DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

UNGEWISSE NÜTZLICHKEIT

Letztlich will aber doch keiner sein Dasein fristen, ohne irgend auf den Nutzen der andern zu wirken. Nur, was dieser Nutzen sei, darüber sind so viele Meinungen wie Köpfe, und die Zeit, der Ort, die Gelegenheit machen das Durcheinander vollkommen. Einer treibt ein Geschäft, erfindet ein Gerät, beschäftigt viele Menschen, es herzustellen, verkauft es für gutes Geld, und alle beglückwünschen ihn zu seinem nützlichen Wirken. Nun aber zeigt sich, daß dieses Gerät nicht dem entspricht, was sich die Käufer erwarteten, sie protestieren, verlangen Nachbesserung, Instandsetzung, Rückgabe. Es kommt zu Prozessen, die Nachfrage erlischt, der Name ist dahin, die Unternehmung bricht zusammen. Was also bleibt vom nützlichen Wirken? Der Unternehmende, zuerst in unwirklichen Träumen verloren, hat sich schließlich die Nerven zerrüttet in all der Aufregung, all dem Verdruß; die Kunden haben sich über ihr Bedürfnis ebenso wie über die Qualitäten des Produktes täuschen lassen, das Geld ist weg, der Ärger da; schließlich die Arbeitenden, denen die Existenz im Schmutz der düsteren Fabrikhallen vielleicht Leib und Seele beschädigte, sind von ihrem vorübergehenden Einkommen verleitet worden, sich zu verausgaben und stehen nun vor einem Berg von Schulden. Die Früchte aller Bemühungen liegen ausrangiert auf einem Schrottplatz und allen Beteiligten muß die Epoche wie ein dunkler, leerer Lebensabschnitt erscheinen.

Würde nicht einer, der das Ende hätte übersehen können, zu den Kunden gesagt haben: Gebt euer Geld diesen Arbeitern und dem Manne, der ihr Führer sein will. Nehmt nichts für euer Geld, so braucht ihr auch den Ärger nicht zu nehmen, ihr spart Zeit und Mühe und könnt gleich dort anfangen, wo ihr sonst zum zweiten Male werdet beginnen müssen. Zu den Arbeitern: Nehmt das Geld und fangt an, was euch gut scheint, aber rechnet nicht auf Dauer. Zum Geschäftsmann: Nimm deinen Teil und tue Gutes, oder tue nichts, so schadest du doch weniger als mit all deinen gutgemeinten Umtrieben. Kann es so oder ähnlich nicht jedem gehen, der tätig sein will zum Nutzen aller? und sehen wir nicht die Welt, trotz aller nützlichen, unermüdlichen Betriebsamkeit, noch in demselben Jammer als wie vor Zeiten und mehr Menschen in Elend und Hunger dahinsiechen als je zuvor?
Nun das Gegenteil: Ein Inder, der sich eines Tages auf dem Vorplatze des Tempels niederläßt und nichts mehr tut außer sitzen, geradeausschauen, schweigen und sich von Almosen ernähren, welche ihm eine, zuerst staunende, dann bewundernde und schließlich ehrfurchtsvolle Bevölkerung zu spenden willig. Keiner weiß, was diesen Menschen stillhält, Wahnsinn oder heilige Gedanken. Doch Verrückte haben selten das edle Maß der Selbstbeherrschung und die Disziplin über den Körper, und so ahnt bald jeder, der sich ihm nähert, daß letzte, uns unerreichbar scheinende Dinge in dieser Seele vorgehen, und jeder, der sich sonst auch nur um weltliche Geschäfte kümmert, wird für einen Augenblick erinnert, daß über allem eine höchste Weisheit steht, daß alles Sichtbare vom unsichtbaren Göttlichen umhüllt, und daß der Mensch begabt ist, dies zu erfahren, – und er wird, für kurze Frist, vom Mechanismus seiner Weltlichkeit befreit.

Zwischen dem, der mit den besten Absichten ein Reich zugrunde richtet, weil er zuvieles unternimmt, und dem der mit ebenso guten Absichten alle Tätigkeit beendet, zwischen diesen Extremen tummeln sich unsere Wirksamkeiten, und wo jeweils das Nützlichere getan ist, verschließt sich völlig unserem Urteil. Wir sehen nicht aufs Ende und sollten daher das Nächste betrachten. Was uns jetzt und hier gut scheint, das sollen wir tun und uns um allzu ferne Wirkungen nicht bekümmern und nicht um das Urteil der andern, denn diese sehen nicht weiter und kennen nur ihr eigenes Maß. Zuversicht soll uns leiten, denn jegliches vermag zu nützen, und wie wir sehen, selbst die Untätigkeit. Verborgener Nutzen ist mehr als offener Schaden, und letztlich vermögen wir nichts zu erzwingen.

Wer weder Talent, noch Vermögen, noch eine hohe Stellung hat, der kann doch durch Tugend wirken und allein durch sittenstrenge, genügsame Lebensweise den andern als Vorbild leuchten und auf diese Weise mehr zum allgemeinen Wohle beitragen als einer, der in Ämtern und Ministerien, in Gemeinnützigkeitsvereinen und auf Protestmärschen seine Kräfte verschleißt, für ein anständiges Leben aber nichts mehr übrig läßt. officia civis amisit, hominis exerceat (die Pflichten des Bürgers gab er auf, übe er die des Menschen. Seneca, de tranquilitate animi).

Aber Gesten sind stärker als Worte, und Taten prägen sich tiefer, jedenfalls leichter in unser Gedächtnis als Gedanken. Dies gilt auch für die Befriedigung, welche einer aus seiner Tätigkeit bezieht. Alles praktisch Wirkende bestätigt sich im allgemeinen selbst, da die Resultate sichtbar und greifbar sind. Der Handwerker sieht das Resultat seiner Arbeit, und wenn er im Auftrage handelt, hat er auch schon seinen Lohn als Zeichen der Anerkennung. Nicht viel anders beim Künstler. Der Schriftsteller sieht immerhin den Stapel beschriebenen Papieres wachsen, und aus der Nachfrage nach seinen Werken, darf er schließen, einem verbreiteten Interesse zu genügen, auch wenn vielleicht nur weniges vom Verkauften aufgeschlagen wird. Bei den geistigen Tätigkeiten jedoch, vor allem denen, die sich auf Aus- und Fortbildung der eigenen Person beziehen, entsteht leicht der Verdacht, es handele sich ausschließlich um egoistische Bestrebungen, die nicht auf ein Wirken für andere angelegt seien, und aus solchen würde tatsächlich keine wirkliche Befriedigung, geschweige denn eine Anerkennung zu gewinnen sein. Ganz ungeschickt und wenig weise versuchen wir daher die Kinder zum Lernen aufzumuntern: „Du lernst nicht für die Schule und nicht für den Lehrer und nicht für uns, sondern für dich selbst!“ Welcher Ansporn soll aber darin liegen, etwas nur für sich selbst zu tun und den Erfolg alleine zu genießen? Nein, vielmehr für den Lehrer, für die Freunde, Eltern und Verwandte lernt zunächst das Kind, um mit der ersten, stammelnden Wiedergabe des Vorgeführten ihnen eine Freude zu bereiten als begännen die Frühjahrsblüher ihres Gärtchens aufzugehen, welche sie im Herbst mit Müh und Liebe eingesetzt. An unserer Freude und unserem Lobe hat das Kind seinen ersten Lohn, gar nicht an dem sich allmählich anhäufenden Kapital in der verborgenen Schatzkammer seines Geistes.

Schwerer hat es nun der unbekannte Dichter, er muß sich den Widerklang, den seine Arbeit bei den Menschen finden will, gänzlich in der Phantasie ausmalen und hoffen, daß in künftigen Tagen einmal diese Saat noch aufgehen wird. Am allerschwersten aber scheint der bloße Eremit zu tragen, weil er gar kein sichtbares Werk hervorbringt, und er auch in keinem unmittelbaren Publikum die Früchte seines vielleicht heiligen Handelns widergespiegelt findet. Hier hat sich alles Wirken in den Geist zurückgezogen, lebt dort aber nicht weniger im Verein und im Dienste der Menschen.