DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ZUR NATURWISSENSCHAFT

EINSTEINS PRAGMATISMUS

Als Beispiel dafür, wie Einstein das Denken der subjektiven Erfahrung unterordnet, sei hier angeführt seine Forderung an eine Definition der „Gleichzeitigkeit“:

Der Begriff existiert für den Physiker erst dann, wenn die Möglichkeit gegeben ist, im konkreten Falle herauszufinden, ob der Begriff zutrifft oder nicht. Es bedarf also einer solchen Definition der Gleichzeitigkeit, daß diese Definition die Methode an die Hand gibt, nach welcher im vorliegenden Falle aus Experimenten entschieden werden kann, ob zwei Blitzschläge gleichzeitig erfolgt sind oder nicht. Solange diese Forderung nicht erfüllt ist, gebe ich mich als Physiker (allerdings auch als Nichtphysiker) einer Täuschung hin, wenn ich glaube, mit der Aussage der Gleichzeitigkeit einen Sinn verbinden zu können. (Bevor du mir dies nicht mit Überzeugung zugegeben hast, lieber Leser, lies nicht weiter.)

Kommentar: Daß der Physiker, sofern es ihm um technische Anwendung seiner Wissenschaft zu tun ist, sich eine solche, am Pragmatismus und den Möglichkeiten seiner Meßinstrumente ausgerichtete Definition der Gleichzeitigkeit geben will, sei durchaus zugestanden. Daß aber dem gewöhnlichen Menschen und erst recht dem Philosophen nur gleichzeitig sein darf, was der Physiker mit seinen Instrumenten gleichzeitig einfangen kann, das ist doch eine Anmaßung, die ich nicht freiwillig dulden will (auch wenn ich mir damit ein Verbot zum Weiterlesen einhandle). Es könnte ja dann nirgendwo auf der Welt etwas gleichzeitig mit meiner jetzigen Handlung geschehen, solange keine Möglichkeit zur Hand ist, dies mit physikalischen Messungen zu belegen. Wir besitzen zwar heute gewisse Möglichkeiten der Telekommunikation, doch finden auch diese spätestens in den Weiten des Alls ihre Grenzen, und in früheren Epochen, als das Telefon noch nicht erfunden war, etwa zum Zeitpunkt als Sokrates den Schierlingsbecher trank, wäre in Persien oder China gar nichts geschehen, denn wenn etwas geschehen wäre, so wäre es ja gleichzeitig mit dem Trunk geschehen – was aber, nach Einstein, eine Täuschung wäre, weil man es ja damals nicht hatte messen können und heute, nachdem es längst vergangen, noch viel weniger messen kann.

Wenn ich, in bestimmten Fällen, auf die Geschwindigkeit des Lichts nur aus Interferenzerscheinungen schließen kann, damit aber zu einem dem menschlichen Verstande ganz unbegreiflichen Ergebnis komme, so werde ich doch eher meine Meßmethode für unzureichend ansehen, als meinen Verstand opfern. Einstein aber setzt das Messen über alles, und solange er an seine Meßmethode glaubt, muß sich der Verstand unterwerfen.

Dasselbe gilt später in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie, wo er die Euklidische Geometrie außer Kraft setzen will, weil Lichtstrahlen im Universum von großen Massen gekrümmt würden und deswegen eine Gerade dort nicht mehr eine Gerade und die Winkelsumme im Dreieck nicht mehr einhundertachzig Grad sei. Daß aber die Euklidische Geometrie, ungeachtet dessen wie sie einst entstanden sein mag, von abstrakten Gebilden des Verstandes handelt, welche von keiner Gravitation eines noch so großen Sternes im mindesten verbogen werden, scheint ihm unbedeutend gegenüber den Belangen der empirischen Meßkunst.