DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

HORTEN UND SPENDEN

Wollen wir jedoch einmal jegliche Nützlichkeit für die Welt und alles Lob und allen Ruhm, die darin zu erwerben, außer Acht lassen und allein den eigenen, unmittelbaren Vorteil erwägen, so läge ja nahe, sich überall möglichst vieles zuzuführen und eher wenig abzugeben. Geld ansammeln, aber wenig ausgeben, das Leben von den Eltern empfangen, aber nicht eigene Kraft und Mühe auf Zeugung und Erziehung von Kindern verschwenden, gut essen aber wenig körperlich arbeiten, viel studieren, um den Geist mit Bildung zu bereichern, aber sich wenig plagen, in Gesprächen oder gar in mühsam ausgearbeiteten Werken, den andern davon mitzuteilen.

Wenigstens beim Essen ist uns bewußt, daß diese Methode kein gutes Ende finden kann. Weil wir von Natur nämlich nicht als Scheunen und Speicher angelegt sind, sondern als Umschlagsplätze und auch Werkstätten zur Veredelung eingegangener Halbprodukte, so muß, was wir nur ansammeln und nicht weitergeben, in uns faulen und verwesen. Wir blähen unsere Bäuche und schwemmen die Schenkel auf, und je mehr Speise wir uns zuführen, desto kraftloser werden wir. Was sich in uns sammelt, können wir nicht konservieren und noch weniger frisch erhalten und müssen, wie der Kaufmann, darauf sehen, es vor Verfallszeit wieder an den Mann zu bringen. Guter Wein hält sich zwar länger als Fisch, und so mag ein Weinhändler mit Gelassenheit sein Geschäft treiben, während der Fischer auf den Markt muß, seine Ware auszuschreien; doch beide erwerben‘s nicht als Sammler, sondern um es wieder zu veräußern – und eben darin liegt einzig ihr Gewinn. Desgleichen behandelt der Philosoph sein Thema, welches selbst unvergänglich, mit Ruhe, in der Absicht, ihm eine Gestalt zu geben, die sich Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, in einzelnen Fällen Jahrtausende erhält, und die oftmals mit den Jahren noch gewinnt; während die Nachrichten des Zeitungsschreibers an einem Tage aufgefischt, zubereitet und verbraucht werden. Aber auch hier gewinnt keiner an dem, was er behält, denn so sind alle Geschäfte der Menschen. Der, der das anvertraute Kapital in der Erde vergrub, um es zu bewahren, dem wurde es genommen und dem gegeben, der mit dem seinen gewirtschaftet hatte. Wir sind wie der Hahn an göttlicher Quelle: geöffnet fließt frisches Wasser ohne Ende, und erquickliches Leben füllt uns aus. Verschlossen aber geht zwar nichts mehr weg, doch kommt auch nichts Frisches nach, und das Eingeschlossene wird abgestanden und fahl.

Man denkt, nur die lebhaften, von Intuition beseelten Geister seien befähigt, der Menschheit Belehrung und Unterhaltung zu gewähren. Vielleicht aber können nur diejenigen, die ihre Schleuse geöffnet haben, um der Welt ihre ganze Habseligkeit zu Füßen zu legen, vielleicht können nur sie von neuer und wirklicher Intuition beseelt werden. Die Verschlossenen sind schnell abgefüllt und nichts fließt nach. So bleibt der Geizige gewöhnlich arm, weil er sein Geld nicht ausgibt, um es zu vermehren, der Hagestolz wird steif und eingeschlossen, weil er seine Freiheit für sich behalten will, und der Philister schließlich, der, aus Ängstlichkeit, er könnte Lächerliches oder Ungeschicktes vorbringen, nur abgestandenen Quark auftischt, der wird vollends vertrocknen, und der hohe Geist, nach welchem er sich sehnt, wird nimmer bei ihm einkehren, wohl wissend, daß man dort nicht mehr herauskommt, im engen Filz ersticken muß.