Naturrecht haben sollen, den Schwächeren und Unedleren das Ihrige zu rauben, diese Stärkeren sind eben nicht stärker, sobald sich jene Unedlen zusammenschließen und in ihrer Masse dann ihrerseits stärker werden. Allein das ist nämlich Naturrecht, daß die Stärkeren stärker sind, gleichviel ob es einzelne Wenige, mit besonderer Kraft Ausgestattete sind, oder viele, von denen der Einzelne zwar schwach, sie alle zusammen aber stark. Letztlich gewinnt wer gewinnt — aber jede Partei wird die Moral für ihren Kampf und ihre Interessen in Anspruch nehmen und zwar so zurechtgelegt, daß die eigenen Mitglieder davon angefeuert werden und eine höhere Rechtfertigung ihres Tuns erhalten.

9. Februar 2010

Würde sich die Menschheit ändern, die jetzige Jugend ein anderes Leben durchleben als ich es getan, würde sie aus unseren Fehlern lernen, unsere Belehrungen annehmen, die schlechten unnötigen Dinge meiden und sich überhaupt anders verhalten, so wäre ja meine eigene Erfahrung, und was ich davon festgehalten, obsolet und ganz und gar für die Katz.

8. Februar 2010

Die Kontrahenten des Sokrates sagen: Wer nur stark genug ist, kann sich alles erlauben und findet darin sein Glück; und dann folgen jedesmal lange Ausführungen des Sokrates, warum ein noch so Mächtiger nicht glücklich werden könne, wenn er nicht dem Weg des Guten, der Tugend und der Weisheit folge.

Hat sich aber Platon — und die vielen, die ihm, oder den Kontrahenten, gefolgt — in dieser Frage überhaupt mit einem wirklichen Problem befaßt oder nicht bloß mit einer philosophisch konstruierten Chimäre? Es handelt sich wohlgemerkt nicht um die Frage, ob man Tyrannen dulden oder stürzen soll, sondern ob sie glücklich seien, ob es erstrebenswert sei, einer zu sein. Wenn es aber solche Tyrannen, die so stark sind, daß sie sich alles erlauben können, niemals gegeben hätte und auch nicht geben könnte, so wäre das Problem, auch ohne breite Ausführung, doch ein für allemale gelöst.

Zwar gab es Tyrannen, die vielen Leuten Ärger machten, aber auch sie konnten nicht tun was sie wollten, sondern wollten und mußten denen gefallen, die gehorchen sollten — oder mußten sie zwingen; dazu aber mußten sie den Antreibern und Wächtern gefallen, damit diese den Zwang für sie ausübten. Wenn ein Tyrann dennoch zu willkürlich, zu unberechenbar vorging und der Allgemeinheit großen Schaden anrichtete, so fand sich immer bald eine Gegenpartei, die ihn zum Teufel jagte. Denn die Gegenpartei konnte dann leicht viele Unzufriedene für sich gewinnen — und war also stärker.

Deswegen wird sich letztlich immer nur der halten können, der eine genügende Anzahl hinter sich schart, und dieser muß er gefallen, muß ihr genügend Anteil lassen an den Gütern, muß ihr schmeicheln und zu Diensten sein, kann sich nichts ihr Nachteiliges erlauben — und die Übrigen, denen er nicht gefällt, hat er ständig zu fürchten, denn wenn er sie im Elend läßt oder ungerecht behandelt, wird dies sofort zum Aushängeschild einer gegnerischen Partei, die versucht, ihn aus dem Sattel zu heben.

Insofern hätte Sokrates recht: Der Starke, der sich alles erlauben kann, ist nicht glücklich — aber nur, weil es ihn überhaupt nicht gibt und niemals geben wird.

6. Februar 2010

Was Platon meint mit: Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden, läßt sich mit unseren Betrachtungen leicht nachvollziehen: Unrecht tun macht verhaßt, bringt uns um alle Achtung und Liebe, und dieser Nachteil bedrückt gemeinhin mehr als die Dinge beglücken, die wir uns mit dem Unrechttun verschaffen können.

Selbst die Macht, die wir mit unrechter Gewalt erlangen, bringt nur bedingten Genuß, denn sie beruht auf der Angst des Unterdrückten und beschert uns demnach mehr Wut und Haß als Anerkennung und Liebe. Es ist nicht Achtung sondern Furcht, was den Gewalttätigen oben hält.

Wer hingegen Unrecht leidet, hat zwar konkreten Schaden, wird seines Hab und Guts beraubt oder gar seines Lebens, aber sein Ruf und Ansehen bleibt unbeschädigt, ja steigt gar bis zur Verehrung des Märtyrers.

Freilich ist nicht jeder geneigt, seiner Eitelkeit so vieles zu opfern, denn Brot und körperliche Unversehrtheit haben schließlich ihren Reiz; doch in dem Maße einer gut sein will, d.h. gelten will, in dem Maße werden ihm die ideellen Güter mehr bedeuten, als die materiellen, und er wird also lieber Unrecht leiden als Unrecht tun.

Wer eine Strafe verbüßt, wer überhaupt gelitten hat, hat sich damit einen erheblichen Vorteil eingehandelt. Stand er in anderer Schuld, so ist diese bezahlt, ward er beneidet wegen der Privilegien, die er sich ergaunert, so ist der Neid verflogen und womöglich einer warmen Anteilnahme des Mitleids gewichen. Es folgt die Anerkennung der Tapferkeit, mit welcher er seine Leiden durchgestanden, daraus Achtung und womöglich Liebe. Deswegen meint Plato, daß gerechte Strafe leiden schön sei und selbst ungerechte Strafe leiden schöner, als zu unrecht nicht bestraft werden.

Aber gerecht und ungerecht, schön und häßlich sind Kategorien des Gefallens und also nicht absolut; sie hängen an der jeweiligen Kultur, an der Epoche, am Landstrich und nicht zuletzt an Stimmung und Laune.

4. Februar 2010

Gerechtigkeit heißt, die Interessenkonflikte unter den Menschen auf eine höhere abstrakte Ebene zu bringen — das Gesetz oder Gottes Wille — und damit denen, die sich sonst benachteiligt fühlen, die Kränkung dieser Benachteiligung zu mildern. Es heißt aber nicht, daß der Schwächere sich damit besser behaupten würde, denn der Stärkere wird sich die Gesetze so zunutze machen, daß er wiederum seinen Willen durchsetzt: Vorher mit Gewalt, jetzt mit Paragraphen und Bibelzitaten. Der Schwächere setzt sich erst durch, wenn er sich mit Seinesgleichen zusammenrottet — und also zum Stärkeren wird.

3. Februar 2010

Unsere hauptsächliche Sorge ist, wie wir bei andern dastehen — und zwar selbst bei denen, die nur in unserem Kopfe herumschwirren, denen wir vielleicht nie begegnen werden, von denen wir, jedenfalls real, weder etwas zu erhoffen noch zu befürchten haben. Der beste Beweis sind unsere Testamente, über die wir niemals im Leben Rechenschaft abzulegen brauchen, und doch kann sich einer viele Jahre mit dem seinen plagen.

Aber selbst noch die, die kein Testament machen, tun dies, weil sie — als Tote — in nichts hineingeraten wollen, weil sie hoffen, daß mit der gesetzlichen Regelung die Angelegenheit durch eine höhere Macht entschieden, ihr Ansehen am unbescholtensten fortdauern werde, und fürchten, daß wenn sie eigene Verfügungen träfen — was ja nur zu des einen Nachteil und eines andern Vorteil gereichen könnte — sie sich den Haß des ersteren zuzögen.

31. Januar 2010

La Rochefoucauld: On s’ennuie presque toujours avec les gens avec qui il n’est pas permis de s’ennuyer.

Das ist, weil man ihnen von Stand oder Rang unterlegen ist und also nicht leicht vor ihnen glänzen kann. Wo wir aber nicht glänzen können oder dürfen, ist uns notwendig langweilig.

30. Januar 2010

„Moralisch schlecht“ bedeutet letztendlich: Es siegt der Freiheitsdrang über die Eitelkeit (den Wunsch zu gefallen).

Herrschsucht und Tyrannei sind insoweit moralisch schlecht, wie sie vom Freiheitsdrang geleitet werden: Der Herrschsüchtige will sich von jeder Verpflichtung, andern zu gefallen, befreien, will in keines Schuld stehen, will erzwingen statt vom Einverständnis anderer abzuhängen.

Allerdings strebt auch der Tyrann nach Größe, Geltung, Anerkennung, womöglich Liebe. Er ordnet dann den Freiheitsdrang unter seine Eitelkeit, muß andern gefällig sein, Wünsche erfüllen, dienen — und also die Freiheit opfern.

29. Januar 2010

Wenn Menschen aneinander Anteil nehmen, sich achten, sich lieben, das rührt uns. Unvergleichlich ist diese Rührung aber, wenn sich dieselben zuvor gestritten, mißachtet, womöglich gehaßt haben. Diese Konstellation läßt unvermeidlich Tränen fließen und wird von Dramatikern tausendfach und seit allen Zeiten eingesetzt, und faßt jeder Film nutzt diesen Effekt: Da streiten sich Eheleute oder vergiften sich Eltern und Kinder das Leben oder Kollegen den Kollegen oder Vorgesetzte ihren Untergebenen, und dann am Ende kommt die Versöhnung; bei der leichteren Kost durch einen Scherz, bei der tragischen durch das Bekenntnis einer Schuld und der Reue, für die es real vielleicht bereits zu spät — was die Wirkung des Effektes noch erhöht: wenn Othello seine Reue zeigt, Horatio gegen Hamlet, König Lear sich mit der verstoßenen Tochter Cordelia nach vielen Leiden und Einsicht seines Unrechts aussöhnt.

28. Januar 2010

Viele haben versucht, die Moral ihres märchenhaften oder göttlichen Gewandes zu entkleiden, sie auf Nützlichkeit oder gar auf bloßen Egoismus zurückzuführen. Die Begründungen schöpften sie hauptsächlich aus der Vielheit und oft Gegensätzlichkeit moralischer Werte in unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Manche gingen so weit, die Moral als ein bloßes Produkt der Ängstlichkeit der Schwachen herabzusetzen, die aber den Starken nichts angingen, da er andere Mittel zu größerem eigenen Vorteile fände. Derartige Positionen finden wir bereits bei den Kontrahenten des Sokrates in Platonischen Dialogen. Diese Kallikles, Thrasymachos etc. tragen vor, daß der Starke sich nicht um Recht und Gesetz zu kümmern brauche und über die Meinung der Menge hinwegsetzen könne, um seinen Vorteil zu erlangen. Der weiteren Beispiele sind unzählige, die sich durch die ganzen Literaturepochen ziehen bis zu de Sade und Nietzsche und einem Raskolnikow, den Dostojewski aber scheitern läßt.

Meine Position ist, daß zwar grundsätzlich und in der Theorie nicht falsch ist, daß der Starke sich um Moral nicht zu kümmern bräuchte, die Sache aber den Hacken hat, daß es einen solchen Starken nicht gibt. Denn zum einen sind selbst Tyrannen sehr abhängig von ihren Gehilfen und letztlich vom ganzen Volk, das ja die Arbeit verrichten muß, um die Projekte des Tyrannen zu realisieren, das gehorchen muß, um ihn in den Genuß der Macht zu bringen; zum andern aber, weil sich das Wohlergehen des Menschen nicht allein aus materiellen oder als gegenständlich zu beschreibenden Vorteilen herleitet, sondern auch, und zum größeren Teil, aus der Anerkennung und Billigung, die er bei seinen Mitmenschen findet. Es gibt den Tyrannen nicht, der auf keines Menschen Meinung wert legte. Er will sich wenigstens einbilden, daß viele ihn achten, seine Größe und Fähigkeit bewundern — was aber voraussetzt, daß er Dinge tut, die ihnen gefallen, zu ihrem Vorteile sind. Es kann also keinen Menschen, nicht einmal einen Tyrannen geben, der nur an seinem eigenen materiellen, dinglichen Vorteile glücklich würde, denn er müßte dann gleichgültig darüber sein, daß alle übrigen ihn hassten, was aber, wie gesagt nicht möglich ist, denn das Hauptinteresse des Menschen ist die Anerkennung durch andere.

Um dieser Anerkennung Willen muß er Gutes tun, d.h. er muß andern in materiellen, greifbaren Dingen nützlich sein und zwar ohne Gegenleistung durch ebensolche Dinge — denn das wäre ja nur ein gewöhnlicher Handel. Er verzichtet vielmehr auf diesen Ausgleich und bringt also Opfer — allerdings nur, um dafür in anderer Münze recompensiert zu werden, nämlich der Anerkennung. Dies ist das eigentliche Geheimnis des Moralischen, und dem kann sich keiner dauerhaft entziehen. Zwar mag einer, in einem Anfall von Gier, sich ohne Rücksicht für sein Ansehen auf einen dinglichen Genuß und Vorteil stürzen und also den reinsten Egoismus praktizieren, aber auf die Dauer wird er nicht davon satt werden, weil er dabei die Achtung und Anerkennung der andern verspielt.

27. Januar 2010

Auch in der Moral entscheidet der Erfolg. Dies steht in sicherer Beziehung zum Tugendbegriff der Alten, welche viel mehr darunter faßten als bloße Nächstenliebe. Auch finden wir es bei Hume in seiner Schrift: Über gewisse Wortstreitigkeiten.

Vermutlich, wenn man lange genug das Moralische, das Bewegende, Rührende menschlicher (z.T. auch tierischer) Handlungen betrachtet und versucht, auf ihren Grund zu kommen, so findet man schließlich, daß alles dazu gehört, was andern irgendwelchen Nutzen bringt. Das „anderen Dienen und Nützen“ ist der springende Punkt. Wieviel Selbstlosigkeit und Opfer dahintersteht wird am Ende unbedeutend, es ist eine christliche Färbung und Forderung, die aber weder in anderen Kulturkreisen, etwa im Altertum, noch in unserer Lebenswirklichkeit zählt.

Einer der viel geleistet und viel für andere erreicht hat, hat sich damit Ansehen erworben und rührt die Gemüter, die seiner Taten gedenken. Wie weit er dabei selbst auf seine Kosten gekommen, reich geworden, Ehre genossen, spielt letztlich keine Rolle mehr. Nicht einmal ob er es aus wahrer Nächstenliebe getan – die Seele voller Mitleid mit den Bedürftigen – geht am Ende in die Rechnung ein. Was zählt ist, was er geleistet.

Selbst die gute Absicht, so oft als das eigentlich Moralische hervorgekehrt, wenn sie ohne Erfolg geblieben, kann kaum mehr als eine Entschuldigung des Versagens sein aber nicht zur Anerkennung moralischer Verdienste führen. Sie wird allenfalls unser Mitleid rühren: „Der Arme, er hat doch alles versucht, hat sich geopfert und ist doch gescheitert.“ Aber selbst hier wird noch gemessen an dem, was er vorübergehend zustande gebracht, was sein Potential gewesen, was bloß durch die widrigen Umstände vereitelt worden. Einer, der nie etwas zustande gebracht und bloß guten Willen und Opferbereitschaft gezeigt, sich vielleicht tatsächlich geopfert aber keinen Nutzen gestiftet, quasi seine stets nutzlosen Dienste aufgedrungen hat, der wird verachtet als ein lästiges Insekt, und unserer Mitleid mit ihm ist von entschiedenem Ekel durchsetzt.

An all dem haben im Grunde christliche Werte und Maximen nichts geändert. Man führt sie im Munde, aber eigentlich nur, um andere im eigenen Sinne abzurichten. Sie sollen aus Nächstenliebe handeln statt um ihres Gewinnes oder ihres Ruhmes Willen, sie sollen ihre Linke nicht wissen lassen, wenn die Rechte ein Almosen gibt und sollen nur auf Gottes Lohn in der anderen Welt vertrauen. Dahinter steckt die Berechnung, daß einer, der nur anderer Wohl im Sinne trägt und nicht zugleich sein eigenes, auch seine Kräfte ungeteilt dahin verwendet, während der andere noch für sich selbst abzweigt. Man lobt deswegen die Selbstlosigkeit und hält das Opfer hoch. Nichtsdestoweniger zählt am Ende der Erfolg, d.h. wieviel Vorteil für die andern tatsächlich herausgekommen. Was dabei für den Handelnden selbst abgefallen ist, und ob er sich tatsächlich geopfert hat, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Man sagt: Aber der Märtyrer, er ist doch gut vor allem wegen seines Opfers und wird verehrt, auch wenn sein Opfer keinen Nutzen gebracht! Er hatte aber sehr wohl seinen Anhängern und Gemeinden Nutzen gebracht und bis zum letzten Zuge für sie gestritten, den Glanz der Tapferkeit und Willensstärke über sie gebreitet, in dem sie sich nun rühmen: „Seht, ein solcher war einer der Unsrigen!“ und in diesem Spannungsfeld zwischen seiner Leistung und seinem Leiden steigt er zur Größe auf. Hätte er nichts geleistet und eben nur so, im Rahmen einer Christenverfolgung, den Tod gefunden, so hätte er kaum mehr Mitleid erfahren als andere, die in großen Haufen gestorben, und erst recht würde er keine Verehrung genießen.

Andererseits rührt am meisten, wenn Menschen an anderen Menschen Anteil nehmen — vor allem zuzusehen, wie einer geehrt wird. Das rührt unmittelbar zu Tränen: am Grabe bei der Leichenrede, sei es wenn über andere gut gesprochen wird, sei es bei Ehrungen und Preisverleihungen und den entsprechenden Lobreden.

Die gute Tat wird nach ihrer Nützlichkeit bemessen, aber das Rührende am ganzen Moral- und Verdienstwesen ist der Vorgang, wenn andere solche Verdienste honorieren, Achtung, Verehrung, Liebe bezeugen. Die Verdienste selbst rühren uns bei weitem weniger als anzusehen, wie sie bei andern Liebe und Achtung ernten; da fließen die Tränen und wird das Herz erwärmt.

26. Januar 2010

Aus Goethes Übersetzung des Neffen Rameaus: Ich aber lerne daraus alles, was man tun soll, und alles, was man nicht sagen soll. Also, wenn ich den »Geizigen« lese, so sage ich mir, sei geizig, wenn du willst, nimm dich aber in acht, wie ein Geiziger zu reden. Lese ich den »Tartuffe«, so sage ich mir, sei ein Heuchler, wenn du willst, aber sprich nicht wie ein Heuchler. Behalte die Laster, die dir nützlich sind, aber bewahre dich vor dem Ton, vor den Äußerungen, die dich lächerlich machen würden. Und dich vor diesem Ton, diesen Äußerungen zu bewahren, mußt du sie kennen. Nun haben sie dir diese Autoren vortrefflich geschildert. Ich bleibe, was ich bin, aber ich handle und rede, wie sich’s geziemt. Ich bin nicht von denen, die den Moralisten verachten. Es ist viel zu lernen, besonders bei denen, die die Moral in Handlung gesetzt haben. Das Laster beleidigt die Menschen nur von Zeit zu Zeit, die lasterhaften Charaktere beleidigen sie von morgens bis abends. Vielleicht wäre es besser, insolent zu sein, als so auszusehn. Ein insolenter Charakter verletzt nur manchmal, ein insolentes Ansehn verletzt immer. Übrigens bildet Euch nicht ein, daß ich der einzige Leser meiner Art sei. Ich habe hier kein andres Verdienst, als systematisch, durch richtigen Blick, eine vernünftige und wahre Ansicht das geleistet zu haben, was andre aus Instinkt tun.

22. Januar 2010

Der Mensch sorgt sich um sein Ansehen in den irrwitzigsten Fällen und Gelegenheiten. Er fürchtet sich, einen zu kränken, weil dieser ihm dann feindlich gesonnen wäre, auch wenn er nicht damit zu rechnen hat, den Menschen jemals wieder zu sehen. Es sorgt ihn, wie die Nachwelt von ihm denken wird, auch wenn er dann nichts mehr von ihr zu leiden braucht. Und selbst die Meinung derer, die er gar nicht kennt und, im Falle des Nachruhms, niemals kennen wird, kann ihm die Hauptmasse seiner Lebenskräfte binden. Und so verkehrt sich dies anhört und so wunderlich sich Beispiele vernehmen, wenn sie in dieser Deutlichkeit beleuchtet werden, so natürlich scheint es mir, wenn ich andererseits sehe wie mein Hund beim Spaziergang an allen Ecken seine Marken setzt, obschon er keinen der andern Hunde kennt, die er damit zu beeindrucken sucht. Es ist des Hundes Instinkt, ein Revier abzustecken, auch wenn er die Gegend noch nie gesehen hat und niemals wieder betreten wird — und er denkt über sein Tun vermutlich so wenig nach als gewöhnlicherweise der Mensch.

21. Januar 2010

Wohlgemerkt, ich rate nicht zur Immoralität! Auch wenn ich zweifle, daß die Moral ihre Wurzeln aus höheren Prinzipien herleitet. Ich meine, sie leitet sich aus der bloßen wechselseitigen Abhängigkeit der Menschen untereinander her, aber ich warne jeden, der vermeint, er gerade sei nicht vom Urteil anderer abhängig oder könne sich darüber hinwegsetzen und also tun und lassen was er wolle. Er wird vermutlich übel enden, denn diese Abhängigkeit ist unüberwindlich.

20. Januar 2010

Habt acht auf eure Almosen,…

Habt acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.

Der Sinn dieser Ermahnung ist, aus menschlicher Sicht, leicht zu fassen: Wer mit seinen „Guten Taten“ zwar andern nützt aber auch gleich den Ruhm und die Dankbarkeit einfordert, verdrießt letztlich mehr als er Vorteil bringt. Dank und Lob geben sie nur freiwillig gerne — denn sie wollen sich dieselben ja wiederum als Tugend, als Großzügigkeit angerechnet sehen, was nicht geschehen könnte, wenn damit nur eine Schuld bezahlt würde.

Deswegen, um sich nicht unbeliebt zu machen, soll man nicht mit seinen guten Taten prahlen, sie nicht gegen andere herauskehren oder bei Gegenforderungen in Anschlag bringen. Es ist vielmehr weise, sich bescheiden zurückzuhalten, als habe man gar nicht bemerkt wie man Gutes getan, denn dieses macht uns beliebt, das andere verhaßt, dieses spricht den Andern jeder Verpflichtung frei, und gerne wird er uns dafür achten und loben; das andere lädt im sein Schuldenkonto auf, denn es heißt: „Ich habe Dir Gutes getan, was gibst Du mir dafür?“ Das wird ihn nicht gut gegen uns einstimmen, und also ist ratsamer, den geleisteten Dienst unter den Teppich zu kehren und zu tun als sei er nicht der Rede Wert und habe man ohne jede Absicht und fast ohne Wissen gut gehandelt — eben aus reiner Liebe und Selbstlosigkeit.

Weil der Mensch aber doch nichts umsonst geben und seine „Gute Tat“ nicht ungesehen tun will, so muß er sich zuweilen, wenn sie gar nicht von selbst ans Licht kommen will, trösten in seiner Phantasie, wo er sich die Enthüllung und die Lobenden vorstellt, oder in dem Glauben, daß sie einstweilen von Gott gesehen und von ihm ein späterer Lohn garantiert sei.

18. Januar 2010

„So unleugbar und von allen Völkern, Zeiten und Glaubenslehren, auch von allen Philosophen (mit Ausnahme der eigentlichen Materialisten) anerkannt, die metaphysische d.h. über dieses erscheinende Dasein hinaus sich erstreckende und die Ewigkeit berührende ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns ist; so wenig ist es dieser wesentlich, in der Form des Gebietens und Gehorchens, des Gesetzes und der Pflicht aufgefaßt zu werden.“

Diese Behauptung Schopenhauers würde ich umkehren: Die ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns ist keineswegs mehr metaphysischen Ursprungs als alles übrige Existierende, aber vollkommen wesentlich ist ihr, daß sie in der Form des Gebietens und Gehorchens auftritt und aufzufassen ist. Denn Gebieten und Gehorchen und die Machtfrage überhaupt ist unmittelbarer Ursprung und alle Basis der Moral. Darüber hinaus mag sie dann, wie alles Übrige, auch metaphysisch hergeleitet werden.

16. Januar 2010

Schopenhauer hält List und Lüge für erlaubt, wenn sie eine Art Notwehr gegen angreifende Neugier darstellen, die zu befriedigen uns in Gefahr brächte. Ansonsten aber hält er die Lüge unbedingt für verwerflich, bzw. werde sie allgemein als eine Abscheulichkeit angesehen.

Ich glaube nicht, daß dies etwa für Kriegslisten u. ä. zutrifft, selbst wenn sich ihrer der Angreifer und nicht bloß der Verteidiger bedient. In jedem Fall wird er gefeiert, weil er der eigenen Partei Erfolg und der andern Schaden bringt und es also, wie bei jeder Tat, letztlich darauf ankommt, Anhänger zu finden, entweder realiter oder in der Phantasie, denn daß andere zustimmen und beistehen — und zwar diejenigen, auf deren Beifall wir Wert legen — das macht die Moral.

15. Januar 2010

Wie langweilig wäre der Verkehr mit Menschen, wenn sie nicht unermüdlich versuchten zu glänzen, einander zu beeindrucken, gefällig zu sein, sich schön zu machen, geistreich, witzig zu reden usf. Natürlich entspringt dies alles ihrem Eigennutz, ihrer Eitelkeit, ihrem Hunger nach Geltung und Einfluß, und wenn es zu plump daherkommt, ist es äußerst peinlich, oft lästig — aber anderseits treibt es sie an, alles aufzubieten, was in ihnen steckt und oftmals Qualitäten, die wir nie vermutet hätten. Außerdem beweist es auch gegenseitige Achtung, denn wer sich aufpoliert, um den andern zu beeindrucken, zeigt, daß ihm des andern Urteil dieser Mühe wert ist, mithin daß er ihm einiges bedeutet. So ist dieses ewige Wechselspiel des sich voreinander Produzierens letztlich ein Gewinn für alle, und wir täten gut daran, unseren Tadel und zeitweiligen Ekel zu bezwingen.

7. Januar 2010

Der Mensch ist zwar ein grenzenloser Egoist, aber weil er sein begehrtestes Gut, die Anerkennung der Andern, nur durch Dienst an denselben und durch eigene Opfer erreicht, wird er unverhofft zum Altruisten.

6. Januar 2010

Des Menschen Streben geht in zwei entgegengesetzte Richtungen: Die eine ist, er will gefallen, die andere, er will frei sein und sich selbst bestimmen. Zum Gefallen muß er anderen dienen, nicht widersprechen, nach ihren Werten leben, sich ihren Launen fügen, mehr geben als nehmen. Sein Freiheitsdrang aber will dieses Joch abschütteln, will nicht mehr auf die Leute hören, nicht mehr zittern vor den Vorwürfen und Verwünschungen seines Weibes. Doch macht er sich dadurch notwendig unbeliebt, denn er beschneidet die Macht der anderen, die nun weniger über ihn können. Indem er auf ihr Lob, ihre Liebe und Achtung verzichtet, entwertet er die Münze, mit der sie ihn bisher dienstbar hielten. Er diente, sie lobten. Wenn er nun dieses Verhältnis kündigt, so sparen sie zwar ihr Lob, aber sie werden auch nicht mehr bedient, können nicht mehr bestimmen, verlieren ihre Macht. Das werden sie nicht mit Wohlwollen und guter Laune begleichen.

Weil dieser Vorgang des Loslösens neben dem Gewinn an Freiheit auch den Verlust an Liebe und Achtung mit sich bringt — die dem Menschen ebenso wichtig oder wichtiger sind — wird sich die Loslösung immer nur partiell oder versuchsweise vollziehen, bald wird er freiwillig wieder zur Dienstbarkeit zurückkehren, um wieder in den Genuß ihrer Achtung zu kommen. Es ist dies wie in jedem Dienstverhältnis: Um des Brotes Willen erträgt der Abhängige so manche Tyrannei, doch einmal wird es ihm zu bunt, er läuft davon und versucht sich eine Zeit lang aus eigenen Mitteln durchzuschlagen. Irgendwann aber sucht er wieder einen neuen Lohnherrn.

5. Januar 2010

Höflichkeit, Fürsorge und Mitgefühl sind schöne Tugenden, die aber zu neun Zehntel nicht aus wirklicher Anteilnahme am andern, sondern aus der Angst ihn zu vergrämen, sich den Ruf des Gefühlskalten und also Feindschaft zuzuziehen, entstehen.

Selbst die Sorge um Gedeihen und Fortkommen der eigenen Kinder beruht vielfach bloß auf der Sorge, wie wir vor andern dastehen, denn als Träger unseres Erbgutes gelten sie für Repräsentanten unserer selbst, und all ihre Tugenden und Laster, meinen wir, fielen auf uns selbst zurück. Von wenigen Anwehungen echten Mitgefühls abgesehen, ist uns das tatsächliche Befinden unserer Kinder ziemlich gleichgültig. Wir wollen, daß es ihnen gut gehe, weil wir dann als gute Eltern dastehen, erfolgreich sollen sie sein, daß wir in ihrem Erfolge mitglänzen — und daß wir nicht fürchten brauchen, sie könnten auf unserer Tasche liegen bleiben. Keinesfalls sollen sie sich umbringen, denn das würde auf ein schwächliches Erbgut und Vernachlässigung unserer Erziehungs- und Fürsorgepflichten deuten.

4. Januar 2010

Daß Jesus von den Juden nicht geliebt und schließlich gekreuzigt wurde, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Wenn sich einer bis zu diesem Grade für etwas Besseres ausgibt, nämlich für den direkten Sohn Gottes, dazu bestimmt, an seiner Seite zu sitzen und das Universum zu regieren, dann ist das schon für gewöhnliche Menschen kränkend, aber wenn er sie dann noch unablässig anklagt, ihre Fehler — oder was er dafür ausgibt — zu Sünden mystifiziert und behauptet, sie könnten nur davon erlöst und ins Himmelreich gelangen, wenn sie ihm nachfolgten, ihn als Gott verehrten, dann muß das in Wut und Haß umschlagen.

Schon wenn uns Esoteriker und Sektenanhänger belehren wollen, daß sie auf dem einzig rechten Wege wandelten und durch ihre Lehre ihrer Sorgen ledig geworden seien und uns überreden wollen, dasselbe zu tun, machen sie sich lästig und verhaßt, weil sie sich immerfort als etwas Besseres darstellen und uns herabstufen als welche, die noch nichteinmal aufgebrochen und also von diesem Besseren keine Ahnung hätten.

Auch wenn Gläubige bei jeder Gelegenheit hervorkehren, wie sie unter dem Schutz ihres Gottes stünden, unbekümmert durchs Leben gingen, seitdem sie ihren Glauben angenommen, und dann noch behaupten, die Ungläubigen müßten leider am Paradiese draußen bleiben, während sie ein ewiges Glück genössen, dann fängt es in der Brust des Ungläubigen allmählich an zu brodeln, denn er muß sich ja vorkommen, als sei er von diesen Erwählten und Erleuchteten geradewegs zu einem Nichts herabgestuft.

Würde er ihnen auch, um es nicht mit ihnen zu verderben, ihren Glauben lassen wollen, so könnte sein Ehrgefühl doch kein ruhiges Zusammenleben zulassen, er muß sie hassen und auf irgend eine Rache sinnen. Meist werden, in unseren Tagen, daher die Gläubigen als naive Träumer, Hinterwäldler, Zurückgebliebene verspottet; man läßt ihnen ihren Glauben wie man den Dummen ihre Dummheit läßt.

Solange sie ihren Glauben nur in ihren Gemeinden praktizieren, in ihren Gebetshäusern und Kirchen die Zeremonien feiern, fällt es auch nicht schwer, sie zu dulden. Sobald man aber in Diskussionen gerät und sich ihrer Missionierung aussetzt, bleiben nur zwei Wege: entweder man schließt sich ihnen an und wird also selbst ein Auserwählter, der auf den Rest der Welt herabsieht, oder man wird sie hassen als Anmaßende, Hochmütige, weil man sich durch ihre Anmaßung und ihren Hochmut beleidigt sieht.

3. Januar 2010

Ich bin durchaus ein Freund der Metaphysik, halte Gott und geistige Urgründe der Welt für erbauliche Vorstellungen, mag lieber glauben, daß ein allweiser und gütiger Schöpfer hinter den Dingen steckt — und nicht bloße tote Materie, allein belebt durch das Wirkensprinzip des blöden Zufalls.

Dies gilt jedenfalls solange es sich dabei um den Ursprung der Welt, die Vernünftigkeit und Sinnerfüllung unseres Daseins handelt.

Aber in der Moral, wo Kant und Schopenhauer versichern, daß die Metaphysik zur letzten Erklärung und Begründung unerläßlich sei, da eben scheint mir keine Notwendigkeit dazu. Das Moralische kommt mir überall als eine gar weltliche Angelegenheit daher, und wenn es mit Gott und Metaphysik begründet wird, scheinen mir auch dabei meist weltliche Interessen hervorzulugen.

Wohl ist auch das Moralische, wie alles Übrige, ein Werk des Allmächtigen, ist eine Naturkraft wie Magnetismus und Gravitation — doch eben deshalb der Gottheit nicht wichtiger oder einzigartiger als andere Wirkungen in der unendlichen Natur. Dies ist es nur für den Menschen, weil er daraus seine stärkste Waffe im Kampf um Geltung und Ansehen schmiedet, die schlimmsten Verwundungen durch Streiche seiner Konkurrenten einsteckt.

Für die Götter ist Moral nichts Anderes als Wettkampf, Krieg, Harmonie und Liebe, eben, ganz allgemein, Abstoßung und Anziehung als treibende Kraft eines bunten, von ihnen selbst inszenierten Spieles.

28. Dezember 2009

Der Mensch ist im wesentlichen getrieben und bestimmt von zwei sich ewig widerstreitenden Polen. Der eine ist der soziale des Gefallenwollens und Geltens, der andere der des Egos, des Freiheitsdranges und der Selbstbestimmung. Jeder dieser beiden Pole wiederum hat seine schöne, gute, große Seite und seine häßliche, kleine, verdrießliche.

25. Dezember 2009

Schmeichelei ist widerwärtig aus mehreren Gründen: Dem, dem geschmeichelt wird, weil er sich mißbraucht fühlt, indem einer, nur mit schönen Worten und liebem Lächeln, ihm etwas abhandeln will, was gemeiniglich höhere Gegenleistung verlangte. Er fühlt sich also ausgenutzt und insofern erniedrigt, weil der andere ihn für eine so leichte Beute hält. Auch sieht er sich genötigt, denn mit der erwiesenen Freundlichkeit hat ihn der Schmeichler gewissermaßen in Schuld gesetzt, und er riskiert als Ungerechter dazustehen, falls er die angetragene Bitte oder die erhoffte Beachtung ausschlägt.

Für den Zuschauer ist Schmeichelei deswegen widerwärtig, weil er neidisch ist, daß einer so leicht etwas erhalten soll, wofür er selbst viel teurer bezahlen müßte.

Für den Schmeichler schließlich ist es zwar einerseits demütigend, den andern mit Worten und Mienen dermaßen zu erhöhen — und damit sich selbst zu erniedrigen, vor ihm zu kriechen — andererseits ist es aber auch ein Triumph, ihn mit so geringen Mitteln zur Herausgabe seiner Güter zu bewegen.

24. Dezember 2009

Es gibt kein größeres Glück als andern zu gefallen, sich wohl aufgenommen, geachtet, geliebt zu sehen. Wir haben an uns selbst zu wenig, und was einer ist und was einer hat, die, nach Schopenhauer, beständigeren Güter, weil weniger von den Launen der andern abhängend, auch diese Güter gründen ebenso in unserem Ansehen oder unserer Vorstellung davon, nur daß sie einen längeren Atem haben und nicht so sehr an der Laune des erstbesten Hergelaufenen hängen. Allerdings rührt unser Befinden und Glück ja in erster Linie aus unserer eigenen Laune, und diese erst gebiert die Vorstellungen, wie wir bei den andern dastehen.

Jedenfalls kann das Ziel der Lebensweisheit nicht sein, feste, in uns selbst stehende, von andern unabhängige Werte zu finden — denn solche gibt es nicht — sondern vielmehr die angestrebten Werte und die Art der damit erstrebten Anerkennung so zu wählen, daß ein beruhigtes und frohes Dasein möglich ist. Das mag dann in vieler Hinsicht dem ähneln, was die Weisen bisher aufgestellt, sollte sich aber von dem Irrtum fernhalten, daß dabei Freiheit zu erlangen sei.

23. Dezember 2009

La Rochefoucauld: Nous pardonnons souvent à ceux qui nous ennuient, mais nous ne pouvons pardonner à ceux que nous ennuyons. Will heißen, daß wenn einer den andern langweilt, der Gelangweilte zwar genervt, der Langweilende jedoch erniedrigt ist: Er biedert sich an, aber seine Ware wird als minderwertig abgetan — das schürt Haß und Rachbegier.

22. Dezember 2009

Zwischen dem eigenständigen Menschen, der, wie Schopenhauer sagt „alles an sich selber hat“ und dem, der ganz von äußeren Dingen, zumal von der Meinung anderer über ihn, abhängt, ist nach meiner Ansicht nur ein gradueller Unterschied und nicht, wie Schopenhauer denkt, ein grundsätzlicher. Denn alle hängen letztendlich in den wichtigen Dingen an der Schätzung der anderen — oder was sie dafür halten — an Ehre, Ansehen, Gunst, Liebe, und der Unterschied besteht allein darin, daß die anscheinend Eigenständigen größere Geduld haben, längerfristig planen, sich nicht an augenblicklichen Erfolg und Beifall klammern.

Extreme Geister, wie etwa Schopenhauer selbst, konnten damit warten bis ins hohe Alter, ja, er hätte bis zum Tode gewartet — und doch hat sich keiner mehr abgemüht, sich bei den andern, seinem Publikum, in ein hervorragendes Licht zu setzen. Sogar, um recht hervorragend und unsterblich dazustehen, hat er sich lieber mit den Zeitgenossen verworfen, ihren Moden und Lächerlichkeiten abgeschworen, dafür auch auf allen instantanen Beifall verzichtet und gänzlich vom vorgestellten Beifall der Nachwelt seine dürstende Seele genährt.

21. Dezember 2009

Ob alles nur auf Anerkennung durch andere hinausläuft, oder ob man zeitweise auch ganz mit sich selbst zufrieden sein kann, oder mit sich und der Natur, darin will ich mich nicht endgültig festlegen. Immerhin erleben wir ja Stunden, in denen wir nicht ausschließlich an unser Verhältnis zu anderen denken — und es sind nicht immer die unglücklichsten: Faszination der Natur, der Kunstwerke, leiblicher Genüsse.

Aber wie dem auch sei, wir werden doch bald wieder zurückgeworfen auf die Frage: Wie sind wir geachtet? ja, auf die Frage: Wie würden uns die anderen sehen, wenn sie uns bei unserm einsamen Genusse zusehn könnten? fänden sie löblich, daß wir die Natur genießen? bewunderten sie, daß wir die Künste lieben, würden sie über unseren ausgebildeten Gaumen staunen oder uns wegen Schlecksucht und Völlerei verachten?

20. Dezember 2009

Der Gipfel wechselseitiger Anerkennung ist die Liebe, weswegen sie so leicht in taumelnde, ekstatische Zustände führt.

18. Dezember 2009

Die Gesundheit,…

Die Gesundheit, meint Schopenhauer, trüge unmittelbar zu unserem Glücke bei, die Schönheit hingegen nur mittelbar: „Der Gesundheit zum Theil verwandt ist die Schönheit. Wenn gleich dieser subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glücke beiträgt, sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; Schönheit ist ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum Voraus für uns gewinnt.“

Kommentar: Ich würde sagen, daß auch die Gesundheit, ganz ähnlich der Schönheit, hauptsächlich mittelbar, nämlich durch den Eindruck auf andere, zu unserem Glücke beiträgt. Sind wir gesund, so glauben wir Kraft und Tüchtigkeit auszustrahlen, sind wir dagegen krank, Schwäche und Hilfsbedürftigkeit. Im ersten Falle glauben wir uns gern gesehen und willkommen, im zweiten lästig und überflüssig. Diese Wirkung, die wir uns vorstellen auf andere zu tun, macht aber den Hauptgrund unseres Glücks und Unglücks.

Die Krankheit allein, samt ihren Behinderungen, wäre oft leicht zu ertragen, wenn nicht das Gefühl der Minderwertigkeit hinzukäme, der vorgestellten Verachtung anderer. Der Schmerz ist freilich unbequem, aber er macht nicht den Hauptteil am Übel der Krankheit — auch läßt er sich zur Not durch Mittel betäuben, gegen Minderwertigkeit und Schmach aber gibt es keine Mittel.

15. Dezember 2009

Schopenhauer hat zwar recht: Und allerdings ist für das Wohlseyn des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseyns, die Hauptsache offenbar das, was in ihm selbst besteht, oder vorgeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen, oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat.

Kommentar: Was aber in ihm vorgeht, ist zum allergrößten Teil von außen bestimmt, nämlich davon, wie er bei seinen Artgenossen geschätzt wird, oder jedenfalls was er sich darüber vorstellt. Er baut sein „inneres Behagen oder Unbehagen“ ganz und gar aus seinen Phantasien bezüglich der Außenwelt und ist insofern von dieser Außenwelt — wie sie ihm erscheint — vollkommen abhängig.

14. Dezember 2009

Diese Untersuchung zur Moral hat letztlich den einzigen und banalen Zweck, zu zeigen, daß diejenigen Unrecht haben, die vorgeben, von der Meinung anderer, der Leute, der Mode unabhängig zu sein. Sie zeigt, daß wir von nichts so sehr abhängen als gerade von diesen. An Gesundheit, Nahrung, am Leben hängen wir weniger als an ihrer Meinung, ja bereits an unserer Vorstellung von ihrer Meinung.

Schließlich, wenn es ein Fehler wäre, von anderer Meinung abzuhängen, wäre unser ganzes Leben ein Fehler und alle unsere Werte nichtig. Es gibt nichts Höheres in der Welt und für uns selbst, als bei ihnen gut dazustehen — mit all der Launen- und Wechselhaftigkeit, die damit verbunden.

Gott und ähnliche Abstraktionen, ebenso die Weisheitslehren, entbinden uns nur teilweise von dieser Launenhaftigkeit, denn auch ihre Gesetze sind, zum einen, von Menschen ersonnen und werden, zum andern, ständig neu und der jeweiligen Lage entsprechend von Menschen ausgelegt. Meist scheinen sie gar nur das Instrument, um die jeweilige Lage zu rechtfertigen, Forderungen Nachdruck zu verleihen, andere durch Anklage zu schwächen, sich selbst ins Recht zu setzen und zu glänzen.

10. Dezember 2009

Würde einer — übrigens nach guter alter Philosophenart — den Tod seiner Nächsten ohne Trauer, vielmehr gleichgültig und als die natürlichste Sache aufnehmen, so würde er Wut und Haß erregen oder zum mindesten als seelisch krank beiseite geschoben. Einen lebenden Angehörigen, zumal Vater, Mutter, Kind nicht zu ehren und zu lieben, gilt schon als bedenklich, bei ihrem Tode aber nicht zu trauern, beleidigt das allgemeine Empfinden — weil jeder sich selbst und seine eigene Existenz dadurch mißachtet findet: „Wenn er nichteinmal um seine Mutter weint, dann sind ihm die Menschen allesamt gleichgültig, so daß, wenn ich dereinst mein unvergleichlich wertvolles Leben aushauche, ihn auch dies nicht berühren wird — dafür hasse ich ihn!“

„Hinzu kommt, daß er sich mit seiner gefühllosen Vernunft geistig und charakterlich über mich stellen will und mich als einen weichlichen Gefühlsdösel verachtet — dafür hasse ich ihn noch mehr!“

8. Dezember 2009

Der Mensch möchte gut dastehen bei anderen. Das Erstaunliche dabei ist, daß er in diesem Ehrgeiz über räumliche und zeitliche Grenzen hinausgeht. Er möchte nicht nur Anwesenden gefallen, ja womöglich diesen gerade nicht, sondern andern, denen er nie in seinem Leben begegnen wird, die schon gestorben sind oder noch nicht geboren oder erst kommen werden nachdem er selbst gegangen ist. Diese Überschreitung von Grenzen heißt aber nicht, daß er einem Absoluten genügen wollte, daß eine absolute Instanz hinter seinem Gewissen stünde — denn gefallen will er trotzdem Menschen.

Wenn einer über sein Leben, über seinen unmittelbaren Kreis hinaus gefallen will, scheint dies zwar zunächst auf ein von menschlichem Geschmacke Unabhängiges, Absolutes hinzudeuten, ist aber schnell entkräftet, weil sich zeigt, daß jeder sein eigenes Absolutes pflegt und es nur mit seiner Sippe, seinem Kulturkreise, eben seinem Publikum teilt. Der arabische Märtyrer sprengt sich in die Luft, weil er zwar über sein Leben hinaus gefallen will — aber keineswegs den Amerikanern, ebenso wenig Paulus dem römischen Kaiser oder Stauffenberg dem Hitler. Sie wollen ihre Gegner beeindrucken, bezwingen, ärgern, im Dienste ihres Absoluten, aber die Gegner haben ein anderes, ein eigenes Absolutes — was letztlich heißt: Jeder hat sein Publikum.

7. Dezember 2009

Der Mensch ist Egoist,…

Der Mensch ist Egoist, gut. Zwar kann er gemeinsame Freuden und Schmerzen haben, aber auch dies ist im Grunde der selbe Egoismus, nur in erweitertem Rahmen. Der Mensch ist durch und durch Egoist, aber dieser Egoismus führt ihn unvermerkt zum Dienst an andern: Weil nämlich sein hauptsächliches Ziel, eine hohe Position in der Gemeinschaft einzunehmen, Liebe und Anerkennung zu gewinnen, nur durch Dienst und Gefälligkeit zu erwerben ist, so besteht seine hauptsächliche Tätigkeit darin, den andern in irgendeiner Weise zu dienen. Er geht darin zuweilen so weit, daß er sein Leben opfert, nur um noch mehr und über den Tod hinaus geachtet zu werden. So münden Egoismus und Altruismus in einem gemeinsamen Strom und lassen sich dann nicht mehr unterscheiden.

Davon abzuheben ist allenfalls noch der krasse, rein stoffliche Egoismus, wenn einer etwa aus Heißhunger alles leer ißt, weil seine Gier in diesem Augenblicke höher steht als der Wunsch nach Achtung. Dieser Fall ist aber eher selten, denn die Furcht, dafür verachtet und gehaßt zu werden, gewinnt in der Regel die Oberhand.

Was sonst noch als egoistisches Verhalten genannt wird, erscheint meistens den einen egoistisch, den anderen nicht, je nach dem, wie gut die jeweiligen Interessen dabei getroffen werden.

6. Dezember 2009

Unser Verhältnis zu den andern ist das wichtigste Element in unserem Leben, von dem Glück und Unglück fast ausschließlich abhängen. Eine Lehre zur Lebensweisheit oder Eudämonie muß daher hauptsächlich die Frage behandeln: Wie werde ich am meisten geliebt und geachtet — bei möglichst geringer Abhängigkeit von anderer Willkür und Laune?

Ein Glücksfall ist der Zustand des Verliebten, dessen eigene Begeisterung mit dem Begeistern des andern — dem unvergleichlichen Genuß, selbst Objekt der Begeisterung zu sein — in eine einzige Empfindung zusammenfließt, eben dem Liebesglück.

An zweiter Stelle kommen Wohltaten und Liebenswürdigkeiten, zu denen wir wie von selbst und unter Lustempfindungen getrieben werden — so leicht verdienen wir uns selten Liebe und Anerkennung.

Nach vielen weiteren Abstufungen kommen an unterster Stelle die bloßen Diener, Ducker und Kriecher. Sie geben ihre Dienstbarkeit nur ungern, denn sie haben nicht viel Zuversicht, sich Liebe und Ansehen dafür einzuhandeln, vielmehr treibt sie die bloße Furcht vor Ausstoß und Verachtung — und eben diese ernten sie.

Ein Badender im Meere gibt seine Kraft mit Freude an das Element, der Schiffbrüchige hingegen ringt aus Angst, er könne untergehen.

5. Dezember 2009

Daß es einen Schöpfer gibt, der in unendlicher Weisheit, Güte und Machtvollkommenheit die Welt erschaffen hat und über ihren Ablauf wacht, scheint mir eine wohltuende und vernünftige Vorstellung. Daß er moralisch sein soll, d.h. manches lobt und manches tadelt, scheint mir eher eine Projektion des Menschen und nicht so recht mit seiner Allmacht zusammenzupassen. Daß aber der Mensch, zumal in schweren Stunden, sich einen Gott ersehnt, der an seinen Nöten Anteil nimmt, auf seine Bitten hört und auf dem moralischen Kampfplatz eine breitere und festere Basis gewährt als die schnell wechselnden Interessen und Launen der Artgenossen, dies ist wiederum sehr verständlich und wird durch keine Philosophie aus der Welt zu bringen sein.

3. Dezember 2009

Der Selbstmord ist ein Akt zur Rückgewinnung von Ansehen, Anteilnahme, Mitleid, Zuneigung, und so können wir davon ausgehen, daß sich dem Verzweifelten, der diese Dinge für verloren glaubte, in seinen letzten Stunden sein Gemüt aufhellt in der Vorstellung, daß nach seiner Tat die andern ihm sehr wohl wieder Aufmerksamkeit schenken und Anteil nehmen werden. Die einen wird Mitleid bewegen, die andern Schuldgefühl, und alle werden sagen: Er war doch ein rechter Kerl und mußte nun ein solches Ende nehmen.

Dies alles geht mehr oder weniger durch das Bewußtsein des Selbstmörders in seinen letzten Stunden. Er ist wieder wer, seine guten Seiten sind hervorgehoben, seine Versäumnisse oder Untaten relativiert, als habe er mit seiner letzten Tat die Schuld beglichen. Ich würde also die Vermutung wagen, daß, wie übel er sich auch befunden haben mag, seine letzten Stunden doch eine Art Erlösung brachten und er also nicht in Verzweiflung sondern mit Genugtuung hingeht. Falls ihn denn wirkliche Verzweiflung niederdrückte, so war es in der Zeit vor dem Entschluß, nicht jedoch vor der Tat.

2. Dezember 2009

Sowenig es bei unserem Reden um die Worte geht, die wir gebrauchen, sondern diese nur stellvertretend für Gedanken und Absichten sind, sowenig geht es in unseren Auseinandersetzungen, Disputen und Kämpfen um die Gegenstände, wegen deren wir uns ereifern. Auch sie sind nur Stellvertreter, dahinter steht der Kampf um Ehre, Geltung, Ansehen, Rang.

1. Dezember 2009

Daß alles aufs Ansehen ankommt, hat mehrere Seiten: Einerseits bewirkt es nützliche, treffliche, große Taten — überhaupt alles Bedeutende unserer Existenz — andererseits entsteht daraus Heuchelei, Lüge, Großsprecherei, Aufgeblasenheit, alle Art von Falschheit und hohlem Schein. Das Verlangen nach Geltung flößt einerseits die Kraft ein, die das Große und Gute gebiert, andererseits die Furcht, aus der das Kleine und Falsche hervorkriecht.

30. November 2009

Moralische Gefühle wie Nächstenliebe, Mitleid, Mitfreude am Glück der andern, die Freude zu helfen, sich selbst zu opfern, sind private Regungen und eines jeden eigen Sache. Sie betreffen das moralische Wollen, denn wir haben dabei die Empfindung, als käme der Antrieb ganz aus uns selbst. Sie können anwachsen zu solcher Lust, daß wir sie um ihrer selbst Willen zu begehren scheinen — wie Leckerbissen oder die Zärtlichkeiten der Liebe.

Moralisches Sollen hingegen liegt nicht in der Eigendynamik des Individuums, vielmehr treten hier andere auf mit ihren Forderungen, Machtansprüchen, Profilierungsbegehren und drohen, statt mit Fäusten und Knüppeln, mit Liebesentzug, Ächtung und Verstoßung aus der Gemeinschaft. Und dies ist kein Zweikampf zwischen Individuen sondern jeder der moralisch streitet, impliziert in seinen Argumenten, daß er die Gemeinschaft hinter sich habe, welche zur Ächtung des Angeklagten bereit stünde.

26. November 2009

Ein höherer Ursprung der Moral ist nicht nötig. Von Natur aus verlangt es den Menschen, gut bei Seinesgleichen dazustehen. Um dies zu erreichen, muß er ihnen nützlich sein. Am besten wird er bei ihnen dastehen, wenn sie den Eindruck haben, daß er dieses Nützlichsein nicht nur widerwillig und aus Berechnung leistet, sondern aus eigenem Antrieb, weil es ihm Freude macht. Wenn er diesen Eindruck erweckt, wird er am meisten Wirkung erzielen, am meisten Bewunderung und Liebe ernten, weil sie dann mehr Vertrauen in die Beständigkeit seines Diensteifers haben, als wenn er es nur aus Berechnung oder mit Zwang und Widerwillen täte.

Daß die Lust am Dienen vermutlich daraus entsteht, daß der Dienende beim Dienen intuitiv die Dankbarkeit, die Liebe und die Achtung erahnt, die ihm vom Empfangenden zurückstrahlt und er so die Befriedigung seines eigentlichen Bedürfnisses erfährt, ist ein weiterer Beweis, wie Egoismus und Altruismus sich auf natürliche Weise wechselseitig hervorbringen und beflügeln.

Philosophisch gesehen scheint mir die Frage, wie der Mensch handeln solle, überflüssig. Im praktischen Leben freilich steht die Moral überall im Vordergrund. Sie ist ein natürlicher Regelmechanismus, ohne den zwischen Menschen fast gar nichts geht. Aber schon deswegen ist die Sorge unbegründet, daß die Moral zu kurz kommen könnte, daß die Menschheit moralisch verderbe, die Sitten verfielen etc. Dies alles ist gar nicht zu fürchten, denn die Moral drängt sich von selbst in jedes Verhältnis zwischen Menschen ein. Jeder bedient sich ihrer, jeder leidet unter ihr, jeder genießt ihre Vorteile.

25. November 2009

Wichtig sei nicht, was die andern sagten, sondern ob man sich selbst im Spiegel anschauen, ob man vor seinem eigenen Gewissen bestehen könne. Das ist aber eine vordergründige Ausdrucksweise, hinter der in Wahrheit steckt: Ich will mich nicht danach richten, was dieser oder jener von mir denkt, mir kommt es darauf an, ob diejenigen, deren Urteil mir etwas bedeutet, mit mir und meinem Tun zufrieden sind. Ein Gewissen für mich allein hab ich nämlich nicht, mein Gewissen, das sind die andern, eben diejenigen, die mir etwas bedeuten. Ein Urteil über mein Spiegelbild heißt immer: Wie erscheine ich den andern?

Die sogenannte Selbstfindung, die Befreiung von anderer Leute Meinung, ist in Wahrheit nur der Versuch einer partiellen Abgrenzung: Von der Meinung dieser oder jener will ich nicht mehr abhängen! Heißt aber auch: Ich habe andere, wichtigere, denen ich von nun an ausschließlich gefallen will. Diese wichtigeren sind mein Gewissen.

24. November 2009

Neun Zehntel unseres Lebens bestehen darin, gefallen zu wollen. Allerdings wollen wir nicht jedem gefallen und nicht zu jeder Zeit und empfinden manchmal einen nicht zu bändigenden Drang, uns aus einer solchen Abhängigkeit zu befreien. Wir stecken aber währenddessen noch in tausend anderen Abhängigkeiten, wobei uns am angenehmsten diejenigen sind, die uns Glanz und Sympathie einbringen. Denn das ist die andere Seite unserer Unfreiheit, unserer Abhängigkeit vom Urteil anderer: Wenn es gut ausfällt, bedeutet es unser Glück.

23. November 2009

Unser Selbstwert noch einmal — in einer polarisierten Darstellung.

negativ: ohne einen einzigen applaudierenden Zuschauer (existierte er auch nur in unserer Vorstellung) könnten wir weder an uns selbst noch an unseren Handlungen irgendwelchen Gefallen finden.

Diese Abhängigkeit vom Urteil der anderen empfinden wir oftmals als drückend und versuchen mit vielerlei Mitteln uns davon zu befreien: Pflege von Eigenheiten und persönlichen Liebhabereien, Reichtum, Selbstgenügsamkeit etc. Viele Lehren der Philosophie, Psychologie, Religion, Esoterik zielen letztendlich in diese Richtung.

Ich weiß nicht wieviele darin erfolgreich waren und sich tatsächlich befreien konnten. Je tiefer ich aber in mich selbst schaue, desto mehr Abhängigkeit finde ich, und desto aussichtsloser scheint mir mein eigener Kampf.

Auch bei den meisten, die ich beobachte, scheinen mir zumindest die äußerlichen Symptome anzudeuten, daß ihre Befreiungsversuche allenfalls eingebildete Erfolge zeigen und ihre sämtlichen Maßnahmen letztlich doch wieder auf den Beifall aus sind.

positiv: wer ganz und gar zufrieden mit sich ist, steht auch in dem völligen Glauben, daß die für ihn maßgeblichen Menschen an ihm und seinem Tun Gefallen finden. — Hierbei lasse ich offen, ob er zuerst diesen Glauben hat und dann mit sich zufrieden ist oder umgekehrt, aus seiner Zufriedenheit diesen Glauben schöpft. Jedenfalls wird das eine nicht vom andern zu trennen sein.

ideal: Es bliebe noch zu klären, was eigentlich Schlechtes daran sein soll, den andern zu gefallen und daraus seine eigene Selbstachtung zu beziehen. Auch wenn dieses Gefallenwollen dem Selbsterhaltungstrieb und dem Ehrgeiz, im Rudel aufzusteigen, entspringt, kann es doch etwas Großes sein, ja überhaupt dasjenige, aus dem alle großen Leistungen praktischer, staatsmännischer, künstlerischer, geistiger und menschlicher Art entspringen. Warum soll Ehrgeiz, der soviel gute Früchte tragen kann, verwerflich sein, warum soll Abhängigkeit etwas Schlechtes sein, wenn Gutes voneinander abhängt?

Ich würde auch behaupten, daß die meisten Menschen diese Mechanismen der gegenseitigen Abhängigkeit widerspruchslos befolgen und ganz natürlich finden, daß man nur tun soll, was auch andern gefällt und verwerflich ist, Anstoß zu erregen. Wer dies am besten schafft, ist dann zurecht beliebt, berühmt, gefeiert, und die seinem Kreise Angehörenden sind stolz auf ihren Helden.

22. November 2009

Wenn Privatmenschen tolerant sind gegen die Meinung oder den Glauben anderer, so sind sie dies in Wahrheit nur äußerlich, sie geben vor, den Andersdenkenden ganz und gar gelten zu lassen, um weltoffen und nicht borniert zu scheinen, um sich den Andersdenkenden nicht zum Feinde zu machen. In Wahrheit aber denken sie bei sich, daß ihre eigene Meinung die bessere sei, ja die Wahrheit überhaupt sei, während die des andern doch auf Irrtum, im Grunde auf Dummheit beruhe.

Die einzigen, die wirklich tolerant sein mögen, sind zuweilen die Staatsmänner, wenn sie etwa eine gemischte Volksgemeinschaft regieren wollen. Selbst weder Katholik noch Protestant noch Moslem oder Hindu, werden sie, um ihren Staat in Ruhe und Ordnung zu halten, jede dieser Glaubenslehren gleichermaßen gelten lassen, und können das, weil sie an keiner wirklichen Anteil nehmen. So wie wir, wenn sich unsere Kinder streiten, jedem sein Recht zu geben versuchen, aber nur deswegen zu dieser Unparteilichkeit fähig, weil uns die jeweiligen Interessen gleichgültig sind. In allen Fragen, zu denen wir persönlich eine Meinung haben, sind wir unfähig zur echten Toleranz. Wir geben solche nur vor, weil es geboten scheint.

20. November 2009

Unser Mitleid rührt oftmals nur von der Furcht, den Unwillen des Leidenden auf uns zu ziehen. Wir fühlen uns gedrängt, ihm zu helfen oder wenigstens Anteil an seinem Leiden zu bekunden, weil er uns sonst der Hartherzigkeit, Gleichgültigkeit oder des Hochmutes zeihen könnte, wir fürchten den potentiellen Feind, oder zumindest eine vage feindliche Energie.

In Wahrheit aber ist er uns, samt seinem Leiden, nur lästig, daß wir in seiner Schuld stehen sollen, peinlich, und wir versuchen, so glimpflich als möglich aus der Sache zu kommen. Zu diesem Zwecke bekunden wir Mitleid — und glauben in den meisten Fällen selbst daran.

19. November 2009

Man wird einwenden, es sei ja dann nichts Großes mehr in der Tugend, wenn alles nur darauf beruhe, andern zu gefallen, wenn es keinen höheren, absoluteren Maßstab gebe. Dann wäre doch alles nur Eitelkeit.

Zum einen aber können wir den unschönen Teil der Eitelkeit darin eingrenzen, daß der Eitle mit bloßem Schein versucht zu gefallen, während der im besseren Sinne Eitle, der Ehrgeizige, mit wirklichen Qualitäten und also zum wirklichen Nutzen gefallen will. Sodann brauchen wir nur dieses „den-andern-Gefallenwollen“, dieses „in der Gesellschaft Nach-oben-Streben“ als einen höheren, gar absoluten Wert ansehen, und schon haben wir wieder das vollkommene Gute, das reine Ideal. Zumindest ist es das Höchste, Schönste, Beste, was uns im Leben möglich ist.

La vertu n‘irait pas si loin, si la vanité ne lui tenait compagnie.
La Rochefoucauld

Wie soll aber etwas zum Ideal, zum vollkommenen Guten werden, dem soviel Unschönes anhaftet wie dem Egoismus, dem Ehrgeiz, der Machtbegierde? Nun, dies begegnet allen Tugenden gleichermaßen: Auch in der Frömmigkeit sehen heute die meisten bloße Dummheit oder widerwärtiges Besser-sein-Wollen, auch die Keuschheit, die einst in so hohem Ansehen stand, wird heute als eine wurmstichige Antiquität gehandelt, und wer sich damit brüsten wollte, würde aus den meisten Kreisen augenblicklich verstoßen, mit Spott beladen, zur Strafe seines Besser-sein-Wollens noch gar mißhandelt. Und genau so wird es den Tugendgebilden ergehen, die heute in Mode stehen: Dem Pazifismus, dem Liberalismus, dem Sozialismus, dem Demokratismus, dem Humanismus.

Alle Tugenden sind zugleich auch Laster, oder wenn nicht zugleich, so doch zu anderer Zeit oder an anderem Orte. Sie sind überall dort Laster, wo sie stören, wie z.B. die Friedfertigkeit im Kriege. Wer dort das „Du sollst nicht töten“ predigt, ist nicht willkommen und wird, falls er keine Ruhe gibt, selbst beiseite geschafft.

18. November 2009

Wir wollen Regeln einhalten, Sitte und Anstand wahren, das Gesetz beachten. Aber dies ist nur äußerlich, eine verkrustete Hülle, unter der in Wahrheit steckt: Wir wollen nicht anecken, nicht Mißmut, Haß oder die Rache unserer Nächsten auf uns ziehen.

Wir meinen, Anstand, Sitte und Gesetz seien ein Höheres, Heiliges und finden ihre Verletzung empörend wie den Sündenfall — allerdings nur, wenn wir uns selbst dadurch geschädigt sehen oder uns als Gute und Gerechte hervortun wollen; sobald wir von der Verletzung profitieren oder unsere Feinde geschädigt sind, arrangieren wir uns gerne. Nichts Höheres und Heiliges, sondern Übereinkünfte und Gewohnheiten, zu keinem andern Zweck als das Zusammenleben und die Rangordnung zu regulieren; im Prinzip beliebig austauschbar — aber, eben deswegen, Austausch und Erneuerung meist nicht der Mühe wert.

Hinter aller Tugend, Ehre und Frömmigkeit steckt nichts Anderes, als daß wir andern gefallen wollen. Warum aber machen wir uns dann oft eine Tugend daraus, andern gerade nicht gefallen zu wollen, nicht auf die Meinung der Leute zu hören, nicht mit dem großen Haufen zu laufen, nicht den andern nach dem Munde zu reden? Wie kann darin eine Tugend liegen, wenn der Kern aller Tugend doch ist, andern zu gefallen? Nun, selbst hinter dem Nichtgefallenwollen steckt letztlich das Gefallenwollen: mit unserer Unabhängigkeit von anderer Leute Meinung wollen wir uns bei denen erhöhen, auf deren Urteil wir höheren Wert legen. Wir rühmen uns, wir legten auf die Meinung der Leute keinen Wert, aber nur um in der Meinung derer, vor denen wir uns rühmen, zu steigen.

Hinzu kommt, daß wir zwar gefallen wollen, um unseren Rang — und damit unsere Macht — zu halten oder auszubauen, daß uns aber andererseits die Freiheit mächtig anzieht und verbietet, für Rang und Ansehen zu liebdienern und zu ducken. Wir wollen die Macht, aber wir wollen nicht dafür bezahlen

Am liebsten wären wir völlig frei in unseren Handlungen und hätten dabei dennoch die Gewißheit, daß alle unsere Handlungen Liebe und Achtung einbrächten und also unseren Rang erhöhten. Da aber Liebe und Achtung nur kommt, wenn wir andern nützlich sind, in ihrem Dienste stehen, uns für sie opfern, so birgt unser Wunsch eine Unmöglichkeit in sich: Wir können nicht frei sein und zugleich geachtet und geliebt werden. Liebe und Achtung verlangt Dienst, also Unfreiheit.

Im idealen Falle bereitet uns die Liebe und Achtung, die wir ernten, ein glückliches Gesicht, das uns entgegenstrahlt, so viele Freude, daß die Last der Unfreiheit gänzlich überdeckt wird. Dann sind wir glücklich im Dienen, getragen von der sanften Woge des Ruhms, und dies ist vielleicht das höchste erreichbare Glück. Ruhm und strahlende Gesichter bringen uns mehr ein, als wir durch Dienst und Opfer an Freiheit verlieren. Weil sie aber unseren Rang erhöhen und damit unsere Macht, erhalten wir, auf diesem Umwege, sogar eine Art von Freiheit zurück — denn der Mächtige, auch wenn seine Macht letztlich vom Wohlwollen der andern abhängt, genießt doch zumindest ein Gefühl der Freiheit.

16. November 2009

Alle Tugendhaftigkeit hat zum Ziel, sich bei andern beliebt zu machen. Es gibt dabei aber unterschiedliche Grade, denn während sich der eine durch Kumpanei im Kreise seiner Nächsten Freunde schafft, gelingt es dem andern, ein ganzes Volk für sich zu begeistern, ja Ruhm über die Jahrtausende zu erlangen. Es liegt darin aber nur ein gradueller, kein prinzipieller Unterschied. Selbst ein grausamer Tyrann hat auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn viele Verehrer, ja viele, die ihn herzlich lieben. Wenn er sich aber gegen seine Feinde langfristig nicht behaupten kann, werden diese ihn besiegen und seinen Ruhm vernichten, indem sie ihn vor aller Welt schlecht machen.

Gegner aber findet jeder, nicht nur der Herrscher, auch der Philosoph, der Religionsführer, der Heilige — und sowieso jeder Privatmann in seinem kleinen Kreise.

15. November 2009

Auch der Brauch, die Sitte, das Herkommen, ist nicht etwas für sich Wertvolles oder Gültiges sondern ein Regelwerk, das dem, der sich danach richtet, Schonung und womöglich Wohlwollen verspricht. Es ist aber unbegründet, wegen des Sittenverfalls in Aufruhr zu geraten. Wenn die eine Sitte verfällt, so entsteht alsbald eine neue, bzw. war bereits ein neuer Kodex da, welcher die alte zu Fall gebracht.

Hinter der Angst vor Sittenverfall steckt nur die Angst vor der Bedrohung eigener Gewohnheiten und Interessen. Zwar wird auch der Weise an den bestehenden Sitten festhalten wollen, jedoch nicht weil er die bestehenden für die besten hielte, sondern eben weil er die Gleichwertigkeit aller erkannt und sich also von einem Wechsel, außer der Unruhe, die damit verbunden, nichts verspricht. Er wird auch seinen Mantel tragen, solange er Dienst tut und nicht nach einem neuen verlangen, nur weil die Mode wechselt.

Daß der Egoismus überhand nähme, ist überhaupt nicht zu fürchten, denn zum einen war er, nach meiner Betrachtung, schon immer der Hauptbeweggrund des Menschen, zum andern ist, als Gegengewicht, die Abhängigkeit der Menschen untereinander so mächtig, daß sie immer auch füreinander handeln werden — um voneinander anerkannt und geliebt, um nicht verachtet und ausgestoßen zu werden. Diese Urkräfte sind mit Revolutionen, mit Sittenwandel, mit Werteverfall nicht zu bezwingen.

12. November 2009

Keiner kann von seiner Natur aus anhaltend nur an sich selbst denken und die Interessen der andern mißachten. Es würde alsbald entweder seine Furcht vor ihrem Mißfallen oder seine Sehnsucht nach ihrer Anerkennung so groß, daß er die eigenen Interessen zu ihren Gunsten wieder herabsetzte und also Gutes täte im herkömmlichen Sinne.

Dabei gibt es die beiden Möglichkeiten, dieses Gute entweder aus Furcht vor Mißfallen zu tun oder aus Freude am Gefallen. Die Freude am Gefallen treibt uns an, Dinge zu tun, die andern nützlich und schmeichelhaft sind, damit sie günstig gegen uns gestimmt werden und wir gut bei ihnen dastehen. Wir denken uns hinein in ihre Wünsche, Bedürfnisse, Eitelkeiten und Nöte, um zu erraten, wodurch sie beglückt werden könnten. Es ist nichts Anderes, als was herkömmlich als Liebe bezeichnet wird — auch wenn es zum hauptsächlichen Grundmotiv nur das Bedürfnis hat, selbst geliebt zu werden.

Das Gefallenwollen durchdringt uns jede Ader und jeden Nervenstrang, dem ist nicht zu entkommen. Gefallenwollen aus Furcht vor Mißfallen und Verstoßung scheint aber nichtswürdiger als Gefallenwollen aus reiner Freude am Gefallen. Dieses scheint so edel, weil zu seinem Zwecke freimütig und großzügig andern Freude bereitet und Nutzen gebracht wird, weil man sich an ihrem Vorteil, an ihrem Glücke mit erfreut — sei auch das geheime Motiv dazu nur die eigene Gefallsucht.

Wer ängstlich erwägt, wieviel er geben muß, um für seinen Bedarf genügend Ansehen zu gewinnen, der wird jedenfalls armseliger sein, als wer freizügig seine Dienste ausstreut und sich der fröhlichen Gesichter freut, die ihm entgegenstrahlen. Beide leitet im letzten Grunde nichts als die eigene Gefallsucht und also der eigene Vorteil. Dennoch schätzen wir den freimütigen Wohltäter als den größeren, den glücklicheren Menschen.

11. November 2009

In Balsacs Dorfpfarrer finden wir eine Charakterisierung des Zuchthauslebens, wo eigene Gesetze und eine eigene Moral herrschen, genau so eifrig und ernst betrieben, wie die der bürgerlichen Gesellschaft — und doch im Inhalte ihr gerade entgegengesetzt.

10. November 2009

Sollen wir uns eine Hölle vorstellen und Schlimmes fürchten für unser Dasein nach dem Tode, oder daß uns Angst und Schrecken überkommt in unserer letzten Stunde, weil all unsere Sünden noch einmal ins Bewußtsein fahren?

Oder uns lieber mit den Tieren vergleichen? Können wir uns denken, daß dort auch unser Hund gebraten wird und in seiner letzten Stunde aus Angst vor einer Hölle zittert? Der stirbt mit den Leiden, die ihm sein körperliches Ende beschert, und wird sich darüber hinaus keine Gedanken machen.

Was uns von den Tieren unterscheidet, ist die Moral. Wenn die Moral aber nichts Anderes ist als ein Kräftespiel unter Menschen, vielleicht auch noch ein Elixier, welches Glück und Unglück fördert, was sollen wir dann moralisch für die Zeit nach dem Tode fürchten? Die Menschen, deren Urteil und Strafmaßnahmen uns ängstigen, bleiben hier, es ist allein die Vorstellung des Nachrufes: Was werden sie über uns reden, wenn wir weg sind, was bleibt in ihrem Gedächtnis von uns übrig?

In diesem Falle wird die Hölle eines Unbekannten allenfalls ein zwei Generationen dauern, bis er hier auf Erden vergessen ist. Die großen Übeltäter werden zwar länger leiden, doch nach ein- zweihundert Jahren wird auch ihnen keiner mehr persönlich böse sein; man könnte ihre Übeltaten allenfalls als historisches Kuriosum handeln und vielleicht ein Theaterstück schreiben (Richard III., Nero, etc.). Alle übrigen, die berühmt geworden, finden zwar noch lange ihre Kritiker und Schmäher, aber die hatten sie ja zu Lebzeiten schon, und so wird sich denn gar nichts ändern.

Wenn also mein Hund nicht in die Hölle kommt, werde auch ich ruhigen Herzens hinübergehen — und ergötze mich einstweilen an den Bildern glühender Zangen, in brodelnden Kesseln gekochter Menschen, ewig Gefesselter, kopfüber Hängender, durch Trichter mit üblen Brühen Abgefüllter. Den Ernst darin überlaß ich den Malern und Dichtern, die damit ihren Kunsttrieb ausleben — und denjenigen, die ihre Rachsucht, welche sie hier nicht befriedigen können, in solchen Phantasien ausschöpfen. So spricht jedenfalls die Vernunft — aber des Menschen Abhängigkeit von Sympathie und Meinung der andern ist so über alle Maßen, daß es nicht verwundert, wenn er diese Sorge bis über seinen Tod hinausdehnt und sich gänzlich aufreiben kann für etwas, das er gar nicht erlebt.

9. November 2009

Materieller Besitz macht nur deswegen nicht glücklich, weil er bei allen, die weniger haben, unbeliebt macht. Beliebt sein ist aber unser höchstes Glück. „Ein Reicher kommt schwer in das Himmelreich“ heißt: er wird sich schwerlich beliebt machen.

6. November 2009

Den Göttern zu opfern war immer gut angesehen, ebenso heute das Spenden für gute Zwecke. Der Gefallen an solchen Handlungen entspricht aber derselben Quelle:

— Wer sich opfert, macht sich klein, wird dafür geliebt wie der Bescheidene, der sich, obwohl er es nicht nötig hätte
unters Volk mischt

— Wer sich opfert, vollbringt eine Kraftleistung, eine Akrobatik der Seele, indem er den eigenen Vorteil zurückstellt, er wird dafür bewundert wie einer, der große Strapazen überwindet, Durst und Müdigkeit besiegt, er überwindet den Egoismus, ja den Selbsterhaltungstrieb.

— Wer sich opfert, bezeugt Anteilnahme an denen, die weniger vom Glück bedacht sind.

Mit Opfern und Spenden bezeugt einer, daß er, mag er ansonsten noch so glücklich und wohlhabend sein, nicht über allem steht, sondern sich den Göttern oder einer allgemeinen Moral des Wohltätigseins unterordnet. Wenn ein Reicher spendet, macht sein freiwilliges Opfer den meisten Eindruck, nicht der Nutzen, den er andern damit schafft. Das Opfer ist immer die Hauptsache, weil es Demut und Unterordnung bekundet, in zweiter Hinsicht erst, weil es andern Brot und Kleidung schafft.

Wenn den Göttern geopfert wurde, war der Nutzen ja auch allenfalls auf Umwegen zu erhoffen; auch hier war das Wesentliche die Unterordnung, das Ablegen jeglicher Selbstherrlichkeit und Demonstration von Überlegenheit. Die Bescheidenheit stand seit je in höchstem Ansehen.

5. November 2009

Epiktet: Sollte es dir begegnen, daß du dich einmal von dir selbst nach außen wendest und der Welt gefallen willst, so hast du deinen richtigen Zustand verloren. Begnüge dich, immer ein Philosoph zu sein und, willst du es auch jemand scheinen, so scheine es dir selbst, das ist genug.

Eben das ist nicht genug, und es gibt wohl keinen, dem es genug ist. Jeder will gefallen und gelten — nicht zum mindesten der Philosoph, welcher solche Weisheit anempfiehlt. Würde er denn seine Weisheit vortragen, wenn er weder Dankbarkeit noch Ansehen davon erhoffte?

4. November 2009

Gutsein heißt andern gefallen. Man kann alles tun, wenn man nur genügend Anhänger findet. Wenn man andern schadet, macht man sich Feinde und oftmals nicht nur die, denen man geschadet, sondern auch viele andere oder die ganze Gesellschaft, die sich indirekt dadurch bedroht oder geschädigt fühlt. So, wenn man Gesetze bricht etc.

3. November 2009

Gute Menschen der Geschichte und Literatur sind immer gut für die Masse des Volkes, weil sie zu ihrem Vorteil und in ihrem Sinne handeln. Dafür werden sie geliebt, bewundert, gerühmt. Beispiele: Posa, Franz von Assisi, Jesus…

Gerührt von ihren guten Taten und großen Herzen werden wir aber alle; hierfür ist nicht entscheidend, ob wir eigenen Nutzen ziehen, denn bereits die Tatsache, daß einer geliebt, bewundert, gerühmt wird, daß andere solch innigen Anteil an ihm nehmen, rührt den Zuschauer zutiefst, und gerne fließt die Träne.

2. November 2009

Wer erkundet, was hinter aller Moral und allem Gewissen steckt, nämlich der Kampf um Macht und Ansehen, der lebt doch weiterhin unter Menschen, die nicht in diese Hinter- und Untergründe geblickt haben, die weiter tapfer für ihre moralischen Grundsätze streiten, die Welt danach einteilen in gut und schlecht. Seine Einsichten werden auch nicht hindern, daß er sich selbst im Alltage, zumal in persönlichen Konflikten, an moralische Urteile heftet und die anderen daran mißt. Seine Einsichten und Tiefblicke werden hier nur wenig ändern — und den Rest der Menschheit schon gar nicht.

Denken wir uns die Menschen in einem Gehege lebend und dieses für ihren natürlichen Lebensraum erachtend. Nun steigt einer von Zeit zu Zeit über den Zaun und sieht von außen die Beschränktheit der übrigen. Was ändert es? Die übrigen werden in ihrem Bewußtsein verharren und auch er wird wieder dahin zurückkehren, den begrenzten Raum mit ihnen zu teilen. Es würde auch weder gelingen, noch brächte es Vorteil, wenn er die andern überreden wollte, ebenfalls über den Zaun zu steigen: sie haben weder Bedürfnis noch Lust dazu.

Außerdem weiß er gar nicht wieviele weitere Umzäunungen auch ihn noch umgeben, nachdem er die erste überwunden hat. Er sieht dann zwar die übrigen eingesperrt und sich selbst aus diesem Gehege einstweilen entronnen, doch umgibt ihn vermutlich ein weiteres, nur etwas größeres. Er hat also seine Erkenntnis, seine Freiheit relativ erweitert, absolut aber gar nicht.

1. November 2009

Es ist ein ständiges Ehren, Rühmen, Lieben, Kritisieren, Hassen, Verdammen, welches die Menschen vor allem andern umtreibt, stärker noch als die Beschaffung von Speise und Trank. Man kann sagen, es ist der eigentliche Lebensantrieb, der eigentliche Lebensinhalt, um sich in diesem Räder- und Hebelwerk zu behaupten; und wie im Körper das Blut der Saft ist, welcher alles durchdringt und befördert, so ist das Moralische der Träger, das Medium in diesem ewig brodelnden Kessel, wo alles von Hitze getrieben in die Höhe strebt — aber am Ende doch nicht mehr nach oben gelangen kann, als gleichzeitig nach unten ausweichen muß und versenkt wird.

31. Oktober 2009

Wer, um sich zu gefallen, nicht andere zum Spiegel nimmt — denen er gefallen muß, wenn sie ein schönes Bild zurückwerfen sollen — sondern ganz auf eigene Reflexionen, auf Selbstbespiegelung vertraut, der wird gar wenig zu Gesicht bekommen. Es wird ihm ergehen wie dem Narziß, der im See sich seines Antlitzes erfreuen wollte. Aber es fiel ein Blatt ins Wasser, und so wurde sein Spiegelbild durch die erzeugten Wellen getrübt. Solchermaßen erschrocken von der vermeintlichen Erkenntnis seiner Häßlichkeit starb er.

Wir sind nicht dazu geschaffen, uns selbst zu genügen. Nichteinmal in unseren Selbstgesprächen reden wir mit uns selbst, sondern holen stets andere herbei, vor denen wir uns rechtfertigen, loben, herausputzen, die wir umschmeicheln um ihre Neigung zu gewinnen, die wir angreifen um ihre Angriffe abzuwehren.

Wenn wir in den Spiegel sehen, erfüllt uns nichts als der Gedanke: „So werde ich ihnen erscheinen! Welchen Eindruck werden sie haben, werden sie das Gesicht zu breit finden, wenn ich die Haare zum Scheitel kämme oder zu groß, wenn nach hinten? — Jetzt ist es gut, so werden sie mich schön finden und glauben, es sei hauptsächlich aus Natur und nicht durch Künste hingebogen. Denn sie sollen nicht denken, ich hätte mich ihrethalber allzu sehr ins Zeug gelegt, sollen vielmehr in meinem Glanz die Überlegenheit erkennen, mit der ich sie überstrahle, sollen mich hochschätzen, sich aber zurücknehmen.“

Sich selbst gefallen, heißt immer, sich in den vorgestellten Urteilen der andern hoch einstufen. Über uns selbst können wir gar nicht urteilen, können uns weder gefallen noch mißfallen, nicht einmal sehen, weil in uns kein Spiegel ist.

Mit sich zufrieden sein, mit sich im Reinen sein, gilt als Krönung der Weisheit und des Glücks. Aber keiner ist je mit sich selbst zufrieden, wir haben überhaupt kein Organ dafür, mit uns selbst zufrieden oder unzufrieden zu sein. Wir können vielleicht das Gerede der Nachbarn ignorieren, wir können die launischen Meinungen der Menge verachten, wir können dort gelassen sein, wo andere in Hysterie geraten — aber wir haben in Wahrheit nur den Kreis derer gewechselt, an deren Urteil wir hängen. Wer sich Philosophen, Dichter oder Heilige zum Publikum nimmt, der mag vom Wechselspiel der Sympathien in seiner nächsten Umgebung weniger gebeutelt werden, aber er hängt doch an seinem Publikum und kann nur soweit zufrieden mit sich sein, als er sich einbildet, dessen Beifall zu finden. Soweit kommen aber nur wenige. Wer mit sich zufrieden ist, der lebt in der Meinung, diejenigen, deren Urteil ihm wichtig ist, seien es mit ihm, und nur daraus schöpft er seine Zufriedenheit.

Selbstzufriedenheit gilt andererseits als arrogant und widerlich und zwar deswegen, weil der Selbstzufriedene den Eindruck erweckt, als würde er auf unseren Richterspruch pfeifen. Wir sind gekränkt und hassen ihn, obschon wir wissen könnten, daß auch er von einem Publikum abhängt und nur wir gerade nicht dazugehören. Aber er hat uns die Macht über sich genommen — und eben dies beleidigt uns.

30. Oktober 2009

Das Gute tun wir, um gut dazustehen, um geliebt, geachtet, respektiert zu werden. Weniges geschieht aus reinem Mitleid, oder aus dem bloßen Bedürfnis, andern zu helfen. Das ändert aber nichts daran, daß wir soviel als nur möglich Gutes tun sollen, denn wir haben diese Liebe, diese Achtung und Anerkennung so nötig wie nichts Anderes. Selbst Essen und Trinken ist nichts ohne sie, auch Gesundheit nicht, und ohne Liebe und Achtung wird aller Reichtum wertlos. Deshalb müssen wir Gutes tun, d.h. andern nützen, Opfer bringen, um gut bei ihnen dazustehen, denn dies ist unsere erste Grundnahrung.

28. Oktober 2009

Jesus gilt allgemein als der alle Liebende, niemandem Böses Wollende — aber das stimmt so nicht ganz. Er war eigentlich ein Sozi, ein Volkstribun, der die Reichen und Mächtigen haßte und sich mit diesem Haß beim Volke einzuschmeicheln verstand.

27. Oktober 2009

Wer sich über Gott lustig macht, behält, bei allem Reiz und Kitzel, doch ein mulmiges Gefühl, und es ist ihm nicht ganz wohl bei seiner Sache.

Dies rührt aber nicht so sehr von einer Furcht vor Gott — an dessen Existenz er vielleicht gar nicht glaubt — als vielmehr davor, von den andern als ein Unseliger, Verworfener, ihre Heiligkeiten mit Füßen Tretender angesehen zu werden und dadurch ihre Verachtung, ihren Ekel und vor allem ihren Haß auf sich zu ziehen.

Denn um Heiligkeiten geht es hier allemale, und auf beiden Seiten, bei den Gläubigen wie bei den Ungläubigen. Zwar morden heute nur noch Islamisten für ihren Glauben, während der zivilisierte Mensch sich über solch rohen Leidenschaften hinweggekommen glaubt, doch in jedem kocht nicht weniger die heimliche Wut, sobald er in seinen Glaubensangelegenheiten gekränkt wird.

Beim Gläubigen verwundert dies vielleicht nicht, aber auch der Ungläubige, verkraftet schwer, wenn man seinen Unglauben geringschätzt. Wenn einer kommt, von seinem Gotte vorschwärmt und wie arm doch diejenigen dran seien, die diesen besseren Weg noch nicht gefunden und also durchscheinen läßt, daß er und seine Glaubensbrüder eben die besseren Menschen seien und die Erwählten fürs Paradies, während er, der Ungläubige, dereinst leider draußen bleiben müsse, dann wird auch dem Atheisten die Wut aufsteigen, und vergeblich wird er sich zu beruhigen suchen, daß ihm ja bloß ein naiver Dummkopf gegenüberstehe.

Deswegen ist nicht erstaunlich, auf welche Ablehnung die Sekte der Zeugen Jehovas stößt, wenn ihre Mitglieder von Haustür zu Haustür pilgern, um ihre Gespräche über Gott und Bibel anzubieten. Sie werden von den Aufgesuchten nicht bloß weggeschickt, sondern geradezu mit Haß verfolgt. Und dies ist insoweit nachvollziehbar, weil ein solcher Missionierungsversuch im Grunde nichts Anderes heißt als: „Du bist, in den wichtigsten Dingen, auf dem falschen Wege und wirst dereinst vor dem verschlossenen Paradiese stehen, während wir drinnen ein herrliches und nimmer endendes Freudenfest feiern. Das Einzige, was dich retten kann, ist, dein niedriges Leben aufzugeben und so zu werden wie wir — weil wir die Besseren sind!“

Solche Überheblichkeit erzeugt Wut und Feindschaft, sowohl unter den verschiedenen Glaubensrichtungen, als auch bei ganz Ungläubigen und Atheisten. Es ist demütigend und erniedrigend, wenn einer behauptet, er sei auf dem richtigen Wege — und alle andern Wege seien falsch — und er macht sich dadurch verhaßt. Keiner will den eigenen Weg als Irrweg genannt wissen, und keiner will im Nachteil oder schlechter sein, schon gar nicht, wenn es um Glück und Seligkeit geht, welche gewissermaßen als die unwiderlegbaren Beweisstücke für die Richtigkeit des Weges gelten: Denn alle suchen letztendlich nichts Anderes als dauerndes Glück und Seligkeit, weswegen der, der es gefunden oder dem es versprochen worden, selbstredend in die höchsten Ränge aufgestiegen wäre.

Im Glauben wie im Atheismus geht es ums Besser- oder Schlechtersein und also um den Rang in der Gemeinschaft, um Macht und Schwäche, Ehre und Verachtung, und es ist für keinen leicht, gleichgültig zu bleiben, wenn ein anderer sich hochstellt und ihn also erniedrigt.

Weil demnach alle Überheblichkeit sich Feinde macht, so ist weder dem Missionar noch dem Gotteslästerer ganz wohl bei seiner Sache — außer vielleicht dem, der eine genügend große Anhängerschaft hinter sich weiß.

25. Oktober 2009

Wir leben in dem Gegensatz, daß alles Große, Bedeutende auf Eitelkeit und Ruhmsucht der Herausragenden, sowie auf blindem Glauben, Mitläufertum, Unterwürfigkeit der Verehrenden beruht. Daß aber, wer sich diesem Rollenspiel entziehen will, auch jeder Größe entsagen muß und ihm nur bleibt, als Kritiker an allem herumzumäkeln, als Satiriker alles in den Schmutz zu ziehen und am Ende selbst als eine Kröte dazustehen wie Thersites vor den griechischen Heerführern.

Entweder man läßt sich auf die Spiele ein, glaubt an Tugenden, an den Wert menschlicher Größe, Schönheit, Erfindungskraft, Güte, Führungsstärke, Sittlichkeit, an die jeweils in seiner Zeit und Gesellschaft gültigen Maßstäbe, an diese Werkzeuge und Waffen im Kampf um Rang und Ansehen, oder man hält sich aus dem Gerangel fern (wenn das denn möglich ist, denn selbst der Kritiker und der Satiriker wollen mit ihrer Kunst immer zu Geltung kommen) und wird in völliger Bedeutungslosigkeit im Abseits der Menschheit stehen. Man macht im Theater mit, steht im Lichte der Scheinwerfer, oder man hält sich heraus und bleibt im Dunkeln als teilnahmsloser Zuschauer.

24. Oktober 2009

Einem Gott zu gehorchen, Prinzipien zu verfolgen, Idealen nachzustreben, also insgesamt eine höhere absolutere Instanz zum Leitfaden nehmen, das befreit vor allem von der Launenhaftigkeit des menschlichen Urteils. Wir wollen immer gefallen und eine Steigerung unseres Ansehens, unserer Position erfahren, aber wenn wir es nur bei Menschen suchen, ist es doch eine sehr wechselhafte und unsichere Angelegenheit. Da strebt man denn nach einem ruhigeren Hafen und also in ein höheres Ordnungs- und Urteilsprinzip.

Zwar können wir ohne die Zustimmung und Zuneigung unserer Artgenossen kaum bestehen, doch weil es ohnehin nicht möglich ist, ihnen allen und zu jeder Zeit zu genügen, ist ein neutraler Ruhe- und Orientierungspunkt von großem Wert. Wenn dieser dann, wenigstens dem Namen nach, auch allseits anerkannt ist, wie ein Gott, der Humanismus etc. so kann man sich jederzeit, vor andern damit rechtfertigen, mag man auch in der Sache keine Zustimmung finden.

Allerdings begibt man sich erneut unter eine Autorität, und manche empfinden die Herrschaft eines Gottes nicht weniger als Tyrannei, von welcher sie sich gerne befreien wollten. Das Tyrannische ist hier aber nicht der Gott, sondern wiederum die Menschen, die sich des Gottes bedienen, seine angeblichen Wünsche und Forderungen in ihrem Sinne auslegen und, mit seiner Unterstützung, bestimmen wollen, was zu geschehen habe. Dasselbe tun sie aber mit allen Idealen und Ideologien. Wer sich von dem Gott befreit, wird die Tyrannei deswegen nicht los, denn in seiner neuen Gemeinde von Humanisten, Demokraten, Sozialisten werden ganz ähnliche moralische Druckmittel angewandt, mit denen sich ihre Mitglieder behaupten und hervortun wollen.

Wer jetzt noch weiter ginge und sich sämtlicher Prinzipien entledigen wollte, sich von allen Göttern und allen Idealen lossagte, der hätte zwar einerseits an Freiheit gewonnen, weil ihm die andern nicht mehr kommen könnten mit: „Gott befielt dir aber …!“ oder „Die Gerechtigkeit fordert, daß du …!“, aber er hätte damit auch jeden Ruhepunkt und jede Orientierung verloren, und vor allem wäre ihm seine eigene Kraft beschnitten, denn er könnte auch seinerseits kein moralisches Druckmittel mehr anwenden — welches ihm doch die einzige Waffe, den einzigen Schutzschild in die Hand gibt überall dort, wo seine Körperkraft, Waffentechnik und Geldmittel nicht hinreichen. Die Moral ist unser subtilstes Kriegswerkzeug und kein Mann in Wirtschaft oder Politik, ja im gesellschaftlichen Leben überhaupt, der sich ihrer nicht bedient, um sich zu wehren und voranzukommen?

23. Oktober 2009

Mag sein, daß bei Gottesgläubigen ganz und gar an einen Gott geglaubt wird und dort meine Sichtweise, nach der alles auf die Geltung bei den Menschen ankomme, alle Tugenden und Ideale danach ausgerichtet seien, was der Menschen Beifall findet, mag sein, daß diese Betrachtungsweise dort nicht ankommt und von ihrer Lebenserfahrung nicht bestätigt wird. Ihre Autorität ist der Gott, und auch ihre Furcht nach begangenen Untaten empfinden sie vor ihm.

Ich will daher nur soweit an meinem Gedanken festhalten: Auch wenn man den Gott wegnimmt, wie ja Aufklärer, Atheisten und Materialisten getan, nimmt weder der Ansporn zur Tugend noch die Furcht vor der Verfehlung ab, vielmehr wird der Gott lückenlos ersetzt durch die Gemeinschaft, deren Urteile und Interessen.

Dies hat uns sowohl die Geschichte bewiesen, als auch mir mein eigenes Leben, in welchem Gläubigkeit und Ungläubigkeit und Gleichgültigkeit in Glaubensfragen schon mehrfach einander abgewechselt. Was sich alleine immer gleich blieb, ist das Verlangen nach Ansehen, Anerkennung, Liebe, Einfluß und unsere Furcht vor deren Gegenteil, und daß wir die hauptsächlichen Mühen unseres Lebens darein setzen, in diesem Kräftefeld zu bestehen.

Ebenso durchgängig läßt sich beobachten, daß wir immer neue Anläufe nehmen, diesem Kräftefeld zu entkommen, indem wir Gott abschaffen, uns nicht um die Meinung der Leute kehren, unsere Eitelkeit, d.h. unsere Abhängigkeit von deren Urteil, überwinden wollen, daß wir die historische Bedingtheit von Moral und Sitte nachweisen, um uns von ihren absoluten Ansprüchen zu befreien, daß aber alle diese Versuche der Befreiung nur flüchtige oder gar keine Erfolge zeigen, weil diese Abhängigkeit in unserem Wesen und nicht in irgendwelchen Umständen oder gesellschaftlichen Ordnungen oder Religionen begründet liegt.

Schaffen wir das eine ab, setzt sich lückenlos ein anderes an die Stelle. Der Grund ist nicht diese oder jene Sitte, ein Glaube oder ein Unglaube, sondern unsere unaustilgbare Eigenschaft, gefallen zu wollen und das Mißfallen zu fürchten. Damit einher geht, oder daraus folgt, daß wir nach Rang und Einfluß streben und den Machtverlust fürchten wie das Verhängnis (gefallen und mächtig sein ist in gewisser Hinsicht dasselbe; nicht mißfallen wollen und um den Einfluß fürchten ebenso; hier läßt sich Grund und Folge schwer auseinanderhalten).

Wir streben zu gefallen und fürchten zu mißfallen, gleichermaßen streben wir nach Macht und fürchten die Schwäche. Und selbst von einem Tyrannen sagt man zu Unrecht, er brauche keinem zu gefallen und könne sich jederzeit mit Gewalt seiner Gegner erwehren. Nein, denn einerseits hängt er gar sehr an der Gunst seiner Anhänger — weil er alleine gar nichts kann — und muß andererseits stets um seine Macht fürchten wegen seiner Feinde, und drittens ist er, wie jeder, seinen Launen und Leidenschaften unterworfen, welche wiederum geboren werden aus seiner Vorstellung, wie andere ihn wohl achten.

22. Oktober 2009

Es freut den Vater, wenn der Sohn Taten vollbringt, die für groß und ruhmwürdig gelten: denn läßt sich auch kein unmittelbarer Gewinn daraus ziehen, so wird doch sein Ansehen durch den Erfolg des Sohnes erhöht. Das Interesse der Eltern am Fortschritt und Anstand ihrer Kinder beruht zum größeren Teile auf der Sorge um ihren eigenen Ruf.

Aus dem selben Grunde ist der Gatte um die Keuschheit seines Weibes, das Weib um Geltung und Ehre des Gatten besorgt, und selbst die Beliebtheit und den Aufstieg unserer Freunde wünschen wir gewöhnlich, um in ihrem Lichte mitzuglänzen. Dies gilt auch für den Sieg der favorisierten Mannschaft, den Jubel um den geliebten Sänger und natürlich für die Größe der eigenen Nation. Wir steigen und fallen mit denen, an die wir uns gebunden.

21. Oktober 2009

Wer hat besser als Plutarch gezeigt, daß Parteilichkeit und Tugend sich nicht ausschließen, im Gegenteil einander bedingen, indem die Tugend stets daraus erwächst, daß die Interessen einer Gruppe gefördert werden und fast immer diejenigen einer anderen geschmälert.

Plutarch kann in unschuldigster Art die großen Taten zweier Helden schildern, die sie im Kampf gegeneinander vollbracht und jeden loben, daß er den andern geschädigt und seinen Ruhm daran bemessen, wieviele tausend des gegnerischen Heeres er vernichtet. Etwa Agesilaos gegen Pelopidas, der Spartaner gegen den Thebaner.

20. Oktober 2009

Gelobt wird einer, der für andere etwas tut — es sei denn diejenigen, denen er gleichzeitig dabei schadet, wären in der Übermacht oder hätten das allgemeine Sagen. Und fast immer, wenn einer für andere etwas tut, schadet oder vernachlässigt er dabei wiederum andere.

19. Oktober 2009

Der Tugendhafte dient andern, um bei ihnen besser dazustehen, wenigstens bei denen, auf deren Urteil er Wert legt. Sein Opfer ist nur bedingt, er opfert Geld und hofft auf Dankbarkeit, er opfert sein Leben und erhofft sich ewigen Ruhm.

An dieser Bedingtheit, dieser Gegenseitigkeit ist nichts auszusetzen, es ist nur nicht das, wofür es oft gehalten wird, nämlich ein Opfer ohne Gegenleistung. Die Tugendübung ist ein Tauschgeschäft, bei dem beiden Parteien geholfen ist — und letztlich ist es das Größte und Bewegendste, was Menschen können.

Die reine Uneigennützigkeit existiert allenfalls in der Art von Reflexen, wenn man, ohne nachzudenken, einem Ertrinkenden zu Hilfe eilt, sich vor ein bedrohtes Weib stellt, den Freund rettet, indem man den Streich selbst empfängt. Aber selbst dies sind hauptsächlich anerzogene Reflexe, auf die wir uns schon unbewußt und lange Zeit vorbereitet haben, in Romanen und Filmen, weil wir wissen, daß man so zum Helden wird, bei Unterlassung aber zum Abschaum. Ganz intuitiv und aus reiner Fürsorge wird man es wohl nur gegenüber den eigenen Kindern tun, die man wie das eigene Fleisch empfindet, die man also beschützt, wie man sich selber schützen würde.

Vor allem sollten wir uns hüten, unser Lob zurückzuhalten, nur weil hinter der großen Tat Eigennutz und Ruhmsucht durchscheint. Es gäbe nämlich sonst an der Menschheit gar nichts mehr zu loben.

18. Oktober 2009

Der Geiz anderer ist hauptsächlich dann unsympathisch, wenn man sich selbst dadurch benachteiligt fühlt. Überhaupt ist er aber Ausdruck von Ängstlichkeit und Schwäche und genießt schon deswegen wenig Achtung. Die Ängstlichkeit des Geizigen bezieht sich dabei nur zum kleineren Teil auf das Geld, wie man ja zunächst vermuten sollte, als vielmehr darauf, er könnte ausgenutzt und dann auch noch verhöhnt werden. Gerade dies ist aber die Schwäche, die Verachtung findet. Der Starke kann mit seinem Gelde großzügiger verfahren, freut sich an der guten Gesinnung, die er dafür erntet und kümmert sich wenig um Schmarotzer und Spötter.

16. Oktober 2009

Jeder sollte, nach seinem Vermögen, wohltätig sein, auch der, der von keinem Mitleid für die Bedürftigen gerührt ist — denn er ist selbst bedürftig: Er bedarf der Liebe und Achtung seiner Mitbürger und fürchtet deren Mißgunst und Haß. Mit Geschenken, Spenden, Stiftungen wird er manche Herzen für sich einnehmen und böswillige Neider entwaffnen.

14. Oktober 2009

Wären unsere Moralgesetze absolut, so wäre der schlimmste und gewissenloseste Mörder Gott, denn er tötet nicht diesen oder jenen, nicht feindliche Heere oder ungeliebte Volksrassen — nein, er tötet jeden, ohne Ausnahme, und sein Gebot „Du sollst nicht töten“ wäre Hohn. Brüstet er sich nicht auch noch, daß sein Gemetzel groß und gerecht sei?

Allerdings muß man ihm schließlich ein Recht zubilligen: Er bringt alles aus dem Nichts hervor und schickt es dann nur wieder dahin zurück, wo es, ohne ihn, sowieso geblieben wäre. Er bastelt sich ein Spielzeug, läßt es eine Weile schnattern und schlägt es wieder entzwei — eigentlich eine Handlung voll kindlicher Unschuld, die keinem schadet, denn es ist ja nur sein eigenes Spielzeug.

Er plant und baut seine Türmchen von Anfang an so, daß sie sich abnützen und einstürzen müssen — offenbar, weil er sowohl an ihrem Wachstum als an ihrem Einsturz Gefallen findet — eben wie ein spielendes Kind. Die Türmchen haben keinen Grund, darüber zu klagen, denn ohne ihn wären sie niemals gewesen. Einen anderen Kläger oder Geschädigten aber gibt es nicht — und so kann sein eigenes Gesetz für ihn nicht gelten.

13. Oktober 2009

Wenn wir uns selbst nicht genügen, nicht mit uns zufrieden sind, fürchten wir in Wahrheit nur die schlechte Wirkung auf andere. Wir stellen keine Ansprüche an uns selbst, wir wollen nur gefallen. Wohl genügt es dem einen, wenigen zu gefallen, der andere will berühmt sein, dem einen genügt, Einfaches zu bieten, der andere will nur mit hoher Kunst oder gar nicht glänzen — aber er will doch glänzen und sonst gar nichts. Sich selbst und nur den eigenen Ansprüchen genügen zu wollen, das gibt es nicht, es ist nur eine Umschreibung für das Gefallenwollen bei andern.

Wenn wir uns im Spiegel nicht gefallen, fürchten wir ihren Ekel, wenn wir naschen, als Weichlinge zu gelten und bald als Fettwanst dazustehen, wenn wir faul sind fürchten wir ihren Haß, denn sie fühlen sich verhöhnt und hassen uns dafür, wenn wir unsere Pflichten nicht erfüllen, fürchten wir ihre Rache. Nur unser eigenes Urteil fürchten wir nicht, denn es existiert nicht, es ist immer nur Sprachrohr der anderen. Wir haben keine eigene Meinung, am wenigsten über uns selbst und unsere Leistungen.

12. Oktober 2009

Gefallen wollen selbst diejenigen Schriftsteller, die gegen die Strömungen ihrer Epoche schreiben und ihre Zeitgenossen rückständige Dummköpfe heißen. Sie gefallen damit spätestens denen, die sich gerade durch ein solch vernichtendes Urteil geschmeichelt fühlen, als Auserwählte gewissermaßen, die Zugang zu den neuen, über das Eingefahrene hinausgehenden Betrachtungen finden. Diesen wird geschmeichelt und sie werden mit ihrem Beifall belohnen. Daß viele gekränkt und daher mißgünstig würden, ist nicht zu fürchten, weil jeder gerne zustimmt, wenn man die Menge für dumm erklärt — und keiner sich angesprochen fühlt.

So ist das Leisten und Rühmen stets eine wechselseitige Schmeichelei: Der Schriftsteller schmeichelt dem Publikum, dieses fühlt sich gehoben und schmeichelt ihm dafür mit Bewunderung, dieser wiederum wird dadurch angetrieben erneut zu schmeicheln, sich neues Lob zu erwerben. Mit jeder Leistung, die wir für andere erbringen, schmeicheln wir uns bei ihnen ein, weil wir bekunden, daß ihr günstiges Urteil uns alle Mühen wert und ihre Urteilskraft bedeutend sei.

Es ist aber nicht zu jeder Zeit so, daß wir uns überwinden müßten andern zu schmeicheln, nur um wieder ihre Liebe und ihr Lob zu erhalten, nein es bereitet uns oft das größte Vergnügen freundlich und hilfsbereit zu sein, uns gar zu opfern. Aber ich würde dennoch sagen, daß der eigentliche Grund dieses Vergnügens in der antizipierten Vorstellung liegt, wie wir dann bei ihnen gelten werden, wie strahlende Sympathie auf ihren Gesichtern, Lob in ihren Gedanken und Gefühlen, wie uns ihre Liebe und Achtung sicher sei. Und diese Vorstellungen können uns geradezu in einen Rausch versetzen, in dem wir dann nichts lieber tun als in unserem gefälligen Tun fortzufahren.

Allerdings gibt es nichts Unangenehmeres, als wenn die andern uns zwingen wollen, sie zu ehren — als hätten wir unsern Lohn schon bekommen und müßten jetzt die Schuld abtragen. So sind Höflichkeitsbesuche oder dem eigenen Weibe Blumen bringen, sie ausführen, mit Händchenhalten und Küsschen Liebe bezeugen, Schmuck und Geschenke kaufen und im Beischlafe nicht säumig werden, manchem eine Pein.

Wie das freiwillige Dienen und Ehren und sich im Widerscheine des so erworbenen Ruhmes Sonnen das größte Glück, so ist das durch moralische oder physische Übermacht erzwungene Ehrenmüssen die unbequemste Last. Dies rührt daher, daß der Mensch in zwei Richtungen strebt: er will gefallen aber zugleich frei sein, vom Urteile der andern zwar emporgehoben aber nicht abhängig sein. Vielleicht werden wir diese, zunächst sich widerstrebenden Ziele einmal zusammenführen und aus einem und demselben Ursprung herleiten.

11. Oktober 2009

Es war eine große philosophische Tat, das Gute, das wir andern tun, um von ihnen gelobt, geliebt, gepriesen zu werden, zu einem Guten schlechthin zu erheben. Dadurch wird es vom Urteil einzelner Menschen und Parteien unabhängig, es kommt nur noch darauf an, einem abstrakten glanzvollen Begriffe, der Gerechtigkeit, der Humanität zu genügen oder einem Gotte zu gefallen. Man kann Ruhm und Ehre erlangen unabhängig von Launen und Parteigeist der uns Umgebenden. Es verspricht Ruhm und zugleich Befreiung von der Willkür anderer.

Platon steigert dies noch, indem er die Richtung umkehrt: Er will nicht das vorhandene Gute, das der Nützlichkeit und des Lobes wegen getan wird, zum Göttlichen erhöhen, sondern vom Göttlichen, vollkommenen Guten als dem Ursprünglichen den Ausgang nehmen. Der Ruhm, den wir bei Menschen suchen, der Nutzen, den wir uns von ihren guten Taten versprechen, sei bloß ein Abglanz dieses Idealen und eigentlichen Guten. Und selbst wenn dieser Abglanz seinen Ursprung oftmals überstrahle, so sei dies nur, weil die Wertschätzungen und Handlungen der Menschen uns unmittelbarer beträfen und wir uns von dieser Nähe und Abhängigkeit blenden ließen — gleich wie der Schnee auch oftmals stärker blendet als die Sonne.

Solche Auffassungen, die sich über das Empirische, Alltägliche erheben, ja das Alltägliche selbst erheben oder gar aus dem Göttlichen herleiten, sind zweifelsohne schön.

Sie sind auch nützlich und helfen, mit ihrer Unparteilichkeit und absoluten Gültigkeit, unsere Forderungen und Ansprüche moralisch zu untermauern und also besser durchzusetzen. Wer mit einem Gott und heiligen Schriften oder der Humanität, Anständigkeit und Gerechtigkeit aufmarschiert, hat eine andere Kampfkraft, als wer mit seinem kümmerlichen Privatinteresse daherkommt.

Aber trotz dieser Freiheit und Schönheit und Nützlichkeit, welche uns diese Idealitäten einbringen, deutet doch vieles darauf hin, daß wir letztlich doch wieder nur auf das Lob der Menschen abzielen. Vielleicht nicht immer bloß das Lob derer, die gerade um uns sind, der Nachbarn, der Freunde, der herrschenden Partei, aber wenigstens derer, die wir auf einem ähnlichen Wege wie dem unsrigen sehen, mögen sie auch derzeit nicht erreichbar, vielleicht nur in vergangenen oder kommenden Generationen anzutreffen sein.

8. Oktober 2009

Beliebtheit, Ruhm, Größe überhaupt, haben wir nur vor andern. Wer sich also schämt, andern gefallen zu wollen, von ihrem Geschmack und Urteil abzuhängen, wer zu stolz ist, ihnen zu schmeicheln, ihre Mißgunst zu fürchten, der wird niemals Ruhm und Größe finden. Denn vor wem sollte er groß sein, wenn nicht vor den andern? Groß vor sich selbst zu sein ist absurd, groß allein vor Gott gibt es nicht, denn die Größe vor Gott ist immer ein Spiegelbild derjenigen vor Menschen — wobei ich nicht rechten würde, wenn jemand dieses Verhältnis umkehrte, zumal es auf dasselbe herauskäme.

7. Oktober 2009

Die Hingabe an die Interessen der Andern, der Familie, Freunde, Partei, Nation wird gewöhnlich als Überwindung des Egoismus gesehen und von den Andern, den Interessierten, verständlicherweise gelobt.

Ich nenne es hier aber nicht Überwindung sondern Erweiterung des Egoismus, weil mir scheint, daß die Interessen des Handelnden dabei sehr wohl mit im Spiele bleiben. Er fühlt sich dann eben als ein größerer, erweiterter Körper und nimmt an dessen Vorteilen und Interessen teil, wie sonst an seinen eigenen. Er beschützt seine Familie, gerät außer sich beim Sieg seiner Fußballmannschaft oder der Armee seines Landes. Es bleibt aber dennoch eine Art Egoismus, weil es außerhalb dieses erweiterten Körpers ja noch die Gegner gibt, an deren Vorteil er sowenig interessiert ist, wie jeder individuelle Egoist am Vorteile der andern.

Wie ich an verschiedenen Stellen bereits bemerkt, ist natürlich jeder Altruismus insofern ein Egoismus, weil der sich Opfernde für sein Opfer immerhin den Ruhm und also seinen Vorteil erwartet, weil ihm dieser offenbar mehr bedeutet als das Geopferte. Doch dieser Handel sei hier nicht gemeint, sondern tatsächlich das Aufgehen, das Sich-Verlieren in den Interessen einer Gemeinschaft, indem deren Interessen tatsächlich die eigenen werden.

Dieser Vorgang scheint einerseits ein Mysterium, ist aber doch so alltäglich wie die Gruppenbildung der Menschen überhaupt. Ob hinter diesem Drang zur Erweiterung des Egoismus, der egoistischen Sphäre auf eine Sippe, auf ein Volk, ein metaphysischer Grund zu vermuten ist, wie Schopenhauer tut, bleibt letztlich offen oder jedem selbst überlassen. Man war allerdings zu allen Zeiten geneigt, in der Nächstenliebe, in der Opferbereitschaft für andere, in der Solidarität, in der Vaterlandsliebe hohe Ideale zu sehen, vermutlich weil von dort auch die stärksten Rührungen, die bewegendsten Augenblicke, die höchsten Glücksgefühle des menschlichen Daseins kommen. Was sonst sollte man einem göttlichen Ursprung, einem metaphysischen Mysterium, einem über allem stehenden humanistischen Ideal zuschreiben, wenn nicht diese rührenden, begeisternden, euphorisierenden Gemeinschaftserlebnisse.

6. Oktober 2009

Die Grundpfeiler des Moralischen:

1.

Alles Moralische bezieht sich auf Nutzen oder Schaden für den Menschen, direkt und indirekt, mit allem, was darunter verstanden werden kann.

2.

Das wichtigste, noch vor den materiellen Gütern, ist dem Menschen seine Geltung bei anderen, sein Rang im Rudel.

3.

In der zivilisierten Gesellschaft ist sein hauptsächliches Kampfmittel, sowohl um sich materielle Güter zu verschaffen, als auch um seinen Rang zu stärken, die Moral mit ihrer Hebelwirkung. Denn Forderungen und Ansprüche, welche moralisch begründet werden, d.h. hinter welchen angeblich die Interessen der ganzen Gemeinschaft stehen, bewirken unvergleichlich mehr als die private egoistische Forderung des Einzelnen.

4.

Des Menschen Interessensphäre endet nicht immer an den Grenzen seines Egos, sondern wird bisweilen erweitert auf den eigenen Nachwuchs, die Familie, die Sippe, das Volk, die Partei, die Kampfgemeinschaft. Ein solchermaßen erweitertes Ego steht aber zum Rest der Welt, insbesondere seinen Feinden, in eben demselben Verhältnis wie normalerweise das individuelle Ego gegen den gesamten Rest. Die Eigennützigkeit bleibt dieselbe, bloß die Anzahl derer, welche einen bestimmten Nutzen für sich haben wollen, vergrößert sich durch die Vergrößerung der Gruppe.

Aus diesen vier Eckpfeilern sollte sich die ganze Moral und die meisten moralischen Phänomene beschreiben und erklären lassen. Erklären freilich nur bis zu diesen Eckpfeilern, denn wie diese wiederum zu erklären sind, bleibt unergründlich wie die Schwerkraft, die elektrische, die magnetische Kraft, ja wie die Natur überhaupt.

5. Oktober 2009

Der Mensch will sich hervortun, besser sein als andere. Am meisten Vergnügen bereitet es ihm in Gemeinschaft: Gemeinsam besser sein als der Rest, sich darüber auszutauschen, wechselseitig zu bestärken — es ist sein göttlichstes Vergnügen.

Deswegen Parteien, Vereine, Sekten, Glaubensgemeinschaften, Nationen, und bereits die Familie ist eine solche „bessere“ kleine Gemeinschaft. Sich abzugrenzen, sich erheben, es ist des Menschen größte Leidenschaft. Meist im Verband, selten als Einzelkämpfer — denn da ist Erhöhung erstens schwer zu erlangen, zum zweiten meist mit Einsamkeit verbunden, des Menschen größte Furcht. Wenn allerdings erlangt und eine gewisse Einsamkeit in Kauf genommen, dann ist keine Erhöhung bedeutender als die des Einzelkämpfers.

5. Oktober 2009

Manche meinen, zuerst hätten die Menschen um des Nutzens wegen, also um eines bestimmten materiellen Vorteils willen anderen gefallen wollen, hätten sich dann an die Verbindung des Nutzens und Gefallens gewöhnt und schließlich auch am bloßen Gefallen ihr Vergnügen gehabt, und daraus sei das Gefallenwollen um seiner selbst willen, also die Eitelkeit, entstanden.

Ich vermute aber, es sei umgekehrt: Das Gefallenwollen, das Geltenwollen, das im Verhältnis zu andern im Range möglichst Hochstehenwollen ist das Elementare, demgegenüber sämtliche materielle Vorteile, zuweilen gar die der nötigsten Nahrungsaufnahme, hintenanstehen.

Dafür spricht auch, daß der Mensch oft eher den Tod in Kauf nimmt, als daß er die Einbuße seines Ansehens leiden wollte, und daß er selbst auf dem Sterbebett, wo die Nahrungssicherung und ähnliches überhaupt keine Rolle mehr spielt, dennoch mit seinem Nachlaß ideeller und materieller Art gar sehr beschäftigt ist, weil er sich vorstellt, wie die andern ihn nach seinem Tode weiter schätzen werden.

3. Oktober 2009

Unter gesitteten zivilisierten Leuten gilt Rache heute als Rohheit, als ein Aufquellen dunkler bösartiger Triebe, die wir am liebsten in alttestamentliche oder mittelalterliche Ritterzeiten oder wenigstens an Mohammedaner verweisen würden. Einzelnen gestehen wir sie wohl zuweilen zu, freuen uns gar in Sympathie mit ihrer Leidenschaft, doch aus dem Gerichts- und Strafwesen wollen wir sie gänzlich verbannen.

Strafe sei kein Bezahlen für ein Unrecht, sondern diene allein der Abschreckung und Vermeidung noch nicht begangenen Unrechts, Rache hingegen ein Hängen an Vergangenem, nicht mehr zu Änderndem. Der vernünftige Mensch blicke aber in die Zukunft und sehe darauf, wie er künftiges Unheil verhindern könne.

Andere gehen soweit zu sagen, den Täter treffe selbst gar keine Schuld, weil er durch die Umstände und Motive unausweichlich zu seiner Tat getrieben worden und es also nichts zu rächen, d.h. heimzuzahlen gäbe, sondern nur durch genügend starke Gegenmotive, in Form angedrohter Strafen, er und ähnlich Gefährdete vom Verbotenen abzuschrecken seien.

Und schließlich manche Christen, Buddhisten, Pazifisten, die selbst ihren Feinden nichts zu Leide tun wollen und sich lieber noch die zweite Wange zerschlagen lassen. Auch Mitleid mit dem Delinquenten, der seine Tat so teuer bezahlen muß, ist hier im Spiele: Man versetzt sich selbst in seine Lage und muß eingestehen, daß man vielleicht ebenso hätte handeln können — und dann eine ebenso schwere Strafe leiden müßte, samt der damit verbundenen gesellschaftlichen Schmach. Das Mitleid ist ja oft nichts Anderes als die Vorstellung, das Leiden des andern könne uns selbst einmal treffen, und daraus entsteht die Furcht, daß wenn wir jetzt zu streng und gehässig mit den Tätern verfahren, es uns dann nicht besser ergehen werde.

Alle solche Positionen haben, neben Vornehmheit, philosophischer Erkenntnis, religiöser Erwartung, Menschenfreundlichkeit und Milde durchaus auch Gründe bloßer Vernunft auf ihrer Seite: Das Strafen, Heimzahlen, Rächen nämlich erregt oftmals so sehr die Gemüter, sowohl der zuerst Geschädigten als auch derer, denen jetzt, zum Ausgleich, geschadet werden soll, und erweckt solch böse Leidenschaften, daß am Ende für beide Parteien der Schaden größer ist, als wenn man der Sache gütig begegnet wäre. Vor allem die privat geübte Rache schlägt leicht über alles Maß hinaus, führt zu Mord, Duell und Vertilgung ganzer Familien.

Man ist deswegen dazu übergegangen, das Rächen in seinen schwereren Formen ganz in die Hand des Staates zu geben und also in geordnete Bahnen zu leiten. Durch das öffentliche Straf- und Gesetzeswesen soll die Rache beherrschbar werden. Im übrigen bleibt es aber doch Rache, d.h. Bezahlen, Ausgleichen von Nachteilen, Kränkungen und Beschädigungen. Und dies ist nicht nur Ausdruck blinder Leidenschaft, nicht nur Durst, dem Übeltäter zu schaden ohne dem Rächer zu nützen, ja ohne irgendwem zu nützen, sondern bringt sehr wohl einen großen Vorteil und zwar auf einer Ebene, die uns bei weitem wichtiger ist, als materielle Güter: Ehre, Rang und Ansehen gelten den Menschen gewöhnlich mehr als Geld und greifbare Dinge, und wenn bereits bei diesen jede Beschädigung eine Wiedergutmachung sucht, so umso mehr bei jenen.

Wer in mein Haus einbricht und mich bestiehlt, hat mich nicht bloß um ein paar Geldscheine oder Gegenstände gebracht, nein er hat mich gedemütigt, weil er sich über mich erhob und mir Gewalt antat. Ich bin wütend, nicht weil er mir dieses und jenes Ding genommen, welches womöglich leicht zu ersetzen, sondern weil er sich herausgenommen, über das Meinige — über mich — zu verfügen. Er hat sich über mich gestellt und mich, neben der Beleidigung, in Angst versetzt. Deshalb will ich ihn jetzt unter mich gestellt sehen, um die Beleidigung zu tilgen und mich in meiner Angst zu beruhigen.

Die selbe Wut kocht, wenn ein Volk von einem fremden Heere überfallen wird: Es ist nicht bloß der reale Schaden — welcher sich ja gar nicht bemessen läßt — es ist die Demütigung, die schmerzt. Würde der Aggressor noch gar Geschenke und Wohltaten bringen, er hätte doch einen schweren Stand, diese Demütigung zu löschen.

Auch wenn bloß andere in ihrem Gut und ihrer Stellung beschädigt wurden, ist das doch indirekt ein Angriff auf uns selbst. Wenn ein Dieb durch die Gegend zieht und Bürger meinesgleichen beraubt, so fühle ich mich selbst in meinem Rang, meiner Ehre, meinem Gut bedroht, ja fast schon selbst geschädigt, weil er diejenigen, die demselben Range, derselben Klasse angehören, geschädigt hat. Es ist erniedrigend und beleidigend, daß einer dergleichen tut, also muß er bestraft, muß die Tat gerächt werden, damit seine Erhöhung und unsere Erniedrigung wieder ausgeglichen werde.

Gerichtliche Strafe ist Rache des Staates, d.h. an die Richter und Gefängniswärter delegierte Rache der Bürger — es entsteht dasselbe Verhältnis wie zwischen verfeindetet Familienclans: die Verbrecher auf der einen, die übrigen „anständigen“ Bürger auf der anderen Seite.

Selbst die jenseitigen Gerichte der verschiedenen Religionen sind nichts anderes als ein Delegieren der Rache — wenn nämlich die irdischen Mittel nicht hinreichen, den Beleidigten Genugtuung zu verschaffen. (Nebenbei dienen die Höllen wohl auch dazu, das Selbstgefühl der Glaubensgemeinschaften zu heben, indem sie sich genugtun in der Vorstellung, wie Gegner, Abtrünnige und sie jetzt Verhöhnende dereinst im ewigen Feuer braten werden, während sie selbst im Himmel jubilieren — aber auch dies nichts Anderes als vorweggenommene Rache.)

Der Verbrecher hat mit seiner Tat anderen geschadet, sie in ihrem Rang und Gut beeinträchtigt; um dieses zu reparieren, soll nun ihm geschadet, soll er beeinträchtigt und herabgesetzt werden, und dies geschieht durch Strafe, Rache, Vergeltung. Dieser natürliche und in gewissem Sinne vernünftige Aspekt der Strafe hat sich bis heute im Gerechtigkeitsgefühl der Menschen erhalten. Auch wenn die Blutrache in zivilisierten Völkern abgeschafft wurde, so wird immer und von allen die Strafe als ein Racheakt empfunden, als eine Rückerstattung des Vorteils, in den sich der Verbrecher gebracht, indem er gestohlen, geschlagen, gemordet hat. Ein Ausgleich der durch die Untat entstandenen Machtverschiebung wird durch die Vergeltung vollzogen.

14. September 2009

Lüge und Eidbruch ist ein Zeichen von Furcht, denn der Souveräne würde nicht zu solchen Ausflüchten greifen, sondern in aller Gelassenheit bei der Wahrheit bleiben. Wir aber fürchten Entdeckung unserer Schwäche, materielle Einbuße, des Andern Unwille und Gegenschlag, und also lügen wir jeden Tag, meist ohne es selbst zu bemerken oder wahrhaben zu wollen.

Aber Wahrheitsliebe ist vielleicht ebenso Furcht — Furcht vor Entdeckung unserer Lüge und den Folgen: Verachtung, Vertrauensverlust, übler Ruf, Verstoßung aus der Gemeinschaft. Der wahrhaft Souveräne, wenn es ihn denn gäbe, bräuchte sich vor solchen Konsequenzen nicht zu fürchten, würde allein tun und sagen was ihm gut und nützlich schiene. Weil es ihn aber nicht gibt, den wahrhaft Souveränen, und weil wir alle gar sehr voneinander abhängen, von Vertrauen und wechselseitiger Achtung, so fahren wir meist besser, bei der Wahrheit und unseren Eiden treu zu bleiben und erreichen damit, wenn nicht eine absolute, so doch eine teilweise Souveränität.

8. September 2009

Geschätzten Menschen gefällig sein, unparteiisch und gerecht an menschlichen Konflikten teilnehmen, weder Neid noch Geiz verspüren, das Seinige gerne teilen, andern das Ihrige gönnen, weniger Bedürfnisse als Mittel haben und damit in keiner Versuchung der Bestechlichkeit, des Betruges oder Diebstahls stehen — es ist das Höchste, was ein Mensch erreichen kann an Freiheit und Souveränität. Allseitige Achtung und Beliebtheit wird er im Überfluß genießen, Ängste vor anderer Mißgunst oder polizeilicher Verfolgung weit entfernt sehen.

Ist solche Tugend nun bloß egoistisch, um der genannten Vorteile Willen, oder leitet sie sich her aus höheren Quellen, geistigen Idealen, Befolgung göttlicher Gebote? — Eine Antwort ist im Grunde überflüssig, denn es steht fest, daß der auf diese Weise Tugendhafte den höchsten Menschen erreichbaren Zustand und also das höchste Glück erringt. Er tut, indem er anderen Freude macht, was ihm selbst Freude macht. Ob ihn dabei hauptsächlich sein eigenes Tun beglückt oder die Freude der andern oder das Wohlwollen der andern auf Grund ihrer Freude oder gar die Befriedigung, ein höheres Gesetz befolgt zu haben, das ist letztlich von keiner Bedeutung.

Im Grunde sind ja sämtliche Morallehren egoistisch motiviert, indem überall die Seligkeit, die Freiheit, die Befreiung von irdischen Plagen, die Selbstfindung und das „Mit sich selbst im Reinen Sein“ als Lohn und einziger Weg zum Glück des Tugendübenden angegeben wird. Kaum ein Religionsgründer oder Moralphilosoph wird bislang so kühn gewesen sein, das Wohl der Anderen zum alleinigen Ziel zu setzen, ohne dem Tugendhaften sein Glück, oder wenigstens die Überwindung seines Unglücks, in Aussicht zu stellen. Insofern also: Jede Moral ist im letzten Grunde auf Egoismus gebaut.

30. August 2009

Natürlich sagen die Menschen, man solle tugendhaft d.h. nicht egoistisch sein, weil sie lieber wollen, daß man sich um sie sorgt als um sich selbst. Aber der Mensch will auch tugendhaft sein, weil sein größtes Glück, größer als alle materiellen Güter, darin besteht, von andern geliebt und respektiert zu werden, einen hohen Rang in der Gemeinschaft einzunehmen, also mächtig zu sein, gefeiert zu werden, Ruhm zu erlangen, gar über den Tod hinaus. Diese Dinge machen den Menschen glücklicher als alles andere, und weil er sie nur durch Dienst und Opfer an anderen erreichen kann, so ist nichts natürlicher, als daß er nach Tugend strebt. Es geschieht dies letztlich zwar ebenso aus Egoismus, weil es ihm ja um sein Glück zu tun ist, aber, indem dabei gleichzeitig Vorteil und Glück der andern befördert wird, sieht man über das Egoistische daran meist hinweg.

Der Mensch kann nichts Vorteilhafteres, nichts Größeres für sich selbst tun, als andere zu lieben, anderen zu dienen, seine Kräfte und Talente für andere einzusetzen — weil ihm nirgendwo so viele Anerkennung, in gleich welcher Form, zu teil wird, und weil diese Anerkennung sein Glück weit mehr befördert als alle materiellen Güter. Und selbst die materiellen Güter scheinen ihn hauptsächlich dadurch zu beglücken, daß sie ihm wiederum Bewunderung und Ansehen bei andern verschaffen. — Allerdings bringen sie oft auch Neid und Mißgunst und damit wenig Glück, nämlich wenn die andern nicht davon profitieren und den Besitzer also nicht loben werden.

Es kann dem Menschen also in zweifacher Weise empfohlen werden tugendhaft zu sein: Zum einen natürlich empfehlen es die andern, weil sie selbst ihren Vorteil davon haben. Sodann empfiehlt sich die Tugend selbst, weil nur durch Tugend, durch Dienst und Opfer dasjenige erreicht wird, was dem Glück am förderlichsten ist, nämlich die Anerkennung und Liebe der andern.

Aller Dienst an andern hat etwas Großes, ja ist das Größte, weil der Mensch nichts so sehr sucht und nichts sein Glück so sehr befördern kann, als ihre Anerkennung. Das Tugendhafte, das Gute, das Große würde man gerne aus einem metaphysischen Mysterium herleiten und hat dies auch zu allen Zeiten getan. Es ergibt sich aber bereits aus bloßer Beobachtung der Realität: Das größte Glück des Menschen ist die Anerkennung der andern, diese Anerkennung erhält er nur durch Dienst und Opfer.

Das Mysterium scheint dadurch herabgezogen und banalisiert, die Sache selbst aber bleibt dieselbe. Auch wird allezeit bleiben, daß man den Dienst und das Opfer mystifiziert und wiederum mit vollem Recht, denn das Größte, das Glückbringendste des menschlichen Daseins hat solche Mystifikation durchaus verdient — was sonst, wenn nicht dieses.

Jedem, der geliebt werden oder zu Macht und Ansehen gelangen will, kann nur empfohlen werden, sich der Tugend, in gleich welcher Form, zu befleißigen. Denn er wird‘s auf anderm Wege nimmer erreichen. Könnte er sich mit bloß materiellen Gütern begnügen, so würde ihm auch mit reinem Egoismus geholfen sein, aber ich bezweifle, daß es einen solchen gibt. Denn nicht bloß in unserer menschlichen, schon in unserer tierischen Natur ist das Bedürfnis nach anderer Schätzung angelegt als Hauptquelle aller Befriedigung und allen Glücks. Man muß als wahrer Egoist Altruist sein, im eigenen Interesse den andern dienen, zur eigenen Verwirklichung sich andern opfern.

Nehmt alles hinweg, den göttlichen Ursprung der zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe, sämtliche Idealitäten des Humanismus, die Vernünftigkeit des Kategorischen Imperativs, alle Mysterien des Edlen, Heldenhaften und Opferbereiten — so bleibt doch immer übrig, daß alles Moralische die wichtigste, die bedeutungsvollste Sache im menschlichen Leben ist, die tiefste und hauptsächlichste Quelle allen Ärgers, aller Freude, allen Leids und allen Glücks. Mag es von Gott kommen, von der Vernunft oder unseren einfachsten tierischen Instinkten entstammen, es bleibt doch die Hauptsache unserer Existenz, und keiner, so viele es schon versucht, kann sich davon lösen. Selbst der große Unterschied der moralischen Werte zwischen den Kulturen und Zeitaltern tut der Bedeutung und Wichtigkeit des Moralischen keinen Abbruch, und es hängt auch nicht an den einzelnen Gesetzen, sondern am jeweiligen Nutzen und Schaden für die jeweilige Gemeinschaft, und der kann in der einen Gemeinschaft durch dieses Gesetz, in einer anderen durch ein anderes, womöglich dem ersteren widersprechendes, am besten befördert werden.

18. August 2009

Neben dem Geltungsdrang und der Furcht vor Zurücksetzung, welche vielleicht die hauptsächlichen Antriebe unseres Handelns sind, gibt es durchaus auch die Mitfreude am Glück der Andern und ein Vergnügen, ihnen Freude zu bereiten, Freundlichkeiten und Liebenswürdigkeiten über sie auszugießen, Phantasien, wie herrlich es sein müßte, sie mit Geldgeschenken und allerlei Wohltaten zu überhäufen. Solche Anwandlungen sind häufiger als vermutet und durchaus herzlich und echt — und es tut dem Glück, welches sie dem Beschenkten wie auch dem Schenker gewähren, gar keinen Abbruch, wenn dahinter Ruhmsucht steckt und selbstgefälliges Bespiegeln in dankbaren Gesichtern.

17. August 2009

Wenn wir in den Menschenstrom einer großen Stadt eintauchen, kann uns leicht schwindeln in den Duftwolken der Parfüme, den aufreizenden Masken von Kosmetik, den brünstigen Kleidern und raffinierten Enthüllungen der Mode. Wenn man überhaupt noch zur Besinnung findet, so kommt vielleicht der Gedanke, daß die Natur diesen ungeheuren Aufwand benötigt, um den Sexualtrieb lebendig und somit die Fortpflanzung in Gang zu halten. Auch in der Pflanzen- und Tierwelt finden wir ja einen unerschöpflichen Reichtum an Formen, Farben und Düften und sehen kein anderes Motiv und Ziel als Begattung und Reproduktion.

Obschon vielleicht auch beim Menschen der letzte Grund für all diesen Aufwand die Fortpflanzung sein mag, scheinen doch zunächst, zumindest in seinem Bewußtsein, andere Motive ebenso stark und noch durchgängiger zu wirken. Es sind dies der Geltungswille, das Bemühen um Ansehen, Einfluß und Macht, wie auch andererseits die Furcht vor Erniedrigung und Verachtung.

Die Menschen sind ja nicht fortwährend mit der Vorbereitung und Anbahnung des Beischlafes beschäftigt. Auch beim Ankleiden und Schminken, Frisieren und Waschen denken sie nicht ausschließlich daran; sehr wohl aber, wie sie ankommen werden bei den Artgenossen insgesamt (nicht bloß bei Sexualpartnern, sondern auch bei Gleichgeschlechtlichen), denen sie allesamt versuchen, den Rang abzulaufen, sie auszustechen — nicht bloß hinsichtlich des Beischlafes, sondern hinsichtlich des Ranges in der Gesellschaft.

Dabei hat freilich die erotische Wirkung auf mögliche Geschlechtspartner eine starke, aber eben oft bloß indirekte Wirkung: Ein Mann, der einnehmend oder gar erotisch auf Frauen wirkt und erfolgreich erobert, erntet damit, neben dem Neid, auch Autorität in den eigenen Reihen, weil viele in seinem Fahrwasser mitschwimmen wollen und fürchten, falls sie ihm nicht dienstbar sind und gefallen, sie auch bei den Frauen sinken könnten.

11. August 2009

Mit Anführung der prägnanten und trefflichen Stellen aus Paul Rées „Psychologischen Betrachtungen“ habe ich meine Wertschätzung dieses zu wenig beachteten Schriftstellers genügend bewiesen, als daß die folgende Kritik als Mißbilligung seiner Arbeiten im Ganzen aufgefaßt werden könnte.

Wir sahen, wie er mit scharfem Blick unsere Handlungen und Empfindungen ihrer sentimentalen Hülle entblößt und zeigt, wie dort, wo von Tugend, Mitgefühl, Achtung und Liebe die Rede ist, in Wahrheit der Egoismus oder wenigstens der Geltungsdrang die heimlichen Fäden zieht.

In einer weiteren Schrift will er nun den Ursprung des Gewissens und damit der Moral überhaupt aufspüren und versucht die Lösung der alten und ewigen Frage der Philosophie, ob moralische Werte absolut seien oder von der Zeit, der Nation, der Kultur, der Meinung und Laune abhingen. Seine zahlreichen Vorgänger, welche durchaus zur zweiten Ansicht neigen, versucht er damit zu übertreffen, daß er nicht bloß den Egoismus als hinter der meisten Moral stehend entlarvt und nicht bloß die Wandelbarkeit der moralischen Werte beweist, sondern zeigen will, daß selbst die Verbindung: „egoistisch ist schlecht, unegoistisch gut“, auf reiner Gewohnheit und Erziehung beruhe, mit der Natur aber nicht das Mindeste zu tun habe.

Wenn uns diese Verbindung dennoch so geläufig sei, so rühre dies nur daher, daß man in Kulturen wie der unsrigen, auf Grund gewisser Nützlichkeitserwägungen, das Egoistische als das Schlechte vom Unegoistischen als dem Guten unterschieden und seither diese Wertung der Handlungen von Generation zu Generation tradiert und, indem sie stets von Kind an eingeprägt, schließlich unerschütterlich befestigt habe.

Auch jetzt noch dränge diese Unterscheidung von Jugend an auf uns ein. Stets hörten wir den Selbstlosen gelobt, den Egoisten getadelt. Die Bücher, welche wir läsen, die Schauspiele, welche wir sähen, stellten denselben Gegensatz dar, und endlich lehrte man uns auch direkt, daß Uneigennützigkeit, Mitleid, Wohlwollen, Aufopferung gut, Hartherzigkeit, Neid, Schadenfreude schlecht seien.

Wüchse jemand aber unter genau entgegengesetzten Verhältnissen auf, hörte er von Jugend an Hartherzigkeit, Neid, Schadenfreude gut genannt und gelobt, die Selbstlosigkeit hingegen schlecht und getadelt, würde ihm auch direkt eingeprägt, daß es löblich sei, möglichst viele seiner Mitmenschen umzubringen oder sonst zu schädigen, zu ärgern, zu quälen, während es schlecht und verwerflich sei, den Regungen des unegoistischen Triebes nachzugeben und für andere zu sorgen, dränge diese Unterscheidung auch durch Bücher und Schauspiele immer wieder auf ihn ein, so würde es ihm natürlich werden, die Jagos, Richards, Gonerils lobenswerth und gut, die Posas schlecht zu nennen.

Hier jedoch hat sich Rée, wie mir scheinen will, von der Schlüssigkeit und Klarheit eines Gedankenkonstruktes verleiten lassen und, wie es so vielen vor ihm ergangen, einen gründlicheren Vorstoß in die Tiefe vorzeitig abgebrochen.

Er leitet das moralische Gefühl von der Erziehung und der Gewohnheit her, also gewissermaßen postnatale Bedingungen, während es in Wahrheit aus der instinktiven Furcht der Menschen voreinander und ihrer Hoffnung auf Anerkennung voneinander abzuleiten ist; Bedingungen bzw. Kräfte, die einem Instinkte gleichkommen und im Grunde bei den Tieren ebenso vorzufinden sind — auf die durch Erziehung nur wenig eingewirkt werden kann.

Mord und Diebstahl sind Angriffe auf andere Personen und stellvertretend auf die ganze Gesellschaft; ein abscheulicher Mord verbindet die Individuen, sie fühlen sich in ihrer Gesamtheit angegriffen und bedroht — in gewissem Sinne auch beleidigt, da einer sich erlaubt, ihr Gesetz zu mißachten und ihre Ruhe zu stören.

Diesen Angriff wollen sie abwehren oder rächen, die Mittel dazu sind Drohungen und Strafen; moralische Urteile sollen den Drohungen Gewicht verleihen und die Strafen zusätzlich begründen und rechtfertigen.

Die Frage, ob ein Mord an sich eine „schlechte Tat“ sei, stellt sich aus dieser Betrachtungsweise gar nicht. Er ist ein Angriff auf andere und wird entsprechend abgewehrt, verbal durch moralische Verurteilung (Drohungen aller Art), real durch ausgeführte Strafmaßnahmen.

Es handelt sich bei alldem um Angriff, Abwehr, Gegenangriff, Provokation, Rache, um ganz reale Vorgänge also, welche ohne alle Moral ebenso stattfänden, die selbst unter Tieren stattfinden, und die beim Menschen nur insofern verfeinert sind, als er sie mit dem feinen Spinngewebe des Moralischen umhüllt. Die Frage, ob die „böse“ genannten Handlungen an sich verwerflich seien, ist daher eine überflüssige Frage: Es sind Angriffe, die eine Abwehr provozieren, die Waffe der Abwehr ist, in der zivilisierten Welt, hauptsächlich die Moral.

Darüber, wem welche Handlung schadet, gibt es freilich viele unterschiedliche Auffassungen zwischen den Individuen, zwischen den Sippen, den Völkern, den Kulturen, den Zeitaltern. Doch sie alle verbindet, daß dem jeweils eigenen Kreise schädliche Handlungen als schlecht, als böse bezeichnet werden, und wenn auch Erziehung und Gewohnheit dabei hilft, diese Einteilungen zu festigen und zu tradieren, so ließen sie sich doch nicht abschaffen oder gar umkehren durch eine andersartige Erziehung. Denn die Basis, die Schädlichkeit für Mitglieder des eigenen Kreises, diese Basis bleibt immer dieselbe.

Wen zu töten verboten ist, wen erlaubt, wen zu töten gar als Heldentat gefeiert wird, davon mag es alle Variationen geben, und diese werden entsprechend in den Gesellschaften durch Erziehung und Gewohnheit gefestigt. Wenn wir aber diejenige Tötung als „Mord“ definieren wollen, durch welche sich ein Gesellschaftskreis geschädigt sieht und sie deswegen verurteilt und verbietet, so ist, in diesem Sinne, der Mord überall gleichermaßen verboten und gilt, weil der Mensch sich beim Fechten am liebsten der Moral bedient, als „böse“.

Das wird immer so sein und überall, und die Frage, ob es ein an sich Böses gebe, oder man, in einer konstruierten erfundenen Gesellschaft, die Dinge auch auf den Kopf stellen könnte, hat im Grunde so wenig philosophischen Gehalt, als die Frage, wie die Menschen sich verhalten würden, wenn es kein Licht gäbe und ewige Finsternis herrschte, oder wenn sie keine Sprache hätten. Man könnte sie ja durchaus von Geburt an in eine dunkle Halle sperren, sie keine Sprache lehren und dann mit Nachtsichtgeräten beobachten, was aus ihnen würde. Aber das wäre ja ein ganz unsinniges Experiment, dessen Ergebnisse sich auf die herrschenden Gesellschaften in keiner Weise anwenden ließen.

Es ist natürlich klar, worum es Paul Rée zu tun ist, worin das Motiv seiner Konstruktionen liegt: Er will sich, wie so viele Philosophen, ja wie fast alle Menschen, vom unbequemen Drucke der Moral befreien, und weil die Moral einen so absoluten Anspruch erhebt, gar mit übermenschlichen, himmlischen Heeren und Feldherren verstärkt wird, will er dieser Übermacht durch seine Entlarvungen entkommen. Nicht vor allen Menschen soll sie entlarvt werden, aber vor den denkenden, den Philosophen, den Seinesgleichen. Diese, so hofft er, könnten sich von dem Alp befreien und also mit größerer Gelassenheit den ewigen Vorwürfen, Drohungen und Keifereien entgegensehen. Es ist sicher ein verständliches Anliegen, und jeder mag solche Wünsche hegen. Es ist auch sehr angemessen, solche moralische Relativierung auf einzelne Werte anzuwenden und sich nicht von jedem Vorwurf, der über uns hereinfällt, irre machen zu lassen. Nur, die Frage nach der Moral überhaupt, die Tatsache, daß es Gut und Böse gibt, läßt sich damit nicht in Frage stellen. Gut und Böse ist sozusagen eine Kategorie, die uns a priori gegeben ist — entstanden aus dem Willen, da zu sein, sich zu behaupten, sich durchzusetzen — neben Zähnen und Klauen das feinere Werkzeug dieses Willens.

Selbst der extreme Wirtschaftsliberalismus, der dafür eintritt, ein jeder solle vor allem sein eignes Interesse befördern, gibt als Grund und Absicht dieser Maxime an, daß gerade dadurch das allgemeine Wohl am besten gefördert sei, indem die Menschen niemals so viel zu Stande brächten, als wenn sie ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgten. Sie würden dann, zunächst jeder für sich, einen solchen Überfluß produzieren, daß am Ende für alle reichlich vorhanden wäre; hingegen, wenn jeder für die Allgemeinheit sorgen müsse, geschähe dies mit so lauem Eifer, daß alle in der Not schmachteten. Also selbst hier, wo der Egoismus gelobt wird, sieht man ihn nur als Mittel, das allgemeine Wohl aber als Zweck.

Jede Sippe oder Gesellschaft muß das rein egoistische Handeln als ihr schädlich empfinden und also bestrafen, als böse verurteilen etc. Deswegen mag Rée im Einzelnen wohl Recht haben, daß die Moralvorstellungen durch Gewohnheit und Erziehung in uns kommen und verankert werden. Im allgemeinen jedoch, d.h. hinsichtlich des Egoistischen und Unegoistischen liegt er falsch.

Er meint, die Definition des Egoistischen als „schlecht“ und des Unegoistischen als „gut“ sei nur eine willkürliche Festlegung und nur deswegen so innig von uns geglaubt, weil eben von Jugend an uns vorgehalten und eingetrichtert. Man könne uns, durch eine umgekehrte Erziehung, vom Umgekehrten ebenso innig überzeugen, daß also das Egoistische das Gute, das Unegoistische das Schlechte sei.

Aber selbst wenn dies nun theoretisch vorstellbar wäre, so ist eine Gesellschaft, in der es tatsächlich geschähe, doch ganz außerhalb aller Natur und jedenfalls ein reines Gedankenkonstrukt. Denn unter allen gegenwärtigen und aus der Geschichte überlieferten Gesellschaften und Kulturkreisen ist ein solches Ding nicht aufzufinden. Immer ist das Gute, auch wenn es im einzelnen Fall das Gegenteil sein mag, von dem was in unseren Kreisen für gut befunden wird, etwas, das dem dortigen Kreise als nützlich erscheint (nützlich dem Kreise, nicht bloß dem Einzelnen).

Wo der Kindermord Sitte war, wie in Sparta als man schwächliche Neugeborene im Gebirge ausgesetzt, wo das Verspeisen der Alten und Kranken zur Reinigung der Gesellschaft diente, wie beim indischen Volk der Padaier, da überall würden wir, dort aufgewachsen, dasselbe für tadelnswert und lobenswert empfinden — aber immer etwas vermeintlich der Sippe Nützliches! Kaum wird in einer Sippe lobenswert gelten und den Kindern von klein auf gepredigt werden, was der Sippe offensichtlichen Schaden zufügt. Zumindest wird man in dem Glauben an die Nützlichkeit sein.

Rée mag Recht haben, daß bei den einen das Menschenfressen als große Tat gilt, bei den andern als scheußliches Verbrechen, ebenso das ungesunde Kinder Aussetzen, das Feinde oder Fremde zerstückeln oder was immer an Sonderbarem aufzufinden ist. Niemals und nirgendwo wird aber als gut empfunden und gelobt werden, was den Mitgliedern der eigenen Gruppe schadet. Der extreme Egoismus jedoch schadet den andern um des Einzelnen Vorteils willen.

Ich bestreite daß, wie er meint, die Menschen auch anders erzogen sein könnten, nämlich von Kindheit an dazu, das Egoistische für lobenswert, das Unegoistische für schlecht zu halten. Das wäre nämlich, wenn überhaupt, nur durch vollkommen künstlich geschaffene Verhältnisse möglich, bei einem Kaspar Hauser etwa, in einer realen Gesellschaft aber nie. Denn hier wird, schon wegen des vorherrschenden Egoismus, jedes Einzelnen und aller zusammen, immer der Egoismus schlecht angesehen sein, denn jeder fürchtet, daß wenn alle andern nur ihren Egoismus lebten, er selbst dabei am schlechtesten wegkäme.

Wenn aber Verhältnisse immer und überall dieselben sind und nur durch allerkünstlichste Einrichtungen, ja fast nur theoretisch oder in einzelnen Fällen, anders gemacht werden könnten, so würden diesbezügliche Experimente für den praktischen Gebrauch überflüssig und ihr Erkenntniswert nichtig.

Seit je her ist „Egoismus“ und „verwerflich“ für die Menschen eine zusammengehörige Vorstellung, weil der Egoismus ihrer Glückseligkeit schädlich ist. Ob, darüber hinaus, der Egoismus noch irgend etwas Schlechtes an sich hat, ist dann eine weitere Frage, die aber im Grunde keine Relevanz mehr hat, denn alle wesentlichen Folgen dieser Verbindung „Egoismus und verwerflich“ sind bereits gegeben, indem der Egoismus verurteilt und bestraft wird, indem eine Moral angewandt wird, um den Menschen Angst einzuflößen, ihren Egoismus auszuleben. Ob das Böse dann noch aus einem anderen höheren Grunde böse sein könnte, hat für den Menschen keine reale Konsequenz.

Daß der Mensch sich unter Umständen bereden läßt, nicht nur die Maßnahmen seiner Zeitgenossen, sondern noch die seiner Ahnen und Nachfahren in vorgestellten Welten, die Strafgerichte von Göttern und die Feuerqualen der Teufel zu fürchten, ist im Grunde nur eine Verstärkung und Verfeinerung der ohnehin vorhandenen Druckmittel.

10. August 2009

Meine Darstellung muß nicht als eine Widerlegung Gottes und seiner sittlichen Vorgaben aufgefaßt werden, sie heißt nur, daß auch ohne den Glauben an Gott, unter Atheisten, die moralischen Regulative in genau der selben Weise funktionieren, ja in gewissem Maße auch bei Tieren zu beobachten sind — weil sie sich aus der Natur, aus dem Willen zum Dasein, dem Willen zur Macht, dem Geltungsdrang, dem Trieb zur Selbstbehauptung ebenso ableiten lassen, wie aus dem höheren Willen eines Schöpfers.

3. August 2009

Um zu zeigen, daß auch im letzten Falle moralischer Handlungen und Beziehungen noch gegenseitige Unterdrückung, Hervortunwollen, Rangbehauptung oder -steigerung zur Wirkung komme, werde ich nicht endlose Beispiele und Erläuterungen anführen.

Derjenige Leser, dem diese Betrachtungsweise einleuchtet, wird sich selbst genügend Fälle als Beispiel und Zeugnis vor Augen führen — wem sie jedoch nicht gefällt, der wird auch nach noch so vielen Beispielen andere Beispiele zur Widerlegung suchen.

29. Juli 2009

Das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist eine künstliche Wunschkonstruktion. Es mag zwar real bisweilen vorkommen, daß einer einen andern liebt wie sich selbst, etwa eine Mutter ihr Kind; aber sie liebt in diesem Maße eben wirklich nur ihr Kind und wird jeden, der ihm etwas zuleide tut, noch mehr hassen als hätte er es ihr getan. Alle Menschen so zu lieben, ist ganz und gar gegen die Natur und wurde selbst von Jesus in keiner Weise praktiziert. Im Gegenteil, er war vor allem selbstverliebt und hielt sich gar für den Sohn Gottes, tadelte die andern immerfort und versprach ihnen Untergang und ewige Höllenqualen, gegen die seine eigene Märtyrerpein fast wie Belohnung aussah — zumal sie nicht wenig seiner Eitelkeit und Ruhmbegierde entgegenkam.

22. Juli 2009

Die Grundpolarisierung ist Nutzen und Schaden. Im Zwischenmenschlichen, Geselligen entsteht daraus Moral, indem „nützlich für andere“ höher gewertet wird als „nützlich für sich selbst“. Darin stimmt jeder gerne zu, weil er ja Interesse hat, daß die andern nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere — also auch für ihn — tätig sind. Er fürchtet geradezu ihren Egoismus, mit dem sie ihm, bei Verfolgung ihrer eigenen Interessen, schaden könnten.

20. Juli 2009

Wenn wir eines andern Partei ergreifen, sei es die eines Athleten im Ringkampfe, eines Freundes, eines politischen Führers, einer Mannschaft, einer Partei, eines Krieg führenden Heeres, so freut uns je mächtiger, stärker und größer dieser Mensch oder diese Menschengruppe ist, und zwar weil wir uns selbst mit emporgehoben, mitgestärkt fühlen. Ansonsten aber sind wir mehr erfreut, wenn andere verlieren, schwächeln, in ihrem Range sinken — weil wir damit im Verhältnis steigen.

19. Juli 2009

Alle diese der Natur aufgedrückten Konstruktionen, mit denen wir menschliche Eigenschaften aus der Natur abzuleiten versuchen, scheinen mir einigermaßen absurd. Z.B. Darwin: Könnte ein Zugvogel, der, getrieben vom Wanderinstinkt, seine Jungen im Stich gelassen, zurückschauen und jene durch den Hunger umkommen sehen, so würde er über sein Fortgehen Schmerz, Gewissensbisse empfinden.

Daraus will man nun ableiten, daß Tiere nur deswegen keine Gewissensbisse empfinden, weil sie kein Gedächtnis haben und also Gewissensbisse nur Erinnerung oder Vorstellung eines selbstverursachten fremden Leides seien.

Was haben nicht der Historismus und dergleichen Strömungen schon alles zusammenphantasiert, um unser Verhalten aus Urgesellschaften, dem Tierreiche oder wilden Stämmen zu erklären. Warum bleiben wir nicht bei unseren eigenen gegenwärtigen Verhältnissen — finden wir da nicht genügend zu forschen, zu erklären, Zusammenhänge aufzudecken und Ungleiches zu trennen?

Übrigens haben Tiere sehr wohl Gewissensbisse, nämlich Angst vor üblen Konsequenzen ihres Tuns: Wie mein Hund sich duckt und angekrochen kommt, wenn er etwas Verbotenes getan — und das ist nicht einmal Furcht vor Schlägen, sondern allein vor meinem Tadel.

18. Juli 2009

Das moralische Empfinden, das Moralisieren insbesondere ist uns vielleicht nicht direkt angeboren, wie auch die Sprache nicht angeboren ist, es gehört aber doch wie diese zum Menschsein, zu unserer Natur.

14. Juli 2009

Das Schöne an der Moral sind die guten Taten, von denen wir ergriffen und gerührt sind, sei es über uns selbst oder über andere, es sind die großen Augenblicke des Lebens.

Für diesen schönen Teil des Moralischen ist es aber vollkommen unbedeutend, wie gut oder schlecht die Welt insgesamt moralisch dasteht, auch nicht ob sie besser oder schlechter wird. Im Gegenteil, man könnte sagen er gewänne mit zunehmender moralischer Schlechtigkeit, weil dann die gute Tat, das einzelne Opfer umso rührender hervortritt, er lebt nicht vom Besserwerden der Welt, als vielmehr vom Kontrast zwischen Gut und Böse. Deswegen tritt er auch in Romanen, Schauspielen, Filmen am wirksamsten hervor, weil dort alles auf diesen Kontrast angelegt ist — und selbstredend wird mit den dortigen Handlungen die wirkliche Welt weder besser noch schlechter. Der wahre Künstler hat daran auch kein Interesse, weil es ihm bloß darauf ankommt, die jeweiligen Rührungen in den Gemütern zu erzeugen und damit zu unterhalten. „Die Tränen der Zuhörer sind der Triumph der Kanzelredner.“

Der andere Teil der Moral ist der aktive, wo gepredigt, gescholten und verurteilt wird, wo Lobreden und Orden zum Gut- und Nützlichsein animieren sollen. Auf diesem Schauplatz, in dieses Ringen fließt die meiste soziale Energie, ja vielleicht die meiste Energie der Menschen überhaupt. Man könnte denken, daß, weil hier doch alle mit so vielem Eifer mitwirken, die Welt dadurch tatsächlich gebessert würde, doch ist dies, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt der Fall. Hauptsächlich geht es dabei darum, wie der jeweils moralisch Aktive seine eigene Stellung, oder allenfalls noch die seiner Sippe, Partei, Religionsgemeinschaft heben könnte, indem er den Glanz — und die Macht — des Guten für sich in Anspruch nimmt. Er kämpft für das Gute, die Andern sind die Bösen und müssen vernichtet oder wenigstens entmachtet werden — zu seinen Gunsten. Jeder will dabei Ansehen und Einfluß gewinnen, womöglich auch Güter, und kann dies doch immer nur auf Kosten anderer, weil sich die Gesamtmenge an Ansehen und Einfluß wohl gar nicht, die der Güter nur begrenzt vermehren läßt, und so bewirkt unser moralischer Aufstieg, daß andere notwendig verlieren müssen — in dem Maße wir gewinnen.

Dieser Teil des Moralischen dient dem Ehrgeiz, dem Geltungsdrang, der Selbstbehauptung im weitesten Sinne. Hier wird beschuldigt, gehetzt, bloßgestellt, angeprangert, verurteilt, weil der Moralprediger im selben Maße zu steigen hofft als er andere herabsetzt.

Es liegt diese Art des Fechtens ebenso in der Natur des Menschen wie das Fauchen und Raufen der Tiere und hat vielleicht erst an letzter Stelle zum Ziel die allgemeine Verbesserung der Menschheit. Denn das angebliche Schlechtsein anderer dient ja dem Einzelnen, seiner Sippe, seiner Partei gerade dazu, selbst aufzusteigen. Niemals könnte er sich moralisch über andere erheben, wenn alle gut wären. Weil es ihm bei seiner Moral nicht um das Gutsein der Menschen sondern bloß um sein eigenes Bessersein zu tun ist, kann er in keiner Weise wünschen, daß alle gut wären. Im Gegenteil, er sucht geradezu welche, die für gut gelten, schlecht zu machen, um sich selbst dazu in Kontrast zu setzen.

Daraus scheint zu folgen, daß, aus moralischen Beweggründen, keiner alle Menschen gut sehen will. Zum einen würde das Rührende, Bewegende und Große aus Mangel eines Gegensatzes untergehen, zum andern würde den Aufstrebenden ihre schärfste Waffe entrissen, wenn sie nicht andere schlecht machen könnten, um gegen sie zu glänzen.

Warum wir dennoch zuweilen wünschen, daß alle Menschen gut würden, rührt wohl nur aus unserer allgemeinen Furcht vor den Schäden, die wir von ihrem Egoismus und ihrer Bosheit erleiden könnten — und so träumen wir von einem friedlichen unbehelligten Dasein.

12. Juli 2009

Hier einige Stellen aus Paul Rée, welche sich bequem in unsere Sammlung fügen:

Die Handlungen und Ereignisse im Leben der Menschen scheinen, von außen gesehen, sehr verschieden und mannigfaltig, aber von innen gesehen sind alle durch eine nur kleine Anzahl von Trieben verursacht, nämlich durch den Erhaltungs- und Erwerbstrieb, den Geschlechtstrieb oder die Eitelkeit.

Dazu: Ich würde hier der Eitelkeit den allergrößten Platz einräumen, weil das Verlangen nach Rang und Ansehen dahinter steht und außerdem ein großer Teil des Erhaltungs-, Erwerbs— und Geschlechtstriebes ihr insofern untergeordnet sind, als die darin erstrebten Güter nur wiederum zur Steigerung von Rang und Ansehen begehrt werden.

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Wir versichern, daß die Meinung der Welt uns ganz gleichgültig sei: um von der Welt bewundert zu werden.

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Märtyrer ziehen der physischen Behaglichkeit das Gefühl, bewundert zu werden, vor.

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Unseren Freunden opfern wir manchmal Vorteile, weil unsere Eitelkeit dabei irgendwie ihre Rechnung findet, aber die Eitelkeit selbst (unseren Ruhm, unsere Beliebtheit, unsere Ehre als vornehme Menschen u. Ä.) opfern wir ihnen nie, sondern sind viel eher bereit, sie unserer Eitelkeit zu opfern.

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Die Regungen der Nächstenliebe, des Wohlwollens einerseits und des Neides, der Schadenfreude andererseits, hängen nicht mehr von uns ab, als die Regungen unserer Eingeweide.

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Die Lebhaftigkeit, mit der wir unseren Freunden Rathschläge ertheilen, entspringt weniger aus Sorge für sie, als aus dem Vergnügen, sie zu bevormunden.

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Daß wir freundlich gegen den sind, der von allen Übrigen zurückgestoßen wird, geschieht weniger aus Menschenfreundlichkeit, als weil wir nicht mit der Menge gehen wollen: Wir erlangen mehr Beachtung, wenn wir allein auf die entgegengesetzte Seite treten; außerdem üben wir solche Freundlichkeit nur dann, wenn unser Ansehen groß genug ist, um hierdurch nicht gefährdet zu werden.

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An der Coquetterie findet man Gefallen, theils weil es angenehm ist, Personen des anderen Geschlechtes zu seinen Füßen zu sehen, besonders aber weil man von Personen desselben Geschlechtes um seine Eroberungen beneidet werden will.

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Daß sie keinen Mann haben, schmerzt die Mädchen weniger, als der Gedanke, daß man glauben möchte, sie könnten keinen Mann bekommen.

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Einen unglücklich Liebenden schmerzt es weniger, daß er des Liebesgenusses entbehren muß, als daß ein Anderer ihm vorgezogen ist, und einen glücklich Liebenden freut die Bevorzugung fast immer mehr, als der Liebesgenuß.

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Jede Frau stachelt den Ehrgeiz ihres Mannes, weniger damit er vor anderen Männern, als damit sie vor anderen Frauen hervorrage.

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Die Mädchen lieben stets solche Männer, welche von Anderen schon geliebt werden: Um diesen den Rang abzulaufen.

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Man will die viel Begehrte, um der Vielen Vorgezogene zu sein.

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Die Complimente, welche wir den Weibern machen, sind ihnen schmeichelhaft als ein Tribut ihrer Schönheit, ihrer Liebenswürdigkeit, ihres Geistes, während wir sie doch nur machen, um selbst für liebenswürdig und geistreich gehalten zu werden.

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Man will der Auszeichnung wegen Dem gefallen, dem sonst Niemand gefällt. Daher liebt das weibliche Geschlecht gerade die anspruchsvollen, verachtenden Männer.

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Wenn zu der Liebe, mit der wir nach dem Besitz eines Weibes streben, sich Eifersucht gesellt, so erscheint das Weib uns liebenswürdiger, anmuthiger und schöner, überhaupt um seiner selbst willen begehrenswerther, während wir thatsächlich seinen Besitz nur deshalb jetzt mehr begehren, weil wir Anderen vorgezogen werden wollen.

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Das Band, welches Verlobte sowohl wie Eheleute bindet, ist oft die Furcht vor Scandal.

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Oft glaubten wir eine Person des anderen Geschlechts zu lieben, ihren Besitz zu begehren, wenn wir aus Eitelkeit von ihr begehrt werden wollen.

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Unsere Liebe wächst, wenn ihr Gegenstand auch unseren Freunden gefällt, — weil unsere Eitelkeit nun gleichfalls triumphiren kann.

Unsere Liebe nimmt ab, wenn ihr Gegenstand unseren Freunden mißfällt, weil unsere Eitelkeit jetzt nicht triumphiren kann, vielleicht gar leidet.

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Die Frau ist nicht selten über die Versehen ihres Mannes erfreut, weil sie nun durch Vorwürfe ihre Herrschaft befestigen kann. —

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Taktvolle Menschen, die da fühlen, was Andere verletzt, erscheinen besser, als sie sind. Denn taktvoll handeln sie nicht sowohl aus natürlicher Liebenswürdigkeit, als weil sie nicht für unliebenswürdig gelten wollen.

Taktlose Menschen erscheinen schlechter, als sie sind. Denn sie verletzen allerdings oft, merken aber nicht, daß sie verletzen.

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Die Menschen würden nicht gesellschaftlich mit einander leben, wenn sie ohne Eitelkeit wären.

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Die meisten würden vor Langeweile umkommen, wenn ihre Eitelkeit sie nicht beschäftigte.

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Ob die Welt gut oder schlecht von uns spricht, hängt am wenigsten davon ab, ob wir wirklich gut oder schlecht sind.

Kommentar: Sondern eben davon, wie angenehm wir uns machen, wie nützlich für andere wir scheinen — vor allem zur Befriedigung ihres Geltungstriebes.

8. Juli 2009

Einen Künstler, der seine Kunst nur zum Vergnügen treibt, nehmen wir nicht ernst, wir verlangen, daß er seine ganze Zeit und Kraft, im Grunde sein Leben opfert, um uns zu gefallen. Erst dadurch sind wir genügend gerührt und geschmeichelt, ihm den Ruhm zu gönnen. Wieviele Künstler und Schreiber, vor allem in heutiger Zeit, machen sich, trotz erbärmlicher Leistungen, einen großen Namen, nur weil sie ganz von ihrer Arbeit eingenommen, ja besessen scheinen — was dem Publikum dann so sehr schmeichelt, daß es mit der Münze des Beifalls entlohnt.

6. Juli 2009

Wir wollen Ansehen, um den Weibern zu gefallen und also der Fleischeslust zu genießen, und dann wieder hilft uns ihre Gunst, um Ansehen zu gewinnen.

Ansehen verhilft uns auch zu Geld und Luxusgütern, und auch diese begehren wir nicht bloß des Genusses wegen, sondern um wiederum angesehen zu sein.

Paul Rée bemerkt, daß wir uns am Neid auf Dinge, die unser Ansehen fördern und am Neid auf dieses Ansehen selbst vielmehr erfreuen, als am Neid auf die eigentlich vorteilhaften Dinge (Gesundheit etc.). Daher: Wenn der Neid aus Interesse an den wahren Gütern entspränge, so würden die Zufriedenen und Glücklichen beneidet, da er aber hauptsächlich dem Interesse an Rang und Ansehen entspringt, so beneidet man die Berühmten, Angesehenen und Reichen.

Daraus wird deutlich, daß in Rang und Ansehen überall unser Hauptinteresse liegt und meist noch über den Grundbedürfnissen wie Nahrung und Wohnung steht. Lieber hungern und frieren als ungeachtet und ungeliebt bleiben. Ja selbst der Tod ist ein geringeres Übel, wenn man bedenkt, daß für die Zeit nach unserem Abscheiden uns nicht so sehr das Totsein sorgt, sondern wie die Fortlebenden dann über uns denken mögen. Den einen plagt, wie lange sein Ruhm dauern, den andern ob sein guter Ruf bestehen bleibe, und jeder, der etwas zu vererben hat, wägt hin und her, wie er es richtig verteile, auf daß nicht die zu kurz Gekommenen ihn hassen und sein Andenken verderben könnten.

5. Juli 2009

Einerseits will jeder ein eigener Charakter sein, eine Persönlichkeit, verschieden von allen anderen, originell, selbstbestimmt. Andererseits, wenn man die menschliche Gesellschaft von außen betrachtet, fällt nichts so sehr ins Auge als die Einförmigkeit der Charaktere, der Sitten, der Gewohnheiten und Vorlieben. Wie sie alle in ihrer Freizeit — und also freiwillig — an die selben Plätze eilen, wie sie ihren sauer verdienten Lohn der Mode opfern — nur um gleich zu sein, im gleichen Strome zu schwimmen.

Dieser Hang zur Gemeinsamkeit und Gleichheit ist andererseits aber Voraussetzung für jede Kulturleistung, denn wenn jeder nur sein eigenes Süppchen kochte, würde so etwas wie Kultur niemals entstehen. Es gäbe keine Philosophenschulen, keine Kunstrichtungen, keine Religionen, ja nichteinmal Sprachen, denn diese sind ja die stärkste Gleichmachung.

Selbst ein eigenständiger Geist hätte ohne diese Strömungen keine Gelegenheit etwas Eigenständiges hervorzubringen, er fände keine gängigen Muster, weder sie aufzugreifen noch anzugreifen oder umzuformen, er wäre bloß ein weiteres Körnchen im endlosen Treibsand der Beliebigkeit.

27. Juni 2009

Gott oder ein anderer „höherer Ursprung“ des Moralischen dient auch unserer Ehrenrettung. Sich Seinesgleichen, d.h. anderen Menschen zu unterwerfen, vor ihren Launen und Ansprüchen zu kuschen, vor ihren Drohungen, ihrer Rache zu zittern ist sehr erniedrigend. Gegenüber einer überirdischen Macht hingegen, einem allgemeinen Vernunftgesetz, einer über allen stehenden Humanität oder Gerechtigkeit sind wir weniger empfindlich, Eitelkeit und Ehrgefühl sind weniger gekränkt. Wir können uns trösten, daß unsere Unterwerfung ja höheren Prinzipien dient, daß diese Prinzipien für unsere Widersacher genauso gelten, daß auch sie ihre Übertretungen mit allgemeiner Verurteilung, Gewissensqual und Höllenpein, eben den Strafmaßnahmen der höheren Ordnung, büßen werden.

Dahinter stecken zwar nach wie vor die Andern und unsere Furcht vor ihren Strafen, aber sichtbar ist uns nur noch die Maske des Höheren, und dies beschwichtigt unsern Stolz.

25. Juni 2009

Die Wissenschaft erklärt die Welt, d.h. sie verfolgt verschiedene Pfade, Verkettungen von Ursache und Wirkung, in verschiedene Richtungen und nennt jetzt Ursachen für Phänomene, welche vielleicht früher einem Gotte oder dem Schicksale zugeschrieben wurden. Sie erweitert also das Feld, innerhalb dessen wir Ursachen kennen um einige Schritte — aber sie ändert nichts an unserer grundsätzlichen Lage, daß wir immer noch nicht wissen, was die Ursachen der von uns zuletzt gefundenen Ursachen sind. Diese müssen wir wiederum einem Gotte, einem Schicksal, einem Unbekannten zuschreiben.

Früher hielt man den Donner für die grollende Stimme eines Gottes, heute für elektrische Entladungen und diese für Folgen der Aufladung durch Luftströmungen und chemische Prozesse. Vielleicht haben Meteorologen und Physiker noch ein paar weitere Stufen von Erklärungen in ihren Ärmeln, aber nachdem sie auch diese gezogen, werden sie an den Punkt kommen, wo sie zugeben müssen, diese Dinge seien „noch nicht genügend erforscht“ und müßten einstweilen einer unbekannten Sphäre zugeordnet werden.

So sind wir also ein paar Schritte weiter als der Gottgläubige früherer Zeiten, doch unsere Lage hat sich deswegen grundsätzlich nicht geändert. Es ist wie zur Zeit der Entdeckungen, man findet eine neue Insel, einen neuen Landstrich, vergrößert sein Territorium, vermag aber nichts dagegen, daß hinter diesen Grenzen weiterhin Unbekanntes sich verbirgt. In gewisser Weise wird dieses Unbekannte sogar mehr, weil durch die Ausdehnung des Territoriums sich auch die Grenze ausdehnt. Wenn man in jeder Richtung einen Kilometer hinzugewinnen will, sind ungeheure Flächen zu erobern und, schwieriger noch, zu behaupten. (Wer sich jetzt an meinem Gleichnis stört und einwendet, daß wir ja mit der Eroberung unbekannter Gegenden einmal zu Ende gekommen seien und inzwischen den ganzen Erdball als erobert ansehen könnten, der nehme eben das Weltall noch hinzu oder denke sich ein anderes Gleichnis aus.)

Was ich meine, betrifft aber nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch Psychologie und Philosophie. Wenn wir dort z.B. erkunden wollen, woher die Werturteile der Menschen stammen, wie die Moral, das Rechtsgefühl, die Sünde in uns gekommen, so werden wir vielleicht herausfinden, daß dies alles durch diese und jene gesellschaftliche Entwicklung entstanden und Gott, als Gesetzgeber, nur eine Projektion gewesen. Wir werden finden, daß menschliche Eigenschaften wie Egoismus, Mitgefühl, Liebe, Haß, Geltungsbedürfnis und Selbsterhaltungsdrang die ursprünglicheren Triebfedern alles Moralischen sind.

Fragen wir dann aber weiter, wie denn diese Triebe in den Menschen gekommen, so werden allenfalls noch einige hartnäckige Darwinisten in der Ur- und Vorgeschichte herumstochern, letztendlich aber müssen wir bekennen, daß uns dazu nichts Wissenschaftliches mehr einfällt, daß, weil es doch auch nicht aus dem Nichts entstanden sein soll, wir abermals Gott, die Natur, das Unergründliche und Unerforschbare heranziehen müssen und also sich unsere Lage, nach aller Bemühung der Wissenschaft, nicht grundlegend geändert hat.

24. Juni 2009

In allem Sünden- und Bußwesen sind immer zwei im Grunde einander widersprechende Tendenzen: Zum einen der Drang, die Vergehen als größtmögliche Abscheulichkeiten anzuprangern und die Strafandrohungen so hoch wie nur möglich zu schrauben, zum andern der Versuch, diese Schrauben wieder zu lockern, mögliche Auswege zu öffnen, Gnade, Vergebung, Fatum oder auch nur Erleichterung durch Auflösung in Scherz und heiterem Mitgefühl mit einem Delinquenten hineinzubringen. Wie in der Musik die bizarren Akkorde in lieblichen oder lustigen aufgelöst werden, so verlangt auch das moralische Gemüt immer wieder nach Erlösung.

Die Bibel — übrigens das Alte wie das Neue Testament — wechselt zwischen einem Gott der Drohungen und Verurteilungen, Haßtiraden und Rachbegierde einerseits und des Vergebens, Vergessens, des Großmutes, der Liebe. Auch die griechische Götterwelt schwankt zwischen den grausamen, immer währenden Strafen des Tantalos und Sisyphos, einer Schuld- und Sündensphäre, und der Erleichterung und heiteren Auflösung alles Sündhaften, wenn nämlich die Göttergesellschaft sich eben derselben Vergehen bemüßigt wie die menschliche, dabei doch unversehrt bleibt und so das, was bei den Menschen gemeinhin als scheußlich gilt, mit schalkhafter Leichtigkeit verdaut.

Auch der moderne Humanismus versucht, nachdem er dem Verbrecher eine ganz schwere und möglichst irrationale Schuldenlast aufgeladen, ihn durch Studium seiner Psyche, der ihn zur Tat gedrängt habenden Umstände, verständlich zu machen. Ebenso wird in den besseren Kriminalgeschichten der Mörder als ein Mensch wie du und ich gezeigt, der nur von seinem bösen Schicksal zu seiner Untat getrieben worden.

19. Juni 2009

Großer Irrtum Nietzsches, wo er meint, mit Überwindung des Christlichen Glaubens und schließlich mit der Überzeugung von der Notwendigkeit aller Handlungen werde der Rest von Gewissensbissen verschwinden. Diese sind dem Menschen aber ebenso eingeboren wie sein Streben nach Rang und Einfluß, denn sie sind nichts Anderes als die Furcht vor deren Verlust.

Das Böse, das Anklagen, das einander Angst Machen und sich gegenseitig fürchten, das ganze moralische Wesen ist die lästigste Seite des menschlichen Daseins, aber, in ihren positiven Zügen, wohl auch die erhebendste und insgesamt sicherlich die nötigste, weil, ohne daß sich die Menschen auf diese Weise gegenseitig in Schach hielten, vermutlich alles aus den Fugen geriete, ein Krieg aller gegen alle ausbräche und jeder hemmungslos die eigenen Interessen verfolgte, in Kürze die Menschheit sich hingeschlachtet fände und bis dahin, wenn jeder seine Werte selbst suchen müßte, beziehungs- und richtungslos umherirrte, indem keiner, für sich alleine, herausfinden könnte, was seine eigenen Werte und Nützlichkeiten eigentlich sein sollen.

So ist es besser, sich dem Wahngebilde von allgemeinen Werten unterzuordnen, selbst wenn diese sämtlich irgendwelchen Egoismen entsprungen, besser jedenfalls als keine Werte zu haben und richtungslos zu irren.

Was den Schutz vor Streit und gegenseitigem Totschlag betrifft, so muß man allerdings bedenken, daß ja gerade das Moralisieren gehörig Öl ins Feuer jeder Zwistigkeit gießt, und daß kein Streit und kein Krieg so bitterlich geführt würde ohne die moralischen Begründungen, die den Haß beider Parteien erst so recht entflammen. Wenn der Gegner einmal zum Bösewicht gemacht ist, dann läßt sich mit frischem Mute und genügender Gefolgschaft zu Felde ziehen. Und ihn wird nichts in solche Rage bringen als moralische Anklagen — eben weil sie der wirksamste Schlachtruf des Gegners sind und also die größte Gefahr.

14. Juni 2009

Was den Einzelgänger vom Gesellschaftsmenschen unterscheidet ist nicht, daß jener unabhängig für sich lebte, von den Meinungen, Zu- und Abneigungen der andern unabhängiger wäre, sondern bloß, daß sich bei ihm diese Beziehungen mehr im Innern, in Vorstellungen und Selbstgesprächen abspielen, während der Gesellschaftsmensch dazu den physischen Kontakt, den hautnahen Umgang braucht. Im Grunde aber sind beide vollkommene Gesellschaftsmenschen, eben Herdentiere.

Wohl, insofern auch der Adler nicht ein Herdentier genannt wird, weil er nur für sich, sein Weibchen und seinen Nachwuchs lebt, wäre man versucht, auch für gewisse Menschen anzunehmen, daß ihnen ein kleiner Kreis genügt, der eben noch nicht als Herde zu bezeichnen wäre. Allerdings wissen wir nicht, was in eines Adlers Kopfe vorgeht, eher schon was in der Menschen Köpfe, und da ist sehr zu vermuten, daß sie sämtlich das, was ihnen an realem Umgang abgeht, durch ihre Vorstellungen und inneren Gespräche ersetzen.

10. Juni 2009

Bewundert will man von allen oder doch von möglichst vielen werden, beneidet jedoch nur von denen, deren Neid uns Genugtuung verschafft dafür, daß sie uns einst überlegen waren oder in einem anderen Gebiete noch sind. Ansonsten kann der Neid allenfalls noch aus dem Grunde angenehm sein, den Paul Rée nennt, daß er uns nämlich an unsere Vorteile mit besonderer Deutlichkeit erinnert, was eben wieder Vergnügen macht.

9. Juni 2009

Wenn man bedenkt, daß man immer irgendeinem zuwider handelt, irgendeinen kränkt, sich irgendeines Haß oder Neid zuzieht, so dürfte man eigentlich gar nicht handeln. Deswegen meine ich umgekehrt: Man kann alles tun, dessen Konsequenzen man zu tragen gewillt bzw. in der Lage ist — wobei man allerdings gewahr sein muß, daß es nicht leicht ist, im voraus die eignen Kräfte abzuschätzen. Es ist denn auch hauptsächlich die Angst vor dieser Ungewißheit, welche die meisten kuschen läßt. Also: Jeder wird in seinen Handlungen moralisch frei sein im umgekehrten Verhältnis seiner Ängstlichkeit — von welcher aber keiner frei ist.

8. Juni 2009

Gut und Böse im absoluten Sinne gibt es nicht, aber unsere Handlungen bewirken Freude oder Ärger, und diese wiederum fallen auf uns zurück: wir werden geliebt oder gehaßt.

Da sich die meiste Freude des Lebens aus der Liebe und Anerkennung, die wir von andern genießen, herleitet, können wir in summa schließen: Je mehr Freude wir ihnen machen, desto mehr Liebe und also wieder Freude werden wir von ihnen zurückbekommen, desto freudvoller und glücklicher wird unser Leben sein. Im einzelnen läßt es sich freilich nicht so einfach steuern, denn weder über die Freude, die wir ihnen bereiten, noch über die, die sie uns zurückgeben, haben wir genügend Macht, es gibt tausend sichtbare und noch viel mehr unsichtbare Wege, auf denen Lust und Freude von Mensch zu Menschen fließt. Aber, wie gesagt, in summa mag diese Beziehung gelten. Tugend üben, Gutes tun, um andere zu erfreuen, um selbst wieder durch ihre Anerkennung und Liebe erfreut zu werden.

Für einen sich selbst genügenden Menschen, wie er ja von verschiedenen Philosophenschulen als Ideal gepriesen wird, gäbe es keinen vernünftigen Grund tugendhaft zu leben und Gutes zu tun. Von Liebe und Anerkennung anderer, von ihrem Urteil überhaupt wäre er unabhängig und würde nur soviel tun, daß sie ihn nicht geradewegs totschlügen — zu welchem Zwecke die Tugend aber oftmals sogar hinderlich ist, wie das Ende des Sokrates, Jesus usw. belegt.

Diesen sich selbst genügenden Menschen jedoch gibt es nicht, und der von den Philosophenschulen gepriesene Weise ist es am allerwenigsten, denn dieser will ja für seine angebliche „Freiheit von der Meinung anderer“ gerade von anderen bewundert werden, bewältigt für diesen Ruhm die mühevollsten Aufgaben und nimmt unter Umständen gar das Martyrium auf sich.

2. Juni 2009

Als wahrhaft unegoistischen Trieb könnte man ansehen, daß wir zuweilen uns Szenarien ausmalen, wo wir, etwa zu unvorhergesehenem Reichtum gekommen, in Not geratenen Freunden helfen wollten, und zwar inkognito, d.h. ohne Ruhm und Ansehen davon zu erhoffen oder auch nur die Dankbarkeit der Beschenkten zu empfangen. Das wäre dann eine rein unegoistische Handlung.

Allerdings könnte einer einwenden, daß wir Ruhm und Ansehen ja auch gerne bloß in unserer Vorstellung genössen, als einen Ruhm vor uns selbst bzw. vor einem eigens dafür vorgestellten Publikum und wir uns ferner in der heimlichen Aussicht wiegten, daß solche Taten, falls sie denn doch ans Licht kämen, umso mehr bewundert würden.

Er könnte weiter einwenden, daß solche Taten, wenn überhaupt, dann doch eher selten ausgeführt würden, bzw. wir über ihre Zahl ja gar nichts wissen könnten, es somit eher Spiele der Phantasie seien als Beweise real existierender Selbstlosigkeit, daß wir in der Phantasie zwar zuweilen selbstlos handelten — aber selbst hier die narzißtische Bespiegelung noch das wesentliche Element sei.

29. Mai 2009

Neid und Schadenfreude sind die natürlichsten Empfindungen, und jeder hat sie. Der Mensch will sich in der Gemeinschaft behaupten und wenn möglich aufsteigen, darin liegt sein ganzes Ziel und darin seine Lust. Sich Behaupten, Aufsteigen, Fallen geht aber nie absolut sondern immer im Verhältnis zu andern. Keiner ist für sich alleine reich, groß, schön, stark, mächtig — ja, nicht einmal „moralisch gut“ — immer sind wir es nur im Vergleich. Weil aber in diesem Verhältnis, der Position, dem Range, unser ganzes Interesse liegt, müssen wir Freude empfinden an ihrem Schaden — weil ihr Schaden Voraussetzung unseres Vorteils, unseres Aufstiegs ist. Wir müssen Gram empfinden gegen die, die höher stehen, denn sie sind unser Schaden, und also sind wir neidisch und mißgünstig.

Selbst gegen die Armen Afrikas empfindet der wohlhabende Europäer Schadenfreude, die sich im bequemen Gefühl seiner eigenen Überlegenheit kundtut — welches er aber wohlweißlich verbirgt aus Furcht für mitleidlos und also moralisch schlecht zu gelten.

Künstler sind hauptsächlich gegen Künstler neidisch oder schadenfroh, Politiker gegen Politiker, Wirtschaftsbosse gegen Wirtschaftsbosse, Gelehrte gegen Gelehrte, Priester gegen Priester, Philosophen gegen Philosophen, Gute gegen Gute. Nicht das Fach und nicht die Stufe des Erlangten, nicht einmal der Grad der Weisheit befreit von Neid und Schadenfreude, sondern höchstens die Abwesenheit von Ehrgeiz und Eitelkeit. Ob einer allerdings dahin gelangen kann, will ich bezweifeln, und es liegt sicher nicht in unserer Hand, sondern müßte durch Geburt gegeben oder durch souveräne Stellung erlangt oder durch anhaltende Abstumpfung nach vielen Enttäuschungen sich eingestellt haben. Ich will aber nicht daran glauben, und selbst wenn mir ein scheinbar Ehrgeizloser begegnet, bezweifle ich immer noch, daß sein Zustand dauern wird.

28. Mai 2009

Motive der Bescheidenheit. Vorzüge materieller oder geistiger Art erregen Neid, d.h. Unwillen, Feindschaft. Davor hat der Bescheidene Angst und spielt daher seine Güter herunter, versteckt sie gar. Er kuscht und unterwirft sich, und dies wird naturgemäß gern gesehen und also als Tugend gelobt.

Auch mindert es die Schmach, sollte er einst von seiner Höhe herabstürzen, und vielleicht werden seine Neider dann weniger nachtreten.

Nicht selten allerdings üben wir Bescheidenheit auch aus bloßem Mitleid mit dem durch unsere Vorzüge Erniedrigten.

24. Mai 2009

Würden Moralgesetze kategorisch und in vollkommener Allgemeinheit gelten, so folgten daraus Paradoxa wie die folgenden:

Moralisch gut ist, was andern nützt, also ist der Altruist der Beste, der Egoist der Schlechteste. — Aber wem sollte der Altruist nützlich sein, wenn es den Egoisten nicht gäbe, wem sollte er geben, wenn keiner da wäre, der nähme? Ist es daher nicht eine Moral der Egoisten, welche nur die andern dazu bringen wollen, ihnen nützlich zu sein?

Ebenso: Wenn materieller Besitz nicht glücklich macht, ja sogar vom höheren Glücke ablenkt, warum dann den Armen aufhelfen, sie dahin bringen, wo kein Glück zu finden ist? Wenn materieller Besitz gar der Seele schadet, wird dann nicht der wahre Egoist sein Hab und Gut wegschenken, dieses Unglück andern aufladen, um selbst glücklicher zu werden? Ist zuletzt sein Schenken nicht böse, weil er den Beschenkten damit schadet?

Auch „Du sollst nicht töten!“ wäre nicht erfüllbar, denn wer neben Menschen auch Tiere und Pflanzen verschonte würde sich selbst damit den Tod geben und also wieder gegen das Gebot verstoßen.

18. Mai 2009

Dem bloßen Zuschauer ist die Moral ein lustiges, unterhaltendes, bewegendes Schauspiel, und wie man im Theater sich mitreißen läßt von Streitigkeiten, Ränken, Heimlichkeiten, Boshaftigkeiten, Selbstlosigkeit, Güte und Heldentum, so ist auch dem, der dem Leben zuschaut, die Moral und das Moralisieren ein Teil — und der subtilste Teil — eines Kampf- und Liebesspiels, welches die Menschheit ihm fortwährend und kostenlos darbietet. Auf dieser Bühne sind die feinsten Kniffe und Hinterhalte, die schlimmsten Niederlagen und die herrlichsten Siege zu bestaunen. Ohne Moral gäbe die Menschheit eine verhältnismäßig dürftige Vorstellung.

Das große Kunstwerk, die Tragödie etwa, befreit zwar insofern von der Moral mit ihren Zwängen und der Enge, als der Betrachter zwar unterhalten aber nicht hineingezogen wird, würde die Moral aber nicht die Hauptrolle spielen, schliefe er gar bald auf seinem Sessel ein.

Und Nietzsche: Wieviel Vergnügen macht die Moralität! Man denke nur, was für ein Meer angenehmer Tränen schon bei Erzählungen edler, großmütiger Handlungen geflossen ist!

12. Mai 2009

Wenn wir andere über andere moralisieren hören, so ist uns dies zuweilen angenehm, zuweilen abstoßend. Entscheidend ist dabei, ob wir uns auf der Seite der Fordernden oder der Geforderten sehen. Im ersten Falle sind wir Kampfgenossen, und der Schlachtruf mag uns aufstacheln, unsere Seele heben wie dem Soldaten beim Sturm. Sehen wir uns jedoch auf der Seite der Geforderten, so ist die Moral ein widerlich Ding.

Wenn einer etwa Keuschheit predigt und die Freizügigen der Sittenverderbnis und aller Abscheulichkeiten zeiht, so werden wir ihn loben und eifrig einstimmen, in dem Maße wir selbst die Keuschheit für unsere Tugend halten — oder vielmehr die Unkeuschen hassen, weil sie unser Territorium bedrohen: denn die liederlichen Weiber könnten unsere eigenen auf den Geschmack bringen, und, falls sie ihn bereits gefunden, schamlose Männer uns desto leichter ausstechen.

Ist uns die Keuschheit dagegen von geringem Belang und eher ein Hindernis, dann werden wir einen solchen Prediger als kleinlichen, verklemmten Menschen verhöhnen — und ihn gleichfalls hassen, weil er Unseresgleichen verurteilt, wir uns also angegriffen und verkleinert finden.

10. Mai 2009

Wenn unsere Furcht vor Gott und seinen Strafen nur die Zusammenfassung und Abstraktion unserer Furcht voreinander ist, so fürchten wir uns nach Abschaffung Gottes eben nur noch voreinander. Wir haben eine Abstraktion abgeschafft, die Furcht aber ist geblieben. Man könnte höchstens noch darüber streiten, ob die Furcht des Menschen vor Gott mehr Würde in sich trug, als wenn sich der Mensch nur noch vor dem Menschen fürchtet, aber dies wollen wir an anderer Stelle beleuchten.

Andererseits strebt der Mensch auch nach Freiheit und will sich dann überhaupt keinem Würdevollen unterwerfen, wird versuchen, alles was ihn zwingen und ängstigen könnte zu überwinden. Daß er dabei seine Ängste und Zwänge gar nicht los wird, nur scheinbare Befreiung, allenfalls noch vorübergehendes Aufatmen erfährt, erkennt er nicht — genau wie einer, der zu Geld gekommen, sich erst einmal der neuen Möglichkeiten freut, nach kurzer Zeit jedoch erfährt, daß er jetzt um so viel mehr ausgibt als er hinzugewonnen und also wieder keinen Spielraum und dieselben Nöte findet wie zuvor.

So ergeht es auch dem, der Gott abschafft oder überkommene Moralvorstellungen: er spürt zunächst Befreiung und frische Luft, ist aber bald wieder am selben Punkte wie ehedem, weil eine neue Moral, meist zur alten nur äußerlich verschieden, die vakante Stelle einnimmt, auf daß die Menschen sich wieder gegenseitig lenken — und natürlich auch plagen können.

6. Mai 2009

Je mächtiger einer ist, desto weniger hat er Moral nötig, d.h. desto weniger muß er die Mißgunst und Rache der andern fürchten. Das gilt aber nur in dem Maße wirklicher Macht und Souveränität, denn auch ein scheinbar Mächtiger kann durch und durch in moralischen Zwängen verfangen sein, wenn sich nämlich seine Macht ausschließlich aus der Gunst seiner Anhänger und Untergebenen herleitet. Um diese Gunst muß er dann ständig fürchten und ist, aus dieser Perspektive besehen, eigentlich mehr Marionette als Machthaber.

3. Mai 2009

Auch wenn es das Böse, im absoluten Sinne, nicht gäbe, wenn das Böse einer Handlung nur darin läge, daß sie andere gegen den Handelnden aufbringt und ihren Rachedurst erregt, wenn Schuld nichts wäre als die Verstimmung gegen den „Schuldigen“ — ausgelöst womöglich durch ein bloßes Gerücht, geboren aus einer Laune — wenn Schlechtes Gewissen nichts wäre als Angst vor ihrer Rache: so bliebe doch alles beim alten und für uns, als an solche moralische Notwendigkeiten gebundene Wesen, würde sich gar nichts ändern.

Moral wäre dann zwar nichts Höheres, Edleres, sondern nur Ausdruck des Gefallens und Mißfallens im Rudel, aber die Wirkungen, das Gute und das Böse, der Glanz und der Schmutz, der Ruhm der Tugend und der Abgrund des Verbrechens, blieben doch genau dieselben.

1. Mai 2009

Wir werden immer in unserer Moralität verhaftet bleiben, gleichviel ob wir einem Gotte untertan sind oder unseren Artgenossen. Wir sind abhängige Wesen, die nur in besonders lichten Momenten sich aus ihrem Netz befreien — um dann freilich selbst einem Gotte nicht unähnlich zu sein.

28. April 2009

Wer nach der Natur lebt, lebt irgendwie, sowie alles in der Natur irgendwie lebt. Es ist nicht richtiger eine Birke zu sein als ein Grashalm, ein Rindvieh nicht besser als ein Fuchs. Alles lebt nebeneinander und durcheinander, ein jedes will sich als Individuum behaupten oder als Gemeinschaft wie Bienen und Ameisen. Mancher Art ist es zu wüten wie der Sturm oder das Raubtier, manche faulen dumpf und friedlich vor sich hin wie Schwämme und Schimmelpilz. Ebenso die Menschen, von denen es so viele Typen gibt als Individuen. Genauso verhält es sich mit unserem Denken. Naturgemäß Denken heißt entweder alles gelten lassen oder nichts gelten lassen, manches gelten lassen, das Andere verurteilen, streng Partei ergreifen oder sich treiben lassen. Alles ist menschliche Natur, man kann nicht fehlgehen, man kann sich mit seiner Position im Rechte fühlen oder vom schlechten Gewissen gemartert werden, weil man dies oder jenes versäume — und gewöhnlich wird man in trauter Regelmäßigkeit zwischen dem Guten und dem Schlechten Gewissen hin und her gezogen. Alles ist Natur, denn es ist Menschennatur und der Mensch ein Teil des Ganzen.

Ob Kommunist oder Faschist, Privatmann oder Volksbelehrer, gleichgültig oder interessiert, alles ist Natur. Wenn ich jetzt alles gelten lasse, den Nietzsche so viel als den Plato achte, Schopenhauer neben Hegel stelle, einen Straßensänger neben Mozart und diese Gleichgültigkeit morgen wieder vergesse, mich von einem guten Gedankenstreiter mitreißen lasse, so ist dies alles Natur und um Nichts schlechter als Natur. Multikulti oder Rassenwahn, farbenprächtiges Korallenriff oder Invasion der Heuschrecken, militanter Atheismus oder religiöser Wahn, asketische Sublimation oder Heiligkeit, es ist Menschennatur, es ist Natur.

Da protestieren sie, mit dieser laxen Einstellung gehe jede Kultur zugrunde, verliere sich in der Beliebigkeit — nun so dürfen sie ja einer Partei beitreten, einen Glauben wählen, eine Kunstrichtung fördern, und vielleicht werde ich morgen dasselbe tun, ja ich habe es bereits zig Male in meinem Leben getan. Eine solche Parteiname ist wie der Ausbreitungsdrang der Gräser, der Bäume und der Vögel. Für oder gegen eines zu sein, für oder gegen alles zu sein, ja selbst gegen alles zu sein, gegen sich selbst zu sein, es liegt in unserer Natur. Etwas gut zu finden oder schlecht, uns selbst gut zu finden oder schlecht, nach Beifall und Anerkennung der anderen streben, Angst vor ihrer Missgunst und Verachtung haben, uns anpassen oder stürmisch voranschreiten, wir werden immer das tun, wozu uns die Natur im Augenblick bestimmt.

Diese Multikulti-Geisteshaltung kann dem Einen Befreiung und Erlösung aus dem Gewissens- und Meinungswirrwarr sein, dem Anderen macht sie Angst, sich zu verirren in der Beliebigkeit, und er wird sie scharf verurteilen. Gut, er soll das tun, er wird eben damit seinen Platz im Ganzen Spiele einnehmen. Demokrat oder Tyrannenfreund, Konsumsüchtiger oder Selbstkasteier, Verschwender oder Geizhals, Fortpflanzer oder Eremit, die Welt hat für jeden einen Platz, auch für den, der diesen Platz streitig macht. Einzig für dasjenige, was es nicht gibt, hat sie keinen Platz.

In dem allem ist viel Tautologie, das ist mir wohl bewusst. Doch Tautologie, wie gesagt, wie sie den einen verwirren, so auch den anderen befreien und erleichtern kann, ja ermutigen, auf irgendeinem Wege fortzufahren, meist demjenigen, den er bereits eingeschlagen. Denn Naturkraft und Kreativität hat nichts damit zu schaffen, dass man die eigene Sache für die beste hält, sondern dass man sie tun will. Die Eiche hält sich nicht für den richtigen oder besten Baum und wird doch gewaltig. Im übrigen glaube ich nicht, dass wir tätig oder untätig werden entsprechend den Ideen, die uns gerade im Kopf herumschwirren, dass einer tätiger und kreativer wird, wenn er Nietzsche liest oder dumpfer und kränker, wenn Augustinus, sondern wenn Triebkraft und Tatendrang in ihm aufsteigt, wird er etwas vollbringen und der eine wird dazu seine geistige Unterstützung bei Nietzsche, der andere bei Augustinus finden. Freilich werden der Boden und die Witterung das Wachstum des Baumes mitbestimmen, aber dies ist nicht ein Problem der Natur im Ganzen sondern des einzelnen Individuums an seinem Ort und in seiner Zeit. Um das Ganze braucht man niemals Sorge zu haben, und wenn einer doch darum Sorge hat, so ist er auch damit wiederum ein Teil des Ganzen.

27. April 2009

Vielleicht besteht ja das Phänomen, welches Erbsünde genannt ward, nur in diesem eigentümlichen Moralverhältnis, in dem die Menschen zueinander stehen: sich ewig gegenseitig anklagen, Schlechtes Gewissen schüren, ewig in der Angst leben, bestraft oder zumindest nicht genug geachtet und geliebt und womöglich aus dem Rudel verstoßen zu werden — aber es ist nicht bloß ein menschliches Phänomen, auch Hunde und Wölfe leben in solchen „moralischen“ Kräftefeldern.

Jedenfalls gibt es kein Entrinnen von der Schuldenlast und den Ängsten, welche die Menschen sich gegenseitig aufladen, sie sind die notwendige Folge des Kräftemessens und der Selbstbehauptung — und nicht weniger erblich als der Nahrungs- und Geschlechtstrieb.

23. April 2009

Hauptsächlich denkt der Mensch an andere — denn selbst seine einsamsten Gedanken sind ja nichts als innere Zwiegespräche mit anderen. Wenn er so an andere denkt, sich mit ihnen unterredet, dann ist sein hauptsächliches Anliegen und das Grundmotiv aller aufkommenden Themen: Wie stehe ich bei ihnen da? Stimmen sie mir zu in meinen Ansichten, achten sie mich in meinen Eigenheiten, loben sie meine Leistungen, lieben sie meine Art, gefällt ihnen mein Gesicht — und vor allem, bleiben ihnen meine Schwächen verborgen, oder wenigstens, sehen sie darüber hinweg?

Weiter geht es: Was werfen sie mir vor, wessen klagen sie mich an, was halte ich ihnen zu meiner Verteidigung entgegen, was kann ich meinerseits ihnen vorwerfen, um mich gegen sie zu behaupten?

19. April 2009

Moral dient dazu, seinen eigenen Forderungen Gewicht zu verschaffen. Anstatt zu sagen: Ich will, daß dies geschieht, weil es zu meinem Vorteil ist, gibt man vor, es sei zum Vorteile aller, oder doch einer sehr großen Zahl, und vor allem, es sei überhaupt ein Vorteil, ganz unabhängig vom Eigeninteresse, ein Vorteil im ganz abstrakten Sinne, es sei gut. Mit dieser Raffinesse schafft jeder seinen Forderungen einen Nachdruck wie sonst durch keine Körper- oder Geistesstärke, denn er gibt vor, die ganze Familie, Sippe, Gesellschaft, Menschheit und — Gott — stünde hinter ihm.

14. April 2009

Achtung und Liebe sind die alltäglichsten und zugleich wichtigsten Waren im menschlichen Handel. Die Währung, in der bezahlt wird, heißt Dienst und Opfer. Jedem steht frei, weniger zu bezahlen — wenn er mit weniger oder geringerer Ware auskommt. Freilich kann der Saldo ins Minus rutschen, wenn wir mehr nehmen als geben. Dann wird die Schuld zurückgefordert und gegebenenfalls mit Aussperrung oder Turm geahndet.

12. April 2009

Das Schlechte Gewissen, wie gerne wäre man es los! Was wird nicht zur Selbstverteidigung an Selbstgesprächen geführt, was haben nicht Philosophen auf die Beine gestellt, um es ein für alle Male auszutilgen. Alle die Abhandlungen über die Freiheit des Willens, die in der Regel darauf hinauslaufen, daß der Mensch keinen solchen habe und also in keinem Falle hätte anders handeln können als er getan, sind doch im Grunde nichts als ein fortwährender Kampf für die Freiheit vor dem Gewissen, ein Kampf gegen die Gewissensqualen, gegen die Last von Schuld und Erbsünde — also gegen die ewigen lästigen Vorwürfe unserer Nächsten.

11. April 2009

Es ist richtig, daß die Moral ein Machtwerkzeug der Schwachen ist, denn wer stark genug wäre, könnte sich ohne sie behelfen. Es ist aber ebenso wahr, daß wir alle schwach sind, und daß wir deswegen selbst jederzeit auf die Moral zurückgreifen, um unsere Interessen zu wahren — und ferner sind wir sämtlich ängstliche Wesen, die sich stark beeindrucken lassen, sobald andere ihre Ansprüche mit den spitzen Pfeilen der Moral bewaffnen.

10. April 2009

Das Ressentiment des Pöbels richtet sich gegen die Mächtigeren und Besseren, als welche seine Position beschneiden. Doch wird trotz all seiner Revolten und Revolutionen sich immer wieder eine mächtigere und bessere Schicht über ihn stellen und also seine Machtstellung aufs neue beschneiden.

Das Ressentiment einer gewissen Spezies Philosophen wendet sich gegen die alles gleichmachende Macht des Pöbels, und weil sich diese Macht hauptsächlich durch die Moral in irgendeiner Form manifestiert, so findet sich bei einem solchen Philosophen Trieb und Freude, dieses Machtwerkzeug zu zerpflücken — wovon er sich größere persönliche und geistige Freiheit erhofft. Wie aber dem Pöbel immer neue Machthaber nachwachsen, so einem solchen Philosophen immer neue Moralgebäude und Wertgebilde. Glaubt er, die Religion demontiert zu haben, so schafft sich der Pöbel sofort andere Moralgebilde und Institutionen wie die Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschlichkeit, Emanzipation, Sozialismus, Nationalismus, und wenn er in der Gesellschaft nichts mehr findet, so zieht er den Naturschutz hervor. Zu all dem finden sich dann willige Leithammel bei den Intellektuellen, welche ihre Chance wittern, sich in einer solchen Strömung hervorzutun und aufzusteigen.

Unser Philosoph wird also im Großen die Moral nicht los, auch wenn er ihre Hintergründe und Ursprünge noch so fleißig zerlegt. Im Kleinen aber, d.h. in seinem persönlichen Lebensbereiche, wird er sie noch weniger überwinden, denn hinter der Moral steckt die Aggression seiner Nächsten, die ihm Furcht, die ihm Schlechtes Gewissen macht. Er mag gar ihre Gesellschaft fliehen, so wird ihn noch der vorgestellte Unwille vorgestellter Personen verfolgen. Seinerseits wird er niemals aufhören zu moralisieren und immer Maßstäbe hervorkramen, nach denen er die andern kritisieren und verurteilen kann.

(Große Demonteure waren etwa Hume, Helvetius, de Sade, Nietzsche, Rée, die den Ursprung aller Moral von allem Höheren entkleidet auf die Nützlichkeit für die Gesellschaft reduzierten, z. T. gegen sie polemisierten: de Sade, Nietzsche).

9. April 2009

Der Mensch ist ein Herdentier, und ich meine damit alle Menschen, auch den Individualisten, den Einzelgänger und selbst den Einsiedler. Wenn nämlich die letzteren zwar nicht mit der Herde laufen, so leben sie doch in Gedanken mit der Herde, und es ist ihnen sehr wichtig, ja bedeutet alles, was die Herde von ihnen denkt, und selbst wenn sie es nicht erfahren, wie der Einsiedler, so grübeln sie wenigstens heimlich, was sie von ihnen denken könnte. Der Unterschied zwischen denen, die mit der Herde laufen und denen, die sich absondern, liegt nur darin, daß jene der physischen Nähe bedürfen, diese nur noch der geistigen. Jene müssen sich sehen, hören, tasten, diesen genügen Vorstellungen.

Zwar will man in der Tat zuweilen ganz für sich sein, und dann scheinen die Meinungen der anderen unwichtig, doch werden wir uns selbst in solchen Stimmungen ertappen wie spätestens der dritte Gedanke wieder in die Form eines Zwiegespräches mündet. Wir können im Grunde ja gar nicht anders denken als in solchen Zwiegesprächen, und mit wem sollten wir Zwiesprache halten, wenn nicht mit einem andern, wenigstens vorgestellten Menschen? Und also sind wir schon wieder in Gesellschaft, in der Herde, wo wir uns mit unseren Argumenten verteidigen oder glanzvoll emporarbeiten wollen.

Eitelkeit, Ehrgeiz, Neid, Schadenfreude und wohl noch manche solcher Regungen lassen sich auf das Rangwesen in der Herde, also den Drang etwas zu gelten, die Furcht mißachtet oder ausgestoßen zu werden, zurückführen. Es scheint mir ein Irrtum, daß, wie Paul Rée meint, die Eitelkeit eine Gewöhnung sei, indem materielle Annehmlichkeiten auch Annehmlichkeiten des Ansehens nachsichgezogen hätten, insofern das Angenehme des einen mit dem des andern in Verbindung gebracht worden und daraus die Eitelkeit entstanden wäre — nein, die Eitelkeit, das Geltungsbedürfnis ist der ursprüngliche Trieb des Herdenwesens, die materiellen Güter und deren Annehmlichkeiten sind bloß die Akzidentien — und oftmals nur die Mittel im Dienste der ersteren.

8. April 2009

Moral ist eine Sache zwischen Menschen, es gibt sie nur in Hinsicht auf andere. Wenn ein Mensch nur auf sich selbst sehen und denken könnte, so würde nichts einer Moral Ähnliches in ihm aufkommen. Aber kein Mensch kann nur auf sich selbst sehen und wenn, dann nur für Augenblicke. Sobald jedoch die andern mit im Spiele sind, geht es um Besser- oder Schlechter-Sein, um Macht und Rangordnung, die Lust aufzusteigen, den Verdruß zu verlieren, den Ehrgeiz und die Furcht.

Das Gros der moralisch motivierten Handlungen ließe sich auf diese beiden Extreme, den Ehrgeiz und die Furcht zurückführen. Wirkliches Mitgefühl und Sorge um das Wohl anderer ist dabei zwar überall der Maßstab, Sorge um das eigene Wohl aber die Wirklichkeit.

4. April 2009

Die Frage, ob Egoismus eine Tugend oder ein Laster sei, erübrigt sich: Egoismus ist immer ein Laster, per definitionem, denn Moral ist immer Herdenmoral, immer Wertung der Nützlichkeit für die Herde. Wer nur sich selbst nützt, kann moralisch allenfalls neutral sein, unbewertet, niemals aber gut. „Moralisch gut“ heißt eine besondere Form der Nützlichkeit, nämlich die Nützlichkeit nicht für einen selbst, sondern für andere. Diese Form der Nützlichkeit wird von den anderen verständlicherweise geliebt und gelobt und mit der Auszeichnung „moralisch gut“ versehen.

Demgemäß muß der Egoist gefaßt sein, sich unbeliebt, ja verhaßt zu machen, weil er der Welt seine Mitwirkung vorenthält — aber gleichzeitig ihre Dienste sich wohl gefallen läßt. Diese findet sich betrogen und sucht Vergeltung. Als Gegenstück wird der Altruist zwar nicht gehaßt aber dafür oft verachtet, als Schwächling, als einer der sich prellen läßt.

Goethe war kein Altruist, ein Ruf, den eher Mutter Theresa genießt, und doch sind beide im besten Sinne berühmt geworden. Letztlich mag es daran liegen, wieviel Kraft einer in die Welt fließen läßt — denn wer sie nur an sein eigenes Gärtchen wendet, wird schwerlich den Dank der Welt davontragen. Ob er seine Kraft aber im unmittelbar unterwürfigen Dienste oder im Regieren und Lenken oder in künstlerischen, geistigen Werken gibt, ist dabei nicht entscheidend.

Dies bedenkend kann man sagen, daß ein wirklicher und vollkommener Egoist weder geliebt, noch geachtet, noch berühmt werden könnte. Aber einen solchen gibt es vermutlich nicht, denn selbst wer den einen als vollkommener Egoist gilt, gilt andern durchaus gutmütig und wohltätig, wird geliebt oder bewundert. Allen verhaßt zu sein kann sich keiner leisten, es bedeutete seine Verstoßung aus der Herde, seinen Untergang. Wenigstens in Gedanken muß er welche finden, die sein Tun für nützlich und gut halten und ihn dafür gelten lassen.

2. April 2009

Diejenigen, die sich heute von der Autorität eines Gottes befreit haben, haben sich ohne Zwischenschritt neuen Autoritäten unterworfen: den Ideen der Vernunft, der Humanität, der Gleichberechtigung, des Sozialismus, der Demokratie. So wird es auch immer sein. Wenn eines Tages diese idealen Autoritäten wiederum verstoßen werden, wird man sofort neue erfinden. Der Mensch liebt sie wegen ihrer Hebelwirkung, durch die er seinen eigenen Forderungen und Drohungen Nachdruck verleihen kann.

Natürlich braucht sie der Schwache mehr als der Starke, aber da die Schwachen immer in der Mehrzahl sind, werden solche Ideale auch immer von der Mehrzahl aufgegriffen und verteidigt. Hervorgebracht werden sie von Ideologen, Denkern, Politikern, Religionsführern und -Stiftern, welche sich dadurch eine breite Anhängerschaft sichern und zu Macht und Ruhm gelangen.

Das Gute und das Böse wird es immer geben, eine Naturbegabung des Menschen bringt sie hervor, die Moralität ist vergleichbar mit den Tatzen des Löwen, den Stoßzähnen des Ebers, dem Giftzahne der Schlange.

1. April 2009

Nietzsche: Psychologisch nachgerechnet werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die Sünden unentbehrlich: Sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, daß gesündigt wird. Oberster Satz: Gott vergibt dem der Buße tut. Auf deutsch: Dem, der sich dem Priester unterwirft.

Nietzsche meint, dies sei „naturwidrig“ und allein der Priester Art. Wir aber sehen, da die Priester inzwischen auf weiten Gebieten ihre Macht eingebüßt, daß es nicht am Priester und nicht am Glauben und nicht an der Religion liegt, sondern am Menschen: Für den Menschen ist die Sünde unentbehrlich, nämlich die Sünde der Anderen. Der Mensch hat nötig, daß gesündigt wird, denn damit bzw. mit dem Schlechten Gewissen und den Schuldgefühlen werden die andern zahm, mit Schuldzuweisungen im Zaum gehalten. Das ist ein Machtspiel zwischen Menschen, der Priester allenfalls ein Professioneller, der sich das, was jeder tut, zum Berufe macht, durch höhere Fertigkeit womöglich zusätzliche Macht erlangt. Aber auch andere Prediger, Philosophen, Politiker, überhaupt alle Weltverbesserer treiben es seit allen Zeiten als Profession.

Alles Moralische, samt seinen Übergebäuden von Göttern und Teufeln, ihren Himmeln und Höllen, läßt sich zurückführen aufs Menschliche, aufs Tierische, auf triebhafte Ängste, auf Macht- und Geltungswille. Der Mensch fürchtet um seinen Rang im Rudel, kämpft, um ihn nach Möglichkeit zu steigern. Dabei ist ihm die Moral ein Mittel zur Einschüchterung des Untergeordneten, des Konkurrenten, ja selbst des Höherstehenden.

Jede moralische Forderung heißt im Grunde: „Wenn du nicht in meinem Sinne handelst, wirst du Strafe leiden, und sei es nur durch Entzug meiner Achtung und Zuneigung!“ Jeder Vorwurf bedeutet: „Du hast dich nicht gefügig gezeigt, nimm nun den Entzug meiner Liebe und Fürsorge, ich verstoße dich einstweilen aus unserem Kreise und werde dazu bei den andern Mitgliedern gegen dich hetzen!“

Der Mensch hat, um seine Interessen durchzusetzen, zusätzlich zur Körperkraft den moralischen Instinkt. Er sagt nicht nur: „Laß das, du schadest mir, ich werde dich schlagen“, sondern: „Du schadest überhaupt, du bist böse, lädst Schuld auf dich, aber eine unsichtbare Macht, Gott oder die Humanität der ganzen Menschheit wird mich rächen und dich bestrafen.“ Selbst der Kleinste, Schwächste, der sich sonst gar nicht wehren kann, setzt hier seine winzige Kraft an einen unermeßlichen Hebel und läßt den Stärksten noch erzittern — schafft ihm Schlechtes Gewissen.

Und daß er diesem Mittel zusätzliches Gewicht verleihe, stellt er es als Forderung eines allmächtigen Gottes dar, dessen Gerichtsbarkeit sich keiner entziehen könne. Zugleich streift er damit jeden Verdacht von sich, private, egoistische und also bloß menschliche Motive stünden hinter seinem Eifer, welches ihn, als einen Begierigen, in etwas Mangel Leidenden wiederum angreifbarer machen würde. Stattdessen: „Nicht ich habe nötig, daß du dies erfüllest, sondern der Allmächtige, Unbestechliche hat erklärt es sei das Gute, dem du folgen müssest, andernfalls du in seine Ungnade fielest und verdürbest!“

Wenn wir durch Für-tot-Erklären des unbequemen Herrn und Abstreifen der lästigen Ideale auch den Druck loswürden, den die andern mit ihrer Moralinsäure auf uns üben, dann wäre ja ein Stückchen Freiheit und frische Luft gewonnen — aber dem ist nun in keiner Weise so. Die Moralinsäure wird sich immer einen Weg bahnen und eine offene Stelle finden, wo sie ätzen kann. Welcher göttlichen Gebote oder neu in Mode gekommenen Werte sie sich dazu bedient, ist im Grunde unerheblich. Daß wir voneinander abhängen, nicht nur physisch, nicht nur materiell, sondern allumfassender und allgegenwärtiger noch von unserer gegenseitigen Wertschätzung, das ist die offene Seite, die wir bieten, dort kann die Moral als Waffe ansetzen. Nicht Gott oder ideologische Zwangsjacken müßten wir abschaffen, sondern unsere Abhängigkeit vom Urteile der andern — aber dazu sind wir nicht angelegt.

31. März 2009

Unter den vielen Anstrengungen, die wir unternehmen, um unsere Eigenständigkeit und Persönlichkeit zu wahren, dem Schuldgefühl und unwürdiger Dienstbarkeit zu entkommen, hören wir häufig auch den Wunsch nach Selbstverwirklichung oder den Wunsch, endlich etwas für sich zu tun. Die einen beginnen dann einen Malkurs, die andern machen eine Reise, die dritten eine Schönheitskur.

Verständlicherweise sind solche Unternehmungen zunächst wenig geeignet, Sympathien und Achtung zu erwerben, denn die andern wollen, daß man für sie tätig werde, nicht für sich selbst. Aber eigentlich bräuchten sie sich nicht zu sorgen, denn ich vermute, daß hinter solchen, scheinbar egoistischen Vorhaben ohnehin bereits wieder das Bedürfnis hervorschielt, ihnen zu gefallen — nur will man es jetzt mit etwas Eigenem, nicht mehr durch namenlosen Sklavendienst. Man will keineswegs etwas für sich tun, sondern, wie immer, hauptsächlich für die andern — aber es soll endlich auf der eigenen Verdienstliste stehen.

28. März 2009

Der eine brüllt‘s heraus, schimpft über alles und jeden, klagt über Gott und die Welt, streitet mit Weib und Kind, und es stürzen die Vorwürfe wie der wilde Gebirgsbach. Beim andern hört man‘s nicht, mit unmerklichen Sticheleien versucht er die Moral seiner Konkurrenten aufzuweichen, wie das aufsteigende Grundwasser oder ein unterirdischer Quell. Doch beide tun‘s, und beide tun‘s aus Sorge zu kurz zu kommen.

27. März 2009

Nur ein überlegener Geist — in sicherer Position — wird sich weder selbst viel Schlechtes Gewissen machen lassen, noch den andern aufdrücken. Doch fürchte ich, auch sein Zustand ist nur temporär, bald wird seine Selbstgewißheit wanken, er wird von neuem infiziert und, was damit einhergeht, wird andere infizieren wollen — sie zu schwächen — weil sie ihm sonst gefährlich würden.

26. März 2009

Moralisieren und Schlechtes-Gewissen-Machen ist vorrangig das Kampfmittel der Schwachen — sollte man meinen — und tatsächlich verstehen sich die Weiber vortrefflich darauf. Aber auch bei den Rührigen des Staates und der Kirche war es zu allen Zeiten eine bewährte Taktik, sich in der Arena hervorzutun und Anhänger zu mobilisieren: Man definiert ein Gutes und ein Böses, schafft daraus Freund- und Feindbild und teilt die Welt entsprechend ein. Weil die meisten den Schutz der Gruppe suchen, sich fürchten, Sympathien zu verlieren, zu den Schlechten gezählt, angeklagt und verfolgt zu werden und auch bereits ihre Antipathien mitbringen, d.h. lieber selbst anklagen und verfolgen, wird sich schnell eine ansehnliche Gefolgschaft finden, und also zieht man ins Gefecht und erobert eine Stellung.

Die einen suchen sich mit Sachlichkeit hervorzutun, die andern mit Gefühl — und dieses muß an Schärfe jener keinesfalls nachstehen, denn die Fühlenden lassen sich leichter aufwühlen und als Gefolgsleute gewinnen, als die Denkenden. In beiden Fällen aber ist das Hauptmotiv des Moralisierenden, sich selbst durch Anhängerschaft zu stärken.

Nicht das Gute zieht uns hinan, sondern wir benutzen das Gute, um uns hervorzutun — auf Kosten anderer.

Als expliziter Verfechter des Guten — auch eines eben erst erfundenen Guten — zählt man selbstredend zu den Guten und glänzt umso mehr, je schwärzer man das Böse und die Bösen malt.

Deswegen verwenden es Politiker bewußt als Strategie und in der Propaganda, oder unbewußt, aus Angst vor den Rivalen. Die einen fürchten sich vor dem Aufbegehren der unteren Schichten, die andern vor der Übermacht der oberen. Es gilt jetzt, den eigenen Reihen zu schmeicheln und die andern zu verunglimpfen. Womit gelänge dies besser als mit Moral, d.h. indem man die Motive der eigenen Partei umformt zu höheren, überparteilichen, dem allgemeinen Interesse, ja einem absoluten Guten, der Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Göttlichkeit entsprungenen. Die Motive des Gegners reduziert man hingegen auf das Egoistische, d.h. Enge, Kleine, nur der einzelnen Person oder einem kleinen Kreise Dienende, den übrigen und dem „Ganzen“ aber Schadende, den genannten Idealitäten Entgegenstehende und folglich — Böse.

25. März 2009

Die Auffassung, daß alle Moral aus dem menschlichen Triebe der Selbstbehauptung, aus dem Ehrgeiz aufzusteigen, aus der Angst vor Verstoßung sich herleitet, heißt aber nur, in der Kausalitätskette ein Glied weiter gegangen zu sein. Hingegen einen letzten Grund und Ursprung der Moral erforschen und begründen zu wollen wäre, als wolle man die Schwerkraft begründen, die elektrische Polarität, Licht und Finsternis und dergleichen Gegensätze. Man kann mit Hypothesen, Gleichnissen und Bildern hier einiges zusammenreimen und anschaulich machen, muss aber letztlich bekennen, daß es sich um Naturkräfte handelt, die aller Bewegung und aller Starre dieser Welt zugrunde liegen, über deren Berechtigung oder Notwendigkeit, Sinn und Überwindbarkeit es müßig ist zu streiten.

Der Mensch mag sich winden, wie er will, er kommt aus diesem Kräftefeld von Gut und Böse nicht heraus — denn es ist Teil jenes größeren Kräftefeldes, des Willens zum Dasein, zur Selbstbehauptung, zur Macht. Vielleicht ist es Heiligen oder fernöstlich Erleuchteten gelungen, sowie ihnen gelungen sein mag, die Schwerkraft zu überwinden, ihren Körper nicht mehr zu spüren, über dem Boden zu schweben und dergleichen Wunderdinge. Die meisten bestaunen zwar Derartiges, würden es selbst aber nicht haben wollen, bei aller Erlösung, die es vielleicht brächte. Sie müssten sich dazu nämlich aus dem typisch Menschlichen herauslösen und also ihre angetraute Umgebung, Gesellschaft und Geselligkeit verlassen.

23. März 2009

Die Sünde ist nicht eine Folge der Erkenntnis, wie man allenthalben glaubte, sondern eine Folge des Machtkampfes im Rudel, wo es gilt, den andern klein zu halten, ihm Schlechtes Gewissen einzuflößen, ihn fürchten zu lehren, durch eine falsche Handlung in der Achtung, im Rang zu sinken und womöglich aus dem Rudel gestoßen zu werden. Gott und die Sünde sind Verstärkungen dieser Machtmechanismen, wobei diejenigen, die einen Gottesglauben ablehnen, überwunden glauben, sich sofort einen neuen Glauben, neue Moralmaßstäbe erschließen wie Menschenrecht, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Soziale Verantwortung, Liebe, Treue, mit denen sie die andern bewerten, be- und verurteilen und also ihnen Gewissensängste einflößen, um sie klein und gefügig zu halten.

Selbst den Untergang der Welt und das jüngste Gericht und die schrecklichen Höllenqualen der Verworfenen ersetzen die Ungläubigen unserer Zeit ja leicht durch Prophezeiungen von kommenden, durch des Menschen Uneinsichtigkeit und Selbstsucht verursachten Naturkatastrophen: Verstrahlung durch Atomtechnik, Sintflut durch Klimaschändung, Verbrennung durch Ozonloch, Vergiftung durch Chemie.

Der Mensch benutzt eben nicht nur Krallen und Zähne, um zur Herrschaft im Rudel zu gelangen, sondern auch Moralinsäure, d.h. die geistigen Krallen und Zähne, um die Konkurrenten im Rudel zu beschmutzen, verdächtig zu machen und also zu schwächen. Moralinsäure ist der hauptsächlichste und wirksamste Kampfstoff im Ringen um Macht und Selbstbehauptung.

22. März 2009

Wir werden das Schlechte Gewissen nimmer los, und wenn‘s einer los würde, so dürfte er‘s nicht bekennen, denn er würde sich den Haß der übrigen zuziehen, die ihm einerseits seine Unabhängigkeit neideten, vor allem aber, weil er ihnen jeden Einfluß auf sich nähme, er wäre gewissermaßen unantastbar, unverwundbar und ihre Position gegenüber der seinen geschwächt. Sie würden ihn aus ihrem Kreise verbannen oder, falls es ihm gelänge, seine Kunst zu lehren und Jünger zu finden, ihn verfolgen und vernichten — denn mit „Gewissenlosen“ läßt sich kein Staat machen.

20. März 2009

Mancher fürchtete, wenn Gott und Religion abgeschafft wären, daß dann auch alle Moral verschwände und die menschliche Gesellschaft vollends ins Chaos stürzen müsse. Wenn erst die Furcht vor jenseitigen und ewigen Strafen fehlte, könnten Polizei und Gerichte dem Zerfall nicht mehr steuern, und selbst das Zwischenmenschliche, wo es um Vertrauen, Ehrlichkeit und Anständigkeit ginge, wäre ohne den Respekt vor höherer Gewalt nicht in erträglicher Ordnung zu halten.

Diese Befürchtung hat sich nun, da die meisten Staaten säkularisiert und auch die Volksmassen sich zu großen Teilen von religiöser Autorität gelöst haben, nicht erfüllt. Die Menschen und die gesellschaftlichen Ordnungen sind vielleicht nicht besser aber auch nicht nachweislich schlechter geworden (obwohl immer die einen behaupten, früher sei alles besser gewesen, während die andern glauben man habe unendliche Fortschritte getan).

Andererseits hielten sich die Aufklärer und Gottestöter berufen, die Menschheit aus einer dunklen Gefangenschaft zu befreien, aus fressenden Gewissensplagen und Angst vor Höllen und Teufeln. „Werdet mündig, laßt euch nicht mehr einschüchtern vom drohenden Pfaffengeschwätz, gebraucht eure Vernunft, dann seht ihr selbst was gut und schlecht ist und braucht nicht mehr ducken vor den Geißeln düstrer Mächte!“

So wenig jedoch wie die Befürchtung vom Zerfall der Sitte hat sich diese Verheißung erfüllt. Man kann nicht durch Überwinden der Furcht vor übersinnlichen Mächten auch die Furcht loswerden „nicht zu genügen“. Das Schlechte Gewissen ist heute so guter Dinge wie eh und je, und Psychologen, Psychotherapeuten, Esoteriker, Lebenshelfer und Philosophen beißen sich noch immer die Zähne aus, wie sie den Menschen aus dieser Schmach und Sklaverei befreien und ihm also die einzige Freiheit verschaffen könnten, nach der ihm in Wahrheit dürstet.

Daraus scheint sich zu erweisen, daß sämtliche Gewissensplagen nicht aus der Verantwortung vor Gott und Furcht vor seinen Strafen herrühren, auch nicht aus der Furcht vor ewigen Wiedergeburten und nichteinmal aus der Furcht, die Vernunft, die Natur oder die Würde des Menschen zu verletzen, sondern daß all diese Heiligkeiten samt den dazugehörenden Strafkatalogen nichts Anderes sind, als menschliche Kreationen zum Zwecke, sich gegenseitig in Schach zu halten.

Es kommt zumindest heraus, daß auch wenn kein Gott im Spiele ist und auch sonst keine Ewigkeiten oder metaphysischen Strafsysteme, bei den ganz und gar Ungläubigen, daß auch bei ihnen die Gewissensplagen in keiner Weise nachlassen, sondern eben nur noch auf der Furcht vor Menschen beruhen.

Nach dieser Auffassung wäre die Existenz Gottes zwar nicht widerlegt, aber doch für das ganze Gewissens- und Moralwesen überflüssig, weil die Menschen, auch ohne an einen Gott oder eine überzeitliche Gerechtigkeit zu glauben, sich gegenseitig nicht mehr Böses antun, indem sie sich vor den irdischen Konsequenzen schon genugsam fürchten. Demnach wäre, was die Moral betrifft, alle Religion ebenso bloß eine Erfindung des Menschen, eine Spielart der wechselseitigen Drohungen zur Eindämmung des Übermutes.

Weil diese regulativen Kräfte in ihrer Summe immer etwa gleich bleiben und, falls die eine Kraft, etwa die religiöse, sich verliert, die anderen dafür desto stärker wirken, daß, wenn wir nicht mehr vor der Hölle und ewiger göttlicher Verdammnis zittern, uns dafür die Angst vor Liebesverlust, Unwillen, Verachtung, Haß, Rache, Kerker und Strang im Nacken sitzt, deswegen bleibt auch, in der Summe, das Schlechte Gewissen unter den Menschen immer gleich.

17. März 2009

Keiner macht sich unbeliebter, als wer geradewegs behauptet, er habe sich nichts vorzuwerfen, sei mit sich zufrieden und stehe in niemandes Schuld. Die Selbstgerechten, auch wenn sie keinen Schaden stiften, waren schon immer das Ziel moralischer Anklage, obwohl sie doch gerade das erreicht zu haben scheinen, was sich jeder wünscht: ein reines Gewissen, die Seele in Harmonie und Einklang mit sich selbst und unantastbar wie ein Gott. Anstatt sie aber zu bewundern, hält man sie für eingebildet, überheblich, gefühllos, besserwisserisch, egoistisch — und haßt sie dafür. Nur wenige sind damit zu Ruhm und Ehre gelangt.

Vollends wenn so ein Selbstzufriedener uns belehren will, wie auch wir dorthin gelangen könnten, erregt er unsern Widerwillen. Er gibt vor, in einer Disziplin, die uns doch allen am Herzen liegt, unvergleichlich besser zu sein — und wir um so vieles schlechter — er setzt sich im Range hinauf, gibt sich als Kollege der Götter, weist uns einen Platz weit unter sich, demütigt uns noch mit seiner Versicherung, daß es ihm einst ebenso kläglich ergangen sei, daß er aber mit seinen Einsichten, seiner Lehre alles hinter sich gelassen, alles überwunden habe und jedem nur raten könne, dasselbe zu tun — d.h. ihm nachzufolgen und also seine Göttergleichheit zu bezeugen.

Jedoch finden solche auch immer wieder glühende Verehrer, Verehrerinnen, die ihre Chance sehen, in diesem Lichte mitzuglänzen.

16. März 2009

Der gegenseitigen Verkleinerung und Schwächung durch Schuldzuweisungen und Sündenkult steht immer genug Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstüberhebung gegenüber, so daß nie zu fürchten ist, die Menschheit würde unter ihrer Sündenlast dereinst zusammenbrechen.

15. März 2009

Das Schlechte Gewissen ist nicht nur ein Druckmittel, andere zu unterwerfen, es dient auch, im besten Sinne, als Erziehungswerkzeug — und uns selbst zur Schärfung des Gedächtnisses. Wenn wir eine wichtige Sache zu besorgen versäumten, so hilft nichts so sehr, es uns fürs nächste Mal einzuprägen, als das Schlechte Gewissen, das wie eine Geißel über uns fährt. Zwar ist es wieder wohl nur die Angst vor Urteil und Strafe der andern, die uns peinigt, aber wir wollten ja auch im eigenen Interesse die Sache richtig machen, und so dient dieses Gedächtnistraining uns selbst nicht weniger als ihnen.

12. März 2009

„Höre auf dein eigenes Gewissen, nicht darauf, was die andern von dir erwarten!“ — soll heißen: im Gewissen ist eine von menschlichen Interessen unabhängige Instanz, eine Stimme Gottes, ein kategorischer Imperativ, ein unbestechliches Empfinden für das Gute.

Nach den hier angeführten Betrachtungen ist diese Aufforderung aber ganz und gar widersinnig, weil das Gewissen ja nichts Anderes ist, als gerade die in uns tönende Stimme der andern, mit der sie ihre Interessen anmelden und mit Strafen drohen, falls man nicht entgegenkommt. „Höre auf dein Gewissen“ heißt: „Höre auf deine Vorstellung von den Wünschen der andern, versuche zu erahnen was ihnen gefallen könnte — und zittere vor ihrem Unwillen und ihrer Rache!“

Solche Rede wird denn auch oft genug angewandt, den andern mit der angeblichen Autorität seines eigenen Gewissens zu nötigen: „Würdest du auf dein Gewissen hören, so fändest du, daß ich Recht habe, daß ich nur verlange, was mir zusteht!“

10. März 2009

Völlig unbehelligt vom Schlechten Gewissen ist nur der wirklich Gutgelaunte — solange er in sein Schaffen verliebt ist oder in sein Mädchen. Zuverlässig halten solche Zustände aber nicht, und daher vermute ich, daß das Schlechte Gewissen eine durch und durch demokratisch und sozial verteilte Gemütsbewegung ist, eine Naturkraft so gleichmäßig auf die Menschen wirkend wie die Schwere — und, wie diese, mal stärker und mal schwächer empfunden.

8. März 2009

Schlechtes Gewissen ist kein Teil eines höheren moralischen Vermögens, sondern nichts als die Angst vor Nachteil und Strafe auf Erden. Daß man ein solches Gepäck gerne los wäre, ist nicht verwunderlich, es ist schließlich erniedrigend, vor seinesgleichen zu kuschen und zu zittern. Auch daß sie so ohne Maß über unsere Gedanken verfügen, uns zur Ausarbeitung aller denkbaren Verteidigungsreden treiben bis wir uns hundertmal vorsagen, wir hätten doch im Grunde nichts verbrochen und also nicht nötig, uns zu rechtfertigen, ist äußerst schmachvoll. Aber wir arbeiten folgsam weiter an den Beweisen, die wir ihnen entgegenwerfen könnten, sollten sie uns morgen mit Vorwürfen und Anklagen überfallen.

Und dies ist sehr zu fürchten, weil alle stets beschäftigt sind, sich gegenseitig klein zu halten und dazu keine Waffe dienlicher scheint als Vorwürfe und Anklagen, kein Ziel willkommener als der andern Schlechtes Gewissen.

Die Frommen zeigen auf die Gottlosen, die Keuschen auf die Geilen, die Rechtschaffenen auf die Strolche, die Anhänglichen auf die Lieblosen, die Menschlichen auf die Groben, die Fleißigen auf die Faulen, und selbst die Leichtsinnigen finden noch ihren Widerpart an den Spießern und Philistern. So hat jeder einen, den er beschimpfen, anklagen und verachten kann, und jeder hat viele Angreifer und heimliche Feinde.

Wir sind gänzlich ausgefüllt von der Sorge, entweder nicht zu genügen oder zu kurz zu kommen. Beides läuft hinaus auf die Frage: Wie werden wir geachtet? Wie stehts um unsere Position? Hegen die andern Haß und Rachsucht gegen uns, weil wir ihren Rang beschädigten, oder verachten sie uns, weil wir schwach sind und uns benutzen lassen? Droht uns Aufruhr, Revolte, Exil oder Demütigung, Sklaverei, Verstoßung des Kränkelnden? Es ist letztlich der Kampf um die Macht.

Der Weg dahin ist vielfach: Dem Weibe etwa zählt die Beachtung seiner Leistungen weniger als dem Manne, es will schön, begehrt, geliebt sein, weil dadurch seine Position steigt, daraus sein Rang sich ableitet. Einer Schönen liegt die Welt zu Füßen, die Männer drängen sich um das Privileg, vielen Schweiß für sie zu vergießen und womöglich Blut. Die Häßliche hingegen muß einigen Ersatz aufbieten, um zu ihrem Teil zu kommen. Der Wille zur Schönheit ist des Weibes Wille zur Macht. Einem Weib zu sagen: Ich liebe dich nicht, begehre dich nicht, aber achte dich sehr, ist so kränkend als dem Manne das Gegenteil.

Der ewige Kampf um höheren Lohn sowie der Neid gegen die Reichen, hat zum hauptsächlichen Grunde nicht die blanke Not oder die Begierde nach eitlem Kram, sondern die Sorge um den Rang. Es ist erniedrigend zu arbeiten und mitanzusehen wie ein anderer davon reicher wird. Nicht die Arbeit selbst ist erniedrigend — allenfalls unbequem — und auch der Reichtum des Reichen müßte, für sich gesehen, kein Problem sein, aber es ist die sich verschiebende Rangordnung, was das Gemüt in Aufruhr setzt, der eigene Rang wird niedriger im Verhältnis zu dem der steigt, und darin liegt die Erniedrigung, die Kränkung. Jeder will in seinem Range, d.h. im Verhältnis zu den andern, möglichst steigen oder jedenfalls nicht sinken, und daraus werden die Händel unter den Menschen geboren. Die Begierde nach mehr Konsumgütern kommt meist erst mit den zur Verfügung stehenden Mitteln — zuvor waren es nur süße Träume. Außerdem dienen die Konsumgüter oft genug ja gar nicht dem eigenen Genusse, sondern wiederum der Erhöhung des Ranges: Das schöne Auto macht Eindruck auf Frauen und schüchtert die Konkurrenten ein, das eigene Haus, die Ferienreise bindet das Weib an den Luxus und damit an den Gatten (wenigstens solange kein besserer kommt).

Überhaupt, etwas vorzeigen, gewähren, hebt die eigene Stellung, gibt Größe; ebenso Großmut zeigen, schenken, entgegenkommen, höflich sein, Lob und Komplimente verteilen. Es bereitet Lust, weil es den Geber mehr erhöht als den Nehmer, es macht seine Güter, seinen Überfluß der Güter allererst sichtbar und zeigt einen höheren Reichtum als der Geizige je erreichen kann. Wenn dieser beneidet wird, so jener auch noch bewundert und vielleicht geliebt.

Es erfinden die Menschen köstliche Methoden und psychologische Schleichwege, um sich selbst und die Andern zu überzeugen, daß sie kein Schlechtes Gewissen hätten, und wenn man sie reden hört, könnte man tatsächlich glauben, sie seien ganz mit sich und ihrem Tun zufrieden, ihr Leben ausgefüllt mit Sinn und Arbeit, rechtschaffen in den Grenzen der Vernunft — außer wenn entschiedener Nachteil droht.

Wie weit dies beim einzelnen zutrifft, ist natürlich von außen schwer zu erkennen und mancher mag‘s selbst nicht wissen, weil er sich gar zu eifrig beredet, unter dem Zwang, vor sich und der Welt nicht als Sünder und nicht als Schwächling dazustehen. Wer nämlich sein Schlechtes Gewissen zugibt, gesteht der nicht bereits seine Schuld? Offenbart er nicht, daß er vor anderen duckt, sich vor ihren Repressalien fürchtet, ein Feigling, ein Wurm?

Das geht bis hinauf zu den trefflichsten Philosophen, von denen einer sich die Finger wund schrieb, um zu beweisen, daß der edle und vornehme Mensch kein Schlechtes Gewissen kenne, welches nämlich bloß ein Affekt der Herdentiere und des Pöbels sei.

Nur leider fürchte ich, es ist so leicht nicht fortzuschaffen, in dieser Frage sind wir alle Pöbel, und selbst der Edle und Hochgesinnte wird es sich nicht ganz vom Halse halten können.

Auch meine ich, daß es ganz in unserer Natur angelegt ist und von dort aus erst seinen Eingang in die verschiedenen Religionen und politischen Ideologien gefunden hat, wo es dann nicht selten als Mittel zur Dressur und Leitung der Menge Anwendung findet. Dieses Schwert hat allerdings auch seine zweite Schneide, denn Vorwürfe bewirken zwar das Schlechte Gewissen und machen den andern insofern klein und fügsam, aber, wie jeder Angriff, wecken sie auch Widerstand und Aggression. Die Ratte ist ein furchtsames Tier — bis sie in eine Ecke getrieben wird.

Sieht aber einer sein Gewissen tatsächlich ruhig, so sollten wir‘s ihm herzlich gönnen, es ist ein wahres Geschenk der Götter, ein Glücksfall, nicht bloß für ihn selbst. Ein freier, selbstbewußter Mensch ist immer ein Gewinn für die Menschheit. Aber leider, außer bei Kindern, lassen wir‘s nicht gerne gelten.

4. März 2009

Nach eigenen Maßstäben handeln, sich nicht nach dem Gerede und der Meinung anderer richten, gilt in unserer Zeit geradezu als Maßstab moralischer Integrität, als Ehrensache und Zeugnis der Selbstachtung, und jeder, der auf sich hält, wird es für sich in Anspruch nehmen.

Auch ich hielt mich immer für einen freien Menschen, der nicht nach herrschenden Meinungen, dem Gerede der Nachbarn, den launischen Ansprüchen der Nächsten frägt, und ich glaube, daß ich auch allgemein in dem Rufe stand, ein besonders ausgeprägter Individualist zu sein, der sich eher in den Eigensinn verirrt als in der Anpassung verliert.

Aber selbst einem so Beschaffenen enthüllte sich, nach eingehender Selbstbeobachtung, ein ganz anderes Bild: daß nämlich in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist, daß kaum weniger als neun Zehntel seiner Sorgen — und auch der Mühen — darin bestehen, wie er es den andern recht machen könne, wie ihren Ansprüchen genügen, wie ihnen gefallen, sie nicht enttäuschen, nicht verärgern, nicht ihre Zuneigung verlieren, ob er in ihrer Runde mit Geist glänzen und Lacher erzielen könne oder sich durch Blödigkeit blamiere, ob er für schön, redlich oder falsch gehalten werde oder womöglich gar ihren Haß und ihre Rachsucht auf sich zöge, wenn er keine Extravaganzen ausläßt, nur um der Welt kundzutun, daß er ganz er selber sei, auf die Meinung der Menge pfeife, aber dennoch sich mehr um anderer Meinung willen abmüht als jeder Duckmäuser und Spießer, wenn er selbst in diesem Augenblick noch sich bei Dir, dem Leser, hervortun will mit seiner außergewöhnlichen Offenheit und Selbsterkenntnis — wenn also dieser eingebildete Freie bei näherer Betrachtung sich als ein bis zu solchem Grade Unfreier entpuppt, dann neige ich stark zu der Vermutung, daß es um die Freiheit und Unabhängigkeit der übrigen nicht besser bestellt ist, daß auch sie an der Gunst ihrer Artgenossen hängen wie an ihrem Lebensfaden — nicht wegen besonderer Schwäche oder Feigheit, sondern weil es der Menschennatur ganz ursprünglich und eigentümlich eingegeben ist.

Ich halte es auch für eine romantische Vorstellung, daß der vornehme, große, tüchtige, kriegerische Mensch sich des Schlechten Gewissens entledigen könne. Er wird davon, in seinen Bereichen, und mögen sie noch so hoch und herrlich sein, ebenso heimgesucht wie der kleine Mann in seinem Winkel. Seine Werke mögen den Anschein haben, als habe er die Kleinlichkeiten der menschlichen Seele überwunden, aber seine Werke spiegeln nicht sein tägliches Leben wieder, sondern dessen künstliche äußere Form, il est indigne des grands cæurs de répandre le trouble qu’ils ressentent. Auch der bedeutende Mensch bleibt von schlechter Laune, Naschlust, Geilheit, Harn- und Stuhldrang nicht verschont, obwohl es mit dem Bilde seiner Größe schlecht zusammengeht, warum sollte er gerade von dieser Seelennot entbunden sein?

Nach allem Anschein sind davon nicht einmal die Hochmütigen, ja nicht einmal die Einsiedler frei, denn worum sollte sich ihre Gedankenmühle drehen, wenn nicht um die Frage, wie sie in der Welt dastehen? Man glaubt, sie seien nur ums eigne Wohl besorgt, und indirekt ist es auch so, denn ihr Wohl ist das Wohlwollen der andern.

1. März 2009

Moral heißt: Gut ist, was nützlich ist. Das hat Hume mit aller Deutlichkeit gezeigt. Der Mensch sucht seinen Vorteil, aber der Mensch ist nicht bloß ein Individuum, sondern auch ein Herdentier, er fühlt bis zu einem gewissen Grade mit andern mit, als sei er mit ihnen zu einem einzigen Individuum verschmolzen. So kann er sich mit ihnen freuen, für sie freuen, auch wenn ihn selbst in diesem Augenblick kein sichtbarer Vorteil trifft, kann mit ihnen leiden, auch wenn ihm selbst nichts fehlt. Er kann sich sogar für andere opfern, was zum Teil seinem persönlichen Ruhm und Ansehen dient, zum andern aber, weil ihn schlicht ein Herdentrieb, mütterliche, väterliche Fürsorge, Verliebtheit, Gefolgschaft dazu hinreißt. Solches gemeinschaftliches Empfinden wird naturgemäß von der Gemeinschaft gelobt – weil es ihr nützt.

Wenn uns die Beschreibung des Moralischen mit hochtrabenden Idealen und religiösem Tand zuwider ist, können wir alles auf solche Gemeinschaftstriebe und Instinkte zurückführen. Der Mensch, indem er sich um andere sorgt, ist dann nicht weniger auf eigenen Vorteil aus, nicht besser in dem gebräuchlichen idealen Sinne, weil sein Gemeinschaftstrieb ihm die Sorgen und Bedürfnisse der andern erscheinen läßt wie sonst seine eigenen, er bleibt Egoist, nur der Kreis seines Egos erweitert sich. Er wird allerdings als ein Besserer gehandelt von denen, deren Vorteil er dabei befördert.

Egoismus/Altruismus im Grunde dieselbe Sache, nur einmal das Individuum betreffend, das andere Mal eine Art erweitertes Individuum, eine Zusammenschmelzung mehrerer Individuen zu einem gemeinsamen Interessengebilde. Wie mehrere Körperteile, mit dem selben Bedürfnis nach Nahrung und Betätigung, einen Menschen bilden, so können mehrere Menschen in ihren Bedürfnissen und Interessen wie ein Mensch fühlen: In der Eltern- und Gattenliebe, Freundschaft, Parteibegeisterung, Nationalgefühl, Religionsgemeinschaft.

Kaum wird solche Verschmelzung bis zur allgemeinsten Sympathie mit der gesamten Menschheit führen, weswegen die Idee des Humanismus in ihrer allgemeinsten Form doch eher eine Gedankenkonstruktion bleibt.

Feststeht, daß gewöhnlich ein Konterpart da sein muß, von dem man sich abgrenzen kann, um sein eigenes Wesen zu bemerken, sich seiner selbst bewußt zu werden. Man will ja Gründe haben, warum man der einen Religion eher angehört als der andern, der einen Partei den Vorzug gibt.

Im Grunde ist die Interessenverfolgung eines solchen Überindividuums nichts Anderes als diejenige des egoistischen Einzelwesens, nur eben in erweitertem Rahmen.

27. Februar 2009

Sokrates, Jesus und andere Märtyrer waren nützlich nur ihren Anhängern, denen sie freilich Freude bereiteten, indem sie ihnen zu moralischem Ansehen verhalfen, sie also stärkten. Den übrigen machten sie Verdruß, schädigten sie in ihrer Stellung, ihrem Rang, indem sie sie moralisch schlecht machten. Daher die Feindschaft, der Haß. Tugend ist immer parteiisch, nützlich für einige aber schädlich für die andern. Ein Kategorischer Imperativ, der die Interessen der gesamten Menschheit unter einen Hut brächte, ist ein bloßes Gedankenkonstrukt. Der Tugendhafte wird geliebt von seinen Anhängern, gehaßt von seinen Feinden — die wiederum ihre Tugendhaften haben.

26. Februar 2009

Das schlechte Gewissen ist ein gar lästig Ding, und jeder würde sich gern davon befreien. Es verfolgt uns an jeden Ort, fesselt die Gedanken, macht ängstlich, verwundbar und klein. Und warum? Wegen der Sünde gegen Gott, seiner Rache am Jüngsten Gericht? Oder, ohne Gott, wegen Mißachtung eines objektiven Guten, einer höheren Vernunft, eines Kategorischen Imperativs, einer naturgegebenen Bestimmung des Menschen, der Menschlichkeit, Humanität, sozialen Verantwortung, einer Rache, die aus unergründlicher Tiefe unserer Seele als Schuld heraufsteigt, uns mit der Welt und uns selbst entzweit und bis ans Ende unserer Tage niederdrückt? — Oder weil wir schlichtweg Angst haben vor den konkreten, handgreiflichen Folgen unseres Tuns, weil wir zittern vor dem Tadel, der Verachtung, der Züchtigung und was uns sonst von unseren Artgenossen blüht?

Der erste Grund, die Sünde gegen Gott, hat freilich Größe, ist gewaltig, dramatisch im künstlerischen Sinne. Der zweite Grund, der Verstoß gegen die Menschlichkeit und dergleichen, hat immerhin noch Pathos für Philosophen, Politiker und Wissenschaftler. Der dritte Grund, die bloße Angst vor den Artgenossen, kommt in diesem Vergleich prosaisch und banal, ja schäbig daher. Und doch, obwohl ich die ersten beiden nicht abtun will, was immerhin bedeuten würde, einige tausend Jahre menschlicher Sitten, Religionen und Philosophien umzuwerfen und wenigstens zweihundert Jahre aufgeklärten Denkens und Forschens, werde ich hier doch zunächst dem dritten Wege folgen — nicht zuletzt weil er mir der einfachere und meinen Kräften gangbarere scheint.

Zu dieser Wahl hat mich nicht so sehr theoretische Überlegung geleitet und auch nicht Vorliebe und Intuition, denn sonst hätte ich unbedingt zuerst den Weg der Größe, der Tiefe, der langen und schweren Bedeutsamkeit gesucht — statt im Sumpfpfade alltäglicher Empirie zu waten. Aber Erlebnisse und Beobachtungen am eigenen Leib, an der eigenen Seele haben meine Vorstellung vom Gewissen aus der Höhe ziemlich herabgezogen, und nun muß sie wohl eine Zeit durch Niederungen gehen, bis ihr vielleicht einmal wieder Flügel wachsen.

Wenn ich meine ärgsten Gewissensplagen im Rückblick durchleuchte, dann finde ich immer eine außer mir liegende Bedrohung, eine zu fürchtende Bestrafung gleich welcher Art, meistens durch Menschen, selten durch Gott. Was wird man mir vorwerfen, wie kann ich mich rechtfertigen, soll ich bei meiner Absicht bleiben oder, um mir nicht Mißmut, Zorn, Neid oder Verachtung zuzuziehen, mich lieber anders besinnen? Oder, wenn die Tat bereits geschehen, das Versäumnis begangen, soll ich‘s verbergen, leugnen? was wenn‘s doch an den Tag kommt? dann kommt das Leugnen noch dazu und alles ist verdorben! Aber wenn ich‘s bekenne, was erwartet mich für Schelte? — aber muß man denn alles bekennen, kann man‘s nicht wenigstens drauf ankommen lassen?

Und wenn sie es dann wissen: Wie kann ich mich verteidigen, rechtfertigen? Welche anerkannten, verbreiteten Gründe könnten mir zur Seite stehen? Wie könnte ich, im Gegenzug, meine Kläger anklagen, um sie zu diskreditieren, zum Schweigen zu bringen?

Ich hatte mir einst Ideale gesetzt, etwa nicht zu lügen, weil Lügen feige ist, weil es dem Philosophen am wenigsten ziemt, ausgerechnet vor der Wahrheit feige zu sein. Andererseits bringt die Ehrlichkeit ja ebenfalls Nachteile, womöglich Makel und Schande an den Tag, wo ist also das kleinere Übel, wo das kleinere Risiko?

Wenn ich mit der Moral, mit meinen Idealen rang, so war das eigentliche Problem, wenn ich es recht bedenke, nicht die Verfehlung des Ideals, sondern das An-den-Tag-Kommen meiner Schwäche, meiner Unfähigkeit, die selbst gesteckten Ideale zu erreichen, die Blamage dessen, der den Mund zu voll genommen. Selbst wenn ich Gott anflehte, mir meine Sünde zu vergeben, so bat ich im Grunde: Mach daß es die andern nicht merken, oder wenn sie‘s merken, mich nicht verstoßen, oder wenn sie mich verstoßen, daß meine Freunde und Liebsten noch zu mir stehen.

Bislang haben sich meine Verfehlungen in einem bürgerlichen Rahmen gehalten, aber wäre dieser einmal durchbrochen, so würde ich vermutlich bitten: Wenn mich alle hier verabscheuen, laß irgendwo auf der Welt, gleichviel an welchem Ort, in welcher Zeit, in der Vergangenheit oder Zukunft, Menschen sein, die, würden sie von meiner Tat erfahren und alle Umstände, die dazu geführt, kennenlernen, Verständnis hätten und mich also nicht verurteilten und nicht verstießen.

So hat mich alle Analyse meines eigenen Schlechten Gewissens immer wieder dahin geführt, daß es nichts ist als die Furcht vor den Maßregeln oder dem nachteiligen Urteil der andern. Meine äußersten Gewissensqualen, selbst diejenigen, die mir große Bußversprechen entlockten, beruhigten sich in eben dem Maße, wie die Gefahr der Entdeckung vorüberging, wie Verlust von Geld und Gut, Ehre und Vertrauen nicht mehr drohte. Das Böse schlechthin, die Sünde, die Verderbnis meiner Seele, die Sittenverkehrung, die Ungerechtigkeit, Gemeinheit, Falschheit, von alldem fürchte ich nichts so sehr, als wie ich als ein solcher dastünde — vor den andern.