DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

APHORISMEN - VI

Es heißt, daß den Ärzten noch immer gelungen sei, einen gesunden Menschen zugrunde zu richten. Mancher war ohne Beschwerde bis zum Tage, als sie mit ihren Maschinen ein Gewächs im Leibe fanden, es herausschnitten und ihn dann mit der Ankündigung seines baldigen Todes entließen.

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Selbst gute Köpfe, wenn sie vieles schreiben, wiederholen sich gar oft. Weil aber der große Rest ebenso fortwährend dasselbe, allerdings dumme Zeug im Munde führt, mag man den ersteren verzeihen, daß sie mit ihren Blüten Wucher treiben. Zudem ist mit der Wiederholung ein Lerneffekt verbunden,…

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Die neueren Autoren sind oftmals Wortesammler, und in ihren Schriften wimmelt es von exotischen, nie gesehenen Gebilden. Ernst Jünger etwa ist eine ausgeprägte Sammlernatur, er sammelt Käfer, Worte, Dokumente und jeweils zu zehntausenden. Auch Goethe sammelt Steine, Pflanzen, Abgüsse, Bilder,…

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Der sechste Teil aller Tätigkeit wird heute auf die Medizin verwandt. Das ist ein hoher Preis und nicht allein finanziell, sondern auch moralisch, weil es große Ängstlichkeit vor Schmerz und Tod und also ein Kränkeln der Seele bezeugt. Viele Kirchen und Philosophenschulen könnten damit gebaut…

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Ein jeder braucht seine Weltbedrohung: Der eine die düsteren Prophezeihungen der Heiligen Schriften, der andere den Treibhauseffekt wegen des zuvielen Kohlendioxyds, wieder ein anderer die UV-Strahlung wegen des Ozonlochs, ein vierter erwartet mit Entsetzen die Überschwemmung der Welt mit Menschenmassen,…

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Daß ein Philosoph sich heute um die einfache Lebensweisheit weniger bemühen sollte, weil die sämtlichen Weltweisen diesen Pfad seit Jahrtausenden bereits genügend ausgetreten, glaube ich so wenig, als daß sich jetzt ein Bauer weniger um Ackerbau und Viehzucht zu kümmern bräuchte,…

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In vielen Märchen werden dem Helden drei Wünsche offengestellt, die er dann leichtsinnig und glücklos verschwendet und sich bald in seiner alten kümmerlichen Lage wiederfindet. Als Kind wäre ich einem solchen Ungeschickten am liebsten zu Hilfe geeilt, denn ich hatte eine schlaue und einfache Lösung:…

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Wenn uns zuweilen schaudert vor der Liebe, wenn wir vor Zank und Überdruß dem andern Geschlecht entfliehen wollen und die Freiheit eines Junggesellen-Haushalts uns wie das Paradies erscheint, so ist’s doch wie beim Essen: Zuweilen sind wir übersatt, die beste Kost kann uns nicht locken…

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Enthaltsamkeit ist vielleicht weniger eine Überwindung und Selbstdisziplin als vielmehr eine Frage des Geschmacks und der Vorliebe. Ich bin noch wenigen begegnet, die Tabak oder Wein aus bloßer Überzeugung oder Vorsatz mieden; fast alle, die es taten, hatten einfach keinen Geschmack daran gefunden.

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Alles, was gemeinhin als Nutzen angeführt wird, den das Erlernen der alten Sprachen mit sich brächte, ist nichtig und ein Schwindel, mit dem die Schulmeister uns einfangen und an sich binden wollen. Weder lernt man dadurch die neuen Sprachen schneller, noch die alten Weisheiten besser.

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