DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

WOHIN WIR WOLLEN

1

Alle Menschen streben von Natur nach Glück und fliehen das Unglück. Dies bedarf keiner Erörterung, weil ja klar ist, daß jeder wünschen muß, was ihm, nach seiner Fassungskraft, das Beste scheint. Was das Glück allerdings sei und wodurch es erlangt werde, darin scheiden sich die Meinungen gar sehr. Der eine meint, er könne es bei Pferden, teuren Wagen, Landhäusern und schönen Frauen finden oder, wenn dafür die Mittel nicht reichen, bei jedwedem ersinnlichen Krimskrams, wie er die Kaufläden unserer Städte überquellen und die Gehirne der Erfinder niemals zur Ruhe kommen läßt. Ein anderer erkennt die Fragwürdigkeit solcher Vergnügungen, versucht, in Askese die eigenen Wünsche und Begierden zu überwinden, sich für ein Allgemeineres, für Kunst oder Staat Verdienste zu erwerben und würde gar sein Leben für andere hingeben, eher als sich in Wollust und Bequemlichkeit zu räkeln. Vielleicht wird ihn, selbst dabei, noch Eitelkeit und Ruhmbegierde lenken, vielleicht aber auch die tiefere Einsicht, daß allein durch Aufgabe der egoistischen Interessen, durch begierdelose, liebevolle Hingabe wahre Zufriedenheit, Seelenheil und also Glück zu finden ist.

Von denen, die einen solchen Weg wohl für den besseren hielten und ihm sehnlichst gerne folgen wollten, werden doch die meisten fortwährend aufgehalten oder zurückgeworfen, weil da irgendeine Verlockung plötzlich sämtliche Kräfte an sich zieht, eine Bequemlichkeit für den Augenblick die größere Wohltat verspricht und solange das gute Ziel in zauberische Dämpfe hüllt, durch welche kaum mehr als ein dumpfer Vorwurf des Gewissens dringt. Wie einer, der einen Botengang zu tun hat und weiß, daß er erst nach Erledigung seinen Lohn erhalten wird, dann aber an einer Schenke vorbeikommt, und weil das kleine Glück, das ihm ein Gläschen hier und jetzt verspricht, heller strahlt als das zwar größere, aber noch entfernte, welches mit einigen Mühen erst erlangt wird, muß er hinein. Nach einer gewissen Zeit kommt ihm wieder in den Sinn, daß er auf diese Weise nicht vorankommt und sein Ziel wohl kaum erreichen kann. Er wirft sich in die Brust, nimmt frischen Anlauf, und siegesgewiß umschifft er die nächste Klippe. Aber es war der Schwung, nicht die verläßliche Kraft, die ihn der Lockung entkommen ließ; am übernächsten Wirtshausschild brechen die vertrauten Düfte und Stimmen den Widerstand, das kleine, trügerische Glück beweist von neuem seine Macht.

2

So streben alle Menschen nach Glück, oder nach dem, was sie gerade dafür halten, selbst wenn sie im Grunde wissen, daß es nur ein Glück des Augenblicks ist, auf welches Reue folgt, welches sie auf ihrem eigentlichen und guten Wege aufhält. Daß etwa Geld nicht glücklich mache, ist durchaus eine verbreitete Rede und vielfach zugestandene Wahrheit – ungeachtet ein jeder weiterhin die Hauptmacht seiner Gedanken und Kräfte daran wendet, soviel als immer möglich von dieser gewissermaßen nutzlosen Sache an sich zu reißen. Denn nutzlos ist das Geld, insofern für das Leben alles nutzlos ist, was uns nicht glücklich und zufrieden macht und so zu unserem eigentlichen und einzigen Wohle beiträgt. Der Nutzen, den man darin sieht, bequemer zu reisen und schmackhafter zu essen, ist nicht real, solange es einem nirgendwo recht gefällt, man sich mit dem vielen schmackhaften Essen Übelkeit und Krankheit zuzieht und darüber hinaus noch die verzweifelte Erkenntnis, daß die Willenskraft nicht einmal hinreicht, beim Essen und Trinken das rechte Maß zu halten. Doch dies ist der gewöhnliche Fall.

Selbst wenn aber das teurere Essen und bequemere Reisen unser Glück befördern könnte, so erkaufen wir diese, in der Regel, doch zu teuer. Denn die eigentliche Frage ist ja nicht: Wieviel kostet das? sondern: Was müssen wir alles tun, um das Geld dafür zu beschaffen? Wieviele Gedanken müssen wir auf anderer Leute Interessen verwenden, wievielen Schweiß unter ihrem Joche vergießen, wievielen Ärger ihrer Launen wegen auf uns nehmen, bis sie uns endlich das Geld geben, mit dem wir dann teurer essen und bequemer reisen? Wieviel Freiheit, wieviel Sorglosigkeit, wieviel Selbstachtung büßen wir ein, wenn wir an die Willkür eines einzelnen unser Glück hängen, liebdienern und zittern vor einem Vorgesetzten, einem Erblasser oder der launenhaftesten Göttin, falls wir uns an Glückspiel, Lotterie und Börse versuchen?

Von solcher Abhängigkeit will sich nun mancher befreien und macht seine Geschäfte auf eigene Rechnung; aber, anstatt vor einem zu kriechen, kriecht er jetzt vor hunderten, vor seinen Kunden nämlich, die er zu Königen erhebt, um deren Almosen er winselt, unter Bücklingen sich ihrer Launenhaftigkeit und Willkür unterwirft. Man denkt, ein großer Geschäftsmann wenigstens, reich und unabhängig, bräuchte sich um solche Niedrigkeiten nicht mehr zu kümmern. Aber auch der wird von seiner Habsucht auf hundertfache Weise erniedrigt und gedemütigt, und wenn ich nur den ungeheuren Aufwand sehe, welchen heute die Großen betreiben in der Werbung um ihre Produkte, so kommt mir gelegentlich die Vorstellung, als würde in einer solchen Kampagne der Geschäftsmann, gänzlich seiner Würden entblößt, beim Volke betteln gehen, mit etwa dem Sermon: “Bitte, bitte kauft mir doch meinen Kram ab, ich schwöre euch, daß er nicht wertlos ist, (auch wenn es den Anschein haben mag), er wird euch schön und glücklich machen, seht, wie die Menschen auf diesem Bilde strahlen, so wird es auch euch damit ergehen, (vor allem seht, ich brauche euer Geld, weil ich mich so sehr an teures Essen gewöhnt habe, daß mich die bloße Vorstellung, ich müßte darauf verzichten, in Angst und Schrecken setzt).” Das scheint mir dann, auf den Punkt gebracht, die Aussage der Werbung zu sein, und ich denke an einen Teppichhändler im Souk, der sich, aus bloßer Geldgier, kaum bis zu diesem Grad von Blödheit herablassen würde, wie er bei uns alltäglich geworden, in riesigen Tafeln unsere Städte ziert und von allen stundenlang in ewigen Wiederholungen im Fernsehen angeschaut wird.

Mit welcher Verachtung begegnet derselbe Geschäftsmann vielleicht einem Hausierer an seiner Türe, wenn der ihm mit süßlichen Schmeicheleien für ein ähnlich wertloses Zeug, einige Groschen entlocken will? Und doch entblößt sich dieser in Wahrheit nicht ebenso, weil zum einen seine Sprüche immerhin noch geistvoller sind als die der Werbekampagnen und vor allem, weil ihm die Not befiehlt und nicht die Gier nach Überflüssigem.

Hingegen sitzt der Geschäftsmann abends an einem fein gedeckten Tisch und versucht, sich über die Herkunft seines zusammengebettelten Geldes mit der Vorstellung zu beruhigen, daß die unwürdige Selbsterniedrigung ja von seiner Werbeabteilung übernommen wurde, er selbst mit dem Volke in keinerlei Kontakt getreten sei und immer nur mit Seinesgleichen verhandelt habe; und er versucht mit Champagner den Bissen hinabzuspülen: daß nämlich die Niedrigkeit alle trifft, die daran mitwirken und den am meisten, der am meisten davon profitiert.

Aber dieses ist nur eine seiner Selbsterniedrigungen, neben welcher dem “freien” Geschäftsmann noch die ganze Sammlung der übrigen Kriechgänge zu Lieferanten, Behörden, Ministerien, Gewerkschaften bleibt, und weil hier viel mehr auf dem Spiele steht als für den Kleinen Mann, so martert und demütigt er sich desto mehr. Jeden Tag irgendwo irgendetwas verhandeln, heißt, jeden Tag Angst um sein Gesicht und um sein Geld zu haben.

Solche Fehler und Schwächen belustigen uns bei den Großen und lenken ab von unseren eigenen. Aber auch wir haben uns sämtlich in das Netz verstrickt, daß wir um dieses verfluchte teurere Essen und diese paar zusätzlichen Pferdestärken unseres Wagens, um dieses neuere Kleid und das schönere Haus uns den größten Teil aller Sorgen, Ängste, Mühen und Demütigungen aufladen. Also scheint das Geld und vor allem die Jagd nach Geld unserem Glücke eher hinderlich und sein Nutzen fragwürdig.

3

Wer dies nun auch eingesteht, der hält doch meist noch fest an einer Art negativen Vorteils: Wenn höheres Einkommen zwar nicht unbedingt Glück eintrüge, so mindere es doch die Sorgen und Ängste um unsere Existenz. Den Pfennig umzudrehen sei eine unbequeme Sache, Hin- und Widerrechnen, ob diese Anschaffung möglich, ob das Gute gewählt werden oder man sich mit dem Billigen begnügen müsse, das bedrücke den Freiheitssinn und kränke unsern Stolz. Als Gegenmittel versuchen wir im allgemeinen, unsere Mittel zu vermehren, mehr zu arbeiten, höheren Lohn zu fordern, günstigere Geschäfte zu tätigen, an Börse oder Lotterie zu spielen etc. und meinen, wir könnten damit der Freiheit näherrücken. Aber Freiheit von Sorge und ein unbeschwertes Leben vermag zusätzliches Einkommen, selbst wenn es uns geschenkt würde, allenfalls für kurze Zeit zu gewähren. Denn keine Gewohnheit nehmen wir schneller an, als die eines aufwendigeren Lebensstils. Nach Monaten bereits hätten wir uns leicht an das doppelte gewöhnt, nach zwei Jahren an das zehnfache – und stünden dann auf eben derselben Stufe als zuvor: Wir würden zwar Teureres und mehr einkaufen, aber dies für so selbstverständlich und lebensnotwendig nehmen als jetzt das Gegenwärtige. Genauso ängstlich würden wir dann bangen, ob wir unsern Stand halten oder wie wir noch ein Stück dazu bekommen könnten, ob wir uns dieses noch leisten oder statt dessen auf jenes verzichten müßten. Daher sagt auch Boethius: “Verbannen, glaube ich, wollt ihr durch Überfluß den Mangel. Das schlägt euch aber ins Gegenteil aus, da ja immer mehr Stützen nötig sind, die Mannigfaltigkeit eines kostbaren Hausrats zu erhalten! Und das ist wahr, daß diejenigen sehr vieler Dinge bedürfen, die vieles besitzen, und andererseits die sehr wenig, die ihren Überfluß nach den nötigen Bedürfnissen der Natur, nicht nach dem Übermaß ihres Ehrgeizes bemessen.”

Wir bedenken nicht, daß im gleichen Schritt mit unseren Mitteln sich auch unsere Wünsche vermehren, und wenn sie also jetzt schon vorauseilen, sie dies künftig ebenso tun werden und desto weiter, je größer das Wachstum. Der Esel, dem sein Herr eine Stange auf den Rücken gebunden und daran ein Bündel Heu im Abstand vor sein Maul geschnürt, merkt bald, daß er mit Laufen seinem Ziele nicht näherkommt und gibt das Rennen auf. Wir aber tragen unser Ziel, die Geldnot loszuwerden, ewig vor uns her und scheinen wahrhaftig dümmer als der Esel. Unsere fünfzigtausend wollen fürs Jahr kaum reichen, und wir denken: Hätten wir doch siebzigtausend, so würde es schon gehn. Hätten wir aber siebzigtausend, so würden sich in einem Jahr oder schneller unsere Wünsche ausdehnen und wir bräuchten hunderttausend, um nicht ständig die Einschränkung zu spüren.

Die einzige Rettung aus diesem ungleichen Wettlauf, wo wir das, was wir überwinden wollen, stets noch befördern, läge darin, innezuhalten und einen kleinen Schritt zurückzugehen: Haben wir fünfzigtausend, so müßten wir die Summe all unserer erdenklichen Wünsche so begrenzen, daß wir sie mit neunundvierzigtausend erfüllen könnten, haben wir nur zwanzigtausend, so mit neunzehn. Kaum einer würde damit hierzulande in echte Not geraten, während jetzt, wenn man sich umhört, alle in ihren Kalkulationen schmachten und vor einer drohenden Einschränkung zittern. Mit einem Male, wie durch einen Geniestreich, hätten wir, mit der pekunären Unabhängigkeit, die Schmach der Beschränktheit abgestoßen und ein bedeutendes Stück Freiheit, Zufriedenheit, Sorglosigkeit und nicht zuletzt Menschenwürde gewonnen.

Allerdings muß hier eingeräumt werden, daß von den wenigen, denen tatsächlich gelingt, ihre Wünsche unter ihre Möglichkeiten zu stellen, die meisten es doch nur deswegen vermögen, weil ihre Liebe zum Geld noch größer ist, als die zu den Dingen, und so finden wir sie auch vornehmlich unter den Reichen (denn eben durch diese noch größere Liebe zum Geld sind sie ja in der Regel erst reich geworden). Gewöhnlich haben sie aber damit die genannte Freiheit und Seelenruhe keineswegs gewonnen, denn ihnen wird die Sorge ums Auskommen ersetzt durch die Sorge ums Bewahren und Vermehren. So meint auch Aristoteles, daß die meisten von ihrem Reichtum keinen Gebrauch machten aus kleinlichem Geiz, oder einen schlechten Gebrauch aus Liederlichkeit, und so die einen stets Sklaven ihrer Lüste, die andern ihrer geschäftlichen Sorgen seien.

Der Reichste kann in Sorge um sein Vermögen krank werden, so leicht als der Arme in der Sorge um das Brot für den morgigen Tag. Während dieser uns zwar dauert, haben wir für den Reichen gar kein Mitleid, weil wir sagen, er könne ja selbst dafür, wenn er in seinem Überflusse sich noch mit Geldsorgen plage. Jedem, der so voreilig urteilt, sei gegönnt, reich zu werden und zu erfahren, wie man auf jeder Stufe in Existenznot geraten kann, gar in Verzweiflung, aus der man nicht wieder zu sich findet. Am deutlichsten wird dies an uns selbst, denn wir sind ja bereits reich, im Verhältnis zu den meisten anderen Bewohnern dieser Erde, und so mögen wir doch auf diese Ärmeren schauen und uns der relativen Absurdität unserer jetzigen Ängste bewußt werden. Denn bis wir zu diesen abgestiegen wären, hätten wir noch einiges zu verlieren und hätten, absolut, doch noch nichts verloren, indem sie nicht glücklicher oder unglücklicher, nicht beruhigter oder sorgenvoller als wir selbst dahinleben.


O! reason not the need; our basest beggars
are in the poorest thing superflous
King Lear

4

Andererseits ist es eine Erfindung zur Beruhigung der Massen, daß mit dem Reichtum auch die Unzufriedenheit zunähme. In Wahrheit trägt der Besitzstand gar nichts zur Zufriedenheit bei, und die Armen sind ebenso unzufrieden mit dem wenigen Ihren, als die Reichen mit dem Vielen, und beide haben sie niemals genug daran und begehren immer mehr.
Daß die Reichen sämtlich unglücklich und unzufrieden wären, mag zwar richtig sein, aber nicht, weil sie reich, sondern weil sie Menschen sind. Wer sich bei den Armen umhört, wird sehen, daß sie ebenso viel Stoff für Klage und Jammer finden, den sie sich auf hundert Müllplätzen zusammenlesen, sobald ihr eigenes Elend ihnen dazu etwas Luft vergönnt. Ist das erste Stückchen Brot verzehrt, so beginnt bereits das Schimpfen und die Klage, ja manchem kommen diese noch vorher, und er würde lieber auf das Brot verzichten. Für die dennoch allenthalben verbreitete Meinung, es seien vornehmlich die Reichen unzufrieden

Sie scheinen mir aus einem edeln Haus,
Sie sehen stolz und unzufrieden aus.

lassen sich vielleicht mehrere Gründe anführen: etwa, daß die, die sie verbreiten, z.B. Dichter und Philosophen, selbst nicht zu den Ärmsten gehören, welchen sie aber, da sich ihr eigenes Gewissen wegen dieses Privilegiums regt, Trost spenden und vor allem den Neid beruhigen wollen. Glaubhafter noch, daß sie den Lebenswandel der Reichen aus der Nähe und damit allen Jammer miterleben, während sie den Wandel und die Welt der Armen aus der Ferne betrachten, wo sich freilich alles heiter und romantisch ausnimmt.

5

Selbst die Arbeit macht anscheinend nicht zufrieden, wie doch vielemals behauptet wird, denn, im Gegenteil, hören wir die meisten unter ihrer Mühsal stöhnen, ganz gleich wieviel tatsächliche Anstrengung für sie damit verbunden. Sie bezeichnen ihre Arbeit als ein notwendiges Übel, um an das unentbehrliche Geld zu kommen, zunächst für Nahrung, Kleidung, Wohnung, dann für Genußmittel, Mode, Spielzeug, Autos und Reisen.

Und wenn wir dann auf einer solchen Reise durch eine fremde, wunderbare Landschaft fahren, darin, aufs Natürlichste eingebettet, hier und dort ein Häuschen, eine romantische Villa erspähen, so glauben wir, hier zu leben müßte endlich das Glück bedeuten, und die Seele wird erfaßt von einer tiefen, berauschenden Sehnsucht. Würden wir aber tatsächlich uns hier niederlassen, so würde sich zuverlässig ein Anderes einstellen: Nämlich unser gewohntes Verhältnis an guter und schlechter Laune, an Glück und Unglück, soundsoviel Anteil am einen, soundsoviel am andern, wie uns eben für unser Leben bestimmt ist. Wieviel das nun sei, mag freilich keiner sagen, aber mit Sicherheit wären wir an unserem Märchenorte nicht glücklicher oder besser gelaunt als an unserem jetzigen Platze. Dennoch strebt der Mensch zum Schönen und Angenehmen und wird, nach seinen Möglichkeiten, sich dessen bemächtigen, auch wenn Genuß und Glück sich langfristig gar nicht steigern lassen – sowenig wie dem Übel zu entkommen ist.

Wir streben alle fortwährend nach Veränderung, Verbesserung und vor allem nach Vermehrung, doch der Gewinn, den wir uns davon versprechen, ist eine Täuschung, und der Sinn, der allenfalls darin liegen mag, wohl nur, daß mit diesem Lockmittel unsere Kräfte in Bewegung gehalten werden und wir regsam bleiben und auf irgendeine Weise vorwärtskommen. Unser eigentliches Glück hingegen, die innere Ruhe, den Frieden, die Freiheit, welche nötig wäre, unsere Mußezeit zu genießen, in unseren Taten und Werken den Spiegel unseres Wertes zu entdecken, werden wir erst finden, nachdem wir nicht mehr für das Anders- und Mehr-Haben-Wollen tätig werden, sondern nur noch für das Tun selbst, um das Jeweilige im Augenblick zu tun und gut zu tun, ohne einen Gedanken an das Ende und den Erfolg und wie es dann sein werde, wenn wir endlich damit zu Ende gekommen, welchen Vorteil, welchen Lohn und welchen Genuß es uns dann einbringen werde. Nur an das Augenblickliche denken und nur darauf seine Mühe verwenden, dann aber mit Leib und Seele darin aufgehen, dies könnte uns wohl zur Ruhe bringen, mit uns selbst und mit der Welt versöhnen – und letztlich unser Glück bedeuten. Wie aber dahin zu gelangen ist, wer wollte dazu das Rezept verordnen? Selig seien sie gepriesen, denen es gelingt, armselig aber verharrt der große Haufen.