DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

TRÜGERISCHE ERWARTUNG

So scheint, nach allem, die Einsamkeit kein begehrenswerter Zustand. Daß dennoch mancher davon träumt – solange er sich in Sicherheit weiß – kommt daher, daß er glaubt, er könne dort den drückenden Lasten entkommen, unter welchen er in seinem Leben zu erliegen fürchtet, den Zwängen der Arbeit, den Kränkungen der Vorgesetzten, den Bosheiten seines Weibes und dem Geschrei der Kinder. Auf kürzeren Reisen hat er erfahren, wie diese Bedrängnisse mit der räumlichen Entfernung sich auch aus der Seele entfernen und er mit frischem, unbekümmertem Gemüte die schönen neuen Dinge zu sich aufnimmt. So ist dem, der in seinem engen Zimmer zu ersticken droht, eine Wohltat, hinauszustürmen in die freie Luft und in die Weite der Natur. Wenn ihn die Geschäfte drücken, der Wirbel seiner gesellschaftlichen Pflichten an allen Sinnen zerrt, nimmt ihm dann ein Aufenthalt in seinem Landhause nicht diese Last vorübergehend ab, bringt Erholung und neue Lebenskraft? (Im übrigen auch umgekehrt, wer sich mit Vorsatz abgesondert von allem Gedränge, dann aber einmal von der Einsamkeit gedrückt wird, taucht der nicht mit Lust in das Gewimmel unserer Städte?) Wohl nimmt jeder überallhin sich selbst mit, aber doch als ein empfängliches und, zumindest in der Kürze, wandelbares Wesen, das mit den Umständen von einer Stimmung in die entgegengesetzte geworfen, am Gängelbande der Ereignisse geführt und so oft im Zweifel ist, ob sein Wollen und Wehen denn überhaupt von ihm und nicht alleine von den Dingen abhängt. Also mag, zu vorübergehender Linderung und Kur, eine geeignete Abwechslung durchaus anzuraten sein.

Aus diesen vereinzelten und bruchstückweisen Erfahrungen jedoch schließt nun mancher, es müsse dem frei Umherreisenden oder dem Eremiten in seiner freien Natur das Leben so vortrefflich sein. Und auch er selbst könnte sich dort endlich ungestört den Dingen hingeben, die er als die eigentlich wertvolleren betrachtet: Die Lektüre, das Musizieren, das Studium der Natur und mancher Wissenschaft und vielleicht die Pflege eines kleinen Gärtchens. Nur weiß er noch nicht, daß die Erfahrung, die er gemacht, einzig auf der Kürze und dem Neuen beruhte, nicht aber auf der Sache selbst. Es waren die starken und frischen Eindrücke, welche, eine gewisse Zeit lang, seine Gedanken ganz aus ihrem gewohnten Gange zu lenken vermochten. Wie dem nächtlich Geblendeten die Dinge um ihn her zunächst verschwinden und er nur noch helles Licht erblickt, diese aber, nachdem sich seine Augen angewöhnt, jetzt umso deutlicher erscheinen, so ergeht es auch dem Reisenden – gleichviel, ob es ihn nun in die Städte oder in die Wälder zog: die erste Zeit ist er geblendet von den neuen Eindrücken und er vergißt all sein Ungemach, welches er zurückgelassen wähnt. Dann aber, wenn die Betäubung nachläßt, wird er gewahr, daß er alles Übel, welches jemals ihn bedrängt, in seinem Reisegepäcke mitgenommen hat und überall hin mitnehmen wird, weil es nämlich in ihm steckt und er sich selbst nicht los wird. Wieder erniedrigen ihn die Vorgesetzten, wieder fängt er die bösen Blicke seines Nachbarn ein, und wieder wütet ihm in den Gedärmen das Geschwür der Ränke und Sticheleien seines Weibes. In endlosen Selbstgesprächen, repetierten oder konstruierten Szenen lebt nun all dies, was er zu verlassen hoffte, in ihm fort und nur noch umso unerbittlicher, als er jetzt so viele freie Zeit darauf verwenden kann und von keinen äußeren Zwängen, wie einst die Arbeit und die gesellschaftlichen Zerstreuungen waren, mehr die befreiende Ablenkung erfährt.


Quid terras alio calentes
Sole mutamus? Patria quis exul
Se quoque fugit?

Was vertauschen wir die warmen Länder
Durch eine fremde Sonne? Der sein Vaterland verlassen,
Ist er auch sich selbst entflohn?

Horaz, Oden XVI, 18

Solange er sich selbst und seine Seele nicht von aller Last entladen, wird er durch die Entfernung nur desto mehr gepeinigt. Die schönen Musen, denen er sich zu weihen versprach, bleiben vernachlässigt und bald gekränkt abseits. Denn wie beflissen und beharrlich einer seinen Zielen nachstrebt, liegt im Wesentlichen an ihm selbst (vielleicht auch an Dingen, die er weder überschauen noch beeinflussen kann aber jedenfalls nicht an seiner unmittelbaren Umgebung) und auch inmitten von Familie, Geschäften und Geselligkeit findet der Eifrige Zeit und Gelegenheit genug, den Geist auf schöpferische Tätigkeit zu wenden. Anderseits kann auch der Einsamste seine Tage mit eitlen und wirren Plänen vergeuden, in Hypochondrie und Menschenhaß verfallen, sich ewig im Kreise derselben Gedanken, desselben Argwohns, desselben Selbstzweifels zerreiben. Und wem nun gar Eifersucht und Liebesschmerz den Seelenfrieden raubte und er seine Ruhe in der Entfernung sucht, der wird bald gewahr, daß weder Ablenkung der Geselligkeit noch auch Entfernung in die Einöde das Übel aus dem Herzen löst – denn hier schickt uns Gott allein die Zeit zur Heilung.

Ebensowenig wird einer besser dadurch, daß er sich zurückzieht, obschon es leichter sein mag, so zu scheinen, weil er ja seine Schwächen und Laster vor neugierigen Blicken verbergen, sich den Schein des Heiligen aufsetzen und vorgeben kann, sich den Verführungen des gemeinen Lebens entzogen zu haben. So hat jener Römer, dem sein Architekt versprach, ein Haus zu bauen, das von keiner Seite eingesehen werden könne, geanwort et, er solle ihm vielmehr ein Haus bauen, das von allen Seiten durch und durch eingesehen werden könne, damit er niemals in Versuchung gerate, etwas zu tun, daß sich vor dem öffentlichen Anblick schämen müsse, und die Bewohner der Niederlande scheinen noch heute gleichermaßen zu denken, indem sie ihre Fenster groß, zur Straße gewandt und niemals mit Vorhängen verschlossen halten.

Wenn allerdings der Künstler und Dichter die Einsamkeit sucht, zum einen, weil er die Menschen nicht sehen will und ohne diese Ablenkung näher zur Natur, zu den Musen, zum Göttlichen zu finden glaubt, mag ihn bisweilen doch auch eine edle Scham antreiben, sich ihren Blicken zu entziehen, solange ihm nämlich sein Werk, und das heißt alles, was er von sich der Welt zu geben hat, noch unfertig scheint und nicht ihm und nicht der Welt die Ehre verleihend, auf welche er zu hoffen wagt. Beides ist in den Versen Goethes ausgedrückt:

O sprich mir nicht von jeder bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, führe mich zur stillen Himmelenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht,
Wo Lieb und Freundschaft unsers Herzens Segen
Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,
Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,
Mißraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

In unserem Handeln werden wir dort nicht besser und nicht schlechter, weil wir ja gewissermaßen aufhören, zu handeln, den andern keinen Schaden mehr zufügen, aber auch kein Gutes erweisen. Man könnte sagen, ein ausgesprochen wohltätiger Mensch muß dort verlieren, ein Bösewicht kann nur gewinnen. Doch der gewöhnlichen Menschen Handlungen sind so gut durchmischt, daß es sich eins bleiben wird;

Was nun die Tugend oder Schändlichkeit der Gedanken anlangt, welche ja eigentlich den Kern der Moral ausmachen, wenn dieser auch vor andern unsichtbar bleibt, so nimmt man überallhin so ziemlich alles mit, was man bislang in sich getragen, die Menschen, die man gekannt, die Liebe und die Gehässigkeit, welche man wider sie empfunden, alle Grübelei über Bedeutendes und Lächerliches, alle Sorge und Erbaulichkeit. Man mag solange für sich sein als man will, so wird man die andern doch nie los, und die räumliche Entfernung wird in der Phantasie durch künstliche Vergrößerung zuverlässig ausgeglichen, und, wie Schopenhauer sagt: „die Ferne, welche dem Auge die Gegenstände verkleinert, vergrößert sie dem Gedanken.“ Was wir im Gedächtnis haben, reicht hin, uns ein Leben lang die bunteste Gesellschaft vorzuspielen, mit aller Widerwärtigkeit und Freude, mit aller Hoffnung und Verzweiflung. Es liegt hierin ja das Wesen der Einsamkeit und der hauptsächliche Unterschied zum geselligen Leben, daß diese Dinge mit größerer Intensität und Heftigkeit und Ausdauer hervortreten. Während sonst die tausend alltäglichen Ereignisse dazwischen treten und alles Nachempfinden und Nachgrübeln in kleine Stücke hacken oder gänzlich übertönen, vermag der Einsame, im guten wie im schlechten Sinne, seinen Sachen beliebig lange nachzuhängen, sie zu ewigem Verdrusse wiederkäuen, oder sie allmählich zum Lichte der Erkenntnis führen.