DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

VORSATZ UND BESTIMMUNG

Aber es ist müßig, zu disputieren, welche Lebensform den Menschen angemessen, welches die höhere, welches die edlere sei, und welche er zu seinem und der andern Wohle anzustreben habe. Ich habe unter den Einzelgängern die nichtswürdigsten Kreaturen gekannt, wir finden sie unter Dieben und Mördern ebenso wie bei Dichtern und Philosophen. Wenn ich auch dahin tendiere, so will ich mein Urteil doch aufsparen bis zum Vorabend meines Todes und dann im Rückblick sagen, was ich für ein Mensch gewesen, und warum es gut war, so und nicht anders mein Leben hinzubringen: zurückgezogen oder bei einem Weibe oder unter Freunden oder in Geschäften. Eine lobenswerte Zurückhaltung, die mich freilich kaum davor bewahren wird, einstweilen noch sämtliche Möglichkeiten in stetem Wechsel durchzukauen, um einmal diesen Plan, einmal den entgegengesetzten mir als vortrefflich und meinem Lebenslaufe angemessen auszumalen und,

Um es am Ende gehen zu lassen, wie’s Gott gefällt.

Denn nicht unsere Wahl, sondern unsere Charakteranlage und die Wechselfälle, durch welche uns das Leben führt, bringen uns zuverlässig dahin, wohin wir gehören. Es neigen die meisten zur Geselligkeit, zum Ehestande und wollen kaum eine Stunde allein gelassen sein. Wenigere haben Freude an einsamen Spaziergängen und reisen für sich alleine. Vollends selten ist der Einzelgänger, der sich gar nicht für längere Zeit in einer Gemeinschaft aufhalten will, und dem der Ehestand vollends unnatürlich ist. “Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!” (Math. 19.12)

Aber dieses so eitel scheinende, nimmer endende Pläneschmieden, das Hin- und Herdenken, über Maßnahmen, welche zu ergreifen, über Wege, welche einzuschlagen und Lebensweisen, welche zu erwählen seien, hat deswegen nicht weniger seinen guten Sinn. Wir lernen dadurch erst die verschiedenen Möglichkeiten mit ihren Vorzügen und Nachteilen kennen und werden den Weg, den uns das Schicksal letztlich führt, besser verstehen und in seinen Werten schätzen. Wir sehen, daß die Vorteile der andern uns einen zweifelhaften Gewinn einbrächten, ihre Nachteile jedoch realen Trost spenden.

Das Zusammenleben unter Menschen wird erträglich, wenn die Kräfte in ihrer Summe leidlich ausgeglichen sind, ohne daß man sich deswegen schon auf einer Ebene befinden muß. Denn ich will nicht reden von dieser Art Ausgleich, wie man ihn heute anstrebt zwischen den Geschlechtern, wo alles gleichgemacht werden soll. Es sind subtilere Zusammenhänge, durch welche die Kräfte zweier Menschen ins Gleichgewicht kommen, als diejenigen äußerlicher Gleichschaltung. Die irrtümlich schwach genannte Frau kann leicht mit ihren Reizen der Stärke, dem Vermögen, der Geisteskraft des Mannes Gleichgewicht halten, ferner durch Güte und den Einfluß, welchen sie mit den Kindern gewinnt und freilich durch alle Ränke und Intrigen, zu denen das weibliche Geschlecht so wohlbegabt. In anderen Verhältnissen gibt es äußere Zwänge wie Geld, Gesetz und Ansehen, Zusammenschluß vieler Schwacher gegen einen Starken u.s.f., wodurch allemale, zwischen Diener und Herr, zwischen Freund und Freund, zwischen Frau und Mann ein Gleichgewicht zustande kommt, ohne welches jegliche Gemeinschaft schnell zerbricht. Denn, wenngleich äußerliche Unterlegenheit überall anzutreffen ist, so wird die wirkliche Ungleichheit doch nicht lange geduldet; es wird der Unterlegene vielmehr jede Art von Aufruhr anzustiften suchen und, wenn dies nicht gelingt, sich davonmachen.

Dem Einzelgänger aber ist dieses Gleichgewicht, das den andern das Leben erst erträglich macht, ganz und gar unerträglich, weil sein Wesen gerade darauf angelegt ist, das Gleichgewicht in sich selbst zu suchen und gar nicht im Verhältnis zu den anderen. Die heiterste Tischgesellschaft, das rührigste Spiel mit seinen Kindern, das Gespräch mit dem besten Freund und selbst das Liebesglück erweckt ihm kein Verlangen, den Zustand der Gemeinschaft möglichst auszudehnen, vielmehr ist er ihm Episode, nach welcher es ihn wieder in seine vertraute Umgebung zu sich selbst zurückzieht – wie die andern in ihr Haus, nachdem sie ein vortreffliches Theaterstück besucht.

Im allgemeinen also wird jeder suchen, was seinem Charakter und seiner Natur entspricht, und wir brauchen gar nicht moralisieren, worin eines jeden Pflicht bestehe, denn diese besteht allein darin, seine eigene Natur zu erkunden und zu irgendeinem Guten zu verwenden. Und nur, wenn seine Lebensweise in diesem Einklang steht, wird er zu irgendetwas Brauchbaren fähig sein. Der Philosoph ist nicht mehr dazu berufen als die andern, und ob man ein Leben in der Berghütte am Silvaplaner oder auf dem Marktplatze zu Athen, in Muße oder in Geschäften wählt, am Ende landet jeder dort, wo Wesen und Geschick ihn hinführt. Sein Beitrag besteht allenfalls darin, die Begründungen zu finden zur Rechtfertigung seines Tuns, und vielleicht sich einzureden, daß alles dies nach seinem höchst persönlichen Willen geschehe und geschehen sei. Man macht aber aus einem Dicken doch keinen Dünnen, ohne ihn ein Leben lang mit ungesunder Diät zu plagen und aus einem Dürren wird kein Herkules. Solche, die sich wider ihre Natur die prallen Formen des Athleten antrainieren wollen und mit verbissenem Eifer ihre Muskeln schließlich zu einigem Volumen bringen, deformieren sich dadurch zur lächerlichsten Ungestalt. Wie es auch den Weibern geht, die im Irrwitz unserer Tage dasselbe tun, als könne ein gesundes Auge Geschmack an solchen Monströsitäten finden.

Dabei darf keiner Anspruch auf überwiegendes Glück und andauernde Zufriedenheit erheben, selbst wenn er das ihm Angemessene gefunden und gewählt hat; weil, dem Geselligen werden oftmals die tausend Ansprüche, das Geschrei und das Gezeter der ihn allezeit Umgebenden bis zum Zerreißen die Nerven strapazieren, und er sehnt sich mit Inbrunst nach einer einsamen, ruhigen Stunde am Busen der Natur. Den Einzelgänger wiederum mag seine Einsamkeit zuweilen drücken, und er erträumt sich ein Schäferstündchen am Busen einer Schönen. Für jeden läßt sich nicht zu jeder Zeit das Erwünschte schaffen. Auch kann man nicht sagen, daß der Gesellschaftsmensch gar nicht zu sich selber fände, sich ganz in den anderen verlöre; er wird sich im Maße seiner Geisteskraft erkennen, und jene können ihm dazu ein Spiegel sein. Ebensowenig, daß der Einzelgänger keinen Anteil an den andern nähme. Er wird dies selbst in seinen einsamsten Stunden und nur desto inniger tun, als er es in Ruhe und bei völliger Konzentration aller Seelenkräfte tut. Nur werden die Stunden der geselligen Gemeinschaft bei ihm die Ausnahmen und vielleicht Höhepunkte seines Lebens sein, ebenso dem Gesellschaftsmenschen seine Stunden freiwillig gesuchter Einsamkeit.

Ein Mensch, der für die Ehe bestimmt ist, wird im schlimmsten, aber nicht seltensten, Falle, vorziehen, ein Leben lang im Kampf mit seinem Weibe die sämtlichen häuslichen Höllenqualen auszustehn, bevor er sich zu einem Leben ohne Weib entschließt. Er mag sich von dem seinen scheiden, um gleich darauf bei einer anderen zuerst Trost und später dasselbe Elend wiederzufinden. Niemals wird er aus eigenem Willen ohne Frau sein können, und immer wird er vom Eheglücke träumen.

Einer der zum Gehorsam und zur Untertänigkeit geboren ist, wird sich immer einen Vorgesetzten suchen, dessen Ungerechtigkeit er zu leiden und zu verfluchen hat, doch wird er niemals, ohne noch größeres Unglück auf sich zu laden, sein eigenes Geschäft eröffnen. Ebenso der Selbstständige, der sich in seinen Geschäften die Gesundheit zugrunde reitet, bevor er das ihm noch Schrecklichere, Arbeiten für fremden Lohn, erduldet. So läßt sich auch vom Einzelgänger gar nicht sagen, ob er in seiner Welt und Lebensweise sich glücklicher oder unglücklicher findet als die andern, nur daß ihm sein Glück und Unglück angemessen und er es um nichts mit einem anderen Zustande vertauschen würde.

Überhaupt müssen ja alle Lebensregeln auf den Charakter abgestimmt sein und zu ihm passen, sonst können sie weder eine wahre Erkenntnis, noch eine Besserung der Lebensführung bewirken. Sie werden zwar oft dennoch angenommen und durchgeführt, womöglich mit aller Strenge und Genauigkeit, doch ohne innere Neigung und Verwandtschaft entsteht ein steifer Mechanismus und oft eine unerträgliche Manier. Genauso verhält es sich, wenn ein Philosoph eine Denkrichtung annimmt oder entwirft, die nicht ganz aus seinem eigenen Wesen geschöpft und zu diesem passend ist. Es können nur leere Prinzipien und eine ungenießbare, fahle Lehre daraus folgen.

Der Weise aber sollte dennoch ein Doppel- oder Mehrfachleben führen. Ist er reich an Mitteln und Einfluß, so soll er diese Dinge zum Guten verwenden, bei der Staatsführung helfen und Werke befördern, die der Menschheit und der menschlichen Kunst zur Ehre gereichen. Daneben soll er jedoch, im Geiste, das Leben eines Armen führen, und mit den schönen Lehren der Philosophie die Werte eines von materiellen Gütern unabhängigen, geistig völlig freien Lebens erkennen. So wird er zum einen die Welt besser verstehen und schätzen, da ihm diese Seite auch vertraut ist, zum anderen wird er, sollte ihn das irdische Glück einmal im Stich lassen und er seine Güter verlieren, sich genauso wohl in der Armut als vorher im Reichtum finden und von der Welt ebenso hoch geschätzt sein können. Auf jeden Fall wird er bereits sämtliche Gründe parat haben, seinen Verlust zu rechtfertigen und die neue Lebenslage am Ende gar zu preisen.

Umgekehrt sollte ein Weiser, der in Armut und ohne Amt sich allein der Tugendhaftigkeit und Gottesfurcht befleißigt, allenfalls durch Vorbild und Überredung wirkt, wie Sokrates, dennoch das Praktische der Staatsführung, des Handels, der Technik, der schönen Künste und des Handwerks weder gering schätzen, noch in Unkenntnis darüber bleiben, damit er mit denen, die er bessern und belehren will, nicht reden muß, als sei er eben von einem fremden Stern gefallen, und daß nicht, falls ihn das Schicksal einmal in eine führende Stellung berufen will, er dort verloren und unnütz ankomme.

Der Weise wird jegliches Gute schätzen sowie aus jeder Lebenslage Nutzen ziehen und durch sein Beispiel wie durch Vernunft und Einsicht Nutzen bringen. Daher sowohl manche Weltweisen, welche die Askese als zu arm und farblos verachten, wie auch Philosophen, denen sie bisweilen als der alleinige Weg zur Weisheit gilt, und die daher alle Kunst und Schönheit menschlicher Werke für nichts als eitlen Tand ansehen, im Grunde doch einseitig und noch nicht ganz weise zu nennen sind.

Jeder muß sich freilich, aus seinen Möglichkeiten, eine Richtung wählen. Vielleicht wird sich auch der Wohlhabende einmal zu einem Leben in Armut wenden, doch soll er dies tun, weil es ihm auf seine Natur und seinen Charakter zugeschnitten erscheint, nicht weil er darin den einzigen und höchsten Weg zur vollkommenen Weisheit erblickt. Jeder wähle das ihm und seiner Lage Angemessenste, verschließe sich jedoch nicht, die Tugenden und Schönheiten der anderen Lebensweisen, wenigstens im Geiste und aus der Ferne, wertzuschätzen. Ein Vorbild dafür gibt uns Seneca, wenn er ganz ausführlich und vortrefflich dartut, wie er, da er reich ist, diese Güter gebraucht, ohne je von ihnen abhängig zu werden, und wie er, als er arm ist, während der Zeit der Verbannung auf Korsika, die Freiheit dieser Armut zu nützen versteht und diese anderen, allgemein so gefürchteten Umstände nicht weniger als einen Segen betrachtet, als den begehrtesten Überfluß, ja daß ihm über das Überflüssige darin hier die Augen erst recht geöffnet werden. Er ist also nicht wie die meisten, die, da sie reich sind, sich nach der Freiheit und Romantik eines einfachen Lebens sehnen, wenn sie arm sind, nach den Schwelgereien und Herrlichkeiten des Reichtums, vielmehr weiß er die Lage zu preisen, in der er sich befindet, anstatt wie üblich, die, von der man am weitesten entfernt.