DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

WAS HILFT WEISHEIT

DAS SCHICKSAL MACHT KEINE UMSTÄNDE

1

Es zählen nicht die Fakten und Ereignisse, mit denen uns das Schicksal schlägt, sondern allein das Unglück und der Schmerz, womit es unsere Seele martert und das Leben unerträglich scheinen läßt. Die Ereignisse sind austauschbar und nur Anlaß, nicht Grund des Übels. Gegen sie könnten wir uns vielleicht wappnen: mit Vorsorge, sie zu verhindern oder mit Weisheit, sie zu verachten. Aber, soviel wir dies auch tun, das Unglück bahnt sich dennoch seinen Weg, sobald seine Zeit gekommen ist. Was hilft es, wenn wir den Verlust des Vermögens, des Freundes, unserer Kinder geringschätzen, weil wir ja wissen, daß alles Irdische vergänglich und über allem Schmerz der Tod steht, mit dem wir uns, als dem Unausweichlichsten, abgefunden zu haben wähnen, den wir uns bei Bedarf gar als Befreier rufen würden? Wenn uns das Schicksal packen will, läßt es uns vielleicht nur Hörner setzen und daraus eine unerträgliche Marterqual erwachsen – es braucht dazu widerum nur unseren Stolz und unsere Eitelkeit aufzublähen, und schon finden wir uns als den elendsten aller Menschen. Was hilft es, daß wir uns bisher über dieses Unglück belustigt, ja die Heimgesuchten verspottet haben? Wenn Kriege und Seuchen, Hungersnöte und Naturkatastrophen ausbleiben, findet sich noch immer eine unerschöpfliche Quelle des Leidens am heimischen Herd, wo Mann und Frau sich dann das werden, was an großen Schicksalsschlägen fehlt. Die Tiefe des Schmerzes, des Schreckens, der Angst und die Zerrüttung von Leib und Seele ist gar nicht an die großen Stürme gebunden, und so wie der Mensch an einer Kleinigkeit das Glück finden kann, so an einer ebensolchen sein größtes Unglück.

Oder es greift doch nach unserem Vermögen, flößt aber gleichzeitig eine die Sinne zerfressende Angst vor Armut in unser Herz. Was hilft es, daß wir bis dahin Geld verachteten, die Raffenden verlacht und uns, für den äußersten Fall, als zufriedenen Landstreicher im Einklang mit Gott durch die Natur hinwandeln sahn? Jetzt sitzen wir da und zählen ängstlich unsere Pfennige, und die Sorge, ob in dreißig Jahren unserem abgestorbenen Leib noch genügend Mittel für ein angenehmes Leben bereit stehen werden, läßt uns nicht mehr frei.

Die Heimtücke des Schicksals besteht mitunter gerade darin, daß es uns mit seinen Geschenken verzärtelt und verweichlicht, bequem und empfindlich macht, um uns dann mit jedem unbedeutenden Entzug die schlimmsten Qualen und Ängste zu bereiten. Es gewöhnt uns mit den Jahren ganz unmerklich und schleichend und bis zu solchem Grade an den Luxus, daß es uns dann nur mehr den Gedanken einzuhauchen braucht, wir könnten ein Weniges davon verlieren, und schon beginnt die Phantasie ihre Tätigkeit und malt uns das sichere Verderben in allen Konsequenzen aus. Es braucht dazu gar keine schlimmeren Schreckensbilder als bloß, daß wir noch einmal so leben müßten wie wir uns in der Jugend am allerwohlsten befunden haben, ohne eigenes Haus, ohne großen Wagen, feine Speisen, Weib und Kinder. Ja, hätten wir damals nicht als Last und Beschneidung unserer Freiheit angesehen, was uns jetzt so unverzichtbar und dessen Verlust uns so furchtbar erscheint? Will uns das Schicksal übel mitspielen, uns wahrhafte Schmerzen bereiten, so ist es gar nicht auf die sogenannten Unglücksfälle angewiesen, es nimmt dazu oftmals anscheinende Wohltaten, flößt aber zugleich ein Gift in unsere Seele, was diese so sehr schwächt, daß uns die Wohltat ins Unglück stürzt. Dem einen gibt es Reichtum, mit der Angst, ihn zu verlieren, dem andern ein schönes Weib, zusammen mit der alles Glück vergällenden Eifersucht, einem dritten freie Zeit zur Muße, zusammen mit Trägheit und daraus folgender unerträglicher Langeweile und Selbstverachtung.

Oder, wenn es vollends allen materiellen Aufwandes überdrüssig ist, lehnt es sich zurück, verschränkt die Arme und setzt uns bloß den kleinen bösen Keim häßlicher Gedanken gegen unsere Nächsten in die Seele. Wie eine giftige Schlangenbrut wachsen alsobald aus diesem fruchtbaren Boden immer wiederkehrend dieselben häßlichen Gedanken: daß dieser uns das angetan, daß jener uns mißachtet, ein dritter uns verleumdet, daß aber die Schuld bei ihnen und nimmermehr bei uns zu suchen sei. Und wenn wir dann merken, daß eben diese Gedankenmühle uns zermalmt und wir uns loszuwinden suchen, den Arm ausstrecken nach der Weisheit: “Nimm deine Tugend statt anderer Meinung zum Maß”, welcher wir uns doch erinnern und die auch jetzt nichts von ihrer logischen Kraft und Schlüssigkeit verloren hat, so fassen uns die scheußlichen Gewürmer schon aufs neue und treiben die Mühle, bis sie endlich unsern Geist zerrüttet haben und unser Herz zerfressen.

2

Aber, ist uns das Schicksal einmal wohlgesonnen, so hat es ebenso nicht vielen Aufwand nötig, uns glücklich zu machen: Ein bescheidenes Häuschen, zusammen mit heiterer Laune, ein gutmütiges Weib mit der Empfindung herzlicher Liebe – und weder Verlust, noch Krankheit, noch Tod haben wir dann zu fürchten, denn es wird uns mit diesen immer auch Kraft und Einsicht geben, sie zu ertragen und gar fernere Belehrung daraus zu ziehen. Eine Krankheit wird von weiser Duldsamkeit begleitet und umso leichterer Empfänglichkeit für die natürlichen Schönheiten des Lebens. Alles ist uns Wohltat, wenn zugleich unserer Seele die Kraft zufließt, ins Gute zu wirken und das Gute zu genießen. Auf diese Kraft ist zu hoffen, nicht auf Paläste, Ruhm und schöne Weiber. Diese Kraft macht uns weise und glücklich, nicht die weisen Reden der Philosophie, deren sich diese Kraft allenfalls bedient, wenn sie denn reden will. Woher aber diese Kraft zu nehmen ist, ob sie einzig von Gott oder dem Schicksal zugeteilt, oder ob wir irgendwelchen Einfluß auf ihre Quelle haben, in welchem Zusammenhang unsere Bemühungen, unsere Wünsche mit ihrem Fließen stehn, dies ist ein unüberschaubares Problem mit tausend und immer wechselnden Gesichtern.

3

Verachte das Unglück! Sei Tapfer im Schmerz! Halte fest am Guten auch in der Not! So lehrt der Fromme und Weise – als stünde es bei uns. Aber das Schicksal schickt uns ja gar nicht dieses oder jenes Unglück, Krankheit oder Ruin, um uns dann die Wahl zu lassen, es tapfer zu ertragen oder zu verzweifeln, nein, es schickt uns die Tapferkeit oder die Verzweiflung gleich selbst – und ohne Wahl. Ruin, Krankheit, Mißerfolg sind keine Übel für sich sondern nur die Maske, hinter welcher das böse Schicksal durchs Gewühle streift und Schrecken aussät. Es sind nicht die unglücklichen Umstände, die wir zu fürchten haben, es ist das Unglück selbst und seine Schergen: die Furcht und die Verzweiflung. Und es trifft, wen es treffen will, und wer selbst die Furcht vor dem Tode überwunden zu haben glaubt, der ruft vielleicht wie Egmont: “Seit wann begegnet der Tod dir fürchterlich, mit dessen wechselnden Bildern wie mit den übrigen Gestalten der gewohnten Erde du gelassen lebtest? – Auch ist er’s nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust wetteifernd sich entgegensehnt, der Kerker ist’s, des Grabes Vorbild, dem Helden wie dem Feigen widerlich.”

Oder es kommt in anderer Gestalt, als Furcht vor einer Seuche, vor Armut oder körperlicher Verunstaltung oder einfach nur als Hypochondrie und vergällt mit diesem unsichtbaren Übel ein ganzes Leben. Und keiner wähne, daß mit der gründlichen Einsicht, eine Sache sei nicht zu fürchten, er sie nie mehr fürchten werde, denn schlecht traf hier der Weise Bias den Punkt: “Als Wegzehrung von der Jugend bis zum Alter laß dir die Weisheit dienen, denn diese ist sicherer als aller andere Besitz.” Sie ist im Gegenteil der unsicherste, und jedes Geldvermögen läßt sich sicherer festhalten als die Weisheit. Mancher überwindet ja die Furcht vor dem Tode in seinen Jünglingsjahren ganz vortrefflich, aber nur, um im reiferen Alter desto erbärmlicher von ihr eingeholt zu werden. Was hilft es, daß wir uns lange über sie hinweggesetzt, wissend wie töricht es wäre, sich vor dem einzigen zuverlässigen Ereignis unseres Lebens zu fürchten? Wenn sie eines Tages doch in uns aufgeht und jede schöne Empfindung unter ihrem Schatten welken läßt, uns vorstellend, wie unser Leben bis jetzt ungenutzt vorübergegangen, von uns vertan mit albernem Tun und nichtsnutzigen Gedanken, wir doch jetzt, mit dieser Erkenntnis, noch die Chance hätten, Wertvolles zu leisten, Bedeutendes zu genießen – aber womöglich nicht mehr die Zeit?

Man beweist mir, daß dem Tugendhaften und dem Weisen kein Unheil begegnen kann! – Was hilft es, da ich doch in meinen schlimmen Stunden mich weder tugendhaft noch weise und eben darin die unerträglichsten Qualen finde.

Wenn einer rechten Sinn, o König, auch besaß,
Er bleibt ihm nicht im Unglück, nein, er weicht von ihm
Sophokles, Antigone

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Und vollends, ein ganz widerwärtiges, vielgesichtiges und nicht zu fassendes Ungeziefer plagt uns fortwährend mit Gewissensbissen. Wie von den Mückenstichen in schwülen Sommern kommen wir von ihnen selten gänzlich frei, denn entweder heilen sie schlecht, weil wir ständig daran kratzen oder werden immer neue zugefügt. Zwar ist nicht jeder gleich als Mörder, Brandschatzer, Frauenschänder oder Millionendieb angeklagt, aber ganz gleich, die Biester finden eine Blöße und kriechen dir unters Hemd an die verborgensten Stellen. Was immer du tust, ob du Großes unternimmst, dabei viele in Gefahr und um ihr Leben bringst, ob du bloß Geschäfte treibst oder gar nur an deinem Herd ein abgesondertes ruhiges Dasein suchst, sie finden dich, treiben dich in üble Laune und reden mit Geisterstimmen, welche dir vorwerfen, was du nicht oder anders hättest tun sollen, oder was zu tun du übersäumig bist. Oftmals schleichen sie sich in deine Seele im Gefolge von Vorwürfen und Nachreden anderer, oft brütest du sie selbst aus, auf den bloßen Verdacht, daß andere dir nachreden könnten, oft genug jedoch fahren sie wie teuflische Dämonen in dich und, wenn sie gerade keine wunde Stelle finden, reiben sie dir wund, woran du niemals dachtest.

So wollte ich mich etwa in jugendlichen Jahren den edlen Philosophischen Studien gänzlich hingeben, in Askese, ja in Kargheit leben und nur in der Bildung des Geistes Überfluß erstreben. Aber nicht nur, daß mich von Beginn an täglich tausend Schwächen, Launen und Begierden darin unterbrachen, es schien mir auch, nachdem ich eine Zeit in diese Richtung gestrebt, als blieben hier die Künste, die Blüte der menschlichen Gaben, durch deren Schöpfungen wir den Göttern am ähnlichsten werden, vernachlässigt und müßten schließlich ganz vertrocknen. So sah ich mich aufgerufen, die Menschheit vor diesem Unglück zu bewahren, ich nahm mir die Dichter vor, versuchte mich bald selbst in manchem Vers, eilte dann aber zur Musik, zu der es mich zog mit heißer Begierde – doch ohne Talent, empfand daraufhin den Verlust, welcher durch die Vernachlässigung meiner Malstudien entstand und erachtete als meine hauptsächliche Bildungspflicht, diese wieder aufzunehmen.

Dann kam mir in den Sinn, es dürfe ein wackrer Mann seine Kräfte nicht allein ans Geistige und Schöne wenden, er müsse auch praktisch in Politik oder wenigstens in Geschäften zum allgemeinen und eigenen Wohle tätig sein. Weil es mir von Hause vorbereitet war, warf ich mich auf Physik, technische Erfindungen und Handel. Doch weit entfernt, meine vorigen Ziele aufzugeben und mich im Grunde der Seele immer noch der Philosophie am nächsten fühlend, plagte mich bald das Gewissen, welches mir nun vorhielt, ich würde mein eigentliches Lebensziel an das materielle Streben und an die Alltagsforderungen der anderen verraten. Nachdem ich mich so zehn Jahre geplagt, entzog ich mich wieder den Geschäften, wurde aber nun erst recht verfolgt von den, meist eingebildeten, Vorhaltungen, als ein Kostgänger der Gesellschaft zu leben. Obschon ich nämlich mein Dasein aus eigenen Mitteln bestritt, brauchte ich keinem Gelderwerb nachzugehen, und dies gilt freilich bei vielen als Schande (auch wenn ein jeder für sich selbst davon träumt).

Noch während ich mich darüber zu beruhigen suchte, tanzten bereits wieder alle die anderen Forderungen ihr ewiges Ringelreihn und versuchten, eine nach der andern, mich an sich zu ziehen, und wenn ich mich auf die eine noch nicht lange eingelassen hatte, so kreischten schon die andern eifersüchtig, ich würde sie vernachlässigen. Einzig während ich mich einer völlig hingab, verstummte das Keifen der Unzufriedenen in meinen Ohren. Doch wie lange dauert ein Liebesspiel? Nach kurzer Sättigung wurde ich wieder zerrissen und gehörte keiner recht.

Dies waren gewissermaßen noch die Vornehmen und großen Herren unter den Bittstellern. Wieviele aber aus dem einfachen Volk umringen mich täglich und müssen des Abends unbefriedigt von dannen: Hier wollte ein Schrank repariert werden, dort die Steuererklärung eingereicht, mit den Kindern der Schulstoff geübt, einem Freund geschrieben, der Liebe gepflogen, der Vater besucht, in den Papieren Ordnung geschaffen, Haushaltung und Geschäfte geregelt werden. Dazu kommt, daß ich gestern diesem ungeschickt, vielleicht kränkend geantwortet, einen andern ungerecht verurteilt, eine falsche Partei oder die eigene zu heftig ergriffen, zur Wiedergutmachung aber weder die Worte, noch den Schneid gefunden habe, und schließlich, daß ich, trotz so vieler offener Forderungen, heute wieder Stunden mit dümmlichen Träumereien und eitlen Plänen anfüllen konnte und einen weiteren Abschnitt meines kostbaren Lebensfadens der Nichtigkeit und Leere abgetreten habe.

Ich brauche also nicht erst handfeste Schandtaten zu begehen, um meinem Gewissen Gelegenheit zur Anklage zu bieten, es findet sie von selbst und immer reichlich. Unter der eigenen Anklage zu stehen ist aber der elendste Zustand und vernichtet alle Selbstachtung und Würde, welche man doch vor jedem fremden Gericht noch wahren kann, solange man sich nur unschuldig fühlt.

5

Aus unserer heutigen Sicht war im Feudalismus die Verflechtung zwischen Arm und Reich ganz unmittelbarer und offensichtlich, das Elend wohnte zu Füßen der Schlösser, und wir fassen es nicht, wie die feinen Herrschaften unbedenklich feiern und genießen konnten vor einem solchen Anblick. Dabei befinden wir uns in eben derselben Lage, denn wir haben zwar das große Elend nicht bloß vor die Schloßmauern sondern bis vor unsere Landesgrenzen gekehrt, ja auf andere Kontinente gebannt, dafür aber Zeitung und Fernsehen, welche uns die schrecklichsten Nachrichten und die erbärmlichsten Anblicke bis ins gemütliche Wohnzimmer zurücktragen. Und wie wir uns an diese Ungleichheit und dieses Unrecht mit allerlei Sophistik und schließlich mit Schicksalsergebenheit zu gewöhnen versuchen, so war auch das Unrechtbewußtsein der Feudalen nicht stärker, indem sie von ungleichem Recht und Anspruch zwischen Herr und Knecht ausgingen, für selbstverständlich und rechtmäßig hielten, daß die unteren Schichten in Schmutz leben, die oberen in Schlössern mit zahlreicher Dienerschaft. Und dieselbe moralische Verachtung, mit der wir jetzt selbstgerecht auf die einstigen Despoten blicken, werden uns spätere Epochen in ihrer Geschichtsdarstellung treulich zurückerstatten.

Unsere Schuld ist aber von all diesen Umständen ganz unabhängig und besteht einfach darin, daß wir ein im Verhältnis tausendmal üppigeres Leben führen als die Elenden. Dieser Umstand müßte bereits hinreichen, uns moralisch zu erdrücken. Alle Belege, die sich darüber hinaus noch finden lassen für unser Schmarotzertum, dafür, daß unser sauberes Leben auf Kosten der Armen in China, Indien und Afrika geht und diese so unsere Lakaien und Frohndienstleistenden sind, das alles kommt nur noch als faktisches Belastungsmaterial hinzu, erweist sozusagen vor dem Tribunal des Verstandes unser Verbrechen – erhöht aber nicht weiter unsere Schuld, welche bereits vollkommen ist. Wie ein Mörder moralisch nicht schuldiger wird durch die Indizien etc.

Schuldig sind wir vor jedem, der weniger hat, als wir selbst – und dies gibt uns das Gewissen deutlich zu verstehen, daraus resultieren alle unsere Verlegenheiten und Peinlichkeiten, die uns bei jedem Kontakt mit Ärmeren heimsuchen. Mit sämtlichen Bollwerken des Verstandes, all den Spitzfindigkeiten und den Maschinerien der Verdrängung werden wir diese Schuld nicht abschütteln. Nur der allerärmste, Elendste, Leidendste, Gequälteste, dem Schmerz und Entbehrung bereits die Sinne geraubt haben, so daß er sich keine Steigerung des Elends mehr vorstellen kann, nur dieser ist von der sozialen Schuld frei.

6

Wenn das Schicksal treffen will, hat es keineswegs nötig, dich mit Krankheit und Elend heimzusuchen, es braucht nicht deine Kinder und nicht dein Vermögen rauben, kann dich, im Gegenteil, noch mit diesen Dingen überhäufen und alles um dich her zum Besten regeln. Um dich niederzuwerfen braucht es dir nur einen winzigen Keim von Unzufriedenheit mit dir selbst, von schlechtem Gewissen einzuschleusen, und schon wird aller Wohlstand um dich her zunichte, und du selbst wirst dir verhaßt. Solange du dir selbst aber nicht genügst, kann dir nichts genügen. Nur an deiner Selbstachtung, an deinem Gewissen – einer federleichten Masse – braucht es ein Weniges zu rühren, und schon ist dir die Welt in Trümmern.

Dessen werden wir uns vor allem in der Einsamkeit bewußt. Im bürgerlichen Leben sind wir ganz nach außen gekehrt, und glauben, die Ursache unseres Befindens immer genau zu kennen: wir sind unglücklich, weil dieser uns geschadet, jener uns betrogen, glücklich, weil dieses uns gelungen oder jenes Erfreuliche uns begegnet. Wir schreiben alles diesen Umständen zu, sind an sie gebunden, und fast müßte ein ferner Beobachter vermuten, daß unsere Stimmung gar nicht uns selbst angehöre, sondern an diesen Fäden hinge und von außen wie die Marionette gesteuert werde. Demhingegen kommt dem Einsamen das Glück und Unglück ganz aus sich selbst oder jedenfalls nicht von äußeren, wahrnehmbaren Umständen und Ereignissen. Weil diese gewissermaßen fehlen, die Schwankungen jedoch fortdauern, ja noch intensiver werden, muß er einsehen, daß Glück und Unglück aus ihm selbst geboren werden oder von einer unsichtbaren Macht in ihn gelegt. Wie die Stürme der äußeren Ereignisse sich legen, so erheben sich die inneren. Nur dem einsam Lebenden wird bewußt, daß Glück und Unglück in ihm selbst ruhen, aus ihm selbst erwachsen, nicht von seinem Willen aber von einem inneren Schicksal bestimmt ihren Lauf nehmen.