DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

 

Dietmar Odilo Paul

Der Autor 1960

 

LEBEN BIS FÜNFZIG

Es fand sich, eines heiteren Frühlingstages, da ich im Begriffe war, mein fünfzigstes Jahr zu vollenden, daß mir die freundliche Sonne eine Reihe von Taten und Erlebnissen meines bisherigen Daseins wohlwollend beleuchtete und mich in Laune setzte, sie mir auch selbst zu meinen Gunsten auszulegen. Was mir da so vorteilhaft begegnete, will ich nun schnell als meine Vita geben, bevor ein strengeres Urteil wieder Besitz von mir ergreift.

Ich genoß eine beschauliche Kindheit, während der ich mich abseits vom wilden Gerangel der Altersgenossen hielt, stattdessen Stunden aus dem Fenster auf die Dorfstraße sah oder aus Bauklötzen alle Arten von Häusern, Türmen und Brücken errichtete.

Darauf folgten Jugendjahre in ausgelassener Geselligkeit und wenig musterhaftem Betragen, aber auch weite Reisen, die ich ganz auf mich gestellt unternahm, erste Kunstversuche und manche Art von grober Arbeit, was Einkünfte brachte und mir als Abhärtung und Abenteuer galt.
So ging es nach der Schulzeit noch eine Weile fort, bis mir einfiel, die Bildung nun doch ernsthaft und nach verschiedenen Richtungen vorzunehmen, die alten und neuen Sprachen, Dichter und Philosophen und manche Gasse der bildenden und tönenden Künste. Später gesellte sich Mathematik und Physik hinzu, denn jedenfalls wollte ich der Einseitigkeit entgehen.

Leibesübungen habe ich nicht gescheut und mich mit Eifer in fernöstlicher Kampfkunst geübt, nicht wenige Jahre in einem technischen und ökonomischen Berufe meine Kräfte versucht und, nachdem die Bauleidenschaft der Kindheit mich im Mannesalter wieder eingeholt, mehrere alte Gebäude durch meine Hand und Leitung durchaus bewohnbar gemacht. Einige zwar kleine, aber vielleicht nicht ganz nutzlose Schriften habe ich mit Beobachtungen und Gedanken angefüllt, und nicht zuletzt genoß ich bisweilen die Gunst der Frauen, obwohl ich mich störrisch genug aufgeführt, und eine ansehnliche Nachkommenschaft ist daraus hervorgegangen, welche mir wiederum die zärtlichsten und glücklichsten Stunden bereitete.

Neben alledem hat mich das Eigentümliche der Einsamkeit seit dem Kindesalter mit besonderer Macht in seinen Bann gezogen, und immer wieder mußte ich auf Stunden, Tage oder Wochen dahin entschwinden, und einmal war ich gar zwei ganze Jahre Eremit.

Von außen und andern wurde mir Unvergleichliches zu Teil, habe alle Freuden und nur gelegentlich die Leiden ausgekostet, die Herrlichkeiten der Natur auf Reisen, weiten Spaziergängen und lieblichen Ruheplätzen aufgesogen, und kaum zu benennen ist, was ich an Großem und Bedeutendem gesehen, an Werken menschlicher Kunst und Findigkeit, wie herzlich und ernst ich teilgenommen an vortrefflichen Produktionen unserer Literatur.

Treuen Freunden in Glück und Bedrängnis und Wohlgesinnten ohne Zahl standen wenige Widersacher entgegen, Ruhm verschonte mich nur, weil er unverdient gewesen wäre, und doch fand sich eine Hand voll, die an meinem Werklein Gefallen fand, und also erntete ich mehr als ich gesät. An weltlichen Gütern hat mich das Schicksal zu dem Grade begünstigt, daß ich mehr als gewöhnliches Maß über meine Zeit verfügen, meine Urteile ohne Rücksicht auf Ein- und Fortkommen bilden konnte, und wenn daraus zuweilen widerspenstige Grillen hervorgegangen, so auch ein Blick über manch akademische, gesellschaftliche, zeitgenössische Befangenheit hinaus.

Soviel soll hier genügen, obgleich schön wäre, in dieser Sichtweise fortzufahren, ja das Leben selbst so wünschenswert fortzuleben. Aber freilich kommen die Zweifel wieder, und es werden auch künftig wenige Tage vergehen, an denen ich mich uneingeschränkt gelten ließe. Immerhin kann ich mir diesen einen Tag jederzeit ins Gedächtnis rufen und mir vor Augen halten, daß, unter einem günstigen Lichte besehen, sich dieses Leben durchaus sehen lassen könnte.

 

Der Autor 2010