DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - I

WAHRE LIEBE

Um Liebe und Achtung zu bitten, sie gar zu fordern, verletzt nicht nur den Stolz, sondern auch alle Regel der Klugheit und Weisheit und gehört zu den Sünden, denen die Bestrafung auf dem Fuße folgt. Wir können dabei nicht fehlen, diese edelsten Empfindungen im andern abzutöten, weil sie in uns selbst nicht lebendig sind. Die höchste Liebe wird auf Erwiderung nicht einmal hoffen, sondern gänzlich in sich selbst bestehen. Dem Gebenden werden die Himmlischen Kräfte zufließen, und er wird reicher in dem Maße da er gibt, ohne auch nur ein Wort des Dankes zu hören. Unterhalb dieser heiligen und seltenen Liebe finden wir die edelste die, welche zwar auf Erwiderung hofft, aber keine Bedingung macht. Dazu sind wir fähig gegen unsere Kinder, selten gegen den ehelichen Gatten und nie in unseren Leidenschaften. Gewöhnlich aber entsteht und vergeht unsere Liebe mit Wahrnehmung der Gegenliebe, oder, genauer, sie entsteht durch ein Zeichen, welches auf Erwiderung hoffen läßt, sie besteht, solange an Erwiderung geglaubt wird, und sie vergeht mit diesem Glauben und dem Aufkommen der ersten Forderung. Damit sind wir beim Verlangen nach Besitz, welches die Liebe abgelöst und den anderen zu einem Gegenstande reduziert hat. In diesem Zustande geht der Rest des Lebens für gewöhnlich hin, und wir reden bereits von Glück, wenn die gewöhnliche, von der Erwiderung abhängige Liebe nicht gänzlich daraus entweicht. Ob ein Aufstieg in die edleren oder gar heiligen Regionen der erstgenannten selbstlosen Liebe möglich ist, wollen wir immerhin nicht ausschließen.