DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

SPRÜCHE

ERWACHEN

Was wir in des Schlafes hohen Sphären
Eingesogen, drängt sich zu verwandeln,
Will zum irdschen Stoffe lebhaft gären,
Zieht vom Lager uns empor zum Handeln.

Wie der Tod zum Leben, dann das Leben wieder zum Tode strebt, so treibt es den Schlafenden zum Wachsein und den Wachenden zum Schlafe. In Wahrheit ruft uns die Pflicht des Tagewerks nicht stärker, als die Energien, welche wir im Schlaf empfangen, hinaus zum Schaffen drängen.
Und wie uns reinste Stille und Zufriedenheit zuweilen aufregt, hinauszuschreiten in den Sturm der Welt, Abenteuer aufzusuchen, Mühe und Widrigkeit zu dulden, mit keinem andern Zweck, als dieser Ruhe einen Gegenpol zu setzen, so brechen wir des Morgens auf aus süßem Schlummer, das Tagwerk anzugreifen. Würde dies erlassen und eine Fee uns weitern, nimmer endenden, sanftesten Schlaf anbieten, wir würden doch das Ungemach des Tages wählen.

Nichts Anderes ist das Atmen und der Puls des Herzens: Einatmen ist wie Kraftschöpfen im Schlafe, wie das Ausholen zum Wurf, Ausatmen wie Erwachen und das Verströmen dieser Kraft zur Tat. Alles in der menschlichen Natur ist auf Wechsel angelegt und alles Bedeutende auf Wiederholung; das Einzigartige hat seinen Wert in Wiederbringung des Gewesenen.
Nicht genügte unserem Schöpfer die Vollkommenheit der Ruhe, weswegen er uns in jeder Hinsicht zwischen Pole setzt: Gut und Böse, Leben und Tod, Schlaf und Wachen, Hunger und Sättigung, Glück und Leid, Liebe und Haß. Zwischen diesen Umkehrpunkten schwingen wir, von der einzigen göttlichen Kraft gezogen, wie das Pendel einer Uhr im Felde der Gravitation. Ähnlich dem Geigentone, wo einer Grundschwingung höhere Schwingungen mit verschieden starken Amplituden überlagert sind. Der Grundschwingung entspräche unser ewiger Wandel zwischen Leben und Tod, den stärkeren Unterfrequenzen derjenige zwischen Glück und Leid, Gut und Böse, Schlaf und Wachen, die kurzen Schwingungen sind zu vergleichen mit der Atmung und dem Herzschlag. Zusammen geben sie den Ton des Lebens.