DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

DER AFFEKT BESIEGT DEN GEIST

1

Nichts gab mir einst solche Lust an der Philosophie, als die Lehren der Weisen von der Nichtigkeit des Todes. Ich nahm diese Erkenntnis mit einer Begeisterung auf, die mich sogleich, neben der Todesfurcht, auch sämtliche anderen Schwächen, Laster und Ärgernisse im Sturm besiegen ließ, denn: wer den Verlust des Lebens nicht fürchtet, überwindet der nicht gleichzeitig auch den Verlust alldessen, was dieses Leben enthält und also die Krankheit: den Verlust der Gesundheit; die Kränkung: den Verlust der Achtung; die Armut: den Verlust des Vermögens; die Eifersucht: den Verlust der Geliebten; die Langeweile: den Verlust der Unterhaltung; die Trägheit: den Verlust der Selbstachtung? Wer gleichgültig über die Erhaltung seines Hauses denkt, ob es niederbrennen, von einem Erdbeben zusammengeworfen oder er daraus verjagt werden wird, wenn ihm einerlei ist, ob er darinnen wohnt oder sich an einem anderen Flecken niederläßt, kann ihn noch die Sorge aufreiben über eine undichte Stelle im Dach, kann er verzweifeln über eine Schramme im glänzenden Fußboden, wird er sich grämen, wenn Mäuse darin nisten oder die Leute das Haus nicht vornehm genug finden? Er wird darin wohnen, solange es ihm gefällt und seinen Besitz verlassen, noch bevor ihm dieser den ersten Ärger bereitet.

So glaubte ich, in dieser ersten Weisheit der Alten, in der Verachtung des Todes, die Rezeptur entdeckt zu haben gegen die hauptsächlichen Übel meiner Zeit und sah mich selbst bereits als Weisen und sicherlich bald gefragten Wunderheiler. Denn kaum eine Epoche hat sich jemals im Wohlstand so verzärtelt und so vielen Aufwand getrieben, sich gegen den Tod zu sichern, als die unsrige. Da schalt ich denn in etwa: “Der Mensch ist doch ein ängstliches Wesen, und je länger er in Sicherheit und Überfluß dahinschwelgt, desto größer wird seine Ängstlichkeit, diese Güter und schließlich gar das Leben samt ihnen zu verlieren. Schnell verlernt der Mensch die Not und schnell das Sterben – und stirbt letztlich doch. Nur bei den armen Völkern wird heute noch ohne Haupt- und Staatsaktion gestorben, und wenn wir überall sonst im Vorteil gegen diese Elenden sind – im Sterben, welches sie, durch viele tägliche Übung, mit Gelassenheit meistern, darin sind wir elend, und sie könnten uns in dieser wichtigsten Sache Lehrmeister sein. Denn elend ist, das Natürliche und Unvermeidliche nicht mit Gelassenheit zu ertragen, elender noch, es überall und in den verborgendsten Winkeln zu fürchten, und kleinmütig ist, die Natur und ihr Gesetz anzuklagen.
Wir aber ziehen den Arzt vor Gericht, den wir bei einem Fehlgriff ertappen, und wir geraten in äußersten Zorn, wenn irgendwo die medizinische Versorgung nicht so ausfällt, wie wir sie für notwendig und angemessen halten. Angemessen aber halten wir, daß wenigstens Millionen aufgewendet werden und eine Schar von Pflegern und Chirurgen herbeieilt, sobald die kleinste vermeintliche Aussicht besteht, unser Leiden zu mildern, unseren Tod ein wenig aufzuschieben. Kaum gab es je an den Höfen der Könige wehleidigere und selbstbezogenere Exemplare als in unserer üppigen Zeit der Durchschnitt. Wir sehen nicht, daß die Kunst des Arztes die unsicherste unter den menschlichen Künsten sein muß und dieser allenfalls dann zu tadeln, wenn er sich als Herr über Gesundheit und Leben ausgibt, wo er doch ebenso nur ein Werkzeug des allmächtigen Schicksals sein kann. Nein, wir fordern, es müsse die medizinische Kunst die sicherste sein, Wir klagen ein Recht auf Leben ein, als sei dies ein Naturrecht, dabei haben wir es uns, in ich weiß nicht welchem Wahn der Selbstherrlichkeit, eigenmächtig verliehen.

Mit Kohorten von Helfern und Spezialisten, mit Maschinen, für deren Entwicklung Heere von Arbeitern, Ingenieuren und Wissenschaftlern aufgeboten wurden, müssen Körper, denen der Geist bereits entflohen, künstlich in Tätigkeit erhalten, Seelen, denen ein zerstörter Leib kaum mehr Unterkunft gewähren kann, gewaltsam festgebunden werden, wegen dieses wunderlichen Rechts auf Leben, das wir uns oft bis zum Zwange auferlegen, weil uns der Tod so furchtbar erscheint, daß ihm freiwillig nicht eine Seele abgetreten werden darf.

So sehr fürchten wir den Tod, daß wir uns vorher sämtliche Organe ersetzen ließen und lieber als eine Mischung aus zehn Toten weiterlebten, bevor wir bereit wären, auf ganz gewöhnliche Weise zu sterben – bis dahin aber uns selbst zu bleiben. Noch als Maschine aus künstlichem Herzen, künstlicher Niere, der Leber eines Schweins und womöglich dem Gehirn eines Affen würden wir vorziehen zu leben, aus lauter Angst vor der selbstverständlichsten Sache, dem Tode.

Wenn auch mancher Arzt mit diesen medizinischen Kunststücken bloß seine wissenschaftliche Neugierde und Lust an technischer Raffinesse befriedigen mag, so müssen im allgemeinen doch die Menschenwürde und das Menschenrecht Pate stehen, um derentwillen Jegliches unverzichtbar anzuwenden sei, einen Menschen im Leben zu halten, und dies macht den Aufwand vollends erbärmlich und zum Zeugen unserer Feigheit. In Wahrheit des Menschen würdig ist nämlich, die Angst vor dem Tode durch Kraft des Geistes zu überwinden, und ein Recht bezüglich des Todes hat der Mensch, wenn überhaupt, nur, daß er diesen auch selbst erwählen kann, um möglicherweise sich und die Welt von einem Elende zu befreien.

Wir flüchten unablässig vor dem Tode und damit vor uns selbst, denn er ist das einzige, das immer fest mit uns verbunden ist und wirklich zu uns gehört. Alle übrigen Dinge wechseln, er alleine bleibt, sie schwanken, nur er ist uns sicher. Daher wäre besser, sich mit ihm zu beschäftigen, sich mit ihm anzufreunden, da wir ihn doch nicht meiden können – wir würden so den einzig sicheren Teil unserer selbst kennenlernen.”

2

Zu diesen Einsichten kamen noch solche, welche meinen Verstand von der Unsterblichkeit der Seele überzeugten, und nun glaubte ich mich über die Furcht vor dem Tode, und damit über die meisten kleinlichen Sorgen meiner Zeitgenossen, so ziemlich erhaben. Nach und nach mußte ich aber erfahren, daß unsere Sorgen und Ängste über uns kommen wie ein Affekt, und daß der Verstand mit all seinen Einsichten hier nichts zu bestellen hat. Die Furcht vor dem Tode rührt gar nicht von einer Schwäche des Geistes oder dem Mangel an philosophischer Einsicht; im Gegenteil, es gehen oftmals die einfachen Kreaturen ganz unbekümmert dahin, während mit zunehmender Geistesbildung die absonderlichsten Umstände gemacht werden.

Die mancherlei Masken, hinter denen der Tod uns immer wieder bis ins Mark erschreckt, sind meist banal und tauchen plötzlich, leicht und flink aus dem Lebensflusse auf, ohne irgendwelches Gepäck der Metaphysik und Theologie mit sich zu schleppen. Mich etwa überkommt der Höhenschwindel, sobald ich an einem Abgrund stehe oder auf einem hohen Dache arbeiten soll: im selben Augenblick ist meine Weisheit weggeblasen, und Grauen und Zähneklappern ist meine ganze Philosophie. Mit theoretischen Exerzitien ist dem in keiner Weise beizukommen, ja nicht einmal mit praktischen Trockenübungen. So kann ich üben, viele Meilen auf einem dünnen Strich zu gehen, ohne einmal abzuweichen; soll ich dann dasselbe auf einem Balken in zehn Metern Höhe tun, so vermag all diese Vorübung, zusamt den schönen Sprüchen Senecas, nicht zu hindern, daß mich panische Angst überfällt und mir sämtliche Glieder lähmt.

Jahr für Jahr ertüchtige ich mich in der Kampfkunst des Karate, und man sollte meinen, ich wäre an Geschicklichkeit inzwischen manchem Gegner überlegen; aber der wirklichen Aggression, dem bösen, gegen mich gerichteten, auf meine Vernichtung zielenden Willen eines erhitzten Ruhestörers auf der Straße furchtlos zu begegnen, das habe ich in tausend Übungsstunden unter Freunden und Lehrern nicht gelernt. Eine kitzelnde Droge fährt stattdessen bei solcher Gelegenheit in alle Glieder und verwandelt den Körper im Augenblick in einen regungslosen Schwamm, und noch eine Stunde, nachdem die Gefahr unblutig überwunden, zittern die Knie, schlägt das Herz, als wolle es die Brust aufsprengen und tummeln sich Krebse im Magen. Angst und Wut feiern ein rauschendes Fest und treiben sich gegenseitig hoch in ihrem Unwesen. Das konnte die Kunst in mir nicht tilgen, obschon sie auf Ertüchtigung des Körpers, Besänftigung des Gemütes und Klärung des Geistes angelegt ist.

3

Überall überkommt uns das Übel im Affekt, und diesem kommen wir mit Gedanken und Trockenübungen auf keine Weise bei. Wenn es je ein Mittel geben soll, so finden wir es im Erleben und Erleiden. Wenn wir dem Affekt die Stirn bieten, gründlich in ihn eintauchen und immer wieder eintauchen, so können wir, durch Gewöhnung oder Abstumpfung oder inneres Erstarken oder ich weiß nicht durch welche Veränderung unseres Gemütes, ihn schließlich mildern und uns gleichgültig gegen ihn machen. Das einzige, was hilft gegen den Höhenschwindel, ist, sich immer wieder zu überwinden, die Höhe zu erklimmen und sich dort oben zu bewegen, herabzusehen und das Grauen auszuhalten. Ich weiß, daß nach wenigen Tagen Arbeit auf einer Baustelle die Furcht und die Lähmung nachläßt und ich mich bald nicht wiederkenne. Auch Goethe stieg mit Erfolg auf das Straßburger Münster, um seine Höhenangst zu heilen.

Ebenso ergeht es uns im Umgang mit Hunden, wenn wir uns zwingen, furchtlos zu scheinen, unerschrocken auf sie zuzugehen und ihre Unterwerfung fordern (währenddessen uns freilich noch die Eingeweide beben). Das Lampenfieber überwindet, wer sich unermüdlich den Schrecken des Publikums aussetzt (so vermute ich jedenfalls, denn selbst würde ich mich auf solche Gefahren nicht einlassen). Auch im Kampf gegen unsere Feinde verlieren wir, mit Gottes Hilfe, unsere Furcht – niemals aber bei philosophischen Studien, aus Beschreibungen schrecklicher Kämpfe, durch Bewunderung tapferer Helden, vom Führen großartiger Reden und nichteinmal mit den schulmäßigen Kampfübungen (weil wir dabei immer wissen, daß uns der Gegner ja nicht wirklich an die Federn will). Und so stählen wir uns schließlich gegen alle Leiden, welche das Leben uns zumißt, gar nicht durch Theorie und Einsicht, sondern allein, wenn wir davon befallen sind, in der wirklichen Auseinandersetzung, im Leiden und Ringen. Leid können wir nur durch Leiden überwinden, Angst nur durch Zittern, Schmerz nur durch Wunden, die Furcht vor dem Tode nur durch Sterben. Dies letztere ist jedenfalls die Erfahrung vieler, die in einer Krankheit mit dem Tode gerungen, von den Ärzten aufgegeben, im Angesicht des Todes gelebt und ihm nicht bloß in einer Schrecksekunde begegnet sind. Sie erfuhren, wie die Todesfurcht schwindet und der Tod als ein sanfter Übergang in die andere Welt, ohne Bruch, ohne Verlust, einzig als ein reueloses Lassen des Körpers empfunden wird. Pour s’aprivoiser à la mort, je trouve qu’il n’y a que de s’en avoisiner. Um mit dem Tode vertraut zu werden, meine ich, muß man ihm nahe kommen. Montaigne.

Lehren nicht auch Kriege und Seuchen das Sterben? Tag für Tag von Sterbenden umgeben und allen Gefahren in derselben Weise ausgesetzt zu sein, muß doch endlich stumpf machen gegen den Schrecken, und wenn man in die gleichgültigen Gesichter dieser Menschen blickt, sollte man es für wahr halten – doch will ich darüber nicht urteilen.

Nur wähne sich keiner in Sicherheit, nachdem er durch solche Übungen einmal die Furcht verloren. Auch diese Kunst verflüchtigt sich unmerklich, wenn wir nachlassen, uns darin zu üben. Schon mehrere Male konnte ich den Höhenschwindel überwinden und war mir ein kleiner Held; wandle ich aber für einige Jahre nur noch auf der platten Erde, so kehrt er zuverlässig wieder, und ich finde mich jämmerlicher als zuvor. Ich denke, so kann es mit all unseren Leiden gehen: Was wir einmal durchgestanden, dagegen fühlen wir uns gewappnet und sind es auch – für einige Zeit. Doch ich fürchte, diese Rüstung trägt sich ab, und nach Jahren der Ruhe und gewähnten Sicherheit sind wir verwundbar wie ehedem.

Allerdings will ich den Trockenübungen doch einen gewissen Nutzen einräumen: Wenn ich aufs Dach steige und mich der Schwindel überfällt, so helfen mir Körperbeherrschung und Gleichgewicht, welche ich mir durch Übung am Boden angeeignet, zwar nicht gegen den Schwindel, vielleicht aber doch, nicht herunter zu fallen. Wehrtüchtigkeit im Kampfe hilft nichts gegen die Angst vor dem Feinde, aber, erst einmal in Kampf geraten, vielleicht doch, mich wacker zu schlagen. Ebenso mögen die Trockenübungen der Philosophie dem Charakter, wie dort dem Körper, gewisse Fertigkeiten beibringen, und vielleicht können diese unter gewissen Umständen auch zum Einsatz kommen. Den Affekt jedoch, Verzweiflung, Ärger, Angst, Haß, Neid, Wut, können sie nicht beeinflussen und vermögen daher gegen das eigentliche Leiden nichts.

Wohl kann ich den bewundern, der nach langer strenger Übung auf einem schmalen Balken dicht über dem Boden geht, ohne zu wanken. Ob ihn diese Übung aber auch schwindelfrei gemacht hat und er in einiger Höhe ebenso unangefochten wandelt, ersehe ich daraus keineswegs. Wer nach den Regeln der Weisheit lebt, eine ausgewogene Seele, einen geraden Geist und gerechtes Urteil vor aller Augen ausbreitet, der wird zurecht verehrt. Was er jedoch tun wird, wenn das Schicksal ihn herausfordert mit heimlicher Verführung, mit Verwundung seiner ungedeckten Seiten oder einfach mit Aufweichung und Zermürbung all seiner künstlich-geistigen Bollwerke, das kann ich aus seiner jetzigen trefflichen Aufführung keineswegs ersehen.

4

Wenn wir die Weisheit mit allzu hitzigem Eifer erstreben, kann uns dies sogar ins Unglück stürzen. So ist es mir einst ergangen, da ich mich, von den Lehren der Philosophie beflügelt, über alles Schlechte erheben wollte und, nach guten Fortschritten, mich schließlich einigermaßen erhaben dünkte über viele Charakterschwächen und böse Leidenschaften wie etwa Neid, Geiz, Eifersucht und Haß. Indem ich ihre ganze Nichtigkeit, Schädlichkeit und Lächerlichkeit erkannte, glaubte ich, mich ihrem Einfluß entzogen und ihre Macht bezwungen zu haben. Dies ging gut solange ich in meinen Umständen sicher und unangefochten lebte, und ich durfte mich, trotz meiner jungen Jahre, in diesen doch so wichtigen Dingen für einen gefestigten Charakter und fast für einen Weisen halten. Als aber alles ins Wanken kam, meine Mittel knapp wurden, mein Weib abtrünnig und die Welt mir feindlich gesinnt schien, da brachen all diese Leidenschaften mit Gewalt in mir hervor.

Dies wäre noch nichts Ungewöhnliches gewesen und vor allem nur meiner schwachen Natur, nicht meinen philosophischen Idealen anzulasten. Doch hatte ich mich in die Ideale verbissen wie der Jagdhund in den Nacken des Ebers, der sich eher zu Tode werfen läßt, bevor er von seiner Beute abläßt. Es war mir Ehrensache, die Festung nicht aufzugeben, obwohl der anstürmende Feind in der Übermacht war und alle Vorteile für sich hatte. Ich mußte um jeden Preis der Mann bleiben, den das Schicksal nicht bezwingt, der, um die Nichtigkeit der Hörner, des üblen Nachrufes, der Armut wissend, sich nicht in seiner Heiterkeit, seiner Freiheit und seinem Streben nach höheren Zielen anfechten läßt. Mein Eifer hatte mich bereits so in dem Dünkel verhärtet, ich sei, mit Hilfe der philosophischen Einsicht, über diese inneren Schwächen erhaben, daß ich lange Zeit nicht merkte, wie sehr ich ihnen bereits erlag und konnte dies umso weniger vor mir selbst und vor der Welt bekennen. Wie Macbeth, der zu sehr den Hexensprüchen vertraute, kein vom Weibe Geborener könne ihn bezwingen und seine Burg nicht eingenommen werden, als bis der Wald von Birnam darauf zukäme, der also seine Gegner verachtete, und doch erleben mußte, wie alles auf unvermutete Weise sich erfüllte, ihn zu vernichten.

So vertraute ich zusehr den zauberhaften Sprüchen der Philosophen und wähnte mich in Sicherheit vor meinen inneren Feinden, die mich währenddessen überwanden. Daraus ist viel Schaden entstanden, und ich hatte viel zu leiden, bis endlich durch den Schmerz der Stolz gebrochen und ich, zwar vor einem Scherbenhaufen stehend, doch wenigstens wieder von vorne beginnen konnte.

5

Auch unsere Laster bezwingen wir nur durch Zwang und üble Erfahrung. Unsere Eitelkeit muß gekränkt worden, unser Hochmut den Abgrund unserer Erbärmlichkeit gesehen haben, vorher lassen wir nicht ab, tadeln und spotten allenfalls bei andern. Man muß so oft einen Nasenstüber einstecken, eine Niederlage erleiden, bloßgestellt werden, bis man weichgekocht ist und kleinbei gibt und allen unnötigen Widerstand fahren läßt, sich in die Dinge fügt und lieber zuviel nachgibt, als den nervenaufreibenden Unsinn des Gutsein-Wollens, des Rechthaben-Wollens auf sich zu nehmen. Zu unserer Schande ist dies so, und daß wir nicht aus Einsicht, sondern erst durch Züchtigung zur Vernunft kommen. Mancher scheint zwar durch Einsicht, ein anderer gar durch angeborene Großmut diese Vernunft bereits zu besitzen, aber meistens täuscht er sich und uns. Es ist sein Stolz und die Angst vor einer Niederlage, es ist seine Eitelkeit, die ihn nachgeben läßt aber gar nicht seine wirkliche Einsicht und innere Weisheit. Wo man sich überlegen fühlt, ist leicht weise zu sein, die wirkliche Probe findet dort statt, wo wir angekratzt werden.

Wir können bescheiden, demütig, großmütig sein und jede mögliche Schwäche schon vor aller Augen ausbreiten, bevor noch einer auf den Gedanken fällt, sie uns anzulasten. Aber es geschieht doch aus Stolz und Eitelkeit, aus Angst, wir könnten einmal, von einem hohen Roß gestoßen, umso erbärmlicher daliegen. Mancher Reiche lebt ja wie ein elender Hund, nur um seinen Neidern keine offene Seite zu bieten. Wir machen uns klein und verspotten uns selbst, um allen Spöttern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese Tugenden wären aber ungleich wirkungsvoller, würden wir damit nicht den andern, sondern dem Schicksal den Wind aus den Segeln nehmen, sie also nicht um der andern, sondern um ihrer selbst Willen üben, unsern Ehrgeiz nicht deswegen zügeln, um uns bei einem Mißerfolg nicht zu blamieren, sondern weil wir dem Erfolg tatsächlich gleichgültig gegenüberstünden, uns zwar stets nach Kräften bemühten aber das Ergebnis hinnähmen, wie es kommt, ohne uns weiter darum zu bekümmern. Dies aber gelingt nur selten.

Hingegen mit jeder Bloßstellung, mit jedem Mißerfolg werden wir unempfindlicher und gleichgültiger gegen Ehre und Erfolg. Nur durch kühne Taten bezwingen wir unsere Furcht, nur durch Leiden erringen wir Duldsamkeit und echte Demut. Vorsätze, gute Absichten und philosophische Übungen können hier gar nichts. Sie sind Theorie und ebensoviel helfen sie in der wirklichen Not. Die wirklichen Leiden erst scheinen uns gegen wirkliche Leiden stumpf zu machen. Gegen Eifersucht feien uns nur Hörner, gegen Ehrgeiz nur Niederlagen, gegen Dünkel nur Erniedrigung, gegen Geldgier nur Ruin, und die Ruhmbegierde werden wir allmählich los, wenn unser Tun und Schaffen nichts als Gelächter erntet.

6

Worauf soll sich dann aber unsere Bemühung richten, wie können wir tätig werden, unsere Übel zu überwinden und mit echter Weisheit ein dauerhaftes Glück zu befördern? Man kann auf den Turm des Münsters steigen, um den Höhenschwindel zu besiegen, aber kann man sich auch absichtlich beleidigen und demütigen lassen, um sich gegen den Haß zu feien? Welche Übungen gibt es gegen den Neid, gegen verderbliche Lust, gegen tötliche Unlust, Langeweile, Trägheit, gegen Argwohn? Wird man sich unter Reiche mischen, um seinen Neid niederzuringen? Wird man seinem Weibe Liebhaber verschaffen, um sich im Kampf gegen die Eifersucht zu ertüchtigen? Das wirkliche Leid absichtlich auf sich zu ziehen, ist es nicht ganz gegen die Natur und an sich unmöglich? Denn ich rede hier nicht von Askese, Selbstkasteiung oder freiwilligem Martyrium, die ja, so schwer sie sein mögen, doch nur gewählt werden, weil man einen fernen, vielleicht metaphysischen Vorteil, die eigene Reinigung, die Annäherung an die Seligkeit davon erwartet. Das wirkliche und vollkommene Leid beweist seine hauptsächliche Macht aber gerade dadurch, daß es keinen Vorteil, auch keinen entferntesten mehr zu uns durchscheinen läßt: nichteinmal die schwächste Zuversicht, daß alles irgendwie auch sein Gutes haben wird. Dabei geht es noch gar nicht um die Schwere des Leids, sondern um dessen Reinheit. Die Verstimmung des Tages kann ein reines Leid sein, ohne deswegen gleich zu martern. Wenn wir uns selbst für einen unwürdigen Menschen erkennen, weil uns all unsere Werke leer, unbedeutend oder schlecht scheinen, so ist dies für die Stunde, für den Tag ein reines Leid, ohne jeden Lichtstrahl und Hoffnung auf Umkehr – auch wenn es fast alltäglich ist, und der Schmerz gewöhnlich nicht über die Grenzen geht. Aber ein solches reines Leid, ob nun klein oder groß, können wir weder absichtlich auf uns ziehen, noch es willentlich vermeiden. Und gerade daraus soll uns nun die einzig wirksame Schule der Weisheit erstehen!

Da wäre ja wieder sinnlos, den Kampf überhaupt aufzunehmen und fernerhin sich zu bemühen. Es gälte nur, die wahren Leiden abzuwarten, um sich an ihnen heranzubilden und allmählich gleichgültig gegen sie zu werden – oder vollends zu resignieren, weil doch sehr zweifelhaft bleibt, ob wir überhaupt vermögend und bestimmt sind, die Übel zu überwinden, oder ob nicht, sobald wir gegen das eine unempfindlich geworden, das Schicksal mit einer Steigerung, jedenfalls mit einer Abwechslung daherkommen wird. Zuweilen scheint mich das Leben ganz in diese Richtung zu führen, zuweilen durchströmt mich auch wieder Zuversicht.

7

Wenn aber das Studium der Weisheitslehren je Einfluß haben sollte auf unser Glück, so nur unmerklich und im Verborgenen. Wenn wir je durch dieses Studium weise werden, so geschieht es ohne unser Wissen, ähnlich dem Wachstum und dem Altern des Körpers, welches wir weder vorsätzlich antreiben, noch wahrnehmen können, sondern allenfalls im Vergleich mit früheren Zuständen bemerken. Zwar lassen wir uns blenden, wenn es heißt, wir könnten unempfindlich werden gegen Krankheit, Schmerz, Beleidigung, Raub, Einsamkeit; wir müßten nur einsehen, daß diese keine wirklichen Übel seien, weil sie ja Tugendhaften wie Missetätern gleichermaßen begegneten, dem Tugendhaften aber nur Gutes, dem Missetäter stets das Gegenteil widerführe. Daß, weil der Tod kein Übel sei, diese es noch weniger seien, da sie ja unter ihm stünden und auch jederzeit durch ihn beendet werden könnten, … etc. Solcherlei Wunderformeln und Rezepte blinken unserem Verstand wie Glitzersternchen, und doch sind sie der bedrängten Seele kein Leuchtfeuer, welches ihr Hoffnung brächte und im Sturm das sichere Land wiese.

Denn wir können die Weisheit gar nicht lernen und dann anwenden wie ein Handwerk; wir können sie nicht lernen wie eine Wissenschaft und dann verbreiten wie eine Wissenschaft. Wenn wir sie mit Vorsatz erwerben und zu gebrauchen suchen, verläßt sie uns, wie sie uns gefunden, ohne uns gegen das Unglück standhaft gemacht, ohne unsere Fehler ausgebrannt, ohne uns im Innersten beruhigt und unsere Lage im mindesten gebessert zu haben. Wir mögen an sie glauben, aber es ist ein Glaube voll Spiel und Eitelkeit, und je mehr wir glauben, weil der Verstand uns rät, desto weniger dringt sie in uns ein. Wir begehren sie, weil wir sie besitzen wollen, aber helfen könnte sie erst, wenn sie uns besäße, wenn wir uns ohne Widerstreben und ohne Mühe ihrer Führung anvertrauten, wenn wir mit ihr gingen, so selbstverständlich und natürlich wie das gesäugte Fohlen der Stute folgt, in keiner besonderen Absicht, allein im Bewußtsein vollkommenen Vertrauens. Wir greifen nach ihr wie nach einem Werkzeug, mit dem wir unser Schicksal formen wollen und merken nicht, daß wir selbst bloß der Werkstoff sind und von großem Glück reden müssen, wenn das alles formende Schicksal sich überhaupt eines so edlen Werkzeugs, wie die Weisheit ist, zu unserer Formung bedienen will.

8

Dagegen versuchen wir, schmerzvolle Erfahrungen um jeden Preis zu meiden, Unglück in der Liebe, Verlust von Geld, Ansehen und Ehre. Aber gerade diese walken uns durch und durch und verwandeln uns und können uns schließlich in eine Art traumwandlerische Zufriedenheit führen, welche mit der Weisheit vielleicht einiges gemein hat. Innere Ruhe, Freiheit von rastlosem Ehrgeiz, Gleichgültigkeit gegen die Meinungen, welche andere von uns hegen, keimen dabei auf und ein Verlangen nach Wirksamkeit, nicht um des Geldes oder Ruhmes Willen, sondern aus freudiger Hingabe an die Sache, erfüllt uns mehr und mehr. Dies alles wird auch von den Weisen empfohlen, doch ihre Lehren, wir mögen sie noch so begeistert aufsaugen, voll Sehnsucht dem Aufgehen der Saat in unserem Busen harren – es bleibt umsonst! Die Saat bleibt an der Oberfläche, sie wird nicht aufgehen als bis unsere Leiden die Kruste aufgeweicht und uns einem höheren Willen gefügig gemacht haben. Es sind die Ereignisse, es sind unsere Taten, oder vielmehr die mit ihnen einhergehenden Freuden und Leiden (vor allem die Leiden), welche uns formen, nicht die Einsichten unseres Verstandes. Sollten diese je daran beteiligt sein, so nur als Berichterstatter und Kritiker – wie Journalisten ja auch irgendwie beteiligt sind an den Vorgängen in der Politik und ihre Wirkung haben im Staate, obschon sie selbst keine Menschen der Tat sind, weder die Macht haben, Gesetze zu geben, noch deren Befolgung durchzusetzen und keiner deutlich angeben kann, worin denn nun eigentlich ihr Einfluß besteht.

So will auch ich nicht behaupten, über die tiefgreifenden Metamorphosen unserer Seele auf dem Wege zur echten Weisheit irgendwelchen Bescheid geben zu können und bestreite im Gegenteil, daß unser Intellekt fähig ist, auch bloß ihrer Spur zu folgen, geschweige sie zu fassen. Vielleicht arbeitet ja die Weisheit des Verstandes auf eine mir ganz unbekannte Weise Hand in Hand mit den Geschehnissen und beide schmieden uns allmählich, mit dumpfen Schlägen, treiben Schlacken heraus und festigen den Stahl, der zugleich höhere Elastizität gewinnt. Wie auch immer, es sei mir alles recht, nur: je gründlicher Ehrgeiz und Eitelkeit aus uns herausgetrieben sind, desto besser werden wir uns den Dingen selbst hingeben können, werden sie in ihrer eigentlichen Bedeutung wahrnehmen, werden uns selbst wahrnehmen, werden uns der inneren Ruhe, der wirklichen und eigentlichen Weisheit nähern. Aber Ehrgeiz und Eitelkeit aufzugeben ist kein beliebiger Willensakt, wie er aus einer theoretischen Einsicht entspringen kann. Wir hängen ihnen nicht aus Einsicht an und können uns nicht durch Einsicht von ihnen befreien. Mit den Ketten unserer Triebe und Leidenschaften sind wir an sie gebunden, und nur gewaltige Ereignisse können diese Ketten brechen. Das Schicksal muß mit schwerem Gerät anfahren, sie wegzuräumen, mit der Leere und dem Unglück, welches sie mit sich bringen, uns allmählich den Geschmack daran verleiden. Wie die Lust auf schädliche Genüsse nur in uns erlischt, wenn sie zuverlässig Übelkeit bereiten. Erst schwer verwundet und entkräftet lassen wir sie los, aus Schwäche, nicht aus Vorsatz. Geräuschlos, in der Ermattung nach dem Schmerz, müssen sie in uns untergehen, nicht verjagt von unseren Parolen. Zu einer ungeliebten Speise müssen sie werden, die uns selbst im Hunger gleichgültig vorübergehen läßt. Wir dürfen sie nicht vergessen wollen wie der alte Kant, der sich notierte, er müsse sich erinnern, seinen verhaßten Diener zu vergessen.

Zu sagen: “ich will mich nicht ärgern, weil dies sinnlos ist, weil es eine Leidenschaft ist und ich durch die Philosophie begriffen habe, daß man sich den Leidenschaften nicht ergeben soll”, eben dieses von sich zu fordern, ist sinnlos und setzt zum vorhandenen Ärger noch den dazu, den man über seine eigene Schwäche empfindet, wenn man merkt, wie man ganz und gar außerstande ist, über seine Affekte Herr zu werden und also sich wirklich nicht zu ärgern, wenn man es will. “Ich will meinen Ehrgeiz und meine Eitelkeit ablegen!” ist wie: “ich will meine Haut abstreifen!” Aber sie muß sich selbst abschuppen, der Verstand hat hier nichts zu beschließen.

9

So zeigt sich denn die Weisheit auf zweifache Art: Zum einen für den Verstand, welcher sie sich durch Lernen aneignen kann. Ob sie allerdings, wenn wir sie auf diese Weise erwerben, unser Glück aus sich heraus befördern kann, bleibt fraglich. Vielmehr scheint es, als wäre sie dann ans Glück gebunden und würde, wie dieses, nach uns unbekannten Gesetzmäßigkeiten in uns auftauchen und müsse dann wieder, zusammen mit dem Glücke, in uns untergehen, um dem Verdruß und der Uneinsichtigkeit zu weichen.

Die andere Weisheit, die höhere und eigentliche, wollen wir für möglich halten, können aber keinen Weg angeben, wie sie zu erlangen sei. Wir vermuten, daß sie, im Gegensatz zur ersten, welche ans Glück gebunden und nur mit diesem erscheint, vielmehr durch die Schicksalsschläge und Leiden allmählich in uns heranreift, indem wir gar nichts Aktives dazu beitragen können, sondern viel eher wie das Leder vom Kürschner durch Schwitzen und Kälken von den Borsten befreit, durch Beizen, Säurebäder und fortdauerndes Walken für diese Weisheit weich und aufnahmefähig gemacht werden. Gegen diese Art Lernen, die uns ganz unbewußt geschieht, sträuben wir uns fortwährend, weil sie freilich schmerzlich ist. Vielleicht wirkt hier das anhaltende Studium des Verstandes, also das Streben nach der ersten Art von Weisheit, unterstützend, doch allenfalls ohne daß wir etwas davon bemerken; vielleicht aber, und dies scheint mir wahrscheinlicher, hilft es bloß, uns auf unserem Wege wahrzunehmen und zu begreifen; der Intellekt also als ein bloßer Spiegel unserer Seele.

Das Studium der Philosophie verleiht eine gewisse Fähigkeit, über die Dinge des Lebens zu reden, den Verstand dabei vortrefflich zufriedenzustellen – doch weder die Leiden zu mindern, noch das Glück zu befördern. Wohl kann darin auch ein Streben nach dem Guten liegen, welches dann, wie jedes Streben nach dem Guten, also auch das einfältige, natürliche, unwissende, gänzlich unphilosophische, so Gott will, auf die Dauer einen gewissen unmerklichen Niederschlag einer echten Weisheit (sozusagen in Fleisch und Blut) bilden könnte, was dann widerum unser Glück befördern würde. Die Philosophie bietet aber dazu, wie gesagt, nur eine Gelegenheit und keinesfalls eine bessere oder geeignetere als jedes andere Wirkensfeld des Menschen. Sie birgt andererseits genausoviele Gefahren, den Irrtümern, zumal der Selbstgefälligkeit, dem Hochmut, dem Stolz und der Eitelkeit zu verfallen, welches die wichtigsten Gegner der Weisheit und des Glückes sind. Sie handelt zwar von den höchsten Dingen, dem einen als Wissenschaft, dem andern als Liebhaberei, führt aber keinen von beiden hin. Vielmehr stellt sie Fallen und Hindernisse und vor allem Trugbilder auf, welche dem Eifrigen vorgaukeln, er sei schon hoch gestiegen, sähe den Gipfel bereits und könne auf die weite Masse der Zurückgebliebenen mit Verachtung herabsehen.

Die eigentliche Weisheit, welche Gleichmut, Selbstlosigkeit und eine göttliche, sanfte Heiterkeit mit sich bringt, die finden wir, soweit es Menschen vergönnt ist sie zu erlangen, bei Einfachen, ganz Ungebildeten, von keiner Philosophie und nichteinmal von der Religion Unterrichteten nicht weniger und andererseits ihr völliges Abhandensein bei gelehrten Theologen und Philosophen.

Vielleicht eben, weil wir spüren, daß diese Weisheit nicht im Spaß und Eifer, sondern durch Leid und Schmerzen erworben wurde, rührt sie uns stärker, wo wir ihr begegnen und nötigt uns echte, neidlose Ehrfurcht ab. Dem Inhalte nach mögen beide Weisheiten dieselben sein, in ihrer Wirkung jedoch ganz verschieden. Von der Existenz der zweiten und eigentlichen reden wir nur mit dem Vorbehalt, daß wir sie gar nicht kennen, nur manchmal dumpf erahnen und allenfalls in einer Art Traumwandlung erfahren.

10

Bei den Athleten, den Judo-, Ring- und Boxkämpfern, sieht man, wie für die unbedeutenderen noch sehr die Technik im Vordergrund steht, in den höheren und gewichtigeren Rängen immer mehr der reine Kampf, ohne Raffinesse, ohne Trick, ja ohne Sensation. Beim Judo etwa, wenn die Meister aller Klassen antreten, bleibt einem unkundigen Zuschauer verborgen, worin, bei all diesem scheinbar schwerfälligen Zerren und Schieben, eigentlich die Kunst liegen soll, und seine bisherige Erwartung an das Judo, als einem Repertoire geheimnisvoller, verblüffender Tricks, mit welchen selbst ein Schwacher den viel Stärkeren souverän zu Boden wirft, wird gänzlich enttäuscht. Dasselbe sehen wir bei den Boxkämpfen, die dem, der nicht weiß, worum es geht, und daß hier die besten Kämpfer der Welt sich gegenüberstehen, als höchst kunstlose, träge, unspektakuläre Schlägerei erscheinen. Weil ich mich selbst nun zu wenig darauf verstehe und ich nicht ausdrücken kann, worin denn also das jeweils Besondere und Kunstvolle bestehen soll, bleibt mir nur die Bemerkung, daß ein solcher, anschienend kunstloser, phlegmatischer Kämpfer zu den besten seiner Disziplin gehört, und daß er die flinken und trickreichen, bei welchen ihre Kunst ganz augenscheinlich hervortritt, sämtlich im Kampfe besiegen würde – wenn man sie überhaupt aneinander ließe. Aber nicht, weil ihm die Natur bloß mehr Kraft geschenkt hätte und er deswegen auf alle Kunst verzichten könnte, sondern weil Kunst und Kraft und Schnelligkeit und Erfahrung in ihm zu einer Natur verschmolzen sind, in welcher die einzelne Komponente in der Gesamtheit des Könnens untergeht und kaum mehr wahrgenommen wird.

Dies gilt nicht nur für die Kämpfer im Ring und auf der Matte, sondern nicht weniger für Konstrukteure, Künstler, Musiker, Feldherren und Staatsmänner. Je souveräner und vollkommener sie ihre Kunst ausüben, desto weniger ist eine Kunst daran wahrzunehmen und alles scheint ein bloßer Kraftstrom der Natur zu sein – ohne Kunstfertigkeit, Gelehrsamkeit, Virtuosität, ohne Kunstgriffe und Finten, ohne Witz, Schläue und Beredsamkeit. Und wenn ich mich nicht gänzlich täusche, so würden die wahrhaft Großen ihres Faches selbst nicht angeben können, worin denn nun eigentlich das Besondere ihres Könnens besteht. Sie würden auf Dinge verweisen, welche tausend andere ebenso besitzen oder sich angeeignet haben und damit dennoch nie dieselbe Höhe erreicht haben: Begabung, guten Unterricht, Übung, Ausdauer, Erfahrung usw. Doch gibt all dies noch nicht den Meister, solange es nicht zu einer homogenen, in sich und aus sich lebenden Naturkraft zusammenschmilzt. Diese Elemente jedoch zum Schmelzen zu bringen, welche Temperatur, welche Energie, welcher Tigel dazu nötig ist, das läßt sich gar nicht herausfinden und nimmermehr ergründen. Jeder wird im Kleinen bei sich selbst etwas davon wahrnehmen und deswegen erahnen, was gemeint sei, aber keiner kann es bei sich erzwingen und keiner es einen andern lehren. Und ebenso, denke ich, ergeht es uns mit der Weisheit. Was im einzelnen dazu nötig, können wir uns aneignen und mit diesen Prachtstücken tüchtig glänzen und andere staunen lassen – was aber davon sich mit unserer Natur verbindet und so erst zur echten Wirksamkeit gelangt, entzieht sich unserer Willenskraft und bleibt am Ende verborgen.