DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

MUßE

Nicht Eile treibt den Herrn,
Seine Werke zu vollenden;
Auch liegt dem Weisen fern,
Geist in Unrast zu verschwenden.

Ein großer Unterschied zwischen den Geschäften der Welt und denen des Geistes ist, daß bei ersteren man stets auf das Ergebnis wartet, welches in möglichst guter Qualität doch innerhalb des festgesetzten Zeitraumes zustande kommen muß, wenn anders nicht das ganze Unternehmen seinen Sinn verlieren soll; bei den Geschäften den Geistes hingegen ist immer etwas Gutes vollbracht, wenn nur irgendwann eine vorteilhafte Erkenntnis das innere Flämmchen erleuchtet. Ist ein Bauwerk geplant, so bedarf es dafür sicherlich ein Stück Genialität; aber auch eine feste Frist ist gesetzt, während der sich dieser Genius zu entfalten hat, weil entweder der Auftraggeber das Gebäude bald benötigt oder ihm die lange Planung zu aufwendig, oder das Geplante mittlerweile, durch neu eingetretene Umstände, überflüssig werden könnte. Noch mehr gilt dies für die Pläne der Staats- und Kriegskunst.

Nicht so in der Philosophie. Mag einer sechzig lange Jahre grübeln, bis ihm einleuchtet, was ein anderer mit zwanzig oder Epikur vor zweitausend Jahren wußte, so hat er dennoch das Menschenmögliche getan. Selbst in der wirkenden, der Menschheit zum Wohle ersonnenen Philosophie ist dies nicht anders: Außer dem Tode braucht der Philosoph keiner Frist ins Auge zu sehen, die ihn beim Denken und Lehren drängte – und eben dieser wird ihn wohl einst auf die höchste Stufe der Erkenntnis setzen. Er darf solange einen Gedanken feilen als es sein Geist und seine Geduld erlauben, er kann in seinem Leben ein Buch oder zehn oder keines schreiben, kein Umstand, nicht einmal eigener Ehrgeiz, treibt ihn zur Eile, und selbst für seine Wirkung ist dies unbedeutend: Haben doch welche, die nichts schrieben, am meisten gewirkt.

All dies ist ein Grund für den Vorteil des Philosophierens, weil hier aus eigener Kraft und Mühe geleistet wird, was durch keine andere Macht, durch keinen Umstand und durch keine Bedingungen seinen Wert verliert oder in seiner Reifung behindert wird.