DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

SIND WIR FÜR’S GLÜCK GESCHAFFEN?

1

Wenn uns die Weisheit nun gelänge, wenn es eine Vorschrift gäbe und einen lenkbaren Willen, sie zu befolgen, würde sich da nicht sogleich die andere Frage auftun, ob der Mensch denn das Glück überhaupt will? Hat er nicht vor dem vollkommenen Glück eine instinktive Scheu, und, wenn er sich an Heilslehren, Psychologen, an Philosophen wendet, sind es nicht eher die Leiden, die er loswerden, als das ungetrübte Glück, das er finden will? Wie im Gesundheitswesen die Ärzte aufgesucht werden, um die Gebrechen loszuwerden, nicht um die Genüsse zu finden. Ein ununterbrochener Genuß, an der Tafel oder im Bett, wird in unserer Vorstellung geradezu nicht weniger schrecklich als die grausamste Folter, und selbst den höchsten Genuß der Seele, den Rausch des Verliebten, können wir uns nicht ohne Mißbehagen ewig dauernd denken. Zumindest jedoch haben wir von einem vollkommenen, dauernden Glück eine zu schwankende und verschwommene Vorstellung, als daß es uns wirklich wünschenswert erschiene. Wir streben nach Kostproben, die uns nicht sättigen, die Sache selbst ist uns verdächtig.

Verdächtig nicht zuletzt, weil wir uns einmal zu groß, ein andermal wieder zu klein finden für ein dauerndes Glück. Zu groß, weil uns alles Dauernde wie eine unnatürliche Starre erscheint. So habe ich von einem Buch gehört, welches vortrefflich Anleitung gäbe, Ordnung in Geist und Gemüt zu schaffen, an das jeweils Vorteilhafte zu denken und das gerade Störende an der ihm gemäßen Stelle abzulegen, um es zum rechten Zeitpunkt vielleicht wieder zu verwenden. Eine solche Anleitung könnte freilich von sehr großem Nutzen sein und sollte, so es sich denn mit Konsequenz und Ausdauer umsetzen ließe, im äußersten Falle eines Menschen Zufriedenheit und Glück bedeuten. Aber ist der Mensch denn bloß ein Individuum, auf seinen eigenen Geist und Körper beschränkt, oder strebt er nicht auch, über diesen Raum hinaus, bis ins Unendliche vorzudringen, in irgendeiner Form an Ewigkeit, Unsterblichkeit und Gott zu denken? Einer, der nichts wäre als in sich zufrieden, weil er seine Gedanken und Gefühle vollkommen geordnet hätte, müßte uns Außenstehenden erscheinen wie ein Buchhalter, der sich für alle Zeiten in sein Comptoir eingeschlossen hätte, dort sämtliche Register und Ordner vollkommen beherrschte, niemals eine falsche Schublade zöge, mit dem ersten Griff das Gewünschte herausnähme, über dieser allwaltenden Harmonie das reinste Glücksgefühl empfände und nichts darüber hinaus ersehnte. Wir würden ihn eben für dieses Glück noch bedauern wie einen armen eingesperrten Hund – ja mehr noch, wie einen eingesperrten und in seiner Gefangenschaft glücklich gewordenen Adler.

Denn dem Menschen ist die Zufriedenheit im Endlichen sowenig angemessen wie dem Adler im Käfig und muß als wider die Natur empfunden werden. Nicht umsonst verwahren sich widerspenstige, freiheitsliebende Geister bisweilen sogar gegen Tugend und Weisheit, weil sie darin die Spannung vermissen, die ihnen zum Menschlichen unerläßlich scheint. Keiner macht sich verhaßter, als wem die Reinheit der Tugend anhaftet, ja das Wort selbst wird heute zu Schimpf und Spott gebraucht. Nicht viel besser ergeht es dem Weisen. Zwar rühren die Guten unser Herz, in Romanen und Filmen, im Leben aber unsern Widerwillen, bis zum Haß. Selbst gegen Harmonie und Ordnung, den Wurzeln der Schönheit, wendet sich der heutige Sinn, und wer als Künstler auf sich hält, tut sich mit wüsten Bildern hervor, strebt mehr, der Langeweile zu entgehen als der Häßlichkeit. Und fürchten wir nicht, wie die frühen Naturphilosophen, daß, wenn Streit und Zwietracht aus dem Weltall hinweggenommen würde, das Himmelsgebäude stillstehen und überhaupt alle Entstehung und Bewegung zu Ende sein würde infolge der Harmonie aller Teile miteinander; hat nicht Lykurg durch seine Gesetze den Spartanern Siegeswillen und Ehrgeiz eingeimpft, indem er sie zu fortwährendem Streit unter den Tüchtigen und ewigem Wettkampf untereinander verpflichtete, weil er glaubte, daß fügsame Gefälligkeit die Menschen, statt sie zur edlen Eintracht zu erheben, vielmehr zu kraft- und formloser Trägheit herabziehe?

Dann wieder finden wir uns zu klein für das Glück, denn die Frage stellt sich, ob unsere Kräfte überhaupt hinreichten, ein dauerndes Glück zu ertragen. Zwar brauchen wir es vorerst nicht fürchten, zu nahe sind wir der Verderbnis – aber können wir es denn wünschen, mit sämtlichen Konsequenzen, oder würden wir, vor die Wahl gestellt, nicht kneifen, weil uns vor solcher Gottähnlichkeit bange würde?

– und leider schon geblendet,
Kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
Faust II, 1

Wir streben nach dem Glück nur solange wir sicher sind, daß es uns allenfalls in Pröbchen zufallen wird, seine Ganzheit nämlich könnten wir nicht ertragen. Wir spüren, daß wir uns selbst dazu aufgeben müßten, daß wir unsere Menschenhaut und unser träges Fleisch zurücklassen, die Freunde und Leidgenossen verlieren müßten, wir fürchten uns vor der Einsamkeit Gottes.

Schon der bloße Reichtum, wenn er unsere jetzigen Verhältnisse um ein Vielfaches überstiege, macht uns bange, wiewohl er uns von Ferne träumen läßt. Man gebe dem Träumenden jedoch viele Millionen und sehe, in welche Bedrängnis er kommt. Schnell regt sich die unerhörte Begierde, seine bisherigen Grenzen auszudehnen, sich diese und jene Bequemlichkeit zu verschaffen, diesen und jenen Luxus zu genehmigen. Aber jetzt sind es nicht mehr die fehlenden Mittel, welche ihm Kopfzerbrechen bereiten, sondern die zuvielen Verwandten, Freunde und bisherigen Standesgenossen. Gegen sie ist es peinlich, ja Verrat, wenn er die Stufe der gemeinsamen Lebensverhältnisse verläßt und sich zu Pracht und Reichtum aufschwingt. Dieses Verrates schämt er sich und fürchtet zugleich die Folgen: wird er einsam und verlassen in seinem Glanze stehen, wird ihn der Neid aus ihrer Mitte reißen? Kaum wagt er, sie aufzugeben und neue, reichere Freunde zu suchen. Also geht sein hauptsächliches Sinnen dahin, wie er heimlich seinen Reichtum genießen, wie er schöne Dinge sich verschaffen oder Köstlichkeiten verschlingen könnte, ohne daß die andern dies erführen, oder wie es im Kleinen wenigstens mit guten Gründen vor ihnen zu rechtfertigen wäre. Ist sein neuer Reichtum beständig, muß er sich früher oder später neue Gesellschaft suchen, weil ihm hinter der Maske auf die Dauer nicht wohl sein kann. Er wird dies auch tun und den Genuß seines Reichtums höher als den Erhalt der Freunde stellen. Beide sich zu erhalten ist schwer, denn diese wird der Neid auffressen, und sie verlieren alle Lieb und Freundschaft zu ihrem einstigen Genossen, ihn aber die Scham, weil er sich all ihren Sorgen und Nöten entzieht. Nichteinmal indem er sie beschenkt und ebenfalls erhebt, kann er sie bewahren, denn Freundschaft unter Menschen mag nicht bestehen, wo einer aus der Gnade des andern lebt.

Dies zum Reichtum; aber vollends beständiges Glück zu genießen hieße, nicht nur die jetzige Gesellschaft zu verlassen und sich neue Freunde suchen, sondern alle Gesellschaft zu verlassen und keine Freunde mehr zu finden. Schon das Glück des Augenblicks stößt auf vielfachen Unmut und löst Verlegenheit, ja Beklemmung bei den andern aus; ein dauerndes Glück wäre aber dem Aussatz zu vergleichen, und nirgends, außer in der Entfernung des Mythos, wäre ein Glücklicher geduldet. Obwohl uns dabei ja alles nach Wunsch ginge, wir nichts vermißten, überwiegt doch die Furcht vor Einsamkeit die Sehnsucht nach Glück, denn jene ist konkret und gegenwärtig, während das Glück ein Phantasiegebilde bleibt.

2

Deswegen: In den Zeiten, da wir recht und schlecht vernünftig sind, fügen wir uns in unsere Umstände und träumen nicht von Dingen, welche zu weit außer unseren Möglichkeiten liegen. Wir richten uns mit dem Unsrigen ein, und wem ein kleines Häuschen vom Schicksal beschieden, der träumt vielleicht von neuen Fenstern oder Pflastersteinen für seinen Hof, aber nicht von einem Schloß mit goldenen Türmen und haushohen Betten. Man hält sich, auch in Träumen, gerne in den Grenzen seiner Möglichkeit. Weiterhin sehr verbreitet ist, das Seinige zu loben und die zu hoch hängenden Trauben zu schmähen. Auch dies geschieht häufig nicht etwa aus Stolz, sondern in bester Überzeugung, mit Gründen der Vernunft und Weisheit: Das eigene Auto erfülle vollkommen seinen Zweck, alles darüber sei doch Verschwendung, Vornehmtun, Prahlerei, oder diene der Befriedigung aberwitziger Grillen. Sein Haus sei ihm vollkommen angemessen, nur hier und da ein wenig zu verbessern, nicht geschenkt möchte er in einem Palaste wohnen, wo man erst sich selbst in seiner Dienerschaft verlöre, dann, über der Auswahl der Speisen, noch die Gesundheit und gar den Appetit.

Jeder “Vernünftige” rechtfertigt seinen gegenwärtigen Stand oder preist ihn gar, als den dem Menschen eigentlich angemessenen und tut die übrigen Güter ab als überflüssigen Tand. Da könnte der Verdacht aufkommen, daß auch bei jenen Weisen, welche die Bedürfnislosigkeit preisen, ein ähnlicher menschlicher “Trieb” am Werke ist. Etwa: durch irgendeinen Umstand, Verlust des Vermögens in politischen Umstürzen, Verbannung, ärmliche Herkunft oder Unlust und Trägheit, sich um den Gelderwerb zu kümmern, findet sich ein Philosoph in Mittellosigkeit. Nun kann er lamentieren – oder aber seine jeweilige Lebenslage mit aller Kunst und allem Scharfsinn als gerade die beste, dem Körper und der Seele zuträglichste darstellen. Dazu widerum könnte ihn bloßer Stolz treiben, oder auch wirkliche Freude am Aufspüren des Guten, und dies mag dann im Resultat durchaus der Auffassung des Seneca nahe kommen, nach dem der Weise unabhängig von den weltlichen Gütern sei, sie genieße, so er sie habe, sie aber nicht entbehre, so er sie nicht habe. Je ausschließlicher allerdings der Lobpreis der Armut und je unerbittlicher er mit Schmähungen auf den Luxus der Reichen einhergeht, desto deutlicher wird, daß er nicht reiner Weisheit, sondern doch dem Stolz, sich wegen der eigenen Mittellosigkeit nicht gering zu schätzen, und womöglich gar dem Neide entsprungen ist.

Auch lebt selten einer genügsam, wenn nicht Not oder Geiz ihn zwingt. Zwar wird die einfache Lebensweise allseits gerühmt wegen der Bescheidenheit, die sie ausdrückt und dem weisen Verzicht auf die eitlen Verlockungen der Welt; allein ich kenne wenige, bei denen allein diese edlen Motive zum Grunde liegen. Vielmehr legt sich der Arme wie der Geizige seine Enge, der eine die äußere, der andere die innere, gern zur Tugend der Genügsamkeit aus, weil ihn dies immerhin als freien Mann erscheinen läßt, dessen Verhältnisse und Handlungen ihm ganz nach eigenem Willen gehn. Das mag auch gut sein. Die wahrhaft glaubwürdige Genügsamkeit beweist jedoch nur der, der seinen Überfluß tatsächlich wegschenkt und mit dem Verbleibenden ein bescheidenes Dasein fristet. Diesen hat weder Not, noch Geiz geleitet – aber wir finden ihn selten. So jedenfalls scheint es. Allerdings, um der Sache vollends auf den Grund zu gehen, muß auch dieser, aus eigenem Entschlusse mittellos Gewordene, deswegen nicht ein für allemale genügsam sein, wenn nämlich neue Wünsche und Begierden in ihm erwachen und ihn von Zeit zu Zeiten plagen oder ihn seinen einstigen Entschluß bereuen lassen. Nur wem das Seine wirklich genügt, ist genügsam, ganz unabhängig davon, worin es jeweils besteht, und in diesem Zustand finden wir uns alle, so denke ich, gelegentlich, so daß wir die wahre Genügsamkeit wenigstens zu kosten bekommen. Wer sie aber ausweiten und ihr Dauer verschaffen könnte, der wäre wahrhaftig genügsam.

3

Zum einen also könnten wir vollkommenes Glück gar nicht ertragen und fürchten es geradezu, weil es uns entmenschlichen und damit vereinsamen würde, zum andern folgen wir einem natürlichen Drang, das uns Gegebene zu preisen, weil es uns zum Ausdruck unseres eigenen Wertes wird. Dies geht soweit, daß wir, auf die alltägliche Frage nach dem Befinden, die Wahrheit in uns erst gar nicht aufzuspüren beginnen, um dem Fragenden gewissenhaft zu antworten (denn diese Wahrheit ist uns selbst fast unergründlich: ob wir gerade glücklich oder unglücklich sind oder welches zu welchen Teilen, ob auf den Tag, die Woche, den Monat gerechnet), sondern es gründet unsere Antwort auf ganz anderen Motiven: Meist sagen wir, es gehe uns soweit gut, weil damit die Sache abgetan und eine weitere Erörterung sich erübrigt; dann aber auch, weil wir damit einen gewissen Selbstwert auszudrücken glauben: Wem es gut geht, der hat schließlich, was er haben will und ist, was er sein will – nach seiner eigenen Schätzung also ein erfolgreicher und guter Mensch. Wenn wir dann doch noch einige Abstriche machen, die eine oder andere Mißlichkeit herzählen, so oft nur, um die Anmaßung zu mildern oder dem Neide zu wehren, oder weil schließlich der, dem es rundweg gut geht, im Verdacht steht, es sich im Leben zu leicht zu machen.

Wir streben also fortwährend nach dem Glück und fürchten doch, wir könnten es nicht ertragen; wir sind unklar, wieweit wir es besitzen, tun aber, als seien wir gut bedacht; wir sind ein Spielball unseres Schicksals und protzen doch mit Rezepturen, wie das Übel zu überwinden und der Friede zu finden sei. Ist einem so wirr angelegten Wesen denn überhaupt zu helfen, und hat es Hilfe eigentlich verdient?