DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

KRANKHEIT

Bitter knirscht der Marmor unterm Meißel,
Wenn der Künstler ihm die Form ausbricht.
Geduldig trägt der Tüchtige die Geißel,
Weil Beharren ihm den Ruhm verspricht

Krankheit ist die allgemeinste unserer Plagen, weil ihr keiner im Leben ganz entgeht. Aber sie ist auch die Schmiede, welche uns Geist und Körper formt: Zuerst stählt sie, indem sie die Abwehrkräfte ausbildet und uns mit dem Schmerz vertraut macht – schließlich aber gibt sie Elastizität und macht uns also biegsam, das Unvermeidliche zu tragen. Während der Uneinsichtige, gleich dem Marmor, sich mit Bitterkeit zu sträuben sucht, erahnt die tiefere Seele, daß die Qual der Weg ist, auf dem sich ihre Gestalt ausbildet und vollendet – eben wie die Statue unter den Hieben des Meisters.

Auch belebend und erneuernd wirkt sie. Wenn durch Herausschneiden der Leib von verderbten und schädlichen Teilen befreit wird, durch jedes Fieber von unreinen Stoffen, so wird in der Krankheit überhaupt, zu den guten Wirkungen auf den Körper, aller angesammelte Lebensüberdruß der Seele ausgeschwitzt und abgeführt, und wie ein Neugeborener, schwach zunächst, doch voller Lebensmut, betreten wir am Ende eine neue Bahn. Wie sich die Schlange häutet und dabei erfrischt, der Hirsch sein Geweih abstößt, um einem schönern, größern Platz zu machen, so gehen wir durch Verwundung und Krankheit wie durch ein Bad der Reinigung. Wenn unsern Vorhaben das Scheitern droht, wenn unser Rat zu Ende, unser Wille erschöpft, unsere Ehre gekränkt, dann kommt eine Krankheit wie Erlösung. Der Kranke ist befreit von Pflicht, die Erfüllung seiner Versprechen wird ihm gestundet, und aller moralische Druck ist von ihm genommen. So erholt und beruhigt sich die Seele, während der Leib schmachtet und wird der Geist gestärkt solange der Körper zurückgeht.