DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - II

FARBENLEHRE

Über dem Ammersee sah ich einmal die Sonne auf herrlichste Weise untergehen. Bei diesem wunderbaren Schauspiel war kaum eine Farbe ausgelassen: Ich stand zwischen grünen Sträuchern und Bäumen auf einem Steg von braunem Holze. Der See spielte mit Silber, Blau und Schwarz. Das gegenüber zur untergehenden Sonne gelegene Ufer ließ seine bewaldeten Hänge in dunklem Blau erscheinen und je weiter fort, desto mehr in helles Grau übergehend. Die Sonne wandelte sich von hellem Gelb in dunkles Rot, der Himmel von Blau in Purpur, Lila und Violett, welches alles der Wasserspiegel noch einmal darbot. Da habe ich eine Stunde regungslos gestanden und auch dabei gedacht, daß die Farbenlehre Goethes wohl fürs Leben, diejenige Newtons aber fürs Labor erfunden wurde. Obschon jede für sich nicht falsch sein mag. Weil aber das Leben und die Betrachtung der Natur für die größere Zahl der Menschen eine bedeutendere Stelle einnimmt als das Forschen und Grübeln zwischen geschliffenen Gläsern und außergewöhnlichen Lampen, so sollte auch die Lehre Goethes besser verbreitet sein, diejenige Newtons auf den technischen Bereich sich beschränken. Jedenfalls, wer in der Schule einige Brocken der Newton’schen Lehre aufgefaßt, sollte sich nicht dünken, etwas über Licht und Farbe zu wissen oder sich gar ein Urteil anmaßen, welche Lehre sich der Wahrheit besser nähere. Die Newton’sche Lehre ist sicherlich wirksam, um manchen technischen Effekt zu erzielen, an den in der Goethischen nicht gedacht war. Doch das Auge zu schulen, damit es unsere Welt erkenne, dazu ist in keiner Weise förderlich zu wissen, daß die Wellenlänge des roten Lichtes größer als 600 Nanometer sei und daß das Licht über 700 Nanometer immer noch Rot sei, doch von unserem Auge nicht mehr wahrgenommen werde.