DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

WIEGE DER MENSCHHEIT

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Naturforscher und Philosophen sehen sich zuweilen aufgerufen, in entfernte Räume und Zeiten zu blicken, viel weiter als unsere Sinne zusammt den Instrumenten reichen, viel weiter als irgend Geschichtliches uns überliefert ist. Mit Phantasie und wagemutiger Spekulation wollen sie uns genaueste Nachricht geben, wie dort die Welt auszusehen, wie sich alles bei ihrer Entstehung und ihrem Fortgange bis auf unsere Tage zugetragen habe. Seitdem vor guten hundert Jahren der wackere Darwin die allgemein bekannte Tatsache, nach welcher Lebewesen vermögend sind, sich verändernden Lebensbedingungen anzugleichen und diese Adaptionen auch an ihre Nachkommen durch Vererbung weiterzugeben, zum Grundstein eines neuen hypothetischen Prinzips der Weltgeschichte erhob, haben sich alle modern denkenden Kreise dieser Richtung angeschlossen. Nach diesem Prinzip entwickelt sich die Welt und alles Lebende durch ständige Verbesserung, indem das Tüchtigere im Lebenskampfe stets über das Schwächere triumphiert, dieses ausstirbt und jenes sich in die nächsten Generationen zu weiterer Vervollkommnung fortpflanzt. So entstand einst aus dem Nichts die Materie, denn sie war tüchtiger und konnte den Kampf ums Überleben gegen jenes bestehen, welches allmählich aussterben mußte oder sich dorthin zurückziehen, wo es noch unbehelligt fortbestehen durfte. Aus den zunächst wilden Klumpen Erde, nachdem sie sich zum Kosmos organisiert hatten – denn dieser war tüchtiger zum Überleben als das Chaos, welches wiederum verdrängt wurde – fanden sich nun die tüchtigsten Mineralien zu organischen Stoffen zusammen, um wiederum tüchtiger zu sein. Von da an war kein weiter Weg, es gewannen die Pflanzen, die kleinen Tierchen, die größeren Tiere und bald der Mensch den Kampf ums Überleben, und erst an diesem Punkte scheint die Natur eine wohlverdiente Ruhepause einzulegen, denn seit den einigen tausend Jahren, da wir eine menschliche Überlieferung besitzen, hat sich jede Spur dieser stürmischen Entwicklung verloren.

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Darwin sagt, es würde immer die bestangepaßte Art in einem Lebensraum sich durchsetzen und die anderen weniger gut an die herrschenden Verhältnisse Angepaßten verdrängen. Somit würde auf natürliche Weise ausgelesen und der Stärkere sich gegen den Schwächeren, Lebensuntüchtigeren durchsetzen. Dies mag nun gar nicht unrichtig sein, doch bleibt die Folgerung, daß dadurch alle Wesen sich beständig höher entwickelten und der Vollkommenheit entgegengingen, ein nirgendwo bestätigter Traum – gegen dessen Wirklichkeit ich zwar nichts einzuwenden hätte, dessen Falschheit aber offenbar und nur auf Schmeichelei der menschlichen Selbstgefälligkeit angelegt ist. Denn, obschon ich mich sonst bereitwillig überreden lasse, jeweils das uns Vorteilhafteste zu glauben, geht mir solch ein Betrug doch nicht übers Herz, bei dem wir betrogen wären, wegen des Dünkels, besser als unsere Vorfahren zu sein, und diese, weil sie tatsächlich in vielem, und, wie mir jedenfalls scheint, nicht in unwichtigeren Dingen besser waren als wir.
Aber auch ohne diese dünkelhafte Folgerung ist mit dieser Lehre nicht viel ausgesagt, denn wodurch ist im besten Falle gegeben, was das Stärkere, was das Schwächere sei? doch nur dadurch, daß jenes existiert, sich also durchgesetzt hat, dieses aber nicht existiert, sich demnach nicht durchsetzen konnte.
Das besser Angepaßte setzt sich durch, und was sich durchsetzt, ist das besser Angepaßte – alle Schimmel sind weiße Pferde, und alle weißen Pferde heißen Schimmel.
So läßt sich die Weisheit dieses Weltgesetzes einfach angeben: Was ist, ist, und was nicht ist, ist nicht. Wer wollte dagegen etwas einwenden.

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Wunderlich bleibt, wie auf diese Weise sich aus niedrigen Arten höhere gebildet haben sollen, weil doch letztendlich in trautem Wechsel niedrige Formen den höheren ihren Lebensraum beschneiden und dann wieder umgekehrt. Einmal nehmen die Heuschrecken allen übrigen Organismen die Lebensgrundlage, ein anderes Mal werden wieder diese von Mensch oder höherem Tier vernichtet. Viele Wellen von wenigen Metern Höhe, die unsere Ozeane überziehen, haben bislang keine Welle erzeugt, die bis zum Himmel emporstieg, und so ist auch die Wandlung des Erbgutes nicht wie der stete Tropfen, der einmal den Eimer überfließen läßt – denn wo dieser ständig in eine Richtung arbeitet, arbeitet jene in alle Richtungen, sich selbst ebenso entgegen und tritt im Ganzen auf der Stelle.

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Da die Wüsten sich augenblicklich auszubreiten scheinen, wären sie demnach nur eine den heutigen Weltverhältnissen gut angepaßte Vegetationsform und dem Regenwalde überlegen. Sollte das Kohlendioxyd sich tatsächlich in der Atmosphäre vermehren, so wäre es das besser angepaßte Gas, und würde dadurch gar das Wetter verändert – was von den schwarzblickenden Wissenschaftlern ja die Ursache der kommenden Weltkatastrophe sein soll – so wäre das neue Wetter ein besser an die Umstände angepaßtes und in seiner Rangordnung gegenüber dem jetzigen das höherstehende. Für sämtliche unter uns wuchernden Phantasien, in denen wir die Welt auf natürliche oder künstliche Weise ins Verderben gehen sehen, gibt es eine derartige Auslegung, nach welcher, gleichviel was geschieht, nur das Vollkommenere sich gegen das Mindere durchsetzen muß. Würden einmal, in einem künftigen Kriege, sämtliche Atombomben zur Explosion gebracht und die Welt für Tiere und Menschen unbewohnbar, so hätte sich also radioaktive Strahlung im Kampf ums Dasein als besser erwiesen gegenüber den sämtlichen Lebewesen.

Weil wir kaum zu bereden sind, solche Zustände als höhere Organisationsstufen unserer Welt anzusehen, und das ganze in Gefahr gerät, ein absurdes Gesicht zu bekommen, müßten wir, etwa hinsichtlich der Atombomben, folgende Überlegungen anstellen: Entweder, es läßt sich beweisen, daß der Menschheit nie gelingen wird, sich selbst und alle höhere Organisation der Natur zu vernichten (was doch immerhin erfreulich wäre, wenngleich von allen Seiten das Gegenteil zu hören und an einen Beweis in der Tat kaum zu denken ist). Für diesen Fall allein könnte nach Darwinscher Art alles weiterhin durch ständige Auslese sich verfeinern und vervollkommnen. Oder aber die Lehre Darwins war bis jetzt richtig und muß nun, wegen einer über die Natur hinausgehenden Entwicklung der technischen Möglichkeiten des Menschen, außer Kraft gesetzt werden. Für eine Naturlehre eine unbefriedigende Einschränkung.

Ansonsten bleibt nur noch, diese Lehre auch rückwirkend und vollständig außer Kraft zu setzen. Zwar wird durchaus bestätigt, daß zu allen Zeiten eine Unzahl von Arten und Varietäten besteht, ebenso ein beständiger Kampf ums Dasein, ebenso eine beständige Verdrängung und Erneuerung nach dem selben Muster wie uns dies die Geschichte der Völker zur Anschauung vorlegt – aber eben wie dort, ohne eindeutige Tendenz zum Guten, Besseren und Höheren. Denn einmal gelangen die Guten und Edlen zur Herrschaft und führen ein Volk zur Blüte, dann wiederum erheben sich die Niedrigen oder es gelangt ein schlechter Tyrann zur Macht, und so wird alles schnell kurz und klein geschlagen, was man vorher aufgebaut. Es ließe sich nicht mit scharfem Verstande und ruhigem Gewissen sagen, daß aus all diesen Kämpfen, unterm Strich gezogen, die Menschheit sich in eine bessere verwandelt hätte oder auch nur in bessere materielle Lebensumstände gekommen wäre. Denn zusammengerechnet befinden wir uns heute nicht reicher als vor zweitausend Jahren. Es leben weitaus mehr Menschen in Armut und Elend und selbst anteilmäßig am Ganzen hat sich die Sache zum Guten nicht verschoben. Einzig, daß der Mensch sich zahlenmäßig weiter ausgebreitet, aber auch dies wesentlich erst seit zweihundert Jahren, seit dem besonderen Wandel und Anstieg der Industrie. Daß der Mensch selbst in seinem Entwicklungsstande gestiegen wäre, kann ebensowenig festgestellt werden. Seine Fähigkeiten zur Philosophie, Religion, Dichtung und den bildnerischen Künsten, den Geist zu erhöhen, haben sich bestenfalls umgewandelt in die technischen und handwerklichen Fertigkeiten, mit denen die Bequemlichkeiten des Lebens erhöht werden sollen.

Die Wissenschaft, welche sich von weiteren Zusammenhängen, von Philosophie und Religion absondert, wird zwar oftmals im einzelnen mehr hervorbringen, als wenn sie ihre Tätigkeit und ihre Erkenntnisse noch immer mit höheren Fragen und Zusammenhängen in Einklang bringen muß. So trägt oftmals eine Spezialisierung zu erhöhter und verfeinerter Produktion bei. Allerdings bringt jede Spezialisierung auch eine Näherung zum Primitiven mit sich. Deswegen ist die heutige Wissenschaft primitiver als ihre Vorgänger des Mittelalters und Altertums, auch wenn mehr und subtilere Produkte aus ihr hervorgehen. Die höhere Geistestätigkeit wurde einer Ausweitung der niedrigeren geopfert, so daß in der Masse zwar mehr, in der Qualität weniger geworden ist. Es ist dies dasselbe Verhältnis wie zwischen den hohen kunsthandwerklichen Leistungen unserer Ahnen und den durch Technisierung und Spezialisierung möglich gewordenen Massenproduktionen unserer Zeit.

Schließlich gibt das Leben jedes einzelnen Beispiel, daß das einzige, was ständig höher steigt, das Alter ist, daß außer der Zeit sich nichts beständig in eine Richtung bewegt, daß unser moralischer Zustand, unser Gewissen, einmal besser dasteht, einmal schlechter, die Wachheit unseres Geistes schwankend, die Gesundheit ebenso und unser Wohlstand, das unsicherste der Güter, jeden Tag dahin sein kann. Man mag die Welt anschauen, wo man will, überall wird man, wie auf der Woge des Meeres, ein stetes Auf und Ab erkennen und alles Streben zum Guten und Besseren, auch dasjenige, welches Darwin in seinen natürlichen Auslesen beobachtet, dient letztlich nur, um ein beständiges Schlechterwerden zu verhindern und die mächtigsten Wogen dazu, Leitfeuer zu setzen in der Höhe, wie in der Tiefe, daß ein jeder sehe, wohin zu streben und was zu fliehen sei.

Ich sehe keine bedeutende Veränderung unserer Lage gegenüber derjenigen, in welcher sich die Alten fanden. Ich habe einen beständigen Kampf zu führen gegen Verschwendung und unmäßigen Genuß, gegen körperliche und geistige Trägheit, gegen Ablenkung des Geistes auf bedeutungslose Dinge und gegen alles andere, was den Menschen plagt und von seiner anzustrebenden Würde herabzieht. Zu oft verliere ich den Kampf und es folgt die größte Unzufriedenheit. Wohin streben wir? Nicht in gutem Verhältnisse zu stehen mit uns selbst, mit den andern, mit dem Tode und, was alles in sich schließt, mit Gott? Was uns sonst begegnet, ist nur der Stoff, ist nur die Gelegenheit, um diesen Zielen nachzueifern. Wie der Läufer die Rennbahn braucht, um ins Ziel zu gelangen, sie aber außerdem keine Bedeutung für ihn hat, so sind uns die Lebensumstände gegeben, nicht als Ziele, sondern als Grund, auf dem wir unseren Zielen entgegengehen sollen. Jeder Mensch befindet sich ohne Unterlaß in diesem Wettkampfe und wenn er einmal das Ziel erreicht, so wird gleich wieder zu einem neuen Start gepfiffen. Es geht uns dabei nicht schlechter als unseren Ahnen, wir haben aber auch keinen Anlaß, wegen irgendwelcher Errungenschaften uns im Vorteil gegen sie zu sehen. Selbst wenn man denken sollte, wir hätten uns die Rennbahn besser geebnet, so hat uns dies doch keinen Vorteil gebracht. Denn den Hürdenläufer erschöpft seine unebene Bahn nicht mehr, als den, der die ebene Piste wählt, und im Kurzstreckenlauf ist nicht leichter der Erste zu sein, als im Marathon. Disziplinen und Umstände werden bedeutungslos, weil die wahre Disziplin nur heißt, sein Bestes zu tun.

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Wissenschaft hat die Aufgabe und den alleinigen Sinn, solche Gesetze und Regeln auszudenken, daß die Natur, wenn sie nach diesen künstlich ersonnenen Gesetzen handelte, dem Menschen ganz ebenso erschiene, als sie es tatsächlich tut. Die vom Menschen durch Beobachtung und Überlegung gefundenen Naturgesetze sind in Wahrheit immer ersonnene Regeln, die so ähnlich als irgend möglich dem niemals völlig zu fassenden Gesetz der Natur und so ähnlich als möglich dem Gesetz des menschlichen Verstandes, d.h. möglichst verständlich sein sollen. Durch diese Meeresenge, zwischen einer Scylla des Verfehlens der Natur, einer Charybdis des Verfehlens der Begreifbarkeit, muß der Wissenschaftler sich balancieren, was häufig nur mit schwerem Verlust geschieht, wo dann am Ausgang ein verstümmeltes, wenngleich Aufsehen erregendes Wesen zu beobachten bleibt.

Die Hypothese von der Evolution der Welt ist nun ganz unserer Scylla in die Arme geraten, welche nicht viel Brauchbares daran ließ. Denn es läßt sich in der Natur nichts beobachten, diese Hypothese zu belegen und nichts, wie man gestehen muß, sie zu widerlegen. Dieser Umstand allein macht sie sehr ungeeignet, durch irgendwelche Naturwissenschaft in ihrer Bedeutung beurteilt zu werden. Man wird sie nach anderen Werten beurteilen müssen, nicht jedoch, ob nach Erfahrung und Verstandesurteil der Mensch eher aus einem Affen als aus einem unmittelbaren göttlichen Schöpfungsakt, entstanden sei.
Es finden sich Knochen und Fossilien, welche auf die Existenz von Lebewesen schließen lassen, wie wir sie heute auf der Erde nicht mehr vorfinden. An gegenwärtigen Lebewesen sehen wir, wie sie sich auf Änderungen ihrer Verhältnisse einstellen, indem sie sich selbst verändern. Alles Lebende fügt sich so gut es gehen will in seine Lage und ist bemüht, den stets wechselnden Erfordernissen zu genügen. Daraus folgt aber keineswegs, daß die Welt selbst und die Rangordnung ihrer Bewohner sich verändern würde. Nicht der geringste Beweis, daß aus einer Gattung durch Mutation eine bessere, höher entwickelte, nicht nur veränderte, angepaßte, hervorgegangen, nicht eine Andeutung davon konnte bisher gesammelt werden. Daß nämlich ein Schmetterling, der früher bunt, sich nun durch Anpassung an eine eingerußte Industrielandschaft schwarz kleidet, macht mich nicht schon glauben, es müßten seine Nachfahren sich einst zu Löwen oder Engländern heranbilden – wenngleich ich die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung auch nicht besser belegen kann, als daß sie bislang eben nur in der menschlichen Phantasie stattgefunden und die erkennbaren Prinzipien, nach denen die Welt vorangeht, mir dazu wenig ähnlich scheinen. Aber, sagen sie, zu Beobachtungen wirklicher Steigerungen seien die Zeiträume menschlicher Geschichte zu kurz, dazu bedürfe es Jahrmillionen. Aber da sind es mir wiederum schlechte Empiriker, die behaupten, ihre Erkenntnisse ließen sich wohl durch Beobachtung an der Natur bestätigen, man müsse dazu allerdings einige millionen Jahre auf der Lauer liegen.

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Noch niemals konnte man beobachten, daß aus einem niedriger entwickelten Wesen ein höherentwickeltes hervorgegangen wäre, geschweige daß der Mensch mit seiner Wissenschaft und Technik einen solchen Vorgang hätte provozieren können. Auch den Züchtern ist derartiges in Jahrtausenden nicht gelungen, sie konnten die Gestalt des Pferdes bis zu einem gewissen Grade idealisieren, d.h. nach ihren Ideen vervollkommnen, aber niemals zu einem neuen Wesen, einem Hyperhippos gelangen, geschweige denn eine übergeordnete Gattung erzeugen. Und doch wurde hier der Entwicklung, gegenüber den Zufallspaarungen in der freien Natur, ein ganz unermeßlicher, mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung gar nicht mehr faßbarer Vorschub geleistet, weil man ja nicht gewartet hat, bis sich zufällig ein entsprechendes Erbgut zusammenfindet, sondern gezielt eine Auswahl getroffen und alle erdenklichen günstigen Bedingungen geschaffen hat. Und doch ist in Jahrtausenden nichts Nennenswertes, im Sinne der Evolution, dabei herausgekommen.

Ferner darf man vermuten, daß wir mit der Paarung sehr intelligenter Menschen schnell an eine Grenze stießen, an der sich die Intelligenz der Nachkommen nicht mehr steigern ließe, ja vielleicht sogar wieder abfiele – wie ja auch von Genies noch selten bedeutender Nachwuchs zu sehen war. Ein Zuchterfolg scheint hingegen sehr wahrscheinlich, wenn man versuchte, aus höheren niedrigere Wesen zu züchten. Würde man über mehrere Generationen ausschließlich Idioten miteinander paaren, so wäre der Abstieg zu primitiveren Wesen gewiß leicht ersichtlich.

Die Möglichkeit, ein Wesen mit weniger Gehirnwindungen zu züchten, scheint um vieles wahrscheinlicher als umgekehrt. Demnach wäre auch eine solche Entwicklung in der Natur, eine Entwicklung von oben nach unten, von den höher entwickelten zu den weniger entwickelten Wesen um vieles wahrscheinlicher, und es wäre gegeben, die Entwicklungsgeschichte endlich umzustülpen: Zuerst war Gott, der Geist, der Schöpfer; von diesem fiel ab der Mensch, ein Teil der Menschen degenerierte darauf zum Tiere und davon wiederum ein Teil zur Pflanze, und erst aus dem Zerfall und der Verwesung des Lebendigen entstand allmählich die tote Materie.

Zuerst lebte der Mensch nur vom Geiste und erreichte ein Alter von mehreren tausend Jahren. Später, als einzelne Zweige bereits zu Tieren und Pflanzen degeneriert waren, degenerierte auch der Stamm und bedurfte fernerhin stofflicher Nahrung, wozu er sich der Tiere und Pflanzen bediente. Dieses Leben war aber bei weitem ungesünder, und also nahm sein Lebensalter ab auf weniger als hundert Jahre. Bis vor einigen tausend Jahren war seine Verbindung zu Gott noch sehr stark, und er lebte in tiefer Religiosität, gewissermaßen als Tischgenosse Gottes. Allmählich aber schwanden diese Kräfte, sanken herab zu bloßer Rationalität und Handwerkertum. Aber es gab noch Genies und große Geister, die mit Kunst und Philosophie immer wieder Erinnerungen an die einstige Größe und Gleichheit mit dem Göttlichen wachzurufen vermochten. Dann aber gingen auch diese unter in der Entwicklung zum niedrigen Massenwesen, und die neuen Errungenschaften der Naturwissenschaft und Technik dienen nur noch zur Vermehrung der Zahl, ihrer Bequemlichkeit und Unterhaltung und nicht zuletzt, um den sich seit langem entwickelnden Zerstörungstrieb mit vollkommeneren Waffensystemen zu fördern und eines Tages vielleich das Ziel dieser Entwicklung, die vollständige Umwandlung des Geistigen und Lebendigen in tote Materie, zu erreichen.

Wenn es denn schon eine Hypothese, ein Phantasiebild über unbekannte Zeiten und Vorgänge sein muß, warum dann nicht in dieser Art, die mit den Möglichkeiten der Natur, und selbst mit unserer Beobachtung, besser übereinstimmt?

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Dort, wo der Mensch durch wissenschaftliches Denken seine gegenwärtige, ihn umgebende Natur ergründen und vom unverläßlichen Spiele des Zufalls befreien will, sucht er Gesetzmäßigkeiten und versucht, die Erscheinungen darunter einzuordnen. Wenn regelmäßig auf eine bestimmte Erscheinung eine andere folgt, ohne sie aber ebenso zuverlässig ausbleibt, so nennt er jene die Ursache, diese ihre Wirkung und spricht das Gesetz ihrer kausalen Verknüpfung aus. Oder er ordnet die regelmäßigen Erscheinungen in einen bloßen Zeitplan, nachdem immer das eine auf das andere folgt, ohne daß beide darüber hinaus in einem Zusammenhang stünde&Mac226;n. Wenn jeden Tag um neun der Postbote kommt und kurz darauf der Milchmann, so läßt sich daraus eine chronologische Gesetzmäßigkeit ableiten, und doch stehen beide Ereignisse in keiner ursächlichen Beziehung zueinander.

Oft genug ist man freilich verführt, die bloße Zeitfolge für einen kausalen Zusammenhang zu halten, woraus sich dann gewagte oder falsche Hypothesen ergeben. Die Ärzte sehen etwa, daß Menschen mit höherem Blutdruck früher sterben als solche mit niederem. Also schließen sie daraus, daß der höhere Blutdruck die Ursache für das frühere Sterben sei und geben Mittel, den Blutdruck zu senken. Es könnte&Mac226; aber durchaus sein, daß, sowohl der höhere Blutdruck als auch das frühere Sterben, beides Wirkungen einer bislang ganz unbekannten Krankheit sind und man also, durch die Nebenwirkungen der Blutdruckmittel zwar allerlei Unheil anrichten, der eigentlichen Ursache des früheren Sterbens aber gar nicht beikommen würde. Etwa als würde man, wenn man keine Milch mehr haben wollte, den Postboten vergiften.

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Diese Kunst, Gesetzmäßigkeiten aufzustellen und anzuwenden, hat den hauptsächlichen Teil des Fortschritts in der Technik bewirkt und ist uns zu größtem Segen erwachsen. Wird jedoch die Kunst mißbraucht und auf Gebiete angewendet, wo sie weder Einsicht, noch Nutzen bringen kann, so bleibt an ihr selbst nicht genug Fleisch zum Überleben. Keine Einsicht gewährt uns etwa, wenn wir aus Fossilien, die wir jetzt finden und den Zerfallszeiten verschiedener Isotope, die wir jetzt abzählen, extrapolierend rückschließen, wie sich diese Dinge in früheren Zeiten, aus denen uns nicht ein einziges beobachtetes Datum vorliegen kann, befunden haben mögen. Ein solches Vorgehen sollte man aus der Wissenschaft gänzlich verbannen, jedenfalls solange man die Wissenschaft trennen will von Dichtung und Märchenwelt. Spekulation und Hypothese mag dazu dienen, Lücken unserer Erfahrung zu schließen, ist aber wenig fruchtbar auf einem Wege, der jeglicher Erfahrung zu einer gelegentlichen Bestätigung ermangelt.

Schaue ich jeden Sonntag nach einer Pflanze im Garten und finde, daß sie sieben Zentimeter gewachsen, so wird nicht unvernünftig sein, von einem Zentimeter Wachstum pro Tag zu sprechen, dies womöglich auch für die folgende Woche vorauszusetzen, doch schon nicht für die nächste Jahreszeit, und vollends unsinnig wäre die Vorstellung, sie müßte in hundert Jahren eine Höhe von dreihundertfünfundsechzig Metern erreicht haben. Meinetwegen, wenn seit so langer Menschenerfahrung jeden Morgen sich die Sonne erhebt, soll man im Abwägen seiner Handlungen voraussetzen, sie werde dies auch morgen und in fünfzig Jahren tun, zur Beruhigung des Gemüts auch noch in tausend – eine kleine Extrapolation ins Unbekannte, die menschlicher Gewohnheit und menschlicher Schwäche zugestanden sei. Doch warum ohne Not dies ausdehnen, um zehntausend Jahre ins Unbestimmte vorauszueilen, hunderttausend zurück, in dunkle Weltalter, die uns weniger bekannt als selbst die Zukunft, und deren Erkenntnis selbst uns vollends bedeutungslos sein müßte. Und wo diese Ausschweifung der Phantasie beenden? Warum bei einem Urknall? Warum nicht um zehntausend Kontraktionen und Detonationen des Universums weiter sich zurücklehnen ins ewig unbegreifbare Dunkel?

Mit genügender Phantasie wären auch dem Jahrhundert um den fünfundzwanzigsten Urknall ante Christum noch eine deutliche Beschreibung und wunderliche Bilder zu entlocken. Lieber werde ich mich dann schon dem Augustinus anschließen, der nicht glauben will, es brächte unsere Erkenntnis voran, sich den Beginn des Menschengeschlechtes früher als die etwa sechstausend Jahre zu denken, welche uns die Heiligen Schriften überliefern, da man ja immerfort fragen könne: Warum nicht früher und was soll davor gewesen sein?

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Weil ein für allemal nicht herauszufinden ist, ob eine solche Entwicklung der Welt, wie von Darwin vermutet, wahrscheinlich und damit im weltlichen Sinne wahr genannt werden kann, so bleibt, nach meiner Überlegung, nur übrig, die Lehre anstatt nach Wahrheit, nach ihrer Nützlichkeit, ihrer Schönheit, ihrer Größe für Gedanken und Empfindung, und einer des Gegenstandes würdigen Erhabenheit zu beurteilen. Was Nützlichkeit betrifft, kann ich bei ihr sowenig finden, wie bei jeder Beschäftigung mit vorgeschichtlicher Vergangenheit oder unabsehbarer Zukunft. Zum Fortschritt in den Wissenschaften der Biologie oder Medizin bleibt unerheblich, ob wir uns mit Theorien plagen, wann der Fisch, wann der Mensch und wie dieser aus jenem entstanden sein könnte; wir täten besser, unseren Forscherdrang auf gegenwärtige Zustände und Verwandtschaften zu konzentrieren. Kümmern wir uns darum, wie die Welt jetzt aussieht und was wir aus unserer eigenen, durch menschlichen Geist überlieferten Geschichte lernen können, wir werden damit immer ausgelastet sein und brauchen uns um vorgeschichtliche Affenkreaturen sowenig sorgen als um außerirdische, futuristische Ungeheuer.

Warum Theorien ausspinnen, wie etwas sich zu einer Zeit möge befunden haben, über die wir nichts wissen können, und nichts zu wissen brauchen, wozu Theorien, wie die Welt in fünfhundert oder in fünfhundertmillionen Jahren aussehen könnte, wozu, wie sie in Gegenden des Weltalls beschaffen sei, woher weder unser Auge, noch eines unserer Instrumente eine zuverlässige Nachricht erhaschen kann? Können wir nicht die Erdformationen und Fossilien wie die wahrnehmbaren Himmelskörper einfach nur sammeln, nach Ähnlichkeiten und Verwandtschaft ordnen, um auch hier die Vielfalt der Natur und die Macht der Zeit zu demonstrieren, uns aber, was Veränderungen und Entwicklungen und vor allem deren Ursachen betrifft, auf die Dinge beschränken, die in unserer Erfahrung und Überlieferung liegen? hoc sum contentus, quod, etiamsi, cur quidque fiat, ignorem, quid fiat, intellego. Cic. de divinatione I, 16 (wenn ich auch nicht weiß, warum etwas geschah, so bin ich doch zufrieden mit der Kenntnis, was geschah).
Ist es nicht redlicher, von fernen Räumen und Zeiten die Dichter in Mythen und die Religionen erzählen zu lassen, anstatt in phantastischen Theorien unsere bescheidenen Erfahrungen in unendliche Fernen zu projizieren?

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Allerdings befriedigen diese Wissenschaftler die Sensationslust des Volkes, welches allenthalben Gefallen findet an vorgeschichtlichen, außerirdischen und futuristischen Szenarien, und so schaffen sie gewissermaßen die Mythen unserer Wissenschaftsepoche, werden selbst zu einer Art Dichter und moderner Märchenerzähler. Vielleicht rührt ja meine ganze Abneigung nur daher, daß mir die alten Mythen besser gefallen und ich mich an diese neuen, auf abenteuerlichen Berechnungen und scheinbarer Wissenschaft beruhenden, nicht recht gewöhnen mag.

Was Schönheit und die übrigen genannten Kriterien betrifft, so scheint mir jedenfalls im einfachsten Mythos, wenn nur irgendwo ein lenkender Gott darin vorkommt, in der einfachsten Lehre, wenn nur ein alles umfassender Geist darin waltet, unendlich mehr zu finden, als in Hypothesen, die nur auf Staub und dessen zufällig sich verändernden Konfigurationen gebaut sind.

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Darwin ist sicherlich ein braver, im Ganzen redlich um seine Wissenschaft bemühter Mann. Im besten Glauben, dem Fortschritt zu dienen, nimmt er sich zum Ziel, das Gebiet der Wissenschaft auszudehnen auf Bereiche, wo bis dahin nur Religion und Mythos zuständig waren. Der lenkende und schaffende Gott soll, sofern man ihn noch leben läßt, aus einer näheren in eine fernere Vergangenheit zurückgesetzt werden, er soll nicht die Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen haben, sondern nur die Materie und deren Möglichkeit, all dies aus sich selbst zu bilden.

Wenn wir aber, wie auch Darwin tut, den Gott in irgendeiner Gestalt ja doch behalten wollen, den Gott, der sämtliches jetzt Existierende früher oder später in seiner Absicht und seinem Geiste tragen mußte, so bleibt doch fraglich, ob es ein Gewinn für uns sein kann, diesen Gott in möglichste zeitliche Entfernung von unserer jetzigen Welt zu setzen. Dem Menschen bleibt doch endlos schwieriger und blutleerer vorzustellen, daß der Gott nur tote Materie erschuf und ihr den genauen Plan mitgab, wie sie sich einst zu Pflanzen, Tieren und Menschen zu entwickeln habe, als die Vorstellung, er sei bei aller Erschaffung und Lenkung jederzeit tüchtig am Werke.

Freilich ist für den erschaffenden Gott kein Unterschied, ob er die Erschaffung des Menschen in einen Plan legt und diesen der Materie zur Ausführung bestimmt, oder ob er seinen Plan unmittelbar zur Verwirklichung bringt: er ist beidemale gleich und immerdar gegenwärtig. Nur in der menschlichen Vorstellung rückt Gott näher und zeigt wärmere Anteilnahme, wenn wir ihn unmittelbar den Menschen formend und allezeit ihm beistehend denken.

Statt dessen ist nun der Schöpfer in weite Ferne gesetzt und der Phantasie fast gänzlich entrückt. Dieser Verlust scheint zunächst billig erkauft mit dem Vorteil einer neu gewonnenen Freiheit, wo wir mit unseren Geisteskonstrukten schalten und walten können nach unserem eigenen Gutdünken, ganz als wenn der Herr verreist und die Knechte sich nun selbst als Herren vorkommen. Allerdings ist das zurückgebliebene Gut bald verarmt, denn sie umgrenzen es mit hohen Zäunen, aus Furcht, der Herr könne zurückkehren und ihnen wieder dreinreden, und so ist ihnen alle Aussicht in die Ferne genommen. Auch scheinen sie jetzt den Kindern gleich, die stolz über das Lenkrad ihres kleinen Fahrzeugs gebieten, welches wiederum, fest auf einem Karussell montiert, mit diesem die unabänderlichen Kreisbahnen vollzieht.