DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

GLAUBE WIRD UNS GEGEBEN

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Am Ende fließen die Begriffe ineinander: Jedes Wissen ist ein Glaube, und jeder Glaube erscheint als vollkommene Gewißheit. Es gibt kein absolutes Kriterium zur Unterscheidung, auch wenn die eigene Position, im Dünkel des Individuums oder durch die gegenseitige Bestärkung innerhalb einer Gemeinschaft, immer als Wissen empfunden wird, während man die Andersdenkenden, mit mehr oder weniger Großzügigkeit, in ihrem Glauben läßt.

Man mag das Kriterium der Nützlichkeit ansetzen, der praktischen für den Leib, der geistigen für die Seele, doch wird man alsbald finden, daß einem jeden, was er zu wissen glaubt, auch nützlich erscheint, das des Andersdenkenden aber nutzlos, wenn nicht gar schädlich. Nicht anders steht es um die Kriterien der Schönheit, der Moral, der Größe: immer wird dasjenige, mit dem man sich innerlich verbunden, schön oder gut oder groß und also wahr und bedeutsam erscheinen.

Ich halte die spekulative Naturwissenschaft für nutzlos, weil ihre Hypothesen und Phantasiegespinste in unserem praktischen Leben für nichts zu gebrauchen sind. Ich halte die dort entstehenden Bilder und Szenarien für geistlos und häßlich, gemessen an denjenigen der Heiligen Schriften, der Mythologien, der großen Epen und der Märchen unserer Dichter. Vorteile für die Moral kann ich keine darin finden und erst recht keine Größe in der Vorstellung, daß wir von primitiven Affen abstammen sollen, und daß sich Entstehung und Ende der Welt mit Rechenarbeit ergründen ließe. Zu dieser Auffassung bin ich gekommen aufgrund meines Wesens, meiner beschränkten geistigen Fähigkeiten, meiner wenigen Bildung, meiner Schwächen und Launen, meiner Erlebnisse und meiner Vorliebe für Dichter und Denker, welche mich geprägt. Gründe von allgemeiner Gültigkeit kann ich nicht beibringen, und die Annahmen, auf die sich die Gebäude der Wissenschaftler stützen, lassen sich weder von ihnen beweisen, noch von mir widerlegen. Ebenso wenig kann ich beweisen, daß die Bilder der Dichter schöner, die Gedanken der Philosophen geistreicher und die Visionen der Heiligen Schriften unserem Seelenheil zuträglicher wären. Aber ich kann auch diese meine Wertungen und Vorlieben nicht willentlich verändern, ich muß sie hinnehmen und allenfalls mich mit ihnen verändern und entwickeln, wie es mir bestimmt ist.

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Zuweilen fühlen wir uns aufgerufen, toleranter zu sein und nicht nur die Existenz anderer Denkweisen zu dulden, sondern auch ihre Berechtigung, ihre Wahrheit anzuerkennen, sie also selbst für wahr zu halten. Dann wieder geschieht uns das Gegenteil, wir fürchten, uns zu verlieren in der Vielfalt und Beliebigkeit und sehen den persönlichen Charakter dahinschwinden, alle Gültigkeit und Wahrheit sich auflösen, dort wo alles gelten soll. Beide Konflikte sind jedoch, unserer Natur nach, unlösbar: Wir können nicht mit Vorsatz unsere Toleranz erhöhen und eine bislang unliebsame Denkweise unserem Denken einverleiben, um zu einer allgemeineren Sicht der Dinge zu gelangen. Ebenso wenig können wir unseren Glauben fokussieren, mit Absicht etwas ausgrenzen und für unwahr halten, was uns bislang wahr erschien, um dafür mit höherer Reinheit und Inbrunst an die verbliebene Auswahl zu glauben.

Es hilft weder, sich um eine objektive, alle denkbaren Aspekte einschließende Wahrheit zu bemühen, noch um eine persönliche, subjektive – einfach weil wir darüber keine Macht haben. Um die Freiheit unseres Willens zu erproben, können wir heute eine grüne Hose anziehen, morgen eine gelbe und so, nach Belieben, jeden Tag einer neuen Laune folgen. Wieviel echte Willensfreiheit darin tatsächlich zum Ausdruck kommt, sei einmal dahingestellt, aber zumindest läßt sich das Wechseln der Hosen unbestreitbar in die Tat umsetzen. Wollten wir aber, nur so, zu Versuchszwecken, heute an die Schöpfungsgeschichte glauben, morgen an die Evolutionslehre, übermorgen an die Theogonie Hesiods, so würden wir schon im Ansatz feststellen, daß dies vollkommen unmöglich ist.

Was wir für wahr, für gut, für schön halten, ist keine spontane Willensentscheidung, sondern das vorläufige Resultat eines umfassenden Lebensprozesses, und es ist unendlich schwer auch nur herauszufinden, ob und wieviel dieser Prozeß überhaupt von unserem Willen abhängt oder nicht nur vom angeborenen Charakter, von Erziehung, Bildung und gesellschaftlicher Umgebung. Aber selbst wenn unser Wille dabei mitspielte, so doch nicht auf dem Wege des Vorsatzes, sondern als eine in tausend einzelne Erwägungen unmerklich einfließende Kraft, die uns allmählich in eine bestimmte Richtung drängt, unsere Urteilskraft, unsere Werte und unseren Geschmack heranbildet. Das Leben führt uns, ganz unabhängig von unseren Vorsätzen, zu unserem Glauben und Wissen. Wir können nicht wählen, was wir für gewiß halten, es kommt über uns wie die Frühjahrsstimmung oder wie ein Darmgeschwür – und ebenso kann es wieder vergehen.

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Selbst wenn man jedoch die Vorstellung von einem Gott für schöner, geistreicher, vornehmer, glaubwürdiger hält als die Thesen der Wissenschaft, so glaubt man deshalb noch nicht wirklich an Gott. Der Glaube muß entweder ein junges, frisches, unbesetztes Gemüt vorfinden, wie etwa das des Kindes und muß dieses wie die Sturmwelle überfluten, oder er muß in einem langen Leben allmählich heranwachsen, begünstigt durch tausend Enttäuschungen, welche die wissenschaftliche Weltsicht bereitet, durch immer wiederkehrende Begegnung mit den Visionen, die eine Glaubenslehre verkündet und vor allem durch eine immer stärker werdende Sehnsucht nach einem Göttlichen, welche nur allmählich in der Seele reifen und in keiner Weise durch Überredung oder mit Vorsatz hervorgebracht werden kann. Das Leben und wohl vor allem das Leiden schmiedet einen Glauben, nicht der Katechismus, nicht die Bibelkenntnis, nicht der eifrige Kirchgang. Diese haben alle ihre eigene Berechtigung, aber sie führen uns nicht zum Glauben, sowenig als ein eifriger Zirkusbesuch uns zu Trapezkünstlern macht. Dort wird vielleicht der Wunsch nach Größe und Vollkommenheit in uns wachgerufen, aber er ist hauptsächlich von Ruhmsucht und Eitelkeit geprägt, und nie ist einer Artist geworden, bloß weil er den heftigen Wunsch danach hatte. Selbst von denen, die auf einen solchen Wunsch hin zu üben begannen, sind wohl sehr wenige ans Ziel gelangt. Was letztlich dahin führt, läßt sich garnicht in Übungen und Vorschriften beschreiben, weil sämtliche Lebensumstände und Erfahrungen zusammenwirken müssen. Ebensowenig lassen sich die Lektionen bestimmen, die uns dem Glauben näher bringen, sie sind wohl für jeden und in jeder Lebenslage verschieden.