DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

HARMLOSER EREMIT

So scheint es auch um den Eremiten nicht glücklich bestellt, und er wird sehen müssen wie er sich lebendig hält. Nur, daß man ihn geradeweg tadle wegen seines nutzlosen Daseins hat er kaum verdient, denn, wenn er schon niemandem nützt, so schadet er doch keinem, und die Menschen sollten sich des Urteilens enthalten, zumal sich seine Art kaum weiter verbreiten wird.

Den großen Haufen zieht es immer zum großen Haufen, und so viele davon träumen, sich einmal all ihrer lästigen Pflichten und Drangsale zu entreißen, um in der Stille der Natur ein freies Leben zu führen, so wenige treten wirklich über diese Schwelle, die sie in Wahrheit fürchten wie das dunkle Verhängnis des Todes, und die wenigen, die es tatsächlich wagen, kehren nach kurzer Zeit zerknittert um, weil sie sich selbst am allerwenigsten ertragen konnten und der andern zur Ablenkung bedürfen, dem Anblick der Erbärmlichkeit ihrer eigenen Seele zu entfliehn. So können diejenigen, welche darin bestehen, leicht abgezählt werden, und niemals wird eine so geringe Zahl dem Staate irgendwelchen Schaden zufügen und müßte sie selbst auf öffentliche Kosten gefüttert werden. Man kann sie getrost als Kuriosum der Menschlichen Rasse in Kost nehmen wie die seltenen Tiere im Zoo und wird sie, wie diese, bemitleiden, als ihrer natürlichen Lebensform entrissen und in den grausamsten aller Käfige gesperrt. Denn jeder vermutet hier verborgene Zwänge und will nicht glauben, es könne sich jemand ganz aus freien Stücken dieses Übel zugezogen haben. Auch in unseren Gefängnissen ist die Einzelhaft der schärfste Griff, und die Delinquenten lassen sich lieber zu vielen in eine enge Zelle sperren, wo sie sich gegenseitig terrorisieren und zerfleischen dürfen und ihre Seele die Anstalt in einem ärgeren Zustande verläßt, als sie sie betreten.

Es lassen sich Räuber und Mörder dingen, Spitzel und Vaterlandsverräter, doch wird man nicht leicht einen finden, es sei für noch so guten Lohn, der sich zum Eremiten hergibt. Denn Geld wollen die Menschen allemal, um es unter Menschen zu bringen, um beim Ausgeben gesehen und beneidet zu werden, um das Erstandene gemeinsam zu genießen, für sie selbst hat es sonst keinen Wert. Was sind einem gute Kleider, teure Wagen und Häuser, wenn er nicht vor andern damit Eindruck macht, und der größte Wein vergleicht sich mit dem Ordinaire an einer leeren Tafel. Auch sind vielen die freundlichen Worte des Friseurs, die Schmeicheleien des Schneiders, die Ergebenheit des Einzelhändlers genügender Grund, ihr Geld dorthinzutragen, ja, mancher läßt sich ein Haus bauen wegen des Vergnügens, so viele Menschen für sich tätig zu sehen und gar den Architekten, der sich über die persönlichsten Angelegenheiten den Kopf zerbrechen muß.

Dennoch sagt man dem, der sich absondert, Selbstsucht und Egoismus nach. Er wolle sich nicht nach der Ordnung der anderen richten und sich den unbequemen und oft mühsamen Pflichten, welche das gemeinschaftliche Leben mit sich brächte, entziehen. Wenn aber jeder für sich leben wollte, könne die Menschheit nicht bestehen und schon gar keine Kultur. Dieses letztere ist aber, wie schon gesagt, am allerwenigsten zu fürchten, da die Adhäsionskräfte unter den Menschen bei weitem die Repulsionskräfte überwiegen und sie nicht eng genug zusammendrängen können, wie man an den großen Städten sieht. Auch sind es keineswegs nur die Zwänge der Arbeit und die Not, was sie zusammenführt, vielmehr stürzen sie, sobald sie von diesen erlöst, von neuem ins gegenseitige Gewühle, zu Familienausflügen, Verwandtschaftstreffen, Wirtshaus- und Bierzeltgelagen, Frühlings-, Sommer-, Ernte- und Sylvesterfesten, Kaffeekränzchen, Besichtigungs- und Wandertouren, Urlaubsreisen und Kunstfahrten, Kegeln und Fußballspielen. Nichts als Beschäftigungen der freien Mußezeit, in welcher doch keiner für sich zu bleiben wagt, ja noch mehr zu den andern strebt, als während seiner Arbeit, welche ihn, so sie danach beschaffen, immerhin vorübergehend von seiner Sucht nach Geselligkeit abzulenken vermag. Wer allerdings unsere Kultur letztlich mehr befördert hat, sei hier einmal dahingestellt und nur bemerkt, daß unter den großen Dichtern, Philosophen und Heiligen, wenn nicht die Eremiten, so doch die Einzelgänger stets überwogen haben, vielleicht sogar bei den Großen des Staates – allerdings vielleicht auch bei den Schurken.

Gerade was den eigenen Vorteil betrifft, so sucht man ihn gewöhnlich eben in Geschäften mit anderen und gar nicht bei sich selbst, weil, wie Schopenhauer sagt, für die meisten dort nichts zu holen ist. Für Macht und Reichtum und zur Befriedigung der Lüste hat sich noch keiner in die Einsamkeit zurückgezogen. Alle stürzen sich vielmehr dieserhalben mitten ins Gewühle; und haben nicht die Geschäftigen dieses Zeitalters den Egoismus gar zum Leitmotor aller heilsamen Entwicklungen gekrönt: Wenn nur jeder sein eigenes Interesse verfolge, so sei für den größten Vorteil des Ganzen gesorgt. Der Mensch sei von Natur ein egoistisches Wesen und könne daher seine äußersten Kräfte nur dort mobilisieren, wo er seinem eigenen Interesse folge. Wenn also jeder in völliger Freiheit das Beste für sich selbst täte, so sei auch für das Gemeinsame besser gesorgt, als wenn Staat und Kirche von oben lenkend eingriffen und fest besoldete Beamte eine Sache träge schleppten, die von freien, den eigenen Vorteil verfolgenden Bürgern um vieles lebhafter und daher erfolgreicher betrieben würde. – Wenn dann aber einen dieser „heilsversprechende Egoismus“ gerade ihre Geschäfte fliehen läßt, indem er seinen größten Vorteil bei sich, in der Natur, im Zwiegespräch mit Büchern oder gar mit Gott zu finden glaubt, so sollten sie ihm diesen Egoismus nun nicht zum Vorwurf machen, vielmehr ihn loben als eine konsequente Anwendung ihrer eigenen Prinzipien.

Man könnte darin auch noch weiter gehen und geradezu fordern: Solange sich die große Maiorität der Menschen, welche Brot erzeugend und Geschäfte treibend ihre Zeit hinbringt, schon nicht um die edleren und wichtigeren Tätigkeiten, die allein die geistigen sind, bekümmert, soll sie mit dem Überflüssigen, welches sie hervorbringt, wenigstens die wenigen versorgen, die sich dieser eigentlichen Aufgabe des Menschen annehmen, statt zu jammern, man hinge ihnen am Geldbeutel. “Ihr sollt nicht sorgen und sagen: was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.” Sie müssen sich Priester und Dichter halten, um sich selbst vom höheren Dienste loszukaufen und so verhindern, daß über ihrer Trägheit, ihrer Banalität, ihrer Vorliebe für einfältige Späße, sich nicht das eigentlich Menschliche, das Ziel und der Zweck unserer Anlagen, in Dunst und Nebel davonmache.