DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

UNGLAUBE WIRD ABERGLAUBE

1

In diesem schwärmerischen Traum einer vermeintlich gewonnenen Freiheit gingen nun Darwins Jünger noch einen Schritt weiter, doch nicht bergan, sondern hinab ins flache Land, wie dies so oft geschieht. Sie fanden sich auch von einem solchen Gott noch zu sehr abhängig, der anfangs eine einfache Welt mit einfachen Lebewesen erschuf, sie dann wohl aus seiner Werkstatt entließ, doch mit dem ehernen Gesetz, es müßten die Arten dieser Lebewesen zielstrebig höher und feiner organisierte Nachkommen hervorbringen, die sich, in Lebensräumen, welche bis dahin ungenutzt, selbst wieder als neue Art verbreiten sollten, um so, dem göttlichen Willen unablässig gehorchend, letztendlich den vielgestaltigen Garten dieser Schöpfung hervorzubringen. Weil diese Jünger Darwins den Gehorsam lästig fanden und von einem Bauwerk, nach Plänen gefertigt, nichts hielten, sagten sie sich von jedem Gotte los und setzten an seiner Statt einen Herrn, den sie für lässiger hielten, und der tatsächlich ihrer Art zu denken vollkommen angemessen war: den Zufall. Ihr Lehrer hatte zwar, im Einklang mit allen ernstzunehmenden Denkern, gesagt, es sei der Zufall etwas eigentlich nicht selbst Existierendes, vielmehr bloß ein Name für all diejenigen Ursachen, die uns bislang verborgen geblieben. Dennoch erhoben die Jünger dieses Nichtexistente zum alleinigen Architekten und Herrscher der Welt, in Hoffnung, nun die ersehnte Freiheit endgültig zu gewinnen.

Damit wurden sie aber in den Schlund unserer bezeichneten Charybdis zurückgespült und weit elender als einstmals Odysseus entlassen. Zwar schien die Meinung zunächst ganz befriedigt, die Natur nach dem Gesetz regiert zu sehen, welches vom Würfelspiele schon so wohl vertraut, allein das Wissen ward hier nicht gefördert, und jedweden Regeln des Verstandes nirgendwo entsprochen. Der Verstand fordert, seit allen Zeiten und seit Kant in Deutlichkeit bewiesen, eine strenge Verknüpfung von Ursache und Wirkung, um einen Vorgang als verstanden zu betrachten. Zwar ist auch die Erkenntnis von Ursache und Wirkung eine bescheidene: Sie greift stets einen verschwindend kleinen Teil der Welt, betrachtet eine von unzähligen Verknüpfungen desselbigen mit dieser, und ist selbst dabei noch trügerisch. Jedoch, bei aller Flüchtigkeit und Kleinheit, wir dürfen sie doch tiefer und gründlicher nennen als bloße Erfahrung, Statistik oder gar Spekulation um den Zufall. So wird bei den Evolutionären und allen, die heute so begierig auf den Zufall bauen, der Verstand in keiner eigentlichen Weise befriedigt und unser Schiffchen im erbärmlichsten, unbrauchbarsten Zustande ausgesetzt.

Or du hasard il n’est point de science:
S’il en était, on aurait tort
De l’appeller hasard, ni fortune, ni sort,
Toutes choses très incertaines.

Lafontaine

2

Alle Dinge sind von Unendlichem, von Göttlichem erfüllt. Daneben zeigen sie sich mit einem irdischen Gesicht, welches gegenüber dem göttlichen kräftig beschnitten ist. Eine gewöhnliche Schwäche des Menschen besteht darin, das Göttliche in den Dingen zu übersehen und sie statt dessen nur in ihrem augenblicklichen, weltlichen Zusammenhang zu begreifen. Eine weit schlechtere und auch nicht seltene Gewohnheit ist, in das beschränkte, weltliche Gesicht einer Sache etwas hineinzulegen, was nur ihrer göttlichen Seite zukommt. Dieses nenne ich Aberglaube.

Vorbedeutung und göttliche Zeichen mögen aller Ehren wert sein; in Träumen, im Vogelflug, im Opferrauch mögen Zeus Ratschlüsse und Weisungen verborgen liegen und sich der glücklichen Intuition eines Menschen offenbaren, doch bedienen sich diese Zeichen stets der Intuition, um in unser Herz zu gelangen, niemals menschlicher Gesetze, um in den Verstand. Abergläubisch ist nicht, wer einmal den Dreizehnten eines Monats als Tag seines Unglücks fürchtet, sondern wer glaubt, es liege in der Natur der Zahl Dreizehn, Unglück zu bringen. Abergläubisch ist nicht, wer einmal eine schwarze Katze als Unglücksboten empfindet, sondern wem alle schwarzen Katzen, vornehmlich von links nach rechts den Weg kreuzend, Unglück bringen müssen. Einem so verstandesscharfen Manne wie Lichtenberg diente jedes Kriechen eines Insektes zur Antwort über Fragen seines Schicksals – bis zu dem Grade, daß er sich selbst für abergläubisch hielt. Doch ließ er sich hierbei stets von Intuition, nie von bigottischen Gesetzen leiten.

Als Aberglaube würde ich bezeichnen, wenn der Mensch mit groben Werkzeugen, als da sind sein Verstand und seine Hände, sich anmaßt, das Göttliche zu entschlüsseln oder sich gar einbildet, selbst ins Göttliche einzugreifen und Göttliches hervorzubringen. Ohne dasjenige, was wir höhere Eingebung nennen, will ich ihm nichts dergleichen zugestehen, am allerwenigsten, wo er die Bereiche des Erfahrbaren verläßt und statt dessen den Verstand zum Sklaven wildester Phantasien erniedrigt. Aus diesem Grunde sollte die Lehre Darwins eigentlich ein Aberglaube heißen, weil sie sich anmaßt, mit genügend feiner Untersuchung der Physik, der Chemie, der Biologie, ließe sich die Schöpfung der Welt und des Lebens wissenschaftlich vom menschlichen Verstande nachvollziehen und begreifen, wie aus einem Klumpen Erde der Einzeller, aus diesem der Affe und daraus der Mensch entstand, ohne daß von solchem Schauspiele je etwas zu sehen war.

3

Den Aberglauben vollständig machen wir schließlich, wenn wir Hexen und Teufelsgeburten, Dämonen und Feuergeister und jetzt gar noch den Zufall, diese mißlichste aller Kreaturen, vor einem allweisen und allmächtigen Gott die Welt regieren lassen. Vor solchen Schattengespenstern verneigt sich die Welt und dünkt sich weise, heute mehr als je, da sie das leerste und abgeschmackteste Unwesen zu ihrem Götzen erhob. Der Zufall ist nichts als die Begrenzung unseres Verstandes, und wir sind daran, auch die Vernunft und jede höhere Geisteskraft in diesen engen Käfig zu sperren, wenn wir den Zufall zum Weltenschöpfer erheben. Hätte ein ursprünglicher Klumpen Erde nicht die gütige Leitung und Formung durch Gottes Hand erfahren und stattdessen auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung vertraut, nach der sich seine Elemente irgendwann einmal zufällig so zusammenfinden müßten, daß ein solch seltsames Gebilde wie das Molekül der Aminosäure entstünde, er würde heute noch geduldig des Treffers harren, wie der Einfaltspinsel des genialen Einfalls, mit welchem er zeitlebens sein großes Glück zu machen hofft. Der Glaube an den Zufall ist ein Aberglaube und ein Aberglaube ersetzt primitiven Geistern den wahren Glauben, die Vorstellung von etwas Göttlichem, Unendlichem und Allumfassendem.
Wie man beim Würfeln gelegentlich eine Sechs trifft, so können auch die Elemente, wenn sie regelmäßig kräftig durchgeschüttelt werden, sich einmal zufällig so zusammenfinden, daß ein neues, höherwertiges Element daraus entsteht, und wenn man derartige dann wieder lange zusammenschüttelt, irgendwann ein noch höheres Element, irgendwann eine lebendige Zelle, irgendwann ein Affe, irgendwann ein Mensch. Und alles aus reinem Zufall, nur der günstigen Gelegenheit gedankt. Wie das Würfeln geht, versteht auch die einfache Seele und glaubt nun gerne, ebenso die Entstehung der Welt begriffen zu haben, da sie doch das Urprinzip, den Würfel, voll erfaßt. Eine rechte Philosophie für Gaukler und Zechgenossen, welche den Gott nun endlich zu ihresgleichen degradiert sehen, zu einem Saufbruder, der die Welt am Spieltische erschuf.

Bevor ihr Euch mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen plagt, wie lange wohl die Evolution brauchen wird, um das Auge eines Wirbeltieres zu entwickeln, schaut doch erst zu, daß ihr herausfindet, ob Eure, auf zufälliger Mutation und Selektion beruhende Evolution im Stande ist, auch nur aus unbelebter Materie einen Einzeller hervorzubringen, – eine vergleichsweise bescheidene Forderung. Aber bereits dies herauszufinden ist, nicht allein faktisch, sondern prinzipiell unmöglich. Selbst wenn nämlich irgendwo in einer, für steril gehaltenen, Nährlösung sich ein Einzeller bilden würde, so wäre damit zum einen noch nicht bewiesen, ob sich nicht doch in der Lösung ein Keim versteckt oder eingeschlichen hätte, zum andern bestünde ja immer noch die Möglichkeit, daß, nach uns unbekannten aber nichtsdestoweniger strengen Regeln, aus unbelebter Materie sich Keime zu bilden in der Lage sind, aber gar nicht nach der Art zufälliger Mutationen, bzw. zufälligem Aneinandergeraten entsprechender Eiweißmoleküle, sondern nach Art der Zeugung und damit nach Art in der Natur bereits angelegter Prozesse. Doch ihr würdet, wenn sich so ein Einzeller je fände, euch freuen wie über den lang ersehnten Hauptgewinn in der Lotterie und fleißig auf den Zufall schließen, in den ihr nun mal verliebt seid, und weswegen neben ihm alle besseren Gedanken freilich unerwünscht ausfallen müssen.