DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - I

SPIELTRIEB

Ich habe ein zerrissenes Verhältnis zu Konsumgütern und denen der Technik besonders: Einerseits durchschaue ich leicht ihre Lächerlichkeit, Oberflächlichkeit, Vergänglichkeit und das Kindische; ich klage an, wie sie uns von wertvolleren Beschäftigungen abhalten, unseren Geist und unsere Seele gefangen halten und uns alle Würde nehmen. Denn ich bin ihnen zu Zeiten stärker verfallen als irgendwer, wo sie mir jede Stunde rauben, jeden Gedanken und alle meine Kraft. Zum Teil ist es die Begierde, sie zu erwerben, zu besitzen, zum Teil selbst etwas zu basteln und irgendeine raffinierte Sache zustande zu bringen. Je mehr ich mich darin verliere, desto mehr verdrießt mich gleichzeitig die empfundene Nutzlosigkeit, meine Verführbarkeit und dieser freiwillige Sklavendienst. Denn ich bilde mir ein, ich könnte sogleich Großem und Edlem nachfolgen, sobald ich mich nur davon losrisse und wieder ich selber wäre.

Dann wieder denke ich, warum soll man nicht die alltäglichen Genüsse, die Freuden des Fastfoods, der technischen Spielzeuge, des Kartenspiels, der Badeferien einfach und unbeschwert genießen, ohne sich ständig mit der Frage zu plagen, ob ein solcher Zeitvertreib denn auch höheren Ansprüchen genügen, an ewig gültigen Werten gemessen werden könne. Warum denn fürchten, es werde mit solch lässiger Einstellung die Kultur sinken? Muß das Große, Vollkommene und Überdauernde denn wirklich immer mit Eifer und Strenge verfolgt werden, oder werden, im Gegenteil, die großen Werke nicht von selbst entstehen und ihre Liebhaber finden und zwar auf natürliche Weise, ganz ohne Zwang und Plan? Sobald nämlich die einfachen und leichten Unterhaltungen Geist und Seele nicht mehr befriedigen, schlichtweg Langeweile und Verdruß bereiten, wird der Mensch nach Tieferem verlangen, wird ein Künstler gerufen es zu schaffen, wird gelobt und belohnt werden, und alles sich von selbst erfüllen. Wer sich dagegen ins Theater zwingt, um seine Bildung zu heben und die allgemeine Kultur zu fördern, der hätte beides vielleicht mehr gefördert, wäre er mit wirklichem Vergnügen ins Tanzlokal gegangen.