DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - I

VERHÄNGNISVOLLE ZEUGUNG

Beim Ausbruch eines Krieges läßt sich unterscheiden zwischen dem Anlaß und dem tieferen Grund. Der Anlaß mag eine Geringfügigkeit sein, eine Ohrfeige oder nur ein höhnisches Wort, der Grund aber ist tief aufgestauter Haß zwischen den Völkern oder überschäumender Mut und wilde, nicht mehr zu bezähmende Kraft, welche nur noch im Kampfe sich entladen kann. Ebenso kann man für den Tod eines Menschen unterscheiden zwischen dem Anlaß, welcher ein ungeschickter Tritt, ein kleiner Virus, eine winzige Gewehrkugel, ein Tröpfchen Gift oder, dem abgenutzten Körper des Alters, ein bloßer unverhoffter Anblick sein kann; und dem einzig wahren und tiefen Grund des Todes, welchen einzig die Zeugung gibt. Denn der Zeugende legt im Akt den unerschütterlichen Grund für das Verhängnis des Todes, während dieses eben gezeugte und im selben Augenblicke zum Tode verurteilte Geschöpf nur noch den, an sich unbedeutenden und zufälligen, Anlaß abzuwarten hat, durch welchen ihm sein Verhängnis erfüllt wird. Die Krankheit oder der Mörder sind nur noch auslösende Bagatelle oder Henkersknecht, um den Gerichtsbeschluß zu vollziehen. Das Urteil aber ward mit der Zeugung gesprochen, ohne Berufung, ohne höhere Instanz für mögliche Begnadigung.

Nur das gemeine Los des Todes können die Götter
Selbst nicht wenden, auch nicht von ihren Geliebten, wenn jetzo
Ihn die finstere Stunde mit Todesschlummer umschattet.

Odyssee III. 236