DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

KAMPF UND GEFAHR

Wo der Tag zur Nacht hindrängt,
Wo höchstes Leben mit Begier
Sich dunklem Tod vermählt, umfängt
Den Held die Ewigkeit anhier.

Zwischen den Umkehrpunkten hat das Pendel die höchste Dynamik und ist der antreibenden Kraft am nächsten. Es wechselt zwischen Tod und Leben, zwischen Leben und Tod.

Die Gefahren des Alltags soll man nicht meiden aus Angst vor dem Tode, sondern weil sie einen wenig ruhmvollen Tod einbringen und je mehr, desto mehr dieser eine Folge der Dummheit, Nachlässigkeit oder des Leichtsinns wird. Deshalb muß auch die Aufmerksamkeit und Vorsicht der Kinder geübt werden, ohne dabei die Furcht vor dem Tode und die allgemeine Feigheit und Ängstlichkeit zu befördern.

Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
Nein, erst großes vollendend, wovon auch Künftige hören!

Hector im Kampf gegen Achilles; XXII. 304

Wie der Krieg, so stehen auch alle Naturkatastrophen und vom Menschen verursachte Verheerungen im Dienste der Einübung des Todes. Das gewöhnliche Sterben drängen wir gerne an den Rand unseres Daseins und möglichst ganz außerhalb unseres Denkens und Fühlens. Dazu kommen nun Unfälle und massenhafte Vernichtung, um uns durch Macht mit dem Tode vertraut zu machen und ihn gewaltsam der Vergessenheit zu entreißen. Wie der Herr zuweilen seinen Diener gewaltsam aus der Trägheit schüttelt und ihn an seine Pflicht erinnert, so werden auch wir an die Pflicht zu sterben und vor allem an die Pflicht, nicht nur ans Leben des Körpers zu denken, erinnert. Zu beidem sind wir geschaffen, zum Leben und zum Sterben, und wir dürfen über das letztere nicht hinwegträumen.

Der kategorische Imperativ oder die Regel: Was Du willst, daß andere Dir nicht tun sollen, tue ihnen auch nicht; was jene Dir tun sollen, tue Du auch ihnen! verträgt sich durchaus mit den Handlungen des tapferen und gerechten Kriegers. Denn, so wie er in mutiger Schlacht seine Feinde tötet, wünscht er auch für sich selbst keinen anderen Tod, als von ihrer Hand in ruhmreichem Kampfe zu fallen.