DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

ÜBER GLAUBEN UND WISSEN

ANHANG

Was noch in diese Umgebung gehört, aber keinen passenden Ort gefunden hat, an dem es nicht einen Gedankengang unterbrochen oder unnötig ausgeweitet, in Teilen auch wiederholt hätte, findet hier einstweilen Unterschlupf.

1

Die höchste Einsicht des Weisen ist der unverrückbare Glaube an die Existenz des Göttlichen, Ewigen und Guten. Nebenbei mag er sich ergötzen an findigen Schlüssen, wie das Böse in der Welt zu erklären und in Einklang mit der Ewigen Güte Gottes zu bringen sei. Er wird aber jede Unzulänglichkeit dieser wohl redlichen Bemühung der Schwäche menschlicher Einsicht, nicht jedoch seinem Gotte anlasten.

2

Wir sind zu klein, etwas zu wissen aber groß genug, an das Größte zu glauben mit höherer Gewißheit als jedes Wissen um belanglose Dinge je bei sich tragen könnte.

Das Wissen, von dem die Wissenschaftler träumen – ob etwa diese Krankheit von jener Mikrobe ausschließlich hervorgerufen oder noch durch andere Einflüsse bedingt sei, ob der Kern eines Atoms zu drei oder zu fünfundzwanzig Stücken zusammengefügt – ist ein Wissen, welches niemals endgültig erlangt wird, weil es dem Zeitgeist, der Mode unterliegt, der Laune des Suchenden, wie der des Gesuchten. Dieses Wissen ist, wie die Wegzehrung, zwar vorteilhaft und zum Teil unentbehrlich, doch eben wie diese für den Augenblick bestimmt, zum heutigen Gebrauche und Genuß, nicht zum Sammeln und zur Verehrung um seiner selbst Willen. Schätzen wir es hoch, wo es nützlich, denn wir sind nicht zuletzt in der Welt, sie zu täglichem Gebrauche kennenzulernen. Vermeiden wir aber Theorien und Geschichten, die erfunden werden, ohne unseren praktischen Umgang mit der Welt in irgend einer Weise zu fördern, fast nur zu dem kläglichen Versuche, die Welt den Göttern zu entreißen, um sie dem menschlichen Verstande untertan zu machen. Dies wäre lobenswert, sofern wir selbst Götter wären, ist aber niedrig, da unser Verstand gemein und seine Verordnungen flüchtig.

3

Auch Wissen ist Glaube. Fester Glaube ist Wissen. Glaube an etwas Göttliches ist göttliches Wissen, Glaube an etwas Alltägliches und Gemeines ist alltägliches und gemeines Wissen. Auch im Alltäglichen und Gemeinen schaut das Göttliche hindurch, weil kein Ding einer höheren Ordnung gänzlich entbehrt: doch wir erkennen es leichter in der Orchideenblüte als im Gänsefuß und leichter bei Hesiod, Ovid und in der Genesis, als in wissenschaftlichen Hypothesen, die sich gar noch dem Zufall als ihrem Herrn unterwerfen.

4

Sicher hängt die Wahrnehmung ab von der Art unserer Sinnes- und Geistesbildung. Vieles halten wir heute für physikalisch unmöglich und nehmen es deswegen auch nicht wahr, sehen andererseits nur, was uns möglich erscheint. Wäre dies anders, müßten wir an uns und der Welt verzweifeln. Wenn nun zu anderer Zeit anderes für möglich befunden wurde, etwa daß heilige Geister zu uns sprechen, am Himmel oder im schattigen Hain ein Gott erschien, so konnte auch anderes wahrgenommen werden, und auch die Sinne, an andere Wahrnehmungen gewohnt, hatten die entsprechende Empfänglichkeit. Das Außergewöhnliche erscheint freilich immer selten.

Wird die Wissenschaft – und daraus folgende Erziehung und Bildung – sich einmal wieder umgewandelt haben, so wird man über unsere heutigen Wahrnehmungen als über Hirngespinste und naiven Geisterglauben spotten. Jede Zeit möchte gegen die früheren als fortgeschritten und weise sich dünken, darin liegt die Hauptsache.

5

Der Optimismus unserer Wissenschaften entführt uns gelegentlich in abenteuerliche Gegenden: Man könne nichts für unmöglich in der Wissenschaft halten, auch selbst nicht, den Geist des Menschen einmal zu erkunden durch Analyse der Gehirnzellenstrukturen und schließlich auch nicht, einmal selbst einen Menschen zu bauen. So wird aufs Neue gewiß, daß die Wissenschaft den Aberglaube unter den Menschen nicht weniger fördert, als die Religion.

Zur Möglichkeit, den Menschengeist einmal wissenschaftlich zu erfassen, Art und Umfang seiner Tätigkeit zu überschauen, bliebe noch zu sagen: Abgesehen davon, daß der Menschengeist fähig ist, die Unendlichkeit zu erahnen und daher schematische Mittel der Naturwissenschaft niemals hinreichen können, solches nachzuvollziehen, gilt auch noch der Satz des Aristoteles, daß niemals zwei Dinge an einem Ort sein können. Also kann nicht ein Geist, den ein Wissenschaftler etwa untersucht, vollkommen in dem Geist des Wissenschaftlers Platz finden. Der Geist des Wissenschaftlers kann sich nur durch das betrachtete Objekt modifizieren, nie dieses Objekt völlig umfassen. Man kann auch sagen, von zwei gleich großen Gefäßen werde nie das eine in das andere gesteckt, ohne es zu zertrümmern. Da mag die Wand noch so dünn sein. Die Wand würde ich hier jedoch als sehr dick und als dasjenige bezeichnen, was der Betrachter an Funktionen seines eigenen Gehirns bereitstellen muß, um überhaupt betrachten zu können und das Gesehene in seinem Sinne zu ordnen. Dies allein nimmt einen großen Teil seines Geistes in Anspruch, so daß das Betrachtete selbst sich mit dem kleinen Rest begnügen muß. Soll das Betrachtete ebensogroß sein wie das Betrachtende, ist dieser Widerspruch unlösbar.

Freilich kann die Wissenschaft, wie sie dies immer tut, in Zwergenschritten nach und nach eine Zelle nach der andern des menschlichen Gehirns erkunden und deren Funktionen und Beziehungen untereinander einzeln registrieren. Dadurch aber einem komplexen Gedanken oder einem Gefühl auf die Spur zu kommen ist, in der Sache begründet, ausgeschlossen. Denn solche Dinge vermögen wir kaum zu fassen, wenn sie in uns selbst auftauchen: sie sind zu allumfassend. Wie sollen wir sie dann aus einem Häufchen Zellen ablesen und verstehen, wo doch die Meßinstrumente allein schon den größten Teil unserer Aufmerksamkeit fordern. Wer solches hofft, ist sich selbst offenbar noch keines komplexen Gedankens bewußt geworden und auch nicht der Komplexität einer jeden auch nur wagen Empfindung.

6

Wenn die Naturwissenschaftler von den atomaren und molekularen Verhältnissen reden, wird sehr deutlich, daß sie ihre Materie keinesfalls sicherer oder genauer behandeln als Philosophen die ihrige.

Einerseits wird ein Schüler der Philosophie oder Religion lange, vielleicht ewig, zweifeln, ob die Weisheit und die Erzählungen seiner Lehrer einen festen Grund besitzen oder als Gebilde einer schweifenden Phantasie anzusehen sind: So unwahrscheinlich klingt es, wenn aus allerlei Figuren der Rede-und Denkkunst etwa die Idee des Guten aus dem Sein deduziert wird.

Aber nicht weniger kopfschüttelnd muß ein Zweifler vor den phantastischen Theorien und bildlichen Vorstellungen der Naturwissenschaftler stehen. Sich vorzustellen, wie zwei Atome sich nähern und, ungeachtet sie sich auf Grund der Elektrischen Kräfte anziehen so gut als abstoßen, dennoch eine feste Verbindung eingehen, ist schon seltsam genug, mag aber immerhin noch passieren (sehen wir doch in den Planeten, wo Zentrifugal-und Gravitationskraft sich ein ewiges Gleichgewicht halten, ein leuchtendes Beispiel und nicht weniger im Zustand mancher Ehe, wo die voneinander- und zueinander strebenden Triebe der Geschlechter ausgeglichen sind).

Wie aber die Energiemenge eines solchen mikrokosmischen Planetensystems, als ein jedes solcher Atome sein soll, sich sprunghaft ändern kann (da doch Sprünge in der Natur undenkbar), indem die Elektronen von einer Umlaufbahn in eine höhere oder tiefere springen, ist ein Mysterium und dürfte keineswegs eher die unkritische Teilnahme erwarten als manche seltsamen Schließereien Platonischer Dialoge, etwa im Politikos.

7

Wenn wir Descartes Theorie von den Nerven als feinen Baudenzügen, welche im Gehirn Poren öffnen, sobald am anderen Ende, am Finger etwa, dieses zarte Nervenfädchen berührt wird, sich diese Meldung demnach überträgt wie beim Glockenläuten, wenn der Glöckner unten am Seil zieht und oben dann die Glocke pendelt, heute nur noch belächeln können, so müssen wir vorsichtig sein mit unseren selbstverständlich erscheinenden Reden, es würden in den Nervenbahnen Ströme fließen, diese wiederum seien das Wandern kleinster geladener Teilchen, der Elektronen, die von einem elektrischen Kraftfeld gezogen würden, welches sich wiederum mit der Geschwindigkeit des Lichtes ausbreite und viele derartige Dinge, die wir niemals sinnlich wahrnehmen, sondern ausschließlich über Umwege aus Meßgeräten lesen und dann mit Phantasie zu Theorien zusammenbinden, ob wir nicht einst für diese phantasievolle Wissenschaft ebenso belächelt werden als es jetzt dem Cartesius geschieht? Von einem geschichtlich losgelösten Standpunkt betrachtet ist die eine Theorie so wunderlich als die andere.

8

Man darf die Errungenschaften unsrer neueren Zeit nicht danach beurteilen, ob und welchen Vorteil sie für die Menschheit überhaupt und im Ganzen gebracht haben. Dies läßt sich vermutlich gar nicht angeben, und wenn, dann immer in der Richtung, welche der jeweilige Verfechter angenommen: Die Möglichkeit, zu reisen, sagt der eine; dafür die schlechte Luft, welche die Maschinen, die nervöse Atmosphäre, welche die unruhig hin- und widerhetzenden Menschenmassen erzeugen, der andere; die wunderbaren Kunstgriffe der Ärzte, welche uns aufhelfen in unseren Gebrechen und den Tod ein gutes Stück verschieben, sagt der eine; dafür die ungezügelte Vermehrung der Menschenmassen, welche dazu in größtem Elend vegetieren müssen, was eines Tages zum Kollaps führen wird, der alle Seuchen und Naturkatastrophen unserer Geschichte übersteigt, erwidert der andere.

Und so teilen sich die Parteien in jeder dieser Fragen. Es sind diese Betrachtungen aber zu allgemein und umfassend, als daß nützliche Urteile daraus folgen könnten, und selbst über das Wirken Michelangelos und selbst über das Leben unseres Heilandes wäre hier nur schwer das letzte Wort zu sprechen, denn viele Schmerzen und vieles Elend ließe sich als Folge des Wirkens dieser Besten finden. So bleiben wir denn besser an den einzelnen Gegebenheiten, an den Wirkungen, die jeder vor sich sieht, die jeder spürt in Schmerz und Wohlergehen. Darüber läßt sich genügend debattieren, als daß man sich an der Richtung, welche die Welt geht, zu ereifern hätte. Lassen wir diesen Fall den Gott entscheiden, und begnügen wir uns, im Kleinen zu irren und mit Gottes Hilfe zuweilen etwas Richtiges zu treffen.

9

Wunderliche Zeitgenossen, welche so unbedingt an die Erfahrung der Sinne glauben und alles leugnen, was damit nicht wahrzunehmen, insbesondere den Himmel und die Hölle samt ihren unvergänglichen Bewohnern. Solche Bilder und Rückgriffe auf die sinnliche Welt seien ganz unzulässig in Bereichen, wohin wir unsere Sinne nicht mitnehmen könnten, ja die vielleicht gar nicht existierten und nur eine tröstende Erfindung des schwachen Menschengeistes seien.

Diese Selbstbeschränkung wird allerdings von denselben Verfechtern gänzlich abgelegt, sobald sie sich in Abteilungen der Welt bewegen, welche materiell zu nennen, den Sinnen aber ebensowenig zugänglich sind wie Himmel und Hölle: Den unsichtbaren Mikrokosmos bauen sie in ihrer Phantasie aus kleinen Planetensystemen zusammen, welche sie Atome und Moleküle nennen, den ewig unerreichbaren Makrokosmos des Weltalls konstruieren sie sich aus sämtlichen Analogien, welche sich aus den, in der Praxis enger Laborwände zwar gescheiterten, in ehrgeizigen Gedanken desto vollkommener gelungenen Experimenten abstrahieren lassen. Ist nicht die Herleitung der ewig gleichförmigen Planetenlaufbahn aus den Zentrifugal- und Gravitationskräften ein bloßes Gedankenkonstrukt, welches sich, selbst im sterilsten Labor, nimmermehr wird ins Leben setzen lassen, weil nach kürzester Zeit sämtliche Bewegungen aus ihrem Gleichgewicht kommen müssen, – solange jedenfalls die Körper nicht mit Stangen und Rädchen auf ihre Bahn gezwungen werden? Bei den Atomen und den Himmelskörpern aber soll dies für alle Zeit und ganz ohne Hilfsmaschinen, vor allem aber ohne göttliche Einflußnahme, möglich sein. Was soll man erst von Schwarzen Löchern halten, die sämtliche Materie und sogar das Licht auf Nimmerwiedersehen in sich verschlingen? Wegen dieser letzteren Eigenschaft sind sie freilich unsichtbar, was sich ihre Erfinder zu Nutze machen, indem von einem unsichtbaren Gegenstande keiner beweisen kann, daß es ihn nicht gäbe.

Vollends alle Hemmungen legen sie beiseite, wenn es um ferne Zeiten der Zukunft und Vergangenheit geht. Da malen sie uns wunderbare Welten aus mit seltsamen Tieren und menschenunwürdigen Menschen, mit riesigen Sonnen oder alles überschwemmenden Meeren. Dies alles erlauben sie ihrer Phantasie, – doch einen väterlichen Gott sich vorzustellen als Schöpfer der Welt, mit langem weißem Bart, auf einem Throne sitzend, das freilich halten sie für kindisch und naiv.

10

Gegen einen Gott als erste Ursache der Welt, welcher immer gewesen, vor welchem nichts gewesen, aus welchem aber alles geworden sei, wird angeführt, daß sich der menschliche Verstand so etwas nicht vorstellen könne, da er zwangsläufig von allem nach der Ursache frage und was zuvor gewesen sei. So etwa Schopenhauer: „eine erste Ursache ist gerade und genauso undenkbar, wie die Stelle, wo der Raum ein Ende hat, oder der Augenblick, da die Zeit einen Anfang nahm. Denn jede Ursache ist eine Veränderung, bei der man nach der ihr vorhergegangenen Veränderung, durch die sie herbeigeführt worden fragen muß, und so in infinitum, in infinitum! “

Aber ist denn die Endlosigkeit der Kausalkette, die Unendlichkeit des Raumes, die Ewigkeit der Zeit besser denkbar? Versagt denn unser kleiner Kopf nicht vor dem einen, wie vor dem andern, und bleibt es aus dieser Sicht nicht ganz gleichgültig, ob man sich mit einem schaffenden, selbst aber unerschaffenen Gotte aus der Verlegenheit hilft, oder, wie Kant und Schopenhauer, mit Apriorität und Transcendentalität des Raumes, der Zeit und des Kausalgesetzes, wonach diese eben nur Verstandesbegriffe seien, mithin die Art und Weise, wie sich unser Verstand die Dinge vorstelle, mit diesen Dingen an sich selbst aber gar nichts zu schaffen hätten? Dennoch sollen diese Dinge an sich ja der Urgrund der Welt sein, nur daß eben in ihrer Sphäre die Fragen wo?, wann? und warum? nicht zulässig seien und gar keinen Sinn machten.

So scheint mir die ganze Transzendentalphilosophie samt dem daraus folgenden Idealismus nur eine neue Form des alten Frageverbots zu sein: Gott hat einmal die Welt erschaffen, aber wann er selbst erschaffen wurde, woraus und wo und wie groß er sei, dies alles darf nicht gefragt werden, denn es sind sinnlose Fragen! Dieselben Fragen verbietet Kant eben auf seine Weise an das Ding an sich und Schopenhauer an den Willen zu stellen, und beide glauben, damit eine große und neue Erkenntnis gewonnen zu haben.

So wie Schopenhauer hinter aller bisherigen Philosophie das heimliche oder offene Schielen nach dem kosmologischen Beweise der Existenz Gottes wittert, und vielleicht zurecht, so scheint seine Philosophie hauptsächlich damit beschäftigt, die Nichtexistenz Gottes beweisen zu wollen. Wobei er aber, was das Beweisen anlangt, nicht weiter kommen kann als jene, nur an einem dürftigeren Gegenstande.

11

Goethe im Eckermann, 7. Oktober 1828 „Als nämlich die Erde bis zu einem gewissen Punkt der Reife gediehen war, die Wasser sich verlaufen hatten und das Trockene genugsam grünete, trat die Epoche der Menschwerdung ein, und es entstanden die Menschen durch die Allmacht Gottes, überall wo der Boden es zuließ, und vielleicht auf den Höhen zuerst. Anzunehmen, daß dieses geschehen, halte ich für vernünftig; allein darüber nachzusinnen, wie es geschehen, halte ich für ein unnützes Geschäft, das wir denen überlassen wollen, die sich gerne mit unauflösbaren Problemen beschäftigen und die nichts Besseres zu tun haben.“

Aus dem Wilhelm Meister: das Liebste, und das sind doch unsere Überzeugungen, muß jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiß nur für sich was er weiß und das muß er geheim halten; wie er es ausspricht, sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einläßt, kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestört.

Betrachtungen im Sinne der Wanderer: Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.

Betrachtungen im Sinne der Wanderer: Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schüler einlullt

Betrachtungen im Sinne der Wanderer: Man tut immer besser, daß man sich grad ausspricht wie man denkt, ohne viel beweisen zu wollen: denn alle Beweise die wir vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere.

12

Allen Carr: “Stellen Sie sich vor, Sie wären der erste Mensch auf dem Mond. Und dort läge zwischen Staub und Gestein ein glitzernder Diamantring. Würden Sie sich denken: Was für ein Zufall, daß sich ein Diamantring aus diesem Chaos gebildet hat! Oder würden Sie sich denken: Wie um alles in der Welt kommt ein Diamantring hier her? Ein Diamantring ist nicht gerade ein besonders kompliziertes Objekt. Es sprengt nicht die Grenzen unserer Vorstellungskraft, daß sich ein Diamantring auf natürliche Weise gebildet haben könnte.

Stünde jedoch ein nagelneuer Rolls Royce allein in der Mondwüste, würden Sie auch nur eine einzige Sekunde daran zweifeln, daß er von einem intelligenten Schöpfer geschaffen wurde? Oder könnten Sie sich wirklich vorstellen, daß so ein Royce einfach zufällig entstanden ist? …

Wenn Sie also nur schwer nachvollziehen können, daß ein Rolls Royce auf dem Mond eher das Produkt reinen Zufalls als einer intelligenten Schöpfung ist, wieviel schwerer ist es, daran zu glauben, daß eine Maschine, die millionenfach komplizierter ist, als ein Rolls Royce, einfach nur zufällig entstanden sein könnte?

Heute sehe ich keinen Widerspruch. Der hypothetische Rolls Royce auf dem Mond würde auf alle Fälle einem Schöpfer zugeschrieben werden. Die menschliche Rasse existiert, und die mathematische Wahrscheinlichkeit, daß wir nur zufällig entstanden sind, ist mehrere Milliarden zu eins. Deshalb ist es vernünftig anzunehmen, daß wir erschaffen wurden.“

13

Wie wir einerseits dazu neigen, die Vergangenheit zu verklären, wehmütig an Kindheit oder Jugend, an Griechentum oder Ritterzeit zurückdenken, wo ungetrübtes Glück noch möglich, Kunst, Religion und Ehre noch rein, das Leben noch frei von aller jetzigen Verworrenheit scheint, während uns die Gegenwart doch niemals genügen will, haben wir andererseits auch den Hang, uns besser, klüger und fortgeschrittener zu dünken. Keiner will letztlich auf den Stand seiner Kindheit zurück, und wir leben in der vollen Überzeugung, daß es den Menschen heute besser gehe als in früheren Zeiten, wo sie eingezwängt von Glaubensdogmen, Bigotterie, Frondienst oder Leibeigenschaft in elenden Häusern vegetierten und aller Segnungen des technischen Fortschritts ledig gingen. Um den Abstand und das Selbstgefühl noch zu steigern, gehen wir ja heute nicht bloß bis ins Altertum zurück (wo wir allzu oft beschämt werden), sondern forschen nach urzeitlichen primitiven Höhlenmenschen und wollen sie unbedingt als unsere Vorfahren – in welchem Vergleich wir freilich herrlich dastehn.

14

Wenn in den Wissenschaften zuviel und zu leicht geglaubt wird, so sind wir in der poetischen und intuitiven Naturauffassung wiederum zu skeptisch. Ich denke etwa, was uns an Ähnlichem und Unähnlichem gleichnishaft begegnet, sollte durchaus im Sinne der wirklichen Verwandtschaften, wie zwischen Verttern und Geschwistern, genommen werden und nicht bloß als künstlich erzeugte Analogien: Wie die Rose rot und so mit den Lippen einer schönen Jungfrau verwandt, gleichzeitig dornig und dadurch mit den Mühen des Lebens, diese jedoch zu der schönen Jungfrau in unserer Vorstellung in keiner Verwandtschaft stehen, so habe ich etwa zwei Vettern, bin mit beiden verwandt, und doch sind diese es zueinander nicht.

Darum scheint mir keineswegs lächerlich, wenn Plato fünf Elemente als Bausteine der Welt annimmt: Erde, Wasser, Luft, Feuer und Geist; und dazu fünf edelste, aus Dreiecken zusammengesetzte, geometrische Körper: Würfel, Ikosaeder, Oktaeder, Tetraeder und Dodekaeder, welche der Elemente Gestalt sein sollen und wie diese ineinander übergehen; und wenn er von jeder Gruppe je eines einem zuordnet: Der Erde den Würfel, dem Wasser den Ikosaeder, der Luft den Oktaeder, dem Feuer den Tetraeder, dem Geist den Dodekaeder; wenn er nun wieder fünf Prinzipien sieht: Stillstand, Verschiedenheit, Gleichheit, Bewegung und Seiendes und diese wieder in der Reihenfolge den vorigen Zuordnungen zuordnet, wie etwa: Den Stillstand der Erde dem Würfel, weil sie am meisten fest und beharrend, er als einziger Körper nicht durch neuerliches Zusammensetzen der Dreiecke, aus denen er zusammengesetzt, sich in die anderen Körper verwandeln läßt usw., so ist hier durchaus etwas gesagt, obwohl manchem scheinen mag, es würden Begriffe und Vorstellungen zueinander gezwungen, welche freiwillig nimmer zusammenfänden. Die allzuhäufige Ausflucht, es seien dies ja nur Bilder, keine Entsprechungen, gefällt mir hier sowenig als bei anderen Urteilen über Gleichnisse in Dichtung und mythologischen Begebenheiten. Es sind alles weder nur Bilder, noch deswegen gleich Entsprechungen, vielmehr Verwandtschaften, nicht ersonnene, aber entdeckte wirkliche.

Die bildhaften Modelle der heutigen Wissenschaft, etwa die Atommodelle, werden hingegen zu wörtlich und gewöhnlich als Entsprechungen der Wirklichkeit genommen. Unter dem Gewicht der Wissenschaft vergißt man leicht, daß sie viel weiter von der Wirklichkeit entfernt sind als alle poetischen Gleichnisse, weil hier nicht Verwandtschaften zwischen sinnlich erfahrbaren Dingen beschrieben werden, wie die Rose und die Lippen der Jungfrau, sondern mit den Sinnen nicht wahrnehmbare Vorgänge, welche nur die Meßinstrumente ausschlagen lassen, werden zur Grundlage mutiger Konstruktionen: Wäre die Materie aus Elementen, den Atomen, gebaut, und wären diese Atome kleine Planetensysteme von der und der Beschaffenheit, so würden die Meßinstrumente bei dem und dem Versuch ebenso ausschlagen. Davon ist aber ein weiter Weg bis zur Identität von kleinen Planetensystemen und dem substantiellen Wesen der Materie, und man sollte sich also hüten, das eine für das andere zu nehmen.

15

Nachdem unsere Wissenschaft die Saat des Zweifels und der skeptischen Betrachtung so tief in die Gemüter gepflanzt und zuweilen gar sich selbst bezweifelt, oder von anderen, durch ihre Methode angesteckt, für unglaubwürdig erachtet wird, mag es an der Zeit sein, für die Leichtgläubigkeit Partei zu ergreifen und die Gemüter aus ihrer skeptischen Verstockung wieder zu lösen. Keine gute Tat, keine Sittenregel, kein ewiges Leben der Seele, keinen Gott läßt man noch gelten. Die gute Tat wird solange argwöhnisch untersucht, bis nur das egoistische Motiv und die mehr oder weniger bewußte List des Handelnden übrig bleibt. Solche Kleingläubigkeit sitzt natürlich und tief im Menschen, und nur die äußere Form wandelt, in der sie sich zeigt. Montaigne ruft deswegen: Grande subtilité! Qu’on me donne l’action la plus excellente et pure, je m’en vois y fournir vraisemblablement cinquante vitueuses intentions. Und Goethe auf die Frage, ob man die Berichte über die Tugend eines Cato sämtlich für wahr nehmen solle: Wenn die Römer so groß waren, dies zu erfinden, sollten wir wenigstens so groß sein, daran zu glauben.