DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

GEMEINSAME ZERSTÜCKUNG

Wie wenig ich mich den Menschen zuwende, scheint manchen allerdings eine Beleidigung des ganzen Geschlechtes – mir ist es Beweis von Aufrichtigkeit. Denn ich höre die Menschen soviel lästern, spotten, höhnen, beschimpfen und hassen, sobald die Betroffenen nur das Zimmer verlassen haben, daß ich mich nicht genug wundern kann, warum sie alle so dicht zueinander drängen. Wie wenig lieben sie sich doch, und welch erzwungene Höflichkeit voller Falsch und Trug müssen sie gebrauchen, damit wenigstens die öffentliche Ordnung recht und schlecht gewahrt bleibt und nicht jede Geselligkeit in Geschrei und Prügelei ausartet.

Man würde sich ihres gierigen Zusammenstrebens auch nicht verwundern, wenn hier, da sie doch frei sind, immer eben die sich suchten, die zueinander paßten und so eine glückliche Gesellschaft kleiner, in sich selbst einträchtiger Kreise entstünde. Nun scheint aber die Eintracht derselben vornehmlich darin zu bestehen, daß man sich über die Fehler und Schwächen der andern einig wird und damit ein reiches Feld der Unterhaltung sich eröffnet. Nichts verbindet die Menschen so als die Geringschätzung und Verurteilung eines Abwesenden. Sobald diese einträchtige Erbauung sich erschöpft, vermag selbst das Bollwerk der Höflichkeit kaum mehr die noch eben so traulich Vereinten abzuhalten, sich mit Gezeter in die Haare zu fallen. Es ist äußerste Zeit für die höfliche Abschiedszermonie: „Nun, leider, für mich ist es Zeit.“ – „Ach, Sie wollen doch nicht schon gehen?“ – „Es ist einmal nicht anders möglich, aber ich freue mich schon auf das nächste Mal.“ – „Also denn, wenn es sein soll, ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg, und grüßen Sie die Ihren.“ Dabei werden die Gruppierungen so leicht gewechselt wie die Kleider, wodurch sich erst wahre Vielfalt und Abwechslung ergibt: Die, die noch eben einträchtig über andere herzogen, tun dasselbe bald gegeneinander, wozu sie sich dann ungeniert mit den vorigen Opfern traulich zusammentun. Dies zeigt, daß es gar nicht eigentlich um die Personen geht, auch nicht um deren Schwächen und Laster, als vielmehr um den bloßen Vorgang des Schlechtmachens, wodurch ganz unauffällig und bescheiden die eigene Person erhoben werden soll. Alle sind sich darin gleich, und nur wenigen wird es bewußt, und auch nur in lichten Augenblicken. Sind nicht eben die Philosophen Meister im Aufspüren jeglicher Untugenden ihrer Artgenossen, und komme ich nicht eben daher, dasselbe zu versuchen? Von Intelligenz, einer gewissen Einsicht, vor allem jedoch von Selbstbeherrschung zeugt derjenige, der in seinen Reden diese Abwertung der andern unterdrückt – von Weisheit, Tugend und wahrem innerem Wert aber der, der auch in seinen Gedanken davon frei ist. Weil wir dies letztere nicht prüfen können, wird uns bereits das Vorige, wenn auch meist unbewußt und erst auf lange Sicht, Achtung und Ehrfurcht einflößen. Hingegen werden wir, ebenso unbewußt, diejenigen, die über andere am eifrigsten lästern, als die Schwächsten und Fehlerhaftesten ansehen, einschließlich uns selbst, da wir nicht nur unsere Worte, sondern auch unsere Gedanken kennen. Wenig wirkt nämlich auf die Dauer dieses Brüsten und Respekt Einflößen, welches ja nur auf Ablenkung von der eigenen Person beruht: nicht wir werden dadurch besser, sondern wir versuchen, die Blicke von unserer eigenen Schlechtigkeit auf die der andern zu lenken, – was ja nicht schwer fällt, da sie überall reichlich vorhanden und leicht aufzufinden ist. Im Verhältnis scheinen wir dann ersteinmal gut, unsere eigenen Laster im Schatten, die der andern aber im Rampenlichte. Nur, wenn dieses dann in der Runde dreht, weil jeder im Wechsel daran steuert, so kommt auch die Schlechtigkeit aller nach und nach hervor, und am ärgsten trifft es letztlich den, der zuvor am eifrigsten gescholten.

Wie also die Geselligkeit einerseits, durch den gegenseitigen Ansporn, wirklich besser macht, so macht sie andererseits, durch das gegenseitige Verlästern, nur scheinbar besser, tatsächlich aber schlechter.