DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

SCHLUSS

Aus all unseren Erwägungen schließen wir, daß, obschon in der Ausführung beide Lebensarten ihre Schwierigkeiten mit sich bringen, so doch in beiden auch ein Ideal zu finden ist. Von Bedeutung mag daher weniger sein, welche man erwählt, bzw. zu welcher man erwählt wird, sondern vielmehr ob man des Guten und Idealen darin gewahr wird und ob sich diese Idee lebendig erhält oder in den täglichen Lasten und Ärgernissen allmählich zerrieben wird. Und wie wir mit dem Lob der Geselligkeit begonnen haben, so wollen wir mit dem der Einsamkeit beschließen.
Nur im Zentrum ist Vollkommenheit möglich und höchste Konzentration. Zentrum ist aber nur die Einheit, und dieser kommen wir einsam näher als unter vielen.

Nur durch Abstand und Entfernung ist ein Ding zu sehen – und zu genießen. Wer wollte sich des besten Weins erfreuen, solange er darin schwimmen muß? Einsam durch die Wälder streifend besitzen wir die Welt, doch von Geschäften, Gefolgsleuten und Gütern umgeben, werden wir zu Dienern. Zwar ist zu dienen schön und gibt den Lohn der Nützlichkeit, doch nicht selten werden die Bande der Gesellschaft zu beschwerlichen Ketten, und ein mächtiger Drang entsteht, sie für eine Zeit lang abzustreifen. So zieht es uns aus der Stadt in die Berge, und selbst Gott, nachdem er sich unter die Menschen gemischt, zog vor, wieder aufzusteigen, um in himmlischer Entfernung den Anblick seiner Schöpfung zu genießen. Ist er dort nicht einsam? Kann von Übel sein, ihm, in gleich welcher Eigenschaft, ähnlich zu werden? Das Vollkommene muß Einheit, muß Eins, muß einsam sein.

Hoch schwebt der Adler über buntem Feld,
Dem König, ja dem ewgen Gotte gleich,
Der aus erhabner Ferne in der Welt
Erkennt sein eigen wohlgestaltet Reich.