DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

ESSEN UND TRINKEN

Wie eine Blume unser Aug erhellt,
Ein lieblicher Gedanke unsern Sinn,
So bringt an Göttlichem in dieser Welt
Ein gutes Mahl den einfachsten Gewinn.

Auch der einfache, alltägliche Vorgang des Essens und Trinkens deutet auf eine Berührung mit der göttlichen Vollkommenheit und führt uns aus dem Zustand des Mangels (den der Hunger allererst bewußt macht) zu dem des Genusses und der Erfüllung.

Denn mancher läßt sich bereden, daß geistiges Streben zwar eine große Sache sei und die Einsichten, welche uns dabei zuteil werden, einen Funken des göttlichen Lichtes darstellten, doch unserem armen Essen und Trinken wird wenig Göttliches zugetraut, und so gerne man sich ihm hingibt, so achtet man es doch gering. Aber selbst wenn es unserer Schwäche ein weites Feld des Mißbrauchs darbietet, so ist es darin doch nicht schlechter als jeder geistige Genuß, denn auch dieser läßt sich leicht mißbrauchen: wenn wir zuviel Fernsehen, unverdaut studieren und uns bilden, nicht um den Geist zu nähren, sondern um vor andern großzutun. Das Gute aber bleibt vom Übel unberührt, und der Genuß wird nicht entwürdigt durch die Völlerei.

Jesus bot den Jüngern nicht eine dünne Hostie dar, sondern ein gut Stück Brot, sich zu sättigen. Dies sollten sie als seinen Leib aufnehmen und erkennen, daß beim Essen der Mensch das Göttliche – in seiner irdischen Form – berührt und unmittelbar die Wohltat verspürt. So war vielleicht weniger an ein Symbol seines Leibes gedacht, wie es beim feierlichen Einnehmen der Hostie herauskommt, als an eine Erhebung des Mahles zur Feierlichkeit.