DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

SCHLAFEN

Ins tiefe Meer senkt sich der träge Fluß,
Steigt bald als unbeschwerter Dunst empor
Und trägt, vom himmlischen Gefild, den Gruß
Auf frischem Tau dem neuen Tage vor.

Wie der Fluß, nach wildem Lauf, müde zuletzt ins Meer einströmt, von dort die Dünste zu den Sphären steigen, um als neue Wasser sich auf die Erde zu ergießen, so strömt unser Geist ins Meer des Schlafes, steigt auf mit Leichtigkeit, die göttlichen Gefilde zu berühren und gereinigt wie erfrischt am nächsten Tag sich in den Leib als neues Leben einzuträufeln.

Zuweilen ist der Schlaf auch schlecht. Dann gibt’s Sturm auf dem Meer; statt daß die zarten Dämpfe emporstrebten, wird eine schwere Gischt vom kalten Wind ins Meer zurückgepeitscht. Weniges findet den Weg zurück zur Quelle, und schwächer wird der Fluß.

Der Schlaf ist eine Anleihe an die Seligkeit. Wir überwinden darin die physischen Schranken und dringen bis ins Reich der Geister. Wir durchwandern Regionen göttlicher Erkenntnis, von der wir, beim Erwachen, so vieles zurücklassen müssen. Zuweilen rettet sich ein starker Eindruck von stattgefundener Teilnahme am Wahren bis in den wachen Zustand: Etwa, wenn uns ein Traum nachfolgt, worin wir die Lösung eines schwierigen, vielleicht allgemein für unlösbar gehaltenen, Problemes aufgefunden hatten.

Wer den Schlaf nicht als verlorne Zeit, sondern als ebenbürtige Hälfte des Lebens erkennt, hat einen guten Teil jener fernöstlichen Weisheit der Leere.

Wer ein Kind im Schlafe betrachtet ist stark gerührt und glaubt, die Seligkeit, die Reinheit und die Unschuld vor sich zu sehen. Kein Bild eines reineren Genusses ist zu denken, als wenn es den Atem einzieht. Das rührt daher, daß das Kind, den jenseitigen Gefilden noch näher verbunden, sehnlicher dahin zurückstrebt und inniger an ihnen teilnimmt, sich zu wärmen und zu nähren. Gerade wie unsere eigene Neigung zum Schlafe eine andere ist, des Morgens, wenn wir aus einem süßen Traum erwachen, an den wir uns sehnsüchtig noch eine Weile anhängen wollen und des Abends, wenn wir, vom Tagwerk müde, den von aller Last erlösenden Schlaf aufsuchen – so ist dort das Verhältnis des Kindes, hier das des Greises zum Tode.