DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

MEINE UNDULDSAMKEIT

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Und dann wieder wundere ich mich über mich selbst, wie ich in manchen Fragen eine ganz unverrückbare Stellung beziehe und sie mit aller Entschlossenheit verteidige, wie etwa meine Skepsis gegenüber den spekulativen Hypothesen der Naturwissenschaft. Dabei ist vielleicht gar nicht viel daran gelegen, mit welchen Affenmenschen wir uns die Vorzeit ausmalen, welche Weltuntergangsszenarien wir in die Zukunft projizieren, aus welchen Urknalltheorien die Welt entstanden sein soll, welche Schwarzen Löcher in undenkbaren Entfernungen angeblich das Licht verschlingen, und doch mag ich diese Wucherungen der Phantasie nicht dulden. Es ist mir jedesmal eine Provokation, wenn Wissenschaftler mit Selbstgewißheit Erkenntnisse herzählen, die, für meinen Begriff, keine sind und sich obendrein auf Gebiete erstrecken, die der Erfahrung ganz und gar unzugänglich bleiben. Unsere Naturwissenschaft nennt sich „Empirische Wissenschaft“ und verliert sich doch alle Augenblicke in blindeste Spekulation.

Dabei halte ich das Spekulieren für eine der hervorragendsten Fähigkeiten des menschlichen Geistes, ebenso den ausgiebigen Gebrauch der Phantasie, ebenso den Glauben an höhere, mit den Sinnen nicht wahrnehmbare Dinge, aber nichts ist meinem Wahrheitssinn so zuwider als die Ausweitung empirisch gewonnener Erkenntnisse auf Gegenden, die unserer Erfahrung unzugänglich sind, – wobei man für diese Fahrlässigkeit bezeichnender Weise die Mathematik als Vehikel borgt und meint, mit der exaktesten der menschlichen Künste dem Leichtsinn das Mäntelchen der ernsthaften Forschung und des strengen logischen Denkens überzuziehen. Man beobachtet einen Vorgang in der Natur, etwa welche Strecke das Licht in einer tausendstel Sekunde zurücklegt und errechnet daraus die Geschwindigkeit des Lichts. Nun setzt man wie selbstverständlich voraus, daß das Licht, was es in dieser tausendstel Sekunde getan, auch in Millionen und Milliarden von Jahren tun wird. Von einem jetzt erlöschenden Stern behauptet man kurzweg, er sei bereits vor einer Milliarde Jahren erloschen, aber das schon ausgesandte Licht sei eben noch so lange unterwegs gewesen.

Ernsthafte empirische Wissenschaft begrenzt ihr Wirkensfeld auf das Gebiet des Erfahrbaren und Nachprüfbaren. Hypothesen sind erlaubt aber wagen sich nur soweit über das Gebiet hinaus, wie Hoffnung besteht, die nötigen Daten zur Bestätigung nachzuliefern. Aus diesem Verfahren erwachsen die großartigen Früchte der Technik, wobei die Mathematik benutzt wird, das Bekannte zu ordnen und dienstbar zu machen.

Die spekulative Naturwissenschaft hingegen, die sich mit vorgeschichtlicher Vergangenheit, ferner Zukunft, unerreichbaren Fernen des Alls und unerkundbaren Formen der kleinsten Teilchen abgibt und dabei die Mathematik nicht zur Ordnung der Erfahrung, sondern zum Ersatz derselben verwendet, trägt keine realen Früchte – außer dem Spaß, den offenbar viele daran finden. Zur Förderung meiner Gemütsruhe sollte ich freilich sagen: Laß ihnen den Spaß, was ist daran gelegen! Aber gerade hier mag sich mein Gemüt eben nicht beruhigen. Vielleicht nur, weil hier das Unbekannte für bekannt und also Lügenmärchen aufgetischt werden und dies im Namen der Wissenschaft, vielleicht auch, weil hier die Gegenden berührt werden, wo das Faßbare ins Unfaßbare, das Physische ins Metaphysische, das Irdische ins Göttliche übergeht und mir zuwiderläuft, daß man den Anschein weckt, man könne, mit Hilfe von Berechnungen, diese Grenzen überschreiten.

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Die gesamte spekulative Naturwissenschaft ist wie ein Granitbau, wegen ihrer strengen mathematischen Struktur, aber auf Sand gesetzt, weil alles auf die ungegründete Voraussetzung gebaut ist, daß im Unermeßlichen der Zeit und des Raumes dieselben Gesetze gelten wie in dem winzigen Ausschnitt, den wir unseren Erfahrungsbereich nennen dürfen. Dieser auf Sand gesetzte Granitbau ist überdies ein unbewohnbares und also nutzloses Gebäude, weil wir mit all diesen Märchen und Hypothesen für unser praktisches Leben gar nichts gewinnen. Und schließlich ist es, wie der Turm von Babel, ein dem Wohl der Seele bedenkliches, vielleicht gar verderbliches Bauwerk, weil es vorgaukelt, unsere Erkenntnis könne damit zu den Ursprüngen des Lebens und der Welt zurückreichen, die Grenzen des Raumes ermessen und gar die Zukunft des Universums vorausberechnen.

Überdies macht sich der menschliche Geist nirgendwo so lächerlich: Über die gestrigen Ereignisse können sich die Menschen nicht einig werden, die einen behaupten, es sei so geschehen, die anderen anders, und unzählige Gerichte versuchen täglich herauszufinden, was sie noch viel weniger wissen können, da sie ja nicht einmal dabei gewesen. Unsere Wissenschaftler aber erkühnen sich ungeniert, zwanzig Milliarden Jahre zurückzuspekulieren und präzise Aussagen zu machen, was damals in der ersten „zehn hoch minus dreiundvierzigsten Sekunde“, der sogenannten „Planck-Zeit“, bei der Geburt der Welt geschehen sei.

Mit immensem technischem Aufwand können heute die Meteorologen das Wetter für den nächsten Tag mit leidlicher Gewißheit vorhersagen. Die Klimaforscher aber genieren sich nicht, genaue Bilder zu malen, über die Wetterlage in fünfzig, hundert oder fünfhundert Jahren, und vollends die Astronomen berechnen, daß die Sonne in fünf Milliarden Jahren erlöschen wird. Es scheint als suche der Wissenschaftler geradezu die Gewißheit, die er in der Gegenwart nicht finden kann, in den unendlichen Fernen der Zukunft und Vergangenheit, weil ihm da kein Empiriker mit schnöden Fakten in seinen Rechnungen dreinreden kann. Quod est ante pedes, nemo spectat, caeli spectantur plagas Cic. De re publica I, 18 (was vor den Füßen liegt, betrachtet keiner, die Himmelsgegenden erforschen sie). Der Meteorologe wird jederzeit verspottet, wenn statt der angesagten Sonne Regen kommt, während der Astrophysiker unbehelligt ferne Zeiten und Räume beschreibt und sich für die Präzision seiner Mathematik bewundern läßt.

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Der spekulierende Wissenschaftler mag dies alles nicht eingestehen, und doch scheint er seine schwache Position zu spüren, denn er gerät schnell außer sich, sobald man an seinem Gebäude rüttelt. Ein kräftiger aber dummer Mensch wird wütend, wenn man seine Geisteskraft anzweifelt, macht sich aber in großen Sprüchen lustig über die Studierten und ihr fragwürdiges Wissen; dem schwächlichen Studierten hingegen ist nichts so zuwider, als ein Prolet, der sich mit ihm an Körperkraft messen will, doch spottet er im selben Maße über Kraftprotze und Leibestüchtige, als ihm selbst diese Tüchtigkeit abgeht. Jeder ist empfindlich an seiner schwachen Seite, doch sobald er sich in Sicherheit wähnt, versucht er seine Ehre mit Spott zu retten.

Wenn man heutigen Wissenschaftlern andeutet, ihre Theorien würden nicht hinreichen, etwa die Schöpfungsgeschichte oder gar einen Gottesglauben zu ersetzen und seien daher in vielen Gegenden, wo sie sich gerne tummeln, fehl am Platze, so werden sie gleich wild und behaupten, man habe sich nicht genügend mit ihrer Wissenschaft beschäftigt. Andererseits blicken sie mit Verachtung und Hohn auf alle Gottesgläubigen und machen sich über deren Armut im Geiste lustig (auch wenn sie beteuern, jedem seinen Glauben lassen zu wollen, so spotten sie im Innern doch). Dieses beide läßt mich sehr vermuten, daß sie sich hier an ihrer schwachen Seite getroffen fühlen, denn wäre es ihre starke, so bedürfte es keiner Aufregung und andererseits nicht des Spottes. Der Naturwissenschaftler ahnt, daß seine Schöpfungsgeschichten und Welterklärungen oberflächlich sind und nur durch vieles modische Brimborium sich am Leben halten. Er mag sonst der allertüchtigste sein, auf diesem Gebiete mangelt ihm der Grund und also das Selbstvertrauen, – weil es nicht sein Gebiet ist und niemals werden kann.

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Gerechterweise muß man wohl einräumen, daß der Mensch seit jeher dazu neigt, sich deutlichste Vorstellungen zu machen über Dinge, die seiner Erkenntnis und Erfahrung gänzlich unzugänglich sind: vom Himmel, von der Hölle und tausend Geistersphären, die dazwischen liegen.

Ich weiß nicht, warum ich mich dennoch mit diesen Erfindungen besser anfreunden kann, sie lustig und erbaulich finde, gegen die Erfindungen und Phantasiegebilde der Naturwissenschaft aber eher allergisch reagiere und ein Übermaß an kritischem Geist anwende, um ihre Schwäche offenbar zu machen. Vielleicht schützt die religiösen Erfindungen ihre Harmlosigkeit vor meiner Skepsis, weil ohnehin nur noch wenige sie für real und wahrhaftig ansehen, vielleicht macht sie ihr Alter unantastbar und verehrungswürdig, ohne daß sie sich zu messen bräuchten an gegenwärtigen Wahrheitskriterien – wie etwa ein antikes Möbelstück nicht in gleicher Weise nach Bequemlichkeit und Funktionalität beurteilt wird wie ein neues und doch einen viel höheren Wert haben kann.

Über diesen einzelnen Gründen wird aber doch stehen, daß sie, in ihrer Einfachheit und Intuition, mit einem ewigen und allmächtigen Gott das Grenzenlose umfassen, während die fleißigste Rechenarbeit des Wissenschaftlers die Grenze seiner scheinbaren Erkenntnis bloß immer weiter vor sich herschiebt: Noch eine Milliarde Jahre in die Vergangenheit oder Zukunft, noch eine Milliarde Lichtjahre in die Tiefe des Raumes. Die Dichtungen der Mythologie umfassen die Unendlichkeit, diejenigen der Wissenschaft berühren sie nicht einmal. Wohl offenbart sich dem Gottgläubigen nur soviel von der Unendlichkeit, als sein Glaube tief ist, aber der Wissenschaftler kann noch so inbrünstig an seine Wissenschaft glauben, er kommt der Unendlichkeit doch keinen Schritt näher.

Wenn der Mensch begriffe, wo das Gebiet seiner möglichen Erfahrung und also Erkenntnis der irdischen Verhältnisse endet und wo das Gebiet des Göttlichen, das er wohl anschauen aber nicht erklären kann, beginnt, so wäre er von den meisten Irrtümern geheilt. Durch seine willkürlichen Spekulationen, die er schnell mit der Wirklichkeit vermengt, bringt er aber alles durcheinander und redet sich, mit seinen herbeigeholten Erklärungen, in die größten Dummheiten.