DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

WIEDERHOLEN

Auf einem Kreise,
Auf Mond und Sternenweise
Wird der Gute weise,
Wird das Kind zum Greise.

Wiederholung ist nichts Geringeres, als die eingentlichste Bewegung der erhabensten Gebilde unseres Universums, und wenn der Gott sie diesen für würdig hielt, so sollten wir sie in unseren Tagewerken nicht gering schätzen, uns vielmehr freuen, wo immer wir derselben Ehre für würdig befunden werden als wie die himmlischen Sterne.

Das Kind wird zum Greise, genau genommen auf der einen Hälfte des Kreises, weil auf der andern, im Tode, die Erneuerung stattfindet, die Einnahme der göttlichen Nahrung und Stärkung für die Wiedergeburt in ein neues Leben.

In jeder Wiederholung steckt ein Fortschritt und eine Erweiterung. Nicht zweimal gehe ich als derselbe durch den Fluß, alle guten Bücher bleiben frisch und neu, weil sich mein schwaches Gedächtnis nicht an die frühere Begegnung erinnert und mein Geist durch das neuerliche Treffen völlig in Anspruch genommen ist. Sage ich zweimal dasselbe, so denke ich dabei doch Verschiedenes, und der Nachteil der Eintönigkeit bleibt allein dem Zuhörer, sofern er nicht mit eigenen Gedanken sich Abwechslung schafft. Ein schlechtes Buch lege ich nach dem ersten Satz zur Seite in der Überzeugung, es längst zu kennen. Das gute Buch wird, wie die Natur, niemals langweilig, und wenn man tausendmal den selben Weg beschreitet, erscheint ein neues Bild. Wo Lebendiges erscheint, ist keine Wiederholung, aber Erweiterung, Vertiefung und immer Unterhaltung.

Die Bekanntschaft mit dem Gegenstande führt unseren Geist aufs Unbekannte und niemals erschöpft er sich, weder in seinem Mikro- noch in seinem Makrokosmos. Dies macht das Leben des Aufmerksamen interessant und stets bewegt, daß ihm selbst in der längsten scheinbaren Gleichförmigkeit keine eigentliche Wiederholung vorkommt.