DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

VON DER EINSAMKEIT

BEDROHUNG UND ERFÜLLUNG

So ist denn keine Rede, daß die äußere Ruhe der Einsamkeit von selbst sich auch bis in die Seele senkte und man vor Gram und innerer Zermürbung, welche die eigene Phantasie überallhin nachzutragen pflegt, sicher wäre; vielmehr wird man dort von mancher Grille schrecklicher geschüttelt, als von den wirklichen Stößen mitten in den Umtrieben des geselligen Lebens, wo allerdings, wie ich dafür halte, ebenso die Phantasie das meiste tut – wie sie ja im Grunde unseres Glückes wie unseres Unglückes alleinige Schmiede ist. Wo sie mich bedrängt, wenn sich meine Gedanken von selbst in Widrigkeiten verwickeln, das schreibe ich auf meine Rechnung, – und ich tröste mich, daß ihr, die ihr währenddessen die bunteste Geselligkeit genießt, in Frau und Kind und Herr und Knecht, nicht weniger Anlaß für Gram und Verzweiflung findet. Wenigstens gelange ich zu dieser Erkenntnis, daß der größere Teil unseres Elends nicht in der Welt sondern in uns selbst die Ursach hat. Denn, daß die Welt mir objektiv kein Leid zufügt, ist in meiner Lage ausgemacht. Daß man unter den glücklichsten Umständen, wie die meinigen sind, auch trübselig, mißgünstig, argwöhnisch sein kann, beweist nur, daß wir unser Glück und Unglück nicht von außen empfangen, sondern auf die äußeren Umstände, Dinge und Menschen projezieren, welche, für sich genommen, neutral sind wie die weiße Leinwand der Lichtbildprojektion. Wenn wir uns über einen Menschen grün ärgern und alles Böse in seinem Charakter finden, so werden zur selben Zeit, in demselben Menschen andere nur Gutes sehen und womöglich wir selbst, in besserer Laune, ebenso.

Auch will ich nicht sagen, daß die Wahl der Einsamkeit bereits schon eine ehrwürdige oder gar heilige Handlung sei. An jeden Ort kann man seinen eigenen Unrat mitschleppen, und die engste Klause bietet genügend Raum für eine von Sünden überladene Seele. Doch wird hier immerhin ein Wille der Entsagung seinen Anteil haben und damit wenigstens eine gute Absicht sein. Wer sich dorthinein begibt, weiß noch nicht wie es ihm bekommen wird und müßte sich, wollte er auf die andern hören, wie vor dem Verhängnis fürchten. Wird er sich selbst finden? Wird er Gott finden? Oder muß er zuvor erst die sämtlichen Qualen der Hölle durchlaufen?

Jedenfalls aber ist sie der fruchtbare Boden der Melancholie, dieser schweren aber süßen Empfindung, der ich auf die Dauer nicht entsagen kann, ohne die mir das Leben selbst wässrig und dünn erschiene, welche jedoch im Lärm der Menschen untergehen muß.

Ob man man sie erwählt, ist nicht bloß eine Frage der bequemsten, unbescholtensten Lebensweise. Dem Philosophen und Seelenforscher ist sie eine Expedition und Erkundungsreise, bei der freilich nicht immer alles glatt und gemütlich zugeht, wo man in Stürme gerät und an mancher Klippe um Haaresbreite vorbeizieht; wo Ungeheuer begegnen, Geschwüre brennen und Würmer das Fleisch zernagen; doch je tapferer sich einer durchschlägt, je mehr gefährliche Abenteuer er besteht und der inneren Wahrheit unerschrocken ins Auge sieht, desto besseren Bericht wird er geben können.

So wurde sie allezeit als die reichste, herrlichste Quelle des Philosophen und Dichters gerühmt. Doch wie selbst die Götter nicht ständig Nektar trinken und Ambrosia genießen, bekommt es auch dem Menschen nicht, sich zu lange dieser berauschenden Atmosphäre auszusetzen. Nicht nur, daß ihm, wie aus jedem Genuß von Rauschmittel, Kopfschmerzen und Unwohlsein erwüchsen, sie kann auch eine geistige Kontraktion und schließlich eine Versteifung oder gar Verhärtung des Gemüts begünstigen. Kleinliche Nörgelsucht und pedantische Rechthaberei, ein überspannter Geist und wunderliche Anschauungen über die Welt sind nicht selten die Folge und können bei manchen einsiedlerischen Philosophen beobachtet werden. Was ihr Genie mit Hilfe der Distanz zur menschlichen Gesellschaft an Kuriositäten hervorgebracht, wird dann zwar mit bildungsbürgerlicher Geschäftigkeit herumgereicht und mag den Ruhm des einen oder andern befördert haben, es bleibt im Übrigen aber dem Menschen fern, der sein Leben dadurch wenig bereichert und zum Besseren angeleitet sieht.

Seneca lobt wohl die Einsamkeit und sagt: “Vielfach muß man in sich selbst Einkehr halten; denn der Umgang mit anders gearteten Menschen stört das erlangte innere Gleichgewicht und weckt Leidenschaften wieder auf und führt allen Schwächen und bedenklichen Rückständen der Seele neue verderbliche Nahrung zu.” Aber er sucht auch den Ausgleich: “Man muß beides miteinander verbinden und abwechseln lassen, Einsamkeit und Geselligkeit. Wie die erstere in uns die Sehnsucht nach Menschen weckt, so die letztere die Sehnsucht nach uns selbst, und beide werden einander hilfreich ergänzen; den Haß gegen das Menschengetümmel wird die Einsamkeit heilen, den Überdruß an der Einsamkeit das Menschengetümmel.”

Warum sie allgemein so fürchterlich vorgestellt wird, rührt schließlich von einem Wahnbild. Denn ihren Würgegriff legt sie erst dem an, der sich in dem Irrtume verfängt, es gäbe für ihn keine Rückkehr, er sei ein Ausgeschlossener der Gesellschaft, könne sich keinem mehr zuwenden und um niemandens Gemeinschaft bitten. Währendessen aber dürstet tausende nach Geselligkeit und eine Geste würde genügen, sich hundertfache Unterhaltung zu verschaffen. Keinem Elende ist so leicht abzuhelfen, Geselligkeit findet sich immer, und wieviel liegt daran, ob wir uns mit geistreichen Menschen aus ebenbürtigen Gesellschaftskreisen einlassen? Ich wurde oftmals von einem einfachen Kopfe mehr zum Denken angeregt, als vom gekünstelten Geschwätze der Gebildeten. Und sind wir nicht erst recht herausgefordert, unsere Gedanken klar und einfach auszudrücken, wenn wir sie einem einfachen Manne mitzuteilen wünschen? Wenn sie gut sind, werden sie durch diese Einfachheit gewinnen, sind sie schlecht, so wird ein gekünstelter Ton das Elend nicht lange verbergen. Nur Stolz und Eitelkeit halten in diesem Zustande gefangen, die Furcht, als ein Bittender, als ein Bedürftiger zu gelten, und nichts scheint erniedrigender als um das zu bitten, was am bereitwilligsten gegeben wird: Geselligkeit. Er will den Freunden nicht lästig fallen – gut. Aber nicht die Sorge um deren kostbare Zeit treibt ihn dabei um, nicht zur Schonung ihrer Geduld hält er sich entfernt, nein, um sein eigenes Gesicht und Ansehen ist ihm bange.

Freilich, vielleicht würde er ja das Gesicht verlieren, wenn er jetzt wieder die Gesellschaft suchte, von der er sich im Zank getrennt, womöglich die ganze menschliche Rasse geschmäht wie Timon und mancher neuere Philosoph, oder sich überhaupt zu gut und zu schade gefunden, kostbare Zeit mit denen zu teilen, die er für soviel schlechter hielt. Solche Arroganz blüht ja am vortrefflichsten auf dem Boden der Unkenntnis, und wer entfernt von den andern lebt, dem entgeht die Kenntnis ihrer guten Eigenschaften und Handlungen, während die schlechten allemale und überallhin durchdringen. Dann können Dünkel und Geringschätzung die Entfernung vom menschlichen Umgang befördern und diese wiederum jene und schließlich den Menschen völlig isolieren und ihm die Einbildung verhärten, es gäbe keinen Rückweg. Solange er sich jedoch frei findet, für sich zu bleiben, oder die Gesellschaft aufzusuchen, wird ihm die Abgeschiedenheit keine solche Last aufdrücken.

Wie wir unser Glück allezeit von der Zukunft erhoffen, zuweilen auch nostalgisch vergangenem Glücke nachsehnen, in der Gegenwart jedoch vergeblich danach suchen; so steht es auch mit den Bedrängnissen der Einsamkeit: sie bestehen hauptsächlich in der Vorstellung kommender Zeiten, in denen wir, von aller Welt verlassen, alleine dastehen werden, unsere jämmerliche Existenz beweinend. In der Gegenwart hat sie wenig Macht über uns, denn sie vermag uns keinen realen Schaden zuzufügen, und ich glaube, daß ich selten an ihr selbst gelitten habe, allenfalls zuweilen an den Phantasiebildern, welche wir, uns zu erzeugen, von unserem bösen Dämon angeführt werden.

Was fernerhin den Geschmack an ihr zuweilen vergällt, ist die Furcht, für unglücklich zu gelten. Denn jeder, der auf sich hält, versucht die anderen davon zu überzeugen, daß er glücklich und zufrieden sei, daß in seinem Leben alles so gehe, wie er es sich wünscht. Es gilt das Glück geradezu als ein Gradmesser für den Wert eines Menschen. Ein Unglücklicher bezeugt, daß er nicht das sein will, was er ist und vielleicht gar nicht weiß, was er sein will, und das muß allgemeinen Widerwillen erregen. Wenn er nun allenthalben hören muß, wie unter den Zeitgenossen sein Zustand als der unglücklichste gilt, mit Schrecken, im günstigen Falle eben noch mitleidig davon gesprochen wird, so bedarf es, um nicht alleine dieser Meinungen wegen schon unglücklich zu werden, einer starken Vorstellungskraft, welche diesem Urteil entgegenhält, wie bedeutende Männer vergangener Zeiten um ihres einsamen Daseins vielmehr bewundert werden und heroische Sphären sie umwehn.

Man stelle sich einmal den umgekehrten Fall vor: Wäre die allgemeine Gepflogenheit, daß jeder für sich lebte, die eheliche Gemeinschaft die Ausnahme bildete, und würde eine solche, wo sie auch hinkäme, bemitleidet und gefragt, wie sie es denn nur miteinander aushalten könnten, ohne Freiheit, ohne Ruhe, ständig unter den wechselseitigen Zänkereien, Kränkungen, Vereinnahmungen, und wie denn das Quäntchen Wärme im gemeinsamen Bett diese erdrückende Last überhaupt ausgleichen könne, man sähe doch, wie sie, im Grunde ihres Herzens, untereinander litten und keiner sich entfalten könne, ob es denn daran liege, daß sie zum Einzelleben unfähig seien oder einfach sich selbst nicht finden könnten und deswegen aus diesem trostlosen Zustande nicht herausfänden. Wäre da, unter solcherlei Reden, nicht das Eheglück allmählich beeinträchtigt?

Ich wurde zu allen Zeiten meines Lebens von ihr angezogen; ich habe sie gesucht und mich zuweilen auch in sie verstrickt; ich habe ihre süße und auch ihre bittere Melancholie geschmeckt; ich habe sie genossen und mit ihr gerungen wie mit der scharfen Brandung vor den Klippen. Sie hat mich, bis zu diesem Tage, gestärkt und mir das Herz aufgetan für die Natur, die Menschen und für Gott. Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt (Römer 5.3). Doch in den schwersten Stunden ward ich gewahr, daß ich alleine Nichts bin, daß alle Kraft, alle Tröstung und alle Hoffnung von Gott kommt – und er war mir allezeit gütig, sobald ich nur mit Innbrunst mein Herz ihm öffnete, er nahm mich von neuem und ohne Vorbehalte auf, auch wenn ich mich Monate nicht um ihn gekümmert, in dem eitlen Wahne, selbst stark zu sein. Erbärmlich ist der Mensch, daß er des tiefsten Leids bedarf, um sich des Höchsten zu erinnern.