DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

DIE LEHREN GEGEN DAS LEIDEN 11-21

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Dies hat mich auch zur folgenden Vergleichung mit unserem Magen veranlaßt: Aus dem noch unbestimmten Drang des Hungers zieht es einen Menschen in die Küche oder ins Gasthaus. Er findet dort verschiedene Speisen, welche ihm vollends Appetit machen und verschlingt sie nun mit Lust und gar Begierde. Es war ursprünglich aber nicht die Speise, die ihm den Hunger bereitete, sondern der Hunger führte ihn zu den Speisen. Oder genauer: ursprünglich war nicht die Speise, welche die Begierde darauf entstehen ließ, sondern der unbestimmte Hunger, der nun, beim Antreffen dieser oder jener Speise, die Begierde darauf erzeugte. Ebenso verhält es sich mit den Stimmungen unseres Gemütes: Es sind nicht diese und jene Umstände, welche etwa die Stimmung der Melancholie, der Hypochondrie, des Argwohns, der Mißgunst und Gehässigkeit erzeugten, vielmehr kommt zuerst eine ganz unbestimmte Verstimmung in uns auf, der Unbequemlichkeit (aber auch der zuverlässigen Wiederkehr) des Hungers zu vergleichen, welche dann, je nach den vorliegenden Umständen und Fakten, wie dort die Begierde auf Speisen, so hier die Sehnsucht, oder auch die Unzufriedenheit, den Unwillen und gar den Haß auf vorgestellte oder anwesende Personen, auf die Örtlichkeit des Aufenthaltes, oder auf die Sorge des Auskommens lenkt. Keineswegs aber kamen die Personen oder Fakten, sich aufzudrängen, sowenig als die Speisen aus der Küche kommen, um unsere Ruhe zu stören. Und wie wir, bei völliger Sättigung, begierdelos auf dem Markte an den schönsten Leckereien vorübergehen, so berühren uns, an einem heiteren Tage, weder die Ferne der Freunde, noch die feindseligen Bemerkungen der Gegenwärtigen, – und durch eine bloße Vorstellung davon lassen wir uns erst recht nicht die Laune trüben.

Kaum einer wird jetzt allerdings überzeugt sein, daß ein duftender Braten uns keine Gier und eine Beleidigung uns keinen Haß erzeugen könnte. Zusehr werden wir gelegentlich von den äußeren Gegebenheiten geradezu überrumpelt, als daß wir in ihnen nicht die eigentliche Ursache unserer Erregung sehen müßten. Ich will mich also auf eine gefestigtere Basis zurückziehen und nur daran festhalten, daß, wie der Hunger, auch ohne Bratenduft, nicht mehr allzulange auf sich hätte warten lassen, vielleicht nicht so ungestüm aber desto zuverlässiger gekommen wäre, so wäre, auch ohne die Beleidigung, die Seele ihrer nächsten Verstimmung nicht entgangen und hätte sich den Anlaß dazu, nötigenfalls, selbst in der Phantasie herbeigeholt.

Auch scheinen mir die meisten unserer Plagen doch eindeutig von der Art zu sein, daß sie uns nicht mit Übermacht überrollen und wehrlos niederwerfen, sondern wir sie in unserer Phantasie heranzüchten und ihnen Raum gewähren. Selbst die Schmerzen des Leibes pflegen und steigern wir ja durch unsere Aufmerksamkeit. Was aber wiederum nicht heißen soll, daß wir uns deswegen leichter zügeln und lenken könnten, denn es ist ja gerade unsere von einem unbekannten Dämon gleich den Wellen auf und ab bewegte Gemütsstimmung, welche die Dinge einmal schlimm und einmal heiter macht.

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Heute werden wir von optimistischen Weisheitslehren geradezu überschwemmt. Vor allem die Amerikaner wissen täglich neuen Rat, wie die Seele aus Schwäche und Verzweiflung aufzurichten sei und versprechen obendrein beruflichen Erfolg und Wohlstand, welche sich von selbst der richtigen Geisteshaltung zugesellen würden. Innere Gesundheit und Stärke könnten nicht umhin, ihr materielles Analogon anzuziehen, und Mulford ging, nicht ohne Witz, soweit, ewiges Leben und immerwährende Jugend zu prophezeien, sobald sich der Geist von allen morbiden Gedanken fernhielte. Er gab vortreffliche Anleitung dazu, ist dann selbst, zu seiner Überraschung, aber doch gestorben.

Da will ich an das Essen nochmals anzuknüpfen: Das Aufnehmen einer optimistischen Weisheitslehre, wie sie im übrigen auch von den Stoikern, Epikuräern und andern vortrefflichen Männern aller Epochen verbreitet sind, wo immer eine tüchtige Sammlung von Klugheitsregeln und weiser Betrachtung der Dinge anempfohlen und als notwendige Folge das Glück versprochen wird, ist einem ausgiebigen Festmale zu vergleichen. Wie dort der Hunger und jegliche Begierde nach Nahrung auf das Erquicklichste und über das gewöhnliche Maß hinaus gestillt wird, daß einem die Vorstellung, jemals wieder hungrig zu werden, geradezu abhanden kommt, so eben scheint auch aller innere Schmerz und alle Krankheit der Seele endgültig überwunden, nach Aufnahme einer solchen Lehre. Tatsächlich mag, wie dort die Sättigung, hier die Zufriedenheit und innere Beruhigung des Gemütes etwas länger anhalten, als die gewöhnliche Periode; doch wie sich niemals so vieles essen läßt, daß der Hunger endgültig überwunden wäre, so werden wir niemals so viele Erbauung und Weisheit in uns schöpfen können, daß die zuverlässige Wiederkehr der Seelenleiden aufhört. Nach den Tagen der Hochstimmung und des erhabenen Gefühls, jetzt endlich über den nichtigen und selbstgemachten Unbilden zu schweben, in heiterer Weisheit auf sie herabzublicken, kommt zuverlässig wieder der Absturz, und wir landen mitten im Sumpfe unserer Unzulänglichkeit.

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Alle Kunst der Weisheitslehrer kann deswegen nicht darin bestehen, das Aufkommen des Leidens und der inneren Verstimmung zu verhindern (dies wäre so töricht als wie den Hunger auf immer stillen zu wollen), sondern allenfalls dem Umgang mit denselben einige Kultur und Zügel anzulegen, damit es mit leidlicher Würde geschehe, entsprechend den Tischsitten und der gesamten kultivierten Befriedigung des Nahrungstriebes, also frei von unziemlichen Äußerungen der Begierde oder des Abscheus. Denn, wie dort einer für ein primitives Tier geachtet wird, der nur so auf das Objekt seiner ihn gänzlich beherrschenden Gier losstürzt und es mit triefenden Lefzen hinunterschlingt, oder, wenn ihm der Geschmack zuwider, es vor aller Augen wieder ausspuckt, so ist auch der ein würdeloser, weil seinen Affekten ausgelieferter Mensch, der unbeherrscht seine innere Verstimmung auf die Außenwelt projiziert, irgendeinen Vorgesetzten verflucht, einen Untergebenen zermalmt oder in elenden Lamentationen über sein Unglück zerfließt.

Deswegen üben wir die Kunst der Selbstbeherrschung, der Höflichkeit und Sitte. Innerer Gleichmut ist schwer, vielleicht gar nicht erreichbar und kaum werden wir ihn über längere Zeit hinweg erhalten können. Äußerer Gleichmut jedoch kann durch solche Übung in Höflichkeit und Selbstbeherrschung, welche wiederum durch Anleitung der Philosophie in der Tiefe gewinnen, zu einiger Vollkommenheit gebracht werden. Meine Gefühle und Leidenschaften vermag ich gar nicht zu beherrschen, aber, wenn dies je zur Tugend gerechnet werden darf, meine Reden und meine Taten hielt ich selbst in schwerem Unglück einigermaßen beisammen, und wenn die Augen der Freunde den Schmerz in meinem Innern lesen konnten, so fanden mich die Übrigen doch stets im Gleichgewicht.

Im Umgang mit Menschen wie auch mit uns selbst und sogar mit unserem Tagebuch, müssen wir zwei Extreme vermeiden. Das eine liegt in unmäßiger Weichheit, Offenheit, Hypochondrie, wo wir alles ausplaudern, was wir gerade empfinden, jeden Druck und Schmerz in unserem Leib, jede Sorge, jede Enttäuschung, jeden Mißmut unserer Seele. Es hat zwar sein Gutes, das Übel nicht einzusperren bis es uns von innen wie der Krebs zerfrißt, sich mit den Freunden auszutauschen und, neben den Freuden, auch die Schwächen und Lasten mitzuteilen, vielleicht zu teilen und die Summe gemeinsam leichter zu tragen, als jeder seinen Teil für sich. Ohne Maß aber führt es zur völligen Erschlaffung des Körpers und der Seele; wir reden uns selbst in unser Elend, ringen um Worte und Bilder, es mit gehöriger Frische noch glaubwürdiger auszumalen. Bald sind wir nur noch damit beschäftigt, die einen zergehen in Selbstmitleid, die andern zerfleischen sich mit Vorwürfen ihrer Schwächen, und es bleibt keine Kraft, das Gute anzugreifen.

Das andere Extrem, nur Gutes, Starkes, Heroisches von sich selbst zu zeigen, die Schwächen allenfalls in lustige Scherze eingekleidet mitzuteilen – um doch wenigstens den Hochmut zu vermeiden – birgt die Gefahr, im Stolze, in der Furcht vor Blöße, vor Schande, zu erstarren. Verderblich ist, wenn solche äußeren Übungen zur mechanischen Gewohnheit werden, wenn die Höflichkeit in steifer Förmlichkeit erstirbt, die Selbstbeherrschung in krampfartigem Zurückhalten der Muskelbewegungen. Wenig gewonnen hat, wer sich lächelnd vor seinem Widersacher verneigt, aber seine Seele berstet vor Rachedurst.

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Ob philosophische Lehren den Charakter prägen, ob einer auch in seinem inneren Wesen ruhiger wird durch Seneca, genauer durch Kant, beflügelt durch Platon, das ist doch eher zweifelhaft. Vielmehr glaube ich, daß erst ein entsprechender Charakter überhaupt zu den Philosophen findet, also ein ruhiger zu Seneca, ein genauer zu Kant, ein beschwingter zu Platon – um dort allerdings, mit deren Hilfe, sich genauer kennenzulernen und womöglich auszuprägen. Ein leichtes, luftiges, wechselhaftes Gemüt wird sich bei solchen Geistern allerdings von Anfang an nicht wohlfühlen und stattdessen die ihm gemäße Gesellschaft suchen. Ebenso einer, der sich ganz an den Erwerb heftet.

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Die Philosophie bildet vor allem den Geist. Aber der besitzt schwerlich genügend Macht, unser Gefühl zu lenken und unsere Leidenschaften zu beherrschen, und die Philosophie wird ihm dazu nicht verhelfen können. Nur braucht er doch, sofern er regsam ist, auch Nahrung für sich selbst, und durch immer genaueres Beobachten, durch Erfahrung und Belehrung will er allmählich die Erkenntnis der Welt, des Lebens, des Leibes und der Seele erweitern. Nur bedingt gilt demnach: των βιβλιων διψαν ριψον  (Den Durst nach Büchern werfe von dir!), denn in guten Büchern finden wir die reinste Quelle, den natürlichen Durst unseres Geistes zu stillen. Erst das Übermaß schadet – wie beim Wein. Die Geselligkeit der Trinkgelage und das Anstoßen üben jedoch häufig einen Zwang, viel mehr zu trinken als der Durst verlangt, und so können auch die Universitäten, die Gelehrtenzirkel und überhaupt die sogenannte “Gebildete Gesellschaft”, die “Bildungsbürger” einen Lernzwang und Lesewahn verbreiten, der das natürliche Verlangen des einzelnen maßlos übersteigt. Und wie zu heftiger Weingenuß den Körper gänzlich austrocknet, so finden wir auch den Geist derer, welche über ihren Bedarf Bücher lesen, trocken und mürb. Wer aber von jedwedem nur soviel nimmt, wie Körper und Geist vertragen, der bleibt gesund und den Menschen angenehm. Wer dagegen prahlt, wieviel er hier und dort getrunken habe, findet nur die Achtung anderer Trunkenbolde, und wer seine Bücher herzählt und seine Rede mit Zitaten schmückt wie ein Pfau, der kann nur die beeindrucken, die aus ebenso niedrigen Beweggründen an der Druckerschwärze kleben.

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Nicht wird also die Philosophie Ratschläge erteilen können, um den anderen besser und weiser zu machen, denn dies wäre, wie die Erfahrung zeigt, ein eitles Unterfangen. Vielmehr findet der Gute und der Weise darin einen Stoff, woran sich sein Gemüt erfreut. Denn nicht Weisheit macht weise, sondern der Weise sucht die Weisheit als seine ihm angemessene Sphäre und Unterhaltung auf. Es macht ihm Freude und ist ihm einzige Erfüllung, in dieser Sphäre die Weisheit anderer zu vernehmen, und selbst darin zu wirken. Aber, daß diese Sphäre doch nicht so ganz abgeschlossen und uns gewöhnlich Sterblichen unzugänglich sei, wollen wir sagen, daß jeder einen kleineren oder größeren Teil des Guten und Weisen in sich trägt, und eben dieser Teil wird auch sein Vergnügen finden an weisen Aussprüchen, Lehren und guten Taten. Allerdings werden dadurch seine übrigen Teile gar nicht affiziert, denn ihnen fehlt ja die Affinität zur Weisheit und Tugend, und der ganze Mensch wird gar nicht gebessert. So wäre denn Weisheit und Tugendlehre gar nicht eine Methode, die Menschen zu bessern, vielmehr eine Art Kunst, eine Musik, welche den Liebhabern derselben Vergnügen bereitet, und die sie ganz von selbst zu hören herbeikommen. Es werden aber diejenigen, die herbeiströmen und vor allem die, die wirkliches Vergnügen daran finden, die zu dieser Art Musik Musikalischen sein, während die andern, die sich nur dahin verirrt haben, dasitzen wie hölzerne Figuren, um sich den Anschein zu geben, als würden sie ebenfalls teilnehmen.

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Nach dem Gesagten wäre nun wiederum unerheblich, welche Lehre einer aufgreift, zu welchem Glauben sich einer bekennt; denn die Qualität, die Eignung und Wirksamkeit der einen wie des andern hinge ja vor allem am jeweiligen Zustande seines Glückes. In der Euphorie des Gipfelsturmes wäre jeder Weg und jedes Mittel heilig, beim Absturz in die Hölle nichts mehr zu gebrauchen.

In der Tat scheint mir zuweilen rechthaberisch und kleinlich, wenn unter den Philosophen und Theologen gestritten wird, worin das höchste Ziel des Menschen bestehe: in einem glückseligen Leben versteht sich! aber genußreich oder nur schmerzensfrei; im Diesseits oder im Jenseits; zu erreichen durch Taten und vollendete Tugend oder durch Besinnung und Weisheit; durch völlige Entsagung, Verneinung des egoistischen Willens, ja des Lebens überhaupt, oder, im Gegenteil, Steigerung und Erhöhung des Willens über alles menschliche Maß; in unablässiger Demut, Selbstkasteiung, Andacht oder, indem man kämpfend seinem Gotte das Leben opfere. Da bilden sie Parteien, heben Truppen aus und ziehen gegeneinander ins Feld, da krachen die Gänsekiele und Schlachtgeschrei erfüllt die Hallen – aber nicht für ihr eigenes Leben, für ihre Familien, für ihr Vaterland scheinen sie zu kämpfen, sondern um etwas ganz Entferntes, um den Mond, den Mars oder den Jupiter. Sie gleichen den Gesellen, die am Schanktische sachverständig großtun, welcher Luxuswagen der beste sei, ob es besser sei, Millionen oder ein Schloß zu besitzen, ob man wie Scheich Fahd oder eher wie Ludwig XIV. leben, eher ein berühmter Schauspieler oder ein gefeierter Fußballspieler sein wolle, ob es mehr lohne, Staatsoberhaupt oder Papst zu sein! So unerreichbar diesen jedes ihrer heiß umstrittenen profanen Glücksgüter, so unerreichbar sind doch die idealen Glücksgüter selbst den Philosophen. Mir will scheinen, daß, wenn man nur ein beliebiges davon endgültig erlangen könnte, man nicht länger hadern bräuchte, ob es nun den andern gleichkomme oder sie übertreffe. Solange man aber noch mit den unteren Stufen der Leiter kämpft, scheint doch spaßig, sich über die obersten den Kopf zu zerbrechen, und ein Verdacht auf Großsprecherei, aus eigenem Unvermögen oder gar aus Neid, mag nicht ganz zu verweisen sein. Freilich soll jeder sein Idealbild malen dürfen, es wird ihm leuchten in der Finsternis und ihm den Weg ausschmücken zum Licht. Doch die Kriege der Völker um den höheren Gott, die Scharmützel der Katheder um das tiefere System wollen wir unter diesen ihren eigenen Fahneneiden nicht so sehr ernst nehmen und ihren allenthalbigen Nutzen an anderer Stelle vermuten (wie wir dies ein andermal auch ausgeführt haben): Die einen mögen in der Schlacht ihren Körper ertüchtigen, mit ihrem vergossenen Blute sich im eigenen Glauben stärken, die andern mögen im Disput ihre Zungen und Gedanken schärfen, im Wettstreit ihren Wissenskreis erweitern und durch konzentrierte Arbeit wirklich tiefer in den Geist eindringen. Doch alle werden, so sie redlich zum Guten streben, die Hauptmacht ihrer Kräfte dazu brauchen, wenigstens ein kleines Stück am Fuße des Berges hochzusteigen, anstatt sich zu ereifern, von welcher Seite am Ende der Gipfel zu nehmen sei.

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Pendeln wir denn einstweilen nicht hin und her, hilflos in der Not, weise in der Zeit unserer Kraft, weil unsere Weisheit wohl gar nicht über unserem Schicksal steht, sondern mit diesem die Höhen erklimmt und in die Tiefen stürzt, untrennbar daran geschmiedet? In den guten Stunden sind wir weise, stehen auf dem Gipfel, überschauen das Leben in allen Höhen und Tiefen; in üblen Stunden kauern wir im Abgrund, von der Höhe herabgestürzt, alle Weisheit dort oben zurückgelassen.


Nubibus atris
Condita nullum
Fundere possunt
Sidera Lumen.

Von dunklen Wolken
Verborgen, können
Die Sterne kein
Licht verbreiten. (Boethius)

Zufriedenheit, Glück und Weisheit scheinen unzertrennliche Genossen, von denen uns keiner in den Abgrund folgen mag. Wenn wir uns dort unten in Gesellschaft von Furcht, Unmut und Verzweiflung sehen, können wir lange die Weisheit rufen, sie solle uns doch aus diesem Pfuhl heraufziehen mit ihren schönen Regeln und guten Ratschlägen. Mit gleichem Rechte mag ein verstandesarmer Herzensmensch im Unglück die Hände nach dem Glücke ringen und rufen: Glück! hilf mir, meine Not zu überwinden!

Einsicht würde demnach gar nicht helfen gegen das Unglück, sondern, wenn dieses vorüber, sich Zufriedenheit, Einsicht und Glück von selbst an der Stelle einfinden. Umgekehrt stürzt uns vielleicht gar nicht unsere Torheit ins Unglück, – denn wieviele Torheiten begehen wir, ohne davon im mindesten unglücklich zu werden, indem sie uns solange gar nicht als Torheiten, sondern als Übermut und Späße erscheinen? – nein, mit dem Glücke verläßt uns auch die Weisheit, Hand in Hand gehen sie davon, überlassen uns der Not, welche keinen vernünftigen Gedanken in ihrer Nähe duldet. Würde sie es tun, so wäre sie nicht mehr die Not, sie wäre bereits dem Glücke gewichen, welches, eng umschlungen mit der Weisheit, wieder den Platz für sich erobert hätte.

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Warum also philosophieren, nach Einsicht streben, wenn wir damit doch dem Unglücke nicht wehren können. Nach dem Gesagten wäre die Frage aber so töricht wie die: Warum glücklich sein wollen, warum das Gute haben wollen? Denn Einsicht und Weisheit wäre ja eine Form davon, und ihren Nutzen in Zweifel ziehen, wäre wie den Nutzen des Glückes zu bezweifeln. Erkenntnis also gar nicht ein Weg zum Glück, sondern eine bloße Erscheinungsform desselben, wie das Liebesglück oder die Freude an mancherlei Genüssen. Wenn wir lieben und geliebt werden, sind wir glücklich, – aber gar nicht, wenn wir uns vornehmen, zu lieben und geliebt zu werden. Dann nämlich sind wir am unglücklichsten. Der Philosoph würde demnach weder sich selbst, noch andere glücklich machen können, nur dem Glücke einen Stoff geben, sich darzustellen: eben in der Form von Einsicht und Erkenntnis. Er gibt das Fleisch, doch muß vom Glücke Leben eingehaucht sein, ohne welches alle Weisheit tot und wertlos bleibt.

Wollte jetzt einer spotten: “Zu meinem Glücke also kann mir die Weisheit nicht verhelfen. Gut. Wenn ich aber bereits glücklich bin, soll sie mir irgendeinen Nutzen bringen. Aber welchen denn, da ich doch glücklich bin und also gar keines weiteren Gutes mehr bedarf?” Man müßte ihm entgegenhalten, daß, wenn es ihm denn gegeben sei, sein Glück ganz gestaltlos und inhaltsleer zu genießen, er dann ja auch keines guten Weines, keines schönen Hauses, keines Weibs und keiner Kinder und überhaupt keiner Sache mehr bedürfe. Doch eben den Genuß dieser Dinge empfinden wir als Glück – und gleichfalls den Genuß der Weisheit. Es machen aber keineswegs diese Dinge unser Glück und auch nicht die Worte der Weisheitslehren, sondern die Seelenverfassung, welche uns ermöglicht, sie zu genießen.

“Weisheit macht glücklich”, gilt also nicht mit größerem Rechte, als “Glück macht erst weise”. Im Glück nur freuen uns die Dinge wie sie sind, und nur dieses ist Weisheit. Jede Unzufriedenheit an einem noch so kleinen Gegenstande tut der Weisheit Eintrag. Die Weisheit hilft nichts im Unglück, aber sie hilft, uns des Glückes zu erfreuen. Sie ist kein Gewinn im Unglück, aber ein Genuß im Glück.

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Nicht wem gelingt, auf die irdischen Güter zu verzichten, kann erst glücklich sein, sondern, nur wer glücklich ist, kann auf die irdischen Güter verzichten. Dazu nämlich gehört innere Ruhe und Ausgeglichenheit, Zufriedenheit mit sich und seinem Schaffen etc. Wer nicht dahin gelangt, mag sich lange vorsetzen, auf die Verlockungen weisen Verzicht zu tun, sie werden ihm doch das Hirn ausfüllen, und jeden Tag wird eine neue seinen Geist gefangen nehmen. Er kann sich wehren wie er will und muß doch immer wieder erkennen, daß er zu schwach ist, daß, bevor nicht ein innerer Umschwung sich vollzogen hat, bevor es ihn nicht von selbst zu den wesentlichen Dingen zieht, er weiterhin allen Kleinigkeiten und Lächerlichkeiten der Welt erliegen muß. Der Auslöser für diesen Umschwung kann zwar sehr wohl eine äußerliche Anregung sein, die Rede oder der Rat eines Freundes, eines Philosophen, eine Ermunterung oder selbst der durch Kränkung erregte Stolz und daraus die bittere Erkenntnis der eigenen Lächerlichkeit. Doch hatten solcherlei Dinge bisher nichts bei ihm vermocht und können deswegen nicht als Grund, sondern allenfalls als der äußere Anlaß angesehen werden. Der Grund liegt im Umschwunge seiner Seele, und wodurch dieser zustande gekommen, bleibt uns unergründlich. Nur die Erfahrung des Selbstbeobachters zeigt, daß dieser Umschwung immer wieder sich vollzieht, aber eben auch der Rückfall in die andere Richtung. Bloße Spekulation ist es, was uns hoffen läßt, aufs Ganze besser zu werden, uns glauben läßt, eine Vervollkommnung sei möglich und Weise und Heilige seien dorthin gelangt.

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Ja, wenn sich aber an unserem Wesen und Schicksal gar nichts ändern ließe, wie näherten wir uns dann jemals jener gepriesenen Weisheit, welche, statt sich nach jedem kurzen, glanzvollen Anflug gleich wieder in Dunst und Nebel zu hüllen, vielmehr mit unserer Bemühung beständiger wird und uns vielleicht einmal ganz in ihren Schoß aufnimmt, welcher doch die Seligkeit verspricht? Gibt es keinen Fortschritt durch Willensanstrengung und Bemühung? Wo ist der Weise, der dort hingelangt?

Wenn ich nur mich selbst ansehe, um wieviel kleinere Übungen bereits meinen Willen und meine Kraft übersteigen. Welch treffliche Prinzipien habe ich mir bereits gesetzt und wievielen Vorsätzen meinen Eid geschworen. Nichts füllte mein Leben so sehr und so beständig aus, als die Planung meiner Tätigkeiten, Einteilung der Stunden, Tage, Monate, Jahre und zuweilen gar Jahrzehnte, wo ich genaue Termine setzte, wie lange ich für dieses Vorhaben, wie lange für jenes brauchen soll und was ich dann alles erreicht haben würde, wenn ich meinen Zeitplan einhielte. Dabei war ich stets vorsichtig, setzte zu allen kalkulierten Aufwendungen noch einmal die doppelte Zeit hinzu (die Erfahrung lehrte mich früh genug, daß man in Plänen fast immer zu kurz greift und die Dinge ohne ihre Hindernisse sieht), und so rechnete ich und wägte ich und träumte und schwärmte und erfuhr doch jeden Tag aufs Neue, wie selbstsicher die Dinge ihren eigenen Gang nehmen und sich gar nicht kümmern um meine Strategien und Termine, indem sie wohl bereits mein ewig schwankendes, launisches, träges und ablenkbares Ich als das unzuverlässigste Element der ganzen Unternehmung ausgemacht haben. Dies hat mich allmählich so sehr abgestumpft, daß ich den meisten Ehrgeiz fahren ließ, etwa aufkeimende Vorsätze zu ersticken versuche und alle Projekte gleich von Anfang als Luftschlösser beginne, um mich jeglicher Terminplanungen und Erfolgszwänge zu entheben.

Ich nenne bis hierher erst die kleinen, die praktischen Arbeiten, die ein zuverlässiger und tüchtiger Mensch gewöhnlich noch bewältigt. Um wieviel übler ergeht es mir aber im Moralischen, wenn es sich darum handelt, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Präokupationen zu lenken? Senecas Weiser hat zwar bedacht, es könne jederzeit etwas seinen Plänen widerstreben, imprimis cogitavit aliquid posse propositis suis resistere – ich jedoch muß vor allem bedenken, daß jederzeit etwas meiner Weisheit widerstreben und sie ganz und gar zunichte machen kann. Da heißt uns Marc Aurel, der Philosophenkaiser, wir sollen nicht nur die unnützen Handlungen, sondern auch die unnützen Gedanken vermeiden, denn sie seien die Ursachen der Handlungen. Ja aber, sind wir denn Herr unserer Gedanken, daß wir sie nach Belieben hervorholen oder vermeiden könnten? Scheinen sie nicht noch weniger vom Willen abzuhängen als bereits die Handlungen?

Die Gedanken und Gefühle zu lenken, hierauf käme es freilich an: Das Nichtige, das Schändliche, Haß, Gier und Neid aus der Seele zu reißen und sie dafür mit edlen Gedanken und schönen Stimmungen anzufüllen! Aber hier strecke ich die Waffen vollends und gebe mich ganz dem Zufall anheim, weil ich, bei aller Mühe, bei allem Gram über das Fehlgeschlagene, keinen Zusammenhang mehr finde zwischen meinem Vorsatz und dem Erfolg. Doch mag ich hier immerhin der Schlimmste und Schlechteste sein und ein Urteil mir nicht zustehen. Andererseits finde ich selten einen, dem es besser gelingt, der nicht nur seine gute Laune mit Tugend und Weisheit verwechselt und glaubt, er habe von den Lehren und seinen eigenen Anstrengungen profitiert, was er in Wahrheit dem Glück des Tages zu danken hatte. Da und da sei ihm schon gelungen, die Leidenschaften zu bezwingen, die bösen Gedanken fern zu halten, und er schulde diesen Erfolg seinen guten Vorsätzen und der Anleitung seiner Vorbilder. – Ob ihm das Schicksal an diesen Tagen nicht einfach vergönnt hat, ein Glücklicher zu sein und es dem Glücklichen, ob mit oder ohne Vorsätze, mit oder ohne Lehre, gar nicht in den Sinn kommt, üblen Gedanken nachzuhängen?