DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - I

WANN WERDEN WIR FERTIG?

Von gar keiner Bedeutung ist, was wir tun und wieviel wir darin leisten. Gemessen an dem, was noch getan werden könnte, wird unser Werk immer ein Staubkorn bleiben, ganz gleich welche herkulische Arbeit wir dareinstecken. Wem es darum zu tun ist, fertig zu werden, und sei es mit einem Lebenswerke, der bleibt ein Sisyphos. Denn wo wir eine Aufgabe erledigen, tun sich hundert neue auf, oder jedenfalls so viele, als die Phantasie zu fassen vermag. Die meisten erledigen aber noch nicht einmal die eine Aufgabe, während sie im Geiste schon bei der nächsten oder übernächsten sind und von deren Vollendung träumen: „Wenn ich erst damit fertig sein werde, dann wird es gut sein!“ Es wird aber nicht gut sein, es wird nie gut sein, solange wir die Arbeit um ihres Ergebnisses, um ihrer Beendigung Willen tun und uns womöglich noch beeilen, schneller mit ihr fertig zu werden. Denn je schneller wir fertig sind, desto früher stellt sich eine neue Aufgabe, oder, was noch schlimmer, es entsteht eine Zeit der Leere, während der wir nicht wissen, was wir tun und was wir wollen sollen. Davon werden wir erst durch eine neue Arbeit erlöst, in die wir uns dann mit Begierde stürzen. Da hätten wir aber ebensogut gemütlicher und vielleicht gewissenhafter bei der ersten verweilen können.

All unsere Werke sind nur Beispiele vom eigentlichen Werk und dienen allein, uns einen Begriff von dem zu geben, was Schöpfung heißt. Wir aber meinen, sie selbst seien das Ziel, das Ding, worauf es ankomme, und es müßten deswegen möglichst viele und möglichst große sein. Das Wasser des Meeres ist aber in einem Tropfen so gut enthalten, wie in einem Faß und wie im gesamten Ozean, und wenn einer Meerwasser haben will, um zu begreifen, was es sei, so hat er es in dem Tropfen voll und ganz. Will er es aber, um es dem Meere zu entreißen und Land dadurch zu gewinnen, so ist er ein Tor, denn dort wo er das Wasser hinschafft, ist dann wieder Wasser, und wenn es selbst gelänge, den Meeresspiegel durch Ausschöpfen zu senken, so wäre dadurch doch kein Land gewonnen. Wer, wegen der unerledigten Arbeit unzufrieden, hofft, den unerledigten Teil durch Arbeit zu vermindern und dann zufriedener zu werden, ist wie der, der durch Ausschöpfen des Meeres Land gewinnen und erst zufrieden sein will, wenn nur noch Land ist und das ganze Meer erschöpft.

Wer sich aber mit Liebe seiner Arbeit widmet und nicht frägt, wann er damit fertig und wie gut und bedeutend sie dann sein wird, sondern allein besorgt ist, jetzt alles nach Kräften richtig und gut und schön zu machen, der wird den wahren Lohn erhalten und sein wie der, der mit Hingabe in den blauen Wogen des Meeres schwimmt, weil ihn das Element erfreut und zur Anstrengung seiner Körperkraft herausfordert.