DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

DIE GESELLSCHAFT DER BÜCHER

Nun zu dieser andern Geselligkeit, den Büchern, die manchem zwar den Kopf austrocknen mag, ebenso aber das lebendige Zwiegespräch unter ausgesuchten Freunden sein kann. Denn das Buch ist nicht bloß bedrucktes Papier, sondern die Rede eines Menschen, mit dem wir uns beim Lesen unterhalten, den wir unterbrechen mit unseren Einwendungen, belehren mit unseren Gedanken, ergänzen mit unserer Erfahrung, der uns lachen und weinen läßt, uns lobt und tadelt, den wir bewundern oder schelten. Das geht so beim Lesen aber erst recht beim Schreiben, wo der Autor sich mit seinen Worten an den vorgestellen Leser wendet und also ganz und gar bei ihm ist. Lesen und Schreiben ist nichts weiter als ein geselliger Austausch von Gedanken und Gefühlen, und diejenigen, die das Bücherschreiben für Verschwendung von Zeit und Papier ansehen, weil das Beste, das Schönste, das Unerreichbare ja schon hundertfach gesagt sei und ein Menschenleben, auch bei unermüdlichem Studium, nicht hinreiche, auch nur den kleinsten und wichtigsten Teil davon würdig zu verdauen, oder diejenigen, die überhaupt bezweifeln, ob man aus Büchern klüger, besser oder glücklicher werde, die müßten zuerst einmal ihre eigenen Worte bedenken, denn auch die wurden schon unzählige Male geäußert und haben dennoch die Menschheit noch nicht vorangebracht. Wer sagt, Schweigen sei besser als Reden, macht sich unglaubwürdig.
Ich lasse die Schrift einmal beiseite und denke mich in eine größere Gesellschaft von Freunden versetzt: Während die meisten bei Kartenspiel, Tanz und Tafelfreuden sich ergötzen oder Geschäfte verhandeln, haben sich einige in einer Runde versammelt und ein lebhaftes Gespräch begonnen, dabei manchen Interessierten als Zuhörer in einem weiteren Kreise darum geschart. Ich trete der Runde näher, lausche, werde auf das Thema und die Argumente aufmerksam, fühle mich endlich aufgelegt, eigene Einwürfe oder Vorschläge zu tun, Erfahrungen mitzuteilen und mit einem Späßchen Zuhörer und Disputanten aufzuheitern.
Solch eine Gesellschaft wäre nichts Außergewöhnliches. Nehmen wir sie also real, dehnen sie nur aus, nicht allein auf unsere zeitgenössische überhaupt, sondern, die Schrift als Medium hinzunehmend, auf alle Zeiten, aus denen uns Äußerungen zu unserem Gespräch überliefert sind, so finden wir im Zentrum vielleicht den Platon, Seneca, Montaigne, Kant und Schopenhauer stehen, (andere, nicht weniger bedeutende führen an einer anderen Ecke gerade ein anderes Gespräch zu einem anderen Gegenstand), Dichter und Künstler stehen dabei und viele Neugierige, wie ich etwa, die dem Gespräche folgen und mehr oder weniger daran teilnehmen. Eine höchst unschuldige Beschäftigung also, wozu aber das Schrifttum zu benutzen ist, worin eben die Teilnehmenden sich seit Jahrtausenden, durch Vermittlung der Bücher, miteinander unterhalten, einander loben und bekritteln, oft mißverstehen und schmähen, aber auch bereichern und befruchten. Fühlt man sich in diese Runde versetzt, wird der Drang nicht ausbleiben, sich ebenso in das Gespräch zu mischen und womöglich lebhaft daran teilzunehmen. Ein mehr oder weniger teilnehmendes Publikum ist als allgemeine Leserschaft darum versammelt. Ob das Hineindrängen in den engeren Kreis der Disputanten und das zur Gelegenheit Selbst-Wort-Ergreifen der Runde zur Bereicherung gereicht, ist dann eine ganz andere Frage, die man aber schwerlich selbst abschätzen kann, weil man ja gerade im treulichen Glauben an diesen Nutzen, zuweilen wohl auch aus Vorwitz, zu dieser Teilnahme drängt – beidemale aber ist die eigene Urteilskraft getrübt. Nur muß man nicht fürchten, man könne durch seine Einmischung wirklichen Schaden stiften. Zwar wird das Publikum verwirrt durch die vielen Zwischenreden (sprich: die endlose Zahl der zeitgenössischen Publikationen), doch die erlesene Runde selbst weiß sich sehr leicht zu schützen und weiterhin das Wort zu führen (sprich: die vielen Bücher der Gegenwart werden bald vergessen sein, während die ihrigen fortleben).

Eine höchst unschuldige Beschäftigung also, und diejenigen, die dagegen einwenden, es sei inzwischen genug Papier geschwärzt, das Wesentliche auch längst auseinandergesetzt, die müssen sich gefallen lassen, daß es sich mit den Reden, auch den ihren, ja selbst mit den Taten und Geschäften der Menschen ganz ebenso verhält: alles Wesentliche ist schon geplaudert, disputiert und getan worden, und dennoch wird eben dasselbe in jeder Stunde millionenfach wieder geplaudert, disputiert und neu getan.

So wollen wir uns denn einmal aller Eifersüchtelei entheben und auf den Büchermarkt wie auf den Gemüsemarkt mit einem zwinkernden Auge blicken, uns an diesem tollen Leben ergötzen, und wie wir dort die Alte, die unbeirrbar noch ihren letzten schrumpligen Salat anbietet, als ein liebenswürdiges Kuriosum schätzen, so auch hier den unverdrossnen Schreiber, dessen Verse vielleicht noch schrumpliger und dürrer daliegen als der Salat.

Hingegen werden die Bücher zu desto lebendigeren Gesellschaftern, je mehr wir sie nicht nur aufnehmen, sondern mit ihnen ein wahrhaftes Zwiegespräch beginnen, als stünde der Verfasser leibhaftig vor uns. Ich muß sagen, daß ich kaum anders mit ihnen umzugehen verstehe und schon nach wenigen Seiten nicht mehr die Schrift als vielmehr den Schreiber vor mir habe, ja eigentlich den Redner, dem es mich drängt, oftmals vor der Zeit, ins Wort zu fallen. Selbst die Dichter ziehe ich hinter ihrem Werk hervor, obwohl dies eigentlich schändlich ist und den Genuß verdirbt. Man sollte hier wenigstens das Geschaffene für sich gelten lassen und nicht nach dem Schöpfer fragen. Aber machen wir es nicht mit der Welt ebenso? Wo es schön ist, loben wir den Herrn, und, sobald es schlimm wird, fragen wir, warum er es zuläßt, und überhaupt, was er sich bei alldem denkt, warum er es so und nicht anders geschehen läßt. Weiser wäre, es hinzunehmen, ungefragt, auf seine vollendete Güte und Einsicht vertrauend. Doch ist der Disput immerhin eine Übung des Geistes, durch welche wir dieser Weisheit näherkommen mögen, wenn wir erst gewahr werden, warum unsere Erwägungen so tief unter den seinen stehn.
Auch werde ich oft zu einer Überzeugung hingerissen, nur weil mein Gegenüber damit begonnen hat, ihr Gegenteil zu postulieren, und doch habe ich die größte Freude sowohl darin, eine gemeinsame Synthese zu finden, als auch meinen eingeschlagenen Weg zu festigen und zu verzieren. Allein durch das Streben nach der Wahrheit, durch das Ringen und begeisterte Suchen, das Abwägen, zurückstecken und wieder Vorpreschen, das Überdenken, das vielleicht zu hitzige Polemisieren, das Bereuen und die neue Zuversicht gelangen wir in ihre Nähe, können sie berühren und uns als Philosophen freun.

Auch ein anderer Vorteil liegt in der Gesellschaft der Bücher. Im Leben könnten wir kaum miteinander verkehren, wenn wir unsere Neigungen und Aversionen gegeneinander so offenlegten wie wir sie jeweils gerade empfinden. Um uns die dazu nötige Selbstbeherrschung zu erleichtern, sind uns die gesellschaftlichen Umgangsformen der Höflichkeit gegeben. Sie schaffen die gesunde Distanz, deren der Mensch so sehr bedarf, und ohne die er sich, einmal aus zügelloser Liebesgier, einmal aus überschäumendem Haß, jedenfalls rasend, auf seinen Nächsten stürzen würde. Die wirklichen Philosophen hingegen verkehren miteinander fast nur vermittelst der Bücher, weil sie selten geboren werden und sich deswegen nur ausnahmsweise im Leben begegnen. Dafür ziehen sie dann mit ihren Griffeln desto ungehemmter und vielleicht natürlicher vom Leder und würden, wenn nicht das Papier als Mittler dazwischenträte und den Sicherheitsabstand schüfe, welchen unter den Lebenden die Höflichkeit und die öffentliche Ordnung gewährt, sich bereits sämtlich zerfleischt oder in Verehrungshymnen kopfscheu gemacht haben. Der glücklichste Umstand dabei ist, daß der Angesprochene meist schon in den seligen Gefilden weilt, wo er über Beleidigung, Schmähung, Mißverstand ebenso wie über eitles Loben erhaben stehen mag.

Beim Lesen großer Gedanken und weiser Lebensregeln wundere ich mich nicht selten, wie klar doch jetzt alles scheint und wie inbrünstig ich diese Größe und Wahrheit in mich fließen lasse und wie wenig im nächsten Augenblick, da ich das Leben wieder betrete, davon wirklich in mir haften bleibt und wie nicht zerstreutes Denken und Handeln darauf deuten, daß ich umsonst gelesen, in Büchern zwar weise, im Leben aber ein Tor bin.
Doch wenn dies so wäre und die großen Lehrer der Weisheit ihr Gut zwar lehren, aber die Schüler es nicht lernen könnten, da es nicht vermittelbar sondern in jedem eigens und ganz von neuem keimen müßte, selbst dann bliebe, denke ich, ein Gewinn beim Bücherlesen (und beim Bücherschreiben, denn auch hierbei wandelt man in hoher Gesinnung), daß nämlich, wenigstens während dieser Stunden, die Seele sich zu Höherem, zu größerer Vollkommenheit aufschwingt und in Seligkeit schwebt. So ist der Vorwurf, es nütze einem die Weisheit der Bücher nichts, solange er sie nicht ins Leben zu übertragen verstünde, nur zum Teil, meinetwegen auch zum größeren Teil richtig. Doch selbst dem Ungelehrigsten bleibt der Vorteil der Weisheit wenigstens während des Lesens oder Schreibens, und wenn diese Tätigkeit einen guten Teil seines Lebens ausmacht, so ist ihm auch ein gutes Stück geholfen.

Zuweilen lese ich mehrere Bücher, um einen einzigen Gedanken in wenigen Worten ausdrücken zu können, dann wieder fülle ich mehrere Blätter ohne einen einzigen Gedanken wissentlich an irgendwelche Bücher zu hängen. So ist auch das ganze Empfinden unseres Daseins. Einmal fühlen wir uns ganz mit Anderen zusammenhängend, nur für Andere tätig, und nur aus Anderen unser ganzes Dasein herleitend, die Zuneigung, den guten Ruf, den Ruhm, für die wir unsere Kraft verströmen lassen, die Quelle, woraus wir sie beziehen, alles ganz und gar in fremder Hand; dann wieder fühlen wir uns selbst ein Gott, als hätten wir die Quelle des Lebens und der Weisheit in uns und ein eigenes Urteil, einen Spiegel, in dem zu betrachten uns völlig genügte und wir nicht angewiesen wären auf Urteil und Geschmack der übrigen.

Erst die Einsamkeit öffnet uns wirklich die Gesellschaft der Bücher. Sobald wir jedoch dort aufgenommen und zuhause sind, wird uns die übrige Gesellschaft nicht mehr im selben Maße besitzen. Wohl können wir darin eintauchen, uns jeglichen menschlichen Umgangs erfreuen, doch als ein Reisender, der bleiben oder gehen kann, der, bei aller Freundschaft und Liebe, nicht darauf angewiesen ist, darin zu wohnen. Notwendig entführen uns die Bücher der gewöhnlichen Gesellschaft, indem sie uns zu Bürgern ihres eigenen Staates machen, und wenn sie uns in diese scheinbare Einsamkeit führen, so lassen sie uns doch nicht wirklich allein.

Wenn sie nicht im selben Maße feurig und aufwühlend sind wie zuweilen der menschliche Umgang, so sind sie doch beständiger, klüger und auf die Dauer unterhaltsamer.

Als höchst erhabenen Zustand könnte man sich denken: in Gesellschaft und dennoch einsam leben; allen innern Zwang und jeden Gegensatz zwischen sich und den übrigen lösen, doch die äußern Ketten der Gemeinschaft sich nicht anlegen lassen; einen jeden herzlich lieben, aber nichts von ihm erwarten; von den Menschen lernen und sie leiten, ohne ihren Lastern und ihrer Besitzgier anheimzufallen.