DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

MEIN WANKELMUT

1

Genügend kritisch betrachtet gibt es nichts in unserem Kopfe, was nicht, unter einem Aspekt, auch Aberglaube wäre. Wir finden ihn in der Wissenschaft nicht weniger als in der Politik oder in der Kirche, heute nicht weniger als vor tausend Jahren. Man wappnet sich nicht gegen ihn, indem man einer anderen Zeit oder anderen Partei angehört, die Zivilisation schützt dagegen sowenig wie die Barbarei. Wir verfallen ihm, wie wir unseren anderen Schwächen verfallen, und vielleicht gehört er, wie die übrigen Leidenschaften, zu unserer Natur. Der Aberglaube ist eine Beschränkung unseres Denkens, und womöglich wären wir ohne solche Beschränkung nicht fähig, eine Sache mit Energie und Eifer zu verfolgen, sondern würden uns sofort in den tausend möglichen Widersprüchen und Einwänden verlieren. Also ergreifen wir eine Meinung, unterwerfen uns einem Dogma und können nun unsere Kräfte einspannen und zielgerichtet losfahren. Wir sehen dann die andern andere Richtungen einschlagen und sich von uns entfernen und werden dadurch nur bestätigt, wie sehr sie irren und wir den besseren Weg gewählt haben. Ja, wir orientieren uns geradezu an ihren Irrwegen und halten unsere Richtung, nicht weil wir das Ziel kennten, sondern weil wir jenen nicht begegnen wollen.

Andererseits finde ich bei mir selbst, zumindest in politischen und moralischen Dingen, keine verläßliche Meinung, sondern lasse mich hin- und herziehen von Rednern und Schreibern, und nur das Mißtrauen gegen mein eigenes Standvermögen hält mich ab, jedem guten Argumentierer blind in die Arme zu laufen. Dies geht so weit, daß ich mit den verrufensten Tyrannen Mitleid bekomme, sobald ich ihren Fall studiere und mir dann vorkommt, als hätten sie, aus ihrer Sicht und in Anbetracht der Umstände, nicht schlechter gehandelt als die, die sie gestürzt und nun von allen Seiten schmähen. Wenn ich dann allerdings deren Gründe wieder höre, so dreht sich meine Stimmung aufs Neue, und ich mag bald keinen festen Platz mehr nehmen. Immerhin bin ich mit meiner Unbeständigkeit nicht alleine, denn es ist ja doch höchst verwunderlich, daß Tyrannen wie Stalin, Hitler und Mao Tse-Tung, unter deren Herrschaft so viele Millionen Leid und Tod fanden, von ihren Völkern währenddessen geliebt wurden und oftmals mehr als das eigene Leben. Wie ist es möglich, daß ein und derselbe Mensch, vor ein und demselben Menschengeschlecht, einmal als Gott und einmal als Teufel dasteht?

Mitleid und vielleicht ein Hang zum Widerspruch fordern denn auch meine Phantasie heraus, Verbrechern, die sonst nur Abscheu erregen, nachzuspüren und zu ergründen, durch welche Eigenschaften, Antriebe, Umstände und schließliche Verfemung sie zu Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft wurden. Über die Verruchtheit von Nero ist sich die Welt einig geworden und hat sich, in meinen Tagen, unter vielen anderen, etwa auch Schritt für Schritt geeinigt in der Überzeugung, daß der Diktator Saddam Hussein böse und ein Feind der Menschheit sei. Diese Gesinnung entwickelte sich in allen Lagern, selbst bei denen, die den Krieg gegen ihn vermeiden wollten. Da wunderte ich mich, woher sie das denn alle wissen, die ihr Wissen doch ausschließlich aus den Reden der interessierten Politiker oder aus Zeitung und Fernsehen beziehen, wo Journalisten verbreiten, was sie selbst wieder aus dem Strome schöpfen, auf dem sie schwimmen. Hat Hussein einem von ihnen den Schnurrbart eigenhändig ausgerissen, wie Araktscheijew seinen Grenadieren? Oder hat er, zur Behauptung seines Regimes, vielleicht mehr umgebracht oder schlimmere Mittel angewendet, als diejenigen, die für Demokratie und Freiheit streiten?

Würden sie sagen: Nun gut, er führt seinen Staat auf seine Weise, wir den unsern auf die unsrige. Was er tut, steht hier und dort unseren Interessen entgegen, also werden wir Krieg gegen ihn führen und versuchen, ihn zu vernichten. Wer von uns beiden aber gut oder böse ist, darüber mag Gott entscheiden. Würden sie solche Reden führen, so wäre die Sache wenigstens klar für den Verstand. Sie aber begründen den Krieg mit Anklagen, die sie ebensogut gegen sich selbst erheben müßten: daß er dort ein anderes Land überfallen, um an das kostbare Öl zu kommen, hier tausende ermordet, um seine Macht zu sichern, heimlich gefährliche Waffen schmiedet, um sich gegen andere Mächte zu stärken. Dies alles treiben sie selbst ja ebenso, und es ist daher für den Verstand nicht nachvollziehbar, warum er deswegen böse, sie aber gut sein sollen.

Aber dieses moralische Urteilen und Stellung Beziehen scheint zu tief in unserer Natur zu liegen, und obwohl es im Grunde engstirnig ist und auf einer willkürlichen Auswahl von Vorurteilen beruht, zuweilen sich bis zum Aberglauben steigert, werden wir es doch niemals los, und ich weiß nicht, ob Weise dahin gelangt sind, sich endgültig des Urteilens zu entheben. Vielleicht sollte man, aus philosophischer Sicht, darüber gar nicht mehr Aufhebens machen, als wegen unserer anderen Urteile über Autos, Kleider und Pferde. Hier wie dort haben wir einen natürlichen Drang, uns Dingen anzunähern, sie gut zu heißen und ebenso, uns von anderen zu entfernen, sie zu tadeln. In diesen Urteilen liegt weder Beständigkeit, noch Allgemeingültigkeit, sie sind wie die Kleidung, die wir wechseln, wenn die Witterung sich ändert, wo wir auch nicht von „wahr“ oder „falsch“ reden, sondern: „für den Augenblick geeignet“ oder nicht. Und ebenso sind wir, im Moralischen, in den Augen der einen gut, in dieser Stunde, in den Augen der andern böse, in derselben Stunde, aber beides kann sich bald verschieben oder verkehren, und ebenso ergeht es ihnen in unserem Urteil. Verwunderlich in diesem ewigen Spiel der Anziehung und Abstoßung, der Gruppierung und Vereinzelung ist eigentlich nur der Eifer, mit dem wir immer wieder eine Position einnehmen und sie zuweilen mit Fanatismus behaupten, obwohl es doch jedesmal nur eine Einseitigkeit unter vielen ist.

2

Um meine Unbeständigkeit und Verführbarkeit auf eine äußerste Probe zu stellen, bot sich an, dem Bösen in seiner extremsten Ausprägung nachzuspüren und also die furchtbarsten Tyrannen näher zu betrachten, weil ihre Vergehen ja am meisten schaden. Doch ich weiß nicht wie mir geschah, je näher ich jedesmal in meinen Studien kam, die Schriften der ihnen Nahestehenden und auch ihre eigenen las, ward mir als würden sich diese allseits anerkannten Scheusale allmählich in Menschen verwandeln, meine Abscheu zuweilen in Mitleid für welche von ihrem Temperament und Schicksal in die Enge Getriebenen, und am Ende schien mir ihr Denken und Handeln so weit verständlich, daß ich das eine nicht abwegiger, das andere nicht tadelnswerter finden konnte, als was ihre bittersten Gegner vorzuweisen hatten.

Wohl sah ich Irrglaube und Haß, aber den sah ich auf der andern Seite nicht weniger, und ihnen mehr bösen Willen nachzuweisen, schien mir problematisch. Nährte sich ihr Irrglaube weniger aus Idealen von einer besseren Menschheit und höheren Kultur, vom Vorteile ihrer Nation, von Edelmut und Gerechtigkeit, Ruhm und Tapferkeit? Aber, wie so manches Mal geschieht, kam es, daß beim Verfolgen von Idealen nicht immer bergauf marschiert wird, sondern auch durch Niederungen und Morast und am Ende die Sache schlimmer dasteht als beim Aufbruch. Wieviele Opfer haben überhaupt Ideale schon gekostet — und werden künftighin noch kosten: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Demokratie, Sozialismus und Patriotismus? Wieviele Völker wurden von deren Verfechtern aufgewiegelt und wieviele Millionen hingeschlachtet, nur weil sie gerade auf der falschen Seite standen. Nicht weil sie schlecht waren, wurden sie ermordet, sondern weil sie der falschen Schicht, der falschen Rasse, Partei oder Religion anhingen oder auch nur mit solchen befreundet waren.

Wieviel hundert Millionen hat schließlich das Ideal des Kriegswesens hingerafft, nach dem es Pflicht und Ehre fordert, möglichst viele zu töten, nicht weil sie böse sind, sondern einzig, weil sie einer anderen Menschengruppe, nämlich der gegnerischen Armee angehören.

Jedes dieser Ideale ist aus einem anderen Betrachtungswinkel ein blutdürstiger Irrglaube. Es spricht ebensoviel dafür, daß die Menschen gleiche Rechte haben sollen, als auch daß sie nunmal verschieden sind und entsprechend behandelt werden müssen. Beides brachte in der Geschichte Heil wie auch Verderben, und doch hat man Millionen und aber Millionen diesen Überzeugungen geopfert. Dasselbe gilt für die Freiheit, die gleichmäßige Verteilung der Güter, für den Glauben. Kriegerische Gesinnung kann Größe, aber auch Unheil, Pazifismus Heil, aber auch Feigheit und Fäulnis heißen – in jedem Fall aber bringen ihre Verfechter den Tod, die einen, indem sie zuviel tun, die andern indem zuwenig.

Zu den abwegigsten Theorien fielen mir wohl Gründe ein, sie zu widerlegen, aber ebenso ergeht es mir mit den Theorien Platons und sämtlichen seit frühsten Zeiten entworfenen politischen und philosophischen Systemen und nicht weniger mit der heutigen Ideologie von Freiheit und Demokratie. Überall finde ich Glaubwürdiges, Schönes und Großes, überall jedoch auch, wenn man die Theorie an die Wirklichkeit hält, Widersprüche, Unmöglichkeiten, Häßlichkeiten.

Ich gestehe denen, die heute für Freiheit und Demokratie streiten und dafür gegen andere Völker in den Krieg ziehen, zu, daß sie, neben eigennützigen Motiven, von guten Idealen beflügelt sind. Aber eben dies gestehe ich auch Napoleon, Cäsar und Alexander dem Goßen zu, und es schien mir bei meinen Erkundungen, als könne man es selbst manchem der verrufendsten Tyrannen nicht versagen. Selbst daß ein Feldherr, inmitten seiner Kriegsarbeit, mehr von Zerstörungswille beherrscht als von lichten Idealen getragen sein mag, will ich nicht bloß gegen ihn verwenden, denn bei jeglicher konzentrierter Arbeit schwindet das Ideale und selbst das Moralische vorübergehend aus unserem Blickfeld – in Kriegen meist auf beiden Seiten der Schlachtlinie.

So lasse ich mich in manches Lager ziehen und bleibe am Ende dort, wo man mich hingesetzt. In demokratischen Landen aufgewachsen, habe ich mich an diese Verhältnisse gewöhnt, und obwohl ich neben dem Guten viel Lächerliches und Niedriges finde, würde ich, um meiner Ruhe Willen, doch kein anderes Regiment dagegen tauschen wollen. Mein politischer Tatendrang reicht nicht zu irgendwelcher Veränderung. Würde sie aber kommen, so hätte ich auch keine Furcht, weder vor Königtum noch Diktatur samt der ihnen nachgesagten Strenge. Ein Alleinherrscher ist nicht selbstredend ein wüster Schlächter, sondern gewöhnlich ein Mensch, der auf die Mitarbeit seiner Untertanen angewiesen ist, und alle zusammen bilden letztlich den Staat. Wer sich da in den Weg stellt, muß vielleicht mit dem Schlimmsten rechnen, aber dies findet sich in jeder Regierungsform. Auch die liberalen Demokraten dulden keinen wirklichen Feind ihrer Demokratie, und überall finden sich Tabus, die zu berühren nicht geraten ist. Ein Stück Gehorsam und Kooperation ist in jeder Gesellschaft zu erbringen, Aufruhr aber stößt auf Gegenwind.

Willkür und böse Umtriebe hingegen gehören den Einzelnen, ihren Charakteren, Launen und Umständen, nicht der Regierungsform. Verleumdung, Ächtung, Ungerechtigkeit, Kränkung und Demütigung, zugefügt von hochmütigen Amtspersonen, parteiischen Richtern, vorlauten Journalisten, unberechenbaren Vorgesetzten, argwöhnischen Nachbarn und streitsüchtigen Verwandten entkommen wir im Leben nicht – und sind nicht zuletzt selbst daran beteiligt, denn es ist ja unsere unmäßige Empfindlichkeit, wegen der wir uns kränken und demütigen und schädigen lassen, indem wir Dingen majestätische Würden verleihen, nach denen sich kein Hund umdrehen würde, die keinen, der auch nur ein Stück daneben steht, noch sonderlich berühren.

3

Wenn ich das gegenwärtige politische Geschehen verfolge, ertappe ich mich immer wieder, wie ich im Stillen moralisch Partei ergreife für die einen und wie ich mich, nachdem sich die Umstände geändert, zu den anderen hinüberziehen lasse. Ich wundere mich dann, wie Politiker so standhaft sind und eine einmal eingenommene Stellung so schnell nicht wieder verlassen, und wie eine ganze Partei, in einer Frage, die zum Zeitpunkt, da sich ihre Mitglieder zusammenfanden, noch gar nicht existierte, vollkommen einig sein kann. Andererseits tun sie oft genug das Gegenteil von dem, was sie versprochen, ja was sie zu tun geschworen haben, mit einer Sorglosigkeit, als sei ihr Gedächtnis blank.

Mein Wankelmut geht bisweilen so weit, daß ich in einer Parlamentsdebatte einem vortrefflichen Redner zustimme, in der Überzeugung: Der hat seine Sache gründlich überlegt, seine Forderung ist berechtigt, und er scheint ein ehrlicher Mensch zu sein. Dann folgt sein ebenso vortrefflicher Widersacher aus der gegnerischen Partei, und obwohl dieser alles widerlegt und das Gegenteil fordert, komme ich zur selben Überzeugung, nämlich daß er Recht habe und ein ehrlicher Mensch sein müsse.

Selbst in Fragen, wo es gewöhnlich leicht fällt, eindeutig Partei zu ergreifen, wenn nämlich eigene Interessen berührt werden, kann ich mich nicht leicht dazu finden, weil ich mich gleichzeitig meines Eigennutzes schäme, der ja dann überall hindurchleuchtet. Nur wo ich mich und die Meinen massiv bedroht sehe, klärt sich auf einmal aller Zwiespalt auf, und mein Hirn arbeitet zielstrebig und mit Erfolg, bis die Rechtmäßigkeit der eigenen und die Verworfenheit der gegnerischen Partei erwiesen ist. Sobald aber der Rauch verflogen, werden auch diese Urteile wieder lässlicher.

Auch für Bücher bin ich leichte Beute. Bei historischen Darstellungen nicht weniger als in Romanen schlage ich mich leicht auf die Seite des Autors, ja noch mehr, auf die Seite, die er gerade glaubhaft macht, und so wechsle ich zuweilen im selben Buch mehrmals das Lager. Lese ich den Zweiten Weltkrieg bei Churchill, so werde ich, während der Beschreibung einer Schlacht, unweigerlich auf die Seite der Engländer gezogen, weil sie hier moralisch gerechtfertigt und verherrlicht wird. Lese ich die Beschreibung derselben Schlacht dann aus damaliger deutscher Sicht, so stehe ich auf deutscher Seite, und gleich beginnt meine Phantasie zu arbeiten, was meine Landsleute denn hätten tun müssen, um siegreich zu sein. Und so ergeht es mir mit fast allen Schlachten, aus dem Altertum und aus der Neuzeit.

Meine Wechselhaftigkeit sehe ich einmal als Tugend und einmal als Schwäche. Sie öffnet mir einerseits den Zugang in jedes Lager und läßt mich, nicht bloß als Beobachter, sondern als Parteigänger die Quelle der Kraft erfahren, aus der sich eine Bewegung nährt. Andererseits hindert mich das leichte Schwanken an der Tat, weil alle Beständigkeit und Zuverlässigkeit fehlt, ohne welche ich für keine Seite zu gebrauchen bin. Wir bemühen uns um Objektivität, wollen über den Parteien stehen und hoffen, damit der Einseitigkeit und der Beschränkung zu entfliehn. Ich lasse diese Hoffnung allmählich fahren, weil ich merke, daß ich immer einseitig und beschränkt bin und meine Neutralität nur darin besteht, daß ich, wie das Fähnchen im Winde, mich nacheinander in alle Richtungen ziehen lasse.