DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - I

UNSCHULDIGES FLEISCH

Es ist nicht das Fleisch, welches uns zum Übermaß verführt. Dem Magen würde die angemessene Menge längst genügen, und niemals würde er von sich aus mehr haben wollen, wenn es ihm schon enge wird. Auch verlangt er keineswegs Weinbrand, Tabak oder Kaffee. Es ist vielmehr der Geist und die Phantasie, welche sich ausmalen, wie man gegen den Willen des Körpers sich noch einen Genuß verschaffen könnte; und so befehlen sie diesem, weiterzuessen, weiterzutrinken, weiter den Weibern nachzuhängen oder irgend sonst welchen Gelüsten und Verführungen, und der Körper, als der Sklave, muß schmachtend und leidend folgen, und zu allem Überflusse wird ihm noch die ganze Schuld zugesteckt, als dem sündigen Fleische, welches eine sonst reine und edle Seele von ihrer sittlichen Höhe herabzuziehen trachtet.