DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

FREUDEN UND LEIDEN ALS SPIEGELBILD UNSERER TATEN, UNSERER VERDIENSTE UND VERFEHLUNGEN

1

Zu fürchten haben wir das Unglück selbst, und dieses besteht nicht in einem äußeren Umstand, sondern eben in der Schwachheit und Krankheit unserer Seele. Damit zwingt uns das Schicksal in die Knie und bereitet noch dazu die allergrößte Pein, indem es untergründig merken läßt, daß diese Schwäche aus uns selbst entsteht und wir auf irgendeine Weise allein Verantwortung und Schuld für unser Versagen tragen. Irgendwie hängt die Schicksalsmacht, die uns Stärke und Schwäche zuteilt, woraus all unser Glück und Unglück erwächst, mit unserem eigenen Wesen zusammen und bildet unsern Verdienst und unsere Schuld.

Eine Erklärung, die immerhin den logischen Verstand zufriedenstellt, könnte man so versuchen: All unsere Verdrießlichkeiten, Anstöße, Schmerzen und das ganze Leid sind die eine Seite einer Sache, deren andere dasteht als unsere Verfehlungen, als unsere Schuld; es sind die einen die activa, die anderen die passiva, beide ergeben die selbe Summe mit umgekehrtem Vorzeichen. Nicht nur, wie gewöhnlich angenommen, ist dieser Schmerz die Strafe für jenes Vergehen, also Gefängnis für Diebstahl, Übelkeit für Unmäßigkeit, Verachtung für Feigheit, denn hier wäre die Rechnung, soweit für uns erkennbar, oftmals nicht beglichen. Nein, der allererste, unmittelbarste und vollkommene Ausgleich liegt in der Sache selbst und braucht deswegen gar nicht zu folgen, weil mit dem einen immer das andere zugleich da ist, wie die eine Seite der Medaille mit der anderen. Denn jede Widrigkeit, die uns begegnet, ist, genau besehen, nichts als die Aufforderung, ihr entweder mutig entgegenzugehen, sie zu besiegen, oder sie tapfer auszuhalten, oder die Feindseligkeit auszulöschen, Friede und Freundschaft zu schließen. So ist dies im Kriege, und so bei jeglichem Schmerz, jeder Kränkung, jeder Entbehrung. Trifft einen bittere Not, vertreibt ihn aus seinem Hause, rafft ihm Weib und Kinder hin, wirft ihn in den Schmutz und läßt ihn hungern: Er kann sich mit letzter Kraft aufrichten, in einen bescheidenen Dienst treten, zu einer vorteilhaften Stellung aufsteigen, ja ein großer Herr werden. Wenn ihm dies die Umstände nicht zulassen wollen oder seine Talente nicht ausreichen, so kann er mit Geduld sein Elend tragen, stolz auf seine Tapferkeit sich fast ein Held dünken und stets des Trostes gewiß, daß es noch tausend Elendere gibt. Er kann aus seiner mißlichen Lage auch ein Lebensideal schöpfen, mit Vorsatz die Entbehrung wählen, die ihm das Schicksal gegen seinen Willen versucht hat aufzuzwingen, im Dasein des Bettelmönches die erste Stufe sehen auf einem erleuchteten Weg zur Weisheit und Heiligkeit. In allen Fällen wurde aus dem Übel ein Gut. Ergreift uns eine andere Plage, die Liebessehnsucht nach einem Weibe, so können wir darin eine versteckte Aufforderung sehen, es entweder zu erobern, oder widerum mannhaft den Schmerz zu ertragen, oder die Liebe als ein erhabenes Gefühl in uns und für uns alleine aufzubewahren, in der Beruhigung, daß alle reale Erfüllung es nur trüben würde.

Wenn uns, hier wie dort, eine Lösung gelingt, dann ist unser Übel gar kein Übel mehr, wir haben es umgekrempelt, in ein Gut verwandelt, es hat uns Glück gebracht, wir haben unser Glück daraus gemacht. Wenn uns aber keines davon gelingt, so ist es unsere Schwäche, unsere Feigheit, unser Unvermögen, unsere mangelnde Selbstbeherrschung, Kränklichkeit, Wehleidigkeit, Weinerlichkeit, übersteigerte Empfindsamkeit, falscher Stolz, Eitelkeit, Niedrigkeit und also: unsere Schuld. So ist alles, was uns an äußerem und innerem Übel begegnet, nur die prompte Quittung für unsere Schuld, und dies ist unausweichlich wie die Dunkelheit, wo kein Licht, wie der Tod, wo kein Leben, weil es ein und dasselbe ist. Es ist sosehr dasselbe, daß wir gar nicht wissen, welches nun vorhergeht, und welches folgt. Mit gleichem Rechte können wir sagen: Es kam ein Übel, wir konnten es nicht meistern, wir fühlen uns deswegen nichtswürdig und schuldig, wir sind darüber unglücklich. Oder: Das Unglück hat uns heimgesucht, es hat dazu ein Übel benutzt, uns die Kraft beschnitten, es zu überwinden und dazu noch das Bewußtsein unserer Schuld in uns gesetzt. Oder: Ein uns eingeborenes Schuldgefühl kam aus den Tiefen unserer Seele und wollte sich konkretisieren, hat dazu unseren Willen auf eine Sache gelenkt, an welcher unsere Kräfte scheitern mußten, und so wurden wir unglücklich. Das Übel, unser Unglück, unsere Schuld, sie bilden eine vollständige Einheit.

Ebenso ist Glück der Lohn der Tugend und dieser gleich. Es kommt und geht mit ihr, so eng verbunden, daß wir nicht angeben können, welches Grund und welches Folge ist. Andere Verheißungen von Belohnung der Tugend sind brüchig, was sich daran zeigt, daß oftmals keine äußerlich sichtbaren Belohnungen auf gute Taten folgen, sondern scheinbar gar das Gute vom Schicksal übel, das Böse vortrefflich bezahlt wird. Außerdem: äußerlich sichtbare Belohnungen, wenn etwa einer für seine Verdienste um den Staat mit Ehren und womöglich mit Reichtum ausgestattet wird, sie spiegeln überhaupt nichts von seinem inneren wirklichen Glücke wieder; er kann nämlich über all diesen Belohnungen schrecklich unglücklich sein, weil ihm vielleicht irgend ein Verdruß, von dem keiner etwas ahnt, an der Seele frißt. Seinen wirklichen und ungeschmälten Lohn hat er aber schon erhalten im Hochgefühl, welches seine guten Werke bei der Ausführung begleitet (zuweilen auch, im Abglanz, wenn er sie später im Geiste nacherlebt). So wie Unglück unsere Schuld, so ist demnach Glück unser Verdienst. Wir wollen dabei unbestimmt lassen, auf welche Weise Schuld und Verdienst mit dem Schicksal und der Göttlichen Gnade zusammenhängen, und wie weit wir mit unserem eigenen Willen überhaupt daran beteiligt sind.

2

Ich bin schuldig, bis in die letzte Konsequenz schuldig an allem Unheil, das mir widerfährt und dazu noch wohl an manchem Unheil, das andern widerfährt. Ich kann mich sträuben und winden wie ich will, mich mit allen Lüsten und Vergnügungen umnebeln, mich mit Arbeit überhäufen, um die Gedanken zu binden und dieses Bewußtsein zuzudecken, ich kann mit den Menschen, mit der Welt, dem Schicksal, mit Gott hadern, mit allen Gericht halten und sie sämtlich schuldig sprechen – ich werde meine Schuld nicht los, und je mehr ich sie auf andere gehäuft, desto gewaltiger, so ist zu fürchten, schlägt einmal die Woge zurück und reißt mich in den Abgrund. Dieses “Schuld Abwälzen” ist zwar allgemein die hauptsächliche geistige Tätigkeit des Menschen, verschafft ihm scheinbare Erleichterung, ist ihm vielleicht natürliches Bedürfnis, um sich an der Oberfläche des Lebens zu halten, für die er geschaffen ist; es kann sich jedoch in Krisen zur Besessenheit steigern, unsagbare Qual verursachen und schließlich einen Geist zerbrechen. Andere zu verklagen ist ja der Versuch, die Schuld, welche auf uns selbst lastet, nicht einzugestehen und sie stattdessen auf die anderen abzuwälzen. Dies geschieht im Selbstgespräch, wenn wir uns gegen die eingebildeten Vorwürfe unserer Nächsten verteidigen, indem wir gleich zum Gegenangriff blasen und ihnen dasselbe und viel Schlimmeres vorwerfen; es geschieht, wenn wir abwesende Dritte verunglimpfen, was ja das liebste Thema allen Zwiegespräches bildet, oder im offenen Streit, wenn wir durch Vorwürfe den Nächsten mit unserem eigenen Unrat zu beladen oder dessen Vorwürfe darunter zu ersticken suchen. Je mehr wir nun auf andere abwälzen wollen, je mehr lastet offenbar, uneingestanden, auf uns selbst. Indem wir aber das Eingeständnis der Schuld nicht zu Wege bringen – dazu reicht unsere Kraft nicht – so kann sie auch nicht durch Sühne abgetragen werden, und weil das Abwälzen auf andere nur ein Scheinmanöver, ein Wunschtraum und in Wahrheit gar nicht möglich ist, erdrückt und zermalmt uns die zunehmende Last allmählich. Unser Unglück und unsere Schuld sind nämlich ein und dasselbe und also gleich groß.

3

Nun scheint aber den Menschen das Gewahrwerden seiner Schuld noch viel schrecklicher anzugehen als sein ganzes Unglück, und eher will er verzweifelt, zerrüttet, ja wahnsinnig sein – als schuldig. Deswegen haben die Ärzte heute eine Krankheit namens Depression gefunden, auf welche sie die meisten Phänomene, die das Unglück ausmachen, zurückführen können: alle Ängste vor Verlust und Kränkung, also Eifersucht, Entschwinden der Selbstachtung, Existenzangst, und die aus diesen resultierende lähmende Lust- und Antriebslosigkeit etc., alles unter Ausklammerung des Schrecklichsten: der Schuld. Die Übel sind dieselben, aber ihre Ursache wurde aus der moralischen Verantwortung genommen und in die Sphäre des Physischen verlegt. Man ist zwar immernoch unglücklich, wird von allen Qualen zum Zerreißen gemartert, aber es ist von nun an doch eine Krankheit wie der Krebs oder die Lungenentzündung, wo die Ärzte untersuchen, Medikamente geben, Linderung oder gar Heilung versprechen können. Von nun an liegt nicht mehr die gesamte Last auf dem Heimgesuchten, er kann, vorübergehend wenigstens, aufatmen, die unermeßliche Schuld an die Krankheit abgeben und dieses noch mit der Zustimmung gelehrter Männer und dem Segen der Wissenschaft – was denn auch die Angehörigen beruhigt und mit der Unerträglichkeit eines solchen Patienten versöhnen mag.

Der Philosoph hilft sich auf andere Weise: statt einer schicksalhaften Krankheit überträgt er den Ursprung seiner Qualen auf das unvermeidliche Schicksal selbst. Das Schicksal läßt ihn so sein wie er ist, sucht ihn mit Ängsten und Schrecken heim; vielleicht um seine Seele zu läutern, vielleicht um ihn zu prüfen, vielleicht auch blind, in jedem Falle aber mit unerschütterlicher Notwendigkeit und seinem freien Willen nimmermehr sich beugend. So bleibt zwar die Qual, doch die alles menschliche Maß übersteigende Last der Schuld ist doch gemildert. Wohl wird dunkel ein Zusammenhang erspürt zwischen Schuld und Schicksal, daß das eigene Schicksal irgendwo identisch ist mit dem eigenen Wesen und daher auch mit dem eigenen Tun und Nichttun, und daß so die Schuld am Ende wieder auf uns zurückfällt. Aber zunächst einmal ist die Verantwortung auf eine dunkle Macht gewälzt, der wir gänzlich ausgeliefert sind, entmündigt also und folglich schuldunfähig.

Freilich kann weder der Arzt noch der Philosoph mit solch betrügerischer, den eigentlichen Kern des Übels umgehender Kur mehr als eine vorübergehende Linderung verschaffen. Sie geben Betäubungsmittel, um den Schmerz zu dämpfen, das Übel selbst berühren sie nicht. Sie lenken den Blick davon ab, obwohl doch das Gegenteil allenfalls Aussicht auf endgültige Heilung böte. Erst wenn wir der Schuld mitten ins Auge sähen, sie auf uns nähmen ohne Wenn und Aber, nicht ein Stäubchen davon übersähen oder auf andere abzuwälzen suchten, erst dann könnten wir hoffen auf Erlösung. In Tolstois Erzählung vom Tode des Iwan Iljitsch finden wir dies vortrefflich dargestellt. Auch dieser wurde erst von seiner physischen und selischen Qual erlöst, als er sein ganzes Leben für verfehlt und sich selbst rückhaltlos an allem schuldig erkannt hatte. Solange er sich und sein Leben noch verteidigen wollte – wie wir es alle fortwährend in unseren inneren Dialogen tun – wurde er von den Falschheiten und Nichtigkeiten des Lebens am Leben festgehalten und von der Todesangst entsetzlich gequält. Nachdem er zuletzt seine Verteidigung aufgegeben, die Schuld angenommen hatte, da wich das Leben und gleichermaßen der Tod von ihm, und er tauchte in ein helles Licht.

Ob dies jedoch einem Menschen auch während seines Lebens möglich ist, will ich nicht beurteilen; gesprochen wird nur von einem, der es erreicht haben soll, und selbst dieser hätte gerne den Kelch an sich vorübergehen lassen. Wir begnügen uns mit Linderung der Symptome und müssen hoffen, daß wir unsere Lage damit nicht verschlimmern.

4

Eine andere, vermutlich wirksamere Kur als die bloße Betäubung, ist die Strafe: Denn die Strafe hat, außer der Abschreckung für andere, noch einen weiteren, tieferen, dem Bestraften selbst zum größten Vorteile gereichenden Sinn. Durch die Schmerzen, welche ihm während der Strafe widerfahren, trägt er seine Schuld ab, zum Teil vor den andern, vor allem aber vor sich selbst, und nur dadurch kann er sich von seiner hauptsächlichen Qual befreien. Den Schuldigen dürstet geradezu, bestraft zu werden, als worin er das einzige Mittel erahnt, seine Verfehlung reinzuwaschen. Bei Plato stellt sich dieses als Verlangen nach Gerechtigkeit, als dem obersten Gute, dar, und er gibt eine Stufenleiter unseres Verhältnisses zu Schuld und Strafe. Am besten steht danach der, der ohne Schuld keine Strafe leidet (ein eher theoretischer Fall); an zweiter Stelle, wer ohne Schuld ungerechte Strafe leidet (auch dies eher so zu verstehen, daß er zwar für etwas, das er nicht begangen, zu unrecht bestraft wird – aber nicht wirklich zu unrecht, denn er hat sich stattdessen an tausend anderen Dingen schuldig gemacht); an dritter Stelle, wer schuldig seine gerechte Strafe leidet; am elendsten aber findet sich, wer trotz Verschuldung, keine Strafe leidet – denn er trägt die Last der Schuld und leidet zudem Unrecht, weil ihm die gerechte Strafe vorenthalten bleibt. Ihm wird keine Hilfe geboten, sich durch Sühne zu erleichtern. In diesem letzten Falle befinden wir uns alle mehr oder weniger, denn solange unsere Vergehen nicht die Gerichtsbarkeit angehen, stehen wir im bürgerlichen Leben mit unseren Kräften zueinander in einer Art Gleichgewicht und können uns deswegen nicht gegenseitig bestrafen. Wohl verschonen uns die andern nicht von ihrer Rache und sparen dabei auch keine Kränkung, Demütigung und Intrige; aber der dabei erlittene Schmerz kann doch allenfalls eine indirekte Strafe sein, weil wir ihn ja nicht als solche anerkennen, uns vielmehr selbst im Recht wähnen und, im Gegenteil, unsern Widersacher, den Rächenden, viel eher einer Strafe würdig finden als uns selbst. Überhaupt wird jede Strafe, solange wir unsere Schuld nicht anerkennen, ihrer unmittelbar reinigenden Wirkung beraubt. Sie wirkt dann allenfalls mittelbar, indirekt und unbewußt.

Aber der Strafe entgehen wir doch nicht: Zuerst, und weil wir schon so tüchtig am mischen sind, können wir in den Topf von Unglück und Schuld gleich auch noch die Strafe werfen: denn an unserem Unglück, über gleich welchen Gegenstand, tragen wir allein die Schuld, und es ist die simultan einhergehende Bestrafung dafür, daß wir die Sache falsch anfassen, die Umstände weder ändern, noch hinnehmen, weder kochen, noch fasten wollen aber jammern, weil keiner uns die Speisen aufträgt. Die Kränkung ist die Strafe für unsern Stolz, der Ärger die Strafe dafür, daß wir uns ärgern.

Ferner könnte man sagen, daß eben dieses Fehlen einer, von uns als solche anerkannten, Strafe die eigentliche Ursache unserer Leiden ist. Denn dadurch kommt es, daß wir ständig getrieben sind und niemals fertig werden, unsere Schuld zu leugnen, sie andern anzuhängen, uns selbst vor andern reinzuwaschen und so als ewig Angeklagte niemals aus der Verteidigung zur Ruhe finden. Bis in unsere Heiterkeit verfolgt uns dieser Zwang, denn unser Humor besteht hauptsächlich darin, über die Schwächen anderer Witze zu machen, womit wir uns selbst von diesen Schwächen freisprechen, oder zumindest weniger behaftet sehen und uns, wenn nicht gut, so doch als Bessere fühlen wollen. Aber durch das Abschieben unserer Schwäche, durch die ewige Verteidigung, durch das beharrliche Leugnen unserer Schuld, wird diese am allerschlechtesten getilgt, und unser Leiden, da die beiden doch zusammenhängen, kommt niemals zur Ruhe.

Unsere Strafe bestünde demnach gerade darin, die Schuld, ohne äußere Manifestationen wie Gefängnis oder Stockschläge, ganz in unserem Inneren heimlich abtragen zu müssen, durch stille, aber nicht weniger schmerzhafte Glut allmählich zu verzehren, anstatt, für alle sichtbar, in einem tüchtigen Feuer den ganzen Unrat mit einem Male zu vertilgen. Denn dieser innere Prozeß verläuft umso schleppender, je weniger wir, da wir ja unsere Schuld leugnen, seine reinigende Wirkung in unserem Bewußtsein anerkennen.

Einer letzten Gerechtigkeit und einer ausreichenden Strafe, in diesem weiteren Sinne, entginge demnach keiner: der eine erhält Stockhiebe, hat aber dafür die Sache abgetan, der andere will sich herauswinden und windet sich bis ans Ende seiner Tage. Dies meint wohl auch Schopenhauer, wenn er die Welt einen Ort der Buße, eine Strafanstalt, a penal colony nennt.

5

Nicht von den großen Verbrechen vor dem Gesetz ist hier die Rede. Die Gesetze mit ihren Strafen sind vor allem zur Herstellung der öffentlichen Ordnung aufgestellt. Hier geht es um Verbrechen gegen unsere eigene Ordnung, und unser innerer Richter mißt nach seinem Maß und wertet eine Lüge, eine Unterlassung oder die bloße Trägheit als Kapitalverbrechen und straft mit lebenslangen Torturen. Den Brecher der öffentlichen Ordnung dürstet nach gesetzlicher Strafe, um sein Vergehen zu sühnen, den bloß moralisch Schuldigen dürstet, im Grunde, nach Leiden gleich welcher Art, wenn sie nur schwer genug sind, das Gewicht seiner Schuld aufzuwiegen. Auch müssen wir annehmen, daß, wenn je ein Schurke seine äußere Strafe nicht erhält, so bestraft ihn ein inneres Leiden desto hartnäckiger – nämlich eben diese qualvolle Sehnsucht nach Bestrafung.

Wie der Tyrann solange sein Volk peinigt und andere Völker versklavt, bis er gewaltsam entmachtet wird, wie der Verbrecher solange raubt und mordet, bis man ihn fängt und in den Kerker wirft, so will jeder Mensch, daß man auch im persönlichen Umgange seinem Verhalten Grenzen setze, denn in seinem Übermut wagt auch er sich immer weiter, versucht seine Macht auszuweiten, unterjocht und drangsaliert seine Umgebung. Bei all diesem Tun häuft sich in seiner Seele eine Gewissenslast, er fühlt, daß er über das ihm Zukommende hinausschlägt, daß er sich mehr anmaßt als er darf, daß er andere quält und erniedrigt und das Gleichgewicht der Macht auf seine Seite verschiebt. Dies lastet auf seinem Gewissen, und doch kann er aus eigenem Antrieb diesen Drang nicht meistern. Er wird, im Gegenteil, von einem inneren Dämon immer weiter in diese verderbliche Gasse gedrängt, bis ihn endlich massiver Widerstand zurückschlägt und ihn selbst verwundet. Jetzt ist im Augenblick ein Teil seiner Gewissenslast abgeschüttelt, mit dem Schmerz fühlt er Befreiung, atmet auf, wird mit einem Male wieder umgänglich, d.h. ein rechter Mensch. Besonders deutlich sehen wir dieses Wechselspiel im Umgange mit unseren Kindern. Je mehr man ihnen durchläßt, desto übler wird ihre Laune, sie werden zänkisch und griesgrämig und beginnen schließlich den, der ihnen die verdiente Schranke vorenthält, zu hassen. Erfolgt nun die Zurechtweisung, so erstrahlt, sobald der erste Schmerz verraucht, ihr Gemüt in neuer unverbrauchter Liebe. Allerdings, je weiter sie heranwachsen, desto unberechenbarer wird die Sache.

6

Wie uns das Glück mit Tugend und Einsicht kommt, so das Unglück mit Verfehlung und Schuld. Das soll nicht heißen, daß jeder Unglückliche ein Schurke sei, sondern daß, wenn er kein vollendeter Schurke ist, er auch noch nicht im tiefsten Abgrund des Unglücks schmachtet. Solange er noch einen Rest von Tugend beweist, sich an ihrem letzten Zipfel festhält, solange spürt er noch Boden unter den Füßen, an sich selbst findet er noch Halt. Glück und Unglück sind Gradmesser unserer Tugend und Verfehlung. Oder: Jeder ist ein guter Mensch und erblüht in seiner Tugend – an einem Tag; doch weckt dies augenblicklich seinen Dünkel und am andern Tage bezahlt er die Rechnung, in seinem Bewußtsein und seiner Selbsteinschätzung wird das Schlechte stärker, der Boden entgleitet und er stürzt.