DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

NEUE WELTBILDER

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All diese Kuriositäten und noch viele mehr werden von Heisenberg und seinen Mitstreitern herangezogen, uns von der Notwendigkeit, ja von einer bereits eingetretenen neuen Realitätsordnung zu überzeugen. Was eine solche nun sein oder tun soll, mag ich nicht recht einsehen, und ich muß sie einstweilen dieser Mode zuordnen, nach welcher jeder heute von irgendeinem neuen Weltbild redet, das unserer Zeit ganz original zu eigen sei und mit allem Früheren wenig gemein habe.

Wieviel und wie gerne wird heute nicht überhaupt vom Weltbilde eines Zeitalters gesprochen; man meint dabei wohl die jeweils vorherrschenden religiösen Vorstellungen und diejenigen, ob die Erde rund oder eine Fläche sei und glaubt, daß von ihrem Wandel die Befindlichkeit und das Wesentliche unseres Schicksals abhingen: Die Griechen hatten noch dieses Weltbild, das Mittelalter hatte dann jenes, dann folgte das 17. Jahrhundert mit seinem Weltbild, dann das 18. mit einem anderen und das 19. wiederum mit einem neuen und ganz ein neues, unvergleichliches hat sich das 20. Jahrhundert zugelegt. Solcher Gliederung mag sich meine Natur nicht fügen. Ich sehe nicht so sehr die Unterschiede zwischen den Auffassungen der Zeitalter, als diejenigen zwischen den hohen und den niederen Geistern. Die guten und mit Geist gefüllten Vorstellungen über die Welt aus der alten und der mittleren Zeit scheinen mir heute noch ebenso lebendig und wertvoll als sie es wohl für die Damaligen waren. Hingegen sind oberflächliche und geistlose Vorstellungen zu jeder Zeit wenig befriedigend und in der Gegenwart besonders lästig, da sie überall wie junges Unkraut aufwuchern.

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Sicherlich vermehren sich die Wissenschaften fortlaufend durch neue Erkenntnisse und zuweilen werden dabei herausragende Stationen erreicht, doch will mir die Hauptsache, der Grundcharakter dabei doch immer derselbe bleiben und sich demjenigen verdeutlichen, der noch einmal bereit ist, in eine konstruierte, wenn auch abstraktere Gegend zu folgen: So denken wir uns einen unendlichen Raum und ein dreidimensionales Koordinatensystem nach Art des Cartesischen darin aufgespannt. Die erste Koordinate diene zur Darstellung räumlicher Größe. Nach der einen Richtung fände man die kleinen und immer kleineren Dinge, nach der anderen die großen und immer größeren. Die zweite Raumrichtung stelle die Zeit dar, dort müssen wir uns auf einen Punkt setzen, nämlich die Gegenwart. Die dritte Raumrichtung schließlich ordne die Komplexität der Dinge, d. h. in der einen Richtung ginge es zu den einfachen, nicht organischen Körpern, in der anderen zu den Lebewesen und den kompliziertesten Vorgängen im menschlichen Organismus.

In diesem eigenartigen Raume nun wollen wir einen Würfel begrenzen, welcher von jeder Dimension den Teil enthalten soll, der dem menschlichen Wissen zugänglich ist. Im Räumlichen wird die eine Grenze bei der Größe der Atome und ihrer Bestandteile liegen, die andere Grenze dort, wohin unsere Fernrohre bislang reichen konnten. Auf der zeitlichen Achse bildet der Anfang unserer historischen Vergangenheit vor kaum einigen tausend Jahren die eine Grenze und die Gegenwart die andere. Die dritte Dimension schließlich, die Komplexität, wird einmal begrenzt vom leeren Raum etwa des Weltalls oder gar des Vakuums als einfachstem Gebilde und etwa dem menschlichen Gehirn als kompliziertestem.

In diesem Würfel nun tummelt sich die Wissenschaft in ihrem heutigen Umfange und ihrer heutigen Beschränkung, der Raum des Koordinatensystems im ganzen hingegen muß für unendlich angenommen werden. In den Würfel nun streuen wir eine Million oder eine Milliarde oder eine Million mal eine Milliarde geometrischer Punkte, welche die wirklichen Erkenntnisse der Wissenschaft und die sicheren Ergebnisse empirischer Forschung darstellen sollen. Wir werden sehen, daß dieser kleine Würfel in der großen Unendlichkeit des Raumes von diesen vielen Punkten wiederum nur zu einem unendlich kleinen Teile ausgefüllt ist. Die Punkte im Würfel sind wahllos verstreut, die einzige Verbindung unter Ihnen wird durch die menschliche Phantasie geleistet, welche, mit allerlei Hypothesen und Vergleichungen, sich selbst Zusammenhänge bilden will, etwa zwischen einem chemischen Element und einem tierischen Organ und deren Verhaltensweisen zueinander. Auch vermag die Phantasie die Wand des Würfels zu durchdringen und in alle Richtungen ihre losen Fäden auszuwerfen, aber niemals auf Punkte treffend, vielmehr in endlosen Hypothesen sich verlierend.

Freilich kann durch Forschung und Fortschritt der Raum des Würfels allmählich und in kleinen Schritten vergrößert werden, die kleinsten beobachteten Teile können noch etwas kleiner, die größten Räume noch etwas größer werden. Doch ist diese Veränderung so unmerklich, daß sie einem entfernteren Beobachter dieses Würfelchens entgehen müßte. In dieser Weise ist also das menschliche Wissen um die Welt bestellt und so traurig erscheinen hier die optimistischen Schwärmereien, nach denen wir einmal die gesamte Natur samt dem Menschen durch die Erkenntnisse der Wissenschaft erforscht haben sollen.

Newton hat sich selbst und seine Wissenschaft bescheidener verstanden: »Ich weiß nicht, wofür die Welt mich hält; mir selbst komme ich vor wie ein Kind, das am Meeresstrand spielt und sich freut, wenn es dann und wann einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich findet, während der große Ozean der Wahrheit unerforscht vor mir liegt.«

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Die Mathematik ist eine unfehlbare Wissenschaft und dies, weil sie sich ausschließlich selbst definiert und sich von keiner Natur und keiner Laune dreinreden läßt. Sie legt ein für allemal fest: zwei und zwei sind vier, und sobald diese Festlegung angenommen ist, wird sie zur Regel ohne Ausnahme. Der Verstand macht diese Gesetze ausschließlich mit sich selbst und für sich selbst, und eigentlich ist die ganze Mathematik zunächst einmal eine riesige Anhäufung bloßer Definitionen. Zwei und zwei soll vier heißen, so wie die Farbe der Blätter grün heißen soll. Der Unterschied besteht nur darin, daß bei der Farbe der Blätter die Natur noch ein Wörtchen mitredet und viele Ausnahmen und Nuancen beibringt, während über die mathematische Regel der Verstand alleiniger Herr im eigenen Hause ist.

Der Physiker versucht nun, die vorgefundene Natur unter mathematische Verhältnisse zu ordnen: zuerst wird der Raum mit einem Meßstab in Einheiten gegliedert, dann die Zeit mit einem Uhrwerk, und dann wird die Geschwindigkeit definiert als Quotient aus Weg und Zeit. Wenig später kommt die Beschleunigung als Quotient aus Kraft und der Masse, auf welche diese Kraft einwirkt. Spätestens hier wird dem kritischen Beobachter deutlich, daß dies alles menschliche Gesetze und Definitionen sind, an die sich die Natur nur so in etwa und oftmals gar nicht hält. Denn das Gesetz besagt, daß wenn die doppelte Kraft auf eine Masse einwirkt, diese doppelt so stark beschleunigt wird. In der Natur jedoch geschieht dies so nicht, zum Teil aus uns bekannten Gründen, etwa den stets vorhandenen Nebenkräften der Reibung und des Luftwiderstandes, zum Teil aus uns unbekannten Gründen.

Dennoch ist der Physiker gewöhnlich so verliebt in sein Regel- und Zahlenwerk, daß er es selbst für Natur ansieht, für das Prinzip, nach welchem die Natur handeln muß und immer handelt. Alle Abweichungen rühren ihm von Nebenwirkungen, die aber wiederum nach demselben Prinzip agieren. Also wenn der Körper nicht so beschleunigt, wie aus der wirkenden Kraft und seiner Masse berechnet, dann waren eben noch andere Kräfte, Reibungswiderstände oder Gravitationskräfte, welche alle miteinander zu verrechnen sind, bis sie in ihrer Summe exakt die wirklich vorhandene Beschleunigung ergeben. D.h. er rechnet notfalls so lange und nimmt so viele Nebenwirkungen in ebenso viele Nebenrechnungen auf, bis die Theorie mit der Beobachtung übereinstimmt. Dann scheint ihm bewiesen, daß die Natur nach mathematischen Gesetzen handelt, und er vergißt, daß er das mathematische System der Natur selbst übergestülpt und solange geflickt hat, bis es paßt.

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Das Kausalitätsgesetz hingegen ist weder von unserem Verstand ausgedacht, wie die Mathematik, noch von der Wechselhaftigkeit und Komplexität der Natur beeinträchtigt, wie die von uns erdachten Naturgesetze. Das Kausalitätsgesetz bezeichnet in vollkommener Allgemeingültigkeit nur die Art und Weise, wie wir den Erscheinungen der Natur begegnen. Jede Erscheinung nehmen wir wahr als die Wirkung einer Ursache, d.h. wir setzen intuitiv voraus, daß alles, was uns begegnet, nicht aus sich selbst da ist, sondern aus irgend einem bestimmten Grund. Dazu brauchen wir noch nicht einmal unseren Verstand bemühen, es geht auch unbewußt von statten: Wenn wir ein Geräusch vernehmen, schauen wir in die Richtung, weil wir intuitiv voraussetzen, das Geräusch sei nicht aus sich selbst und aus Zufall entstanden, sondern habe eine konkrete Ursache, welche man nun, durch das Hinschauen, ergründen könne. Das hat uns Schopenhauer vortrefflich ausgeführt, allgemeingültiger noch und freilich anschaulicher als Kant.

Weil also das Kausalitätsgesetz im Grunde gar nicht die Zusammenhänge in der Natur beschreibt, sondern die Art und Weise, wie wir die Natur wahrnehmen, wird umso deutlicher, wie absurd der Gedanke ist, das Kausalitätsgesetz abschaffen zu wollen. Es gehört zu uns wie unsere fünf Sinne, es ist der Sinn für Ursache und Wirkung und ihn abzuschaffen, weil uns nicht immer gelingt, die Ursache zu einer Wirkung zu finden, wäre gleichbedeutend, wie das Auge auszureißen, weil wir nicht alles sehen, was wir gerne sehen würden.

Obwohl nun Heisenberg und die Physiker der Quantenmechanik die klassische Newtonsche Mechanik samt dem Kausalitätsgesetz abschaffen wollen, sind sie in Wahrheit doch ganz darin befangen, so sehr, daß sie beide vermischen und für die selbe Sache halten. Groß geworden in der Überzeugung, die Gesetze der Mechanik seien unumstößlich, fanden sie in ihrer praktischen Forschung Abweichungen, die sie nicht mehr durch Nebeneinflüsse erklären konnten, ja deren Ursachen vielleicht überhaupt nicht mehr zu finden sind, wo nur noch hilft, Ereignisse zu zählen, statistisch auszuwerten und darauf neue Theorien zu bauen. Also fanden sie die Gesetze der Mechanik unbrauchbar, da diese sich stets auf strenge Verknüpfung von Ursache und Wirkung beziehen. Aber weil sie nun überzeugt sind, daß sich für viele Erscheinungen gar keine Ursache finden läßt, gehen sie gleich soweit, mit der Mechanik auch noch das Kausalitätsgesetz abschaffen zu wollen.

Den Unterschied zwischen der klassischen Mechanik und dem ewig gültigen Kausalitätsgesetz scheinen sie nicht wahrzunehmen, fremd bleibt ihnen, daß die Newtonsche Mechanik nur eine Bemühung darstellt, die Naturvorgänge solange zu abstrahieren und völlig von allen empirischen Zufälligkeiten reinzuwaschen, bis nur noch eine mathematische Form übrig bleibt, welche dann in ihrer logischen Festigkeit derjenigen des Kausalitätsgesetzes entspricht. Weil sie also in dem Glauben befangen sind, die Newtonsche Mechanik sei in ihren Gültigkeitsbereichen gewissermaßen eins mit der Natur geworden und nicht nur eine Annäherung an dieselbe, stehen sie voller Verwunderung und Überraschung vor der Entdeckung, daß sie sich nicht ebenso auf Erforschung und Beschreibung der kleineren Welten ausdehnen läßt.

Weil bis dahin die alte Mechanik für die innumerierte Natur selbst galt, für die einzig exakte Wissenschaft, fürchten die neuen Physiker wegen ihrer neuen Methode um das Ansehen ihres Standes. Anstatt nun in einfacher Weise zu bekennen, man sei an eine Grenze der Wahrnehmung gestoßen, von der ab nur noch statistische Aussagen über den untersuchten Gegenstand möglich seien (wo doch gegen unzählige Bereiche der Natur und des Lebens solche Grenzen schon längst bestanden), ereifern sich die guten Männer, es müsse nun ein neues Weltbild geschaffen werden, dasjenige der Quantenmechanik, weil die alte Mechanik nicht mehr hinreiche. Dies sind aber doch geschwollene Worte, welche davon zeugen, daß die bisherige Mechanik ihre Stellung hoch überschätzt hatte und die neue im Begriffe ist, dasselbe zu tun. physicus, quo genere nihil adrogantius Cic. de divinatione II, 30 (nichts Überheblichers als Naturwissenschaftler).

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Aus dem Vorangehenden folgt, daß man die Naturgesetze als ein Menschenwerk zu verstehen hat, und daß man nicht in Panik fallen und übereilte Schlüsse ziehen darf, wenn diese Gesetze hier und dort nicht mit der Natur zusammen passen. Jedes vom Menschen geschaffene Naturgesetz ist, wie alles vom Menschen Geschaffene, jeweils nur in Grenzen gültig und auch dem Wandel der Zeiten unterworfen. Diese Einsicht ist heute sicher in weiten Kreisen der Wissenschaft verbreitet und meine vorgetragene Kritik in diesem Falle überflüssig. Andererseits sollte diese Einsicht nicht dahin führen, daß der Forscher ins Gegenteil verfällt und sein Ziel deswegen niedriger steckt, sich mit Theorien begnügt, die nur noch eben für den Augenblick und für den jeweiligen Umstand zutreffen, eine umfassendere Ordnung der Natur und damit eine höhere, wenn auch deswegen nicht unumstößliche, da eben menschliche, Wahrheit aus den Augen verliert. Jede Theorie, jedes Naturgesetz ist umso bedeutender, je weniger Widerspruch und je mehr Übereinstimmung mit der Natur sich darin zeigt.

Oft habe ich Wissenschaftler sagen hören, wenn man ihnen entgegenhielt, ihre Theorie treffe die Natur ja nur in besonderen Umständen: Nun, was kümmert’s mich, für andere Umstände nehme ich eben eine andere Theorie. Das ist eine heute verbreitete Leichtfertigkeit, die dem Ansehen der Wissenschaft schaden muß. Aus dem endlich aufgeklärten Wissenschaftler, der den Aberglauben einer totalen Gültigkeit aller vom Menschen geschaffenen Naturgesetze abgeschüttelt, wird so gleich ein abgeklärter, dem der Besitz vieler kleiner Wahrheiten genügt, und den kein Ehrgeiz und keine Sehnsucht treibt nach einer größeren, mehr umfassenden, wenngleich immer noch menschlichen, Wahrheit. Das würde ich aber weniger der Bescheidenheit als der Kleinheit zurechnen.