DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

FAHREN UND FORTKOMMEN

Auf einer Fahrt wird jeder Geist erregt,
Bewegung ist der Grund des Lebens.
Drum, wer den Geist auf gute Dinge legt,
Reiset nicht vergebens.

In vielfacher Hinsicht ist das allseits so beliebte Fahren und Reisen bei kritischen Geistern in Verruf: Zunächst einmal gilt es bei den Philosophen als schnödes aber ganz unbrauchbares Mittel, sich Langeweile und Sorgen zu vertreiben, denn, so sagen sie, die Langeweile rührt nicht von der Eintönigkeit unserer Umgebung sondern von derjenigen unseres Geistes, und alle Sorgen “macht man sich”, während äußere Umstände nur die Gelegenheiten dazu liefern. Deswegen etwa bei Seneca:


Caelum non animum mutant
Qui trans mare currunt.

Den Himmel, nicht die Seele vertauschen die,
Welche das Meer durchschiffen.

und bei Horaz:


Quid terras alio calentes
Sole mutamus? Patria quis exul
Se quoque fugit?

Was vertauschen wir die warmen Länder
Durch eine fremde Sonne? Der sein Vaterland verlassen,
Ist er auch sich selbst entflohn?

In unserer, sich mehr an dingliche Fragen haltenden Zeit werden vor allem der Lärm, die schlechte Luft und der die Natur überdeckende Straßenbau als unangenehme Begleiterscheinungen des vielen Fahrens gescholten.
Und tatsächlich, wenn man die Massen der Fahrzeuge auf den Straßen, das Gedränge auf Bahnhöfen und Flughäfen ansieht, so frägt man sich zuweilen: wo wollen sie denn alle hin, welch wichtiges Geschäft hat sie veranlaßt, einen solchen Aufwand zu treiben? Und dieser Aufwand steht, alles zusammengenommen, dem kaum nach, welchen die Menschen für ihr Haus und ihre Wohnstätte verwenden. Ihr Verlangen nach Fortbewegung ist nicht geringer als ihre Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit.

Ob Reisen bildet, wie vielmals behauptet, hängt wohl vor allem an der Bildsamkeit des Reisenden und soll hier einmal unbeachtet bleiben. Ganz natürlich aber ist dem Menschen der Fortbewegungsdrang, und dies wird nirgends deutlicher als beim unverbildeten Säugling. Ist ihm unbehaglich und ist er auf keine Weise zu beruhigen, weder durch Singen, noch durch Schaukeln, noch durch Wiegen, so muß man ihn nur kreuz und quer durchs Zimmer tragen oder in seinem Wägelchen durch die Lande karren, und schon beruhigt er sich im Augenblick. Im Auto schreit er bis es endlich fährt und schläft solang es fährt. Hält es, wacht er auf und schreit, fährts, schläft er wieder ein (für strenge Gültigkeit dieser Gesetzmäßigkeit übernimmt der Autor allerdings keine Haftung).

Den Erwachsenen ergeht es ähnlich, und sind sie recht unleidig, so lassen sie sich irgendeinen wichtigen Grund einfallen, warum sie jetzt unbedingt dorthin gehen oder fahren müssen – nur um endlich von der Stelle zu kommen. Da muß dringend etwas eingekauft, ein Besuch gemacht, etwas zur Post gebracht oder von der Reparatur abgeholt werden – nur um endlich fortzukommen und den Seelendrang zu stillen. Darin besteht das äußere Leben der menschlichen Gesellschaft, und würde man alles reduzieren auf das tatsächlich Notwendige, es herrschte geisterhafte Stille auf den Straßen.

Aber das ist nicht nur der Mensch, die gesamte Natur ist von solchem Drang nach Ortsveränderung durchdrungen: Die leblose Materie bereits hält es nicht an ihrer Stelle, es ziehen die Planeten ewig fort in ihrer Bahn, die Wasser müssen fließen von den Gebirgen bis ins Meer, die Wolken aufsteigen, zurück zu den Gebirgen streben, um von dort die nächste Reise anzutreten, die Samen der Pflanzen lassen sich von Wind und Tier in die Ferne tragen, weil es ihnen am alten Ort zu enge wird, die Tiere selbst sind in ihrem innersten Wesen ruhelos, und es läßt sich gar nicht ausmachen, ob sie umherziehen, weil sie Nahrung suchen oder Nahrung suchen, um umherziehen zu können, wie auch des Menschen Freund, der Hund, nachdem er sich am heimischen Napfe satt gefressen, kein höheres Vergnügen findet, als in der freien Welt umherzustreunen.

Um aber auf unseren Spruch zurückzukommen, so ist tatsächlich oftmals zu beobachten, wie mit der äußerlichen Bewegung und dem Fortkommen des Körpers eine innere geistige Regsamkeit erwacht, wie Gedanken aufleuchten und sich fortentwickeln und Probleme zur Lösung gebracht werden, welche bis dahin lange Zeit gestockt. Die Schule des Aristoteles war nicht umsonst die “Umhergehende” genannt, weil ihre Mitglieder stets im Gehen dachten; Cäsar diktierte seine Schriften vom galoppierenden Pferd, und heute sieht man die Züge und Flugzeuge voll schreibender Geschäftsleute vor ihren kleinen Computern sitzend.