DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

VERSÖHNLICHES

Vom guten Darwin will ich jetzt endgültig ablassen, da er doch kaum verdient, sämtliche Schwäche und Kleinheit unserer Zeit auf seine Schultern zu nehmen. Vielleicht böte seine Lehre dereinst einem geistreichen Manne ein lohnendes Motiv, Entstehung und Entwicklung der Welt und des Lebens auf treffliche Weise darzustellen. Der äußerliche, mechanisch-biologische Ablauf dürfte dabei ohne weiters so aussehen wie ihn Darwin beschrieben, doch müßte an jeder Stelle der Zufall als entscheidendes lenkendes Wahngebilde restlos beseitigt und durch ein höheres, nach sinnvoll abgewogenen Plänen wirkendes Wesen, ersetzt werden. Anstatt diejenigen Ursachen, die wir nicht kennen, mit dem äußerst leeren Begriffe des Zufalls zu bedecken, müßten sie, wie unter allen Gottesgläubigen üblich, als verborgenes, aber weises Planen des höchsten Wesens bezeichnet werden. So würde es dann nicht heißen, diese oder jene Art sei aus einer zufälligen Variation ihrer Gene hervorgegangen und habe sich sodann im Kampfe ums Dasein als die stärkere gegen eine andere durchgesetzt, sondern der Gott und Lenker aller Dinge habe sie erhöht und mit neuen Kräften und Fähigkeiten beschenkt, weil es sein vollkommener, uns jedoch verborgener Plan in dieser Weise erfordert hätte. Dadurch sei erneut etwas Göttliches in diese Wesen geflossen und habe das Vorhandene um ein weiteres vermehrt. Einer anderen Art, der Nachbarin oder Vorgängerin, habe er bestimmt, nun abzutreten, da sie das ihr bestimmte irdische Schicksal erfüllt.

Sicher müßte ein solcher Mann, der all dies auf wahre und schöne Weise zu beschreiben wüßte, wenigstens Homern gleichen, und wir dürfen unserem Biologen und den jetzigen Wissenschaftlern die Unfähigkeit dazu nicht zum Vorwurf machen – nur vielleicht ihren Vorwitz, mit dem sie alte, ansehnliche Lehren und Anschauungen durch nichtssagende Eintagsproduktionen ersetzen wollen.

Indes finden sich genügend redliche Gemüter, welche durchaus in dieser lobenswerten Art, wenn nicht sich Begriffe schaffen, so doch empfinden, und denen die Vorstellung von einer sich allmählich entwickelten Welt in gar keinen Widerspruch zur Göttlichen Allgegenwart und Herrlichkeit gerät. So mögen wir uns denn auch beruhigen, daß an einer faden Theorie nicht gleich die Welt verloren geht. Allerdings würde ich die anderen Sänger noch höher stellen, welche uns näher an den Schöpfungsakt heranführen und den Gott unmittelbar beim Formen und Gestalten zeigen, geradewegs drauflosgehend, nicht eine endlose Zeit sich mit kleinsten Schritten schleppend. Ihnen ward Einsicht in die göttliche Herkunft aller Wesen am deutlichsten zuteil.