DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

DUNKLE PHYSIK

1

Ganz neue Geheimbündler und Magier sind in unserer Zeit heraufgekommen, und ganz neuartiger Zauberformeln bedienen sie sich, mit denen sie den Geist der gelehrten Welt unter dunklen Beschwörungen erstarren lassen. Mit ihren Künsten entfesseln sie gewaltige Energien und markante Zeichen haben sie unserer Epoche eingeprägt. Es sind die Atomphysiker. Ihre Forschungen haben es ermöglicht, mit einer einzigen Bombe Millionen von Menschen zu töten, und die Reaktoren können in Friedenszeiten ebensovielen Menschen Licht und Wärme bringen. In jedem Fall ist es ein Spiel mit dem Feuer, doch ist dies eine Eigentümlichkeit des Lebens überhaupt und sollte uns nicht hindern, vorwärts zu schreiten.

Nicht wenig müssen sie in ihren Erfindungen vom Göttlichen beseelt worden sein, da sie nun den Stoffen der Natur solch ungeheuerliche Kräfte zu entlocken vermögen, und so scheint nicht unangemessen, wenn der Einblick in ihre mathematischen Berechnungen ihnen vorbehalten bleibt, den andern aber wie Zahlenmystik erscheint. Das Geheimnisvolle erhöht die Achtung des gemeinen Mannes vor dem Großen, weswegen auch zuweilen gezweifelt wird, ob nicht die Heilige Schrift, durch Übertragung in die Volkssprache, zwar in der Masse gewonnen, in der tieferen Wirkung aber verloren habe. So will ich den Physikern gar nicht anlasten, daß, wenn sie über die Atomphysik reden, sie ihren Gegenstand eher verdunkeln anstatt aufhellen, da in diesem Falle der Gegenstand wunderbar genug und des Geheimnisvollen würdig scheint. Auch sollten die gewaltigen Naturkräfte besser nicht in eines jeden Hand und Willkür geraten, weswegen eine Verschlüsselung der Zugangswege sehr angemessen scheint.

2

Sowenig allerdings die Delphische Pythia befragt wurde wie man Schießpulver mische, sowenig darf man, glaube ich, die Physiker nach Dingen fragen, welche außerhalb ihres technisch schöpferischen Bereiches liegen, will man nicht das ungereimteste Zeug zur Antwort erhalten. Selbst sosehr in die Zahlenformeln vertieft, glauben sie, die Natur müsse ihnen auch außerhalb der Laborküche gehorchen, im fernsten Raume, in fernster Zeit und gar ihre hergekommenen Gesetzmäßigkeiten aufgeben. So stark aber ist menschliche Magie nicht.

Da unternimmt etwa der Einstein etwas ganz Wunderliches: Mit Hilfe einer besonderen Formel bringt er den Raum und die Zeit und die Schwere in ein Verhältnis zur Geschwindigkeit, dem Quotienten der beiden ersteren, was zur Folge hat, daß uns eine Elle nicht mehr eine Elle, eine Stunde nicht mehr eine Stunde, ein Pfund nicht mehr ein Pfund bleibt bei demjenigen, der sich in der Welt fortbewegt und je schneller die Bewegung, desto weniger. Vornehmlich soll für uns Ruhende die Uhr des Eilenden langsamer schlagen, sein Leib kürzer und dabei zugleich schwerer werden. Der Eilende selbst aber soll dabei denken, er sei in Ruhe und wir würden uns stattdessen gegen ihn bewegen, und also müßte, in seinen Augen, unsere Uhr langsamer gehen, unser Leib kürzer und schwerer werden. Eine größere Verwirrung konnte ein menschlicher Geist für den menschlichen Geist nicht aussinnen – und doch geschah es in der vermeintlichen Absicht, Erkenntnis über die Natur zu gewinnen

Man könnte sich nun leicht über solche Ungereimtheit beruhigen und sagen: So besonders ist das ja nicht, wir kennen etwas Ähnliches schon aus unserer täglichen Erfahrung: Wenn sich zwei voneinander entfernen, scheint es auch jedem, als würde der andere kleiner und er selbst bliebe wie er ist. Was Anderes, nur in anderem Maßstabe, beschreibt also die Relativitätstheorie? Anstatt der sich voneinander Entfernenden, geht es hier um zwei sich relativ zueinander Bewegende, und außer der räumlichen Verkürzung, kommt noch eine Dehnung der Zeit und der Masse hinzu. Ansonsten aber im Grunde nichts Neues, und wie wir uns an das Phänomen des beiderseitigen Kleinerwerdens bei Entfernung gewöhnt haben, so werden wir uns auch allmählich an das beiderseitige Kleiner- und Jünger- und Schwererwerden in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit gewöhnen.

Mir scheint aber dabei doch ein wesentlicher Unterschied: Während wir das Kleinerwerden durch Entfernung schnell als optische Täuschung verstehen und nicht glauben, der sich Entfernende schrumpfe durch die Mühen seines Ganges zusammen, und während wir Optik und Euklidische Geometrie einspannen, um das Phänomen auch wissenschaftlich als Täuschung zu entlarven, geht Einstein den entgegengesetzten Weg und versucht, uns mit Physik und Mathematik zu überzeugen, daß es sich, bei seinen Verschiebungen, eben nicht um Täuschung, sondern um allerernsteste Realität handle. Dabei geht er allerdings verschlungene Wege, denen wir nur folgen können, wenn wir uns der Logik und des Verstandes, als einem zu sperrigen Gepäcke, zuvor entledigen. Man kommt sonst schnell zu der Auffassung, der gescheite Mann sei ganz und gar besessen von der Idee, etwas völlig „Neues“, „Sonderbares“ und jedenfalls „Originales“ auf die Welt zu bringen und habe sich daher um solche „Kleinigkeiten“ wie den logischen Zusammenhang der Gedanken und deren Zusammenklang mit der Natur nicht mehr kümmern können. Es mag ihm und seinen anhängenden Fachkollegen dabei auch tatsächlich ergangen sein wie den neueren Künstlern, die ebenfalls so sehr in ihre Einfälle verliebt sind, daß sie sowohl handwerkliches Können, als auch Getreue zur Natur nur mehr als lästige Fesseln empfinden, welche sie im Taumel ihrer Inspirationen von sich schütteln.

Zunächst will er uns auf seine Abenteuer einstimmen und versucht, mit einem wahrhaft naiven Trick, (der allenfalls noch zu entschuldigen ist unter der Annahme, daß er ihn selbst nicht durchschaut), glaubhaft zu machen, daß, schon aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Meß- und Vergleichsmöglichkeiten, jeder seine eigene Zeit mit sich herumtrage. Sein zu diesem Zwecke aufgestelltes, berühmtes und allseits von den Physikern übernommenes Beispiel mit dem ruhenden Beobachter am Bahnsteig, dem fahrenden Beobachter im Zug und den beiden Blitzen, deren Einschlagen die Beobachter unterschiedlich wahrnehmen, ist aber allein schon Beweis genug, daß logisches Denkvermögen nicht mit dem erwählten Berufsstande erworben wird. Logisches Denkvermögen finden wir bei Künstlern und Bauern, Psychologen und Hausfrauen nicht seltener als bei Physikern und Mathematikern und bei ihnen, entgegen der landläufigen Meinung, ebenso häufig eine eklatante Unterentwicklung desselben. Es ist auch keineswegs so, daß nur diejenigen, die von Natur logisches Denkvermögen mitbringen, an Physik und Mathematik ihre Freude fänden und also ein solches Fach zum Berufe wählten, denn man kann sich auch in diesen Fächern sehr wohl mit leichter Auffassung, einem guten Gedächtnis und, wie überall, mit Übung helfen. Was dann am Ende Ruhm und Ansehen verschafft, hängt ohnehin mehr an der Beredsamkeit, mit welcher einer seine Sache in das günstigste Licht zu stellen weiß.

Damit wollte ich allerdings nicht sagen, logisches Denkvermögen sei Voraussetzung für bedeutende geistige Leistungen, ja ich würde fast vermuten, daß die größeren Leistungen auf ganz anderen Fähigkeiten beruhen. Aber im vorliegenden Falle will Einstein ja gerade mit logischer Beweisführung seinen Ideen Gewicht verschaffen, und da ist freilich peinlich, wenn’s mit der Logik kränkelt.

Um die Verkehrtheit seines hypothetischen Experimentes mit der Eisenbahn und den Blitzen auch für den Laien noch deutlicher zu machen, sei mir erlaubt, die Szene auf einen anderen Schauplatz zu verlegen: Dort soll sich, genau in der Mitte zwischen zwei in einiger Entfernung stattfindenden Schlachten, der Feldherr befinden. Von beiden Heeren des Feldherrn soll nun zur gleichen Zeit ein Bote zu ihm abgehen, um den Sieg über die Feinde zu vermelden. Weil sie gleich lange Wege und gleich gute Pferde haben, werden sie also auch gleichzeitig eintreffen und ihre gute Nachricht überbringen, und der Feldherr, der dies alles weiß, kann wiederum zurecht daraus schließen, beide Schlachten seien zur selben Zeit gewonnen worden. Nun dieselbe Szene abgewandelt: Wäre der Feldherr ungeduldiger, und würde er, zum Zeitpunkt, da die Boten an ihn abgehen, selbst in Richtung des einen Heeres aufbrechen, dann würde der Bote, dem er entgegengeht, früher seine Nachricht überbringen können, der andere aber, dem er gewissermaßen vorauseilt, später. (Der physikalisch kundige Leser erkennt im abwartenden Feldherrn Einsteins Beobachter am Bahnsteig, im aufbrechenden Feldherrn den Beobachter im fahrenden Zug und in den Boten die Lichtstrahlen der eingeschlagenen Blitze wieder (Einsteins Relativität der Gleichzeitigkeit)).

Soweit ist auch alles noch in der Regel. Aber nun folgt das Husarenstück Einsteins, der nämlich, auf unsere Szene übertragen, behauptet: Der ungeduldige Feldherr, der die eine Siegesbotschaft früher erhält als die andere, muß daraus schließen, daß der eine Sieg auch wirklich früher stattgefunden habe! Und weil dem so wäre, müßten wiederum wir schließen, daß es verschiedene Gleichzeitigkeiten und überhaupt verschiedene Zeiten gäbe, je nach dem sich einer gegenüber einem Ereignis bewege oder stille stehe.

Das heißt aber doch, daß Einstein den bleibenden Feldherrn für einen klugen Mann hält, der aus dem gleichzeitigen Eintreffen der Boten, ihren gleichschnellen Pferden und der gleichen Entfernung zu den Schlachtfeldern vernünftig schließt, die Siege seien gleichzeitig errungen worden. Den ungeduldigen Feldherrn hingegen macht er zum Trottel, aber nicht wegen dessen Ungeduld, was ja gewissermaßen verständlich wäre, sondern indem er ihn, ohne jegliche Prüfung der Umstände, glauben läßt, derjenige Sieg, der ihm zuerst gemeldet wird, habe auch als erster stattgefunden – fast so, als müsse für jeden das Weltgeschehen in der Reihenfolge ablaufen, in der er es am andern Morgen in der Zeitung liest.

Einstein will uns weismachen, ob einer fahre oder stehe komme physikalisch auf dasselbe heraus, denn bei gleichförmiger Bewegung könne ja der Fahrende durch Messungen gar nicht feststellen, ob er selbst nicht vielleicht stehe und dafür die Welt an ihm vorüberzöge. Das mag nun, bei aller Abstrusität des Gedankenganges, wenigstens rein logisch nicht verkehrt sein. Daß aber sein fahrender Beobachter zu einer anderen Einschätzung der Gleichzeitigkeit von Ereignissen kommt, hat nicht damit zu tun, daß er fährt, sondern nur, daß Einstein ihn entweder zum besagten Trottel macht, oder aber ihm vortäuscht, er befinde sich, relativ zu den Ereignissen, im selben Falle wie der ruhende Beobachter: Der ruhende Beobachter ruht im Verhältnis zu den Ereignissen, und die Entfernung zu denselben bleibt also konstant. Seinem fahrenden Beobachter suggeriert Einstein, wie man annehmen muß, dasselbe, nämlich er ruhe im Verhältnis zu den Ereignissen, und die Entfernung zu denselben bliebe ebenfalls konstant – aber dem ist in Wahrheit nicht so, denn der fahrende Beobachter nähert sich ja selbst dem einen Schauplatz und wird den von dort abgegangenen Boten notwendigerweise früher empfangen, vom andern Schauplatz aber entfernt er sich, wird vom dort abgegangenen Boten also erst später eingeholt. Wüßte Einsteins fahrender Beobachter um seine Bewegung – wie sein ruhender um seine Ruhe weiß -, so könnte er leicht diese mit in sein Kalkül nehmen und käme, hinsichtlich der Gleichzeitigkeit besagter Ereignisse, zum selben Ergebnis wie der Ruhende. Täte er dies nicht, dann wäre er ebenfalls ein Trottel, und so bleibt uns nur der Ausweg, daß er von Einstein, vielleicht wider besseres Wissen, betrogen wird.

Auf solche Weise läßt sich also die ersehnte „Relativität der Gleichzeitigkeit“ und die für jeden anders verstreichende Zeit nicht hervorzaubern. Aber aus solch plumpen Irrtümern nährt sich die Relativitätstheorie, und der heutige Leser wird mich schon deswegen für unglaubwürdig halten, weil er selbst nicht glauben kann, daß von Einstein, dem intelligentesten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, zusamt den zahllosen intelligenten Physikern, die seitdem seine Theorie verteidigen, ein solch offensichtlicher Denkfehler nicht bemerkt worden wäre. Glaube mir, lieber Leser, auch ich stehe einigermaßen fassungslos vor der allerdings unbestreitbaren Tatsache, daß die selben Männer, die in der technischen Physik während der letzten hundert Jahre wahrhafte Wunderwerke vollbrachten, sich gleichzeitig mit derartig fadenscheinigen und falschen Begründungen zum Aberglauben an die Relativitätstheorie haben überreden lassen. Aber es ist ein Beweis mehr, daß weder Intelligenz, noch Zivilisation, weder Aufklärung, Rationalität oder Atheismus vor offensichtlichstem Aberglauben bewahrt – und finde ich nicht, wenn ich mich selbst seziere, überall Überzeugungen, von deren Wahrheit ich nicht das geringste Urteil haben kann?

Doch eigentlich hat dieses an Verkehrtheit kaum zu übertreffende Beispiel mit der Relativitätstheorie überhaupt nichts zu schaffen, und ich verstehe selbst nicht, warum es dort angeführt ist. Ich kann mir nur vorstellen, daß Einstein diesen fehlenden Zusammenhang selbst gar nicht bemerkt und es nur hingeschrieben hat, weil es ihm gerade geeignet schien, den Verstand des Lesers aufzuweichen für sein eigentliches Anliegen. Er mag sich gedacht haben: „Wenn der Leser erst einmal geschluckt hat, daß es schon bei fahrenden Zügen zu Verschiebungen der Zeit kommt, so wird er sicher gefügig sein, wenn ich später solche Verschiebungen von Zeit und Raum benutze, um das Rätsel der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zu lösen.“ Denn auf seine Idee, jeder habe seine eigene Zeit, seinen Raum und sein Gewicht, nach dem Maße wie er sich relativ zu anderen bewege, kam er nicht wegen des Unsinns aus dem obigen Beispiel, sondern weil er sich durch andere Physiker von einer ebenso gravierenden Ungereimtheit hatte überzeugen lassen, nämlich von der immer gleichbleibenden Geschwindigkeit des Lichts, welche, unabhängig von jeglicher Bewegung, sowohl der Lichtquelle als auch des Beobachters, gemäß einem Naturgesetze festgeschrieben sei (Zur Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts). Aus der grotesken Lage, in welche diese ebenso verquere wie den menschlichen Verstand schwindelnd machende Behauptung geführt hatte, glaubte Einstein einen genialen Ausweg gefunden zu haben, eben durch seine Idee, die Konsistenz der Zeit und des Raumes künftighin für aufgehoben zu erklären – und an diesen „genialen Ausweg“ glaubt heute noch die Mehrzahl derjenigen Physiker, die sich entweder unter vielem Schweiß den Verstand für das Unfaßliche der Relativitätstheorie weichgeknetet, oder mit gutem Gedächtnis die Formeln und Sätze gelernt haben. Daß sie allesamt in hundert Jahren weder bemerkt haben, daß ihr vielgerühmtes Beispiel mit dem Bahndamm und dem Zug ein bloßer Denkfehler ist, noch daß es mit ihrer Theorie (vom bloßen Wortgeklingel „Relativität der Gleichzeitigkeit“ abgesehen) nicht das mindeste zu schaffen hat, ist ein weiteres Indiz für die Art und Weise wie in diesen Kreisen „gedacht“ wird.

Die umfassendste und gedanklich klarste, wenn auch, wie in dieser Streitsache üblich, etwas polemische Widerlegung der Relativitätstheorie habe ich bei Kurt Pagels gefunden. Dort klärt sich alles Undurchsichtige und Wage mit einem Male auf, als wenn der Morgennebel bei heraufsteigender Sonne einem heiteren Tage weicht. Pagels zeigt, wie sich sämtliche Phänomene, sämtliche Experimente, auf welche sich die Relativitätstheorie stützt, aus denen sie geboren wurde, in einfachster Weise mit klassischer Physik – und damit dem menschlichen Verstande verdaulich – erklären lassen. Daß man bei der Kritik dieser Theorie zur Polemik neigt, läßt sich daraus erklären, daß sie dem klar denkenden Kopfe ebenso widersinnig erscheint, als sie andererseits in Mode und Ansehen steht und kaum einer wagt, sich dieser Übermacht zu widersetzen – nicht zuletzt aus Furcht, man könne seine Intelligenz anzweifeln, denn sie steht ebenso in dem Rufe, nur von den Intelligentesten begriffen zu werden, was freilich einem Freibrief, ja der Narrenfreiheit gleichkommt. In der Tat ist sie nicht nur schwer sondern überhaupt nicht zu begreifen, weil sich das Denken bereits ihrem eigentlichen Kern, der absoluten Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, von vorneherein widersetzt; sodann aber, weil Einstein und seine Anhänger von Natur einen Hang zum Sprunghaften, Phantastischen haben und es bei ihren Herleitungen mit der Logik nicht sonderlich genau nehmen. Da wird irgendetwas behauptet, in eine Formel gesetzt, und schon ist ein neuer Beweis gezimmert. Dem naiven Leser, der versucht, das alles mit seinem Verstande nachzuprüfen, wird schwindelig, und kleinlaut lenkt er ein, in der Hoffnung, die gescheiten Männer und Nobelpreisträger werden wohl gewußt haben, was sie da tun. Wer dies einmal durchschaut hat, kann sich kaum mehr der Polemik enthalten, zumal er ja wie ein David vor dem Goliath steht und sich also schwer tut, in stoischem Selbstvertrauen zurückzulehnen und die Armen auf ihren menschlichen Irrwegen gehen zu lassen.

3

Aber gut, ich will mich einmal von allem Gewohnten oder Gelernten lösen. Immerhin begegnen uns auch in anderen Bereichen des Lebens die wunderlichsten Dinge, und grundsätzlich können wir nichts für unmöglich halten. Es gibt in unserem Bewußtsein ja tatsächlich genügend solcher Phänomene wie Verschiebung der Zeit, des Raumes, der Masse von Körpern und anderer Größen. Für mein Verständnis lassen sie sich in drei Sphären einteilen:

Zum ersten die subjektive Empfindung: Unser Gefühl für Raum, Zeit und Masse ist nicht absolut, eine Wegstrecke erscheint uns einmal länger, einmal kürzer, die Zeit vergeht uns zuweilen schneller oder langsamer, und ein Körper, den wir gestern rüstig trugen, ist uns heute unerträglich schwer.
Ein leeres Zimmer nimmt in meiner Erinnerung zuverlässig die doppelte Größe an, so daß ich, in Gedanken, mühelos meine Möbel darin aufstellen kann, im richtigen Maßstabe aufgezeichnet, scheint es mir wiederum viel zu klein, und erst beim Einzug zeigt sich ein Mittelweg, der die Gegebenheiten trifft.
Eine Strecke von zehn Metern in der Ebene ist wenig, senkrecht nach oben schon beträchtlich mehr, und ein furchtbarer Abgrund tut sich dem auf, der, auf einem Balken stehend, von solcher Höhe in die Tiefe blickt.
Ein Jahr vergeht uns in der Jugend langsam, im Alter schnell, in der Erwartung ist es lang, in der Rückschau kurz.
Auch unser Gefühl für Wärme und Kälte läßt sich nicht von den Ausdehnungseigenschaften des Quecksilbers bestimmen. Dieselbe Lufttemperatur, die uns in einer engen Kammer ersticken läßt, empfinden wir in der freien Natur, im Schatten eines Baumes, als das Angenehmste von der Welt, dieselbe Zimmertemperatur, die wir bei großer Kälte im Winter für zu kühl halten, ist uns im Sommer, bei großer Hitze, zu warm.

Als weitere Spähre nenne ich die metaphysischen Erscheinungen: Unser Bewußtsein durchbricht zuweilen die Grenzen der Natur, überwindet das gewöhnliche Nacheinander der Ereignisse, sowie das Nebeneinander und die Trägheit. Dies geschieht im Traum, im Déjà-vue-Erlebnis (wo wir uns sicher sind, ein real eintretendes Ereignis schon einmal erlebt zu haben) und in jeglicher Form von Wahrsagung, Gedankenübertragung, Telekinese usw. Als Beispiel will ich einen Traum anführen, der mich zur Zeit des Vietnam-Krieges als Berichterstatter in dieses vom Unheil heimgesuchte Land versetzte. Über mehrere Jahre hinweg war ich in gefährliche Abenteuer verwickelt, mit Schicksalen der Einwohner und der amerikanischen Soldaten verbunden und entkam selbst nur knapp dem Tode. Da erwachte ich plötzlich und hörte, wie im Radio ein Nachrichtensprecher eben einen Satz zu Ende führte, dessen Inhalt exakt an das Ende meines Traumes anknüpfte. Die Nachrichtensendung dauerte insgesamt fünf Minuten, die Nachricht über den Vietnamkrieg konnte kaum eine Minute gedauert haben, bevor ich erwachte und den letzten Satz zu Ende sprechen hörte. Kein Zweifel, daß diese Nachricht die Anregung meines Traumes war, der mich in Jahre intensiver Erlebnisse entführt und dabei vielleicht nur Sekunden gedauert hatte. Ähnliches ist jedem schon begegnet, wenn er durch ein Klopfen an der Tür aus seinem Schlaf gerissen wurde. Da spinnt sich noch schnell ein erlebnisreicher Traum zusammen, dessen Handlung in eben diesem Klopfen mündet. Das Klopfen dauerte eine Sekunde, der Traum, der uns so wirklich wie die reinste Wirklichkeit erschien, währenddessen Stunden oder Tage.
Welche Verschiebung oder gar Auflösung von Raum und Zeit uns in Meditation und Gebet begegnen mag, will ich hier unberührt lassen.

Schließlich die relativistische Physik, wo man sich entschlossen hat, gewisse Phänomene des Lichts und der elektromagnetischen Wellen so zu interpretieren, als gäbe es verschiedene Zeiten, Längen und Massen für ein und dasselbe Ding, je nach dem es sich bewege oder ruhe, und bald an diesem Kuriosum einen solchen Gefallen fand, daß man die Ansicht der verschiedenen, bloß von der Geschwindigkeit abhängigen Welten verallgemeinerte und der Phantasie freien Lauf gab, Menschen in Raumschiffe zu setzen und ihnen Größe, Gewicht und Alterung fortan mit dem Gaspedal zu steuern.

Der Leser hat leicht bemerkt, wie ich von diesen drei Sphären, in denen uns Phänomene wie Zeit- und Raumverschiebungen begenen, sowohl den subjektiven Empfindungen wie auch den metaphysischen Erscheinungen mehr Wohlwollen entgegenbringe als den Interpretationen Einsteins. Während ich die ersteren vollkommen gelten lasse, ihnen zuweilen gar höhere Wirklichkeit beimesse als den Tatsachen, die wir mit unseren Meßinstrumenten beweisen wollen, bin ich in der Physik, in der sogenannten realen Welt, doch eher ein Biedermann. Hier hafte ich noch immer an der Vorstellung, daß Raum und Zeit die Bedingung aller materiellen Erscheinungen sind, selbst von diesen aber nicht abhängen, ihnen also nur die Bühne für ihren Auftritt bereitstellen. Der Raum läßt die Dinge nebeneinander erscheinen, die Zeit läßt sie aufeinander und, als Ursachen und Wirkungen, auseinander folgen, doch machen die Dinge nichts mit dem Raum und nichts mit der Zeit.

Einen leeren Raum können wir uns, von den Strahlungen, die ihn durchsetzen, abgesehen, leidlich vorstellen, indem wir aus einem gefüllten nacheinander sämtliche Dinge herausnehmen, hingegen die Dinge ohne Raum sind gänzlich unvorstellbar, und ebenso ist es mit der Zeit, die wir uns selbst aus einem Vakuum nicht herausdenken können. Die Dinge können weder den Raum verkürzen, noch die Zeit auseinanderziehen, gleichviel wie schnell sie sich bewegen, denn es gibt nur eine Zeit und einen Raum, und alles, was in die Welt tritt, muß sich diesen fügen. Wenn zwei Uhren nicht gleichschnell zu gehen scheinen, so würde ich die Ursache dafür immer irgendwo in ihrem Mechanismus oder in der Methode und Beschränktheit der Vergleichsmöglichkeiten (Eigenheiten der Lichtausbreitung etc.) suchen, niemals aber den Gedanken zulassen, es könne für jede eine eigene Zeit geben.

Als experimenteller Beweis für die Relativitätstheorie wird hauptsächlich angeführt, daß bestimmte Elementarteilchen mit Zunahme ihrer Geschwindigkeit länger bestünden und weiter flögen, bevor sie sich zersetzten oder in andere Formen der Materie auflösten. Dies könne beweisen, daß für solche Teilchen eine andere Zeit gelte und ihre Uhren langsamer liefen – und dies müsse, darüber hinaus, für alle Körper gelten, die eine ansehnliche Geschwindigkeit gegen uns hätten. Einem solchen Schluß würde ich jedoch alle anderen Möglichkeiten und denkbaren Ursachen vorziehen, denn was auch immer diese Teilchen dazu bewegt, länger zu „leben“ und weiter zu fliegen, so haben sie doch keine Uhren, die wir mit den unsrigen vergleichen könnten und schon gar keine eigene Zeit. Es sind, streng genommen, nicht einmal Teilchen, sondern irgendwelche Meßdaten, die wir in unseren Hypothesen zu Teilchen machen. Aus solchen Messungen beweisen zu wollen, daß es verschiedene Zeiten und Räume gebe, ist schon mehr als vermessen.

Obschon es ein ehrenwertes Ziel der Wissenschaft ist, die Natur mit möglichst einfachen Gesetzen zu ordnen, würde ich, in diesem Fall, eine kompliziertere und weniger einheitliche mathematische Behandlung eines solchen Phänomens jeder Spaltung der Zeit vorziehen, die mir wie Schizophrenie erscheint. Das Verständnis der Natur wird auch durch die Relativitätstheorie keineswegs vereinfacht, sondern, im Gegenteil erschwert, ja unmöglich gemacht, weil keiner begreifen kann, wie eine Uhr zugleich schneller und langsamer gehen soll. Einstein aber hat der Ästhetik seiner Theorie den gesunden Menschenverstand zum Opfer gebracht.

Wenn zu rein technischen Zwecken die relativistische Denkweise irgendwo einen Vorteil brächte, könnte man sie einstweilen (bis sich eine bessere fände) als Hilfsmittel gelten lassen und – zum Spiel – so tun, als gäbe es verschiedene Zeiten und Räume usw. In der allgemeinen Naturerkenntnis jedoch scheint sie mir tausendmal mehr Verwirrung zu stiften, als sie in der mathematischen Behandlung einzelner Phänomene Vereinfachung gebracht haben mag. Die wenigen Fälle, in denen die Relativitätstheorie überhaupt zur praktischen Anwendung kommt, wären wahrlich ökonomischer selbst mit einem komplexeren Verfahren behandelt, anstatt nunmehr bereits vier Generationen von Physikern in langwierigen Prozeduren das Unfaßbare einzutrichtern und der Menschheit mit elastischen Zeiten und Räumen die Köpfe zu verdrehn. In Wahrheit bedarf es jedoch gar keines komplexeren Verfahrens, da sich mit einfacher klassischer Physik alles beschreiben und obendrein vom Verstande nachvollziehen läßt, wie es uns etwa Pagels vorführt.

4

Ich will aber einmal meine Abneigung gegen Spaltung und Verformung von Zeit und Raum, in der realen, physischen Welt unseres gewöhnlichen Bewußtseins, beiseite legen und will auch diese, willkürlich von mir vorgenommene Einteilung in drei Gebiete, in denen die Einheitlichkeit der Zeit und des Raumes entweder aufgelöst oder gestört sein kann, zu einer einzigen Wirklichkeit zusammenfassen. Dann könnte man allerdings sagen: In dieser Wirklichkeit ist prinzipiell alles möglich, es kommen Verschiebungen, Dehnungen und Kürzungen der Zeit und des Raumes in beliebigen Kombinationen darin vor, und was uns dergleichen in der relativistischen Physik begegnet, ist nur eine spezielle Erscheinungsform dieser universalen Elastizität. Und andererseits könnte man von dieser alles einschließenden Wirklichkeit sagen: Die Einheitlichkeit des Raumes und der Zeit ist, obschon sie unserem gewöhnlichen Bewußtsein zugrunde liegt, wiederum nur eine unter vielen möglichen Erscheinungsformen der Dinge.

Damit wären allerdings die Physiker mit den Träumern und Geistersehern auf eine Stufe gestellt, wogegen sie sich sicherlich aufs Heftigste verwahren, obwohl, nebenbei bemerkt, eigentlich nicht klar ist, mit welchem Recht sie ihren Erkenntnissen einen höheren Wahrheitsgehalt beimessen. Denn daß sich ihre Hilfsmittel und Verfahren, etwa die Mathematik, nicht auch auf Träume und das Geisterwesen anwenden lassen, zeigt mir nur ihre eigene Begrenztheit, schmälert aber nicht im mindesten die Wirklichkeit und Bedeutung der letzteren.

Unsere hier aus den zuvor getrennten Teilen zusammengesetzte Wirklichkeit, in der jegliche Verschiebung und Verformung für wahr und wirklich genommen würde, hätte nun einerseits den Vorteil der Universalität, weil jedes Ding und jedes Phänomen, das uns begegnen mag, seinen gleichberechtigten Platz unter anderen einnähme (also auch die Vorstellung einer absoluten Konstanz der Lichtgeschwindigkeit samt ihren relativistischen Folgen) und wir des schwierigen Urteilens, was denn nun wirklich sei und was nicht, gänzlich enthoben wären: Bereits die Tatsache, daß es in unser Bewußtsein tritt, machte es zur Wirklichkeit, und wir bräuchten unsere Urteilskraft nur noch darauf zu verwenden, welche Bedeutung und Wichtigkeit es für uns gerade haben mag.

Andererseits läge ein großer Nachteil dieser universalen Wirklichkeit darin, daß sie unseren Alltagsverstand bei weitem überforderte. Dieser will nun mal, daß alles, was uns geschieht, sich wie die Perlen einer Kette aneinanderreihen läßt, daß immer eines nach dem andern kommt, allenfalls zwei Ereignisse gleichzeitig stattfinden – und selbst dies, bei genügend genauem Hinsehen, sich vielleicht als ein feines Nacheinander enthüllen würde. Niemals wird der Verstand akzeptieren, daß jeder seine eigene Perlenschnur aufzieht und dieselben Ereignisse bei verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten stattfinden. Dieses selbe Aneinanderreihen, welches unserem Verstand so natürlich und gemäß ist, treibt die klassische Physik als Wissenschaft, und es ist ja gerade ihr Verdienst, daß sie die Phänomene, welche uns in der freien Natur begegnen, durch menschliche Gesetze in eine Ordnung bringt und so die Natur unserem Verstand gefügig und also verständlich macht. Die Erscheinungen, welche gewöhnlich in einem völligen Durcheinander und mehr zufällig in unserem Bewußtsein auf- und abtauchen – ein Durcheinander, das wir nur deswegen nicht bemerken, weil unsere Aufmerksamkeit immer ganz von der jeweils aktuellen Erscheinung aufgesogen ist und sich von einer zur andern fortreißen läßt – diese Erscheinungen ordnet die klassische Physik in einer Weise, wie sie unserem Verstand am angemessensten ist, d.h. sie stellt alles in einem Raum nebeneinander und läßt alles in einer Zeit nacheinander geschehen. Sie unterstützt damit den Verstand in seiner ihm eigenen und natürlichen Tätigkeit.

Wenn nun die Physik darangeht, dieses einfache, unserem Verstande angemessene Ordnungssystem zu erweitern, mehrere Zeiten und nichtkonsistente Räume zuzulassen, so wird sie zumindest dieser Aufgabe, dem Verständlichmachen der Natur, nicht mehr gerecht. Nach meiner Einschätzung täte sie besser, alle Phänomene, die sie aus irgendeinem Grunde noch nicht in der klassischen und also dem Verstande gemäßen Weise erklären kann, zunächst einmal nur festzustellen, zur technischen Anwendung auch mathematisch zu beschreiben, im übrigen sich aber jeglicher Interpretation zu enthalten, bis vielleicht einmal eine Theorie sich findet, welche sowohl die Phänomene als auch die Denkweise unseres Verstandes befriedigt. Sie könnte so ihre zweite Aufgabe, Erkenntnisse für den technischen Fortschritt zu gewinnen, erfüllen, ohne die erste, Erkenntnis der Natur zu gewinnen, ins Absurde zu verkehren. So aber ist wahrhaftig der Bock zum Gärtner geworden.

Ich glaube, daß die Eitelkeit der Physiker hauptsächlich Schuld hat an der relativistischen Verwirrung. Zum einen sind sie von selbstgefälliger Verliebtheit in phantastische Theorien getrieben, zum andern auch von der Furcht, sich durch Nichtwissen eine Blöße zu geben. Denn nehmen wir einmal an, sie haben sich wirklich keinen Rat gewußt, wie sie das Michelson-Moreley-Experiment vernünftig interpretieren sollten, so haben sie sich offenbar geschämt, dies zuzugeben und hätten ihre Wissenschaft entwürdigt gefunden, wenn sie auf die Frage nach dem physikalischen Sachverhalt hätten antworten müssen: Nun, das Wie der Sache kann ich dir angeben und sogar mathematisch beschreiben, über das Warum und die Ursache allerdings weiß ich noch nichts zu sagen. Statt sich solcher Blöße auszusetzen, erfanden sie lieber eine absolute Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und, in Folge, eine dehnbare Zeit und einen kompressiblen Raum, womit sie dann nicht allein eine „Ursache“ präsentieren konnten, sondern zugleich noch als Genies auftreten, welche das gänzlich Unfaßbare mit reiner Intelligenz und gar noch mit Mathematik bezwingen.

Daß die Relativitätstheorie zu den widersprüchlichsten und unsinnigsten Vorstellungen führt, hält die Physiker zwar in ihrem forschen Gange nicht mehr auf, doch sei zum Abschluß dem Kuriosen noch ein Epilog gestattet: Wir erwähnten bereits das Paradoxon, nach dem einer langsamer altern würde, wenn er mit hoher Geschwindigkeit durchs Weltall flöge, dabei aber denken müßte, es sei umgekehrt, wir blieben jung und er altere wie gewöhnlich, weil es ihm ja schiene als flögen wir und er sei in Ruhe.

Des weiteren, daß bei einer endlichen Geschwindigkeit, nämlich derjenigen des Lichts, ein sich mit dieser Geschwindigkeit bewegender Körper unendlich schwer werden, d.h. aus Endlichem durch Endliches Unendliches werden soll. Dieses scheint mir ebenso unnatürlich wie die willkürliche Festlegung der Lichtgeschwindigkeit als höchste, in der Natur vorkommende Geschwindigkeit. Es sind dies bloße Hirnprodukte, welche daher rühren, daß man eine mathematische Formel mit der Wirklichkeit verwechselt (Grenzen der Natur). Einstein versucht zwar, sich herauszureden, indem er die Lichtgeschwindigkeit als eine Grenzgeschwindigkeit bezeichnet, die von keinem wirklichen Körper erreicht werden könne, aber er leitet auch dies bloß ab aus seiner sonst vollends unsinnig werdenden Formel, und verleiht, um das Schlimmste zu verhindern, seinen Lichtkörperchen, den Photonen, noch schnell die Ruhemasse Null, denn sonst wären sie, wiederum wegen der Formel, Geschosse von wahrhaft übernatürlicher Durchschlagskraft. Es ist aber, die zauberhafte Formel beiseite gelassen, gar nicht einzusehen, warum ein Körper nicht Lichtgeschwindigkeit erreichen sollte, und bei einfacher Erdbeschleunigung hätte er diese Geschwindigkeit auch in einem knappen Jahr erreicht – ich halte es zwar für Unsinn, in solchen, unserer Erfahrung unzugänglichen Größen herumzuspekulieren, doch ebenso unsinnig ist, aus einer bloßen Zahlenformel die Möglichkeit, wie eben auch die Unmöglichkeit solcher unerfahrbarer Zustände herauszulesen – einer Glaskugel würde ich hier mehr vertrauen.

Und zuletzt noch ein Verhängnis: Den übrigen Körpern hat Einstein die Lichtgeschwindigkeit zwar untersagt, aber mit derselben Strenge dem Licht selbst befohlen, genau diese und keine andere Geschwindigkeit anzunehmen. Selbst für relativ zu einem Lichtstrahl sich bewegende Beobachter solle die Lichtgeschwindigkeit immer dieselbe bleiben – welches Postulat ja zum Anlaß für die Theorie und der schließlich daraus entstandenen Verwirrung der Geister geworden. Das Licht also hat Lichtgeschwindigkeit, unwiderruflich! Doch wer hätte gedacht, daß es sich damit selbst auslöschen muß, denn was mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, wird, nach der Formel, unendlich klein und also Nichts!

Wir denken uns dazu folgende Szenerie: Irgendwo in den Fernen des Alls beginnt ein Stern zu leuchten und erlischt eines Tages wieder (von derartigen Ereignissen reden unsere Astronomen ja wie von den sichersten Tatsachen). Bei Beginn des Leuchtens startet ein Lichtstrahl, welcher mit jedem Jahr ein Lichtjahr an Länge gewinnt, bis er endlich wieder abreißt. Er hat dann eine Länge von soundsovielen Lichtjahren erreicht und rauscht wie ein Pfeil mit Lichtgeschwindigkeit durchs All, solange bis er auf ein Hindernis trifft und etwa von einem Fernrohr geschluckt oder einem Spiegel reflektiert wird (so wird jedenfalls der Vorgang von unseren Physikern beschrieben).

Nun aber gerät unser Lichtstrahl in folgenden Konflikt mit der Relativitätstheorie: Dieser Pfeil von ungeheurer aber endlicher Länge bewegt sich gegen einen Beobachter auf der Erde mit Lichtgeschwindigkeit, und wird daher, nach Anwendung der Lorenztransformation, unendlich kurz, verliert also seine räumliche Ausdehnung und damit seine physikalische Existenz. Diese Szene verallgemeinert heißt, daß es, nach konsequenter Anwendung der Relativitätstheorie, für uns gar kein Licht mehr geben darf und also das Weltall in ewiger Finsternis versinkt. Spätestens dies müßte die Popularität der Relativitätstheorie sinken lassen, denn wer würde selbst die schönste Theorie gegen das Licht der Sonne eintauschen wollen!

Es schien mir bisweilen schon, als habe Einstein, bei all seinen vermutlich unbestreitbaren Verdiensten um die Physik, über die ich gar kein Urteil habe, mit seiner Relativitätstheorie den Physikern das Geisteslicht getrübt – jetzt aber scheint es mir partiell gar ausgelöscht, und wir können von Glück reden, daß er seine Theorie nicht konsequent angewendet, denn er hätte uns damit auch alles übrige Licht genommen, und wir müßten, seit seiner Erfindung, für ewige Zeit in Finsternis verharren.

Sicher werden die Anhänger auch hier wieder versuchen, mit irgendeinem Trick zu parieren und, mit der ihnen gewohnten Kühnheit, vielleicht kurzerhand postulieren, daß auf Lichtstrahlen die Relativitätstheorie nicht anzuwenden sei (obschon sie eben mit diesen und für diese aufgestellt wurde) – wie Kinder, die beim Spiel nicht verlieren wollen, schnell eine neue Regel erfinden, um dem Zug des Kontrahenten mit „Das gilt nicht“ zu entkommen.

Seit hundert Jahren geht der Streit um die Relativitätstheorie, während derer die große Masse entweder einen Spuk verirrter Theoretiker oder das Mirakel höherer Genialität darin vermutet, während derer die Physiker sie entweder zu widerlegen oder durch Experimente und neue Hypothesen zu beweisen suchen – wobei es oft nicht ohne Fanatismus abgeht. Vor allem die Sensationslust, sowohl der Fachleute wie auch der Laien, hat das Spektakel in Gang gehalten, denn ohne waghalsige Hypothesen und Theorien wäre die Physik eine zwar nützliche aber auch nüchterne Angelegenheit – zumindest denjenigen, die nicht in Nützlichkeit und schlichter Wahrheit schon genügend Unterhaltung finden.

Einer ernsthaften Wissenschaft fände ich dennoch angemessener, wenn die Physiker sich aufs Nützliche und Technische in ihren Laboratorien beschränken würden. Sie bräuchten dabei auf Ruhm und Ehre nicht zu verzichten, denn sie leisten ja allemale Erstaunliches und richten einiges aus in der Welt. Falls sie den Ehrgeiz haben, das höhere Wissen um die natürlichen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Welt zu bereichern, sollten sie aber andere Theorien vorlegen, welche die beobachtbaren Erscheinungen deuten, ohne sich in solch phantastische Abenteuer zu verlieren, wie sie doch eher dem Aberglauben als der Wissenschaft anstehen.

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Ein anderer, der versucht hat, die ewigen Gesetzmäßigkeiten des Menschlichen Denkens und der Natur abzuschaffen und durch neue zu ersetzen, war Heisenberg. Er fand sich, wie alle Erforscher des Mikrokosmos und ähnlich verschlossener Bereiche der Natur, in einer Lage, die vielleicht so zu verbildlichen wäre: Wir denken uns einen dunklen Raum und wir darinnen und eine Maus darinnen. Unsere Absicht: soweit als möglich das Verhalten der Maus zu studieren, wobei uns kein anderes Mittel gegeben wäre, als eine reichliche Portion kleiner Kügelchen, um nach der Maus zu werfen und aus einem gelegentlichen Piepsen etwas über ihre Wanderungen und Aufenthalte zu erfahren. Ein Licht dürften wir nicht einschalten, denn sonst würde das scheue Tierchen sich ängstlich und regungslos in eine Ecke kauern, und nichts könnten wir studieren.

So würden wir beginnen, ein Kügelchen nach dem andern in alle Richtungen des Raumes gleichmäßig zu werfen und erhielten gelegentlich als Echo das Piepsen unserer Maus. Wir könnten also in etwa hören, wo sie sich jeweils gerade befände und allmählich etwas über ihre Gewohnheiten erfahren. Allerdings würde durch die Kügelchen, welche die Maus träfen, diese in ihrem Verhalten durchaus beeinflußt, und so wäre auf keine Weise möglich, sie als reines Objekt zu studieren, unabhängig von uns, dem Subjekt des Betrachters. Es ließen sich auch keine unmittelbaren kausalen Bestimmungen vornehmen, sondern nur nach langer Zeit eine Statistik der Würfe und der Echos aufstellen. Es wäre nicht möglich, zu sagen: wenn ich so und so werfe, oder auf diese und diese Weise, oder an diese und diese Stelle, oder so und so oft, oder nach so und so vieler Zeit, dann wird die Maus zuverlässig quieken – was wir sonst gerne als Ergebnis unserer Naturforschungen anstreben; vielmehr müßten wir uns hier ganz der Statistik anvertrauen und sagen: nachdem ich hunderttausendmal überallhin geworfen habe, hat die Maus fünfzehnmal in der linken Ecke aber nur zweimal in der rechten geantwortet, woraus ich denn meine Vermutung ableiten darf, daß sie in der ersteren sich wohler fühlt und vielleicht ein bekömmlicheres Futter findet.

Weil nun solche Umstände, wo sich eine Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung auf keine Weise ausfindig machen läßt, in den Forschungen der jetzigen Physik des öfteren vorkommen, meint Heisenberg, man müsse das Kausalitätsgesetz zusamt der Klassischen Mechanik abschaffen und durch die Statistik ersetzen. Dies scheint mir aber doch eine leichtfertige Übereilung und zugleich anmaßende Selbstüberschätzung. Warum will er nicht eingestehen: Die Ursachen, wann und warum sich die Maus zu dieser Zeit an dieser Stelle befindet und daher quiekt, wenn ich ein Kügelchen werfe, vermag ich zwar mit meinen jetzigen Mitteln und in dieser Dunkelheit nicht aufzufinden und muß mich auf statistische Erkenntnisse beschränken. Das tut mir aber gar nicht wehe, da auch mit der Statistik manches zu erfassen und technisch vieles anzufangen ist. – – So jedenfalls hätte er als Forscher ohne Anmaßung gesprochen.

6

Ohne Zweifel, wir nennen genau dasjenige Zufall, dessen Ursache wir nicht erkennen. Wir vermögen aber selbst über diese Dinge Erkenntnis zu gewinnen und nicht nur von unwichtiger Art. Gar mathematische Exaktheit können wir darauf anwenden: Einmal in der Statistik, wenn wir unsere Erfahrungen zählen; sodann in der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn wir die Statistik zur Abschätzung des Kommenden verwenden. Sie beide beschreiben uns die Welt des Zufalls, d.h. die Zustände, deren kausale Zusammenhänge wir nicht einsehen können, die uns zu undeutlich sind. Mit diesen Verfahren erlangen wir das Bild eines Ganzen, dessen Einzelteile wir nicht sehen. Es ist, wie wenn man zuweilen einen grob gezeichneten Gegenstand nur erkennt, indem man die Augen zusammenkneift, alles Einzelne vernachlässigt und im Ganzen aufgehen läßt. Dummheit wäre allerdings, zu behaupten, was uns als Zufall erscheint habe deswegen keine Ursache und keine Notwendigkeit in seinem Eintreten – welches der Verstand aber fordert und eben nur derjenige leugnen kann, der keinen besitzt.

Viele Ereignisse lassen sich gar von beiden Seiten betrachten: Einmal als Zufall mit bestimmter Wahrscheinlichkeit, ein andermal als notwendige Folge einer Ursache. Die Wahrscheinlichkeit etwa, mit der ich umkommen werde, wenn ich mich jetzt auf die Straße begebe, läßt sich durchaus angeben aus dem Mittel ähnlicher beobachteter Situationen. Andererseits, sollte es geschehen sein, wird man genauestens die Ursachen und Verhältnisse bezeichnen können, unter denen es eingetroffen ist. Das besagt aber deutlich, daß wir als Zufall gerade dasjenige bezeichnen und mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung untersuchen, was wir im einzelnen nicht oder noch nicht zu erkennen vermögen. Es heißt nicht, daß dies grundsätzlich unerkennbar wäre, also keine Ursache hätte.

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Alles Wissen ist flüchtig, Gesetze sind menschliche Gesetze und Naturgesetze sind nichts als ein Gitterwerk des Verstandes, um die freie Natur unter seine eigene Ordnung zu pressen. Auch die „ehernen“ Gesetze der Klassischen Mechanik sind keineswegs absolut, und ich fragte mich zuweilen schon, ob sie wirklich verdienen, Gesetze zu heißen, da sie doch so sehr von unserer Wirklichkeit abstrahieren, wo überall die Reibung sich einmischt und alles verfälscht. Im Labor läßt sie der Wissenschaftler freilich glänzen und kann sie, wenn nicht ganz rein, so doch in ziemlicher Klarheit demonstrieren. Dort wo sie jedoch gelten sollen, in der Welt, hilft man sich oft besser mit Erfahrung und ihrer Auswertung in der Statistik. Doch trotz dieser scheinenden Unmöglichkeit, viele Zusammenhänge in ein strenges kausales Verhältnis zu setzen und der oft besseren Lösung, sie statistisch zu erfassen, scheint es mir doch übereilt, gleich das Kausalitätsgesetz abzuschaffen, welches immerhin ein Ausdruck der elementarsten Funktion unseres Verstandes ist.

Vielmehr sollten wir es der menschlichen Unwissenheit und Beschränkung zuschreiben, wenn wir viele Kausalzusammenhänge nicht erfassen und uns deshalb mit Erfahrung und Statistik helfen müssen. So sagt auch Aristoteles, daß das Wissen und Verstehen eine höhere Kunst sei als die Erfahrung und hält die in dieser Kunst Beflissenen für weiser als die Erfahrenen, und dies, »weil die einen die Ursache kennen, die anderen aber nicht. Die Erfahrenen wissen zwar das Daß, doch das Weshalb wissen sie nicht. Jene hingegen kennen das Weshalb und die Ursache. Daher schätzen wir die leitenden Techniker in jeder Hinsicht höher ein und glauben, daß sie mehr wissen und weiser sind als die Handwerker, weil sie die Ursachen dessen, was hervorgebracht wird, kennen.«

Indem es bei diesen neueren Forschungen, meint Heisenberg, nicht mehr gelänge, den Gegenstand zu betrachten, ohne ihn gleichzeitig zu beeinflussen, – da wir in der Dunkelheit ja nach der Maus werfen müssen – zeigten sich die Dinge unserer Erkenntnis jetzt nicht mehr durch Naturnotwendigkeit bestimmt, sondern eben auch durch unsern Eingriff, womit die Determiniertheit allen Naturgeschehens nicht mehr gelten könne und somit wiederum das Kausalitätsgesetz abgeschafft wäre. Offensichtlich ist dem Heisenberg dabei gar nicht in den Sinn gekommen, daß auch der Mensch zur Natur gehört und auch seine Handlungen zu den Ursachen des Naturgeschehens, und daß all seine Beobachtungen von ihm beeinflußt und geprägt sind, sei es durch Einwirkung seiner Hände oder seines Geistes.

Heisenberg gibt sich aber noch nicht zufrieden. In Anlehnung an die Resultate seines Vorgängers Einstein, wonach die Strahlen des Lichts durch große Massen, wie etwa die Himmelskörper, abgelenkt werden und dadurch unserer Wahrnehmung ein verzerrtes Bild des Firmaments entsteht, hält er es für ausgemacht, daß neben dem Kausalitätsgesetz auch gleich die Euklidische Geometrie abgeschafft werden müsse, unerachtet diese nicht davon handelt was ein Dreieck aus Lichtstrahlen oder aufgespannten Schnüren in den weiten Räumen unseres Universums für Eigenschaften zeige, ob seine Winkelsumme dort noch hundertachtzig Grad betrage, sondern ausschließlich davon, wie ein solches Dreieck in unserem Geiste aussieht. Mögen Lichtstrahlen und Schnüre durch Gravitationsfelder gebogen werden zu allen erdenklichen Kurven, so bleibt doch die gerade Linie, welche im Geiste gedacht wird, immer gerade. Kein elektrisches, magnetisches oder Gravitationsfeld vermag diese Linie um den kleinsten Betrag zu krümmen – solange sie jedenfalls von der Kraft eines intakten Abstraktionsvermögens straff gehalten wird.