DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - III

REGELN

Der Pedant macht sich die Regel zum Herrn, das Genie zum Gehilfen. Erstaunliche Werke können von beiden geschaffen werden, und je nach Vorliebe begeistert das eine vor dem andern.

Manche Dinge lassen sich in den Sprachen leichter und schneller erlernen mit Hilfe der Grammatik – vor allem die unwichtigen: Satzbau und Orthographie. Nach einer Woche wird ein Schüler aus Grammatik und Wörterbuch bereits unzählige korrekte Sätze formen, wobei jedoch sein eigener Wortschatz, das Sprachgefühl, die Fähigkeit, Gesagtes allererst zu hören, schließlich zu verstehen, um so vieles sich hinausschiebt und verspätet, als er Kraft und Zeit für die Grammatik angewandt. So denke ich, je mehr Schein die Sprachkenntnisse vorgeben sollen, desto geeigneter die Grammatik, je mehr tieferes Verständnis und ernste Anwendung, desto überflüssiger ist sie, desto bedeutender wird gründliche Übung und Erfahrung. Eine Sprache mittels Grammatik kennenzulernen ist etwa dasselbe wie einen großen Schriftsteller mittels der Literatur, die über ihn zum Zwecke abgefaßt, ihn zu erklären und zu deuten, die Strukturen und Beziehungen seiner Werke aufzudecken. Beidemale ist die allzu kostbare Zeit des Lernens durch Beschäftigung mit Hilfsmechanik vertan; um eine Stunde zu gewinnen, hat man leicht zehn verschleudert im Studium der Rädchen und Hebel.

Die Kommentatoren preisen ihre Arbeit indem sie vorgeben, man könne die großen Werke ohne solche Erklärungen nicht hinreichend verstehen. Dabei verhält es sich umgekehrt: ihre Erklärungen sind allenfalls verständlich, wenn man mit dem Werk bereits vertraut ist, während dieses sich gewöhnlich selbst erklärt. Die vielen tausend, welche schlechte Bücher über gute Bücher schreiben, sind entweder banal oder dunkler, als die dunkelsten der Philosophen.

Naturgesetze, so etwa die mathematischen Formeln der Physik, sind ein Versuch, Äußerungen der Natur unter die Regeln einer Grammatik zu ordnen. Für das Kennenlernen der Natur mittels dieser Grammatik gilt das Obengenannte: Schneller, glänzender Erfolg, doch wenig Hilfe beim Eindringen in die Tiefen. Freilich ist die Physik heute zur Gehilfin der Technik und als solche äußerst nützlich geworden. Aber ist dieser Erfolg und all die Technik nicht ein Blendwerk, das uns den tieferen Blick in die Natur verschleiert? Aus einer mathematischen Formel lassen sich leicht manche Vorgänge vorhersagen, obschon auch dies meist auf die reduzierten Bedingungen im Labor beschränkt bleibt. Die gesamte technische Industrie ist genau besehen nur ein großes Labor, in dem die Resultate gerade so präzise ausfallen als die Werkstoffe, Kräfte und Energien vorgegeben und eingestellt werden können. Wenn es etwa gelingt, einen Werkstoff herzustellen, der in einer bestimmten Eigenschaft sich nach der Regel einer mathematischen Formel verhält, so bleibt ihm freilich nicht viel übrig, als dies auch zu tun. Aber dies ist menschliche Kunst und hat mit Natur wenig zu schaffen. Das zeigt sich auch daran, daß fast sämtliche Berechnungen und Vorhersagen von Naturereignissen, sobald sie aus dem Felde der Technik und des Labors hinaustreten, kaum mehr als von zufälligen Erfolgen gekrönt sind, und man kann sich nur wundern, daß die Wissenschaftler trotzdem unverdrossen daran glauben und sich zu immer neuen und noch tolleren Prognosen hinreißen lassen.

Ein gründliches Verständnis der Natur und ihrer inneren Zusammenhänge läßt sich aus all den Berechnungen und Formeln, den sogenannten „Naturgesetzen“ nicht gewinnen und bleibt doch eher dem begabten, lange beobachtenden und Erfahrung sammelnden Forscher vorbehalten.