DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

DIE LEHREN GEGEN DAS LEIDEN 1-10

1

Betrachtet man das menschliche Treiben aus der Distanz, so möchte man glauben, daß in der Welt nur Besitz, Macht, Ruhm, Liebeslust und Zeitvertreib für Garanten des Glückes gehalten und diesen allenthalben unermüdlich nachgejagt werde -trotzdem diese Jagd vor allem Enttäuschung und bittere Qual zur Beute hat und unterm Strich eigentlich das Gegenteil des Gewünschten, nämlich ein Überhang an Unglück bleibt.

Schauen wir stattdessen in die Bücher der Weisheitslehrer, so finden wir, neben ausführlicher Darstellung dieser mißlungenen Jagdszenen, eine reiche Schatzkammer, angefüllt mit den wirklichen Gütern, welche das Glück nicht nur versprechen sondern gewähren, welche dauern und nicht bloß ein schmackhafter Köder des lauernden Verderbens sind. Wir finden bei ihnen auch die Wegweiser zu diesen Schätzen, zusammen mit der Anleitung, Hindernisse, Fallen, Sackgassen und Trugbilder, die Häscher und Schergen des Unglücks, zu umgehen. Wahrheitsliebe, Tugend und Frömmigkeit werden dabei als Hauptstraßen, genannt, auf denen das höchste Ziel, das Glück, zu erreichen sei.

Solche anempfohlenen Wege werden jedoch allgemein für zu steil befunden, als daß wir Menschen sie begehen könnten, und manche behaupten gar, auch die Lehrer selbst würde man, außerhalb ihrer Bücher, nirgends darauf wandeln sehen. Zwar ritzten sie mit scharfer Feder auf fremdes Papier, daß Weisheit über Schmerz erhaben mache, an ihrer eigenen Haut aber seien sie wehleidig, ängstlich, und hypochondrisch.

For there was never yet philosopher
That could endure the toothache patiently,
However they have writ the style of gods
And made a push at chance and sufferance.
Shakespeare: Much ado about nothing V, 1

Auch gab der Weise Pittakos auf die Forderung, man müsse einen wahrhaft untadeligen Mann suchen, zu bedenken: Du magst noch so sehr suchen, du wirst ihn doch nicht finden. Und des Bias Spruch war: Die meisten sind schlecht.

Ob es den Weisen nun gibt, der durch Einsicht und entsprechendes Handeln unsere angestammten Übel überwunden und ein dauerhaftes Glück gefunden hat, darüber wollen wir nicht urteilen, – die Möglichkeit aber, wegen der Größe und Schönheit des Gedankens, immerhin bestehen lassen. Wieweit jedoch die Einsichten und Anweisungen der Weisheitslehrer uns zu einem ähnlichen Erfolge helfen können, darüber mögen einige Bedenken erlaubt sein, zumal wir die Verbreitung ihrer Schriften in einem eklatanten Mißverhältnis zu den letztendlich daraus glücklich Gewordenen finden. Auch sagt Thales auf die Frage: Was ist schwer? Sich selbst erkennen. Was leicht? Anderen Rat erteilen.

2

Αντρωπος ικανη προφασις εις το δυστιχειν

(Mensch sein: ein ausreichender Grund, ins Unglück zu kommen) finden wir bei Menander, und wahr ist allemal, daß uns viel Mißlichkeit im Leben begegnet. Die erste Frage wäre nun, ob es vor allem äußere Umstände sind, die uns verdrießen, unverschuldeter Ruin, ein gehässiger Nachbar, ein böses Weib, in welchen wir ja gewöhnlich die Ursachen unserer Plagen sehen. In diesem Falle wäre zu erwägen, ob hier die Weisheitslehrer überhaupt mit ihrer Kunst am rechten Orte sind, oder nicht vielmehr die praktischen Ratgeber, die uns Strategien bieten, wie man zu Geld kommen, den Nachbarn gewinnen oder sich vor den Tücken des Weibes schützen kann.

Wir wollen hier eher einem Pfade folgen, welcher dafür hält, die größten Übel und die schwersten Leiden fielen nicht von außen auf uns ein, sondern nisteten, sofern ihre Herkunft überhaupt zu orten ist, in unserm Innern und seien Geschwüre unserer eigenen Unzulänglichkeit. Dafür spricht, daß das selbe Ereignis, das den einen niederwirft, vom andern gelassen aufgenommen wird, ja ihm womöglich noch zu seinem Glücke hilft. Mancher nimmt ja den Ruin lachend hin, ein anderer treibt das Kriegshandwerk zum Spiel und erwirbt sich Geld und Ruhm, einem Dritten bietet gar die Folter Gelegenheit zur Erfüllung seiner geistigen Sehnsucht und er verklärt sich im Martyrium. Also kann nicht schlechthin Ruin, Krieg und Folter unser Unglück sein, sondern allenfalls die Art und Weise, wie wir sie empfangen und ertragen.

Aemilius, der römische Feldherr, hielt auf militärische Zucht auch im Staate, war den Ungehorsamen und Widerspenstigen furchtbar, und fast schien es, als betrachte er den Sieg über die Feinde für eine Nebensache, neben der Hauptaufgabe, der Erziehung der Bürger. So steht es auch mit uns selbst, daß es nämlich wichtiger und fruchtbarer wäre, gegen die Widersacher in unserem Innern mit strengster Ordnung durchzugreifen und den Kampf gegen unsere äußeren Feinde als eine Nebensache aufzufassen. Denn die inneren Feinde sind uns gefährlich und verursachen den hauptsächlichen Verdruß, woran gemessen sich die äußeren geradezu harmlos und ohnmächtig zeigen. Gegen Messerstiche und Gewehrkugeln kann uns ein geordnetes Innenleben zwar nicht schützen, doch Angst und Schmerz immerhin mildern, indem man sie verachtet oder gar als willkommene Gelegenheit ansieht, seine Tapferkeit und Todesverachtung zu beweisen. Einem widerspenstigen Innern hingegen können nicht einmal die tüchtigsten äußeren Verbündeten und Freunde zu Hilfe kommen, es muß an seiner eigenen Verworrenheit und Zuchtlosigkeit zugrunde gehen.

Wer allerdings folgert, man habe damit die Sache in der Hand, die inneren Feinde, die einem ja sozusagen angehören, schon besiegt, dem wollen wir noch keineswegs beistimmen. Wenn die Übel hauptsächlich von unserer Verfassung und kaum von den äußeren Ereignissen abhängen, beißen und zerfleischen sie deswegen nicht weniger, und wen der Krebs auffrißt, was hilft ihm, zu sagen, es sei ja keine Schuld dafür in der Welt oder bei den andern, sondern in ihm selbst liege der Herd des Übels – er vermag’s deswegen nicht herauszureißen. Genauso wie dem Herrscher eines Staates die eigenen Gefolgsleute und Untertanen oftmals die unbezwingbarsten Gegner sind, denen er sich fügen muß oder am Ende gar seinen Untergang verdankt. Die wichtigste Frage wird also sein: Wie bezwingen wir unsere eigenen Launen, unsern Trübsinn, die schlechten Gedanken, den Ärger und die Ängste? Sind die Weisheitslehren stark genug, nicht bloß unseren Verstand zu überzeugen, man müsse tapfer, versöhnlich, neidlos und hoffnungsvoll sein, sondern auch gegen die Macht unserer Gefühle, gegen Schmerz, Haß, Mißgunst, Langeweile, Verdruß, Verzweiflung anzukommen? Und: Sind diese Gefühle überhaupt von uns zu beeinflussen, oder sind wir ihnen ausgeliefert wie den Stürmen des Ozeans?

3

Wohl verspricht Boethius, daß bei den Weisen überhaupt kein Platz für Haß bleibt: “Denn wer – außer ganz großen Dummköpfen – haßt denn die Guten? Die Schlechten aber zu hassen ist sinnlos. Denn wenn, wie Mattigkeit eine Krankheit des Körpers, so Lasterhaftigkeit eine des Geistes ist, und da wir die körperlich Kranken keineswegs für hassenswürdig, sondern vielmehr für bemitleidenswert halten, sind auch die in viel höherem Maße nicht zu verfolgen, sondern zu bemitleiden, auf deren Sinn, gräßlicher als jedes Siechtum, die Ruchlosigkeit lastet.” Dieses einzusehen wäre nun auch gar nicht mein Problem. Aber den Haß damit aus der Seele zu stoßen, wenn er übermächtig von ihr Besitz ergriffen, daran scheitert meine Kraft, und ich weiß nicht durch welche Weisheit ich so stark werden soll, daß ich mit den Waffen der Einsicht den bösen Geist bezwingen kann. Im übrigen hassen wir ja nicht die Schlechten schlechthin, wir hassen unsere Feinde und Peiniger – und nennen sie schlecht. Wer uns verletzt, beleidigt, erniedrigt, beraubt hat, den können wir hassen und noch mehr den, von dem wir fürchten, er habe die Macht, es noch einmal zu tun. Wo wir unterliegen, ohnmächtig der Rache, in Angst vor neuer Demütigung, dort lodert der Haß und rührt schon deswegen weniger aus der Lasterhaftigkeit des andern als aus unserer eigenen Unterlegenheit. Einen Missetäter, den wir nicht fürchten, verurteilen wir vielleicht, hassen werden wir ihn schwerlich – die Weisheit wird uns hier vortrefflich zur Seite stehen. Aber kann sie auch der gekränkten Seele Linderung schaffen, den Durst nach Rache löschen, mit Argumenten von der Furcht befreien?

4

Nun ließe sich die Sache auch vollends pessimistisch angehen und nicht allein die Wirksamkeit der Weisheitslehren, sondern die Möglichkeit des Glücks überhaupt bezweifeln, das Leben also für eine von Grund auf unglückliche Angelegenheit und die Welt für eine mißlungene Einrichtung halten. Auch könnte dies ein erster Schritt zu unserer “Ent–täuschung” sein und unsere stets überhöhten Ansprüche und Erwartungen herabsetzen. Außerdem mag ein gehöriger Pessimismus und kernige Misanthropie, wo sie mit Witz und Kunst getrieben, dem Menschen durchaus Erleichterung verschaffen. Wer nämlich in der Theorie an das Schlechteste glaubt und von jedem das Schlimmste erwartet, wird im Leben oft genug vom Guten überrascht, welches er dann, da er nimmer darauf gehofft, desto vergnüglicher genießen kann. Schwerlich kann das Schicksal ihn erschüttern. Ich kenne einige Schwarzseher, welche dabei die lustigsten Gesellen sind und obendrein die andern in größte Heiterkeit versetzen, allein mit ihren Auswüchsen an Argwohn, Zweifel und steter Erwartung des Schlechtesten. Hat nicht auch Schopenhauer darin Meisterschaft erlangt, und erleichtert er uns nicht zuweilen von unserer eigenen Not, gerade wenn er das Leiden und die Verkehrtheit der Welt in den grellsten Tönen malt, weil wir schließlich vom Buche aufschauen und schmunzelnd ausrufen: Also so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht!

Wir wollen hier noch nicht das Schlimmste annehmen, das Glück nicht für gänzlich unerreichbar halten, aber doch fragen, ob Weisheit uns befähigt, es zu erlangen und ob wir befähigt sind, eine solche Weisheit zu erlangen. Diejenigen, die den Weg gesucht, bei Lehrern und Büchern, in Euphorie geraten und geglaubt, die Lösung ihres Rätsels gefunden zu haben, dann vom Leben, von ihren eigenen Schwächen und Leidenschaften eingeholt und wieder in den Sumpf herabgezogen wurden, nach vielfachem Auf und Ab sich, weder fortgeschritten noch aufgestiegen, auf der selben Stelle wiedergefunden haben, von der sie ausgegangen, sie werden die Frage nicht unberechtigt finden.

5

Mulford sagt treffend, daß kränkliche, klagende, kurz inferiore Menschen ihre Umgebung mit dieser geistigen Pestilenz verseuchten und selbst ein Gesunder in ihrer Mitte zur Niedrigkeit und Hilflosigkeit herabgezogen werde.

Andererseits vermögen die Klagen und Beichten anderer oft unsere eigenen Lebensgeister aufzuwecken und unsern Ehrgeiz, weise und stark zu sein und mit guten Ratschlägen zu helfen. Zuweilen, wenn mir selbst nicht gut zu Mute ist, im Körper oder in der Seele, und sich gar kein Mittel zur Linderung einfinden will, hilft, daß ein Mensch, der mir wert ist, sich mit einer eigenen Litanei von Jammerliedern und Selbstbezichtigungen an mich wendet. Im Augenblick bin ich verwandelt, vom Patienten zum Arzt, vom Schwächling zum Philosophen aufgestiegen, und voll Staunens steht der andere vor meiner unerschütterlichen Kraft. Die menschliche Natur ist ein organisches, lebendiges Wesen und vermag nicht nur die Dinge ihrer Umgebung aufzunehmen, sondern auch die Gegenmittel zu bilden. Wie unser Körper von schädlichen Bakterien zwar angesteckt und krank, aber auch zur Ausbildung höchster Abwehrbereitschaft und Gesundheit angeregt werden kann, so ergeht es unserer Seele unter elenden Menschen: entweder wird sie herabgezogen und verliert gleichfalls allen Lebensmut, oder, im Gewahrwerden des sie umgebenden Morastes, wird sie geradezu von Euphorie erfüllt, Flügel wachsen, sie schwingt sich leicht empor und schwebt bald erhaben über den zurückgebliebenen, schmachtenden Sumpfgestalten.

Der Arzt bekämpft zwar die Krankheit und sein ganzes Forschen und Wirken hat zum Ziele, den Kranken zu helfen, doch sind wiederum die Kranken die alleinige Grundlage seines Berufes, und wenn er an diesen denkt, möchte er sich eine Welt ohne Krankheit nicht gerne vorstellen. (Er braucht sich aus diesem inneren Widerspruch allerdings kein Gewissen zu machen, denn es steht ja gar nicht zu erwarten, noch weniger in seiner Entscheidung, daß die Menschen bald alle gesund würden und blieben.) Ebenso dienen Schwierigkeiten, in welchen die Menschen stecken, dem Philosophen als Anlaß, Erklärungen dafür, vielleicht auch Mittel dagegen zu ersinnen; und eine Welt, in der alle zufrieden wären, würde seiner Tätigkeit den Grund entziehen und ihn schließlich als einzigen Unzufriedenen übriglassen.

Dazu gibt es noch zwei wunderliche Fälle: Erstens: Wenn man einem, der die Schwere und Aussichtslosigkeit seiner Lage beklagt und alle Tröstung von sich weist, alle Belehrung, wie er sie bezwingen könnte, widerlegt, beistimmend zuruft: “Vollkommen zurecht beklagst du dich, deine Situation ist wahrlich beklagenswert, und keine Hilfe ist auch nur auszudenken, die das Grausame abzuwenden vermöchte,” so wird dieser Mensch zuverlässig im Augenblick sich wenden und antworten: “Nun, ganz aussichtslos steht es ja vielleicht doch nicht, ich hab es bislang immerhin durchstehen können, auch schon Ansätze einer Besserung gefunden, und wenn ich mich forthin bemühe, muß selbst dieses Schicksal zu bezwingen sein.”

Zweitens: Einer beklagt seine aussichtslose Lage, worauf der Angesprochene, sogleich seine eigenen Sorgen und Schwächen vergessend, dem Untergehenden die Hände ausstreckt, in die Register seiner Lebensweisheit greift, die schönsten Ratschläge, Vernunftregeln und Einsichten in den tieferen Wesenskern der Dinge zur Rettung entgegenhält. Der Leidende jedoch, erdrückt und geradezu entmutigt durch solche Fülle: “Ach, ich fühle, wie ich zu klein bin, um gegen die Widrigkeiten meiner Umstände anzukommen und zu schwach, um meine eigene Kränklichkeit zu überwinden – aber du freilich erscheinst mir wie ein Weiser und hast dir die schönsten Erkenntnisse zu eigen gemacht, könnte ich nur auch einmal zu solcher Vollkommenheit aufsteigen!” Nun wird dem Lehrer mit einem Male vor seiner eigenen Größe bange, er schwenkt um und stutzt seine vorher noch so majestätisch einherschreitenden Einsichten und Regeln zurück, als gälten sie ja nur so und so und nur zuweilen und seien auch nicht frei von Widersprüchen und die, die es doch zu sein schienen, habe er freilich selbst noch nicht verinnerlichen können und schwebe letztlich ebenso oft in Irrtum und hilfloser Schwäche wie andere Menschen auch.

So ist also aus dem Schwachen des ersten Falles, dem man die Hoffnungslosigkeit seiner Lage bestätigte, durch Für-wahr-nehmen seiner Schwäche, ein sich Stärkender und Aufsteigender, gar nicht mehr so Schwacher geworden, hingegen der Starke aus dem zweiten Fall, der die Welt und das Schicksal durchschaut und bezwungen zu haben schien, wendete sich, als man es bei ihm gelten ließ und ihn dafür bewunderte, wieder davon ab und wollte gleich ein ebenso schwacher Mensch sein, wie alle andern und beteuern, daß ihn seine Weisheit noch in keiner Weise über das gewöhnliche Schicksal zu erheben vermochte.

Greift so nicht, in unserer Seele, Freud und Leid beständig ineinander und bildet ein unentwirrbares Knäul?

6

In eifrigen Gesprächen unter Freunden, beim Lesen weiser Bücher, bei eigenen Versuchen mit der Feder und vor allem während wir andere in ihrem Mißgeschick beraten, lassen wir uns hinreißen und glauben, mit guten Lebensregeln und aufrichtigem Streben von den Plagen frei und des Glückes teilhaftig zu werden. An einer ausgelassenen Tafel scherzen wir über unsere Schwächen, und unser vermeintliches Elend gibt den Stoff für manchen Spaß. Wir treten dabei zur Seite und betrachten uns aus einiger Entfernung; wir reden über unsere eigene Lage nicht mehr als Betroffene, und schon läßt uns eine heitere Weisheit über den Dingen stehen, -welche währenddessen aber ganz dieselben geblieben sind. Je weiter wir von eigenem Elend entfernt sind, weil wir uns selbst aus einigem Abstand betrachten oder nur noch die Probleme der andern sehen, desto leichter erfaßt uns die Zuversicht, wir schwingen uns in die Rolle des Heilkundigen und streuen Ermahnungen und gute Ratschläge wie Konfetti um uns her. So sagt auch Goethe: “Es ist in der Welt nicht schwer zu bemerken, daß sich der Mensch am freiesten und am völligsten von seinen Gebrechen los und ledig fühlt, wenn er sich die Mängel anderer vergegenwärtigt und sich darüber mit behaglichem Tadel verbreitet.” Und bei Shakespeare finden wir:


men
Can counsel and speak comfort to that grief
Which they themselves not feel; but tasting it,
Their counsel turns to passion

schließlich im Prometheus des Aischylos:

ελαφρον οστις πηματων εξω ποδα

εχει παραινειν νουθετειν τε τους κακως

πρασσοντας.

Wer seinen Fuß aus der Schlinge hat, kann leicht
Ermahnen und weise raten, dem der leiden muß.

Doch zuverlässig hält dieser Schwung nicht lange und erscheint uns am nächsten Tag bereits als trügerischer Traum. So sehr wir auch streben, eine erhabene Einsicht in uns zu verfestigen und in unserer Bewegtheit glauben, das Übel ein für alle Male besiegt zu haben, hilft es doch nicht mehr in Zeiten, da uns selbst das Elend, die Furcht und die Verzweiflung überkommt.

Der Tatmensch rät, man müsse das Übel kräftig bei der Wurzel packen, die Zustände zu seinem Vorteile ändern; der Weise, man solle es als die natürliche, vom Schicksal oder einem Gotte zugeteilte Bestimmung begreifen und mit Geduld ertragen. Das eine müssen wir den Tatmenschen überlassen, die, auf ihre Weise, ja oftmals wacker und unerschüttert durchs Leben zu kommen scheinen. Ob wir das Unglück aber, nach Art des Weisen, begreifen können, und wenn, ob uns das Begreifen hilft, es wirklich mit Geduld zu tragen, das wollen wir doch noch in Frage stellen. Denn, würde die Einsicht, daß alles dies nur natürlich und unserem Wesen angemessen sei, uns helfen, es auch zu ertragen, so wäre dem Elende ja der hauptsächliche Stachel genommen, wir hätten gerade das, was wir eben noch als unsere Natur erkannten, nämlich leidend zu sein, bereits überwunden, wären zufrieden, gar glücklich, – und die Erkenntnis wiederum, daß der Weg des Lebens mit Leid gesät ist, hätte sich erübrigt.

7

Nun lehrt zwar der weise Marc Aurel: Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage: “Man hat mir Böses getan” ist das Böse selbst unterdrückt.
Oder an anderer Stelle: Vergeht sich einer an dir? Er vergeht sich an sich selbst. Ist dir etwas zugestoßen? Gut. Alles, was dir widerfährt, war dir von Anfang an nach dem Lauf der Weltgesetze so bestimmt und zugeordnet.

Davon finden wir auch alle anderen Weisheitsbücher voll. Die Wirklichkeit aber spielt sich doch eher so ab: Einer klagt: “Ach, ich bin unglücklich! Der und jener mißhandelt mich, dies und das mißlingt mir, ich werde nicht geliebt und mag mich selbst nicht leiden und sehe keine Hoffnung für alle Zeit!” – “Nun ja,” erwidert ihm der Freund, “es ist schlimm, aber nimm es nicht so schwer, das gehört zum Leben, ein jeder stolpert zu Zeiten über diese Hindernisse oder sieht sich im Morast versinken. Versuch es tapfer zu ertragen, als das Unvermeidliche hinzunehmen, oder, besser noch, versuche das Gute darin zu erkennen, dann ist die Hälfte der Schlacht geschlagen, und du gehst dem Sieg entgegen!” – “Ja, vielleicht hast du recht. – Doch wenn es mir gelänge, es hinzunehmen, wenn ich Einfluß darauf, Macht darüber hätte, so wäre es ja tatsächlich nicht mehr schwer, und der Schmerz würde nicht als unüberwindbares Schicksal auf mir lasten. Aber gerade daß ich keinen Ausweg finde, nur Verschlimmerung fürchte und mir jede Hoffnung auf Erlösung abhanden gekommen, daß ich keine Kräfte in mir fühle, meine Gedanken weg auf vorteilhaftere Aussichten, auf eine günstigere Auslegung meiner Umstände zu lenken, daß die Kränkung, die Sorge, der Schmerz mich mit solcher Übermacht ergriffen hat, das eben macht ja das Untröstliche meiner Lage.” So redet und empfindet der wahrhaft Leidende!

Denn es ist gar nicht dasselbe, ob ich, wenn ich mit meinem Wagen eine Panne habe und mir keinen Rat mehr weiß, einen kundigen Mechaniker rufe und belehrt werde, man müsse, in meinem Falle, statt die Zündkerzen zu säubern und den Keilriemen zu spannen, doch einfach Benzin einfüllen, ich seinen Rat befolge und meinen Weg fortsetzen kann; oder ob, wenn meine Seele, in tiefe Verzweiflung gestürzt, zwar alle denkbaren Auswege vorüberziehen sieht, doch von keinem sich Linderung erhofft, ja überall noch Verschlimmerung fürchtet, ich dann einen Seelenkundigen rufe und den Rat bekomme, es sei weder die Ursache meines Schmerzes wert zu leiden, noch würde die Verzweiflung zu irgendeinem guten Ziele führen, sondern allein die Besinnung auf die wahrhaft wichtigen Dinge, welche aber ganz frei von den Zufälligkeiten des Schicksales seien, könne hier Abhilfe bringen. Zwar mögen beide Ratgeber mit dem Einfachsten das Richtige getroffen und meinen Verstand völlig überzeugt haben, doch während dieser im ersten Falle meine Hände anweist und diese gehorchen, versucht er im zweiten Falle meine Seele anzuweisen, die aber, von den Wahngestalten ihrer Peiniger gebunden, nicht gehorchen kann.

Deswegen bergen alle Ratschläge und Überredungsversuche, man solle das Übel geduldig ertragen, sich nicht zu Herzen nehmen oder erst gar nicht als solches anerkennen, diese Absurdität in sich: Wäre es möglich, es weniger schwer zu nehmen, am Leid weniger zu leiden, sähe man einen Weg, es zu bezwingen, so wäre das Leid kein wirkliches Leid, man wäre dann Herr über sein Schicksal und schließlich allen Elends und auch der Trostbedürftigkeit enthoben.

Mir ist nie gelungen, durch guten Rat, einem Leidenden emporzuhelfen, und mich selbst konnte nichteinmal die Weisheit Senecas aus der Verzweiflung retten, als das Gefäß von Leib und Seele am bersten war. Daher scheint mir, das eigentlich Tröstende, wenn es denn doch zur Wirkung kommt, liege wohl gar nicht in irgendwelchen Ratschlägen, mit Weisheit angefüllten Belehrungen und Ermunterungen, sondern einfach in der Anteilnahme eines anderen Menschen. Sei es, daß durch das Mitleiden tatsächlich ein Teil der Last abgenommen wird, sei es, daß wir, als wäre der andere uns ein Spiegel, beschämt werden, uns so schwach, so mut- und hilflos zu zeigen, und vielleicht ermutigt, unsere Reserven an Tapferkeit zu mobilisieren, sei es, daß die Liebe eines Menschen ungenannte Kräfte in uns strömen läßt. Auch sich einmal auszusprechen, all sein Elend vor einer andern Menschenseele auszuschütten, schafft ja oftmals wenigstens vorübergehende Erleichterung. Die Tröstungen der Philosophie verblassen dagegen und werden entsprechend oft belächelt.

8

Andererseits glänzen ihre Lehren in guten Stunden und versprechen, alle kommenden Übel im Sturme zu bezwingen. Dann erquicken sie jede treffliche Seele, erfüllen mit Zuversicht, mit ihrer Hilfe scheinen die Launen des Geschickes überwunden, die Krankheiten und Abgründe des Gemütes überschaubar und beherrscht, alle Vorsätze ausführbar, alle üblen Stimmungen auf immer verbannt und obendrein unserem Leben, unserem Tun die Färbung des Edlen angehaucht. Sie erst machen unser Glück vollkommen. Müßte man ihnen also nicht wenigstens anrechnen, daß sie uns in der guten Zeit erheben, aufs Angenehmste unterhalten, uns den Wahn versüßen, es würde nun ewig fortdauern, und künftige Schwierigkeiten könnten mit Einsicht und heiterer Laune überwunden werden?

Da wäre doch die Philosophie mit ihren Lehren, wenn sie auch in der Not gar nichts taugte, immer noch eine vortreffliche Erbauung für bessere Tage und für bessere Geister erquicklicher, als im Wirtshause bei Bier und Kartenspiel die gute Laune auszuschwitzen. Daß sie nur in diesen Zeiten wirkte und erfreute, würde sie sowenig widerlegen, als es nicht einzusehen wäre, warum wir in der Gesundheit ein gutes Mahl verschmähen sollten mit der Begründung, es würde uns für die Zeit der Krankheit gar nichts nützen, weder daß wir es jetzt einnähmen, denn der jetzige Genuß sei dann längst vergessen, noch wenn wir es dann einnähmen, weil uns dann weder das gute noch das ärmliche Mahl Genuß bereiten könne und wir gar nichts essen wollten.

9

Unsere Seelenverfassung gleicht aber dem Schifflein auf den Wogen des Meeres, in ewigem Auf und Ab, bei wechselndem Seegang, und jederzeit kann eine grausige Sturmflut über uns kommen, die uns vernichten will. Das Prinzip und Verhältnis zu den Lehren der Weisheit könnte man dabei folgendermaßen beschreiben: Aus guter Laune und einem behaglichen Dasein fallen wir ab ins Tal, es beginnen uns Menschen zu ärgern, Zustände zu plagen, Sorgen zu erdrücken, und je weiter wir uns der Sohle nähern, desto weniger sind wir empfänglich für gute Ratschläge der Weisen;


I pray thee, cease thy counsel,
Which falls into mine ears as profitless
As water in a sieve: give not me counsel

Unten angelangt, selbst wenn wir in unserer Verzweiflung jetzt zu einem vortrefflichen Buche griffen, würden wir über die Zeilen fliegen, ohne ein einziges Wort in uns einzulassen. Wohl geben wir, so wir noch Anstand besitzen, in diesem Zustande die Schuld nicht den Lehrern, stehen vielleicht in abstracto noch immer zu ihren Maximen, wälzen alles auf die Umstände oder das eigene Versagen, aber unsere Seele ist eingeklemmt in ihre Bedrängnis, die Gedanken mit Ketten an das Verdrießliche geschmiedet und unsere Phantasie unermüdlich mit der Produktion von widerwärtigen Vorstellungen beschäftigt. Die Talsohle jedoch einmal durchlaufen, schimmert mit dem ersten Anstieg auch der Hoffnungsfunke, wir öffnen uns einer besseren Zukunft und zugleich den Lehren und guten Ratschlägen. Der starke Aufwärtstrieb steigert sich zur Euphorie, und die Weisheit, die uns jetzt in die Hände fällt, ergreifen wir feurig und glauben daran wie an die herrlichste Offenbarung. Auch sind wir überzeugt, daß sie es ist, die uns auf ihre Schwingen nimmt und uns, von Qual und Schmach erlösend, dem Glück entgegenträgt. Wir gelangen auf die Höhe der Woge, sind im Gleichgewichte, zufrieden, womöglich glücklich – für einen Augenblick; doch alsobald beginnt das Glück zu trocknen, die Lehre bleibt stumpf im Ohr, in Allgemeinplätzen noch allenfalls gepriesen, wir werden selbstzufrieden, aber immer gleichgültiger gegen die Weisheit. Und so zeigt sich auf der Höhe bereits die neue Talfahrt, wir nähern uns erneut dem Abgrund, Ärgernisse künden sich an, nehmen mehr und mehr Besitz von unserer Seele, bis wir wieder im Tale sind und alles von vorn beginnt. Nach diesem Prinzip verlaufen sowohl die großen Stürme unseres Lebens, wie auch die kleineren Perioden unserer Krisen bis hin zum leichten Gekräusel unserer täglichen Stimmungen und Launen.

Demnach wären die Weisheitslehren nichts als eine Begleitmusik unseres Seelen-Auf-und-Abs, einmal wahrgenommen und gelobt während des Aufstieges, für allein seligmachend und Heil bringend erkannt, dann wieder als stumme, wirkungslose Begleiter nebenher gehend oder ganz vergessen. An unserm Wohlbefinden, an unserer Höhe und Tiefe würden sie gar nichts ändern sondern allenfalls den Kommentar geben – den wir aber, zumal während der Hoffnungsphase, mit dem Agens verwechselten.

10

Das Bild von der Wellenförmikeit unseres Gemütslebens mag uns zuerst vielleicht nicht ganz wirklich und diese vor allem nicht so gleichförmig vorkommen. Im gewöhnlichen Wirbel der Geschäfte führen wir ja kein Protokoll unserer Stimmungslage, wir gewinnen keine Übersicht, und das Typische, Charakteristische wird uns nicht bewußt. Wir fühlen immer nur das Glück und das Leid des Augenblicks, rufen allenfalls vergangenes oder künftiges in unsere Vorstellung. Dabei sind wir meist überzeugt, daß äußere Umstände für unser Befinden verantwortlich seien, daß dieses uns verärgere, jenes uns beglücke, aber in einer Folge und Dauer, die gar nicht bei uns liege, sondern eben von außen bestimmt werde.

Wenn man nun aber über lange Zeit ein äußerlich völlig gleichförmiges Leben führt, wie dasjenige eines Eremiten, so kann man beobachten, daß die Schwankungen der Befindlichkeit einer Regel folgen, daß Glück und Leid in ziemlicher Gleichmäßigkeit einander abwechseln, daß dies nach einem inneren Gesetz der Seele, nicht nach der Zufälligkeit äußerer Einflüsse geschieht. Denn jetzt beschränken sich die äußeren Einflüsse auf die Bilder, die sich davon in unsere Vorstellung drängen, und wenn uns jetzt ärgert, was uns dieser einmal angetan, was jener in unserer Abwesenheit vielleicht übel von uns reden könnte, dann sind das in unserer Phantasie zwar äußere Geschehnisse, aber dennoch einzig in uns selbst herauf- und zu Gewicht gekommen: denn vortags sind uns die Bilder nicht erschienen oder haben uns gleichgültig gelassen, sie konnten keine Kraft gewinnen gegen das Grün der Wiesen und den Duft der Blumen. Jetzt, auf einmal, versammeln sich die Dämonen in unserm Hirn und füllen alles aus, und wenn wir lange genug vergeblich versuchen sie abzuschütteln, dämmert uns vielleicht, daß wir sie ja eingelassen haben, daß wir uns an sie klammern, sie immerzu aufrühren und keine genügende Kraft in uns finden, diese inneren und eigenen Plagegeister zu vertreiben.

Ich konnte bei solcher Gelegenheit einen Rhythmus von mehreren Tagen beobachten, während derer ich mich lustig meinem einsamen Leben, dem Genusse der Natur und meinen Tätigkeiten hingegeben hatte, um dann zuverlässig in eine trübe, nagende, gehässige, verbitterte Laune zu fallen, die wenig schöne Aussichten bot und sich ein für allemale einquartiert zu haben schien. Und doch, nach wenigen Tagen war die Misere wiederum unvermutet ausgestanden, die bösen Geister von mir gewichen, Kraft und Lebensmut zurückgekehrt. Und so ging es im Wechsel fort, obwohl keinerlei außer mir liegende Geschehnisse Einfluß auf mich nehmen konnten.

Man könnte, mit einer Vergleichung aus der Physik, die äußeren Geschehnisse auch als zufällig ankommende Erregerfrequenzen, unser Gemüt aber als den Resonanzkörper bezeichnen, welcher, mit seiner eigenen Schwingungscharakteristik, die zunächst unbedeutende Schwingung verstärkt und aufrechterhält. Wie wir ja den Ton der Stimmgabel kaum vernehmen, aber, auf einen Resonanzboden gestellt, um ein Hundertfaches verstärkt, so kann ein kleines, unbedeutendes Ereignis in unserem Gemüt sich in lautes Getöse verwandeln. Am schlimmsten ist wohl, wenn exakt die Eigenfrequenz, die Resonanzfrequenz erregt wird, was bis zum Zerspringen des Gefäßes führt. Große Gebäude sind dabei in sich zusammengestürzt, wovon die Tacoma-Brücke, die sich zuletzt in ein schaukelndes Ungeheuer verwandelte, ein eindrucksvolles Beispiel gibt.