DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

SCHLUSS

Wir wägen unser Glück und Unglück einzig nach dem Augenblick und seiner Laune und rechnen den selben Umstand einmal diesem, einmal jenem zu. Wie oft sind wir darüber unentschlossen, wie oft wird uns ein Geschenk nach einer Stunde zur Last oder wir empfinden eine erlittene Pein als Gottesgabe, wenn sie uns die Augen zur Erkenntnis öffnet.


Saepe premente deo fert deus alter opem
(oft, wenn ein Gott uns bedrängt, hilft ein anderer Gott)
Ovid, Trist., I,2

Noch schwerer wird uns, die Güter und Lasten gegeneinander aufzuwiegen, also zu beurteilen, ob wir in der Summe mehr Gutes oder mehr Schlechtes erfahren. Eine Sekunde des Glücks hält hier oft ein Jahr des Schmerzes, und die glücklichste Zeit wurde manchem vergällt, im Rückblick, wenn sie einen schlechten Ausgang fand.

Zum Aufsummieren unseres Glücks und Unglücks sind wir nicht fähig und gänzlich unvermögend, den Saldo zu ziehen. Und wie mancher nicht weiß, ob ihm die Vögel in seinem Garten mehr Nutzen oder Schaden bringen, wenn sie zwar hübsche Liedchen trällern, Schädlinge vertilgen, aber eben auch die Beerenernte, so ist unser Unwissen über Menge und Gewicht von Glück und Unglück, auf die Summe des Lebens gerechnet, jeweils vollkommen und damit gleich groß, und das Zünglein der Waage spielt sich ein.

Daraus folgt wieder, daß es nicht gerechtfertigt ist und noch weniger lohnt, aus Verdruß das Leben zu beenden, – es sei für den, der es in Hoffnung tut, jenseits gleich im Paradiese Einlaß zu finden. Doch selbst der Gläubige kann ja hier auf nichts Bestimmtes vertrauen und muß gar mit der Hölle rechnen, die ihm Gott für seine Ungeduld zur Strafe auferlegt. Wieviel mehr aber erwartet der Ungläubige im besten Falle das Nichts: den Ausgleich aller Polarität des jetzigen Seins, kein Licht, keinen Schatten, keinen Schmerz und keine Freude, weder Bewegung, noch Ruhe.

Wenn nun der Selbstmörder dieses Nichts, diesen Ausgleich des Glücks mit dem Unglück, dem Leben vorzieht, weil er glaubt, das Unglück überwiege darin sosehr, daß selbst die Schrecken des Todes noch eher zu ertragen seien, so hat er vorschnell gerechnet. Denn diesen Ausgleich muß er, soweit unserer Erkenntnis zugänglich, wie zuvor gesehen, auch dem Leben zuschreiben. Weder das erfahrene Glück, noch das Unglück läßt sich aufsummieren und ein Überhang sich niemals ermitteln. Mag er im Augenblick auch der Unglücklichste sein, am folgenden Tage schon kann sich sein Gemüt beruhigen, und wie man auf friedlicher See nicht nur die Wellen des eben vergangenen Sturmes, sondern auch die der weit zurückliegenden nicht mehr spürt, so wird sein Leben an diesem folgenden Tage als Ganzes sich ausgleichen. Selbst wenn das Leben, wie uns oftmals scheint, tatsächlich überwiegend von Ärger, Schmerz und Leid erfüllt wäre, so ist all dieses Ungemach doch in einer Stunde, da uns wohl ist und wir mit uns zufrieden sind, bis auf den letzten Schatten völlig ausgetilgt. Denn, wie uns im Elend alles bisher erfahrene Glück nicht trösten kann, so läßt sich dieses von jenem in keiner Weise trüben.

Selbst ein zerrissenes Leben oder lange Qualen einer tötlichen Krankheit wurden manchem schon in seiner letzten Minute vergolten, und seine Seele konnte in sich beruhigt und frei in ihr neues Dasein gehen. Wer jedoch sein Leben inmitten der Qual abbricht, dem wird sich der Übergang vermutlich nicht ebenso leicht und würdig vollziehen, auch wenn wir freilich nur den Abgang, nicht die Ankunft übersehen. So verstehen wir den Seneca: Plus momenti apud me habent, qui ad mortem veniunt sine odio vitae et admittunt illam, non adtrahunt. (Diejenigen gelten mir mehr, die in den Tod gehen ohne das Leben zu hassen, ihn zulassen, statt ihn herbeizuziehen. ad Luc. IV, 30, 15).
Aber auch hier werden solcherlei Einsichten und Abwägungen kaum Einfluß auf unser Handeln nehmen können – und auch nicht hindern, daß uns Mitleid schwer ergreift, wenn einen Menschen, der uns wert, die Qual bis zu diesem Grade überhäufte, daß ihm alles Denken und Erwägen darunter erdrückt ward.