DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

GEMEINSCHAFT


Dunkel ist das All,
Wo der Planete einzeln steht,
Licht auf unserer Erd, wo alles
In des andern Lichte geht.

 

Wenig Anlage haben wir, das göttliche Licht direkt aus seiner Quelle zu empfangen, und vollends unbedeutend bleibt, was wir ihr zurückerstatten – ganz wie der Planet durch seinen Widerschein die Sonne kaum erhellt. So scheint hier wenig Wechselwirkung, obschon am Ende freilich alle Wirkung dorther rührt und dorthin zielt.

Dafür beginnt unsere Regsamkeit im Verein und Widerschein der andern; ohne ihre Anregung würde unser Geist im Winterschlafe liegen; sie sind der Spiegel, wo wir allererst uns selbst erblicken, das Echo der Gedanken. Und wie der Lichtschein aus der Nähe stärker leuchtet, von Ferne durch manches Hindernis gar aufgehalten wird, so findet sich auch unser Geist durch Nähe der persönlichen Begegnung stark gefördert. Die nächstliegenden und wichtigsten Gedanken sind also nirgendwo so gut erhellt als im Gespräch der Freunde. Die persönliche Anwesenheit entzündet ein nicht zu beschreibendes Feuer, ein Feuer der Intuition, der Phantasie, der Logik und überhaupt eine geistige Wachheit, wie kaum ein Buch, ein Brief, ja auch kein Telefon o. ä. vermag. Nicht umsonst wird in allen hohen Geschäfts- und Staatsangelegenheiten die Anweisung Goethes, man solle die bedeutenden Punkte des Lebens, sowohl der Empfindung, wie der Vernunft, der Politik etc. nur mündlich verhandeln, mit mehr oder wenigerm Bewußtsein befolgt. Das Schreiben und Lesen füllt dann die ruhigeren Zwischenräume und hebt, durch die dabei zu erwerbende Bildung, die Kultur des Gesprächs, welches jedoch das eigentliche geistige Leben bleibt.

Wie der Mensch doch in Gemeinschaft zu höheren Leistungen fähig ist: Ohne die Ansprüche und Forderungen der andern, welche ihn beständig vorwärtsdrängen, ohne Zuschauer, welche ihn kontrollieren und korrigieren, ohne Bewunderung, ohne Leitung, die ihn zieht, erlahmt er schnell in seinen Kräften und erreicht nicht die Hälfte dessen, was ihm unter ihren Augen leicht weggeht. Ein Holzscheit glimmt mit Mühe, und leicht erlischt die Glut, hingegen mehrere sich wechselseitig erhitzen und ein lebhaftes Feuer unterhalten.

Wohl sucht er, sich von äußern Zwängen zu befreien, um Lob und Tadel sich nicht zu kümmern und will aus eigener Kraft und eigenem Urteil handeln, – betrügt sich aber dabei am allermeisten, und wir sehen gerade die, die sich absondern und für sich stehen wollen, gänzlich verstrickt in ihre Eitelkeit, ganz von der Sorge ausgefüllt, bei denen aufzufallen, deren Urteil sie verachten.

Wenn wir uns den andern unerschütterlich und mannhaft zeigen, so mag dies zwar oft genug nur eine Maske sein, hinter der wir unser schwankendes Gemüt verbergen, doch es weckt zugleich auch unsern Ehrgeiz, dem künstlich vorgesetzten Bilde in der Wirklichkeit nicht nachzustehen, und so wird das Äußerliche zur Antriebsfeder des Innern. Wie beim Karneval die Maske ihren Träger aufreizt, den Streichen die Moral, den Tänzen das Temperament zu leihen, welches der aufgesetzten Physiognomik angemessen, so sind auch wir vom Bilde, das wir von uns geben, angetrieben und bestimmt. Um in anderer Augen aufrecht, mutig, tapfer, selbstbeherrscht, gerecht und souverän zu scheinen, werden wir es letztlich, unvermerkt. Die Zwänge und Ansporne des Gesellschaftlichen Lebens halten uns aufrecht und legen unser Tun in Zügel. Hingegen wo wir die inneren Übel angehen, welche nur uns selbst bekannt sind, machen wir die elendste Figur, und es wuchern und wüten die Geschwüre des Neides, des Hasses, der Rachsucht, aller Liederlichkeit und Armseligkeit unserer Gedanken ungesehen und ungetadelt vor sich hin. Vor uns selbst und vor Gott haben wir nicht denselben Ehrgeiz und nicht dieselbe Scham als vor den andern. Liegt da nicht nahe zu vermuten, sie seien uns von oben als unsere unmittelbaren Wächter und Förderer zugesellt? der Mensch sei dem Menschen nicht als Zweck, sondern als Mittel gegeben; als Mittel, welches ihn, auf Umwegen, bessern und schließlich zu Gott führen soll?

Wie unser Auge das Licht der Sonne nur im Widerschein gebrauchen kann, vom unmittelbaren Anblick aber geblendet wird, so ist uns vielleicht das wachende Auge Gottes zu gewaltig, als daß wir ihm geradezu gefallen könnten. Wir versuchen es einstweilen bei den Abbildern, den Menschen, und wollen in ihren Augen wenigstens das beste scheinen.

Wie aber die Sonne das Land erhellt und dieser Widerschein uns in die tiefsten Schatten folgt und dort die Dinge nochmals widerscheinen läßt, so, nachdem sich das Auge Gottes in den Menschen abgebildet, folgen uns deren Blicke an die entlegensten Orte, und selbst der Eremit schöpft die Kraft zur Führung seines absonderlichen Daseins aus der Vorstellung, wie diejenigen, die Kenntnis von seiner abgeschiedenen Existenz bekommen, diese bewundern und in ihrer vollkommenen Mäßigung als ein hohes Ideal betrachten könnten, nicht zuletzt auch die geistige Konzentration, welche in eine solche Lebensführung gedacht werden muß. Man suche dagegen den Einsiedler, der sich eines Nachts stillheimlich davongeschlichen und ohne Kenntnis oder Vermutung irgendeines Menschen seine Einsiedelei an fernem, nie von Menschenaugen gesehenem Orte treibt. Einen solchen können wir uns fast nur als verwirrten Geist vorstellen, dem eine elementare menschliche Eigenschaft abhanden gekommen, der sich einen, vom menschlichen losgelösten, Gott erschaffen und vergessen haben muß, daß alles Menschliche des wahren Gottes Spiegel ist. Sicher kann einer auf des Nachbarn Urteil, auf die Meinungen der sämtlich ihm bekannten Gesellschaft verzichten, um höhere Ideale anzustreben; doch werden auch dies menschliche Ideale sein, welche er sich, als bei irgendwelchen Menschen in hoher Achtung stehend, vorstellen wird. Nur über den Menschen gelangt der Mensch zu Gott und dies in der Gewißheit, daß das Göttliche irgendwo im Menschen ruht, so tief vergraben es immer sein mag.

Eigenständig und selbstbewußt ist daher nicht, wer sich um die Meinung anderer nicht bekümmert, sondern wer die einzelne oder vorübergehende Meinung in seinem Tun nicht allzu großen Einfluß gewinnen läßt; der dabei beharrt, was nach seinem Dafürhalten das Beste für ihn und die anderen sein muß und im allgemeinen auch deren Beifall, den Ruhm und das Lob eintragen wird, sobald erst die Beschränkung des Augenblickes überwunden und die Leidenschaften geebnet sind. Wen weder die Meinung des Nachbarn schert, noch die seiner Gemeinde, weder was in seinem Volke, noch was in der Welt geredet wird, kann nichts anderes sein als ein Idiot, der aus Gram und Dummheit seinen Rübenacker eigenbrötlerisch bestellt und an menschlicher Kultur ansonsten keinen Anteil will. Der hingegen Lob und Ruhm bei den Menschen sucht, ohne Rücksicht, ob er im Augenblicke gescholten, verjagt oder gesteinigt wird, den erkennen wir als wahrhaft frei und groß.